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Full text of "Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur"

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ZEITSCHRIFT 



FÜK 



DEUTSCHES ALTERTTIUM 



HERAUSGEGEBErV 

VON 

MORIZ HAUPT. 




NEUNTER BAND. 


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LVAV/ÄG 

Wi:il)MANNSCni<; liUCmiANDUlNC. 



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ff.- .V'ti* 



I N n A L T. 



Bnidcr David von Augsburg, von I'^-anz PffiHcM" s. 1 

Hans Vindlers blume der lugend, von Fr. Zarncke 68 

Leber die quaesliones quodlibeticae , von demselben 119 

Lust und Unlust, von MüllenholT 127 

VVinnasang und «inileod, von demselben 128 

L'bii , von demselben 130 

Zwei stellen der scriptores bistoriae Augustae, von demselben . . 131 
l eber die zeit einiger gediehte \\ aldiers von der \ OgelMeide, von 

0. Abel 138 

AnnierkungtMi zum VVaUliarius , voit Aug. Geyder 14') 

Zu Marien liimmelfalirt , von \\'eigand IGfi 

Spriiebe von Hans Rosenblut, von demselben 107 

Die deulsclic walserliölle , von Dietrieh 175 

Untergegangene bs. von WoKVanis Willebalm , von Weigand . . 180 

Tbegathon, von Haupt 192 

Erklärung von Wilhelm Grimm — 

(lynevulfs Crist, von Dietiieb 193 

Hyegan und biipian, von demselben 214 

\erderble namen i)ei Tacitus, von Müllenboll' 22;i 

Denlselic Urkunden von 120:?, 1207 und 1279, von l'r. I'.ölimcr . . 201 
Fragnieiilc einer milleldi'ulselicn eAangelieniibersel ziing , lieransg. 

von H. lle|ipe 204 

D.r lodlenlan/.. \om Wh. \\ uckernagel 302 

ImmIiImhIi \ (in niaislci' ll.uinscn , \(in demselben 305 



,v INHALT. 

Zur frage nach dem verfafser des Reineke, von Fr. Zarncke . . 374 

iNoinina lignorum avium piscium lierbaruni, von Weigand .... 388 

Zum Unibos, von Haupt 398 

Zum pfallen Amis, von Fr. Zarncke 399 

Ang^elsäclisisrhc glossen , herausg. von Bouterwek 401 

Gewerbe, bandel und scbiUTahrt der Germanen, von Wb. Wacker- 

nairel ä3ü 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

. De7^ zufally der so oft der beharrlichen forschung sich 
günstig zeigt, hat mich nachfräg/ich noch zwei Schriften 
des bruders David von Augsburg auffinden lafsen , die 
mir bei herausgäbe des ersten bandes der mystiker gar 
nicht oder nur theilweisc bekanjit waren : die eine in deut- 
scher, die andere i?i lateinischer spräche, beide nicht nur 
ihres inhaltes wegen, sondern auch noch in anderer be- 
ziehung von Wichtigkeit, hier zuerst von der deutschen, 
die ich, soweit sie noch ungedruckt ist, auf den nach- 
folgenden blättern mittheilen will; auf die lateinische werde 
ich iveiter unten noch ausführlicher zu reden kommen. 



Die hiesige königlich öffentliche bibliothek besitzt unter 
der bezeichnung Brev. 4. et 8. nr. 88 eine pergament- 
handschrifl des \An Jahrhunderts in 4., die in dem alten., 
liöchst unvollkounnc/icn calalou' ohne weitem beisatz als 
ein deutsches breviarium ansrcfi-eben wird und aus diesem 
gründe mir bis vor kurzem verborgen geblieben ist. in 
wirklichkeil enthält aber dieselbe nichts weniger als ein 
brevier, sondern eine anzahl predigten tion meisler Ek- 
harl ., iroruntcr mehrere, die ich sonst noch nirgends ge- 
funden habe, und dazwischen auf bl. 8G'' — 140'' einen geist- 
lichen tractat , wovon das in den mystikcrn 1, 341 — 348 
abgedruckte stück nur etwa den fihften theil bik, die 

dort diesem bruchslück gegebene und dessen Inhalt auch 
völlig entsprechende Überschrift Clirisli leben unser vorbild 
Z. F. n. A. IX. 1 



2 15RLDE11 DAVID VON AUGSHUHG. 

posst nun aber nicht mehr auf die vollständige abhand- 
lung ; auch die der handschrift vorgesetzte rothe auj- 
schrift Diz ist von des mens(;hen edelkeite, die sich nur 
auf den eingang beziehen kann, ist unrichtig: es miifs 
vielmehr heifsen Von der Offenbarung und erlösung des 
menschengeschlechtes . 

Schon das bruchstück glaubte ich {inyst. einleitung 
s. xxxix) mit Sicherheit dem bruder David zuschreiben zu 
dürfen, die vielfache Übereinstimmung des vollständigen 
tractats in wort darstellung und Inhalt mit den sieben 
vorregeln und dem spiegel der tagend bringt darüber volle 
bestäligung ; und aus demselben gründe wird auch für die 
übrigen ihm von mir beigelegten stücke Davids verfafser- 
schaf't entschieden sicher gestellt, der kürze und raum- 
ersparnis halber habe ich mich begnügt, bei den betref- 
fenden stellen einfach auf die 7nf/stiker zu verweisen, wer 
die mühe eine)' vergleichung nicht scheut, wird sich, wie 
ich jnit Zuversicht hoffe, vo?i der richtigkeit meiner be- 
haujitung überzeugen lafsen. bei dem eigenthümlichen 
gepräge, das allen Schriften Davids aufgedrückt ist. Hißt 
sich das ihm zugehörige unschwer erkennen: diese Innig- 
keit des gefühls, diese milde des urtheils und der gesin- 
jiung, dieser einfache , klare und doch wieder so tvarme 
und belebte vortrug ist keinetn der deutschen prosaiker 
des 12 — lAn Jahrhunderts in solchem mafse eigen, und. 
auch im kunst- und lichtvollen periodenbau hat es ihm 
keiner gleichgethan, xveder vorher nocli nachher. 

kleine ansieht über den werth und die bedeutung von 
Davids scliriflen ist, wie man sieht, noch dieselbe wie vor 
sechs Jahren, und der beifall und die beachtung, die man 
denselben von vielen seilen her i>'eschenkl hat , "iebt mir 
den beweis, dafs mein urtheil nicht durch die einseitige 
befangenheit getrübt wurde, die bei der mit liebe und 
hingebung besorgten bearbeilung eines noch unbekannten 
schriflslellers ebenso erklärlich als entschuldbar ist. für 
die geschichte des Volkslebens, für sitten, gebrauche, mytho- 
logie, sowie für die grammalik, nauienlli( h die formenleJire, 
sind die prosadenkniäler begreiflicherweise bei weitem nicht 
so ausgiebig als gedichte selbst von höchst untergeord- 



BHUDEH DAVID VON AUGSBURG. 3 

netem icerlhc, und theologische reden und /ehren sind 
ohnehin nicht jedermanns licbhaberei. dies ist jedoch kein 
grund, die geistliche prosa des deutschen niiltelallers, die 
einzige die, bei dem eigenthümlichcn dränge zu poeti- 
scher behandlung, neben den rechtsbüchern, deren deutsche 
abfafsung sich frühe schon als ein gebot der nolhwendig- 
keit herausstellte , räum fand, darum gering zu achten: 
einmal gehören diese denkmäler mit derselben berechti- 
gung wie die poesie unserer lilteraturgeschiehte an und 
in bezichung auf die innere entwickelung des deutschen 
Volksgeistes nehmen sie keine geringe stelle ein. der ge- 
schmack der menschen ist Jreilich verschieden , aber eben 
deshalb kann nicht geleugnet iverden , dafs nicht 7iur die 
Prosaiker des \Zn, sondern auch die mysiiker des \A?i Jahr- 
hunderts eben um ihrer geistigen bedeutung loillen für 
viele leser ein gegenständ der anziehung und des ge?iuj'ses 
sind, denen die altdeutschen gedichte ihrer mehrzahl 7iach 
kein Interesse einzuflöfsen vermögen. 

Durch die auffindung dieser neuen schrift gewinnt 
bruder Davids verdienst um die deutsche prosa noch eine 
weitere erhöhte bedeutung. wie allgemein bekannt, ist es 
bis zur stunde noch nicht gelungen, den verfafser oder 
bearbeiler des s. g. SehwaOenspiegels auch mit nur eini- 
ger wahrschehdiehkeit ausfindig zu machen, ivie wenn es 
kein anderer als Q-erade bruder David wäre? in seiner 
vortrefflichen ausgäbe dieses Werkes, der einzig zuver- 
Uifsigen und genauen die es gieht , deren zweiter band 
mit dem lehenrecht und den versprochenen historischen 
und kritischen abhandlungen leider noch immer auf sich 
warten liifst, hat IV. Wackernagel zuerst die schwanken- 
den nieinunden und vermutun!>en über zeit und ort der 
entstehung theils beseitigt, theils berichtigt, und es waJtr- 
scheinlich gemacht dafs das buch vor dem jähre 1276 
von einem geistlichen in einer schwäbischen oder baleri- 
sche?i Stadt abgefafst tvorden sei. alle drei punkte treffen 
aufs haar zu, wenn David der verfafser ist. und dafs er 
es ist, dürfte eine vergleichung des vorliegenden tracfatcs 
mit der einleitung zum Sehwabenspiegel mit ziemlicher 
Sicherheit ergeben. 



4 BRLDEK DAVID VON ALGSBURG. 

Die anfange beider stimmen in überraschender weise 
so sehr wörtiich mit einander überein dafs ein blofser 
ziifall vnmögfich angenommen loerden kann, eben so loe- 
nig' darf auf der einen oder der andern seite an eine 
entlehnung gedacht werden, die eingangs Zeilen in Da- 
vids tractat sind so ganz in seiner weise gehalten , und 
überdies so sehr im einklans; mit dem sranzen übri^rcji in- 
halt, dafs sie vollkommen an ihrem rechten platze erschei- 
nen, aber auch die einleitung zum Schwabenspiegel kann 
nicht daher entnommen sein, indem die ausführung der 
beiden zu gründe liegenden idee, trotzdem dafs sie bald 
von der des tractates abweicht and in anderer weise an- 
gewendet wird , in stil und darstellung ganz davidisches 
gepräge trägt, es ist fuir hienach gar nicht zweifelhaft 
dafs der verfafser der deutscheri abhandlung {die ich für 
älter halte) und der des Schwabenspiegcls eine und die- 
selbe perso7i ist, David von Augsburg, mm findet auch 
die aufnähme einiger stellen aus der einleitung des Schwa- 
benspiegels in bertholdische predigten {nicht umgekehrt), 
die IVaekernagel zuerst nachgewiesen hat, ihre einfachste 
erklärung -. bei der zivischen beiden bestehenden innigen 
Verbindung hat Berthold diese seines lehrers und freundes 
arbeit, violleicht schon vor ihrer Vollendung, gekannt und 
für seine zwecke benutzt, gerade wie den lateinischen 
tractat, von ivelchem später die rede sein wird, eben so 
leicht erklärlich ist der fernere tnnstand , dafs einzelne 
capitel des Schwabe7ispiegels in das im jähre 1276, viel- 
leicht auf Davids anregung oder doch durch defsen Vor- 
gang entstandene Augsburgrr stadtrecht , das älteste buch 
dieser arl in deutscher spräche, eingang gefunden haben. 

Auch sonst hol sich David nicht blofs mit geistlichen 
Schriften beschäftigt: auch unter den deutschen geschicht- 
schreibern gebührt ihm künftig eine stelle, leider kenne 
ich von seiner lateinisch geschriebenen chronik bis jetzt 
blofs die nummer der auf der k. hof und Staatsbibliothek 
zu München befndlicheti handschrift {s. Höfler in den ge- 
lehrten anzeigen der Münchener academie 184(5. bd. 23, 
1011). doch habe ich hoffnung , über umfang., inJialt 
V. s. V. bald nähere auskunft zu erhallen, und werde 



BUUDEK DAVID VON AUGSBURG. 5 

daiüi nicht veiifehlen das ergebnis der Untersuchung an 
geeigneter stelle mitzutheilen. 

Davids betheiligung an der abjaj'sung eines deutsclien 
rcchtsbuches kann hienach um so weniger verwunder7i. 7mr 
vnrd man ihn 7iicht eigefitlrch als vcrfajscr betrachten dür- 
fe.il, sondern vielmehr als blojsen ordner und bearbeiter 
des stojf'es, den ihm, wenigstens so weit er die im Schwa- 
bensj/iegel eine bedeutende stelle einnehmenden gewohnheits- 
rechlc beli-iJJ't, richter und rechtsgelehrte geliefert haben 
werden, darauf deutet z. b. das 58e capitel {bei IVacker- 
nagel = 73 bei Lafsberg) die nieisler sprecheiit also, die 
disiii laijLrelit geiuacliet Iiant den künigeii iinde den liiiten ze 
liebe, u. a. m. seine thätigkeit hiebei wird man sich in 
ähnlicher weise zu denken haben, icie die des meistcr Burk- 
hart von Frikke beim üsterreich-lutbsburgisvhcn urbarbuche. 

Es entsteht nu?i die frage, wer David diese arbeit 
übertragen habe? auf eigene faast kann er sie nicht wohl 
unternommen haben: hieza hätten ihm, dem geistlichen, 
von vornherein die nä/h/gen uialei'ialien gefehlt, und dann 
muste ein rechtsbuch, das fast in ganz Deutschland meh- 
rere Jahrhunderte hindurch im höchsten ansehen stand 
und gl'ichsam als kaiserrecht betrachtet wurde, nothwen- 
dig von der höchsten autorität im reiche ausgegangen sein, 
dafs dies noch durch Friedrich 11. geschehen sei, dt/- 
schon im j. 1250 starb, glaube ich nicht; wer aber Jiälte 
während des grofsen interregnunis von 1254 — 1273, wo das 
reich ohne überhaupt war, den auftrug zu einer solchen 
arbeil geben sollen mal können? ich vermute daher, dafs 
Otto der erlauchte, von \T\\ — 1253 herzog von Baiern, 
es war, der die bearbeitung des wcrkes angeordnet hat. 
obschon in frühern Jahren mit kaiser Friedrich vielfach 
in streit und zwistigkeiten verwickelt, söhnte er sich docli 
sjiäler wieder mit Htm aus und hielt fest zu ihm bis zu des- 
■•^en tode, viul als Kon r ad It '. zur behau ptung seines erb- 
la/ides Siciiicn nach Italien zog, beslellle er ihn , seinen 
schtviegeii ater, zum rcichsverweser. 

D'fs dem herzöge in dieser eigenschaft die befignis 
und die machl zustand, die abfifsung eines geselzbuches, 
das fürs ganz-e /eich beslimml war, a/izuord/ie/i , scheint 



6 BRUDER DAVID VON ALGSBURG. 

;////' keinem Zweifel zu unlerliegen. gewiss tvar ihm Da- 
vid noch von dessen aufenthnU. in üegenshurg her persön- 
lich belionnt*) : denn Regensbiirg tvar Ja seine zeitweilige 
residenz und dem dortigen Franciskanerkloster hat er, wie 
ich schon in den mystikern i, xxix naehgexviesen habe, mit 
seinem Stiefbruder, Albrecht von Bogen, mehrere Schen- 
kungen gemacht. Davids Meisterschaft in handhabung der 
deutschen spräche sowie seine sonstige gelehrsamkeit konnte 
ihm nicht verborgen bleiben tmd mochte den gedanken 
in ihm erivecken , sich des talentes dieses man?ies in der 
angegebenen weise zu bedienen, durch dieihm übertragene 
würde tvar er auch vollkomme7i in der läge, David das 
erforderliche material , dartinter in erster reihe die im 
Schwabenspiegel vielfach benutzten kaiserlichen Verord- 
nungen und reichsgesetze , in die hand zu geben, dafs 
Otto auch sonst die deutsche litteratur begünstigte , weifs 
man aus dem heiligen Georg von Reinbot von Durne, der 
auf seine besondere aifforderung gedichtet wurde. 

Im Jahre 1250 oder 1251 begann Berthold zuerst in 
Baiern als öffentlicher prediger (lantbredier) aufzutreten 
und David war (s. mystiker i, xxx. xxxv) auf diesen reisen 
sein treuer begleiter. wie loenn diese reisepredigten , die 
sich fast über das ganze südliche Deutschland verfolgen 

*) im jähre 124G wci/fe David noch in dieser stadt, ivic aus nach- 
stehender Urkunde erhellt. Pliilippus, apnstolica gratia Ferrarieosis 
electus, apostoücae sedis legatus, religiosis et honestis iiiulieribus . . . 
abbatissae et convenlui Tnferioris Monasterii in Ratispona io vero sa- 
iutari salutem u. s. w. nos ita(]ue, piis vestris supjilicalionibus inclinati, 
saluti animaruin veslrarum et vestris conscientiis consulere cupientes, 
per viros provisos et ßdeles Heinricum, decanuiii Ratisponensein , Ulri- 
cum de Dornberch , eiusdem ecciesiae canonicum , IValres Berlholdum 
et David de ordine minorum, super statu vestri monasterii ac liberta- 
libus et suprascrijjtis consuetudinibus apud vos ab anliquo diutius ob- 
servatis inquisitione babila diligcnti, praescriptas vobis liberiates ac 
consuetudincs , quae vobis longis Icmporibus i'cmanscrunt, auctoritate, 
qua funginiur, conlirnianlcs, super memoratis consuetudinibus pateinae 
vobis dispensationis beneficiuni exiiibcmus. datum >furinbercb , pridie 
kai. lanuarii, Piintißcatus domini Innoccntii pa])ao iiijti anno iiijln. 
(31 dcc. 1246). im k. reichsarchiv zu München aus dein reichsstij't 
Niedrrtnünsfer in licj^ensbur^- {s. fasc. ](). 82. 1.) vergf. Längs Reg. 
2, 378. niiltheilun'^ von herrn dr l\arl Roth in München. 



BKLDEU DAVID VON AUGSHL'liG. 7 

laj'scn, zum thcH gerade im interesse des zu verfaj'sonden 
gesctzhnches unternommen worden wären, und Davids be- 
ghitung den besondern zweck gehabt hätte, die wohl häufig 
noch ungeschriebenen gewohnheitsrechte u. s. w. an ort 
und stelle aufzuzeichnen und zu sammeln? der zeit 7iach 
(1250 — 1253) würde dies vortrefflich passen, und auf diese 
weise und in ähnlicher absieht hat ja auch Burhharl von 
Friklic in den jähren 1.303 — 1311 das ElsaJ's und die 
Schweiz bereist. 

Diese letzteren punkte sind freilich nur vmtmafsun- 
gen , die keinen ansprach machen für unumstöj'sliche be- 
weise angesehen zu werden, ganz aus der luft gegriffen 
sind sie indi-ss doch nicht , und die eine oder die andere 
dürfte sich wohl als im höchsten grade wahrscheinlich be- 
währen, die vetvnutung abc/', dajs das buch in den ge- 
nannten jähren begotmen worden sei, schlie/st keineswegs 
die behauptung in sich, dojs der verfajser es auch inner- 
halb dieser zeit vollendet habe, es wäre dies bei einer 
so mühsamen und verwickelten arbeit sogar nicht wahr- 
scheinlich , und. David kann sich gar wohl bis zu seinem 
tode (1271) damit beschäftigt und sie vielleicht wwollendet 
einem andern hinterlq/sen haben, indess ist diese letztere 
annähme nicht einmal ?iüthig. die beweisgründe, auf welche 
J. Merkel in seiner scharfsinnigen Untersuchung über den 
Schwabenspiegel ( de republica ^ilamannorum commcnt. 
Berol. 1849. xvi, 28-''"') seine behauptung stützt, dafs 
derselbe nicht vor dem jähre 1275 verfafst tvorden sei, 
haben mich wenigstens nicht überzeugt, es ist überhaupt 
schwer, wenn nicht ganz unmöglich , die entstehung eines 
buches, wie der Schwabenspiegel , der schon in frühester 
zeit erweitert und interpoliert wurde, auf ein jähr hin zu 
bestimmen, denn ivie leicht können gerade die stellen, auf 
die man sich hiebei stUtzeji zu dürfen glaubt, zusätze 
späterer zeit sein. Merkels weitere Vermutung, dafs das 
werk von richlerji der stadt Augsburg bearbeitet sei{a. a. o. 
s. 23) hat, auch ohne die gründe, die für David sprechen, 
in anbelracht der geistlichen einleitang ebenfalls nur ge- 
ringe Wahrscheinlichkeit für sich , obschon damit , uue 
schon oben bemerkt wurde , und es sich von selbst vcr- 



8 BRUDER DAVID \ ON AI GSBl RG. 

sieht, die betheiligu/ig- roii rcchtsgelehrten /lieJtt g-eleiignct 
werde// so//. 

Ich ziceiße keinen augenb/ic/{ , daß die hier aufge- 
ste//ten behauptungen vie/Jachen Widerspruch erregen wer- 
den, indess bin ich ungesucht und ohne vorgefofste mei- 
nungsfi dox-u gekommen und mujs nun abwarten, was 7nan 
davon ge/fen Infsen wird, die anregung so/eher fragen 
über eine noch /ange nicht abgescli/oj'scne Untersuchung 
scheint mir keineswegs müjsig, und wer wei/s , ob nicht 
von fortgesetzter forschung eine bestimmte und unzweife/- 
hajte Vösung zu erwarten steht. 

Die oben beschriebene Stuttgarter handsc/iriß gehört 
etwa der mitte des 14« Jahrhunderts an. der tejt ist 
darin ziem/ich genau und correct über/ie/ert. meine ände- 
rungen betrejjf'en meist nur die orthograpliie. da sie sich 
sehr oft wiederbo/en, so habe ich die /esarfrn nicJit ininivr 
angemerkt, aber doch hi/uj/g gc/^ug, um die niu/ithirt, die 
ganz bestimmt die des E/saJ'ses ist und daher für den 
Augsburger David /lieht passte , mit Sicherheit erkc/i/ien 
zu iaj'se/i. /eider fch/e/i in der hs. zu anja/ig. i/i der 
mitte und am ende /nehm re b/ätter. doch Ja //en daran auf 
u/ise/v/ tractat b/ojs zwei {zwischen bi. 138 und 139), die 
noch dazu de/n sch/uj'se angehören . der aus Münchener 
hss. in den /ni/stikern bereits eoi/stdndig abgedruckt ist. 

Stuttga/-t 29 sept. 1851 . FRAXZ PFEIFFER. 

Horro 'j;o\. liimolisclior \a\or. iluri-h ili'no niillo j;iicte ge- 
schüeCe du tliMi inoiiscIuMi in drivalligor wirdokeit. diu erste, 
daz er nach dir j^obildol ist. diu andere, daz du dise weit 
alle ime ze dienende i;eniaehet liasi'). diu dritte"-), daz er 
die wiinne unde die ere, diu du bist, mit dir eweelielie nieze. 
der weite dienest hast du inie veri;ebene i;ei;eben zuo einer 
niaiuin£je, wie groz diu ere sf. die du ime unibe dienest her'') 
nach will geben, sit des so vil i>l . daz du ime hie hast*) 
vergebene gegeben, du muotest muh niht swu'res diensles 
von ime. daz diu"') milte deste grivzer sehine, so du \\n\\cu 
Ion (b/. 87') ime gist und ewigen umbe liiigen niiil ninbe 
kurzen dienest. 

l liest •.') «üito ;>, liar i) liest "> dine 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 9 

Der dienest ist an zweiii dingen : daz man dir uiider- 
Iwneclk'he gehorsam si undc daz man dich durch dine giiete 
nbc allen dingen minne. waz mölile ringers sin, dcnnc daz 
man dorne gerne gehorsam si, der niiil gebiulet wan daz uns 
aller nülzosl ist? undc daz man den minne, der uns mit 
ganzen triuwen minnet unde des minne ein übergiilde ist 
aller wünne und ein sache aller sadikeit? 

i*6 du dem ersten menschen helest erloubel allez daz 
obez in deme paradise, do nseme du niuwan einez üz , daz 
er ez desle liliter möble vermiden unde daz er zeigete, wie 
undertan er dir wtere , so er din gebot vestecliche behielte, 
bete er din gebot behalten , so betest du in unde sin ge- 
siebte ze siner zit äne we oder tot mit libe unde mitsele^) 
zuo dir bin üf unde zuo den heiligen engelen in die ewige 
fröude gcnomen. do erz do von des tiuvels verraetnisse iiber- 
gie, do gebieze du ime, daz er iemer mit arbeilen miieste 
leben biz ^) daz er stürbe unde dar nach die ewige martel 
liden in der hellen mit dem tiuvel, dem er wider dich ge- 
volget liete, dir enwürde denne din laster gebüezet (b/. 87'') 
unde din schade von dem menschen , daz er dir also groze 
ßre erbiile alse gröz lasier er dir erbot, und allen den 
schaden büezte, den er an ime und an allen menschlichen^) 
gesiebten bete getan, die er beroubef bete aller rehfekeil 
unde von den himelischcn IVöuden geworfen in den ewigen löl. 

i)isiu beidiu \\aien^^) deme menschen müelich und ouch 
unuiigclich zc tuonne ; \^an alse der töle weder ime selber 
noch eime andern daz leben mac geben , daz er an ime sel- 
l)en nilit ha!, also enmac der siinder weder ime selben noch 
eime anderen gegeben die rehlikeit, die er selber niht hat. 
noch die er von ime selben nilil hclc, obe ers vor ie gewan. 
alse iiieman mölile ime selben sin wesen geben , do er den- 
noch niht was , alse mac nieman sich selber machen l»e/.zer 
ane des helfe der ime sin wesen vor gegeben hat. daz 
bisl du alleine, lierre got, der alleine von nälure guot ist. 
alliu anderiu dinc liabent von dinen gnaden swaz guotes an 
in ist. wie möble er sich unde sin gesiebte wider an daz 
b(Slc bringen der sich selben niht möble an daz nidcrstc 
guot von siner") niaht gesetzen? wesen ibt (bl. 88) daz ist 
1) seien 2) bitze !i) mensl. ii. x. ii<. 'i) M.irenl 5) siiirc 



10 BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

des nidersten guotes, wesen relil ist des mittelen guotes, 
weseii in dir unde dich uiezen völlecliche, daz ist daz hoeliste 
guot, daz crealüre haben niac. 

Herre got, dir ist der arme an gevallen, dem nienian ge- 
helfen mac wan du alleine, die engele miigent nilit wan 
alse sie von dir schöpfent. ir aller gerehtikeit ist also smal, 
daz sie fürbaz niht mac gelangen danne daz ir ieclicher mit 
sinnen sich selben bedenke, sinen rät, sine helfe mac er 
niht mit mir teilen; mit siner rehtikeit mac er mich niht 
umbesweifen, daz uns beiden da mite geniiege. du bist 
alleine also riebe der rehtikeit und alles guotes, daz du ane 
sincn schaden mäht mite*) teilen gevvaltecliche sweme du 
will dine rehtikeit, dine giiete, dine wünne unt dine ere unt 
dine ewikeit. dar umbe swar wir uns keren^), da ist uns 
der wec ze enge, daz wir weder rat noch helfe vinden^) 
da. nu keren^j wider gegen der wite, diu nibt endes hat"'^) 
gegen diner wisheit, gegen diner güete, gegen diner almeh- 
tikeit. da gebristet uns weder rätes noch triuwe*') noch 
helfe, dii kanst, dii mäht, obe du wilt, uns allen wol gehel- 
fen üz dem nofstricke, da wir [bl. 88^') uns selben mite ge- 
vangen unde gewürget liahen. wir künnen') niht erlrahten, 
wie ein mensche getuo^; daz menschen unmiigelich ist unde 
doch nieman wan mensche tuon sol ze rehte, unde wie mensche 
daz vergelten müge daz er niht geleisten mac, der niht hat 
wan daz er von dineu^) ze leben hat. waz aber er dir ze 
rehte gelten siille, daz sol man merken. 

Du betest gedaht von menschen kiinne die himelische 
stat vollebringen unde die sliickcn '") der aptriinnigcn engele 
mit menschen erfüllen, dö er do geviel, do bleip diu edele 
stat unvollebraht. do der aptrünnige engel von siner be- 
trogenlieil geviel, dö schliefe du den menschen dir ze einem 
erenscbille wider den liuvcl, wan er sine schulde uf dich 
gerne wolle vicrfen, daz du ime unrehlc betest getan";, dö 
du in verstieze umbe sünde. dö du in also f^cmacbet betest, 
daz er möble siinden, wicre dö der mensche ane sünde be- 
standen, daz wa're dem tiuvele ein gröz laster gewesen, daz 

1) luil mir t. '2) kt'ront 3) vindciit i) kercrit fi) mi/sf. 

'.Vl'i, '21. Gl triiwcn 7) kiiiinont 8) gfelüii \)) fc/i/f. gnädcii ? IIj)t. 
10) slücke Schlund, lüclu:: Fri.sch 2, 202. bei Um 1419. ll)geton 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 11 

er da von siiienie eigenem nuiohvillen w;ere gevallen , der 
sterker von natüre*) was, do der mensche gesliiont an der 
rehlikeit, der von nature bloeder was durch den lip von er- 
den: daz wwre ouch dir, herre, ein {bl. 89") groz ere ge- 
wesen wider den lim el , daz er da bi gesehen hete, daz du 
in unde den menschen niht also gemachet betest, daz er siin- 
dete swanne er siinden möhle, mer du betest in also ge- 
schaffen, so er Sünden möble von der nälüre~j unde niht siin- 
den wolle von guolem ^) willen unde durch diue liebe, daz 
ime daz wa-re löbelicher unde dii ime daz mer danketest, 
obe er die sünde liezc von der liebe lugerule , denne obe er 
ir niht getuon möhle. der niht still so er sin guote State hat, 
dem ist daz mer ze dankende denne deme der niht geslelen 
mac. da mite solle der mensche unde der engel verdienet 
han, daz sie also gevestent würden^) an der liebe der rehli- 
keit, daz sie niemer der von möhlen werden gescheiden, alse 
du uns ouch noch geheizen hast, hilf uns , daz wiiz ver- 
dienen, daz wir in die süelikeit verwandelt werden des ewi- 
gen guoles, daz du selber bist, do der mensche do die sünde 
tel, do wart der tiuvel erfröwet, daz er einen gesellen liele 
wider dich unde daz der, der diu geziuc solle sin wider sine 
sünde, daz der sin genoz viart in den siinden, dir ze leide 
unde ze lasier'"*); unde des du dich von den menschen ge- 
rüemet betest wider den tiuvel, daz dir daz") ze eime grö- 
zem') (hl. 89'') ilewize wart verwarulelf. dii betest ouch 
liimel und erde durch den menschen gemachet, daz ez ime 
diente uuibe den dienst den er dir Iwle. do er dir aber 
sins dienstes abc gienc mit der ungehorsame , do macliel er 
sich unwürdic alles des dienstes, daz ime bimel und erde 
dienen solle, unde dar ziio der gelider siiies eigenen libes, 
daz in diu ougen niht wisen sollen^) nocii die l'üeze liNigen 
noch kein gelit sin werc üeben. wanne ir dienst bete er 
wider dich ze sünden kerl, do bete ers '■•) von reble gar 
verworht, und also het er dir himel und erde unde sich sel- 
ben unnütze gemäht, do ez dem süuder unde niht dinem '") 
diener dienen solle, durch den duz allcz betest geschairen. 
swaz der sünder niuzet diner crealuren dienstes , da bi er 

I) naiuren 2) rnilurcii \\) gulen 4) wurdcnl 5) lasiere 

(■)) Amfchll. 7) srosciiu; S) soileiil •.)) er 10) (iiijcii 



12 BRLDEFl DAVID VON AUGSBURG. 

sii'li iiilil Iiczzort, daz roiibet er, swaz^) er des diiien \\ider 
dinen «illen niiizet-). 

l)Ci liefest oucli den mensche» relile geschaffen, daz ist 
ane alle siinde, iinde die selben rehlikeit solter iemer nl' siii 
gesiebte ban geerbet, do er dö die siinde tet , do verlo rer 
iine nnd uns die rehtikeit, daz wir alle da von werden in 
Sünden geborn und enpfangen ; (b/. 90') und uns wtere bez- 
zer nilit sin deiine in siinden iemer sin , wan diu rehtikeit 
ist nienscblicber uatüre würdekeit, da mite si über ander 
creatiire gecdelt ist. so sie die^j vcrliuret, so ist si dir un- 
genauer denne andere creatüren, die niht verstantiiisse h.i- 
bent; wan die haut oucli niht verdampnisse. daz siiil die 
schaden, die der mensche hat getan, dö er die sünde tet. 
die solte er dir gelten unde widertuon e daz er dine luilde 
gewünne, w'an du ime vor betest geseit, svvenne er din gebot 
zerbra^che , so stiiibe er des todes, daz ist, er nuieste an 
libe und an der sele iemer sterben. Der iemer stirbet der 
rauoz iemer leben, daz er iemer sterbe^), wan stürbe er ze 
einem male genzliclie, so möbte er niht me sterben, und also 
bete sin not ein ende; aber sus nimet si nienier ende, in 
dem kumbere sint alle die in loellicheu sünden lebent unde 
dar inne erslerbent. in dem waren wir alle von der ersten 
ungehorsame , daz wir din antlitze niemer solten gesehen 
noch daz honicvliezende laut beschouwen des himelriches, 
unde dar zuo des ewigen todes lluocb iemer tragen die wile 
dir din laster niht gebezzcrt wwre noch {b/. 90'') din schade 
gebüezel. 

Herre himelischer vater, bie was rätes unde helfe not, 
wan under disen zwein da was einz gar sere miielicb, daz 
ander gar den menschen unmiigelich ''). ewecliche veidam- 
nel sin ist griuweliciie müelich zc'') leisten; daz man niiit 
geleislen mac ist gar unmügelich. der dir ze reiife bezzern 
solte die schulde, der solle ime selben unde menschlichem 
küniie wider geben die rehlikeit, die wir vcrloiii beten'}. 
er solle den liuvel alse krellecliche überwinden dir ze eren 
unde durch diiie geborsanie, alse lililecliclie er sich liefe ge- 
iazen überwinden unde gewaltigen mit den siinden , dir ze 

1) was 2) nüfscii 3) die /(•/(//. 4) slürlc 5) vninulich 

ze fc/i//. 7) licllcul 



BRUDER DAVID VON AIGSBIIRG. 13 

lasier, daz er durch din ere also grnz diiic luo oder lidc 
umbe die relitekeit ze behalleniie, daz er anders iiilil j^ebuii- 
den si. also groz lasier er dir enbol, do er sieb lie der 
rehlikeil beroubeii , zuo der er von diiiie gebole was gebun- 
den zc bebaltenne, er solle dir alse gröz ze gelle geben, 
alse der schade was , daz diu bimeliscbe slat verbüwen lac 
von sinen schulden, und alse allez menschen künne isl , daz 
da von der bimelischen wiinne verslözen was, unde durch 
die du alle dise well belesl geniacbet, daz sie den erwel- 
len dieule. (bl. 91") und alsus was daz gell groezer denne 
allez menschlich künne, groezer denne alliu disiu well, gice- 
zer denne daz himelriche unde denne allez daz got nihl isl. 
wie möble ein mensche bezzerz vergellen denne er selber 
was, daz selber nihl vergellen möble daz er selbe waz, der 
sich selben weder möble machen noch wider machen, weder 
geben noch wider geben, der nihl hele wan von dir? 

Vier dinge muoz cinez doch geschehen : daz der mensche 
selbe dii" din lasier unde den schaden bezzere, oder eleswer 
anderr lür in, oder daz duz ime gar umbe sus^) vergebest 
ane alle bezzerunge , oder daz er verstozen würde der wür- 
dekeil unde der i'röuden, durch diu ^j du den menschen ge- 
machel liasl"'); wan du geschüefe in, daz er diner I'röuden 
leilhai'l würde unde des engeis genoz vMcre , und an alle 
mal''; und sünde vor"*) dinem anllilze mil eren unde mit 
wünnen iemer wtere **) unde keinen herren obe dir he'ie') 
wan din, der sin schöjjfer isl alse des engeis. daz er selbe, 
der sündige mensche, nihl möble gebezzern, daz silil man '^) 
da lii wol, wan dei' sich selbe dem liuvel verkoulel liele mit 
den Sünden, der (hl. Dl''; hele nihl niT;, da mite er losle. 
der iiiie selben die krall hele lazeu '') benemen '") der rehli- 
keil, da mile er den sünden solle widerstanden sin, der 
möble"; sich nihl selbe von des liuvels gewall enbrechen, 
wan er ieze krcllelos was. der nihl guoles von ime selben 
molilc jialien , wie möbler bezzerz geleislen ze gelle denne 
er selbe was. bete er sich lazen loclen lur die sünde, die 
er hele getan, daz müesle er doch erlilen han, daz er slüibe, 

I) süs 2) (Jen 3) liest //) iii.ile 5) von (i) wcrcn 

7) licttciil 8) 11)011 9) lasen 10) lienonicn II) iii.'.lite 



\A BRl DER DAVID XON AUGSBURG. 

wan diu siiude hete in toetlich gemachet : er wolle oder en- 
wolle, er müeste sterben. 

Der da bezzern sol, der sol leisten , des er anders von 
relite niht scliuldic wsere, obe er nilit gesundet hete, unde 
dennoch den schaden widerlaon , den er getan hat. alse 
mohte*) der sünder niht gebezzern, weder für sich noch für 
einen anderen: wan ein diep enmac diebes bürge niht wer- 
den vor gerihle, wan sie beide versprochen sint. betest dii 
aber einen anderen menschen von niuwem gemachet äne 
Sünde, der von Adame niht wwre, daz der fiir Adame unde 
für sin küniie dir (bl. 92") bete gebüezel , so enwa^ren wir 
niht an die würdekeit wider koiuen , da wir vor an waren, 
do wir niuwan dir alleine undertiin wären, wan wir mües- 
ten nü dem undcrtan sin , der uns erloeset bete unde der 
von nature solle unser ebengeiioz sin gewesen , wan er ein 
mensche was alse ouch wir; und also miiesleu wir zweien 
herren gedienet hän : dir, herre got, wan du uns geschairen 
hast"), dö wir dennoch niht cnwaren , unde dem, der uns 
erlöst bete, dö wir verlorn wären, unde \Air wieien dem 
groezers^) diensles unde dankes scliuldic, der uns dine hulde 
wider gewuuuen bete , denne dir, der uns diz lipliche leben 
ireoeben liete, wan uns w*re bezzer niht sin denne diner 
schulden niemer äne sin. dar über ist der mensche eins 
menschen wert, der aber sich solle ze voller bezzerunge^) 
für alle menschen geben, der solle ouch liurer sin denne alle 
menschen, obe sie joch niht gesundet belen, er engiebe an- 
ders niht tiiirers") wider den menschen denne der mensche, 
der got gole genomen bele, und also möhle ein liiler mensche, 
der niht got w«re, niht für (ö/. 92') alle menschen bezzern 
ze rehte, wanne er niht liurre wjere denne sie alle, anders 
müeslcn wir alse manigen erloesor haben alse unser aller isl. 

Diu selbe rede wtere ez gewesen, obe uns ein engel er- 
löst bete, unde wir mücsten des engeis kneble worden sin, 
die vor ze engele genözscheftc geordenl wären, der des 
anderen gnädeu leben muoz, der muoz inie mit vlehcnne 
underUrnic wesen, und also wiere menschlicbiu nälüre nie- 
mer wider komen an ir ersten würdekeit, die si gehabet 
solle hän. betest du aber dem menschen die schulde äne 

I) iiiiilile 2) liest 3) groses 4) befseiunge 5) lurrer 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 15 

alle bezzcrunge ver<^eben, daz wa're gescliiiien als übe duz 
dar mnbe gelazeii belest, wan duz nibt j^ebaben mölitest. 
daz sma'bele diu aluieblekeit ; ez wa?re oucb diner relilekoit 
iiibl wol gestanden , wa^re diu siiiide an dem sünder weder 
gepinigel noch gebezzert , iinde daz möhlen die engele nibt 
wol liir guot genonien baben , so du ir genözen verdamnet 
belest umbe ir siinden unde den menschen gekroenet betest 
in Sünden und in zuo den engelen , die nie gesundeten , in 
die hiniels eren gesetzet belest ane alle bezzerunge. und 
also betest dii {hl. 93') reinekeit vor dir nibt bezzer geha- 
bet denne die unreinekeit. wir beten ouch des kleine ere 
gehabet vor den engelen , so sie dir nie kein leit getan be- 
ten, daz wir dir groz lasier beten erboten unde da oucb 
nie keine bezzerunge getan beten, und also, obe wir joch 
fröude belen mit den engein in bimclriche, so beten wir doch 
lülzel eren und also wahren wir nibt genzlicbe widerkomen 
an die ersten würdikeit der engelischen genözscbaft. belest 
dii sie aber alle läzeii vei-loru werden (wan wir dir nibt 
mobten ') gebezzern), daz wa're diner wisbeit unde diner 
giiete nibt wol gestanden*), wan so betest dii uns baz ge- 
tan, obe du uns nilit gesibalFen belest denne daz wir ver- 
lorn sollen werden ewecliche und in dime zorne sin, so nie- 
inan wa're, dcme unser verlornisse ze guote ka-nie. 

Y)u\'^) wisbeit, diu alliu dinc vor vviste unde diu vor 
sacb allez daz geschehen möhle, wa*rc dar an nihl ze lo- 
benne gewesen, obe du eine so edele crealure helesl ge- 
macbet , diu sazebanl solle genzlicbe ane wider belle ewec- 
liche vei'lorn sin, alsc obe du (bl. 93'') nihl bezzci's kündest 
noch möblest oder wollest, diu alliu diiii gezement diner 
uneischöplelen wisbeit iiiht noch diner almehlekeil noch diner 
hwbslen giiele, du luost aber nihl, daz dir an ihte unzime- 
lich möhle sin; du w;eresl anders nibt an allen lügenden 
vollebrahl, ta-lesl du ihl, daz uugevellic '') wa^re. 

Do des menschen sache also allenthalben was verküm- 
berl, dö erlöstest du die verwerrunge unde na-me dich der 
sache an, den stril ze scheidenne mit giiele unde mit diir- 
nehtekeil, unde hast uns <la bi zerkennendc geben diiie 

1) mölili'iit 2) gezemeii \\) Diiie 4) vn/sl. '.Vll . IJO. 

330, 20. 



16 BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

inalif, (line wishelt unde dine güete völleclicher 'j, denne wir 
dich V erkennen mölilen'*) von den werken aller diner^) ge- 
schöpfede. daz dn hast alliu dinc von nilUe gemachet, daz 
ist ein groziu mäht : daz aber du zerbrocheniu dinc wider 
ganz machtest '^j alse da vor, daz ist niht minre, alse der 
von altem ^) geziuge ein niuwez hus mähte; daz ist meister- 
licher denne von niuwem. der dem wol tuot, der nilites niht 
umbe in verschuldet noch verdienet hat , daz ist ein groziu 
milte^); der aber deme (l/L 94'') vil wol tuot, der niht wan 
allez übel gegen imc verschuldet hat, daz ist diu hoehste 
güete. nu gezimet diner gücle wol, diu also gröz ist daz si 
niht groezer sin mac (wan nach diner michele ist ouch din^) 
güele) , daz du guot üz übele machen kanst unde gar ver- 
worrenz wol gerihten. dar an ist din güele löbelicher^) unde 
din wisheit schinba^rre denne obe du uiuwen guot guot mäh- 
test und slehlez schöne hieltest, wir heten dineu gevvalt 
dar an wol erkant, daz du so groziu dinc unde so manigiu 
möhtest von nihte so gar gerinclich machen^); wir heten 
ouch dine wisheit dar an wol erkant , daz du so manicval- 
tigiu dinc alse ordenliche '") lif einander ebenhellende gegoz- 
zen hast''), daz diu nidersten mit den obersten '~) nach ir 
\Aise gehellent unde daz dii diu also verrihtest'^) ane alle be- 
kiimbernisse, daz ein punte diner wisheit niht entrisen mac, 
dii cnwizzcst ir aller ahte alle stunde, wie unde war umbe 
ein iegelichez also sin oder wesen solte. dar zuo heten wir 
dinc strenge rehlikeit {b/. 04'') wol gesehen an den aplrün- 
ni'-en engclen , wie du die verdamnet hast'*) umbe sünde, 
daz sie nicmer niiigent wider ze luildcn komen ; unde daz het 
uns sere erschrecket, da wider haben wir ouch dine slate 
Iriunlschaft gesehen gegen den, die ir Iriuwe an dir wol be- 
haltent, daz sie niemer wider dich getuont mit keinen Sün- 
den, alse an den heiligen engein, die dii also an diner 
minnc'-"'; gcvestent hast, daz sie niemer von dir werden 
gescheiden. 

Noch soll uns zwei dinc zeigen , da bi w ir erkennen 

1) niysL ;>;{:$, '2i{. 2) iiiohlt'iit '.\) siner 4) ntaclicst 

5) gulemme 6) rfj-^--/. iriijsl. 385, 3-2 .//". 7) dine <S) ILlielicli 

9) niyst. 314, 15. 10) oitlenlichn II) best. I'2) obi-rslcii 
13) mi/sl. 327, 27. 14) liest 15) niiiincn 



BRUDER DAVID VON ALGSBURG. 17 

niügen*), daz dekeiii gebreste an dir ist. daz eine: obe dii 
vergeben künnest denie-), der wider dich geliiot, daz man 
des müge wider zuo dinen hulden komen mit gnaediger barm- 
herzikeit.' daz ander: wie du künnest Ionen nach diner wür- 
dekeit die dir wol gedienent^). des einen bedörfen wir wol 
hie, die wile wir*) niht äne sünde sin^). des andern siillen 
wir warten, obe wir mit diner helfe iht abe verdienen''), 
des dich uns ze iönenne gelüstet her nach in dem hinielriche. 
man verstet eines mensclien gewalt unde sine wisheit an 
siner habe und an sinen werken; aber sine güete muoz man 
kiesen an ime selben, (bl. 95") also hast du uns an diner 
geschöpfede gezeiget, wie mehtic unde wie wise du bist, nu 
solt du uns zeigen an dir selber, wie guot unde wie gniedic 
du bist, wan du enkeiner habe richer bist denne güete unde 
gnaden, du bist daz guot, daz allez guot völlicliche an ime 
hat. da von hat ouch minne niht die kleinsten stat in dir. 
du heizest unde bist diu ganze minne, und alse unmügelich 
ist, daz fiur niht heiz si, alse unmügelich ist, daz minne niht 
minne. sit du nü den menschen geschaffen hast von minne'), 
daz du ime mite teilest die wünne die du hast unde bist, so 
wsere daz gar wider die minne, obe dii in nü genzliche lie- 
zest verlorn sin, sit du ime gehelfen kanst unde mäht äiie 
allen dinen schaden und unere. unde wan diu gücle diu 
oberste sache ist, diu dich bewegete den menschen ze machenne, 
so ist daz gevellic, daz si sich ouch ze förderst üebc den 
menschen ze behaltenne; wan diu erste ist diu kreftigiste hitze 
den dingen der^) ez Ursache ist: so ist si ouch so kreftic 
diner güete, daz si keine nidere sache mac erwerden, wan 
diner güete bist du selbe. 

Herre almehtiger gol, (hl, 95') diz siut die sachen, die 
uns ze verstänne gebenl , daz wir gelouben , war umbe du 
den menschen woltesl selbe erhesen. wan do dem menschen 
allenthalben rätes unde helfe zerran , do geviel der rat uf 
dich, daz du ime selbe wider hülfest, wan du in alleine möb- 
lest erlidigen , der in alleine ha'te geschaffen, unt da mite 
wart ouch allez daz vcrslihlet, daz kumberlichcz unde vcr- 
worrenz was an des menschen erloesunge. din^) warheit 

1) mugcnt 2) dem /e/t/^ W) gcdienct 4) \\\v fehlt. 

5) sint 6) verdient 7) best - iiiiiincn S) die !>) dine 

Z. F. D. A. IX. 2 



18 BRIDER DAVID VON AUGSBURG. 

wart behalten und din ere, wan dir nach rehte gebezzert 
wart, der liuvel wart geschendet, wan inie der mensche 
mit rehte benomen wart, der mensche wart erlidiget, wan 
inie diu rehlekeit wider gegeben wart, und wan diu bezze- 
runge also was , daz si nieman möhte geleisten wan got al- 
leine unde nieman solle leisten wan der mensche , dö wart 
der rät also getempert, daz got mensche würde, der die 
niaht bete an der gotheit unde daz reht ze bezzernde an 
der menscheit. groezer dinc leisten denne allez daz got niht 
ist , daz was niemanne miigelich wan gote alleine, ze bez- 
zernde dir, herre got, {bl. 96") din laster unde dinen scha- 
den gelten , daz tet nieman billicher denne derz verschuldet 
bete, daz w?ere der mensche, wan aber der siinder für 
Sünders schulde niht mohte gebüezen, alse diep diebes bürge 
niht gesin mac, wan sie beide des todes schuldic sint an 
rehtem gerihte, do muoste unser süener warer got sin unde 
wärer mensche von Adämes künne äne alle sünde, der die 
menscheit an inie trüege an der nätüre'), diu da bezzern 
solte, unde die sündelosekeit bete an der pcrsönen , die den 
menschen sunder versprechen solte unde für in leisten die 
die buoze , die er an siner persöne niht verschuldet bete, 
wan aber diu menschliche nätüre in Adäine alle was, do er 
die sünde tet, do wart si ouch also verswechet mit sünden, 
geswechet an irre bernden kraft, wsere Adam äne sünde 
gestanden, alse er denne äne b(Ese gelüste bete kint gewür- 
ket, alse wtereu sie ouch äne wßtagen geborn und äne aller 
sünden mal, wan diu veterliche rehtikeit von nätüre ~) bete 
üf diu kint geerbet von diner gnaden ordenunge. 

Do er dö dir ungehorsam wart, {bl. 9G''J dö wart ime 
sin vleisch ouch widerbrühtic^) mit boesen gelüsten unde mit 
mani"er kränkelt, diu sünllich ist oder pinlich ist, unde diu 
erbeit gie noch üf allez sin gesiebte, diu näliurlich ist ber- 
baflikeit. da von alse daz kint gewürket wirt nach der nä- 
türe gewönlicher art von den bcesen gelüsten, so enpfähet ez 
ein Sünden mal und eine sünden würze, von der aller sün- 
den wiioclicr springet und aller smerzen fruht diuzet. und 
wan der nätüre nieman enkein ander gehurt geben kau denne 
nach Sünden, so ist des not, daz der, der uns von sünden 
1) nafuren 2) nalureii 3) imjst. 399, 28. 



BHLDER DAVID VON AUGSBURG. 19 

lidigen sol, anders geboren werde, denne nach der natiur- 
lichesten gewonheit, diu da niiit aue sünden pfliget sin. doch 
muoz er von menschen komen, er waere anders niht Adämes 
gesiebte, kuniet er aber von mannen unde von vviben, alse 
wir alle, so wirl') er ein sünder geborn alse wir. des sol 
niht sin. da von muoz er von menschen komen nach mensch- 
licher nalüre'^), unde wan Adam, in dem alliu menschliche 
näture lac^), ein man was, so ist ouch daz redelich , daz 
der ander Adam, der uns {hl. 97") von sünden lidigen sol 
unde der menschliche nature wider bringen sol an ir wiirde- 
keit , ouch ein man si, wan mannes werc ist von natüre 
creftiger und endehafter denne wibes und ist diu natüre volle- 
brähter und edelr an dem*) man. 

Sit er denne ein man ist, der uns erloeset hat, so ge- 
zimet daz wol, daz er die menscheit, diu uns alle erloesen 
sol , von einer frouwen enpfahe ; anders die frouvven wän- 
den ^), sie bete got verworfen von der gemeinen erloesunge. 
so der erloeser weder frouwe noch frouwen kint aller meist 
(wan Even sünde groezer was nach efelicher aht), des wän- 
den sie engeilen, daz sie niht sollen behalten werden, nu 
hast du aber dine güete dar an gezeiget, daz beide man 
unde frouwen dir des besten getrüwent: alse diu siinde ze 
dem ersten von der frouwen zuo dem manne kam unde von 
dem zuo uns allen , daz nu her wider daz ewige heil von 
der frouwen komen ist, diu uns den man geborn hat, von 
derae wir alle erloeset sin^). daz füegele ouch dincr wis- 
heit wol, daz dö uns da bi zeigelesl, daz dir alliu dinc 
{bl. 97'') mügelich sint. 

Vier bände wise mahl dii einen menschen machen, daz 
örste ist äne man und äne wij), alse Adamen , den dti von 
erden mähtest, daz andere : von manne äne wi|), alse Even, 
diu von Adämes rippe gemachet wart, daz drille'): von 
manne unde von wibe, alse wir alle sin^j. dise drie'*) wise 
hast du uns gezeiget, daz vierde : von einer frouwen äne 
man einen menschen machen, daz hast du behalten dem men- 
schen, der got unde mensche ist; demc niuwon menschen 
eine uiuwe gehurt, svvie aber diu gehurt wider der natüre 

I) «urt 2) naturen 3) lue fehl f. 4) den 5) waiidenl 

()) sint 7) dirle 8) sint •)) driv 

9 * 



20 BRÜDER DAVID VON AUGSBURG. 

gewonheit si, daz ein frowe ane man ein kint gewinne'), 
so ist ez doch niht wider der nälure reht , wan du hast ir 
gegeben ein teil gewaltes, alse vil du wollest, ze merende 
unde ze behaltende ir gesiebte von mannen unde von wiben. 
dar über hast du behalten dir selber den gewalt an der nä- 
ture , daz si sol dir gehorsam sin , daz du von ir machen 
mäht swaz du wilt unde swie du wilt, alse dii zem ersten 
aller dinge nature unde mäterje von nihte mohtest machen, 
dar an ist niht ungelouplich, sit wir sehen an anderen din- 
gen, daz diu nature {bl. 98'') geburt git ane vater unde ane 
muoter , alse die ebe'^) in dem wage wahsent von leimen 
unde die binen w erdent von blüenielinen , die giren so sie 
alt sint brüetenl äue vater unde ze Capodociä diu veltpfert 
kindent ane vater. da von ist niht wunder, sit diu nälure au 
swachen dingen geburt geben mac ane vater, obe der nä- 
türen herre möble ime selben eine besunder geburt geben 
von einer frouwen ane man. 

Herre himelischer vater, du bist ein gewärer got unde 
din einborner sun ist ein wärer got und iuwer beider minue 
der heilige geist ist wärer got, und ir drie sit niuwan ein 
wärer got in drien personen , in einer nälure, in einer got- 
heit ungescheiden, in drien personen unvermischet ^). iege- 
lichiu dirre drier personen ist in ir selber alse wferliche 
vollekomener got alse alle drie mit einander, sit nü der 
rät ist also komen , daz got mensche werden solle, dö fiie- 
gete sich daz aller beste , daz din sun uns von dir gesant 
würde, daz er mensche würde, von manigen Sachen, wahren 
die drie persone alle worden mensche {bl. 98'') unde von 
einer muoter geborn, so wahren sie alle gebrüedere von 
der muoter und wa3re ein unordenunge worden in der^) hei- 
ligen drivaltekeit, so der vater sines sunes"'^) bruoder wtcre 
oder sines geisles, der von ime komen isl. daz selbe w«re, 
obe zwo personen wteren menschen worden, und wa^re euch 
ungclimpf, obe ein mensche wa're zwo persone. da von 
was daz gevelliger, daz ein persone die menscheil an sich 
iKcme, wan diu ist alse voller got alleine, alse sie alle drie 
sameut. w«re der vater mensche worden oder der heilige 

1) pewiiiiiie 2) cbe su die lis. a-le? :5) iiiiveniiüschet 

i) der j'iihlt. 5) süiies 



BRÜDER DAVID VON AUGSBURG. 21 

geist , s6 wseren zwene siiiie iu der heiligen drivaltckeil : 
goles ewiger sun unde des menschen suu , unde möhle des 
menschen sun so edel niht sin nach siner gebürte alse goles 
sun, und waere euch uns ein irretuom, so wir enwesten*), 
weder man~) gotes sun nante oder des menschen sun. nü 
ist der strit also ze dem besten gescheiden, daz dii , himeli- 
scher vater, uns dinen einbornen sun gcsant iiäst ze einem 
erloeser , ze eime heilande , ze einie behalter. unde da von 
hast du in genant Jesus , daz sprichet ei'lneser oder heilant 
oder behaller, wan [bl. 99") er hat uns erloeset von des tiu- 
vels gevancnisse unde heilet uns von der Sünden tode unde 
sol uns behalten ze dem ewigen lebenne. Kristus ist ouch 
gezuonemet^) , daz sprichet gesalbet oder gekrisemet. wan 
nach der menschlichen nalüre ist er durchsalbet und erfüllet 
der gnaden des heiligen geistes vollekomenliche ze allen din- 
gen , diu ein salbe ist , diu alliu herzen heilet unde senftet 
von aller bitterkeite, diu sie erfüllet. 

Dar umbc alle, die der salben teilhaft wellen*) sin, die 
SQOchen^) da ze' dem, der volle ime und uns enpfangen hat, 
unde drücken sich an in mit liebe und diuhen in sich der*') 
edelen salben dunst, diu von ime da miltecliche fliuzet, da 
mite sie den slanc verdampfen an ir herzen, daz sie von 
diner liebe vcrgezzent der boesen gelüste, da von sie siech 
worden sint alse von eime helletampfe. wan nieman mac 
des ewigen lebennes teilhaft sin, er enwerde'') geheilet mit 
dirre salben ; unde nieman mac die himelische kröne tragen, 
er enwerde e gewihet mit diseme geistlichen krisemen, unde 
nieman {bl. 99*") mac der sünden smac an ime selben er- 
löschen, uiuwan mit diseme edelen baisamen smacke. 

Da von ist der kriseme von olei unde von baisamen 
gemachet, durch die bezeichenunge , daz diu cdele golheil 
unde diu irdenische menscheit also zesamene gefüeget sint, 
daz gol unde mensche sint ein pcrsftne von zwcin natiiren, 
daz ieweder natüre verwandelt ist, daz diu menschliche na- 
ture von der gotheit geedelt ist unde diu gotheil niht da von 
geswechet ist. daz diu gotheit sich verwandelte in mensch- 

1) nemelen 3) men 3) das heifst wohl, Christas ist auch 

ein zuonamc wie Jesus. i) wclleut 5) sucLent G) diu 

7) euwurdc 



22 BRUDER DAVID VON ALGSBURG. 

liehe nalüre, daz was unmiigelich , vvan diu gotheit ist also 
staete an ir irre edele , daz si nilit inac verwandelt werden 
von irre ewigen vollekomenheit. Avan daz beste mac niht 
bezzer werden, ez hat allez, daz bezzer möhte sin; ez sol 
euch niht niinre werden, wan abeuenien ist ein gebreste des 
besten, diu menschliche näture solle euch niht verwandelt 
werden in die götelichen, wan wwre niht >ater unde mensche 
gewesen, so ha^te er niht für den menschen gebüezet. nu 
ist diu göteliche persone des gotes sunes *) unde diu {bl. 100") 
menschliche njiture ein persone worden in Kristo Jesu, daz 
diu mäht an der gotheit si, den menschen wider ze machende, 
unde daz reht an der menscheit, für den menschen ze biie- 
zen : wan den menschen wider machen ist also groz , alse 
himel und erde von nihte machen, und alse daz nieman 
möhte tuon wan got, als6~) möhte diz nieman tuen wan got, 
und solle doch nieman wan ein mensche tuon. da von ist 
Kristus got und mensche : got von gote geborn ewecliche, 
mensche von einem menschen geborn reinecliche. wsere er 
von der muoter gebrochen als Eva von Adämes rippe , so 
wäre er menschen kint und waire uns deste frömder. daz 
aber er uns deste heinlicher weere unde von der heinliche 
deste lieber, do wolte er niht alleine ein wärer mensche sin, 
er wolte ouch menschen kint sin. 

Herre Jesu Kriste , diz was dir niht unmiigelich , daz 
du weitest mensche werden, unde din würdekeit ist da mite 
niht geswechet. wan sit wir daz geloubcn, daz du den men- 
schen eigenlicher nach dir selber hast gebildet unde dir ge- 
licher gemachet denne {bl. 100'') dekein ander creatüre an 
manigen dingen, so ist daz wol gevellic, daz du dich ime 
gelich hast^) gemachef, daz du sine natüre an dich genonien 
hast, aue sünde. siinde diu entedelt alleine die näture , diu 
nach dir gebildet ist, niiit die irdenischc mäterje, diu dii wol 
gemachet hast, sit aber diu siinde da von gesuudert mohte 
werden, waz möhte dö dine würdikeit geswechen diu mensch- 
liche nalüre, die du selbe geschüefe, daz si dine wünne mit 
dir niczen solle? ez leit etewenne ein künic sines rillers 
roc an oder sines knehles , obe er guol und reine isl , unde 
hat doch siner küncclichen eren dar mite niht geswechet^). 

1) sunes 2) und a. 3) best 4) gcsoliecbel 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 23 

also mohfesl du, liimelischer künic Jesu Krisle, dines kiiehtes 
des menschen nälure an dich nemen ane sünde, daz doch din 
götelichiu wiirdekeit da von nihtes niht geswcchet noch ver- 
wandelt wart, den du niht versmahetest nach dir selben ze 
bildende, des*) versmrihest du ouch niht, daz du dich nach 
iine hast gebildet an menschen bilde, wir wizzen ouch wol, 
daz du den selben menschen üzgenomenliclie ^) minnesl 
vor aller dirre weite , wanne die hast du durch in alleine 
{bl. 101") geschaflen. so ist diu minne der krefte, daz si 
den minner neiget zuo dem geniinneten unde machet sie ge- 
lich einander mit der liebe, sit du nü gar ein minne bist 
unde diu hoehste minne bist und enmaht äne minne niht we- 
sen , alse daz fiur äne hitze , so begerst du niht lürbaz von 
den, die dii minnest, denne daz sie dir mit dem selben gelte 
wider mezzent , daz sie dich mit triuwen minnent nach ir 
mäht, alse du sie hast geminnet. 

Dar umbe woltest du allez daz tuou , da mite du raöh- 
test zeigen , wie liep du uns hast unde waz du durch unser 
liebe tuon wollest, unde da von wir dich alle wider aller 
liebest künden hän und aller innerste minnen. wie du aber 
diner götelichen nätüre^) aller minnenclichcst sisl, so kün- 
den wir dich doch dar iiiuc niht ze reble geniinnen, wan 
unkiinde machet unminne'*), wan dinen götelichen hcrluom"') 
künde unser tunkel bekanlnisse niht gereichen, dar umbe 
was des not , daz du mensche würdest , daz wir die nalure 
an dir minneten , daz wir an uns selben erkennen und also 
in der menschlichen liebe an dir würden wahsende zuo der 
götelichen erkanlnisse unde {bl. lOl'') zuo der geistlichen 
minne. also hast du alle unser liebe an dich gezogen , daz 
wir dich minnen alse unseren herren got, der uns unser we- 
sen git, alse unseren heilant , der uns daz ewige leben ge- 
ben wil, alse unseren bruoder, der sich uns an allen dingen 
dcmüctecliche gelichet bat, alse unserr'') genoze einen ane 
Sünde und äne unwisheit. wie getörsten wir dich liep ha- 
ben in diner götelichen magcnkraft^)? oder wie gelörslen 
wir dir des gelriiwen von diner ewigen wisheit, daz du uns 

1) daz 2) vujsl. 330, ;U). 3) naluren 4) Sprichwort : 

vergl. Parz. 351, 13. La/iz. 8585. 5) licrlüme. vii/nt. 3'21, 27. 

6) VDseren 7) ynyst. 342, 1. 



24 BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

hineden irdenischen menschen minuelesf so minneclichen also 
du luost, obe du dich niht so gar gedemiietiget betest, daz 
du da mite die getiirslekeil gegeben hast uns armen, daz wir 
dir getruwen, daz du unser gnade habest unde guote ruoche. 

Zwei dinc diu machent uns arcwan , daz wir dir alse 
liep niht sin alse die engele. daz eine, daz du uns von der 
erden an dem libe gemachet hast, dö du den engel in dem 
himele geschüefe und in da in siner geistlichen luterkeit und 
in der rincverten ') edelkeit ane lipliclie bürde behielte, dar 
an möbten wir warnen, daz wir dir unraairre wahren, denne 
sie, die du in edelre nätüre gemachet hast, unde die mit 
{bl. 102") enkeiner liplichen bürde beheftet siut noch mit 
irdenischer mäterje geswechet. daz ander, wan daz wir 
gesundet hän unde wider dine hulde getan , daz täten die 
heiligen engele niht, die von anegenge in dinem ^j willen 
statte sint unde die nie niht wider dich getaten, klein noch 
gröz : da von müezen wir dich ouch förhlen, swie dii doch 
die schulde vertreist , daz du uns doch dar umbe u"zeresl 
an der liebe , mer denne obe wir niht wider dich getan be- 
ten, unde diu selbe vorlile bena'me uns vil der liebe hin ze 
dir, wan diu liebe ist hin ze dir alse vri, daz si niemen lät 
enkeiner würdekeil noch gewaltes geniezen , niuwan .... 
weme ich waMie niht gar liep sin , den enmac ouch ich niht 
gar liep haben, swie hoch er si oder swie ahtba'r^j, wan 
diu liebe ist umbetwungen : der si koufen welle, der koufe 
si mit liebe, äne die ist si unveile'*). also hast dö, höchster 
künic , getan : du hast unser liebe alle mit aller diner liebe 
gekoufel. swie du doch anderr dinge vil riebe sist, so bist 
du doch niht richer denne niinne unde güete. dar umbe 
hast du uns die zwene arcwane gar benomen da mite , daz 
{hl. 102') du ein mensche worden bist, und enmahl mensch- 
liche natüre nü niht versmälien, die du an dir selber hast, und 
enmaht si ouch niht gehazzen , wan so müestest du dich 
selbe hazzen, sit du selbe ein mensche bist. 

Von näturc minnct ein icclich dinc selben sich und sine 
nAtüre. also ist diu mensclieit ein sla^tiu hantveste sicherre 
suone unde ganzer liebe von dir, diu uns der engelischcn 

\) riiiverlen. vn/.sl. IJ'i'i, 2',». 2) iliiieii 3) olibcr 4) vvr^l. 
ini/.s/. HlkS, 2:{. 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 25 

genozescliefte niht alleine gelichet h;U an der würdekeit, si 
hat uns joch überhoehet , wan diu nätilre , diu e under in 
was von den siinden, diu ist nü hoch über sie konien an ir 
herren , unde neigent sich nü deraüetecliche under sie ze 
dienste, diu sich vor gegen in geneiget hete ze vlehen. die 
bürde'), die du deine menschen betest geben an dem irdeni- 
schen libe, die wilt du ime nü keren ze einem erenkleide^) 
mit diner wüuuerichen raenscheit, alse diu gotheit der sele 
ist ze sehende ein volle fröude , daz din menscheil also si 
deme libe in himelriche ze der froelichen urstende ein wün- 
nenspiegel , alse diu sele mit der golheit mit fröuden gese- 
gelt^) wirt innän , daz der lip ouch mit sa*lden durchgozzen 
(/»/. 103") würde von diner menschlichen angesihte uzen, 
also wirt der lip der eren teilhaft mit der sele , der hie mit 
ir teilhaft ist gewesen in den noeten. wan ez zimet wol, 
daz die wegegeverten gemäzen sin in der Wirtschaft^), daz 
wa^re niht so genzlich gewesen , betest du unser menscheit 
niht an dich genomen. also ergetzest du uns aller erbeit 
mit dir selber unde gist uns vor den engein beide geistliche 
fröude unde lipliche wüuue. unde alse du uns einhalp hast 
gedemüeliget under die engele, alse häst^) du uns anderhalp 
über sie gceret au dir selber. 

Wer Uli niht geloubet, daz du mensche worden sist, 
unde wwnet, diner götelichen würdekeit si daz ungezseme, 
daz du dich dar zuo gedemüetiget habest, der verstet niht, 
daz rehte güete niht gesin mac äne ganze demuot. alse vil 
eime iegelichen herren gebristet an der demuot. alse vil ge- 
bristet ime ouch an der güete. nü bist du der herre höchste 
an aller güete obe allen guotcn herren , alse du der höchste 
bist an dem gewalte und an den eren obe allen höhen her- 
ren. daz wir denne'') ungewon sin grözer demuot an grö- 
zer herschaft, daz ist niht wunder, wan {hl. 103') alse wir 
dinen genöz niht vinden an der güete , also vinden wir in 
ouch niht an der demuot. alse din güete alle die fürtrillet, 
die in himel sint und üf erden, alse gar dincs minncrichcn^) 
herzen demuot ist^) vor allen engelen und allen menschen. 

1) bürden 2) viiist. 381, 18. 3) gesigelt? gesegenelf 

4) ocrgl. iinjsl. .'JSl, t>l. 38.'), 23. '^) host ♦)) den 7) ininucs- 

richcn 8) ist fehlt. 



26 BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

Du hast enkeineu kneht detniietiger denne du selbe bist, 
aller dinge almehtiger herre. die heiligen engele in himele 
möhlen dich anders niht so völlecliche geminuen , s*hen sie 
so genzliche niht an dir die groze demuol diues niinneclichen 
herzen , wie dii , aller dinge herre , allen creälüren dienest 
beide höhen unde nideren, mit denie , daz du ir iegelichem 
gist allez, daz ez ze sime vvesenne stiindecliche bedarf, rehte 
als obe du ir ze not bedürfest (unde du doch uihtes bedarft), 
rehte als obe du ir ze not bedürfest, diner ewigen niagen- 
kraft ienier richer herre. sit wir aber din götelich herze 
niht möhten gesehen alse die engele in himele, do wollest 
du uns hie in erden zeigen , wie guot du sin kanst gegen 
den, die du minnest, unde hast*) dich gedemüetiget, eines 
versmäheten forme an dich ze nemen^), daz ist menschlich 
nätüre, unde hast dar inne (hl. 104'') uns gedienet dar umbe, 
daz du dinem^) vater für uns gebüezet hast unser schulde 
unde bist uns ze helfe komen in unseren noeten als ein ge- 
triuwer friunt: wan in nceten sol man'*) den getriuwen friunt 
kiesen, der friunde ist genuoc , die ir guot wol teilent mit 
ir friundeu; sie wolten aber niht grozes kumbers durch sie 
liden. daz aber du uns innan bra'hlest, wie ganz din triuwe 
gegen uns si , so wollest du uns niht alleine din riclie mil- 
tediche mite teilen, du wollest joch durch uns""^) gröze 
smächeit, groze armuot, gröze arbeit, grözen wetagen unde 
den bittern tot liden. wahren wir in die not niht komen, 
so holest du so gröziu dinc durch uns niht getan noch er- 
lilen, und also wseren wir diner güete unde diner minne so 
genzliche niht innän worden, da von sin wir dir nü mere 
gnaden schuldic denne obe wir nie in not komen wahren, 
unde merre liebe unde merre triuwen , unde von der grözen 
niiniic'') verdienen wir nu grot^zeren lön in himeiriche. also 
hast du uns unseren schaden ze gewinne gekcretunde {bl. 104'') 
unser übel ze guole und unseren val ze bezzerre urstende und 
unsern töl zc heilsamer gesuntheit. swie dii von anegenge 
gedahl hetcst den menschen ze loesenne unde mensche durch 
in werden, so wollest duz doch niht zehant nach dem ersten 
vaJle tuon, e daz der übermüele mensche wol innän würde, 

1) liest 2) (lieb gciiomen 3) diiieu 4) incii 5) vusere 

U) iiiinneu 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 27 

waz er an inie selben niöhte han und in weleme kuniber er 
Irege, da von er ime selben nilit niohle üz gehelfen. 

Der mich arzenen wil , 6 daz ich mich siech erkenne, 
oder der mir ilf helfen wil, die wile ich mir selben triuwe ze 
helfende, dem danke ich so grözer gnaden niht noch en- 
pfienge sine helfe mit so grozer begirde niht, alse so ich 
des befiinde, daz ez mir an die rehten not zuo gegienge. 
dar nach und ein iegelich not näher get, dar nach siht man 
den nölhelfer froelicher zuo gan. der in grözen vreisen ge- 
vangen ist, deme kan niht liebers geschehen, denne obe er 
da von würde erlöset, also wollest du beiten mit der not- 
helfe hize daz der mensche sine not bekande , daz er dich 
so vil lieber da {hl. 105") von gewünne, so vil ime diu helfe 
troestlicher kseme. also kerestu dicke zuo grcezern fröuden 
groezer ungemach unde lengeren ^) jämer , daz din trost dar 
nach dem^) menschen deste siiezer s\, so vil er kumer er- 
liten hat unde mit sendem grözem^) jämere gegert hat. deme 
hungerigen ist ein brot troestlicher denne deme säten ein 
gröziu*) Wirtschaft, dar umbe last du diniu kint üf erden 
dicke kumber liden, daz sie nach dir deste mcr janiere unde 
daz ir fröude her nach deste groezer werde, wan du sie ge- 
salest mit dincr froelichen angesiht nach aller ir begerunge, 
wan nach der begerunge wirt diu salunge der himelischen 
fröuden. 

Diu gerunge derret si hie mit minnen jamere, daz si 
des lebenden brunnen deste nie her nach in sich müge ge- 
ziehen, also woltcst dii komen ze nöthelte dem*^) menschen, 
dö er in allen wis versuochet bete unde befunden, daz we- 
der er selbe noch nieman anders möhte ime gehelfen üz si- 
nen grozen noeten, niuwan du, hcrre got, alleine, daz aber 
dine friunde ihl verzageten von der langen beituuge (/>/. 105'') 
unde daz ieman wände, daz du des menschen vergezzen hü- 
test oder keine nioclie betest, do trete du ez doch lauge vor 
kunt von ancgenge mit manigem betiutlichcn vorzeicbene, 
mit der eugele geheize, mit der vvissagen worlen , mit der 
heiligen werken , mit dius heiligen geistes Urkunde , daz du 
komen woltest unde menschliche natilrc an dich nemcn, und 

1) leiigclereii 2) den 3) seiulcii groscn 4) eine fijrose 

5) den 



28 BRUDER DAVID VON ALGSBURG. 

unser keinpfe derae tiuvele gegene werden unde dinem vater 
für uns biiezen sin lasier und uns von der helle kerker lidi- 
gen unde die verlornen rehtekeit dinen erweiten wider ge- 
ben unde daz paradis üf sliezen unde der engele genozschaft 
uns wider geben unde mit sele unt mit libe ewecliche sselic 
ze himelriche machen mit diner froelichen angesiht. 

Des hilf uns, herre Jesu Krisle, gelriuwez herze, daz 
diu erbeil iht an uns verlorn werde, du bist dins valer 
rehter') erbe unde sin einborner sun. unde daz wir niht 
gedachten, du widersprachest ez, obe der vater sin erbe mit 
uns teilen wolle , dar umbe bist du selbe ein mensche wor- 
den, daz du (bl. 106") uns din erbe mit dir selber stielest, 
daz wir erkennen widersalz gegen dir fiirsten. diu siinde, 
die Eva lel zeni ersten , da von wir alle gotes hulde verlu- 
ren , swie diu wwre wider die heiligen götelichen drivalt, 
diu an allen dingen ungezweiget ist an ir ewiger einvall, 
so was si doch eteswie besunder wider dich , Jesu Krisle, 
wan du dines vater wisheit heizest, wan Eva gerte nach 
des lügeners geheize, daz si din genozin"'; würde an der 
wisheit wider dinen willen , dö ir der liuvel gehiez , daz si 
wider gotes gebot daz obez seze, so werde si gote gelich an 
der wisheit Übels unde guotes. daz wir nü deste sicherr 
sin diner suone , so wollest du selbe mensche werden unde 
wollest die sünde , diu besunder wider dich getan was , für 
uns büezen, daz wir wislen , daz uns din vater siner hulde 
niht verzihen möhle, sit du, sin liebesler sun, umbe uns be- 
test, denne er niht verzihen mac. und obe er den menschen^) 
wolle vient sin, so müesle er sins Heben sunes *) vient ouch 
wesen. daz ist gar unmügelich , wan ez wa^re ungevellic. 
{hl. 106') swaz aber iht an gote möhle ungevellic wesen, 
swie ez joch kleine wsere, daz ist mit deme selben unmüge- 
lich , ez enwa're anders niht genzliche vollekomen, wa^re iht 
wandelba'rcs an ime. 

Swä uns aber dunkel, daz du, herre got, anders sin 
oder luon sollest, der gebresle ist niht an dir, er ist an un- 
serre blinliieil und an unserre unvcrslandcnheit") : wan sto- 
zct sich der blinde in deme sunnenliehte, daz ist siner bliut- 

1) rebt '2) gciiorseii !?) ineusche 4) süiies 5) myst. 

•yrs, 25. 



BRUDER DAVID VON ALGSBURG. 29 

heil schult'), niht der sunnen vinstere. dunkel aber iemaii, 
daz diu valer, Jesu Krisle, diel» billiche allem dem üz n;eme, 
dem er sine hulde gebe und sin erbe, wan dii nie siinde ge- 
wunne alse wir alle , unde daz er uns dar umbe siille ver- 
slözen sines riches, der bedenket niht wisliche, daz dir daz 
niht ersam wsere, sollest du alleine alles dines^) mensch- 
liches gesiebtes din wilez riebe besitzen, daz engeza-me 
iuwer beider minne niht, daz des küniges sun von sinen 
schillgesellen alleine ze sins valer tische gienge unde sine 
gesellen hie vor hungeric unde riuwic lieze. {bl. 107") sol 
er sin ere nach siner miltekeil iemanne mite teilen , weme 
tuol er daz billicher denne sinen bruoderen unde die sinen 
schilt Iragent mit des menschen herzeichen^)? 

Swie aber den ungeloubigen liuten daz versmahe und 
ungeloublich dunke, daz got si mensche worden, so verstaut 
doch die relilen verstandenen*) herzen wol , daz got nie so 
löbeliches noch so hohes werkes nie geworhle in aller der 
welle, driu wunderlichiu werc hast du, lierre schöpfer, ge- 
würket. daz ersle, daz du alse raanic dinc , alse michele 
alse stalle alse manicvallig alse in aller der welle ist an hi- 
niele und an erden , daz dii daz also schiere alse lihle alse 
ordenliche von nihte mohlesf') gemachen und üt' niht hast'"') 
gestaltet wan uf diner wunderlichen krat't. wan alliu dinc 
eteswä ende haut, so bist du alleine äne allez ende, daz 
ander werc ist noch wunderlicher: daz du die witen unde 
die grözen well alle in eime kleinen vezzeline beslozzen 
hast, daz ist in deme menschen , in deme ein gelichnisse ist 
aller der welle, da von heizet er die minre well, wan 
daz^) in der grözen {bl. 107') welle wite zerspreilet ist, 
daz ist in deme menschen nähe zcsamene gefüegel. da von 
heizet er alle creatüre , wan aller dinge nalilre und gelich- 
nisse ist in ime: der erden an deme vleische, der steine*^) 
an dem gebeinc, des luftes an dem geiste'"*), der winde an 
den bkrsten, des fiures an der werme, des wazzers an dem 
bluote, der liebte an den ougcn, der bäche'*^) an den Adern, 
des himels an der hirneschalcn. unde also alliu nideriu dinc 

1) vergl. vnjst. .318, "XA. '2) alleirie aiie diu? ;{) vcrgl. 

myst. 319, 29. 4) nii/st. 310, 7. 5) mölitest (i) best 

7) der 8) steinen 9) den geislen 10) baclie 



30 BRIDER DAVID VON AUGSBURG. 

sich rihtenl nach den oberen^), also~) vliezent alle sinne des 
libes von dem hirne. unde daz noch wunderlicher ist: disiii 
liplichiu dinc berililet ein geborner, der niht liplich ist: daz 
ist diu sele, in der allez daz ist geschriben natiurliohe , daz 
geschaffen sin begriien mac: si ist wisheit, si ist leben, si 
ist wille, si ist kraft in ir selber und ist deme irdenischen 
libe in gegozzen wunderliche , daz si ime leben git und eu- 
pfindunge unde begerunge unde zuonemen. alse wunderlich 
daz wsere , der von leimen unde von winde ein bilde ze sa- 
mene wuUe ^), diu doch beide liplich sint, michels wunder- 
licher ist , daz ein mensche von erden unde von geiste ze 
samene {hl. 108") gefüeget ist. so ist daz dritte werc aller 
wunderlichest, daz got unde mensche ein persöne ist wor- 
den, daz alle wisheit (daz got selber ist), alle mäht, alle*) 
tugende, alle ewikeit, der got, der alliu dinc in ime hat be- 
slozzen, der weder ende noch anegenge hat, des michele ist 
äne mäze , daz sich der in eime libe hat beslozzen und in 
einer sele^), die er gemachet hat, unde diu driu also ze- 
sameue getempert hat , daz der lip unde diu sele unde diu 
gotheit sinl mit einander wärer got unde mensche , unver- 
mischet an der nätüre, ungezweiet an der persöne, alse sele 
unde lip ein mensche sint und ist doch einez niht, daz daz 
ander ist. daz min sele tuot, daz tuon ich. daz min lip 
tuet daz, tuon ich, swie doch der lip niht künne gedenken 
noch diu sele niht släfen noch ezzen. also ist an Jesu Krislö 
got mensche unde mensche got. waz diu meiischeil Jesu 
Krisli tet oder leit , daz sprechen wir, daz habe got getan 
oder gelilen, alse ligen, sitzen, arbeiten, sügen , ezzen, sla- 
ien, hunger liden unde lurst unde siege, sterben unde erstan, 
ze himelc varn , diu alliu din menscheit tet unde leit, von 
den diu gotheit vri ist in ir {bl. 108'') ewigen ruowe , die 
kein waiidelunge noch erbeit b(Mnier(Mi kan. also swaz din 
gotheit ist unde tuot, daz tuost du, Jesu Uriste , wärer got 
und wärer mensche, du bist dines valei" näliurlicher sun, 
du bist ein schöpfcr aller dinge , von deme der heilige geist 
ewecliche (liuzel mit dinem vater*') gemeine, und ist din 
menscheit doch niht von deme valer ewecliche geborn , und 

1) oideren 2) vü \\) j/i'ucf. von wellen, wölben, drehen. 

4) aller 5) seien 6) dincn vallere 



BRUDER DAVID VON AÜGSBLRG. 31 

ist geschaffen von dir unde von dinem vater unde von dem 
heiligen geiste , alse alle creätüre , und ist erfüllet mit der 
gnüde ^) des heiligen geistes, mit der iibermäze, niht mit der 
mäze, wan diu ganze vollunge aller gnaden ist dir geben. 
nach der menscheit enpfähest du, nach der gollieit gist du 
gnade, du aller gnade richiu triskaraer^), teile uns mit diner 
gnaden schätz, da mite wir unserre^) armuot ein weninc*) 
versl«)zen. 

Lieber lierre unde vater unde bruoder Jesu Kriste, du hast 
dir eine muoler von uns erkorn , von der du unseren mensch- 
liciieu lip au dich geuomen hast'*), daz du uns da wider teil- 
haft machest diner gotheit, die du mit dem vater unde mit dem 
heiligen geiste hast {hl. 109"') ewecliche gemeinet, alse du unser 
bruoder bist von diner muoler, daz wir dine briieder von 
dinem vater würden, wie aber din gewalt eine iegeliche*') 
frouwen dar zuo wol möhtc bereit hau unde gereinet mit 
dines heiligen geistes kraft, daz si würdecliche din muoter 
würde, so gezani doch des diner reiiiekeit aller beste, daz 
si ein rciniu maget wcere, diu dich gcberen solle, den brun- 
nen aller reinekeile, der uns alle von sünden solle weschen. 
diu reinekeil, diu aber alliu von dir vliezen solle zuo den, 
die dich an gehnercnf, diu huop sich billiche an der slat an, 
(iannan der brunne zem erst ist üf erlriche üz gegozzen : wan 
so ie naher dem ersten Ursprünge^), so ie luterr unde scho;- 
ner liuz ^). 

Du bist daz wazzer des ewigen lebennes unde der heil- 
samen wisheit. du weschesl, du truckest, du küelest, du 
trenkest allez , daz du durchlliuzest. diu ewiger ursprunc, 
Jesu Krisle, daz ist dins ewigen valcrs herze, nach des 
süeze unde schoene unde nach des kraft enlwirfel sich eigen- 
lich din gölelichiu edelkcil, alse ein edel kint nach {bl. 109'') 
sinie edcln valcr. so du mit dime gölelichen lluzze alliu 
himelischen lant erfüllet betest unde den engclischen lugenden- 
garle alle mit dem '•') fröudcnguzze helesl herhält gemachet, 
dö sanlest du dich her nider ze dürrem '") erlwuocher, daz 
euch wir armen eleliche tugent unde fruht brachten von diner 

I) gnaden 2) tresk. 3) unsere 4) wennic 5) liest 

G) einer ieglicher 7) vrsprungen 8) was. vernl. ini/.st. 'MO, 6. 

9) den 10) diirren 



32 BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

gnaden träne, und alse ein vliezzende wazzer, daz in die 
erde gßt und anderhulp einen ursprunc vindet, daz ez wider 
üz fliuzet, also hast du der reinen megede lip dir ze einie 
irdenisclien Ursprünge üz aller der weit erweit , von der du 
uns bist mit reiner geburt in dise weit gesprungen, swie 
aber der uzfluz sich an dem schine nach dem Ursprünge habe 
geverwet (daz ist an menschlicher nätüre, die er von der 
muoter enpfangen hat) , so ist doch diu kraft unde der smac 
da von an nihte geswechet: alse reine alse dich diu reinestiu 
muoter von dins himelischen vaters herze enpGenc, alse reine 
hat diu liebiu muoter dich wider geantwürtet an dise weit, 
uns ze scelden unde dinem *) vater ze hohen eren. {bl. 110") 

Da von was daz zimelich, daz si diu muoter solte sin. 
in der hoehsten reinekeit unde heilekeil wiere du , diu nach 
gute möhte sin , diu des wert was , daz si unde got vater 
ein kint gemeine haben solten , daz wärer got wa^re unde 
den er also sich selben minnet der himelische vater unde von 
dem der heilige geist eigenliche alse von deme vater fliuzet. 
so höher hört solte niht wan in deme reinesten sarke ver- 
sigelt werden, der nie enkein unsuferkeit häte enpfangen. 
wan swie man doch ein vaz gereinen müge, da unsuferkeit 
inne gewesen ist , so pfliget ez doch des smackes ein teil 
in ime lange ze^) behalten, also der siinder, swie doch 
der von gnaden müge geweschen \^ erden von siinden , so 
blibet ime doch dar nach der gesmac lange in der gehiigede 
der leiden gewizzen^). da von zam wol , daz gotes muoter 
in der reinekeit wa^re , diu weder von werken noch von 
Worten noch von gedanken nie betriiebet von siintlichen ge- 
lüsten würde. 

Der heilige geist, der in ir daz edelste werc würken 
{bl. llü'') solle daz ie wart oder iemer werden mac, der 
wolle si in irre muoter übe also gereinen unde geheiligen 
von Sünden, daz diu gemeine sünden würze, da wir alle 
inne enpfangen sin die von Adäme komen , nach der näture 
gcwonheit möhle an ir enkcinen sünden'*) wuocher bringen, 
dar zuo het er si ouch von kindes beine in den gnaden 
zarte behüetet"'^) und in den tugenden zühlen erhaben, daz 

1) (liiien 'i.) hat 3) gewiseii 4) siindere 5) bebuteu 



BRÜDER DAVID VON AUGSBURG. 33 

si obe aller creatüren werc geniachel ist, daz diu götcliche 
clärlieit in ir ganzlich ir eine besiinder riioweslat ervvelt hat, 
daz si alleine gotes nuioter worden ist. wan von der sub- 
stancien , diu si selbe was , hat got die menscheit wa'rliche 
enpfangen an sich, und wan si ze der hrehslen reinekeit er- 
weit was, die got einer lüteren creatüren, diu niht got was, 
geben wolte, daz si gotes natiurlichiu nuioter wa-re nach der 
menscheit, so was daz gefiicge, daz si des hrehstcn ordens 
diu hoehste wa^re, der üf erden ist. 

Die drie ordcn') sint eliute, wilewen unde niegede. der 
dritte ist der hoehste, unde der niegede sint eteliche , die 
{bl. lir) willen gehabet hänt ze toetlichen sünden unde den 
willen mit buoze abe geweschet hänt. die andern sint , die 
ze elichen-) dingen alleine ir willen geneiget haut unde wan- 
delent den willen in ewige reinekeit. die dritten^) sint die 
hoehslen, die von kinde in deme megetlichen fürsalze gewe- 
sen sint und in huote aller reinekeil und in vlize aller heilekeit. 

Under den was gotes reinestiu nuioter diu hoehste und 
ouch diu erste, wan in der allen e was magetlichiu reinekeit 
ungewönlich , wan sie dö nluvven irdenische wünne miiine- 
len. do si liebiu magel von des heiligen geisles lere der 
himelischen wünne gesmahle, dö wart ir alliu irdenischiu 
wunne bitter unde lustcte si der engele reinekeil , die mit 
gote sint, die nieman gesehen mac, er si gar lüter und alse 
die engele äne sünde. dar unibe wolle sie iemer niaget bli- 
ben, si hieze dcnne gol ein anderz, und also hiio|) si zem 
ersten hie üf erden den li(clislen orden. des mac heizen 
magetuom ein edeler lilje, bluome aller niegede. {bl. lll') 
also diu lilje bringet diu gollvarwen kölbelin von ir obersten 
mittel, alse hat uns diu reine magel brähl dich, herre Jesu 
Krisle, wärer got, gekleidet mit der menscheite. 

Der kiuschekeit orden was ie an der götelichen drivalt. 
von der lerneten in die heiligen engele in liimele. dar nach 
lerte in gol selber die reinen magel, diu gotes muoler wer- 
den solle, kiuschekeit orden himels leben. (Mich leben ist 
irdi'iiisch. da von wait diu e gezieret üf der erden und 
ouch'') in dem paradise. daz bezcichenl die nideren slat unde 
der tiusche (?) unde daz ir läl müge werden, daz aber die 
1) ('Irdeiic '2) eUelicIieii W) dirlen i) doch 

Z. F. D. A. IX. 3 



34 BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

eliule linde die witewen ilit wänden, daz sie verworfen wie- 
ren von dir (wan du niuwen eine maget ze einer muoler 
wollest erwelen), do schuof daz din wislieit, daz si gegeben 
wart ze reliler e einem manne, deme du den selben willen 
ga-be ze kiuschecliclier reinekeit als oucb ir. wir haben ez 
ouch da für, daz er ein reiner magetdegen wa^re. wan daz 
berste und daz boehste beiltuom'), daz {bl. 112") bimel und 
erde ie gewan, daz bist du, Jesu Kriste, und din reiniu muo- 
ler. daz solle nienian billicher bevolhen werden wan der 
in der boebsten reinekeit wwre, diu üf erden ist. sie waren 
beide von der kiineclicben Davidcs sippe, daz uns da bi würde 
bezeichent, daz du ein künic bist^) himels und erden, und 
alse du Daviden von sinen sünden wüesche und ime daz 
riebe, daz er durch die sünde verlorn bete, genzlicbe wider 
gsebe und groezern richtuom denne da vor, daz du uns von 
Sünden loesen wollest unde daz himelricbe wider geben, daz 
uns die sünden benömen lianl, unde groezer ere denne wir 
verluren. wan daz du unser bruoder worden bist und uns 
erloeset hast, unde daz wir dine erenriche menscbeit mit lip- 
lichen ougen unde geistliche sehen unde niezen sülleii , daz 
ist uns menschen ein grcezer^) ere denne wir e an uns ver- 
lorn baten. 

Wir alle sament sint ein stoup gegen dir, niht alleine 
gegen diner ewigen gotbeit, joch gegen diner mit gote ver- 
eineten menscbeit. {bl. 112') din eines leben ist tiurer dan 
obe unser ieglicbez ein ganziu weit wa^re mit liuten und an- 
deren dingen, dar umbe ist daz gelt groezer gewesen , daz 
du dich hast für uns ze buoze geben, denne obe diu schulde 
lüseiitvalt merre und groezer gewesen wa^re. da von sint 
zweier bände liute groezer verdamnisse wert denne da vor. 
die einen , die an dir verzwivelent als obe du niht so vil 
guoles habest, daz du in ir sünde wellest vergeben, obe sie 
rebte riuwent. die anderen , die die selben güele versraä- 
bent, daz sie die sünde niht lazen wcllent durch dine liebe, 
die du uns erzeiget hast, daz du dich durch uns geben hast, 
daz wir die sünde niht für dich minnclen. do din triuwe 
gegen uns ie grcezer ist, so unser untriuwe hin wider ie unbil- 
licher schinet, obe wir niht danken diner liebe alse wir möhlen. 

1) hellüm 'l) biil ß'Jill. :$) grose 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 35 

Der nanie daz diu nuioter Älaria genant was, daz sprichet 
ein mersterne. daz was ein bediulnnge irre stallen heilikeit. 
wan alse der mersterne stsete ') stat, so ander Sternen urabe- 
gant, (hl. WZ") also sluont si stalle an der heilikeit, davon 
si klein noch groz nie vervvankete. diu erste heilikeit, daz 
si der heilige geisl in ir nuioler lihe gelieiligete , diu benam 
der angebornen sünden würze, da si mite eüipfangen was, 
den gewalt, daz si si nie in keine groze siinde gewerfen 
mobte^). so beliuote si diu gnade, diu an ir nie was deuoe 
an ie dekeinen menschen , alle zit üf nanv (?) an tugenden 
und an guoten vlizen , daz si vor kleinen tegelichen sünden 
beschirmet wart alse vil vöUeclicher vor allen heiligen , alse 
vil du si dir selben vor in allen bereitest ze einer bcsunder- 
lichen wonunge, in der ganzliche du wonest geistlich unde 
liplich. dö si dich do enpfienc von des heiligen geistes kraft, 
dö wart si also ganzlich geliutert von aller sünden male, daz 
weder legelicher noch tätlicher sünden alse weninc gewaltes 
an ir fürbaz bete als an den engein in himele, si wa're an- 
ders niht gar gnaden vol gewesen, waere iht la*res und ilels 
in ir, da sünde möhte stat gehabet hän. alse vil gotes 
{bl. 113'') minne den menschen indevvendic erfüllet, also we- 
ninc hat diu sünde stat oder mäht in im^). alse vil aber an 
dem menschen mrrre wan"*) ist oder itel von gotes liebe, 
alse vil bat diu sünde merre stat unde gewaltes an ime. 

So wir dar komen, da uns din liebe gar durchfüllet, so 
werden wir gar reine von der sünden "') vinster mit diner 
gesilite liebte, wan dö der heilige geist, der die minne hei- 
zet in heiliger drivalt, si also gar erfulte indewendic an der 
seien und uzen an deme übe mit gnaden, da von sprechen 
wir, daz si dich, Jesu Kriste, enpfienc von dem heiligen 
geiste, wan er mit siner kraft von ir überreinem übe worhte 
den menschlichen lip, den du an dich genomen betest mit 
einer reinen sele. swie si doch also gereinet wa're , alse 
diner muoter zimelich was, so wart doch daz teil ires libes, 
daz du an dich enpfienge, also geiizlicbe gesundert von allem 
sündcnmäl, als") diner gölelichen reinekeite wol gezam, diu") 
ez von anegenge von Adame {hl. 114") behüetet helc, daz 

1) ati St. sl. 2) inohle Jelill. W) ir 4) wan, leer. 

5) süiider 0) aller 7) daz 

3* 



30 BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

ime tliii gemeine angeborne süiule, diu allez niensdien küiino 
bevangen bete, nibt genahen mÖbte. wan der von nienscb- 
licbem werke nibl ciipfangen wart, den solle oiicb nienscb- 
licliiu schulde niht anerben. der uns von siinden reinen solle, 
der solle billicli selbe gar reine wesen. sin ewigiu wisbeil, 
diu ie wiste vvaz daz beste was und ist, diu hat unsere er- 
besunge also geordent , daz einz ienier an dem werke der 
gnaden wider tribet, daz vordere an dem valle , alse der 
arzat, der wider ein iegelicbe sacbe des siecbluomes git ein 
arzenie, diu da wider geliillel. alse der erste Adam ane 
siinde geschaffen was von der reinen erden, alse ist der an- 
der Adam äne siinde enpfangen unde geborn von der reinen 
megede. alse Eva, maget wesende, daz obez az , daz uns 
den tot brabte, alse enptienc diu reiniu muoler Maria magel- 
wesende des lebennes frubt, dich berre Jesum Krislum, der 
uns daz ewige leben geben sol. wider Even bobfarl ist in 
Marien demuol gevveliselt '). Eva geloubele deme slangcn 
(hl. 114'') wider gotes warheit : Maria geloubele deme en- 
ge! Gabriele die göleliche bolscbaft. 

Swie du doch mohtest mit dines geisles beinlicher krall 
gewürkel haben in diner muoler swaz du wollest, ane enge- 
lische helfe, so wollest du doch zeigen da bi, daz du den 
engel vor sanlesl, daz^) du der engele beri'e bist, deme die 
engele bereit sint ze dienende, als die herren pflcgent ir vor- 
holen senden swa sie wellent herbcrgen. er wolle oucli die 
reine maget vor mit der bolschafl zuo deme gelouben berei- 
ten gegen siner kiinfle. wan der geloube ist ein vorberei- 
lunge gegen diuer gnaden kunfl. der geloube^) reiniget daz 
herze von nngelouben unde bereitet die sele zuo der gotes 
kiinfle. also der ungeloube*) an Even^) deme tiuvele einen 
wec gap, si ze vervellende, so si zwivelte an gotes gelü- 
bede, daz si des lödes stürbe, obe si daz obez a-ze, alse gap 
Marien vester geloube deme heiligen geisle einen wec, si ze 
erfüllende mit gnaden, wan si ganzliche geloubele daz ir der 
engel kunle , daz gol") daz mit ir tuon möble unde wolle, 
swie hoch ez über menschliche nalurc und über {bl. 115") 

I) Rcwersclt '-') ihiz fehlt. 3) {jeliMjige 4) den ungclobigcn 
5) ert'ii ()} (las daz }?. 



BRUDER DAVID VON AUGSliURG. 37 

aller ciTairircn wiirdekcit \\a're, daz si inagel wesciidc kiiil 
ucbiiTC unde ^otcs nuioler würde. 

Alse hoch ir ^eloube was obe aller heiligen geloube, 
alse vil wart si niere erfüllet mit gnaden über alle creafiiren. 
nnde wan ir leben luere des') des engeis was, deniie mensch- 
lich au dem geiste, so was daz gefüeger^j, daz ir diu bot- 
schaft kfeme von eime engele denne von einem ^) menschen : 
wan daz wa^re niht zimelich gewesen , daz der höchste rat 
von gotes menschlicher kunft iemer ül' erden waire e kunl 
getan dennc der megede , mit der er solle erfüllet werden, 
da von*) der rincverte hote Gabriel, alse schiere ime diu hot- 
schaft bevollien wart von der höhen ratkamer der götelichen 
drivalt, so ilete er si zelianl ze kündenne froeliche der rei- 
nen wirdigen megede ; wan er wistc wol , daz dem herren 
gach was , daz er vorbote was zuo der verte unsers heiles, 
der in"') sin herze niht mohte erlazen , do diu zit was ko- 
men, die sin ewige wisheit dar zuo vor geordent liete. der 
engel zeigete uns ouch da bi , wie frö die (b/, 115'') heili- 
gen engele sint unsers heiles und unserr eren , wan sie ni- 
dent uns des niht, daz du , herre Jesu Kriste , hast mensch- 
liche nature an dich genomcn, da mite dii uns für sie geeret 
hast, des si diu hoehste demuot iemer gelohet aue ende. 

Diu zai, diu von der aptrünnigen engele valle was ge- 
minret , diu ist von der menschen erhesunge erfüllet, des 
sint sie liebez gesinde alle gnezliclie vrö, durch des men- 
schen heil, durch ir selbes ere, durch irs herzen liebe, in 
versmahet ouch niht, daz sie sich neigent mit aller demuot 
gegen der menschlichen nature an unserm heilaude Jesu 
Krislö, der ir rehter herre ist und ir scliöj)fer, von deme sie 
alle die gnade haut, die sie haut, und ere. ir fröude ist ouch 
vil genieret von diner menscheit, herre Jesu Kriste, wan 
zuo der götelichen angesiht, die sie vor heten , so hant sie 
nü besunder fröude von diner übererten menscheitc, die sie 
sehent gehwhet über alle creatüren , alse diu suiiue ist über 
alle Sternen, wan diu ewigiu gotheit hat alle die ere an sich 
{ÖL 116') geleil, diu mügelich ist ze enpfahende der crea- 
lureu. gol gevvorhte nie so edelcs werkes , an dem alliu 
sin wisheit, sin mahl, sin güete so schiubicr wa-re unde 
1) tifiiiie •^) gclüf^c ;{) uiiicii i) vo 5) sin 



38 BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

so vöUecliche an geleil alse an den menschen, der mit diner 
ewigen gotheit ein persone ist in der drivalt. wie solte der 
engel einen Herren versmalien , den der himelische vater ze 
eime naliurlichen sune ewecliche erwelet hat nach der 
menscheil? wan er der ist, den er ewecliche von siner nä- 
liire inie selben ehengelich geborn hat nach der gotheit unde 
der selbe warer got ist , von deme der heilige geist kiimet 
eigenliche alse von dem vater, der wärer got ist, unde mit in 
zwein er ein gewaltiger got unde Schöpfer ist himels und 
erden und aller geschöpFede an der götelichen näturen : wie 
möhte mensche oder keine creatüre groezer würdekeit en- 
pfähen ? 

Aber wir armen , die dir dirre feren unde dirre liebe 
niht danken , swcnne wir siinden, so bieten wir dir groze 
smächeit, daz wir die näture uneren an uns selber unde 
swechen si mit der siinden (bl. llß"") bösheit, die du durch 
unser liebe also höhe geeret hast an dir selber, in weleme 
gesiebte der keiser eine frouwe ze einer gemahelen nimet, 
daz ziuhet sich allez dcsle schcLMier und deste hueher deme 
keiser ze eren unde ze liebe, Avan ez allez da von gehoehet 
ist unde getiuret. also siillen wir billiche die nälüre an uns 
selben eren mit lügenden, die du, himelischer kiinic Jesu, 
diner gotheit gemehelt hast , daz diu zwei an dir ein per- 
sone sint, also diu eliche zesamenfüegunge machet, daz man 
unde wip sint ein lip, also ist diu göleliche näture unde diu 
menschliche an dir, Jesu Krisle, ein persone worden, da von 
allez unser künne getiuret ist unde gesa'liget. 

Daz belle , da diu gemahelschaft inne vollebrähl wart, 
daz was der reine lip der megede, sancle Marien , von der 
und in der got die menscheil an sich enpfienc alse reinec- 
liche als ouch diu muoter reine was und alse dem heiligen 
geisle wol gezam , der die minneclichen gemahelschaft ge- 
prüevetc. swie doch diu heilige di'ivall ungesundert si in ir 
selben und an allen ir werken , so git man doch diz werc 
dem heiligen geisle {bl. 117") bcsunder. wan diz was wun- 
derlich von goles giiele unde von siner hu'hslen minue, daz 
got mensche wart von sinen lüleren gnaden äne alles des 
menschen girdc, wie möhle der vor gearnel haben die gro- 
zeii würdekeit, daz er got sin solle und goles sun, der eine 



BKUDER DAVID VON ALGSBUKG. 39 

stunde iiilil vor gewesen was mensche? wan alse suelle 
er in der muoler libe ze menschen geschöplet was, alse 
schiere w^as diu selbe menscheit von der golheit enpfaugen 
in die einunge gölelicher persone. 

Du geschahen driu dinc u. s. w. {myst. 341, 10 — 16.) 
wan din götelichiu giiele ist an ir triuwen alse stsete, ze 
sweme si sich mit l'riuntschefle geneiget, daz si den nicnier 
verlal irhalp , si werde mit sündcn e von {bl. 117'') dannan 
vertriben. wan götelichiu uaUire ist alse reine, daz ir sünde 
niht genahen mac. nnde swa sünde in Iringet, da entwichet 
din gnade üz. 

Diu menscheit, die aber du an dich cnpfangen hast , da 
hast du alle sünde also von gefreraedet, daz nie nilit dar an 
wart, daz diu golheit dörlte schiuhen. dar unibe solle si ouch 
niemer von ir gescheiden aller meist, wan diu menscheit durch 
der golheile liebe hat den tot willecliche erliten , den si nie 
verdiente, da niht sünden ist, da sol ouch ze rehte niht 
pine sin , diu der sünden soll ist. w sere der mensche in 
sünde ^) niht gevalleu , so wsere er äne ungeniach gelebet 
untcetlich. also sollest du, herre Jesu Krisle, Lilliche gewe- 
sen sin, wan nie sünde an dich kam noch gebürte noch von 
selbe getanen sünden. 

Wan du aber durch uns mensche geworden bist, niht 
durch dincn nutz (wan din götelichiu fröude ist ie geliche 
vollebrahl in ir selber, diu weder abeneraen mac noch wah- 
sen bcdarl), so wollest du also körnen, alse du wistest daz 
uns aller nützest (hl. 118^) was. wan wir von der sünden 
schulde in menige pine verslozcn sint, dö wollest du die 
sünde vernitden, daz du uns da bi maulest die sünde ze vlie- 
hende, diu uns den schaden bralil hat. aber wenne du für 
uns bezzern wollest dinem^) valer unser schulde, so wollest 
du die pine an dicji nemen , von willen, nihl von not, die 
wir helen verdienet an dirre welle : ungemach uiide den tot. 
so du unschuldic unde gewillecliche diu lilest gole ze eren 
durch die rehlekeil, daz wir da mite erheset würden von 
den süiulcn unde von den pincn''), die wir mit sündeu ver- 
dienet helcn an Übe unde an sele. 

Alle unser broedekeil häsl du von willen an dich gc- 

1) süne 2) diiien 3) pineii J'ehll. 



40 BRUDEH DAVID VON AUGSBURG. 

nomen, aiie siecliluom unde sünde und unwisheit , wan diu 
wreren uns niiit nütze an dir gewesen und wseren dir niht 
ziinelich. sit wir von uns selben ze siindcn bereit sin und 
uns nihi so schedelich gesin mac so siinde, helen wir denne 
der Sünden bilde an dir gesehen, so siindeten wir deste balt- 
licher, unde sit du uns von dinem') vater (Z»/. 118^') gcsant 
bist ze einem lera'r der hinielischen hovezuht, ze eime volle- 
hrfibten bilde aller tugende und aller heilikeit, so getürsten 
wir dir niht sicherliche volgen an allen dingen, obe wir Sün- 
den valles an dir verstehen. unde so du ze forderst dar 
unibc bist durch uns mensche worden , daz du uns von den 
Sünden reinelest, wie möhteu wir gar von dir gereinet ^) 
werden, du enwa-rest ouch selbe gänzliche von allen sünden 
reine? unwisheit wtere uns ouch an dir gar schedelich ge- 
wesen, wände wir möhtcn dir ouch deste niinre geloubet han 
unde deste vörhtedicher gevolget, so wir wanden, daz du 
lihle des wsegesten uns niht gewisen kündest. 

Du soltest ouch groziu dinc tuon, da mite alliu diu werc 
vollebraht würden, diu din ewigiu wisheit vor geordent hete, 
diu an des menschen erloesunge alliu hiengen und äne diu 
weder himelriche noch ertriche möhte vollebraht werden, 
dar zuo bedürftest du grozer unde vollebrahter wisheit. du 
bist dines vater ewigiu wisheit, (bl. 119") mit der er alliu 
dinc geordent unde gemachet hat. dar umbe zam nienian 
baz der alliu dinc vollebrahte alse dir, der sie ouch üf ge- 
leit bete unde von anegenge begunnen hete. 

Ein iegclicii hoch werc bedarf alse wol höher wisheit, 
daz ez nfich siner ahte vollebraht werde , alse dö ez zem ^) 
ersten uf geleit wart, der ez ouch von erste üf leite , der 
weiz aller beste, wie erz voUebringen sol. dar umbe ist 
daz gevellic gewesen, daz du, der dines vater wisheit bist, 
selber habest daz werc bestanden, da mite alliu dinc besloz- 
zen unde vollebraht siut nach ir ahle unde nach ir wirde. 
wall ouch der liuvcl nilit mit gewalt den menschen überwant 
niuwau mit listen, da von was daz gefüeger, daz der sun, 
der diu wisheit heizet, mensche würde unde des viendcs list 
mit listen ze überwinden'') ka-me denne der vater, der diu 
kraft oder gewalt heizet in der drivalt. ez ist ouch zime- 

]) (liricii '!) gcrciH't '^) diMii 4) uborwuiulc 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 41 

lieber, daz der sun den valer bite unibe den menseben denne 
der vater den sun. der vater sol den sun minnen und er- 
hoeren, der sun smen vater (hl. 119"') eren unde zarleclicbe 
vleben. swie aber din golheit, Jesu Krisle, si ebenher und 
ebengewaltie ^) dinem~) vater, daz si nibt vleben darf, so 
bist du docb nacb diner nienscbcite vlebende umbe den men- 
seben, die dii durcb in enpfangen bäst, unde näcb der got- 
beit bist du gewerende mit dem vater unde mit dem beiligen 
geiste. da bitest unde gist: da von nacb diner bete muoz 
geweren nacb volgen. 

Nim uns, berre , in din gebet, erwirp uns, berre, die 
gnade, durcb die du unser fiirspreebe hast geruoebet werden, 
du wollest an dich nemen toellicbe unde pinlicbe nfilure, daz 
du uns unser ungemach da mite senflertest, wan so wir dich 
sehen ^) in erbeiten , der nie erbeit verschuldete , unde daz 
du für uns schuldigen erliten hast, daz wir von rehte liden 
sollen , tot unde arbeit, so dunket uns unser ungemach deste 
ringer, wan du unser geselle bist in semelichem ungemache, 
wan den armen troestet, so er icman bat, der im in sime 
kuniber und ungemache kan [hl. 120^) gelonbic sin; unde 
der guote riltcr claget sine wunden nihl, so er den kiinic 
ane sibt, der durch in mit ime verwundet lit. betest du 
uns arbeit geboten unde betest selbe nibt ungemach erliten, 
so murmelte unser ungedult wider dich, waz dii uns wizest, 
so du uns uf leitest des du selber nibt liden wollest. 

Nu bist du vor an daz seil getreten, arbeit und unge- 
mach, daz wir deste willeclicher dir nach gen und ouch daz 
wir dir deste baz gelrüwen, daz du bi dir selber künnest 
den gelouben, die in ungemacbel ringenl, wan du des Iran- 
kes ouch versuochel hast , unveischuldet dinhalp. dar umbe 
geruochlest '*) du ouch arm werden, du aller welle hßrre, uiul 
eine arme muoler dir uz allen frouwen erkiesen, daz die ar- 
men iht wanden, daz sie dir versmabelen ze diena-ren alse 
die rieben der weite spulgent") die armen versmahcn. du 
wislest wol, daz diu merre schar diner diener alle nibt riebe 
möliten sin, unde du wollest dich in gelicb machen {bl. 120'') 
an der arujuot, daz sie deste sieben" wieren gegen dir, daz 

I) myst. 339, 8. 2) diiieii 3) seliciü 4) gciiiclicst 

5) mtjst. 326, 11. 



42 BRLUEH DAVID VON AUGSBURG. 

du ir gnade hetest iinde ruoche. du wollest oucli die riehen 
da mite demiieligen , daz sie iht wanden'), daz sie dir von 
irre hohen wise desle werder wjeren , alse sie under einan- 
der sint. du bedarft irre herschefte niht, du bist selbe allez 
des^) du bedarft ze gewalte unde hertuome. dii weitest in 
euch zeigen an dir, daz diu rehte sielikeit niht au weltlichen 
ereu lit noch an irdenischem guote noch au zergeuclichem 
geliicke des libes , niuwcn an den tugenden der sele^) und 
an den tugenllichen werken und au den götelichen gaben, da 
von man dir gelich wirt in denie geiste. da von weitest du 
niht haben der weite guoles äne die baren lipuar, daz sich 
die armen niht deste unsa^liger diuhteu, ob sie arm siut, 
wan so miigent sie indewendic so vil deste sseliger sin au 
der sele, so vil sie zuo dir uzen gelicher sint au der willigen 
armuot. wan so vil so sich ein iegelich mensche mer vli- 
zet dinem lebenne ze gelichende an menschlichen tugenden, 
so er ie vöUeclicher teilhaft wirt der ewigen sajlikeit au 
{hl. 12P) diuen götelichen fröudeu. 

W ilent in der alten e dühten die riehen sich sa;liger, do 
man^) dir diente umbe irdenischen Ion, des milchricheu lan- 
des ze Jerusalem, e daz daz himelriche wäre üf getan, nu 
bist dii konien unde hast den himelsliizzel mit dir bräht üf 
ertriche unde hast die himelporte erslozzen , daz unser ge- 
runge nütze si dirre") hinüfstige (?), diu vor lac an irde- 
nischer liebe , unde daz wir daz ertriche versmähen , da ^) 
uns diu begirde nider ziubet von dir. wan der vogel mac 
niht hohe vliegen, ob ime die vetiche mit lielemen beklcibet 
sint. also muoz der mensche sich eutslaheu von aller irde- 
uischer liebe, der höhe zuo dir über die weit in die himeli- 
schen lüterkeit vliegen wil. so sich ein iegelich geist ie ge- 
ringer machet von der anehaftunge aller irdcnischer dinge, 
so er ie hoher gefüeret wirt über die erde in die himelischeu 
wüuue ; und so ime der erde ie mer aue haftet in der liebe, 
so er ie tiefer under die erde gescuket wirt in die helle- 
scheu gruoben. da von lertest du, daz mau gerne arm wtere 
durch daz himelriche, wau die riehen miigent miieliche 
{hl. 121'') dar komeu, wan in diu liebe des irdenischen guo- 
les die begcruugc nider ziulict von deme himele , wau daz 

1) wadcnt 'l) das 3) .seien 4) inen 5) dir ö) daz 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 43 

goll *) ist lililer ze versniahende so man sia nilit hat, denne 
so man sin vil hat. der dem beche verre ist, der beiiiietel 
sich desle lihter, daz ez im iht an klebe, der aber vil an- 
klebendes beches hat, der brennet deste vester, so er zuo 
dem fiure kuraet. 

Da vor wollest du uns schirmen mit diner gelriuwen 
lere unde wollest uns die lere vor tragen mit dem bilde, daz 
si uns deste anminner^) w«re^). du wollest uns ouch zei- 
gen dine kraft dar an u. s. w. {nijjst. 341, 17 — 342, 7). 

Waz dunkel vor der welle leerlicher denne von rich- 
tuome ze armüete werden willecliche ane alle not und äne 
sin selbes nulz, unde von grozem gemache zuo dem grneslen 
ungemache unde von den hoehsten eren zuo der groeslen 
smacheit? daz ist den ein gröziu torheit, die dir dirre liebe 
undancna-me*) sinl. die aber rehle bedenkenl , waz rehliu 
ganziu niinne nuic tuon unde liden durch friundes not unde 
helle, die erkennent, daz din armuot nihl ze unwerde ist an- 
geleit, diu uns niht alleine von noelen ze grozen soelden ko- 
men ist, si hat joch (bl. 123") so getane liebe erwecket in 
allen guoten herzen gegen diner niinne, daz wir iemer desto 
willeclicher müezen sin dir ze dienenne und allez daz be- 
reiter sin ze luonne unde ze lidenne, daz din wille und 
6re ist, unde cwediclie dich mit ganzen triuwen ze minnenne 
unde l'roeliche ze lobenne. 

Du begerst nilit so vil von uns, daz wir dir dienen 
(wan du nilites bedarft) , wan daz wir dich minnen, wan 
daz ist unser oberstiu sa'lde , so man ein icgelich dinc ie 
mer minncl, so man ie grnezer fröudc unde woUust dermile 
hat. dar umbe daz uns deste baz mit dir werde unde desle 
groezer iröude an dir beten unde manicvalliger wünnc, so 
wollest du allez daz tuon unde lidcn durch uns, da von wir 
dine liebe zuo uns vöUeclicIier erkanlen unde da von wir 
dich billicho von allem dem , daz wir künnen unde mügen, 
geuzliche liep li(^lcn. der niht wider danken wil, dem ist 
undanc swaz man"') ime ze liebe luot. der aber ein gelriu- 
wez herze hat, dem ist daz ein wiinne, so man in mit minnc 
twinget ze widerminnen. (bl. 123') da von so will du 

1) got die lis. oder guoi ? 2) liehliclier. 3) wcreiil 4) vijist. 
331, 33. 5) men 



44 BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

üucli , (Jaz wir durch dicii tiion unde lideii , alse du durch 
uns getan hast'), daz uns da von wahse unzwivelhafligiu') 
fröude, so wir dicIi alleine fröude unde sa^lde hau von^) demc 
guote, daz du uns getan hast mit dinen triuwen , joch dar 
über, daz wir dir dine triuwe etewenne vergolten hän , daz 
wir dir etelichen dienest unde ere hin wider erboten hau 
und etewaz durch dich alse du durch uns erliten haben, der 
mir vil guotes unde liebes unde triuwen erzeiget hat , swie 
wol mir sin minne unde min gefuore tuo , so ttete ez mir 
doch verre baz , möhte ich ime wider iht liebes getuon und 
erzeigen unde ze dienste werden. 

Diz ist diu andaht unde din sin , so dii uns wol tuost 
unde so du dienest von uns vorderst, daz duz uns allez ze 
nutze wider kerest. daz *) ist din fröude von uns , daz uns 
wol geschehe in allen wis. da von genüeget dir niht da 
mite, daz du uns ze gemazen wilt haben diner wünnen , du 
woltest uns ouch ze gesellen haben diner ercn. welich mei- 
ster ein höhez (bl. 124'') werc voilebringet, alse sine jun- 
gern wellent des getiuret sin , daz mit ir belle ein so edel 
werc erziuget ist. also würkest du an dinen erweiten 
daz edelste werc der ewigen glorjen. unde daz sie die ere 
mit dir haut ewecliche, so wilt dii, daz sie ir williger erbeit 
etewaz dar zuo erbieten unde daz sie sich zühtecliche ge- 
riiemen mügen, daz mit ir helfe ein edel werc vollebraht si. 
des möhte niht so vöUecliche gewesen sin, obe dii den men- 
schen äue vrie willekür gemachet betest^), alse ander creä- 
tiire , die weder guot künnent noch übel luon von der na- 
türe trancsal"). 

Also geruochest du, almehtiger herre, der niemannes 
helfe bedarf, uns armen ze heller hän , daz wir din genoze 
mügen sin an den ereu, so wir dir ze unserm heile mit 
guotem') willen helfen, also daz wahs*^), daz sich wol bern 
lat unde würken, daz strichet man, ez helfe deme menschen 
würken. das guote wahs'') ist der gevolgele guote wille. 
daz übele wahs ist daz herze unde der wider strebende '") 
wille, da man niht guotes unde reines iiz (/j/. 12i'') gewür- 
ken mac. nii hast du alle die liste erdaht, wie man daz 

1) hesl 2) zwirdli. z« ivalligiu? S) vfi ? 4) da 5; hcsl 
0) uii/xi. 372, 23. 7) giileii cS) was 9) was 10) sLerLeude 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 45 

iibcle walis gtiot inadie , uudc wie diu herlen herzen weich 
werden*) mit der gewaren niinne, iinde bist unser genoz 
worden an menschlicher natilre , daz wir dine genozen wür- 
den an göteh'cher wünne. der ewigen sunnen schni het sich 
her nider geläzcn zuo uns //. s. w. {myst. S42, 8 — 33). 

Die engele lobeten unde kunten uns die zwiveitige ge- 
hurt, do sie sungen 'ere in deine hrehsten gote urabe die 
göteliche ewige gehurt von dinem^) vater, des ere du bist, 
und an der erde vride den menschen guotes willen/ wan 
diu menschlichiu geburt ist uns ein Urkunde des vrides unde 
ganzer suone , obe wir guoten willen haben dir ze gelou- 
benne unde ze dienenne von rehter niinne. unde wan sie 
vrö sint unserer sajlden unde daz wir genöze worden sin^) 
an der hinielischen wünne, dar umbe ilten sie uns die fröude 
künden, daz du uus geboren wahrest, ein heilant der welle, 
mit dem die nidersten unde die h(ßhsten vereinet sint mit 
minne. wan dii uus gesaut bist von dem hinielischen vater 
ze eime lera^r u. s. w. {vvjst. 342, 33 — 333, 17). 

Dii wollest den versniahelen hirlen e kunt wei'den denne 
den hohen fürslen, daz wir sieben, daz die hie in selben 
versmähet sint daz die vor dir die vordersten sint, unde die 
der welle wclleiil wert sin , daz dir die hie die hinderslen 
sint. — daz du dich lieze besniden, da merken wir ouch 
dine dcmuol an unde lernen, mit welhem vlize wir sünder 
gotes gebot behalten sülIen , da mite wir werden sündelos, 
Sil du selbe, gotes sun ane sünde, daz gebot behalten hast, 
daz den sündern wilent was gegeben für die gemeine ange- 
borne sünde, diu von Adames valle {hl. 127") an geerbel was. 

Die drie wisen von oslerlande, die dir ir wisat*) brah- 
len, die die ersten von der heidenschafl dich erkanden , do 
du mensche weere üT ertriche geborn, leren uns, obe wir 
dich vinden wellen mit in, daz wir dem slernen volgen unde 
goll unde wirouch dir ze willekume bringen, der slerne ist 
der geloube, der'"') uns zuo wisel zuo dir; daz golt diu guo- 
ten werc; daz wirouch diu wäre minne; diu mirrc gedult 
in ungemache. ane disiu kumet niemau für diu") angesihte, 
wan niciiian sol lare vor dir erschinen. den geloubigen 

I werileot 2) dinen 3) siiil 4) wisat vcvgl. habsbuvy;. 

iirbaibucli s. 365. 5) daz G) diiic 



46 BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

süllent diu werc zieren ; diu minne sol innän daz herze en- 
zünden, daz üzwendige werc lebelich') sin, niht slewie^j als 
eines touben bilde, in ungeniache sol man gedultic sin daz 
uns joch der tot nilit von dir, Jesu, gescheide. daz du vor 
Herode in Egiptuni fluhe u. s. lo. {myst. 343, 18—23). 

V^on dinen kintlichen getiTten woltest du uns nilit vil 
läzen sehriben niuwan demüetige, underta^nige an ^} üfnemen, 
swie du doch in dir selben vollekonien wärest in diner kint- 
heit, alse du liiute bist an wisheit und an tugenden. alse 
din gebot ewecliche voUebralit ist an allen dingen , also was 
din menscheit an allen tugenden vollebräht von der stunde 
dö du in diner muoter enpfangen würde. 

Du wollest uns aber leren, daz kintliehiu und unvolle- 
bräbti uwerc niht sint ze verma?rende unde daz wir unvolle- 
komenen noch lernen siillen unde vragen die eitere unde de- 
miietecliche unseren meisteren gehörsam sin , alse du Josebe 
unde diner muoter, unde vlizen^) uns, wie wir ÜF nemen an 
den tugenden als an den jären. waz du grozer dinge ange- 
vangen betest vor drizic jaren, daz eins mannes alter ist, 
{bl. 128'') daz beten ungeloubiger böchvertiger liute herzen 
für kintheit gezalt, wan mannes werke ^) zimet wol mannes 
alter, unde der ein lera^r sin sol, der sol e wol geleret sin, 
daz man ime geloube. du woltest ouch niht langer beiten, 
daz man ibt gedachte, dii vristelest ez von zageheit. 

Daz Johannes von dir brediete unde toul'te, da mite 
warnete er unde bereite der liute herzen diner künl'le, daz 
sie dich erkanten unde wirdecliche dich enpliengen, dem ein 
so grozer man so hoch urkünde gap, daz du wjirer goles 
sun wa'rest , daz du von ime getoul'et woltest werden , alse 
ander arme liute unde sünder, da lertest*^) du uns mite, daz 
die heiligen liule etewenne niht versniahen süllent ze vol- 
gennc armen Hüten guoter bilde, swie sie doch mügent noch 
hffiheriu dinc voUebringen , unde daz sie von sünde grozen 
prieslereu niht verwidern ^on ir sünden gehivset werden mit 
dem heiligen sacramente, sil du reinez goles lamp, der aller 
der welle sünde weschest, woltest von dinem knehte {bl. 128'') 
geweschen werden, der weschennes niht bedörlle. mit der 

1) mi/st. 376, 40. 2) myst. 320, 35. 3i8, 10. 3) vfi ? 

4) vlisenl 5) «erc 6) leresl 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG, 47 

beriierunge dines reinen libes hast du geheiliget daz wazzcr 
und hast allen wazzern geben die kraft, daz sie die seien 
indewendic von sünden weschen in dem loufe, alse daz waz- 
zer uzen den lip weschel. 

Ze dincni toule wart uns diu heilige göleliche drivalt 
zem ersten geoffent, do der valer in den eren*) stimme unde 
der heilige geist in der tüben gelichnisse über dich waren 
golcs sun^) Urkunde gap, unde der himel über dich wart üf 
getan, der vor versperret wart allen menschen durch die 
sünde. von dinen gnaden werden wir von sünden geweschen 
in dem toule unde gotes kint geheizen unde diniu gelide ge- 
zalt und enpfahen^) den heiligen geist unde der himel wirt 
uns üf getan, disiu dinc gist du uns in dem heiligen toufe, 
daz wir sin des vaters kint , des sunes gelit , des heiligen 
geisles wonunge , des hinielriche erbe unde daz wir lidic 
werden von des tiuvels gevancnisse unde von der sünden 
banden und dem hellefiure. e daz daz du {bl. 129") mensche 
würdest do hiez ez diu zit des zornes, wan nieman was so 
heilic, der der helle möhte engan so er stürbe, sit du uns 
ZUG komen bist, so ist diu zit der gnaden hie, wan uns mit 
dir unde von dir alliu gnade komen ist. daz zeiget ouch 
diu abenemunge der sünden , diu geschach wilent hertecliche 
unde vollebrahtecliclie mit der besnidunge'*), wan si nam 
die sünde abe unde loste doch"') nibt zehant von der helle*'). 
aber nu weschet der touf die sünde senfteclichen abe unde 
völlecliche, also der zehant stürbe, daz er zehant ze hi- 
mele fücre. 

Diu erkantnisse ist ouch uns nii offenlicher geben denne 
wilent, niht alleine von diner menscheit, joch von diner 
6wigen golhcit unde von der göleliclicn drivallikeit. da von 
künde dich der mensche niht alse herzecliche geminnen , do 
er dich so völlecliche dannoch niht erkanle. sie erkanlen 
wol, daz du ein schöpfer bist gewaltiger aller dinge: sie 
waren aber noch niht iiinan worden, daz du ane diner eren 
schaden dich so gedeiiiüeliget hast und unserr naUirc genoz 
worden bist (hl. 129') und uns mit dirae lodc erhrsct hast 
durch unser liebe, sie geloubeten^) wol, daz du ein ßwiger 

1) in (lein döiie der? in da^neuder? 2) sun J'eliU. 3) eiiliaiieri 
/i) besnidnngen 5) dich G) heilen 7) gelol)enl 



48 BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

got bist einvaltiger an diner nätrire iinde voUebrähter : daz 
aber diu sele, gollich einvalt, drlvallic si an den persönen, 
daz künde joch der geloube gemeine nilit verslan ; liitzel di- 
ner heinlicheu friiinde den duz olfentesl in des heiligen gei- 
stes lere. 

Sie erkanten dich von dinen werken an der geschöpfede 
aller dinge, alse klein aber alliu dinc sint wider dich, alse 
tunkel ist diu erkantnisse von der creatiire wider die von dir 
selber, swie niht*) lioehers si über menschen sin, denne 
dich, herre got , erkennen in diner gotelichen drivalt und in 
diner ungezalten einvalt, so ist doch Kristen geloube niht 
redelichers ze verstände, denne die selben warheit. sit wir 
gelouben, daz du got bist alleine und also voUekonien an 
allem guote, daz niht bezzers sin möhte, so bist du alse 
mehlic und alse wise und alse guot, daz des niht merre 
möhte sin (wan diu^) maze ist äne maze), so sehen wir wol, 
daz din wisheit unde diu mäht unde din güete an dir niht 
miiezic {hl. 130") sülleut sin , dii envollebringest alse hohiu 
dinc, alse du mäht unde kanst. diu sint ouch diu besten, 
wan deme besten zimet daz wol, daz er daz beste aller 
förderst unde mit dem höchsten vlize voilebringe, daz mac 
den andern creätiiren niht geschehen. wan alliu creätüre 
ist mit zil unde mit maze umbegrillen, unde möhtestu niht 
mere denne andere creätüren wirken , s6 wa^e din gewalt 
unde din wisheit in maze begriffen, wan diu creaturen, alse 
dich diu rehte wisheit leret, mahl du niht mere geminnen^) 
denne nach ir wirdekeit. diu ist ouch ma'zic. daz ist wis- 
lich n)innen ein iegelich dinc, weder mere noch miure denne 
nach siner wirdekeit. da überlriffet din mäht unde din wis- 
heit unde diner güete minne alle creatiire an allen dingen, 
mer denne alliu diu weit si gegen einer mihven ^). JKTtest 
du denne minner'') niaht unde wisheit unde minne denne du 
an die creätüren mahl gelegen, obe ir nu Joch nianic tüsent- 
slunt mere würde, so wa're din mahl unde din wisheit unde 
din minne alze kleine worden, oder din hohiu {Ol. 130') mahl 
unde wisheit unde minne wajre nach dem groeslen ^) teile müe- 
zic an dir und alse man sprechen möhte üheric odci' unnütze. 

1) nibl niht '2) die . diu? ;{) gewinnen i) vey'g/. mi/sf. 

321, 2;>. 5) niinnen (i) grosen 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 49 

Des sol aber nihl sin, daz des besten ihl niiiezic oder 
unnütze gesin mac. ez wsere ouch niht zimelich gewesen, 
daz du vor dem anegenge dirre weite müezic wserest gewe- 
sen eweclicbe, din mäht, diu wisheit unde din giiete bete sieb 
geüebet an den dingen, da diner wirdekeit zimelich wajre. 
sit nu daz an keiner creätüre was noch möbte sin, so rauoz 
ez sin an dir, berre aller geschöpfe. an dir selbe lit din 
oberstiu mäht unde wisheit unde minnc, diu nie müezic wä- 
ren an dir eweclicbe, e du ie ihl geschüefcsl, daz du, berrc 
himeliscber vater, dincn einbornen *) hast geborn dir eben- 
ewic, ebenher an allen dingen, unde du unt din naliurlicher 
sun deme heiligen geiste gelicb eweclicbe von iuwer natiire 
gewaltediche bringent iu beiden ebenewic und ebcngewallic 
an allen dingen, der iuwer beider minne ist unde fröude unde 
gesellscbaft und einungc , wan er von iu beiden {bl. IST) 
kreftecliche unde süezecliche fliuzet, alse diu minne von den 
waren minna'ren ; wan swä minne ist, da mac niht minre 
sin denne driu : der minnende, der geminnele unde diu minne 
zwischen! -) iu beiden. 

Diz ist uns gezeiget ze dinem toufe , lieber hßrre Jesu 
Kriste, do din vater von bimele in der stimme^) sprach zuo 
dir 'du bist min lieber sun, in deme ich mir wol gevalle'*). 
wan daz liebeste, daz er ie gewan, daz bist du irac mit dem 
heiligen geiste. in dir gevellet er ime selben wol , wan er 
an dir daz hoehste lop hat, daz er mohte unde mac eweclicbe 
äne sin selbes wandelunge einen sun gebern , der sin gelicb 
ist an allen cren , in dem er sich selben ersihet als in einie 
voUekomenen bilde, du bist der liebte Spiegel unde dins va- 
ter erenschin unde siner subslancien eigenlichiu gelichnisse 
und ein Icbendcz exemplar, mit dem unde in dem din vater 
alliu dinc gemäht hat; unde von dir iuwer beider beilig geisl 
alse vöUecIiche vliuzet alse von dinem vater, unde daz selbe 
häst^) du von dinem"') vater, daz din mäht iht minre schine 
denne dines {bl, 131°) vater. 

Der vater ist der brunne unde der ursprunc des götc- 
iicbcn lluzzes; der sun ist alse daz rivier^; unde der bacb 
der von dem brunnen lliuzct; der heilige geist ist alse der 

1) din eiiiborner 2) zvvifsent W) stiiiiiiicn 4) gevolleii 

5) best 6) (linen 7) riiier 

Z. F. D. A. IX. /« 



50 BlUDER DAVID \ ON AUGSBURd. 

se der von dem briinnen unde von dem riviere fliuzct. der 
vater ist daz anegenge, der sun daz millel, der heilige geist 
daz zil des göleliclieu fluzzes , wan daz oberste guot mac 
nihi an stele gestfin also, ez enteile sich und erbiete*) sich 
ze niezende unde ze würkende daz beste, und wan enkein 
creälüre begrifenlich beviihic ist genzliche des nutzes unde 
des gewürkes, daz diu oberste mäht unde güete unde wis- 
heit ist unde bringen mac, diu niht miiezic sin mac unde diu 
ewecliche vor allen creätüren e was , so muoz si sich in ir 
selber ergiezen wunderliche, daz der vater dem sune") von 
siner substancien ewecliche gebernder mite teile die wünne 
unde die fere, diu er selber ist unde die nieman wan got 
beväheu möhte , unde daz der sun mit deme valere den hei- 
ligen geist von ir beider subslancie ewecliche bringe, deme 
sie mite teileut die {bl. 132') wünne unde die ere, die sie 
ime selben ewecliche habent, die enkein creatüre, diu got 
niht ist, begrifen unde bevahen möhle. 

Swie wir diz heizen^) einer bände gewürke, daz -ist 
doch unrehte gesprochen , wan got ist diu ewige ruowe in 
ime selber unde diu unwandeUe staHekeit ie unde iemer. 
uns gebristet worte , swä wir von götelicher naliire reden 
siillen. allez daz got in ijue selben ist, daz ist sin ewigez 
unde sin nätiurlichez wesen. da ist enheiu bewegunge noch 
müege^). wan aber got aller dinge oi-denunge ist, so ist er 
ouch in im^) selber aller geordentest. wrere der göteliche 
fluz in ime selber ane zil, so wa^re er ane ordenunge**). da 
von alse der vater ist daz anegenge des götelichen fluzzes, 
also ist daz zil der heilige geist, der von den zwein perso- 
neu fliuzet , und enkein '^) persone von ime. unde da mite 
ist ein underscheiden gelicheit in der ebenhereu drivalt, diu 
einez ist an der substancien unde drie an den personen. 
wan daz der vater niht von eime'') anderen ist, daz erfoUel 
er da mite, {bl. 132') daz zwcne an imesint: der sun unde 
der heilige geist. daz von deme sune niiiwan einer ist, daz 
ervollet er anderhalp, daz er ouch von einem ist: daz ist 
von dem vatere. daz von deui heiligen geiste enkeiner ist, 
daz ervollet er da mite, daz er von zweien ist, wände daz 

1) eibeilc 2) den üuii 3) licisonl i) mugcn 5) miii 

0; ordcd 7) eiiikeiii 8) einenie 



BRÜDER DAVID VON AUGSBURG. 51 

zeiget also hohe werdekeit, der von zweien edelen geslehlen 
koinen ist, swie doch von ime keiner si komen. alse von 
dem zwei edeliu geslehle konient and er ouch von einie ede- 
len geslehte komen ist, der hillet gelich an der mittele ge- 
gen den anderen zwein der wirdekeit. nach dirre gelich- 
nisse so merken wir die cbenhere in der edelen drivalt des 
vaters unde des sunes unde des heiligen geistes. da sliuzet 
sich wider in diu eiuunge, diu ungescheidene gotheit unde diu 
ewige drivalt, diu valtel sich wider in die ungezalten eiuvalt. 

Herre himelischer vater, liebez*) herze gotes kint Jesu 
Krisle, iemer zarler heiliger geist, vergip uns giielliche, daz 
wir so baltliche getörrcn von dinen {bl. 133') hoehsten lou- 
gen gedenken, wan, herre, mit dinen hulden gesprochen, 
du gist uns Kristenen die getursl da mite, daz wir von dime 
geböte nilit so dicke triben l'ruo unt späte, tages und nahtes, 
so die gcnemede der heiligen drivalt, des vaters unde des 
sunes unde des heiligen geistes. des leret man zem Ersten 
von deme toul'e gelouben. da mite loufet man uns, da mite 
Lesliezen^) wir allez gebet unde segene unde lop unde swaz 
wir mit haben ze werbenne. da von sol ouch Wunders niht 
sin, obe wir ouch lipliche, mit bliudekeit^j unde mit demuot 
eteswenne dar an gedenken, du weist ouch wol, liebez 
herluom, gol hßrre, swä wir so rehle und als eigenliche niht 
kiinnen von dir gereden alse wir solten und alse diu wär- 
heit ist , daz daz niht von ungelouben ist unde von verker- 
tem sinne: ez ist niuwen von unkunste unde von unverstan- 
denunge^der von gebresten der eigeulicher worte. wan alse 
menschlichiu werc gegen götelichen werken blint sint, also 
sinl menschlichiu wort gegen der götelichen wärheit (Z»/, 133'') 
küme eines stummen wanc. 

Allez daz wir gelouben siillen von dir, daz süllen'') 
wir gelouben allez genzliche und einvaltecliche. wir miigcn 
dich mit nihte anders vollereichen wan mit dem gelouben. 
allez daz du mäht unde daz dii kaust unde Ißresl unde will 
unde bist unde tuost , da geben wir niht an bevor, wir bc- 
jeheu des alles mit dem kristenlichen gelouben , den du uns 
geben hast, behalt uns und besla-le uns mit diner kraft, 
crliuhte uns mit diner crkantnissc und mache uns smachalt 
1) lieber 2) beslieslien 3) hiridcdekeit 4) siillen fehlt. 

4* 



52 BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

mit diner liebe, gip uns den geist, bimelischer vater, der üf 
dime lieben sune völleciiche ruowet ; teile mit den geliden 
die gnade des hoiibctes, daz wir in diner minnen geiste ein 
dinc und ein geist werden mit dir und mit dinem lieben 
sune, in dem du und er ein minne und ein berze ewecliche 
Sit, wan niendert schinbserlicher iuwer beider minne und 
iuwer mille schinet so dar an daz der heilige geist von 
iu beiden fliuzet miltecliche, dcme ir beide mite teilet niht 
alleine alle iuwer wünne {bl. 134") und iuwer eren , die 
ir mit einander habet, ebengelich alse ir iuch selber giin- 
net ime , joch daz iuwer iewedere in mit ime minne, 
alse dich, an allen dingen, daz du, bimelischer vater, dinen 
sun gebirst, der dich wider minnct mit allen triuwen alse du 
in, da sehen wir dine groze mäht unde dine ganze minne*) 
an. daz aber du den heiligen geist mit ime bringest, dem 
du ganst , daz in din liebesler sun mit dir minnet alse dich 
an allen dingen, unde dem din sun gan mit ganzen triuwen, 
daz du in mit ime geliche minnest alse in allen dingen, waz 
möhte milters sin danne so luleriu liebe ? daz ist niht luteriu 
liebe, diu niht liden mac, den ich genzliche minne unde von 
dem ich ger wider geminnet werden, daz der einen anderen 
mit mir alse mich minne. gan ich aber einem anderen , da 
ich vil liep bin, daz er da mit mir geliche liep si, daz ist 
diu lütere minne, diu ir fröude mit triuwen ir lieben mite 
teilet^), der niht geniieget mit der fröude daz sie liep ist, si 
zwivaltet ouch ir fröude {bl. ISi*") da mite daz^) ir liebez 
liep sich fröuwet alse des daz si selbe liep ist. 

Unde wan du, herre got, aller wiinne brunne bist und 
aller luterkeite Spiegel , so solte ouch dirre vollekomenheit 
an dir niht gebresten. disiu vollekomenheit möhte ouch niht 
sin minre wan an drin personen an dem lieben des lieben 
und an deme mite lieben (?). und wan alliu vollekomenheit 
an den drin personen völleciiche beslozzen ist, so ist des 
billich, daz der gölelichen persone merre noch minre si denne 
der vater unde der sun unde der heilige geist, unde doch 
iegelichiu persone ist in ir selber vollekomener got als alle 
drie mit einander unde sinl doch alle drie niuwen ein got, 
ein oberstez giiol , daz alliu dinc in ime besliuzet und alliu 
1) wuiiue 2) leilent 3) daz su 



BRUDER DAVID VOiN AUGSBURG. 53 

diiic erfüllet , vor dem uiht ist gewesen , üzerlialp des niht 
gesin mac. unt darumbe blibet die heilige drivalt in ir ewi- 
gen einvalt , wan si uz ir selber nilit hat, dar si gediezen 
niiige, also ein ewikeit in der ewikeit ist niuwen ein 6wi- 
keit, wan einiu mac die andern an nihte fiirtrefFen : {bl. 135'') 
uf daz volle mac niht mfi. alse vor gote noch nach gole 
enkein zit ist, also ist üzer ime kein stat , da sich diu me- 
nige ergän miige. da von mac götelichiu einvalt von der 
heiligen drivalt niht sich gemeren, wan swä si sich merte*), 
so möhte si doch üz ir selber uiht fürbaz gefliezen , wan si 
daz oberste guot ist, daz weder ende hat vor oder nach unde 
deweder zit, oben oder nebent oder mittel hat, ewic und 
unmaezic und soelic. heiligiu drivalt, ewigiu höhiu süeze, du 
uns nach dir gebildet hast an der sele, erliuhte, erfülle uns 
mit dir unde verwandele uns in dich , wan wir nach dir 
getoufet sin , daz wir ouch von dir geheiliget werden und 
ewecliche geswliget werden an sele und an libe. amen, 

Daz din zeichen , da mite du uns in dem toufe gemer- 
ket hast zuo dinen schwfelinen , an uns iht vergebene ge- 
trucket si, alse an den irren schafen , diu der wolf verleitet 
hat von dem hirten , lieber guoter getriuwer hirte , Jesu 
Kriste , ka^nie du von himelc , din irrez schäf ze suochene, 
nu (bl. 135'') briiic uns heim in die himelischen herte^), da 
wir iemer me sicher wesen von wolven unde von irre; fiiere 
uns in in die götclichen weide , da wir lüterliche sehen den 
vater in deme sune unde den heiligen geist in iu beiden. 

Nach dime toufe l'uorte dich din heiliger geist in die 
wüesle^) zuo den tiercn, da du vierzic tage unde naht va- 
stetest unde da dich der widerwarte versuochte mit libes 
Wollust, mit gilekeil, mit iteler ere, da mite er alle die weit 
überwindet, er niohte aber dich da mite niht gevellen, wan 
der Sünden säme was in dir niht und er vunt niht des sinen 
an dir, da mite er dich gepfcndeu möhte als uns, die er 
pfendet umbe der sünden solt, den wir von im enpfangen 
haben, du woltest ouch unser fürkempfe^) sin wider den 
allen vient. da von soltc er von dir überwunden werden an 
den dingen , da er uns an dem ersten Adam überwunden 
hete, daz dii ime benamest den gewalt , den er mit roube 

1) inerre 1) hürde. 3) \v6stc 4) myst. 359, 23. 



54 BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

über uns liele. alle die in sünden wAren, die wären in sinen 
(bl. 136') banden; da von moliten sie in gewaltecliche nilil 
überwinden, daz sie ime engiengen und vri würden, wan 
aber du äne') alle sünde wa're, so rünge dd vriliche mit im 
unde bäst in überwunden unde hast in gebunden unde hast 
uns gefriel vor ime , daz er enkeinen gewall bat nü über 
alle , die sich wellent an gehoeren unde dich ze eime houbet- 
herren haut, niuwen als sie ime irs dankes verhengent. 

Dil hast uns geleret wider in slriten , uns gegen ime 
weren mit dem gelouben unde mit der gehücnisse diner ge- 
böte an der heiligen geschrift. du lertesl uns ouch die stille 
suochen an der einoete unde der gezameten menschen als der 
wilden tiere viheliche site güetliche vertragen und ir mit 
vlize schönen und bescheidenliche leren , wie sie zam wer- 
den, du lertest uns ouch den lip zühtigen mit vallende unde 
mit enziehunge liplicher gelüste, wan swer sich selben rehte 
überwindet , der gesiget allen vienden gcrincliclie an , wan 
alle frömde viende mügent uns niht äne gevehten niuwan mit 
unser selbes wal'en , daz ist mit {bl. 136'*j unseren geliden, 
mit unseren gerungen, mit unseren gedanken^). lihen wir 
in der drier^), niht, so habent sie niht, da mite sie uns ge- 
schaden mügent. 

Disiu driu dinc hast du uns geben , daz wir dir alleine 
da mite dienen unde sie nienian lihen ane din urloup unde ze 
anderme nihte nützen niuwan ze reinen ze guoten ze nützen 
dingen unde nach ir wirde. diu ist ouch hoch und hime- 
lisch*), und swa mite wir niht verdienen himelisclien Ion, da 
süllen wir disiu dinc niht zuo nützen, ez w«re ein unedel 
gewohnheit, der einen güldinen kelich wol gezierten mit ede- 
len steinen unde mit anderen hohen werken wolle ze eime 
harnvazze^) oder daz alse boese ist, unde da nützete man 
doch niuwan erde zuo erden, michels unibillicher ist, der 
disiu (Irin dinc, diu daz bimelriche verdienen "j unde besitzen 
süUcnt, diu got selbe riiit siner wisheit hat gewürket und 
ime selben er selbe mit ime selben gewürket hat, der diu 
nützet ze sünden, die unreiner sinl dcnnc aller der misl der 
in aller der welle ist wir süllen sie ouch unscrm viende 

1) alle 2) wyst. 3I.H, \\-->—W. ii) in drier 4) liiinels 

5) liorvazze? 0) vcrdienerit 



HHUDEIl DAVID VON AUGSBüRf.. 55 

iiilil liheti Ulis zc schaden, waii swer sin swerl lilicl, daz 
man inie da luile sin selbes lioubet abe slaiie, der ist unwisc. 
Do du uns gelertcsl in diiier stille biz an drizic jar 
u. s. w. {mysl. 343, 24 — 348, 2). 

II. 

Der bei M arten e und Durand im Thesaurus norus anec- 
dolorum {Paris 1717. fol.) v, 1777 — 1794 abgedruckte 
tiactatus de haeresi pauperum de Lugduno ist als eine für 
die ketzcrgeschichte des viitlelalters überhaupt , und ins- 
besondere der geuannten mit den IValdensern verwandten 
häretischen secte nicht unwichtige quelle längst bekajint 
und namentlich in neuern werken vielfach benutzt worden, 
die herausgeber haben ihn unier den Schriften des domi- 
nicaners und Inquisitors F. Stephanus de ßurbone aufge- 
funden, der verfafscr war ihnen unbekannt, und sein an- 
geblicher name wurde erst später auf die bahn gebracht 
durch C. du Plessis d'jirgentre (Colleclio iudiciorum de no- 
vis erroribus. Paris 1728. fol. i, 95 — 97). derselbe berief 
sich hiebei auf Franc. Pegna oder Pena (cominentarii su- 
per directorium inquisitoruni Nie Eymerici. Vcnet. 1607. 
p. II. q. II, 279), wonach der obige tractat nur ein theil 
eines grofsern uwrkes , summa de origine Waldensium, 
iväre, das sich unter dem nameii eines dominicaners Yvo- 
iietus vollständig in einer hnndschrift des Vaticans befinde, 
seitdem galt bis in die neueste zeit Yvonetus unbestritten 
für den verfafscr des tractats. da jedoch dieser name 
sonst ganz unbekannt ist und in den alten Verzeichnissen 
des dominicanerordens gar nicht vorkommt , so hat schon 
Echard ( Quelif et Echard Scj'iptores ordinis praedica- 
torum I, 484) mit recht zweifei dagegen erhoben, und es 
wahrscheinlich gemacht, daj's Pegnas angäbe auf einer 
Verwechslung beruhe mit Monetas oder, wie dci^ name auch 
geschrieben wird, Simonetas summa contra (^alliaros et Wal- 
denses , ivelches werk ebenfalls wie das in der vaticani- 
schcn hs. befindliche aus fünf büchern besteht. 

Ich glaube im sta?ide zu sein, die bisherige annähme 
widerlegen und den unzweifelhaften verfafser nachweisen 
zu können, die hiesige k. öJJ'entliche bibliolhek besitzt eine 



56 BRÜDER DAVID VON AUGSBURG. 

papierhandschrift {Cod. theol. 4. 7ir. 125), die den frag- 
lichen tractat, vollständiger als der druck, enthält und an 
dessen ende sich folge?ide nachricht befindet: Explicit 
Iraclalus fratris David de ordine miuorum de inquisitione 
Iiaereticoruni . finitus anno domini mcccc sexagesimo nono 
sabbato ante Elizabel vidiie per fratrem N. correclus per 
euudeni anno 1470. also bruder David von Augsburg 
wird hier als verfafser genannt, da jedoch die Schreiber 
nicht immer glauben verdienen , so liegt in dieser angäbe 
noch kein voller beweis, ich hojfe ihn aber auf andere 
tveisc führen zu können, bekanntlich eifert der bei aller 
seiner entschiedenheit doch sonst so milde bruder Berthold 
mit ungewöhnlicher heftigkeit gegen die ketzer, die das 
arme ei? fältige volk zum irrglauben zu verführen suchen, 
fast in allen seinen predigten zieht er gegen sie zu felde, 
und er ivird ?iivht müde, seine zuhörer vor ihnen zu war- 
nen, zu öftern malen beschreibt er ausführlich die kenn- 
zeichcn , an denen man sie erkennen solle -. die haupt- 
grundsätze ihrer lehre, ihre tracht und sonstiges beneh- 
nie7i. Jacob Grimm hat in seiner musterhaften recension 
{Wiener Jahrbücher 1825. bd. xxxii, 211 — 216) die be- 
ireffenden stelle?i hervor gehobe7i und die verschiedenen 
kctzernamen , soweit sie in den gedruckten predigten auf- 
gezählt sind, erläutert und erklärt, bei einem der vielen 
namen , der in den hss. Pouerlewe und Pouerlewer ge- 
schrieben wird, hat er sich in der deutung geirrt, oder 
ist viebnehr von der richtigeji zu einer falschen ab- 
geschweift. 

Die nachfolgenden auszüge und parallelstellen iver- 
den die richtige erkläruug des ?iamens geben und zugleich 
mit Sicherheit erkennen lafsen , dafs Berthold nicht nur 
die mehrzahl der von ihm genannten secten, sondern auch, 
ihre lehren und sonstigen kcnnzeichen nur aus dem tractate 
seines lehrers und freundes, Davids von Augsburgs, gegen 
die armen von Lyon geschöpft haben kann, tind damit 
gewinnt diese schrift auch für die littvralurgeschichte be- 
deutungf indem sie predigten des berühmtesten deutschen 
redners des mittelnlters erläutern hilft. 

Zuerst einige sä/zr aus dem anfing, der im drucke 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 57 

bei Martene. fehlt: fides katholica est fundamenlum omnis 
boni, sine qua surami boni non possiimus esse capaces .... 
lianc fidem stibverJere teniptant haeretici , qui fidei puritatcm 
nilunlur corrumpere falsilate. — haeretici quippe diciinlur, 
qui fidem per sacramentum baptismi susceperunt et perverse 
sentiendo abiiciunt ; nam qui nee baptismum nee fidem katho- 
licam aliquando susceperunt, aut gentiles dicunlur aul iudaei, 
quaravis et apud iudaeos dieantur esse haeretici, qui litteram 
veteris testamenti pravis inlerpretationibus corrunipunt. et 
quia veteres , sint Arrii et Pelagii et Manicheorum et alio- 
rum , per sapienliam sanclorum conli^iti sunt, qui aperle 
fidem impugnaverunt , surrexerunt novi latenter in angulis, 
serpentes nocivius venenum erroris simplicibus infundentes, 
quo magis periculosum est mal um occultum , quod nescias 
cavere vel adhibere remediura, quam apertum , quod poteris 
elTugere el sanare. — inter alios modcrnos haerelicos in terra 
nostra magis nocivi vidcnlur hü , qui pavperes de hugduno 
vocantur, quorum robur maxime in hypocrisis pallialione cou- 
sistit et falsi nomiuis scientiae iaclalione, [qui] quia sie lati- 
lare noverunt, quod et ubi plurimi sunt, nuUi esse a fidei 
doctoribus putantur; et tanlo plures latenter inficiuntur, 
quanto caulius sciunl occullare quae faciunt. {vergl. damit 
Berthold, undc dar umbc sol man sich vor dem ketzer hüe- 
ton, so er vil heimlichen get zuo iu unde sprichet, er welle 
iuch guoliu dinc leren heimelich in einem winkel u. s. w. 
Kling 270). ad caulelam ßdelium et instruclionem zelatorum 
fidei, qui praemunire simplices valeant et (ab?) haerelicorum 
versutiis , aliquae nominare de illorum secta videtur non in- 
utile , quibus agcns minus polest noccre prudenti (bruoder 
Berhlolt , wie sulle wir uns vor in bchiieten , sit sie guolen 
liutcn so gar geliche sint?* seht, daz wil ich iuch leren, 
den Worten, daz ir iuch iemer mere dcste baz gchüeten kiin- 
net. Kling 307). 

Das ßilgcnde steht aueh bei Marlene, ortus illius 
sectae , quae dicilur Poner de Leun (=^ dem Pouerlewe der 
hss.) seu paupercs de Lngduno, sicut a diversis audivi et a 
quibusdam ipsorum , qui videbanlur ad' fidem reversi , dum 
eorum inlcrcsscm cxaminaloribus , sie se fertur habuisse. 
apud Lugdunum fuerunl quidam simplices laici , qui quodam 



58 BRUDER DAVID VON ALGSBI1RG. 

spirilii inflainmali et super caeleros de se praesunientes, iacla- 
banl se oninino vivere secundiun evangelicam doctrinam et 
illani ad liüeram perfecte servare poslulantes a domlno papa 
Innoccnlio (III.) hanc vivendi l'orniam sua auclorilale sibi 
et suis sequacibus confirmari ; adhuc recoguoscentes prinia- 
luni apud ipsum residere apostolicae polestalis. poslea coe- 
perunt ex se ut plenius se Clirisli discipulos i. e. aposlo- 
lorum successores ostentare et officium praedicalionis sihi 
iacfanter assumere , dicenles Christus praecepisse suis disci- 
pulis evangelium praedicare, et quia sensu proprio verba 
evangelii interprelari praesumpserunt, videnles nullos alios 
evangelium iuxta lilteram omnino servare, quod se velle iacta- 
verunt, se solos Christi veros iniitatores esse dixerunt. cum- 
que ecciesia videret eos praedicalionis sibi officium usurpare, 
quod eis commissum non fuerat, cum essent idiotae et laici, 
prohibuit eos, ut debuit, et nolenles obedire excommunicavit 

//. S. IV. 

Aiifser den obefi angefüJuHen altern seclen der Ar- 
rianer und Pelagianer nennt David fünf neuere, die frü- 
her eins gewesen, aber in verschiedene zweige sich ge- 
trennt haben , die sich gegenseitig bejeinden und verfol- 
gen , und mir noch im hafs gegen die katholische kirche 
einig seien. Berthold macht aji verschiedenen stellen im 
ganzen zehn seclen namhaft, darunter vier, die in Davids 
tractat fehlen , und die ihm ohne zweifei ans den ketzer- 
verordnungen k. Friedrichs IL (Padua 22 febr. 1224. ab- 
gedruckt bei Harzheim, Coiicili.a Germaniae iii, 506 — 509, 
auch beiPertz, Monumenta, Leges n, 328. l^ergl. 244. 288) 
oder aus deren bestäligung durch papst Innocenz IV. {vom 
22. mai 1253 unter den briefen Peters de Vincis Hb. i, 
nr. 25 — 27) bekannt waren, nämlich die Patarener, Spo- 
rer, Ixatharer und Sifrider. es ist dies freilich nur eine 
geringe zahl gegenüber den anderthalbhundert seclen, von 
denen er zu öftern malen spricht. 

Ich will hier zuerst die betreffende stelle aus deui 
lateinische?i tractat, die bei Marlene fehlt, miltlieilen und 
daran die verschiedenen stellen aus Berlholds predigten 
anreihen. 

Cum oliu) uua secla fuisse dicanlur Poucr de Lcun et 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 59 

Orlliebarii et Arnoltistae et Runcbarii et Waltenses et alii, 
ex anibi'.ione primatum et erroris conlicti (?), diversis se inier 
opiniorum alteratione conscissi, in diversas haereses divisi sunt, 
denominati ab illarum auctoritatibus opinionuni cuiuslibet bo- 
rum secfatores. agnoscunt autem se mutuo diversarum hae- 
resiim seclatores et detestantur et contemnunt et suos com- 
plices ab aliorum consortio cuslodiiint, ne ab eis seducantur. 
non autem prodit unus aliuni de alia haeresi, ne forte vicis- 
sim et ille prodat eum, sicut squamae Leviathan sese com- 
primunt, ut spiraculum incedat per eas. oranes autem unani- 
miter exosam habent ecclesiam katbolicam , quae adversatur 
convincendo eos per veritatis doctrinam et condemnando eos 
per iudicium acceptae ab eo (a deo?) potestalis. 

An einer frühern stelle, die hei Marlene ebenfalls 
fehlt, hcifst es 

Quanto autem irralionabiliora credunt vel destabiliora fa- 
ciunt, tanto facilius caventur, et ipsa viiitas prodit se esse fu- 
giendos, quia malum apertum minus nocet, secta vero Pouer de 
Leun et siuiiles tanto periculosi omnes (?periculosiores) sunt, 

quanto sub sanclitatis simulatione se palliant sie et isti 

hypocritae diversa sibi nomina tribuunt. non cnim appellant 
se quod sunt, scilicet baerelicos, sed vocant se veros cbristia- 
nos et araicos dei *) et pauperes dei et huiusmodi nominibus. 

Die hierher gehörigen sätze Bertholds lauten, cod. 
palat. nr. 24. bl. 54"' und nr. 35. bl. 76 {vergl. Kling 
s. 394) daz sint kelzer, die abtrünnig sint von dem beiligen 
kristenglouben unde sich ergeben haut in den gevvalt des lei- 
digen viendes. die sint gcbeizen Manacbei und Patrine und 
Poucrlewe und Runkcler und Sporer und Sil'rider und Ar- 
nolder. unde der ungelouben ist dannoch andertlialbhunder- 
terleie, der einer niht geloubct als der ander. 

Cod. palat. nr. 35 bl. 27''; 
— die kelzer, daz ist siner (des vicrden raorda?rs) morlaxlen 
einiu, da bangent wol anderllialp biindcrt morda'r an; ir ist 
wol andcrUialp liunderlslalile kelzer, Poucrlcwcn, Patrine, 
Spora^'r, Riinkeler**), Orllieber, Gazzars, Sifrider, Arriani, 

*) darnach wäre der i/rspruiiif der gollc-ifrcitnde viel älter, als 
man bisher aiigenummen hat und nachweisen kunnle. 
*') Hiiiglcr hs. 



60 BRUDER DAVID VON ALGSBURG. 

Arnolder, Manichei. iiii seht, des ist also vil des uiivolkes, 
daz da ketzer heizet. 
Ebd. bl. 88^: 
- heiden habent inanigen gelouben, jüden sint ouch niht 
alle eines gelouben , aber der ketzer der geloubet reht einer 
niht als der ander, daz ein Riinkeler geloubet, des geloubet 
ein Arriän niht, noch des ein Pouerlewe geloubet, des ge- 
loubet ein Sifrider niht. seht, der ist wol anderlhalp hun- 
dert, daz allez ketzer sint, der einer niht geloubet als der 
ander, so ist krislen geloube allez ein geloube : daz man 
hie geloubet, daz geloubet man ouch ze Beheini; daz man 
ze Beheim geloubet , daz geloubet man ouch ze Francriche 
unde ze Ispänien unde ze Engellant. unde swä eht kristen- 
geloube ist, daz ist allez ein geloube. 

Cod. palat. nr. 24 bl. 16P {Kling. 302;.- 

— ketzer die habent ouch den allermeisten ungelouben , der 
ie gehört wart, sie habent wol anderthalp hundert ketzerie, 
der einer niht geloubet als die andern, swenne ie einer hat 
funden eine niuwe ketzerie, diu ketzerie heizet danne als 
jener der si von erste da vant. eine heizent Pouerlewe, 
und ein Arriäni unde Riinkeler unde Manachei unde Sporer 
unde Sifrider und Arnolder, und also manigerlei namen, daz 
ez nieman volenden mag. aber swie manigerleie namen sie 
haben, so heizent sie über al ketzer. 

Cod. palat. nr. 35 bl. 16': 

— so der ketzer ie me predige beeret, so er ie boeser ist, 
wan get er unde hoeret die predige, so waere er mir lieber 
da heime, wan er get durch dehein guot her, niwan durch 
gelichsenüsse oder ob er mir iht verlernen raiige. Pouer- 
lewe, Riinkeler, Orllieber, bist dii iendert hie? (frequentant 
nobiscum ecdesias, intersunt divinis, offerunt ad allare, perci- 
piunt sacramcnta ii. s. iv. cum haec et omnia similia irrideant 
et prolana iudicenl et damnosa , sicut aliquando lupus pelle 
se conlegit, ne lupus ab ovibus dignoscatur Marlene s. 1782). 

Ebd. bl. 98": 
Vi, ketzer, wie ist dir so geschehen durch einen boescn wan, 
daz du wa'ncst , jener wa're ein guot mensche, der dich hat 
gcleret in einem winkel ! sag an, ketzer, waz zeichen stehe 
du in luon, wan daz er dir siieze rede vor tote? unde hast 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 61 

dar unibe den lielilen gclouben , den höhen, den slaelen, den 
reinen , den heiligen uude den durchnathlen , den rehten kri- 
stengelouben verlan durch den stinkenden, den valschen ketzer- 
geloubcn, niuwan unib eine siieze, valsche rede unde durch 
den wan , daz du wantest, er woere er guot mensche , unde 
s?ehe in doch dehein zeihen luon. vi, welch ein torheit ! 
Sporer, sag an, gelouheslü Patrine und Manachei, geloubeslu, 
daz die alle unreht haben unde daz du reht habest? 'ja ich, 
Iriun!' se , wä von wildü reht haben unde sie niht? wan 
waerc dir ein Rünkeler ze banden komen oder ein Pouer- 
lewe, der hsele dir alse guote rede vor geseit oder süezer 
rede haete er dir vor geseit dannc dir der Sporer tele, dem 
haetest du als schiere gevolget als disen. se, waz zeichen 
tele er? vi, tor, man kan dich nienier bekeren, vi ! 

Untej' den angeführten naimm bedürfen die Arrianer, 
Manichäer, PatHner, Pelaginner, Gazzers {Ga:inri ^= Ra- 
tharer) und Wnldcnser keiner weitern erklärung. die 
Arnolder ( Arnoldislac) sind anhänger des Arnold von 
Brescia und die Pouerlewe., oder wie befser, jedes falls 
richtiger zu schreiben ist, Pouer de Leun, die auch sonst 
in den quellenschriflen über die mittelalterlichen secten oft 
genannten Pauperes de Lugduno, in den päpstlichen bullen 
auch Leonislae genannt, über die sporer ( Sperouistaej, 
deren Stifter nach Berthold {Kling Z^^) ein Spornmacher 
war, weifs man nichts näheres, ebensowenig über die Si- 
frider, die aufserdein nur noch in dem tractat des Pseudo- 
Reinherus {Bibliotheca max. Lugd. xxv fol. 206) voll- 
kommen: item SilVidenses {so ist nach dem druckfehler- 
verzeichnis für Siscidenses zu lesen) concordant cum VVal- 
densibus lere in omnibus. die Rünkeler (Runcharii , Run- 
caroli , rergl. darüber Hahn, geschichle der kctzer im 
m. a. 1, 52) wurden ohne zweifei nach den Urtern ge- 
nannt, wo sie sich gewöhnlich aufzuhalten pflegten (run- 
caria heifst nach Dufresne ein wüstes unbebautes feld), 
und den namen f Finkeier, den sich eine secte , die vom 
anfing des l^n bis ins loe Jahrhundert in Strafsbuj'g be- 
stand, beilegte, halte ich für nichts anderes als den deut- 
schen ausdruck für Rünkeler {vergl. Röhrich, die gutles- 
freunde und die Winkeler am Oberrhein in lllgens zeit- 



62 BRÜDER DAVID VON AUGSBURG. 

schriß 1840, 144/1 loid Hahn a. a. o. 2, Z&O jf.). von 
den Oftliebern (Orlliebarii , Ordibarii u. s. iv. worüber bei 
Pseudo-Reinherus das nähere zu finden ist) sagt Röhrich 
ff. ff. 0. s. 125, daj's diese secle durch einen gewissen 
Ortlieb von Strafsburg (qui fuit de Argentioa , quem Inno- 
ceutius III. condemuavit : Reinherus) zuerst in der Rhein- 
gegend verbreitet worden und von ihm den namen erhalten 
habe (vergl. auch Hohn 1, 53). 

Folgendes sind nach Rerthofd (Kling s. 307—309) 
die sieben hauptkennzeichen eines ketzers. 

Ir sult die kelzer halt an siben worten erkennen, und 
swenne ir der siben wort einz erhoeret, von dem sult ir iucli 
hüeten, wan der ist ein reliter ketzer. — das erste, swer 
da sprichet, ez müge dehein eman bi siner hüsfrouwen ge- 
ligen äne houbetsiinde. (= malrimouium dicunt esse fornica- 
tionem iuratam , nisi continenter vivant, qiialibet alias im- 
munditas (?) magis licitas quam copulara coniugalem Marlene 
s. 1779. coniuges si quas ante habuerunt relinquunt ebd. 
s. 1781.) 

Daz ander ist, swer da sprichet, ez nuige dehein rihter 
nieman ertoelen äne houbetsiinde ; vergl. Kling s. 14 so 
sprichet der ketzer, ez müge nieman einem menschen sinen 
lip genemen äne sünde mit gerihte ( = dicunt eliam , quod 
non licet occidere maleficos per iudicium saeculare Marteiie 
s. 1780). 

Daz dritte, swer gibt, daz die siben heilikeite unde der 
wihebrunnen niht kraft enhaben, der ist gar ein ketzer. im 
lateinischen tractate werden aujser der ehe nur die taufe, 
die firmung und die letzte Ölung ausdrücklich verworfen : 
unclionem extremam respuunt, dicenles, potius fore male- 
dictiones quam sacramentum. — conlirmationis sacraraentum 
respuunt. — dicunt baptismum non valere parvulis Mart. 
s. 1779. doch liegt in der übrigen lehre die leugnung 
der übrigen sacramente gleichsam eingeschlofsen , vergl. 
Martene ebd. 

Daz vierde , swer da gibt, daz ein priester , der selbe 
in houbelsündcn ist, daz der nieman von sinen siindcn en- 
L'inden müge, der ist ouch ein ketzer (= dicunt, quod pec- 
calor sacerdos non possit aliqucm solvere et ligare, cum ipse 



imUDER DAVID VON AUGSBURG. 63 

sil ligaliis pcccalis , et quilibel bonus et sciens laicus possit 
alium absolvere et poenilentiain imponere Mart. s. 1779). 

Daz fünfte , swer da sprichet , man siille der wärhcit 
nihl swern und ez si houbcisiinde , swer der rchtcn warheit 
swert; ferner ebd. s. 305 sie swuoren niht durch deliein 
dinc, unde da bi wart mau sie erkennen, nii wandeint sie ir 
leben .... unde swernt die eide nu (= dicunt illicilum 
esse omne iuramentum, inde vero et peccalum mortale, sed 
tarnen dispensant, nisi iuret quis pro evadenda corporis morte 
ti. s. w. Mart. 1780. difliuierunt olim non iurare omnino; 
sed quia per hoc facilius deprehcndebanlur et condemnabantur, 
caule dispensaverunt modo iurare pro se vel pro alio a morte 
liberando et defendendo. cum autem iurare compellunlur aut 
pallialis verbis iurant, ne putenlur iurasse, sed fiele agunt 
ex bis diversis modis ebd. s. 1784). 

Der sechste satz, nämlich, dafs auch die ungclehrten 
und die laien aus der schritt reden dürfen , ist auf allen 
Seiten des tractats und in der ganzen tiefgehenden oppo- 
silion gegen die geistlichkcit enthalten, so dafs es hiefür 
keiner besondern hervorhebung bedarf, und der siebente, 
dafs wer zwei rücke habe einen durch gott hergeben solle, 
obschon nirgend deutlich ausgedrückt , ist ebenfalls eine 
natürliche fulgerung ihrer behauptuug, dafs sie kein eigen- 
thuui besitzen. 

Bertholds predigten und der lateinische tra^tat ent- 
halten aber noch andere stellen, die in auffallender weise 
mit einander übereijistimmen. 

Kling s. 305 also tragent nii die ketzer swert unde 
mezzer (= quamvis gladios et arma fcrant Mart. s. 1785). 
— Kling s. 308 merket mir disiu worl gar eben unde be- 
liallet sie iemer unz an iuwern löt. ich wolte halt gerne, 
daz man liet da von siiuge. ist ilit guoler meister hie, daz 
sie niuwen saue da von singen? die merken mir disiu si- 
bcuiu wort gar eben unde machen liedcr da von. da tuot 
ir an unde machet sie kurz und ringe , daz sie kiudecliche 
wol gclerneu miigen , wan so gelernent sie die Hute alle ge- 
meine diu selben ding, unde veigezzcnt sie deste miuuer. 
ez was ein verworhler ketzer, der machte liet von der 
ketzerie und Ißrte sie diu kiiit an der straze , daz der liule 



64 BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 

(lesle mer in kelzerie vielen, und dar umbe sa'lie ich gerne, 
daz man diu liet von in siinge. dieser merkwürdigen stelle 
scheinen mir folgende sülze aus dem lateinischen tractat 
zu gründe zu liegen, puellas parvulas docent evangelia et 
epistolas, ul a puerilia consuescant errorem amplecli u. s. w. 
Mart. s. 1782. finxerunt etiam quosdam rilliinos, in quibus 
docent quasi virtules sectari et vitia deteslari, et callide in- 
serunl ritus suos et haereses, ut melius alliciantur ad ea di- 
cenda et fortius inculcent ea memoria , sicut nos laicis pro- 
ponimus symbolum , dominicam oralionera , et alia pulcra 
huiusmodi causa confinxerunl ehd s. 1784. — Kling s. 303 
s6 get der ketzer alse geistliclien zuo den liuten und redet 
also siieze rede des ersten unde kan sich also wol zuo ge- 
tuon .... er seit dir vor also siieze rede von gote unde 
von den engelen, daz du wol swüeresl er si ein engel u. s. tv. 
(= dociles inter aliquos complices et facundos docent verba 
evangelii et dicta apostolorum et sanctorum alioruni in vul- 
gari lingua corde lirraare , ut sciant et alios informare et 
sectam suam pulcris sanctorum verbis polire • . . ; et sie 
per dulces sermones et benedictiones seducuut corda inno- 
centium Mart. s. 1781.) 

Die ketzer, sagt Berthold zum öftcrn , pßegen sich 
am liebsten an einsamen , abgelegenen orten aufzuhalten, 
in winkeln., wo sie die einfälligen ungesehen und mit leich- 
ter mühe verführen können-, sie gent ouch niht ze frumen 
Stelen, wan da sint die liute verstendec unde hcerenl an dem 
ersten wol, daz er ein ketzer w6re. sie gent zuo den wi- 
lern und zuo den dorfern gerne unde halt zuo den kinden, 
diu der gense hiielent au dem velde Kling s. 304 (= so- 
lent eliam tales mansiones habere in locis, ubi babent sludia 
sua vei celebrant conventicula , quae cirtumquaque aliis sunt 
inaccessibiles, ne prodantur, ut in t'oveis sublerraneis vel ali- 
ter sequestratis. — ad simplices et rüdes solenl accedere, 
maxime ad cos, qui non sunt iratribus praedicaloribus et mi- 
noribus lamiliares, et ad loca, quae non rrc(iuculantur ab illis 
Mart. s. 1781. 1782). 

f^on der anklage, dafs sie nachts katzen und kr'öten 
küssen, werden die armen von Lyon im lat. travtat frei- 
gesprochen noctibus autem maxime huiusmodi conventicula 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 65 

frequenfanl, quando alii dormiunt, ut libenter minisleria ini- 
quitatis opereiitur. quod auteni , ut dicilur, osculenlur ali- 
qui catos et ranas et videanl diabolum vel extinclis lucernis 
pariler fornicentur, noii pulo istiiis esse sectae Maft. ebd. 
ohne ziveifel ist es aber diese stelle, die Berthold zu fol- 
gender vergleichung anlafs gegeben hat: so hüete sich 
alle weit vor der kalzen. so get si hin unde lecket ein 
kroten. s\v;\ si die viudcf, iinder einem züne oder swa si die 
vindet, unz d;iz diu krolc hluotet, so wirt diu kalze von 
eiler indurslic. — ir reinen krislcnliute, da von hüetet iuch 
vor disen ketzern , die also ze iuch sliefent sani die katzen 
und iuch ertocten wellent mit ir krolensamen der unreinen 
ketzerlichcn lere , die er in sich gelecket hat sam diu katze 
daz eiter von der kroten Kling s. 303. 307. 

Ich will die hervorhebung von vergleichstellen , de- 
ren sich noch ynehr darbieten würde/i, nicht iveiter führen ; 
die gegebenen werden hinreichen 7iin zu zeigen dafs Bert- 
hold die merkmale und lehren, die er von den ketzern 
im allgemeinen hinstellt, die aber ganz besonders die ar- 
men von Lyoti sind, nur aus diesem tractate geschöpft 
haben kann, dieser umstmid , zusammen mit der angäbe 
der Stuttgarter hs., dürften hinreichen zum beweise dafs 
David , Bertholds lehrer und freund , der wirkliche ver- 
fafser des lateinischen traciules ist. dafs derselbe ein 
Deutscher war, was der auch sonst ganz imbekannte Yvo- 
netus schon seinem namen nach nicht sein könnte, geht, 
wie mir scheint, auch aus einer stelle hervor, wo erzählt 
wird , dafs trdhrrnd des ziviespalts zwischen papst Inno- 
cenz IV. und kaiser Friedrich II. ein deutscher fürst im 
begriffe gewesen sei, sich offen für die ketzer zu erklä- 
ren, was aber sein tod glücklicherweise verhindert habe: 
Marlene s. 1786. 

Uebrigefis zeichnet sich Davids tractat, ganz im ein- 
klang mit seinem character, wie v)ir ihn aus den übrigen 
Schriften kennen , bei aller entschiedenheit dennoch durch 
kritik und milde aus {vergl. Hahn, geschichte der ketzer 
1, 28). die letztere eigenschaft war den Franciscanern, 
bei denen der liebevolle geist ihres grofsen Stifters noch 
lange fortwirkte, in viel höherm grade eigen, als den Do- 
Z. F. D. A. IX. 5 



66 BRÜDER DAVID VON AUGSBURG. 

minicaneru ., die sich durch herhhcit ., strenge und blinden 
eifer heim volke in eben dem mnfse verhaj'st machten, als 
die Minoriten, die freilich schon durch die gänzliche ent- 
sagung alles irdischen besitzes den niedern ständen viel 
näher standen, in früherer zeit wenigstens beliebt teuren. 

Nachtrag. 

Die freundliche gefälligkeit des herrn Maurer- v. Con- 
stant in Müncheri setzt mich in den stund , über die oben 
berührte lateinische chronik jetzt schon auskunft geben 
zu können, die freilich anders lautet, als ich gehofft hatte, 
die hs. trägt nun die nummer Cod. lat. 5541. perg. xw.jh. 
8. zu zivei spalten, die chronik steht dari?i auf bl. V — 45" 
und reicht den eingangszeilen zufolge bis zum j. 1271 : In 
nomine doniini noslri Jesu Christi in liac compilalione, quae 
de diversis excerpta est, videlicet de iure canonico, de eccle- 
siaslica historia, de Orosio , de crouicis Eusebii, Hieronynii 
et alioruni, de libro qui dicitur gemma animae , de opusculo 
quod vocatur ordo Romanus, ostendilur leg^^re volenlibus de 
gestis sive statutis Romanorum ponlificum et de statu bono 
vel malo iraperatorum. insuper quibus , qui meraorati prin- 
cipes conteraporanei fuerint a beato Petro aposlolo et a Cae- 
sai'e Auguslo usque ad annura mcclxxi u. s. w. also bis zum 
j. 1271 (die auf den beiden letzten spalten enthaltenen 
nachrichten aus den j. 1272 — 1281 mögen spätere Zusätze 
sein), dem todesjahre Davids, das würde der zeit nach vor- 
trefflich passen, und an dem ausdrucke compilatio brauchte 
man sich ?iicht zu stofsen , da die chronik in bezug auf 
die frühere zeit bis mindestens 1200 der natur der suche 
nach nichts anderes sein kan?i. Davids name wird indess 
im buche selbst nirgends genannt und nur auf der innern 
Seite des vorderdeckeis findet sich von einer hand des 
\^7i jahrhmderts folgende bcmerkung -. Haec continentur 
in libro hoc. item (Chronica fValris David de Aiigusta de 
summis ponlificibiis et imperatoribus u. s. w. ich kenne die 
gründe nicht, ivelchc die inönche des klosters {Bayer-) 
Diefse7i, woher die hs. stammt, vermocht Itaben, gerade 
dem brudcr David diese chronik zuzuschreiben, vielleicht 
war es der Zeitpunkt, womit sie schliefst; und sein name 



BRUDER DAVID VON AUGSBURG. 67 

und seine lateinischen Schriften waren ihnen nicht unbe- 
kannt, indem deren erste ausgäbe vornehmlich auf Die- 
fsener hss. sich gründete. 

Ich zweifle jedoch an der richtigkeit dieser angäbe, 
tvenigstens koimten mich die abschriften, die mir herr 
Maurer- von Constant in zuvorkommender weise von bl. 24'* 
— 45" f720 — 1281) mittheilte, nicht überzeugen, dafs Da- 
vid der verfafsor dieses von anfang bis zu ende, 'höchst 
dürftigen buches sei ; man müste denn annehmen, er hätte, 
für seine schüler etwa, absichtlich ein kurzes geschichts- 
compendium. schreiben wollen, nicht unmöglich, aber ich 
kann nicht daran glauben. 

Die heftigkeii , womit hier gegen die Staufer partei 
genommen wird*), die a/f/allend häufige erwähnung thü- 
ringischer und sächsischer orts- und klosternamen und die 
ausführlichkeit, womit die den predigerorden betreffenden 
angelegenheiten erzählt loerden , lafsen mich eher vermu- 
ten, dafs der verfafser ein thüringischer dominicaner loar. 
Zu ei7ier genauem Untersuchung der chronik reicht 
die mir zu diesem nachworte vergönnte frist nicht, ich 
mufs sie daher auf eine spätere zeit verspare?i und werde 
dann die eigenthümlichen ?iachrichten , die sie etwa dar- 
bietet {beträchtlich dürften sie kaum sein), den geschichts- 
freunden nicht vorenthalten. 

Für die vorliegende frage genügt es, dafs ich diesen 
punkt, durch den ich meine entdcckung nocli fester be- 
gründen zu können glaubte , hiemit fallen lafse : wie ich 
hoffe, ohfie erheblichen nachtheil für meine beweisführung, 
die nach meiner Überzeugung auf entscheidenderen grün- 
deii ruht, jedesfalls aber zur Steuer der Wahrheit oder 
doch dessen, ivas ich als solche erkenne. 

Stuttgart 29 nov. 1851. FRANZ PFEIFFEU. 

') ein gj'iifsernr abschnitt bl. il, voll schiverer anklagen gegen 
kaiser Friedrich II., ist indessen ausdrücklich und wörtlich dem ah- 
selzungsdecrete papst Innoccnx- IV. enlnommen. die darin enthaltene 
besc/iuldigung, Friedrick habe den herzog Ludwig von Baiern durch 
Assassinen tüdten lafsen, darf daher nicht als besondere beweissteile 
angeführt werden, wie Höfler, der bei dieser gelegenheit zuerst der 
chronik erwähnte, in den Münchener gelehrten anzeigen I84fi bd. '2'.i 
s. IUI i, gethan hat. 

5* 



68 HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

Hans Vindlers buch der Tugent , une der Atigshnrger 
druck von 1486, oder richtiger {vergl. unten v. 8 der ein 
leitung) blume der tugend, ivie die gothaische hs. das 
werk nennt {vergl. Jac. Grimms mythologie , 1. ausgäbe, 
a?ihang li), nach der eigenen angäbe Vindlers im icesent- 
lirhen eine Übersetzung aus dem Italienischen (vergl. tinten 
die einleitung^ , enthält in der gestalt, in welcher es uns 
vorliegt, verschiedenartige bestandtheile, deren sonderung 
im folgenden versucht werden soll, es lajsen sich nämlich 
deutlich zwei theile unterscheiden, und namentlich in dem 
ersteren ehi ursprünglicher stamm von einschaltungen scharf 
trennen, anfserdem ist im zweiten theile ein selbständiges 
gedieht eingesqhoben , mitten in den Zusammenhang eines 
abschnittes hinein, so dafs der leser, so lange er nicht 
den loahren Sachverhalt bemerkt hat, in der grasten ver- 
loirrung umhertappt. — in der mittheilung von stellen aus 
dem werke bin ich nicht sparsam gewesen, um bei dieser 
gelegenheit zugleich ein möglichst vollständiges bild von 
dem loerke Vindlers zu geben, das nur in zwei oder drei 
e.vemplaren vorhanden ist, und dessen vollständiger Wieder- 
abdruck schwerlich je zu erwarten sein dürfte. 

Bei der 7iachstehenden Untersuchung habe ich nur den 
Augsburger druck des Joh. Phmbirer {nicht Plaubiler, 
tvie V. d. Hagen im grundriss s. 414 ihn ne?int) vom 
jähre 1486 {nicht 1484, wie v. d. Hagen a. a. o., auch 
nicht 1485, ivie Gervinus , gesch. d. p. N. L. 2. hd. 
s. 381 //. 382 angiebt) benutzt, verm%ite jedoch dafs die 
handschrift in allem wesentlichen zu dem dj^uck stimmen 
wird, einmal weil das von Jac. Grimm a. a. o. aus jener 
mitgethcilte stück fast wörtlich mit der cntspreche?idejt 
stelle des drucks übereinstimmt , danti weil es auch Jac. 
Grimm entgangen zu sein scheint dafs gerade jene zauber- 
und aberglaubenaufzählungen zu jenem selbständigen, mit 
Vindlers blume der lugend nicht zusammenhängenden ge- 
dichte gehören, was nur möglich war, wenn in der hand- 
schrift dieselbe Verwirrung herscht wie im druck. 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 69 

Ich ivill dies letztere stück zuerst ausscheiden , be- 
merke aber vorher noch im allgemeinen dafs man sich 
durch die eintheilungen und die Überschriften des drucks 
weder leiten noch stören lafsen darf: sie sind besten falls 
rein zufällig getroffen, meist dagegen völlig unsinnig, 
aufserdem, wie auch der text , durch druckfehler, oft ge- 
rade an entscheidenden puncten , entstellt; ich nehme auf 
sie gar keine rücksicht. 

Jenes gedieht nun vom aber glauben beginnt auf bl. Z*'', 
ohne seinen anfang dusserlich durch den druck zu mar- 
kieren, enthüll 904 verse, und kündigt sich zu anfang und 
ende als ein für sich bestehendes ganzes an : 

Gol vater aller gütigosler 

Jhcsu Crist aller süssosler 

O lieilijrer geyst voller niill 

Wann keiner gab dich nye beuill 

Gen den die dich anrüH'en sind « 

HiUr dz ich ze sanien pind 

üitz keyn werck nach meyner ger 



Vnd dz man alleyn got ereu 

Wafi er ist kiing vfi keiser ob alle her'n 

Aber dz l'elscht mau yelz gar ser 

Wan des vngelaubens ist mer 

Wan sy yemanlz kan gesagen 

Ich waifz ir vil, 

nun folgen alle die abergläubischen gebrauche , die von 
Grimm a. a. o. abgedruckt sind, riebst einer reihe war- 
nender beispiele. das gedieht schliefst auf bl. D®: 

Ich wailz auch wol dz ich hab 

Grosse straffung von niangem man 

Die mainent es sey recht getan 

Was man thü mit zauberey list 

Wan doch die warheit selber spricht 

Es werdent auff stan an mangcn steten 

Falsch trugenthafft propheten 

Die die Icul v'lailen werdent 

Dz selb seynd die do crent 



70 HANS VINDLERS BLl ME DER TUGEND. 

Der teüffel vnd auch sein zauberey 
So spricht manger auch dabey 
Ich hab zeuil für mich genümen 
Vnd mag sein nymmer ze end körnen 
Den selben antwurt ich on wan 
Wann ich tun was ich kan 
So tun ich mir genug 
Doch ist das buch so klug 
Das yeglicher da von uympt 
Als vil als seyner kunst gezyrapt 
Dem Ochssen hew dem Esel distel 
Dem Ritter gold geit dise czistel 
Yedoch so tut mir dick zoren 
Gib ich den gensen haber od' koren 
Do mischen sich die falcken zu 
Das selb machet mir vnru 
' Od' gib ich frisches afz 
Den selben falcken so wellen die genfz dz 
Zwar falcken fled'mufz vnd fligen 
Seynd vngelich man well den trigen 
Das selb wüstet alle recht 
Wann der her' tut als der knecht 
Vnd der knecht tut als der her' 
Dz selb macht alle wer'*) 

*) ich lafse die var/anfcn des drucks zu der von Grimm mitgc- 
theilten stelle, die ich vers 1— 27G beziffere, fvlgen. 

3. pfaff 4. do sprach 5. muncb odev fehlt. 16. dise den 
23. welleüt fehlt. die Dyadeiua 25. auch fehlt. sy haben 

27. vnd fehlt. etlich giessen 32 ii. 33 fehlen. 37. sehen 

vnd auch 43. percht 61. zan 62. habent yene den vierdcn 

68. die do schl. 71. trisesseln 74. der die 76. Pippfis 

78. die trut 81. leule 82. deute 83. orken vn alben 

85. schrruzlin 91. syl 92. nutzend etlich die 94. pley 

101. ob es in 102. etlich leul 105. mau fehlt, sy dz grabent ze 
sybend 1Ü6. vnd etlich pilfz 127. das dem 130. liiicicen 

132. stolz d. k. 138. vale 150. segcnt 156. Hören eyn 

158. Martins 164. affter wegen 176. wollT 179. drysessc' 

191. Regen 194. tag 199. Geomaiica 207. kircheo 211. ich 
vnd diser 216. pfefliu 219. riicbnacht 226. etlich die 

228. vnd etlich lassent jagen 239. rennen 242. fiu-t mange 



HAiNS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 



71 



Der abschnitt, in icclche?! dies gedieht eingeschoben 
ist, handelt von der rede, zuerst ivird darin vom schwei- 
gen gehandelt u?id dasselbe anempfohlen, mehrere beispiele 
erläutern dies, unter ajideren auch das von einem schweig- 
samen ritter, der in ein kloster gieng: 

Vfi hiefz sich do v'sperren an der stet 

In eyn sonderliches gaden 

darüb dz er seyn schweigen mocht habe 
und hieran schliejsen sich die erstell ivorte nach beendi- 
gung jenes gedichtes auf das ungezwungenste an : 

Aber wer do well volkömen seyn 

An d' red der ueme eyn 

Ayn gut lere von dem han 



Das hauptwerA' nun zer/a'/lt, aufser der einleitung 
und dem schlufse, seiner construction nach in zwei, ivesent- 
iich von einander unterschiedene iheile. 

Der erstere eiithält eine reihe schilderunge?i von je 
einer tilgend und dem ihr entsprechenden laster. es sind 
deren Y7 paare: 

I, 1. die liebe. 
II, 1 . die freude. 

III, 1 . der friede. 

IV, 1. die barmherzigkeit. 
V, 1. die milde. 

VI, 1. die straf ung. 
VII, 1. die Weisheit. 
VIII, 1. die gerechtigkeit. 
die treue, 
die Wahrheit, 
die stärke. 



IX, 1 

X, 1 

XI, 1 

XII, 1 

XIII, 1 

XIV, 1 
XV, 1 



die starkmütigkeif. 
die släligkeit. 



die mäfsigkeit. 
die dcmut. 
XVI, 1. die miijsigkeit. 
XVII, 1. die keuschheil . 



2. 


der neid. 


2. 


die tj^aurigkeit. 


2. 


der zorn. 


2. 


die gräuU.chkeil. 


2. 


der geiz. 


2. 


die schmeiehung. 


2. 


die thorheit. 


2. 


die Ungerechtigkeit 


2. 


die falsch hei t. 


2. 


die lüge. 


2. 


die furcht. 


2. 


die eitel e ehre. 


2. 


die unstäte. 


2. 


die unmäfsigkeil. 


2. 


die hojfart. 


2. 


die frajsheil. 


2. 


die unkeusche. 



250. 
'2 «7. 



so slal '252- iiäwe '253. Deins 
Für den iiassel '275. beck '270. 



5 4. niainajd 203. duricn 
viid durcli slcck 



72 HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

der theil schliefst mit dem abschnitt: 

XVIII, die mUfsigkeit, 
hier im hohem sinne als grundlage und kröne aller lu- 
genden verstanden , daher auch flicht mit einer speciellen 
Untugend gepaart. 

Jeder dieser 35 abschnitte ist auf dieselbe weise con- 
strifiert. sie zerfallen gleichmäfsig in drei theile : der erste 
enthält die definitio7i der in rede stehenden tagend oder 
Untugend , die unterabtheilungen derselben u. s. w.; der 
zweite wird regelmüfsig eingeführt durch ein gleichnis, 
nach der im mittelalter so beliebten, die natur zu morali- 
schen zwecken ausdeutenden iveise, daran schliefst sich eine 
lange reihe moralischer Sentenzen ^ als dritter theil folgen 
dann eine oder mehrere erzählungen , die das vorher- 
gehende durch beispiele noch anschaulicher machen^ wahr- 
scheinlich auch wohl zur ubwechselung und Unterhaltung 
dienen sollen, die beiden ersten theile bestehen eiffürmig 
aus compilierten stellen aus christlichen und classischen, 
poetischen und prosaischen schriftstellei^n, mit, wenige 
ausnahmen abgerechnet , gewifsenhafter angäbe des na- 
mens des autors jeder entlehnten stelle (nur bei den deßnitio- 
nen und gleichnissen finden sich zuweilen die autoren nicht 
genannt); der dritte theil ist ebenfalls nur aus büchern 
entnommen, nie aus lebendiger tradition geschöpft, so daj's 
also das ganze werk sich darstellt als die fieissige com- 
pilationsarbcit eines büchergelehrten , der pedantisch und 
trocken sich nur in moralischen allgemeinheiten bewegt. 
ich unterscheide die drei abtheilungen durch a, b und c. 
Als beispiel theile ich einen solchen abschnitt mit, um 
zugleich von der spräche des verf. und der Verderbnis der 
Überlieferung ein bild zu geben, und wähle hauptsächlich 
der kürze tvegen V, 2 : 

Die {^eitikait ist ein widerporl 

Gen der mill nach dem wort 

Als Tuliiis spricht i seyner Siim 

dz sy sej ein hochmütigfig- d' begerung 

Zegwinne dz recht vn dz vnrechl 

vn dz zeuerhallen dz not ist vn schlecht 

Vn zeuerzeren alle ding gar schwach 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 73 

Vfi zewusteii dz do über bleibt on sach 
In der Suin do man allen Tadel list 
Spricht mü dz d' aigenllich geitig ist 
Der do behalt dz man v'zeren sol 
vn d' do v'zert dz mä behalte möcht wol 
Gregorius spricht in aller weit prait 
Fint man ellich end in der geitikait 
Wafi man mag sy erfüllen nimer recht 
vn wer ir dient d' ist seis knechlz knecht 

Die geitikait mag mä wol gelich 
d' krote die lebt allzeit dez ertrich 
Durch vorcht die sy an ir hat 
Dz sy sich dez ertreich nit müg werde sat 
Wan sy erfüllet sich mit essen nicht 
Alle krote seind geitig mit irem gesiebt 
In der Sum do sich der tadel pirl 
Fint man dz kein schände auf erd wirt 
Gebraucht als die Geitikait 
Vn doch ist sy ein miiter aller pofzhail 
Wan doch all tadel werdent alt 
An de menschen wie sy seind geslalt 
Ab' die geitikait wirt allweg zwar 
Ye lenger ye lenger von iar ze iar 
Sant Pauls die wurtz aller pofzheyt 
Das ist die recht geytikeyt 
Salomö d' geitig mag nit erfüllet werde 
Mit keynem gut auff diser erden 
Vnd wer auch lieb die reiclitum hat 
Der hat kein vorcht wz man vö im sagt 
Alanus spricht das der geytig man 
Nymnier wol eralten kan 
Vnd d' neydig mit seym streit 
Die rasten nymmer zii keyner zeit 
luuenalis spricht die pfcnning sind 
Nil defz, ab* d' geitig ist d' pfenning kind 
de pfennig mag mä wol ei nam«; scheide 
Eyneni abgot die die beiden 
Belent an nach irer Ke 
Gleich also betet de geytig me 



74 ' HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

De pfenning an, vvä er glaubt darbey 
Das keyii ander got nicht sey 
du gütiger man spricht Seneca 
Was hilfft dich dein reichtum hernach 
Mit de gut zelun in deim leben 
Wenst du das dir der pfennig sey geben 
Das du sy solt sperren in deyn schreyn 
het got gewolt sy solle wol verspert sein 
V'^nd het dich sy nyiunier lassen vinden 
Wes wiit du dich denn vnderwinden 

Von d' Geytikait list man das 
dz marcus cassidius so geitig wz 
Das er zoch in Hyspania land 
Als eyner von dem höchsten ampt 
Vn de der Römer rat het aufz erweit 
Do sant er Kalphur von im den helt 
Vnd Silum den gesellen seyn 
Die do betten gesworen Cassidius peyn 
Vnd betten auch baid waffen in d' baut 
Do mit yn der lod ward bekant 
Die liefz er baid leben vuib die geitikeit 
Vmb eyn klein giit als man seit 
Wan im liebet nun dz gut an d' stet 
Waü im die gerecbtikait dez gericht tet 
Vn darüb spricht d' meysler alsus 
Was wenstu das Marcus Cassus 
Het geben in sollicher not 
Ee wer er tausent tod gelegen tot 
Ee das er sollich gelt het gegeben 
Vnd damit gefristet het seyn leben 
Als gar het in der geyt überkömen 
Dz im sein giit nit wer zeslalten körnen 

Von d' geilikait schreibt mä alsus 
Von einem d' hiefz Gemiruis 
d' het all sein tag kein and' wunn 
Nur das er vil gutes gcwunn 
Vnd kund doch nye crliillen sein miil 
Vnd do er als reich ward an gut 
Vber alle die in der slat waren 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 75 

Do er ynn was geporeii 
Vnd sich etlich zeit v'gieng darbey 
Do rufFt er zu im seiner Sune drey 
Die er gar lieb het vnd sprach 
Mein lieb sün ich pit euch vni ein sach 
dz ir mein gut dz mich hat gemacht rieh 
Werd von euch v'zert also miltiglich 
Wa es notturfft ist mein lieb sün 
Wann ich mag seyn laider nit getiin 
Ich han die geitigkait so lang erkant 
Für ein grossen tadel als er i allem lant 
Oder auff erd yendert mag geseyn 
Wan d* mensch hat dauon allzeit peyn 
Wan ich erkant auch nye grösser pofzheit 
Vnd do er in dz also geseit 
Do tet got seyner wunder scheyn 
Wan mä fand dz geitig hertz i sei schrein 
Do sein pfennig yn waren v'schlossen 
Dz was mit blut allesampt begossen 
Bei de7n schlufscnpitel XVIII ist in c durchaus pas- 
send als ein beispiet der höchsten tvcisheit eine längere 
geschichte der Schöpfung gegeben, an deren ende es, den 
t-rsten tlicit sehr schicklich beseht iejsend, heijst 
Also het die oberst Golheyt 
Alle ding gemacht mit mässigkcyt 
Nun finden sich aber in einigen capiteln stellen , die 
aus jener normalen haltung der abschnitte heraustreten 
und die ich daher, bei dem augenscheinlich ic allenden 
streben nach Symmetrie in der anläge, nicht fidr productc 
des ersten ivurj's halten möclite ; es sind dies stellen, in 
denen keine compilationen sich finden , sondern in denen 
die eigene persönlichkeil des dichters hervortritt, sie sind 
doppelter art. es wird n Hin lieh 

1. ein gebet eingeschoben. dies geschieht zu ende 
von VII, 2, b: 

Ach lieber goJ nun gib mir guust 
Dz alles meyn tun dii- sey ein lob 
Wie gar nun doch mein syfi ist grob 



76 HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

Als das der Prophet spricht 

Das deyn barmhertzikait 

Erfüll die hymel vnd die erde prait 



Wer möcht dein wunder gar sagen 

Nyeinant herre wann du 

Dein heiligen geist wolleslu senden zu 

Der selb niocht wol die wunder deyn 

Zeliechte pringen herre uieyn 

Aber alle kunst wer sunst entwicht 

V^nd het er aller der gedieht 

Die alle meyster vor ye betten 

Vn wer ich auff de süssen berg gelrette 

Der Elicon mit namen heysl 

Vnd do die golter allermeyst 

Ir aller höchstes gedieht vinden 

Dennocht wer ich bey den plinden 

3Iit meiner krancken fanlasey 

Dauon ich herre an dich schrey 

Wann du hillFesl doch allermeist 

Ich mein dich vater sun vn heiliger geist 
es hängt durch den reim mit dem voraufgehenden zusam- 
men. — ferner in XIV, 2 zu efide von c 

Her' gib mir auch eyn sollich mafz 

Das ich dich lob mit sant michael 

Waü du bist in der glöbigen sei 

Als eyn preiitiger an seine brul pel 

Vnd als eyn künig in seyner stet 



So mul'z vns helffen die mayd 
Die do antregt das klayd 
In d' driuallikail dz quater 
Mit Abba dem vater 
Vnd mit dem Sun vn heiligen gaist 
3Iaria ich gelrew dir aller maist 
Dz du mir hclflest für deyn Kind 
Dz do lag vor dem Esel vfi Rind 
Vnd den der Engel hiefz Jhesus 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 77 

vfi die heilige sprechent sanctus sanctus. 
es hängt ebenfalb durch den reim mit dem voraufgehen- 
den zusammen. — ferner in XV, 2 zu ende von b : 

Ach wie auch gar slrenglich 

Wirt den holTerligen gesprochen zu 

Gel hyii in die ewigen vnrii 

Zii den teüffeln in dz für 



Rieht rieht über der weit kind 

Seyt sy seind d' Irnwen 1er 
auch dies hängt durch den reim mit dem vor aufgehenden 
zusammen. der reim auf den letzten vers fehlt, es 
mufs also eine lücke angenommen werden. 

2. klagen über sittliche Verhältnisse eingeschaltet, 
hier sind es zwei gegner, die dem dichter sehr viel rer- 
drufs gemacht zu haben scheinen , die bauern und die 
edelleute; von einem der letztern scheint er undankbar 
behandelt %u sein. 

a) gegen die bauern. es geschieht dies in V III, 2, c, 
tvo erzählt wird dafs der teufel eine seiner 7 mit der 
Untugend erzeugten töchter, die falschheit , den bauern 
vermählt habe, die stelle scheint auf ein kurz zuvor ge- 
schehenes ereignis anzuspielen : 

Ach ich wail'z ir vil in eynem nest 

Der ich nit wol tar nennen 

Aber doch seynd sy leicht zii erkennen 

Hey ir falscheit die sy haben 

Ach vnd sehe ich sy rauhen 

Strallen an der Sunnen 

Aber erst het ich wnnnen 

Vnd wafi das nun war geschehen 

Vnd dz dan yederman ward iehen 

Zwar ich sich es von hertzen geren 

Sy haben es vdient an ire herren 

Die in alle Ireü teilen 

Dauon ist billich das yederman 

Den selben paurcn sey gran 



78 HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

auch dies hängt durch den reim mit dem vormifgehenden 
^usavimen. — gleich darauf wieder in IX, 2, zu ende von b 

Ach möchlman die falscheit 

Erweren aller cristenheit 

Falscheit ist des teüfels present 
Der hat sy geben in aller weit kreilz 
Eynem voick dz man die puren heifzl 
wafi die selben hond sy frü vnd spal 
Ach sich dz wol erzaigt hat 
Aber dz mich yeraant verdencket 
Der sy zwirunt halb ertrenckel 
Ich meyn nun die falschen wicht 
Aber den frummen wünsch ich nicht 
Anders zwar denn eytel gut 
Also stat mir gen in meyn niut. 
b) Gegen die edelleute. -zuerst in V, 1 , zu ende i'on c : 
Man vindt d' hVn yelz vil vnd" der sun 
Die do haben den selben sieclitum 
wen einer von i sol geben pfennig od" rolz 
So vindt er für sich darauff ein glofz 
Dar mit das er im doch nicht geit 
Nun secht wie sich d' pöse geit 
Sich so gar überzogen hat 
Vnd sich doch an keyner stat 
Das ir keiner dester reicher werde 
Waü er verleiiset dauon wird vnd ere 
Gab er aber schon vnd eben 
Wem er zerecht solt geben 
Das kam im wol zwifach wider eyn 
Aber die hr'n gend yetz nun d' rebaldej 
Yn den pösen falschen klaffern ir gut 
Dz macht auch daz manger pid'man tut 
Änderst denn er billich sol 
Wann er waist das vor hin wol 
Dz sein dienst ist zwir halb v'loren 
Aber bej den allen zeiten hie voren 
Do die hr'n gaben ir gut niilligiich 
Do namen sy aulf vnd wurden rieh 



HANS VINDLERS BLUME, DER TUGEND. 79 

So ist aber yelz vil manger her' 
Der (lo nit wil haben wird noch er 
Dz belaib also bej seinem allen sil 
Wan ich mag es doch gewenden nit 
Vnd ich mich denn vast darumb swend 
Vnd v'leüfz die weil all mein zend 
Wer legt mir den ah den schaden mein 
Dauon so will ich mit gemach sein. 
f'pruov in VIII, 2, b, m die compilationen hineingeschoben. 
Ach wes man doch sein yetzund pdigt 
Dz nyemant trew gen Irew wigt 
Wann wer yetzund den herren recht tut 
Den bringlmä für sich vmb seyn gilt 
Aber wa do ist eyn wiitrich 
Der verderbt arm vnd rieh 
Wider got vnd wider recht 
Der ist den herren eyn lieber knecht 
Vnd d' do vil schmaicher red kan 
Der ist den herren eyn lieber man 
Vnd der auch nicht trew vnd er 
Dem geyt der herr sicher mer 
Denn er eynem frümen lal 
Der do pider ist vnd stäl 
vnd der nicht nem alles gut 
Nun dz er solt haben den mut 
Das er yemant betrüben woll 
Dem selben wirt man nynimer lioll 
vnd ist nun allfrenckysch genani 
Aber nun ist eyn newe haut 
Die hat yelz gar vast iren lauff 
vnlz die vier*) sprechen heb auH" 
So ist es dan alles ab 
Wann man in trcgt zu dem grab 
So volgcnt im seyue werck nach 
Sy seyen gut oder schwach 
Zuletzt ufid am nuafuhr liebsten in XVIII, h. nach- 

') im vorhergehenden vier liaitptsünden ^enaiini. : 1) einem u?i- 
schnldigen übel thitn , 2) luordbraud , 3) sodomilerei , i) belnig des 
Irenen dicners. 



80 HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

dem in a bereits von der schäm und ehrharheit als heglei- 
tcrinyien der mdfsigkeil gesprochen, und angedeutet ist 
da/s aus ihnen sich die sucht und daraus die edelkeit 
entwickele, icird dies in b nochmals ausgeßihrt. hier nun 
zu ende der stellen über die eigenschaften der letzteren 
knüpft der dichter an, und läfst seinem ingrimm in einem 
längern stücke freieii lauf: 

Aber etlich Herren seind so frat 

Wann man in lang gedienet hat 

Das ist gen in als wol erkani 

Als der do stiebet an ein want 

Wan er denckt im in seinem syn 

Tag vn nacht wie dz er pring yfi 

Vmb dz seyn mit sollichem mort 

Macht er pald aufF in eyn worl 

Das im wirt eyn alenfantz 

Vnd spricht er nit wol an dem lantz 

Heür zu der falznacht gan 

31it sollichem auff salz hat man dan 

Den guten armen man gelaicht 

Oder man gichl er hab gesaicht 

Heür gen der sonnen klar 

Oder man gicht er hab das iar 

Mer gebadet denn dreymal daruili 

Ee dz er vmb dz seyn kfim 

So habent den ellich hcrren rat 

Die selben seind eren grat 

Wann sy ratend aufF allenfantz 

Man vindt die rät selten ganlz 

Wie sol d'selb gütz raten ichl 

Der do selbs ist zenichl 

So habent die rät den neytharl 

Der selb der wüstet aller hart 

Alle rät hör ich sagen 

Wann es will yglicher sagen 

\ nd ob man eyncm geyl den mer 

Das selb dz miil den and'n ser 

Vnd wirt denn daraulz eyn ncyt 

Wann dz ist zu aller zeyt 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 81 

Dz die mynd'n neydent czii aller stund 

Die nierern das ist allen kund 
Dauon spricht Scneca d' wevl'z man 

Do der ueyd am ersten aufF kam 

Dz kam alles von eynom wort 

Do nun dz selb gesprochen wart 

Das ist meyn dz ist deyn 

Von dem kam der neyd vnrcyn 

3Ian solt billich loben den Adel 

So sticht etlicher als eyn nadel 

Ich bederffl gar eyns langen zedei 

Solt ich sagen wie der edel 

Seyn er solt besorgen 

Den abent vnd auch den morgen 

So bcdarlT er ze seyn Ireii vnd weilz 

Züchtig keusch so wirt seyn reilz 

Pluen vor zarten frawen klar 

Nympt er d' dcmut vn d' gehorsam war 

Vnd auch d' barmhertzikait 

Vnd ist er manheyt vnuerzait 

So wirt seyn lob gar weyt erkant 

Vnd fürt auch gar reichlich seyn ampt 

Auch gehört eynem edelman 

Das von got alle zeit an 
Das er schirm arm vnd reich 
Als ver er mag das ist billeich 
Aber es tut sich fast verkeren 
Man sieht wol die armen scheren 
Das ist der herren ampt 
Pfeü hyn der grossen schaut 
Dz macht den Adel an eren wund 
Man solt sy halten als die hund 
Dz sy sich selber wurden erkennen 
Ich waifz ir vil soll ich sy nennen 
Die do nement gut für Er 
Dieselben solt man nymmer mei- 
JJey dem Adel lau beleihen 
Man solt sy pillich furder Scheiben 
Zu den posen falschen wichlen :. 

Z. F. I). A. IX. 6 



82 HANS VINDLEHS BLUME DEll TIGENU. 

Auch soll ich sy aurzrichlen 
Die selben Pilz Edel leiil 
Dz sy <r teiiflel ymmer freiil 
Die (lo nye kanient von reclilein adel 
Man soll sy mit eyner mist gabel 
Allzeit lassen paissen 
Vnd soltz nit anders liaissen 
Wann die Pifz Edel leiil 
Die seihen seind als ich euch hedeiit 
So ^ar an Adel saiir 
Vnd j^ellent doch drey nun ein paur 
Vnd wenn eyn sollicher poser man 
Gewalt sol über leüt hau 
Der tiit dem Adel denn als wee 
Ich wail'z ir zehen oder nie 
Die selben die seind balz gelert 
Wie dz sy nyemen mit der gert 
Wan das sy leyhen 
Das macht den Adel teyhen 
Was ein sollich villan 
Sol an gericht od' lelien gan 
Der nit waist was adel ist 
Es wesl vil pafz wie der.misl 
• - Den acker solt betungen 
Ich mag ims nicht gunnen 
Dz etlich knaben seind so kmilz 
Die geleich ich zu der Fledermulz 
Wie dz beschicht dz will ich sagen 
Wann man sol Er beiagen 
Gen den veinden mit der band 
Oder beschirmen sol die land 
So will der pölz man vnrayn 
Sein ein mulz vn allweg beleihe daliaym 
Oder wenn man stewren sol 
So wil er seyn eyn vogel wol 
Darumb wer sicher woi getan 
Das m;ui keynen Pyl'z Edlen man 
JNicht Heiz zu den edlen l'alcken 
Man solt sy furder schalcken 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 83 

Zu der eylcn Iiynden zu 

Viid au sy sclireyeu im liu liu 

An die selben newlich edel 

Als man auch list an eynem zedel 

Als dz niaugem ist bckaul 

Dz an dem oslerlichem ampl 

Zu der weich wirl gelragen 

Der pock zu den selben lagen 

Vnd ob dz lamp vnden Icyl 

So wirl im doch seyn wichy zeit 

Vnd dem pock obnan nichl 

Gleich also hal der adcl pflichl 

Der selb wirl nymanl geben 

Nun der ziichliglich kan leben 

Man vindl vil mangen pysman 

Der niciit wil seyn eyn villan 

Ob er den Iregt eyn veliin rock 

So slinckel er doch als ein pock 

Wann vnart koppcl in sein art 

Als Salomon wol beweisel wart 

Mit eyner kalzen die do was 

Die selb die kund von gewonheil das 

So man salz ob dem lisch 

Man alz wilpret od' visch 

Ein kerlzen sy doch allweg hielt 

Mit iren lüssen der sy wiell 

Vntz das essen ward getan 

So lielz man sy den lurder gan 

Nun west eyn weyser wol die kunst 

Der vieng drey meyfz mit vunnUt 

Do lielz er bald laulfen eyne 

Neben der katzen pcyne 

Doch sy do die katze hielt 

Dz sy sy nil von ir schielt 

V^nd grailT auch nit nach der mul'z 

Do lielz d' weysc eyn andere herul/. 

Laull'en gar nahend j)ey ir 

Die kalz wincket mcr dan zwir 

Vnd wolt SV han ersprungen 

()* 



84 HANS VINDLERS BLIME DEH T[]GENÜ. 

Doch vorclil sy zesluiulen 

Alda des hohen küniges wort 

Dz sy die kerlzen hielt so lorl 

D.arnaeh Heiz er die drille niulz 

Für die kalzcn springen herulz 

\ nd do die niiilz ward springen 

Do kund sich die kalz nil zwingen 

Sy vieng die mufz mit schallen 

Vnd liefz die kerlzen fallen 

Also tut nit das edel pliit 

Oh im verkeret wirl der möt 

Zu lasterberen dingen 

Das lat er sich nil zwingen 

Als die katz let hie vor 

wann adel flewchl der schänden spor 

Als ir offt hahl gehört 

So tut vnarl nach seyner arl 

Augustinus der lerer gicht 

Das der Adel körne nicht 

Von vatler noch von Ennen 

was darff ich mich darnach sennen 

Das mein vatler ist gesund 

V nd das ich wer siech alle stund 

wann rechter adel ist so mügent 

Das er nur kompl von eyner lugent 

wan man vindt manig wulrich 

Die do seind an gut rieh 

Vnd doch nil hahent adellichen mul 

Die selben die l'elschent das edel plut 

wann ellich leüt seind so her 

Dz sy niaynen all ir Er 

Die sy habenl in diser weit 

Die haben sy von irem gelt 

Vnd von irem grossen schätz 

Vnd auch von irem aull" salz 

Die sy treybenl aull" diser erde 

Sy dunckl halt gol darzu vnwerde 

Dz sy im nun gebeut die er 

wann sy maynent sy habenl mer 



HANS VINDLERS BLUME DEK TUGEND. 85 

Ir "til von in selber hie 

Jr seind auch vil wenn man die 

Straffet vmb ir niissetat 

So (Inchent sy an d' stat 

Gol vnd d' vil rayne uiail 

Das sol nun seyn eyn nianhait 

vnd welcher yetz aller hast fluchen kan 

Den sol man haben für eynen man 

vnd iui" eyn guten gesellen 

Aber welcher sich kan stellen 

Tugenllicli vnd nach goles gebot 

Der selb ist yetzund der leute spol 

Aber welcher yetz in disen iaren 

Nun üppiglich kan paren 

vnd nun polzheyt kan treyben 

Den selben solman sclireyben 

Jetzund in diser fürsten rat 

vnd sol in eren an aller slal 

Als einen vvirdigen man 

Nun secht an wclz der teiillel kan 

Das er mangen kan also leren 

Dz er juiilz eynen pösen eren 

Noch mer den den lieben gol 

Als man wol sieht sunder spot 

An dem heyligcn sacrament 

Das VHS allen kömer went 

Wenn man das Eleuiert 

So sich ich mangen so v'pulierl 

Das er sich vngercn kerle dar 

Das er des heylands name war 

Oder das er seynen hiit 

Abzug gen de selbigen vn heilige plül 

Oder dz er seyne peyn 

V ngeren nun pug eyn kleyn 

Gen der höchsten heyligkait 

Wann doch l'aulus also sait 

Alle himlische irdische vn hellische knie 

Miissenl dem goles namen ye 

i\aigcn als dz pillich ist 



86 HANS VINDLEKS BLLME DER TUGEND. 

Nun wen sy huren nennen Crist 

Dz mag man mercken wol dar pey 

Dz der mensdi poser sey 

Wen der mensch mit seynem triegen 

Wafi der leüfTel tut sicli piegen 

Gen dem lieyligen gotlichen namen 

mensch delz sollu dich wol schämen 

Dz d' teufel got naigt als man spricht 

Vnd du wilt Got naigen nicht 

Der dir gab leib vnd leben 

Sich lieber mensch gedenck dich eben 

Das du so gar nichtz bist 

Du wärest noch schnöder den d' misl 

Ob du gotes soltcst enberen 

Ich waifz wo! das du eynem herren 

Naigen miist olTt vnd vil 

Der dich nicht lieb haben wii 

Als dich got war vnd sicherlich 

Er ist als wol als du ertrich 

Dem musl du naigen auff paide knye 

Vnd du wilt dich nit naigen hye 

Gen dem der für dich nackent vfi plolz 

Hieng vnd laid vil marter groi'z 

Es war zwar wol dz got der her' 

Die selben straffet die im seyn Er 

Wellent also nemen hie 

Das denn Ire vnsälige knie 

Erstartcn als dem lielffant 

Das an in wurd erkanl 

Das sy got v'scchmehet betten 

Auch dz in für ir haubt zestellen 

Wuclifz aufz dem haubt eyn poxliorn 

Daruinb dz sy den hochgeporn 

Nicht eren wellen mit eyne kleinO gut 

Das sy nun abtaten den hut 

Gen d' aller höchsten sälikeyt 

Do aller vnser Irost anleyt 

Das sy den nit eren wellen 

Ich hau gebort von meinen gesellen 



HANS VliNDLEUS BLUME DEK TLGEiNO. 87 

Das Albertus magims 

Der (Jo was eyn Nigromaiilicus 

Vnd was daryfi gar bellen l 

Eines lages sach er dz sacramcnt 

Trag zii eyneni siechen mau 

Vnd sach den tciiHel auch dorl slan 

Der zuckt sejn kappen fürsich hie 

V^nd viel nydcr aull" seyne knye 

Gen dem heiligen vfi starcke altissimus 

Do sprach zu im Albertus 

Sag au warumb knyest du nyder 

Do sprach d' leiilFel zu im hynwider 

Sich du nit den hcyligeu leicliuam 

Den Got von Maria an sich nau» 

\ nd darzü neun legion d' engel 

Die alle do scind milgengel 

Der göllichen glenlz 

Den selben beul ich reuerentz 

Hie als das pillich ist 

Wann es ist der war heylig Crisl 

Noch waü'z ich eyn Tadel grolz 

Der tut d' sele mangen slolz 

Das niauger betet mit dem nuind 

\ iid doch dem herlzen nil ist kund 

Dieselben betrachten nicht 

Mit wem sy reden als Jeremias spricht 

Ditz volck pet mich an mit grosser gir 

vnd ist doch ir Iiertz ver" von mii- 

VV'ie niöcht got die geweren 

Sy tfind als der mit eynem herren 

lledt vnd kcrr in den rugken dar 

Sol es d' her' nemen war 

Das man so spotlich redt mit ym 

Gleich als der redt aulz eynem vnsyn 

ller'e got dz ist dan nit on s()ot 

Dz hcrlz ist ver" d' müd geit vnnülz \\ort*; 

■) iiuis bellen ti't der in diexrin gedieht e rorhoiiiiiiciidc ausdnieh 
l*jr/,cilell(Mi(e , oder, wie er auch iiesehrieben irird , Ujlzedflleulc, 
oder einfach pylinan , byfiiiaii ? Cervinus , gesell, d. puel. n. l. 



88 HANS VINDF.KHS ULL'ME DER TUGEND. 

Ich glaube nicht zu irreti, u'o/nn ich die angeführten 
stellen, gestützt hauptsächlich auf den gänzlich verän- 
derten tun, der sich von dem übrigen scharf abhebt, und 
auf die genaue begrenzung derselben , als arbeit zweiter 
hand bezeichne. 

Zweifelhaft mag es dagegen sein , ob die folgenden 
stellen der ersten oder zweiten hand zuzuschieben seien. 

1. in X, 2, a die worte : 

Vnd treibt maus doch yetz hie vfi da 
Dz lieissel man yelz nur loyca 
Die selbe kunsl verfluchet sey 
Wan ir wonet nun falscheit bey 

2. in VIII, 2, b wird plötzlich gegefi die sonstige 
gewohnheit , die in b nur kurze Sentenzen duldet, eine 
lange erzählung eingeschoben , die von dem ton des gan- 
zen übrigen werAes durch ihre frische vortheilhnft ab- 
sticht , und die ?nehr als erklärung der voraufgehenden 
Worte liinzugedicJitet scheint, als ich sie der feder des pe- 
dantisch compilierenden bücherkrämers zutrauen möchte, 
ich lafse sie ganz folgen : 

Die vngerecbtikail gleichet man des teuffels knecht 
Wan d' selb hat nimer kei recht 

'} bd s. 382 netinf. ihn ein arges Schimpfwort, bringt ihn also mit 
niingere zusammen, allerdings liommt bereits in lexicis des Ion jh. 
vor Pysse od saiche od pruntz«asser. vrina niinctura , nnd das wort 
erscheint in unserem gedickte in verdächtiger nähe von mist nnd 
d'ünger ; dennoch scheint mir diese deiifung des ausdrucks so ohne 
alle analogie dazustehen, daj's ich ntich bei derselben nicht beruhigen 
möchte. Tobler im ajjjjcnz. sprachsch. *. 54 führt an Bil'z zr die 
kratze; Schmidt im svhwäb. Wörterbuch s. 7Ü eingebissen =r stolz, 
einbildisch. sollte das wort mit einem dieser zusatnmenhängen? 
tjder sollte man etwa gar, wenn 7nan den regen verkehr des süd- 
lichen Deutschlands mit Oberitalien bedenkt, es in verbindiuig brin- 
gen können init dem alten ausdruck , der namentlich in Oberitalien 
zu hause war, bezzo ^ gcld, der auch sprichwörtlich mehrfach in 
derselben iveise vorkommt , wie unser deutsches pfeiinig, tind sollte 
vielleicht auch das von Schmcller 1 , 298 angejiihrte Das Piessel 
uz 6 kreuzer oder 5 Schilling, quinarius, sich richtiger zu diesem 
bezzo gesellen, als zu dem franz. piece? zu beachten ist jedenfalls, 
dafs das gedieht hauptsächlich gerade die habsucht des adels, theil- 
weise auch den geldudel im äuge hat. 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 89 

Wafi alle seyn v'stenlnul'z 

Vnd lust vfi auch alle seyn gedechlnulz 

Ist übel zelun zu aller zeit 

Seynen dienern ou widerstreit 

Also hör ich von im sagen 

Dar zu Moden in den tagen 

Was eyn burger hoch gemut 

Der het verthan alles seyn gut 

Darunib im offt trauret seyn syn 

Nun het er eyn gewouheit an ym 

Das er ye alle sampstag 

Kam für die stat in eyn hag 

Zu eyner kirchen die lag daryn 

Vn betet do an die hymel keyseryn 

Dz traib er etlich zeit also 

Eins tages gedacht im der burger do 

Wie lang sol ich mit armüt ringen 

Zwar ich will yglichem heiigen bringe 

Eyn kerlzen Hecht dz er hellfe mir 

Dz ward also gelhan nach seyner gir 

Eyns tags bracht er mit im alldar 

Vil mangc ivCrlz wol gefar 

\ nd gab yglichem heiligen allda 

Eyn kerlzen ze eren seyner memoria 

Nun belib im übrig ein kertzcn eben 

Dz er die keinem heiligen kund geben 

Do gedacht er des in seinem syn 

Wa sol ich mit der kerlzen hyn 

Do gieng er in d" kirchen hin vfi her 

Am leisten sach er dort huiler 

Der gemall was gar engsllich 

31it l'eürin ketten yemerlich 

Do gedacht d' burger in seinem mut 

West ich dz du mir gul 

Möchtest geben nach meiner begir 

So wölt ich die kerlzen dir 

Verprciiiien in den ei-en (lc\ ii 

wer waist du magst mir lichl hilllig sei 

Do mit nam er die kerlzen her 



90 HANS VINDLERS BLUME DEH Tl GEND. 

Vnd slackl die liyii für Lucil'er 

Ml liel'z sy brlnea vor de teiiffel vnrayn 

Do mit gieng d' purger liayni 

Zu seym weib vfi legt sich sclilaircn nyd' 

Nun was der leüffel also pyder 

Das er woll Ionen dem diener seyn 

Der im liet geben dz liechtleyu 

V nd kam zii dem burger an der stel 

Der lag bey seynem weib an de bei 

V^nd sprach stand aufF vü gang mit mir 

Wann ich will hynnacht Ionen dir 

Der kertzen die du mir hast gegeben 

Der burger het keyn widerstreben 

dz er gieg dez in ducht mit de teiifel bald 

In dem schlauff d' fürt in yn einen wald 

Darjn do waren manigerlay bom zwar 

Der teiiffel sprach nun nym war 

Das du grabest morgen frii 

Disem bom gar nahen zu 

Wann do vindest du eyn grossen hört 

Do sprach d' burger zu disem wort 

Meyn graben ist hie entwicht 

Wann ich kenne des bonies nicht 

Do sprach der teiifel an diser frist 

Ich lere dich eynen list 

Das du den bom wol magst vinden 

Scheyfz vnden zu des boms rinden 

So vindest du in morgen dester bafz 

Der burger was do nit ze lafz 

Vnd let als in der leüffel lerl 

Seynem weyb er den ars kerl 

Vnd schifz ir in die schofz glich 

Die fraw zucket hinder sich 

Vnd schrey mit lauter slyfn 

Waifcn man wa scynd de\n syn 

Wie bescheifzt du micli vnd dein bei 

Der man d' erwacht an der stet 

Vnd crschrack vnd was fro 

Vnd sprach zii seynem weyb do 



HANS VINDLERS BLLME DER TUGEND. 91 

Fraw du soll nit zornig seyn 

Mich hat betrogen des teiiüels scheyn 

Dem ich nechtig geopfFert hon 

Der hat mir gegeben den Ion 

Also hüb er aiilF vnd seit 

Dem weih alle die gelegenheil 

Die er mit dem teiilTel hat gepflegcn 

Die fraw die sprach du solt dich segcn 

Do sprach der Burger ich beger 

Dz mich d' teiilTel betrieg nit mer 

Von got das er mir 

Meyn schuld vergeh schir 

Wann der teiilTel hat recht 

Der lonct allwcg also seynem knecht. 
dann geht es in der gewöhnlichen weise fort: 

V^nser her' ihcsus xpus der seyt 

Das die vngerechlikeyt 
3. in XI, 1, b auf ganz dieselbe weise eine längere, 
nicht aus büchcrn, sondern aus der lebendigen tagoschronik 
entnumniene geschichte eingeschaltet, die ich ebenfalls ganz 
folgen lafse : 

\o d* selben fraidikait miilz ich sagen 

Das do geschehen ist in kurlzen lagen 

An einem peurischen man 

Der selb villan bei vil Übels getan 

An niaiigen menschen bor ich sagen 

Die er zelod hei geschlagen 

Dz wercl ellicli zeit darnach 

Vnlz das got sein räch 

Auch herwider von im woll ncmon 

Als dz seyner gcrcclilikail woll zemon 

VVan seyn gcrechlikail die woll 

Das er in sünden also sterben solt 

VVan er ward d' sclbs teiilTels knecht 

Vnsynnig als dz billich was vfi recht 

Vnd do er also lag on alle syn 

Do kam sein weih zii \\n liyii 

(io sprach ei' zu scim weih du bist so sliil 

Nim schall' ich hi(^ mein sei kral 



92 HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

Vn enpfilchs dir aufF Ireii xn Er 

Das du mir verheissest her 

Das du meinen iungen sun 

Die geliipnul'z wellest tun 

Dz du im meyn messer wellest geben 

Wann sich verendet hat meyn leben 

Wafi dz messer ist also gut 

Dz es wol v'gossen hat ein eymer blut 

Aufz d' menschen hertz vn magen 

Daruon luget es dem selben knaben 

VVan ich wailz wol dz er wirt ein man 

Der do plut v'giessen kan 

Auch wailz ich in wol des müles 

Hau ich v'gossen ein eymer plutes 

So v'giisset er sicherlich zwu 

Hie mit schray er hü hfl 

Vnd ward wid' vnsynnig als Ke 

Das was seyn geschefft vnd nit nie 

Vnd do er seyn gescheft getan het 

Do furl in der teüH'el von dem bet 

Vnder dz venster hör ich sagen 

Vnd warff' in yn den burckgraben 

Das im der krage abbrach 

Also tet Gol an im seyn räch 

Darnach stflud dz nit lang 

Das der sun gewan grofz zwang 

Nach dem selben pargamast 

wann er mocht nit haben ru noch rast 

Von des selben uiessers wegen 

Die muter sprach du solt dich segen 

do sprach der sun an der fart 

So wer ich wol cyn paslhart 

Solt ich nit als vil plut 

Vergiessen vn machen als meyn Hut 

Als meyn vater getan hat 

So wer ich nit gut zu eyner Inilial 

Da von bit ich dich mflter scr 

Dz du mir gebest das kleynet her 

dz n)ir nu'yn valor hat geschallbn 



HANS VINDF^ERS BLUME DER TUGEND. 93 

Nil sccht nun an den iungen afren 
Wie er so gar ist verpelt 
Oder sol ich in heyssen eyn hell 
Diircli willen seyner grossen fraidikail 
Die der held an im trait, 
Vnd gewint d' ancli nun eyn siin 
Wa well wir den den selben hyn liiii 
Der wirt erst in de blut vm watlen 
Mer wen valer vn niuler ye tatten 
Der do liat eyn solich viclilich fraidikait 
Die ist eyn fundainenl der narrhait 
Aber dz ist ein fraidikait perfecte 
Vn ein lugenl reicli nach de decrele 
Wen 

diejenigen , inelche auch diese partie?i für einschaltungen 
zweiter hand erklären möchleii, dürfen sich zu ihrer 
Unterstützung auf den oben erwähnten, diesen einschal- 
tungen eigenthüinlichen bauernhafs berufen. 

Binders scheint es sich dagegen mit de?i folgejiden 
stellen zu verhalten, die ebenfalls aus der reihe der cnni- 
inlationen herauszutreten scheinen. 

Am ausführlichsten ist J, 1 behandelt, und daher um 
den faden nicht zu verlieren, deutet der dichter mehrmals 
die disposition an. nachdem in b das gleichnis und einige 
moralische Sentenzen gebracht sind, heifst es weiter 

Darnach will ich euch sagen me . 

Wie die lailung der liebe stec 

Darnach so oH'enbar ich eü 

Vö d' lieb vn von der frawen teii. 
die liebe ivird eingetheilt in I) die liebe zu gott, 2) zu 
den verwandten , 3) zu de?i freunden , 4) zu den frauen, 
5) von gleich und gleich. — nachdem diese themata ein- 
zeln durchgegangen sind, ganz in der gewöhnliche?i weise, 
doch oft sehr corfus, helft es weiter 

Darfib will ich den zarten frawenn 

Die difz forniüg in lugcnt pauwen 

In lieb vnd in rast 

Ir kempücr seyn so ich aller past 



94 HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

Kan vnd ir beschirraer sevn 



so will ich kiinflf vo vn 



Die do haben gesprochen gar wol 
Von den frawen Darnach sol 
3Ian herfür bringen die 
Die den frawen sprechen übel hie 
\'nd am leisten will ich doch 
Die beweisung sagen noch 
\'nd machen ein wider erlösung 
Dz man schneyde de falschen ir zung 
Aufz, die de frawe übel gesproche haben 
diese drei puncte werden nun ebenfalls durchgegangen^ 
die beiden ersten in der gewöhnlichen coinpilierenden weise, 
der dritte dagegen muste selbständiger behandelt werden, 
ich setze die stelle ganz hierher, um zu zeigen , in wie 
geringem mafse sie sich von der gewöhnlichen , allgemein 
moralisier enden an bibelstellen und andern citaten anknü- 
pfenden weise entfernt, nachdem die stelle?/ zusammen- 
getragen sind, in denen das iceib getadelt wird, geht es 
weiter 

Zeuerslan nun von den pösen frawen 

Das mag man olfenlich schawen 

wann es ist dariimb nicht 

Das das Salonion also spricht 

Das er nye kein treu befunden 

Ir ist doch vil zu disen stunden 

Vnd ob er ir dann nit gefunden hat 

So seind ir noch vil on misset at 

Ir seind auch vil die sy gefunden haben 

So mag er auch nil gesagen 

Oder es sey vor oder nach seyn 

Gewesen zarl frawen reyn 

Doch ist es nil not dz ich sy nenne 

Wann es ist eyn onenbckenne 

\n mit seine vrlaub sprich ich das 

Dz er das sprach in eine rechten balz 

Das kein gute fraw^ sey gewesen 



HANS VINDLERS 15UIME DER TliGENl). «».. 

Nun wir (loch olTenbar lesen 

Der (lo lisct seyne tat 

Dz ers in eira zorn gesprochen h.il 

Man vindl in (P allen geschrilTt 

Do Saloinon den tenipel stifft 

Dz in zwang ein swarize lieidyn 

Durch d' selben willen v'lol'z er sevii s\ n 

Das er gofes verlaugnet da niil 

wan er betet ahgoter an nach ireni svl 

Auch bracht sy in so gar von synnen 

Das er ir mul'zt lernen spynnen 

Vnd niiist auch Irawe gewanl 

Das er für eyn dienerin wurd erkaiil 

Also gieng sy mit im vnibe 

Vnd (larnnih will ich dz ers drfime 

Das hab gesprociim von zorns wogrn 

Das keyn gute fraw siille leben 

Wer wil laber alle übel sagen 

Das die frawen an in haben 

So habent sy auch vil gutat 

Das sich wol erlindel an nianger slal 

So seind auch yetz gar wenig man 

Oder sy haben auch tadel etwan 

Was narr vn lor ist nun der 

Der do sieht eyn weyb her" 

Die im geit frod vnd hohen miit 

\ nd redt dann von ir vngüt 

Werlich es wäre vil besser 

Das da ein hiipsch schweigen mer 
ilaiiül scJilicJH I, 1, b und c hcghint in gewoJmter weise, 
diese aus fährung haben wir in keiner weise das reeht 
dem cotnpilaior erster hand abzuslreitcn. 

Nur um nic/ils unerwähnt zu laj'sen beuierke ieh noeh, 
dajs bei [, 2, am schluj's von a eine allgemeinere bemer- 
kung über den mUgliehen nutzen des /asl''rs gemaeht ist, die 
bei einj'ührung des ersten lasters ganz am orte war, und 
in ihrer haltung aus dem eharaeter der eompilation nicht 
heraus/'dllt : 

Vn die tadel seynd auch ctwen gcmail 



96 HANS VINDLERS BLUME DER TüGEN D. 

Als wen einer dz sich in seynem miit 

Das eyn ander all zeit übel tut 

Dz macht dz einer erkennt davon 

Wenn er sieht den posen Ion 

Den der ander dauon trait 

Also macht er sich selber gemait 

Salomon die lugent ist ein gute gestalt 

Wafi durch sy so vvirt man all 

A iid durch sy so lebt man wol 

Das man eben mercken sol 

Sy ist eyn aufzlegung des mutes 

V'nd eyn State anvveisung des gutes 

Yn nit ei anlegüg d' naturliche schöheit 

Sy ist ein recht leben der gutikeit 

Vnd d' sitten vnd eyn liebe gotes sun 

Ein er dez mensche die also recht thun 
ferner, dafs der cinfang vo7i I, 1 nicht, loie bei den übri- 
gen abschnitten, scharf bestimmt ist, vielmehr mit der ein- 
leitung , über die später, verschmilzt, der dichter sagt, 
dafs er sich seines icerkes loegen gern strafen , d. h. ta- 
deln und belehren lassen icolle, 

wann straffung macht nun tugent me 

Auch ist straffung niangerlay sach 

Ellich ist gut ellich ist schwach 

Aber welche straffung von liebe kompt 

Die selb strauff fast IVompt 

Vnd pringt dar zu vil nutzperkeit 

Aber wer do straulfet mit kunterfeit 

Dasselbs ist keyn lieb nit 

wann rechte lieb ist da quit 

Wann alle ding an der liebe Icit 
Als vns sanctus Thomas vrkund geil 
ferner, dafs der anfing von \ , 1 unregelmäfsig in bezie- 
hung gesetzt ist zu IV, 2, 

Das miit gemut ist so miigent 
Dz sy ist ein widerwcrlig tugeiil 
Gen der schnöden greiilicheit 
da d'cs sonst nur bei jedrm paare unter sich geschieht. 
?'erg/. z. b. den oben milgetheillen anfing von IV, 2. 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 97 

übngc7is stellt \', 2 den richtigeii parallelismus wieder 
her, jene abweichung ist also 7nir zufällig. 

Ferner ist zu ende von XM, 2, c gegen die gewohn- 
heit, die stets einfach mit der er Zählung schlief sen läfst, 
eine kurze moral beigefügt .- 

Das kam alles von der Iralzhait 

Vnd aisu ist frafzheit gewesen 

Die erst sund also hat man gelesen 

Die hie in dise weit ye kam 

Wann got ist keiner sünd so gram 

\\'ann wir haben alles iait 

Am ersten von der Iraizhait. 
Endlich findet sich zu anfang von XVIII nochmals 
eine die disposition des sloJJ'es betreffende bemerkung: 

Ich iian euch vor auch gesagt 

Von d' mässigkait als ir habt 

Do vornen wol v'nümen 

Nun will ich an ein andre niafz kömen. 
beiläufig ein beweis von der unbehilflichkeit und gcdanken- 
losigkeit des Übersetzers, im Originaltext war wohl XIV, 1 
und XVIII mit demselben worte bezeichnet^ und der dich- 
ter fügte daher diese bemerkung hinzu; dagegen war der 
name der tagend von XM, 1 im original ein von XIV, 1 
und XVIII verscliiedener ; der Übersetzer wählte dagegen 
den zunächstliegenden deutschen, ohne zu beachten, dafs 
auch dieser mit XIV, 1 zusammenfalle , tind ohne daher 
eine dies betreffende entschuldigung beizujügen. — es 
ist kein grund vorhanden, diese zuletzt angeführte?i fälle 
der bearbeitung erster hand abzusprechen. 

Aufser diesen im vorhergehenden erwähnten stellen ist 
alles übrige eine aneinanderrcihung einzelner aus verschie- 
denen Schriftstellern exctrpiertcr stellen in der weise, 
wie oben ein beisjjiel angeführt ist, denen zuweilen sogar 
nur der name des verfafsers ohne weitere znfügung eines 
Zeitworts voraufgescldckt wird, z. b. in III, 1 

Plalo wer de frid erkennet der hat 

Keyn syn zckriegen an keiner stat 

Dauid In die weit köpt kei frid nicht 

Aber in got ist frid als er gicht 
Z. F. D. A. IX. 7 



98 HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND . 

Vsaias ein werck d' rechte geicchlikail 

Das ist d' den IVid alhveg Irail 
lüid iu V, 1 : 

Alexänd', gil) aueli and'n leiile iiie vi" erd 

Will du das dir dort geben werd 

Ouidius, wiilu gebe so gib bald vfi el>e 

Damit das nit ze spal werd dein geben 

Facelo d' v'zeret niilliglich seyn gut 

Der das on alles nuirnilen tül 

Sydrach ein yeglifh gab ist gar reich 
\ Die man nun geit i'röleicli 
und öfter, iiergl. auch die oben angeführten stellen, es 
ist zu beachten, dafs fast in allen fällen der so dem 
Spruch vor aufgestellte name nicht mit zum verse gezählt 
wird ; zuweile7i treymt ihn auch ein comma von diesem. 

Wir uH'.nden uns zu dem zweiten theile. dieser be- 
steht aus einer reihe grüfserer ziemlich planlos an einan- 
der gefügter abschnitte. 

1. nach dem schlufsc von XVITI beginnt im druck 
unter der Überschrift Von d* Massigkait mer ein stück, 
welches zu dem vorhergehenden in gar keiner beziehung 
steht, und augenscheinlich zu anfange defect ist. der aii- 
fang lautet nämlich: 

Vnd will du haben ein gut leben 

In diser weit schon vnd eben 

So niiistu am ersten schaide dich 

Von betrübten gedencken sicherlich 

Vnd leb mit eynera frolichen antliitz 

wan dez mensche wesen war niclilz niilzt 

Dz man in einem guten Aveseii Mcr 

Vn dz gemut wer danuocht schwer 

Da von spricht Senena 

Treib von dir traurige Melencolica 



denn 



Wem wid'wertikait anleyt 
Vnd die bedenckl zu aller zeyt 
Der hat wol eyn hertes leben 
Wan die weit kan nicht anders geben 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 99 

Wafi eyu schnöde sclinödikcyt 



hier wird numvntlich bei der sdiildcrung der gebrechen 
des alters verweilt, und dann vorgeschlagen 

Dauon sol man Irosicn das hertz 

Vnder vveylcn mit hiipschcm scherlz 

Das selb erfröwet deuii den mut 
so habe selbst Socrates zuweilen kindliche spiele nicht 
verschmäht .- 

Des lacliet Allilia ye syder 

Vnd spollct seyu an der stet 

Das er so gar kinllicli let 
und hiemit, ziemlich unbejriedigetid , bricht plötzlich das 
bisherige thema ab, und. es beginnt 

2. eine längere auseinandersetzung über den geiz, im 
druck freilich durch nichts vom voraufgehenden getren?it : 

Die begirlicheil ist ein geprech greulich 

Seneca spricht der synne rieh 

wer do zefast darhynder kumt 

Der ist arm zu alier stunt 



tiach vorbringung der gewöhnlichen klageti schliejst sie 

Eyn weyser man also gicht 

Es sol keyn man nymmer nicht 

Seyn gut meren mit vsuran 

wafi wiicher pringt schad vn schant 
3. unmillclbar hieran schliefst, im druck wiederum 
durch nichts den anfing auszeichnend , ein abschnitt, der 
eine reihe verschiedenartiger lebensregeln und sentenze?t 
enthält : 

Ecclesiasles tut viis kunt 

Welcher mensch ist on fröd ze aller stunt 

Der ist geleich mit der helle 

Als eyn leichnam on die sele 

Aber auch dz geschriben slat 

Welcher mensch nit l'riind hat 

Der hat auch keyn iVödc niclil. 



Alle wort die man geredl hat 



7* 



100 HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

Da sol man sich wol bedencken vmi 



Wer do grossen gewalt hat 
Der sol nyninier seyn so dral 
Das er yeraant missefall 



Vergib yed'man pald vnd schir 
So will auch got vergeben dir 



Man sol auch nil seyn zegach 
Vnd frö dich nit ander leüt lait 



u. s. w. als letzte und hauptregel keifst es dann 
Der Meysler von Senlenciis 
Spricht tviltu seyn gar gewyfz 
Sei vnd leib sicherlich 
So sollu gesellen dich 
Zu der edlen senfflrauligkait 
Wan doch die warheyt selber sait 
Die senffuiuligen seind so reich 
Dz sy besitzent hymel vnd ertreich 
Vnd Dauid sagt es auch eben 
Auch h'st man in d' altuäter leben 
Das der abl Macharius was 
So gar gütig on vnderlafz 
wann do er eines tags gieng 
Für sein zell vnd enpfieng 
Ein natürlich külurab 
Vnd do er kam herwiderumb 
Do fand er ein dieb in seinem hul'z 
Der triig sein plund' allen herufz 
Do WZ Macharius so gütig hör ich sage 
Das er im halfT auilladen 
Vnd half!" im gedultiglichcn 
Von dannen tragen gar giiliglichen 
Vnd sprach got gab got nam 
Gelobt miil'z sein jmmcr sein nam 
Pompcgius ein meisler spricht 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 101 

Kein übel überwint dz and* übel nicht 

Darumb so lu dem wol 

Der dir übel tut wari man sol 

Nicht übel mit übel gellen 

Aber das Int man yelz gar selten 
4. und hieran schliefst sich eine feriode ^ die das 
bisher ungestört zusammenhängende zusammenknüpft mit 
dem anfang eines neuen längern abscluiittes ^ nämlich ei- 
ner anwcisung, ivas man alles in betreff der rede zu beob- 
achten habe, diese überleitende periode lautet 

darüb die obrost tugent ist senfmutikait 

Vn die man halt für ein volkömenhait 

Hat, verre für ander tugent 

Wan die senftmülikait ist so mugent 

Wann man sy redlich halt 

Nach dem sitlen vn nach d' geslalt 

Vnd auch in allen andern Sachen 

Vnd WZ d' mensch anhebt zemachen 

So ist doch die obrost mainung 

Das man zwingen sol die zung 

AJs auch Katho lert gar eben 

Yedoch so will ich auch anheben 

Vnd sagen etwas dar van 

Das best das ich denn kan 



zuerst wird darauf das lob des Schweigens verkündigt, 
dann {hier ist es, wo ganz sinnlos jenes obe?i ausgeson- 
derte gedieht vom aberglauben eingeschaltet ward) tverden 
anweisungen zum reden gegeben, namentlich 16 Tadel der 
red besprochen, endlich eine belehrung, iine man botschaf- 
ten auszurichten habe, worartf noch einige äufserliche 
verhaltungsregeln folgen; schhifs 

Vnd wen du für die Icut will gen 

So Iridel nicht vmb als eyn hün 

Wann dz selb nun narren tiin. 
5. hieran unmittelbar knüpft ein abschnitt über hoch- 
mut, hoffart, putzsuchf, adel u. s. w. an-. 

Salomon gicht bey d' füfz Tadel 

Erkennet man der narren adel 



102 HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

er schliefst, nachdem die auf die begräbnisse geivandte 
pracht getadelt ist: 

Vnd dariimb ist vns allen kunt 

Das tolcn liolTarl ist ein spot 

Wan sy allzeit ist wider got 
6. nun folgt , sich an dos vorhergehende anlehnend, 
das letzte capitel, vom jüngsten gericht, von den fürchter- 
lichen und ewigen strafen der hülle, und von den unend- 
lichen freuden des himmels handelnd 

Seyt den die Iioffart also ist 

wider den gntigen iliesu clirisl 

Vnd auch also geschriben stat 

Das got keyn guttat 

Lasset vnbelonet nicht 

So last auch seyn götlich gericht ] 

Keyn pofzheyt vngepeiniget 
zt/m Schlafs 

Jeronimus der lerer spricht 

mensch gedenck das iungst gericht 

So magstu hart sündeu tun 

Vn gedenck allzeit an die frucht ihesum 

Ich mag es nicht halbs gesagen 

Was pein die sunder haben 

Oder was frod ze himel ist 

Wenn es mag menschen list 

Nymmer mer begreiffen 

Da von so lafz ich es schliden 

Auch aul'z meyner synnen rore 

Wan es ist pesser dz ich bore 

Wan dz ich sagen solt zeuil 

wann zeuil wüstet alle spil 
I/iemit schliefst der zweite theil des Werkes, tvir unter- 
scheiden in ihm deutlich jene beiden selben demente , die 
wir auch im ersten fanden, auch im zweiten theile treffen 
wir lange reihen von verscn , die blifs aus compilationen 
bestehen, ja auch liier wird zuweilen der name des auturs 
ohne weiteres dem spräche vorangeselzl , ohne im verse 
einen platz zu Jlnden. dagegen ist die behandlungsart 
selbständiger, ungebundener, jene compilierten stellen sind 



HANS VINDLERS HLUME DER TUGEND. lo:{ 

/////■ noch malcrial in den händf.n eines Jrciern bearheilers, 
ein trennen zweier bearbeilungen wäre nicht mehr ange- 
hraclil, man würde dadurch in den meisten fällen das ganze 
gerast e umreissen . 

Als beispiele führe ich den 13// bis 15// tadel aus 
dein abschnitt über die rede an : 

Der . XIII . Tadel ist wider got 

Wer ander leiit inachl ze spol 

Saloinon spricht des spotters 

Des spottet got ymmer niers 

Aber den tiigeiitliclien 

Ceyt got gnad aiifT crlriciien 

Vnd auch dem spoltcr dem isl 

Der Spot bereit zii aller Trist 

So isl dein narren eyn scheyt heiail 

Katho der nieyster sait 

Du solt nit spotten mit wortcii 

Noch mit werckcn in keyiier oiieii 

Socrates spricht mer dann zwir 

Spot iiymant das rat ich dir 

Wafi es ist on Tadel nymant 

Seneca tut vns auch bekant 

Du solt deins fründes spotten nicht 

Anders die rriinfschaü't wirt entwicht 

Wann es müt in Ee von dir 

Dan von eyra t'remden dz gelaub mir 

Salustius die spotter seind gcschalfeii 

Das sy gleich seind als die allen 

Die selben spottent ycdcrman 

Vfi ycd'man spot ir auch on wan 

Vnd wer mit gespot vmbgat 

Der wirt gespot an aller stat 

Manger will gcspöt machen 

Dz scyn die leiit sullcn lachen 

Vn macht sich selber zu eyncm narren 

Ich wail'z ir vil in diser pfarren 

Die sich also machen wellen 

Zu gespot durch der gesellen 

Willen das er in ircralle 



104 HANS VINDLERS BLOIE DER TUGEND. 

Also wirt er gar mit alle 

Zu eyn rechten riffion 

Das sol im seyn ein rechter rom 

Vnd welcher vil geschmelz kan mache 

Als hüllen vn narrisch lachen 

Vnd sollich narrenvverck vnrain 

Die selben seynd gemain 

Vnder etlichen milch tutten 

Vnd welcher sich kan zu schuppen 

Mit üppiger poser rebaldey 

Der selb der tregt der eren drey 

Ich mayn bey andern toren 

Das selb seind esels oren 

Vn maynent doch die weysosten seyn 

Doch hangt in an de mund d' preyn 

Vn dz sy als die vnsinnigen schreyn 

Dz sol yetzund holFlich seyn 

Das merckt man wol an den Sachen 

Das sy sich selber zu narren machen 

Vnd Solls eynand' also treyben vmb 

So wollen sy zürnen darumb 

Aber dz sy sich selber treiben 

Zu narren vnd narren beleiben 

So haben t ellich knaben gefunden 

Eyn neüwe sprach bey disen stunden 

Vnd heysset maus die rot welsch 

Die treibt man yelz mit mangem falscii 

Der sy nit wol v'lüntzen kan 

doch sieht ma mange ein torheit began 

So fayet etlicher über die flech 

Vnd ob er kleiner recht zu sech 

So wurd im wol eyn klüppeis 

Nun sechl wie d' teüffel seyn weifz 

Tribt mit mangen öden hach 

Ach vnd sech ich sy im pach 

Ertrinckcn als die iungen hund 

Die sollich schnöde vnfur tünd 

Doch haben die alten war gesait 

W^enn der abt die würffei Irait 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 105 

So spylent die inünch all geren 
Also ist es hie bei den heren 
Wann die ein recht beyspel Iriegen 
So raöcht sich dz hart gefiiegen 
Man muste recht tun hyn nach 
Aber wenn dz haubt ist schwach 
So seynd die andre gelider geniain 
Nymmer wol in ain 
Vnd was die grossen herren tragent an 
Das ist yetz alles recht getan 
Vnd trieg er halt ein seü hut 
So wolt mans tragen iiberlut 
Darumb seyen wir geschaffen 
Als die wilden iungen äffen 
Was die sehen tun vor yn 
Das selb lassens nymmer hyn 
Oder sy wellent es tun hyn nach 
So ist denn niangen nach wund' gach 
Vnd fert darumb über mer 
Vnd kam der selb zu mir her 
Ich wolt im zaigcn wund' hie 
Das er gesach souil nye 
An weiten ermlen zoltcn vfi kappen 
Zu dem . xiiij . mal sol man sich 
Hüten gar aigenllich 
Dz man nit leichtiglich rede 
Noch vnsaubre wort nyemät gebe 
Als sant Paulus spricht damit 
Vnsaubre wort wüstend gut sit 
Honorius ein meysler d' gicht das 
Die zung erzaigt on vnderlafz 
Wie der mensch ist gestalt 
Oder was er in seynem hertzen halt 
Pristianus der meyster list 
Wa ein pöse zung ist 
Do ist auch geren der neyt 
Als der weylz vrkund geyt 
Des neydigen mund ist plaich 
Vn süchtig \h an de gemiit waich 



106 HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

Wan er lliar nyeniant nicht 

Tun als Oracius spricht 

Wan dz er sich frot zu aller zeit 

Dz seyu nächster in vngelück leit 

Der nydig hat ein galle i hertze v'slossen 

Vn sein zung ist mit gilFt übergössen 

Ich wolt dz neidig leiit an allen stetten 

Augen und oren hetten 

Das sy horten vnd sähen 

Das den leülen geliick wolt nähen 

Als offt wurden sy von ireni neit 

Gemartret vn geprest zii aller zeit 

Seneca als vil fröd die sälige leiit haben 

Alz vil seiilTtzen leide waine vn klagen 

Haben die neidigen leiit zu aller stunde 

Jeroninius der tut vns künde 

Dz der neidig niartret sein aigen herren 

Als ein wurm d' do wechst in hollzkere 

Der das holtz hernach frist 

Darynn vnd er geporn ist 

Oracius spricht der meyster kliig 

Die nydigen seid vngeluckhartig gnug 

Wann von ander leiit gesunt 

W erden t sy siech zu aller stunt 

Vnd von ander leiit leben 

Werdent sy dem tod gegeben 

Der neidig mensch peyst vnd ist 

Sich selb zii aller Trist 

In de . XV . Capitel will ich sagen 
Von den die do veiiislre red habe 
Sam die die do vil reden 
\'nd v'borgne wort dannocht geben 
Als die falschen zu träger tun 
Vn wellent in also machen rinn 
Vsiderus spricht es pringt mer frfim 
Das eyncr siec als ein stumm 
Wann der mau redt das man 
Nicht wol verslec kan 
Sydracli wer viligct mit veinstrc worle 



HANS VINDLERS BLÜxME DER TUGEND. 107 

Der selb maint an allen orten 

Vil witziger ze seyn 

Wann er ist das ist wol scheyn 

Daruuib sol der mensch besehen 

Was in anbring ze yehen 

Vnd sech auch eben was er tö 

Das er zeit vnd auch stat hab darzü 

Plalo spricht was man redt on sach 

Das gilt wenig vnd ist schwach 

Vnd d' weyse halt es als man sait 

Für ein grosse torhait 
hici^ licfse sich in cap. 13 die reihe des selbständig ge- 
dichteten noch allenfalls mit ziemlicher schärfe von der 
reihe des compilicrte?i trennen , in stellen dagegen , wie 
die folgende , aus dem capitel von der hojfart, ist dies 
kaum möglich ; 

Darnmb ist der adel gegebe 

Den züchtigen vnd den friimen 

Vnd nit den toren vnd den tfimen 

Die do niainent dz ir adel 

Sey von hohen kiinigen sedel 

Vnd w eilen t doch dar bey 

Treybcn alle rebaldey 

Aber sy wellen t mercken nicht 

Was d' weyse man spriciit 

Das man geren halt den man 

Nach dem vnd er sich hallen kan 

Halt er sich als eyn wüHliii 

So hall man in als eyn i'iillin 

Wan rechter adel ist also gestall 

Das man in darnach halt 

Als er sich sclbs hallen lilt 

Nil dz man an sech seyn phil 

Wafi man kan erkennen nicht 

Dz adcliich [iliil an dem gesiclit 

Aber an den worcken wol 

Soci'ales spricht man sol 

Nymaiit heysson eyn edel man 

er hab daü vorchl zucht vnd schäm 



108 HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

Wafi aller adel am ersten kam 

Von Eua vn von Adam 

Do will sich nymanl ankeren 

So liabent yetz etlicli herren 

Die aller schnödiste hoffart 

Als sy ye bekennet wart 

Als mit scliilten vn panier 

Vn and' wunderliche zier 

Die do in den kirchen steckent 

Wann es sieht nianger man 

Die Wappen also mit vleifz an 

Dz er v'gisset der heilikait da 

Als do slat in Jeremia 

Dz volck dz hat v'gessen meyn 

Vnd hat mir kert den rucken seyn 

Da von schreybt vns alsiis 

Der vierd pabst Gregorius 

In dem Consilio Lugdonensis 

Do mans auch da list 

In dem Capitel vn in der Süm 

Dz do sagt von d' kirchen freyum 

Deynem haufz zimpt die heylikait 

In dem Capitel beschliisset er vn sait 

Dz alle vechtliche ding 

Die do seind der sünden vrspring 

Die siillent alle seyn hie vor 

Vnd nichtz bekümmern den gotlichen kor 

Wan an der stat sol man 

Eyn Vergebung der sfind han 

Vnd nicht raitzen die do sind 

Willielmus vns auch v'kindt 

In seinem buch dem Racional 

Das ellich entlich seind so kal 

Die sich laussen genügen nicht 

An de schonen panern licht 

Die do in d' kirchen hangen 

Es mussent auch ir wappen prangen 

Auff den kasulen vnd humeral 

Do man got ynn wandlen sol 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 109 

So seind die kelch mit vvappeu geziert 

Do man got yiiu celebriert 

Dz v'hengent die pfaffen also prail 

Vmb ein pose geylikait 

Als dz auch gescliriben sLat 

lu dem Capitel vfi in de rat 

Do dz sagt von der begrebnulz 

Vud sich an hebt alsus 

Der selbe schad El cetera 



V^ofi dieser chaj^aktetnslik des werkes wenden wir 
uns zu der frage nach den Urhebern der einzelnen theile 
desselben, und jetzt erst wird die bisher nickt erwähnte 
einleitung und der schlujs des buches , letzterer in dem 
druck mit der besondern Überschrift Von d' beschliessung 
difz buchs versehen, für uns von Wichtigkeit. 

I. Die einleitung . 

Ich han gethan recht als eyn man 

Der do kam auff eynen plan 

Do er fand blümcn manigerlay 

Als sy pringen mag der may 

Vud die d' blümen aller blümen nympt 

Eyn krentzlin macht dz im gezympt 

Daruon will ich dz mein werck dz klein 

Heyfzt die bliim der tiigent reyn 

Danen so bit ich herre dich 
folgt eine anrufung an gntt, die Jungfrau Maria, an den 
heiligen geist und die heilige dreieinigkeit, und bitte, dem 
vf zu thun, wie Jeremias und Moses, die gott mit seiner 
kraft rediiafTt machte. 

Y edoch mich ser im hertzen mnl 

Das villeicht spricht etwer 

Sich nümerdnili wie mag der 

Gutes icht gcdichten 

Der selber sich verrichten 

Kan zu guter sach nicht 

Wer also redt od' gicht 

Der selb hat vnweysen mul 



HO HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

Was schadet mir was yener tut 

Von dem ich hesserung nyni 

Tuot er iiit wol das wirt ym 

Vnd ist seyn 1er doch nütze mir 

Dauon so wend ich mein gir 

AufF hüpsche edle mere 

Vngeren ich seyn enbere 

Durch tugenlliches hertzen sitle 

Auch mach ich mir do mitte 

Frowd vnd kurtzweil gut 

Waü es geit mir hohen müt 

\'nd niembt mir nianig fantasmata 

Vnd vnnütz Melencolia 

Die ich all da mit vertreib gar schon 

Also nyem ich mir selber den don 

Auch spriciit dz vil maniger man 

Der sich nit balz v'synnen kan 

Der hat vil arbait v'loren 

Das wer vil pösser verporen 

Wan erh maiigen maister genant 

Vnd seynd im doch nit recht bekaiit 

Das sprich ich selb vnd auch war 

Ich wailz ir mcisterschefft nit gar 

So hat vor mein auch nye keyn man 

Alle kunst allein gehan 

Es hat einer von dem and'n genömen 

Also haben sy die kunst iiberkömen 

Also han ich allhie gethan auch ich 

Ich han gesucht des gelich 

Von allen maisteru die vor mein 

Gabent hoher kunste schein 

Vnd die vns gabent gute lere 

Also han ich bans Vindler 

Die red klaubt aulz mangcn buchen 

\'nd die ich alle müst durchsuchen 

Ee dz ich die red bracht zu eyner süm 

Ich han durchsucht Florcs v'tutiim 

Das do ein welsches buch ist 

Das han ich gemacht zu diser Frist 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 1 1 1 

Das es teiilsclie zung vernynipt 

Wann es der reclilen tugenl zynipt 

Darumb lian ich es zeteülsch braglit 

A'il niange 1er vnd abenteiir 

Die zn lugenl gebent sleiir 

Die han ich prachl all zfi eynander 

Ich han gesucht in Alexander 

Was der hie aiifP erd gelhan hat 

Darnach sucht ich der Römer tat 

Was die wunders habent getriben 

Oder WZ die propheten haben geschriben 

Wie Dauid vn Salomon sprach 

Josue Jereniias vn Jesus Sydrach 

Vnd WZ sy wunders geschriben haben 

Od' was die biicher d' altuäler sagen 

Das han ich alles sanipt durciisiiclit 

Vnd wie got Pharaone fliicht 

Vnd vil WZ in d' Bibel geschriben ist 

Darnach sucht ich alle die list 

Die do haben geschribe die philosophus 

Platü, Arestoteies vnd TuUius 

Ouidius Pharo Socrales vn Kato 

Pitagoras Culicnus vnd Faceto 

Ptholomeus vnd Vppocras 

Salustius d' auch eyn raeysler was 

Älagrobius vnd Ermogenes 

Vnd cyner der hiefz Ernies 

Wassiliko vnd Kassiodonis 

Andronico vnd Longinus 

Terencius vnd luuenale 

Thomas de aquino vnd Sermoniale 

Noch han ich gesucht d' meysler mer 

Oder was die Decret gebeut 1er 

Oder WZ Auguslinus vn Ambrosius 

Gregorius vnd Jeronimus 

Ilabent geschriben in iren seruioneu 

Bedam (h'isostimum vfi Oricnem 

Die all geschribe habe mangerlay ligiir 

Oder was das buch d' natur 



112 HANS VINDLEKS BLUME DER TUGEND. 

Inne hat von allem weseii 
Das hau ich alles sanipt durch lesen 
Ich han ^uch gesucht i valerio maximi 
Vnd eyn buch heisset gesta Romani 
Was Wunders daryh geschriben ist 
Oder WZ do gesprochen hat ihesus crist 
Vnd sant Pauls d' do ward bekerdt 
Vn WZ bernhardus gesagt hat d' werdt 
^'on der gotes gerechtikayt 
Ysiderus vnd Poecius sayt 
Das man thü von der weit ker 
Noch seind d' meister vil vnd vil mer 
Die ich nit all nennen kan 
Wann es wurd verdriessen eltwan 
Doch han ich sy all durch klaupt 
Vnd yeglichen ein wenig beraupt 
Do mit das doch eyn büchlein 
Ist volbracht nach dem willen mein 
Vn ob an dem büchlein ichl gepreche ist 
Sü bit ich den der es do list 
Das er das wend wen ich im des gan 
Waö ich der kunst nit enhan 
Das mein gedieht sey slrauffe frey 
Ich halt aller kunsle krey 
Das ich die kind lailen wol 
Dannoch man mich slraufTen sol 
Wafi wer die slralTnug nit wil han 
Der ist den schänden vnderthau 
Als das her' Salomon auch spricht 
Wer sich will strauflen lassen nicht 
Dem ist nicht fast nach tugendcn we 
wann strafTung macht nun tugent me 
und dann folgt die auf abschnill I, 1 überleitende periode, 

II. Der svhtufs. 
Ach starker got Marie kind 
Du sihcsl wol dz ich laid* plind 
Byn in meines gedichlcs kür 
Yedoch so preclit ich gcren für 



HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 113 

Deyne wunder manigfalt 
So bin ich laider also gestalt 
Dz ich nit wailz end noch Iruni 
Doch waifz ich wol dz ich Jhesuni 
Den süssen namen anriiffen sol 
Der selb d' kan yedernian helfTen wol 
Zu allen guten dingen 
Wafi ich möchlz nil volbringen 
Wer der selb Jliesus Crislus nicht 
Wafi er hiHFl als er spricht 
Durch Johannem Euangelisten 
Ich will euch alle zeit leren vn fristen 
Vnd will euch geben stercke vnd syfi 
Delz küm lieber Jhesus kfim 
Vnd geiilz in mich deyn weyfzheyt 
Da mit das dz buch werd bereyt 
Vnd dz man sich pessere da von 
Vii dz ich auch vollen den Ion 
Do die fröd keyn ende hat 
Vnd do deyn hohe Trinitat 
Fröt die heyligen vn die engcl klar 
31it wunniglicher fröde gar 
Ey lieber bans Vindler 
Du will zc lang machen die mcr 
Du soll es enden mit klugen synnen 
Wafi maul'z iTigt zu allen dingen 
Dz tat ich gercn sicherlich 
Ob ich were so synnc rieh 
Das ich kiind in allen sachcn 
Eyn hiipsches reynes cnd machen 
Wan alle ding seind vnfrüt 
Wann dz end nicht ist gilt 
Dänocht will ich tun dz pesl vfi ich kan 
Aber ich hau eyn solliclicn nam 
Dz man mich hcyssct den V indler 
Des bin ich hiipscher vindc 1er 
Das ich wol vindcn kan 
Hiipschc vind mit den man 
Die weyl n>iig v'treyben 
Z, F. D. A. IX. 8 



114 HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

Ich niufz es lassen beleiben 

Von delz willen das ich 1er 

Der hiipsche vind die mir zeschwer 

Seind zedichten vn aufzzelegen 

Hie mit will ich dem bfichlein geben 

Eyn hüpsches reynes ende 

Herre got nun wende 

Den alles laid die es do lesen 

Vnd das sy kömen zu deyner zesem 

An dem iungslen lag 

Dem do nymant enlrynnen mag 

Ey werde diel ob ich nun hau 

Dem puchlin nicht so recht gethan 

Das ist des schuld dz meyn mund 

Nit pessers kund zu diser stund 

Dauon so will ich euch pitten 

Dz ir dz pesseren an allem dem 

Das ir wenent das gut sey 

Wann mir ist die kunst nit pey 

Die man heysset Gramatica 

So kan ich nit Rethorica 

Die hiipsche red pricht enzway 

Wann ich bin eyn eytel lay 

Der teiilsch ein kleyn lesen kan 

Darumb sol maus für giit han 

Wann ich han es getan in gut 

Vnd das es pring hohen mfit 

Vnd demut auff der erde 

Vnd das v'mitten werde 

Das man heysset die vMrossenheyt 

Wan das büchlein das seyt 

Gar kurtzlich vil guter ier 

Ey starcker got viul auch her' 

Ob ich icht hab geseyt 

Wider deyn hohe heyligkeyt 

So zaigc deyn alte diemut 

Vnd nyem es auch von mir für gut 

Wan ich bin leyder nit ein man 

Der dich wirdig loben kan 



HANS VINDLERS BLUME DER TCGEND. 115 

Wann vor dir mein gediclite 

Ist als der Fledennulz gcsiciile 

Gen der liechlcn sonnen klar 

Het ich halt weilzheit als d' adlar 

Der aülF deynen prislen schlieff 

Dannocht wer es mir zelielF 

Gen deyner hohen wirdigkait 

Eya 3Jaria muter reyne niait 

Hilft" mir gen devnem liehen siin 

Ob ich ichl gesucht nun 

Hab in disem gediclite 

Das er mir verschlichle 

3Iit seyner heyligen parniherlzikait 

Gen seyner hohen gerechlikait 

Del'z hillT mir her" Jhesu Crist 

Hie mit das ptich gemachel ist 

In dem namen der heyligen driualt 

Do man Tausent iar zait 

Aon goles gepurt sicher zwar 

\ nd vierhund'l vfi im aylff"len iar 

Zehen lag in dem Junius 

Quarto die ydus 

In dem zaichen aquario 

Do ward dz piichlin volendel do 

Defz loben wir gol vfi seinen namen 

N'nd spreclienl alle Amen 
hier schildcj^t sich also Vi/idlcr als ei/ic/i laieti, der zwar 
deutsch lesen könne, der aber weder Grammalica noch 
Rhetorica gelernt , also keine »gelehrte hildang empfon>j!;en 
habe; er habe ein italienisches buch, Flores virtulnm ge- 
nannt, ins deutsche übersetzt, sich aber mit der Über- 
setzung nicht begnügt, sondern auch aus vielen andern 
Schriftstellern stellen ausgesucht, aus denen er erst dieses 
buch zusammengestellt habe; also geht er darauf aus, die 
ganze arbeit des cof/tpilierens sich anzueignen, aus der 
oben angegebenen darstellung ergiebt sich nun , daj's dtes 
unmöglich ist, denn jene compilalionen bilden ja den ei- 
gentlichen ursprünglichen stamm, und was sollte das tla- 
lienischc buch enthalten haben, dessen titel Flores virtuhnn 

8* 



116 HANS VINDLERS BLUME DER TUGEND. 

ja unleugbar bereits eine derartige anthologie ankündigt, 
höchstens könnte man also zugeben, J^indler habe noch, 
aus dem bereiche der gelehrten litteratur, die er verzeich- 
net, eine nachlese gehalten; aber auch dies ist unwahr- 
schvinlich, nicht blofs wegen seiner offen gestandene?i laii- 
schen bildung, sondern weil sich auch mehrfach im buche 
stellen finden, die es höchst unwahrscheinlich machen, 
dafs Vindler überhaupt latein verstand und lateinische 
Schriftsteller gelesen hatte, so 

b8^ Vnd sprach icli bin Armoniam 
Geporn aufz künigüclicni slaili 
dV' Das ein grosser lanlzlier' do 

Was geheyssen YppoHlo 
ta" Das der keyser Theodosio 

Hct cynen sun der was also 
nC)' d' selb hiefz Oracius Codext 
Also nennet in der lexl 
diese beispiele können zu hunderten vermehrt werden, und 
dem, der sie schrieb, dürfen ivir die ausgebreitete gelehrte 
belesenheit , die V. von sich rühmt, nicht zutrauen; um 
ihn ?tun nicht einer offenen lüge zu zeihen, ist wohl das 
auch sonst waht^scheinlichste anzunehmen, dafs diese stelle 
bereits so in dem ihm vorliegenden italienischen texte stand, 
und er sie nur mit den andern übersetzte. 

IVcmi uns also Vindlers eigene angaben im sticke 
lafsen, so müfsen wir auf den versuch ausgehen , ihm aus 
anderri gründen, die im iverke selber liegen, das ihm ge- 
bührende reckt an der autorschaft des buckes zuzuweisen, 
und kier drängt sick zucj'st die frage auf, sind ihm etwa 
. die oben bezeichnete?i cinsckaltungen zuzuweisen ? 

Ich glaube nicht, wenigstens nickt alle; denn auck 
in ihnen werden mein fach Schriftsteller citiert , auch Se- 
neca, den Vindler, ivenn unsere obige annähme, ivas ivohl 
nicht zu bezweifeln, richtig ist, gewiss nickt gelesen katte. 
Jf^enn nun aus diesem gründe nickt wahrscheinlich 
gemacht werden kann, dafs ihm die ganze oben s. g. ar- 
beit zweiter hand zuzuweisen sei, vielmehr diese, minde- 
stens theilweise , bereits dem italienischen originale zu- 
falle , so würde es, namentlich bei der schlechten über- 



HANS VINÜLEUS DLIME DER TUGEND. 117 

lieferung des Icates, unfruchtbare kähnheit sein, Findlers 
etwaige Zusätze trennen zu wollen von den von ihm vor- 
gefundenen italienischen. allerdings finden sich stellen, 
die rein deutseh zu sein scheinen, sowohl in den oben mit- 
getheilten abschnitten, als auch im zweiten theile, z. b. 

Auch wer sich gercn zii dem feür mengt 

Der wirl geren dauoii besengt 

V'nd sicli gern mischet vnd' die kley 

Den fressen die 8eü mit dem prey 



u. G^'^ff, Wenn d' bischoir den lopff treibt 

Vnd wenn d' riller pncher schreibt 

V nd das der miinch harnasch trait 

Vfi wen eyn hiipsche stollze mail 

Ze rolz sol eyn schütz seyu 

Vnd wenn die nun vnd pegeyn , 

Wellent zu den hoffen Faren 

Vnd wenn der man sol spyunen garen 

Vn ein kind mit eim geren 

Sol siechen ei peren 

Das selb ist alles widerwärtig 

Vn wirt nymmer recht arlig 
und mehrere andere stellen, auch ist es nicht unmöglich, 
dajs die gcbcte , die, ziemlich alle im gleichen tone und 
freier sich bewegend als die übrigen theile des buches, 
im an fang, am ende und, wie erwähnt , mehrfach in der 
mitte eingeschoben sind, meist von Vindler herrühren: 
dies aber ins einzelne verfolgen zu wollen , würde zu 
Spielerei werden : — für uns genügt , das Vorhandensein 
/{letzter origifialparlien Vindlers wahrscheinlich gemacht, 
im übrigen aber nachgewiesen zu haben, da/s ihm ein 
italienischer tex't vorlag, dessen grundstamm bereits eine 
bearbeitung zweiter band erfahren hatte. 

Hier ist es mir nun durchaus wahrscheinlich , dafs 
dieses erste original lateinisch war, schon der name 
Floi'cs virlutum führt darauf, dann eine anzahl zurück- 
gebliebener lateinischer worle , wie allissimus, reime wie 
duplex : mille arlifex. auch erklärt sich so das vorschie- 
ben des blofsen namens vor die angeführte stelle. 



118 HANS VINDLEHS ULUME DEK Tl GEND. 

Nach einem lateinischen buche Flores virtutuui, welches 
die quelle unseres werltes gewesen sein könnte , habe ich 
mich vergebens umgesehen ; dagegen kenne it h ein an- 
deres, mit ganz ähnlichem tilel und ähnlicher anläge, es 
heij'sl Flores poelaniiu de virtulihus et vitiis, ist im 15« Jahr- 
hundert gedruckt. Jedoch augenscheinlich weit früher ent- 
standen und handelt nach einander De siiperbia , de bona 
fania , de inuidia , de ira , de aiiarilia, de gula , de luxuria, 
de virlutibus, de doiio sancli Spiritus, das ganze buch be- 
steht hlqfs und allein aus cilaten , die aneinander gereiht 
sind, im Originaltext belassen, wo dieser bereits metrisch 
construiert war, oder in verse gebracht, wo das original 
in prosa war. am rande steht der name des dichters. 

Eine solche Sammlung nun, unter dem namen Flores 
virtulum, scheint mir, lag dem italienischen bearbeiter ror. 
er brachte ?neistcntheils die namen der Schriftsteller mit 
in den Zusammenhang der rede, zuweilen unterliefs er es, 
und da blieb nichts anderes übrig, als sie wieder an den 
rand zu schreiben ; durch nachläfsige abschreiber, oder 
wohl richtiger durch nachl'ifsiges rubricieren mischten 
sie sich in die verse selbst ein, ich vermute, erst nachdem 
Kindler sie bereits übersetzt hatte, denn in den meisten 
fällen scheint er sie nicht mitzurechnen, an einzelnen stel- 
len werden sie sogar durch ein zeichen vom übrigen verse 
getrennt. 

Sicher gehörten zu diese/n lateinischen werke auch 
die compilationsreihen des zweiten theils , die als eine art 
anhang beigegeben waren , allgemeine lehren zum glück- 
lich leben enthaltend : der italienische Übersetzer benutzte 
sie um so freier. Je freiem Spielraum ihm der mnngel 
einer beschränkenden si/mmetrischen form gewährte. 

Oh nun das oben nachgewiesene, selbständige gedieht 
von dem aberglauben ein originalwerk Vindlers ist , oder 
ob er auch dies nur übersetzte , oder ob es vielleicht gar 
nicht zusammenhängt mit den Verfassern der blume der 
lugend, das läfst sich schwerlich sicher bestimmen: zu 
beaclilen ist allerdings , da /'s in der zweiten, von Grimm 
nicht mitgetheilten , hälfte des gedichts mehrfach von be- 
lesenhcil zeugende cilatc vorkotnmen, und daj's örtlichkeiten 



LliEK DIE QÜAESTlüNES QLOULlBETiCAE. III) 

aucli hier uuf Italien sclillcfscii lafsen, wie die erwfihnun<>- 
von Ravenna und Slena. 

Leipzig. fkii:drich zarncke. 



ÜBER DIK QAESTIOIXES QüODLlBETICAE. 

Auf mehreren deiilsclien iioclisclmleii wurde aufser den 
gewöhnlichen , meistens wöchentlich abgehaltenen geistes- 
tiirniercn der academisclien jngend noch jährlich eine dlspu- 
tallo de quüllbel (coiiccrlatlo (/uodllhetlca, dlsputatlo quod- 
llbetarls, oder blols quodllhelum, auch linde ich In dlsccpta- 
tlone qaodllbetarla) angestellt, der eine ganz besondere Wich- 
tigkeit beigelegt wurde, in Erfurt dauerte sie mehrere tage, 
auf welche weise sie eingerichtet war, weils ich nicht be- 
stimmt, in Paris scheint etwas entsprechendes gewesen zu 
sein der actus Surbonlcus. bei diesem präsidierte ein ma- 
gister, der die verpllichtung hatte, mindestens 14 stunden 
rede und antwort zu stehen, während nur eine Viertelstunde 
ihm zum einnehmen eines mittagsmahles zugestanden wurde, 
ähnlich scheint die dlsputatlo quodllbctlca in Prag gewesen 
zu sein , das sich ja auch in seinen übrigen einrichtungen 
vielfach nach Paris gebildet hatte, es ist leicht erklärlich, 
dafs man sich um diese schwierige arbeit wegzuschleichen 
suchte, und wir finden daher bereits im 15n jahrh. strenge 
Verordnungen , wonach man eventualiter zur Übernahme die- 
ser pflicht gezwungen werden konnte bei Vermeidung bedeu- 
tender geldstrafen, ja des ausschlufses aus der facultät. nach 
dem prager muster scheint die einrichtung in Leipzig ge- 
trollen zu sein , und auch hier linden wir die bittersten kla- 
gen , dafs oft das quodllhet gai- nicht zu stände kam, weil 
niemand sich zin- abhallung desselben bereit linden liefs. 
nicht ganz unälmlich mag diese dlsputatlo auch in Heidel- 
berg und iMfurl gewesen sein , denn mehrfach wird gerade 
der Scharfsinn des praeses besonders betont, ja es ist eine 
fast zum tilel gewordene bezeichnung des präsidierenden ma- 
gistei's : dlsputator de quollbet aeullsshiius. 

Ueber den nainen sagt du Fresne : quodllbel, quodllbe- 
tum , scholastlcls , de quo In ut)-ainque dlsserltur purteui, 



120 ÜBER DIE QIAESTIONES QUODLIBETICAE. 

ex eo dictum, quia quod übet defeniUlur. wenn diese er- 
klärung des Ursprunges der benennuiig richtig ist, so ist doch 
zu bemerken, dafs man gar bald diesen sinn vergal's, und 
die bedeutung damit verband, dals es eine disputation über 
alles mögliche sei. und das war es in der that auch, so 
erzählt Conrad Wimpina , worüber 14.97 in Leipzig dispu- 
tiert wurde : de loquendi regulis , de expolilis ■persuasioni- 
biis, de disserendi taliof/fbus, de dinlecticis disceptatronibus, 
de malhematieis Jigun's numen's et dimensionibiis, de lincis 
indivisibilibus, de ylanelarum adspectibus , de verum prin- 
cipns, de naturae efßcacibus occultisque proprietatibus, de 
hominum moribus , de civilibus inslitutis , de sphaerarum 
harmoniis, de orbiuiii motricibus , de celorum gyi'is et itii- 
pressionibus^ de ipsius denique prinii e/itis ottn'butalibus per- 
fectionibus , ac breviter de cunctis ralionabilitir adductis 
quaeslionibus .- qiiisquis ingenium prodüurus suum in pa- 
laestrnm Deo diice deseendemus. 

Um nun bei der langen dauer dieses acles nicht zu er- 
müden wurden, in Erfurt und Heidelberg wenigstens, scherz- 
hafte und belustigende inlermezzos eingeschoben, und zum 
schlufse des ganzen eine oder zwei satirische reden vorge- 
tragen, so heifsl es in der 1515 in Erfurt gehaltenen 
schlufsrede : 

Consuevit enim huiusmodi ludus philosophicus cum qui- 
busdam iucundissimarum verum amoenilatibus et duicibus 
fabulis i/iterspergi tum in quandam festivani et ioci ple- 
nam facetiam desinere , quo animi dies iam aliquot seve- 
rioribus philosophiae studiis occupati et quasi dejessi refi- 
ciantur et in semet ip.sis reviroseant. 

Diese scherzhaften, satirisch-didaclisclien reden sind es, 
die uns hier interessieren. 

Eine solche wurde im gegensatze zu den voihergehen- 
den ernsten disputalionen genannt quaestin (quaestiuncu/a) 
minus principa/is, und weil sie am schlufs des ganzen gleich- 
sam angeschoben wurde quae.stio accessoria. auch wohl 
den namen von dem ganzen borgeiul quaestio quodlibetica. 
daneben heilst es auch quuestiuneula solatiosa, quaestio 
favetosa, facetiarum et urbanilatis plena. 

Der dem ganzen acte präsidicreiulc magister wurde ge- 



ÜBER DIE QUAESTIONES QUODLIBETICAE. 121 

nannt jrraesidens , spectahilis (oder vigilantissimus) domi- 
nus dispulator, auch disjmtntor de quolibct (oder de quod- 
libet) , dominus quodlibetarius. (gewöhnlich humanissimus 
und im verlauf der rede wohl : vestra p7'aestabilis humanilas.) 

Wer diese rede halten sollte (was quaestionem deter- 
minare, recensere , recitare und in Erfurt scholastico more 
explirare hiefs) , scheint, wenigstens formell, nicht in dem 
freien willen des helroffencn gelegen zu haben , so wenig 
wie die wähl des thema. beides scheint ihm gegeben 
zu sein. 

Hier zeigt sich nun eine Verschiedenheit zwischen Heidel- 
berg und Erfurt, von welchen beiden orten allein uns der- 
artige reden bekannt sind, in Erfurt nämlich bestimmte der 
Vorsitzende sowohl den redner wie das thema. so heilst es 
in der rede von 1494 : 

Vires colligo ipsvmque mihi per spectabilem viriim do- 
minum de quodlibet, i/isig/ieui meuiu praeceplorem integer- 
rimuiu, probleuma [rroposilum et solvendum accedo. 
und in der von 1515 : 

Vellcm profecto kumanissime domine Quodlibetaric ad 
kuiusce taut grandis tamque diffusae quaestionts sententiam 
explicandam alium vestra praestubilis human itas ad id 
operae subeundum magis idojieum deiegisset , und am 
schlufse : Haec sunt humanissime domine quodiibetarie, 
quae ex vestrae excellentiae mandato ad quaestionis mihi 
assignatae enodationem ajf'ere potui. 

Anders Avar es in Heidelberg, hier scheint die wähl 
des redners dem Vorsitzenden zugestanden zu haben, wäh- 
rend das thema von einem baccalaureus gestellt wurde. Paul 
Olearius in seiner rede (s. u.) sagt: 

Tanta est vestrae prudcnliae apud me auctoritas hu- 
manissime domine quodiibetarie, ut praeceplis et man- 
datis vestris nullo paeto contravenire queam, quibus ut 
quaestionem minus principalem a baccalaur e o q uo d a m 
pridem mihi pro posilam determinarem, qui . ... ex 
me quaesivit. 
und an einer andern rede heilst es : 

Vretus vestra hnmanitale vigilanlissime domine dispu- 
lator .... dcerevi avccssoriam quandam qaacs/iuncu/am 



122 IßEK DIE QUAESTIOiNES (JUOÜLIBETICAE. 

nudi US lei' tiiis mihi a quo dam haccalareo obla- 

tum evolvere. 

und am schlul'se einer andern : 

His meis ineptiis volui speclabilis domine disputalov 
vobis et bacculario morem gercre. 

Den baccalaureen scheint es noch nicht zugestanden zu 
haben, selber eine rede zu halten. lodocus Gallicus Rubia- 
censis sagt in seiner rede : 

Id voluit dominus bacularius Nicolaus Germa/ius l{u- 

bioce/isis , conterroneus et discipulus mens mihi obtempero- 

tissimus .... dum. non Heer et ei aequc atque mihi 

hoc loco publice ut vellet huic quaesito satis- 

J'acere, credidit id oneris curae et sollicitudini meae. 

Vielleicht war es daher als eine art ersalz den bacca- 
laureen gestattet, das ihema aufzuwerfen, ob der hierzu be- 
rechtigte baccalaureus stets in einem solchen Verhältnis zu dem 
redner stand, wie jener Nicolaus Germanus zum Jodocus 
Gallicus, weil's ich nicht. 

Das Ihema scheint erst wenige tage vorher gestellt zu 
sein (vielleicht zu anfang der mehrtägigen dispulalion) ; denn 
mehrfach beklagen und entschuldigen sieh die redner mit 
kürze der zeit, die ihnen zur ausarbeitung zu geböte gestan- 
den habe. 

Die hier gehaltenen reden sind nun eine wahre hiiid- 
grube deutschen witzes und liumors, ein wahrer schätz so- 
wohl für die deutsche litteratur- wie für die Sittengeschichte, 
hier wurden die gebrechen der zeit auf die schärfste weise 
gegeifselt, und dadurch sind diese reden ein sehr wesent- 
liches beförderungsmittel der reformation geworden, ebenso 
wichtig sind sie für die litteratur ; sie waren ein jährlich 
von neuem und frisch aufsprudelnder lebensquell der komischen 
litteratur, namentlich der prosa , und sie geben uns ein bild 
von der damals im deutschen volke lebenden lust an satiri- 
schen darstellungcn. auch die spätere komische litteratur, 
sowohl im ganzen, in ton und haltung, wie in einzelnen 
stellen , ist nicht völlig zu verstehen ohne eine genauere 
konnlnis dieser (|uo(llil)Clischen reden, durch deren kenntnis 
mehrfach die vei-wickeltslen slcllen zu lebendigster anschau- 
lichkcit gebracht werden, sollte es nocli gelingen, mehrere 



l IJER DIE QUAESTIONES QUODLIBETICAE. 123 

derartige reden aurzutreibeii , oder vielleiclit nur ein Ver- 
zeichnis der behandelten iheniata zu stände zu bringen , so 
würde für die lilleratur des 14n und 15n Jahrhunderts ein 
schätzbarer beitrag gewonnen werden. 

Die mir bekannten derartigen reden sind die folgenden : 
I. in Heidelberg, 
hier wurden in den achziger Jahren des J5n Jahrhunderts 
unter dem vorsilze des Jac. Wimpheling zwei reden gehallen. 

1 . Monopoliuin philo.sophorum, vulgo die schelniezunfft. 
quaeslio accessoria determinatn a viagistro B ariholom co 
Gribo Ai genliiH'iisi pro cxcUaialo ioco solutioqve audilo- 
ritm iit iiio7'is est. 

2. Monopoliuin et socielas citlgo des licchlschiirs. (juae- 
stio minus principatis a Jodoco Gallico Rubiacensi in 
disputalione quodlibelari cxcitandi ioci et animi laxandi 
caiissu Hcidelbcrgae detenninata*). 

Gedruckt sind sie 1489, Argentinae per Petruni Atten- 
dorn., in einer Sammlung satirisch-didactischer Schriften, welche 
dieser mit Wimphelings zuslimmung herausgab, unter dem 
titel Directoriuvi slatuum. seu veriiis Tvibulatio secuii. 
vergl. Panzer i, 39 nr. 159 u. i, 92 nr. 493. 

Weil bekannter sind die beiden folgenden reden, die, 
wohl in den neunziger jähren des 15n Jahrhunderts, unter 
dem Vorsitze des Johannes Hill Hotwilensis gehalten wurden. 

1. De ßde concubinnrum in sacerdotes. quaesiio ac- 
cessoria causa ioci et vrbanilatis in quodlibeto Heidelber- 
gensi determinata n magist ro Paulo Oleario Heidcl- 
bergensi. 

2. De ßde merelrieum in suos amatores. quaestio mi- 
nus principalis urbanilatis et fuceliae causa in ßne quod- 
libeti Heidelbergensis determinata a magistro Jacobo 
Hartlieb Landoiensi. 

Wohl in folge einer lliichligkeii , die Iilbcrl in seinem 
bibl. Icxikon sich hat zu schulden kommen lalsen , wird ge- 
wöhnlich (selbst noch von Vilmar in seinem aulsalzc über 

) Obgleich \\'iiii|ilielinj; iiiclil hei beiden reden als praeses ge- 
nannt wird, indem die zweite gar keinen praeses nennt, so liiC^it sieh 
doeh als ganz walirsebeinlieh iiiuliweisen , dal's bi-idi; reden an dem- 
selben tage geballen wurden. 



124 ÜBER DIE QUAESTIONES QLODLIBETICAE. 

Fischarl in Ersch und Griibers encyklopädie) Jac. Winiplieling 
für den verfal'ser gebalten, aus den Worten Cratos von Uden- 
heini in der vorrede läfst sich aber nicht nur Wimphelings 
autorschalt nicht beweisen, sondern eher das gegentheil. sie 
lauten Co piain mihi fecit J. JV. duariim quaestionum, quae 
ifi ßne disputationis quodlibetaris in ßorentissimo Heidel- 
bcrgensi gymnasio . . . pridem detcrminatae fucrunt. 
prima explanal fraudes meretriceas .... bekanntlich 
liel's Wimpheling es sich sehr angelegen sein, brauchbare 
arbeiten anderer zum druck zu befördern. — eine auffallende 
Übereinstimmung im baue beider abhandlungen ist freilich 
nicht abzuleugnen, spricht aber mindestens ebenso sehr gegen 
die idenlität des autors als für dieselbe, die beiden verfalser 
kommen auch sonst noch als verfertiger lateinischer ge- 
dichle vor. 

Gedruckt sind diese beiden reden wohl zuerst durch 
Ludwig Hoheuwang in Ulm. vergl. Leo Hafslers Ulmer 
buchdrucker-geschichte. Ulm 1840. f. die von Hafslcr be- 
schriebene ausgäbe ist freilich die princeps nicht, doch aus 
derselben oflicin wie diese, die schon Ebert kannte (vergl. 
bibl. lex.), dahingegen läfst sich die Vermutung wegen des 
druckorts durch anderweitige beweise stützen , die Hafsler 
nicht zu geböte standen. 

Ich habe beide paare von reden in der Ordnung aufge- 
führt, wie sie gedruckt sind, gehalten sind beide in der 
umgekehrten, wie sich aus ihrem texte mehrfach bestimmt 
nachweisen läfst; bei dem Ictzteru paare ist die Umstellung 
augenscheinlich eine absichtliche, um gleich auf den titel die 
pfallencoucubineu zu bringen, sogar die vorrede wurde aus 
diesem gründe in die mitte geschoben. — hiernach möchte 
es nun fast scheinen , als sei jedesmal die erste der beiden 
reden genannt quaeslio minus principalis , und die zweite 
quaestio accessoria , was einen ganz \ernünftigen sinn ha- 
ben würde : aber dem ist nicht so , denn im texte werden 
diese bezeichnungen durchaus promiscue gebraucht , und der 
parallelismus in den titeln ist daher nur zufall. 

>'on spätoi-n Heidelberger quodlibets kenne ich vveitei' 
nichts, als die folgende notiz aus Luthers tischrcden : 

Zu Heidelberg im Quodlibet ward disputiert und gefra- 



IIBER DIE QUAESTIONES QlIODLIBETICAE. 125 

gel, woher die miinch kämen. darauf ward geantwortet 
der teiifel wäre der mönche Stifter und Schöpfer. 
II. In Erfurt. 

Das Erfurter quodlibet wird mehrfach erwähnt, und die 
hei demselben entwickelte gelehrsamkeit und kuiist der dia- 
lektik gerühmt, auch sind uns (jiiaesiiofies , die dort deter- 
miniert wurden, erhalten, z. b. die bei Panzer ii, 107, 32 
angeführten, die 1486 behandelt wurden, die arl und weise 
jedoch, wie wir in betreif der scherzhaften dissertationen die 
bekannlschaft des dortigen gelehrtenkreises machen , ist für 
denselben nicht die schmeichelhafteste; wir bemerken näm- 
lich , dafs alle jene herren sich von einem dreisten plagiator 
betrügen liefsen. 

Es kam nämlich im jähre 1494 in Erfurt das folgende, 
wie mir scheint, noch niemand zu gesiebt gekommene druck- 
stück heraus 

Quaestio fahulosa, rccitata 'per inagistrum Johan- 
ncm Schräm ex Dachaw Incli/to in Gijmnnsio Erffor- 
diensl sub disputnlione quotUhctari Presidetite pro tunc con- 
certatioTii quolhheticac Venerahili viagistro Johanne 
Ganss ex Herbstei/n, theologiae baculario. 1494. 

Diese rede nun ist weiter nichls, als eine schülerhafte, 
mit geringen ausnahmen wörlliche zusammenkoppeliing der 
beiden oben erwähnten disputationen des Gribus und lodocus 
Gallus, indem der compilator die des letztern in die des er- 
stem hineinzuarbeiten sich bemühte , was ihm meistens sehr 
schlecht gelang, und iiulem er beiden als cinleifung die vor- 
rede zu des Pogf^iiis facetieu vorsetzte, die bekanntlich 1491 
in Leipzig bei Kacheloven herauskamen, neu und daher 
möglicher weise, von Schrams eigener fabrik ist nur die einge- 
schobene geschichtc des Schieinkonlzius des stifTlers der 
Scliweinezunjf'l (denn dazu macht der niederdeutsche die Schel- 
menzunlft des Gribus). 

Um so erfreulicher ist die nächste mir bekannte Erfurter 
scherzredc : 

De ge/icribu.s ebr/o.sort/fn et cbriclate vilnnda. quae- 
slio J'aceliarum cl vrbanitatis plenn quam pulcherrimis 
oplimorum scriptorum ßosculis refccta, in conclusione Quod- 



126 ÜBER DIE QUAESTIONES QLODLIBETICAE. 

libeti Erphurdiensis Anno Christi m . d . x^ . Circa uulitmnnlc 
uequinoctiiim scolastico i/iorc e.vplicofa. (a. e. 1516.) 

Diese treffliche arbeit ist gleich nach ihrem erscheinen 
mehrfach nachgedruckt worden, nebenbei erwähne ich, dafs 
die ansieht derer, die diese rede dem Eobanus Hessus zu- 
schreiben möchten, sicher falsch ist, denn dieser wird in der 
rede selbst erwähnt und ein gedieht von ihm vorgetragen. 

Ich habe anstand genommen, unter den Universitäten, an 
denen diese satirischen intermezzos oder schlufsreden gehal- 
ten wurden, Leipzig zu nennen, allerdings wurde auch hier 
das quodlibctum feierlichst begangen , und wir haben noch 
gedruckte thesen aus jenem acte (z. b. Panzer i, 49J. 183), 
sowie noch zwei bei einer solchen gelegenheit , 1497, unter 
dem Vorsitze des Henricus Grevo Gotlingensis gehaltenen re- 
den , eine religiös-feierliche von Conrad Wimpina und eine 
andere des Matthaeus Lupinus Calidomius de pootis a re~ 
publica rninime -pcllendis. (Panz. i, 498, nr. 256.) jene 
erstere (Panz. i, 488, 148) oratio invocatoria in inissa quod- 
liheti Lipsiensis ist fast ohne alles interesse, die letztere in 
mancher beziehung vortrcfTlich ; aber beide sind durchaus 
ernsten inhalts , und konnten schon ihrer länge wegen (die 
letztere dauerte sesquihoram) schwerlich animi rclaxandi 
causa gehalten werden, freilich fielen sie beide auch nicht 
ans ende der ganzen disputatioii. — übrigens ist der bau der 
rede, das Verhältnis des redners zum Vorsitzenden wie in 
Erfurt. 

Sodann finde ich noch erwähnt 
G. Bruns oratio quodlibet. de Concubinariis Saeerdot. 
Colon. 1566. 

Wie lange sich diese sille auf den Universitäten erhal- 
ten hat, weifs ich nicht; es scheint mir aber, dafs sie zu 
ende des 16n Jahrhunderts noch existierte. Fiscliart sagt in 
der vorrede zu seiner geschichtsklilterung 

.... die in Schulen mit deponieren , vn Quodlibeten : 
welche weifz wie die quodlihetaiü fürgebcii auch St. Augustin 
soll gebraucht haben, vn gewiss St. Thomas von Aquauino. 
LEIPZIG. FRIEDRICH ZARNCKE. 



LUST UND UNLUST. 127 



LUST UND UNLUST. 

Treffend übersetzt Simrock den eingang der Völuspü 
durch Andacht gebiet ich allen, das altn. hlioct hat hier 
wie in den formein at heyrandn hliodi, i pegjando hliodi 
(gramm. 4, 68) und in dem at beidaz hliods , petere silen- 
tium ut audiatur, die bedeutung stille, stillschweigen nur 
insofern als damit ein aufhorchen, anhören, verbunden ist. 
erst spät scheint das adj. hli'odr in dem sinne von tacitur- 
nus schlechthin gebräuchlich zu sein, die eingangsworle der 
Völuspä sind augenscheinlich eine hieraJische formel, wie 
das lat. favete Unguis und das gr. £i(p)jfte7t£. sile/itium 
per sacerdotes, (juihis tum et coercendi ius est, imperutur 
sagt Tacilus Germ. 11 bei der beschreibung einer deutschen 
Volksversammlung, die hier gebräuchliche formel wird jenen 
aus der Grägäs und Völuspä ganz ähnlich gewesen sein, 
wie das altn. hliod so ist auch das alts. hlust, ags. hlyst, 
altfr. hlest abgeleitet von dem verlorenen verbum hlira/i, 
yiXvELV einer c i und dieses altfriesische hlest kommt gerade 
so wie das altnordische wort nur in einer hieratischjuristi- 
schen formel vor. bei Richthofen 436, 1 1 spricht der könig 
müh hleste d. i. nt heyranda hliodi, und 491 , 35 lautet 
die Vorschrift halda litic to hleste gitde mentc. das gegentheil 
davon ist dann unhlest 401 , 20, onhlest 460, 31. 477, 19. 
500, 23 , die unruhe und das lermen woduich eine gericht- 
liche Verhandlung absichtlich gestört wird und die darum so 
strafbar ist wie die sinvlhsliihane , die ivonondieord und 
der klem (obscenilas). auch das alls. hlust linden wir im 
Heljand bis auf eine stelle, 148,24, wo es von Malchus 
obre vorkommt, und in demselben formelhaften gebrauche, 
he undar theru thiodu stdd eiidi ihdr gihdrid ober hlust 
mikil theo godes lern 76, 11. 12; lerda thea liudi liohtun 
wordu/i, hli'idero slemnuH: was hlust f/ri/iil, thagode ihegan 
manag 119, 18. 19 5 he theru menigi sagde ohar hlust 
mikil 159, 21. 22. endlich weist Haltaus 1945 auch noch 
ein mnd. Inst unlust in demselben sinne nach , so dafs an 
dem hohen alter und langen gebrauch der formel nicht zu 
zweifeln ist. 



128 LUST UND UNLUST. 

Das fries. onhlest gieng dann auch in die bedeulung 
von lermen , schelten überhaupt über, wie man aus einem 
merkwürdigen paragraphen der westerlauwerschen gesetze bei 
Richth. 409, 25 sieht, klagt ein mann auf ehebruch , so 
schilma hit {riucht) aldus gveta dat dio frie Frcsinne coem 
oen dts fvia Fresa wa/d müh huernes hlüd ende, rnith büra 
oefihlest, müh bdkena brand ende müh icinnasang u. s. w. 
vergleicht man hiermit eine der überküren Richth. 98, 17 
hwersa via tvif halat müh hörne and müh hliide^ müh 
dorne and müh dr echte , thet hm emmer scolde üftne stol 
bisüta , ferner Richth. 52, 14 hiversa tivene brothere send 
end thi öther wif halat tö hovc and tö hiise , mith dorne 
and müh drechte, müh hörne and müh hlüde, so sieht 
man dafs der büra onhlest die timht der hochzeitszug ent- 
spricht, der mit schellen und singen einherzieht, denn die 
formel müh domc and müh drechte ist ein iv 6ia dvoiv. 
dorn ist hier wie oft im ags. und im alts. (Helj. 122, 13) 
dignitas bonos gloria , wie auch im ahd. iuomheü magnifi- 
centia. im Ommelander landrecht sind die formein der er- 
sten stelle nach Richthofen übersetzt mü enen waechhorens 
geschal end mü buiren geschal end mü, barnendc baeke- 
nen end mü soeten sänge, und dies führt auf die erwägung 
eines anderen merkwürdigen ausdrucks der stelle hin. 

WINiNASANG UND WINILEOD. 
ist winnasang nichts weiter als ahd. wunnisang iubilatio 
und etwa ags. wz/nsong? die Übersetzung ?nü soetem sänge 
erinnert an ahd, suazaz sang melodia GrafF 6, 250, stioz- 
sanc melodia Docen 1 , 238 : oder beruht diese glosse , wie 
man vermutet hat, nur auf einer falschen etyniologie von 
mel-odia? im mhd. hat der süeze safte oder dön , so viel 
ich sehe, nichts technisches, Nib. 1643,3. ich glaube dafs 
Richthofen mit dem gröslen rechte ein friesisches dem ahd. 
wüii, ags. vine, altn. vinr entsprechendes leinne sodalis zur 
erklärung der ohne zweifei sehr alten formel ansetzte, dann 
findet auch die Umschreibung des Ommelander. landrechtes 
eine rechtfertij'ung. der wüinasang setzt ein winüeod vor- 
aus, aus der ahd. glosse bei Ilattemer 1, 305 und unter den 
Schlettst. gl. 22, 00 plebeios psahnos, seculares cnntüenas 
vel ritsticos psalmos sine auctorüate vel caiüus aut wifiUeod, 



WINNASANG UND WINILEOD. 129 

und aus der alten 31onsecr bei Pez 1 , 375 zum concil. 
Landic. plebcios psntmos ?'iisifg-iu sanch vel winüiot, folgt 
dafs unter auuileod nur lieder zu verstehen sind die zc 
singetuie getan, nicht aber für den epischen Vortrag bestimmt 
waren, die andere glosse Emmer. bei Pez 1, 402, cantica 
rustica et inepta odo winileod odo scofleod, bei G raff 2, 192 
scofleod odo ivtnile.od plebeios psalmos , cantica rustica et 
inepta, bestätigt dies, da scof seiner bedeutung nach ein ganz 
allgemeiner ausdruck und nicht ausschliesslich auf die epische 
dichlung bezogen werden darf, leinileod war der allgemeine 
name für lieder wie sie unter dem volke auf freier slrafse 
bei festlichen aufzügen und spielen, bei Zusammenkünften, 
gelagen und tiinzen im chor oder von einzelnen gesungen 
wurden, wie später und noch heule die Volkslieder, ganz 
ohne grund schränkt Wackernagel (litcralurgesch. s. 38) den 
namen auf mädchenlieder ein. auch eine andere erklärung 
fai'st die gattung zu eng als liebeslied , obgleich man sicher 
sein kann dafs' die alten winelieder ebenso oft erotischer 
nalur und erotisches inhaltes waren als die Jüngern Volks- 
lieder, den Ursprung der lyrik überhaupt später zu selzen 
als das epos beruht auf einem irrthume. das liebeslied ist 
wie das preislied und das spoltlied ein nothwendiges glicd 
der urallen Stegreifdichtung, was die kunstdichlung des elften 
Jahrhunderts daran vervoUkommnelc ist leicht einzusehen. — 
die richtige erklärung von winileod gaben schon Jac. Griuun 
gr. 2, 205 und Lachmann in seinen Vorlesungen: es ist ge- 
sellenlied. oder gesellschaftslied ; vcrgl. das altn. vinabod \n 
Wildas gildewesen. beide geschlechter oder befreundete la- 
milien waren beisammen wo winelieder gesungen wurden : 
daher der name. in seiner vollen echten bedculüng erscheint 
nun der toinnasang bei der altfriesischen braullcile. aber 
Neidhart nennt 32, 5. 40, 6 Engelmars lieder, die er /// 
einer hohen wise sang, schon verächtlich mit dem obsoleten 
ausdruck loineliedel, gleichsam galsenhauer. doch ist auch 
hier deutlich bei welcher gelegenheil sie gesungen wurden : 
ei?i schuoch was im genial, 
du mit er mir trat nider al min wisenmät : 
oller viretegelich siveimet er vür liinirental 
(vergl. Liliencron in dieser zeitschr. G, 79 l'^lorc 75(51). auch 
Z. K. I). A. IX. 9 



130 UBII. 

bei der oll angefiihrleii stelle des capitulars von 789 hat man 
nicht genii«^ beachtet dafs zuerst den äbtissinncn und nonnen 
verboten wird das kloster zu verlal'sen (um liinaus zum tanze 
zu gehen), dann nullaterus ibi ivinileudos scribere vel rnit- 
tere. jenes scribere könnte wohl von der abfafsung, dem 
dictare weltlicher lieder in der Volkssprache verstanden wer- 
den : ob aber das mittere auch die schriftliche niillheiUmg 
der lieder, wie sie unter des lesens kundigen klosterfrauen 
und geistlichen , nur nicht unter dem laienstande , immerhin 
möglich war, zu beziehen ist , oder ob man auch im achten 
Jahrhundert die lieder mündlich durch boten bestellen liefs, 
wie später (frauend. 125, 9. 134, 1) will ich nicht entschei- 
den, zu vergleichen ist aufser Olf'rids cantus lectionis das 
verbot der schniählieder vom j. 744, obgleich es zweifelhaft 
ist dafs dies sich auf die deutsche geisllichkeit bezieht, qui 
in blasphemiam alterius cantica cowposuerit vel qui ea 
cantaverit, extra ordiiiein iudicetur,liarzhcim 1, 55. Bened. 
Lev. 3, 200 (Peilz 4, 2, l\i\ 66). K. MÜLLENHOFF. 



UBII. 

In dieser Zeitschrift 7, 383 habe ich den namen der 
Senmonen daraus erklärt, was Tacitus von ihnen sagt, dafs 
net/io /lisi vinculo ligatus ihren heiligen liain betreten durfte, 
so erkläre ich auch den namen der Ubier aus Caesar de hello 
Gall. 4, 3, wo erzählt wird {Ubiurum) Juit civitas ampla 
atqiie ßorens, ut est capitis Gerntanoram, et paullo quam 
su?ii eiusdem generis et ceteris huuiam'ores, propterea quod 
Rhenum altingunt multxnnque ad eos mercatores ventitant 
et ipsi propter propinquitatem Galileis sunt moribus ad- 
suefacti. ahd. uppi maleficus, iippi uppiheit sanitas , vppic 
inauis vanus otiosus (vergl. die earmina inania otiosa ob- 
scena lalcorum) , nlln. ubbi hirsutus Irux (obba aversari 
abominari) setzen ein älteres ubjis voraus, was gothisch uf- 
jis wäre, wovon das abgeleitete fem. ufjo., überfluls iieqig- 
oov, noch voT'handcii ist. jenes ubjl.'i ist genau üblus. doch 
braucht man den naiiien nicht als spott- und ekelnamen zu 
fafscn; es wird vielmehr, wenn man auf die gothische wort- 



ZWEI STELLEN DER SCRIPT. BIST. AÜGLSTAE. 131 

bedeulung neben der allhoclideulschen riicksicht nimmt , ein 
heldenmälsiges epithelon darin liegen, wie in ags. Yffe oder 
(schwach) Offa, Uffa, wozu Ufßngns das patronymiciiin ist, 
und im alln. Ubbi und dem noch heute in Oslfricsland 
gangbaren Ubbe. denn diese namen scheinen , abgesehen 
von der schwachen form , dasselbe zu sein mit dem volks- 
namen, wenn man sie nicht etwa für hypocoristisciie formen 
halten will, auf keinen fall aber gehört wohl das ahd. Offa 
(Schannat trad, Fuld. nr xl a. 773) und Uffo (ebendas. 
s. 301 nr 38) dazu. K. MÜLLENHOFF. 



ZWEI STELLEN DER SCRIPTORES HISTO- 
RIAE AUGÜSTAE. 

Die wichtigste stelle zur geschiclite des marcomannischen 
krieges lautet in den ausgaben der Scriptores bist. Augustae 
in Capitolinus vila Marci c. 22 so, gentes or/mes ab lUy- 
rici limile usque, in Galliam consptravefant, ut Marco- 
rnan7ii Nan'sci Hernntnduri et Quadi Suevi Sarinatae La- 
tringcs et Buri; hi aliique cum Victovnlis Sosibcs Sico- 
botes Rhoxolani Baslarnae Alant Peucini Costoboci. dafs 
die namen hier zum iheil verderbt sind isl deutlich, schon 
vor einigen jähren war herr professor Bernhardy in Halle so 
gütig mir auf meine bitte über die handschriflliche Über- 
lieferung hier und an der nachher zu besprechenden stelle 
auskunl't zu ertheilen. diese ergab für die hauptsache weuig. 
doch holfe ich jetzt meine schon damals brieflich geäufserle 
vermiiluiig, wie der stelle aufzuhelfen sei, berichtigen und er- 
gänzen zu können, ich theile sie hier um so lieber mit weil 
die nachrichtendes herrn prof. Bernhardy einige bisher zweifel- 
hafte deuls(;he volksnamcn feststellen helfen. 

1. NAuisci. in Tacitus Germania c. 42 haben die hss. 
an erster stelle entweder xYö/v'v// PVaN {maristi VC oder ISa- 
risti F in marg. Vd (norült St), und ebenso an zweiter 
Naristi PVacNSt, Nai'üci Vd. auch in einem fragmente des 
Dio 71,21 aus der gesrhiditc des Marcomannenkricges las 
Fulvius Lirsinus oxi /xd vaQiaicd raXai/icüQr'jaavitg u. s. w. 
allein die Verwechselung von n und v ist in den hss. der 

9* 



132 ZWEI STELLEN DER SCRIPT. BIST. AÜGÜSTAE. 

Germania aiisserordenllicli liiiulig und auch bei Dio liegt die 
äuderuiig des /.cd vaQiazal in xat ovaQLOrai nahe, die hss. 
des Capitoliniis ergeben Van'stae Pal, f. edd. vett. ante Basil., 
f^ar/'slf g, Tkavistae Reg. apud Casaub,, und bei Ptolemaeus 
2, 11 , 23 liest man vno de. xa [^ovdiqTa] oq7] Oia.QiOTOr 
elra rj Faßgi^ra v?^rj, wo die Variante NovaqiGzoi, die Wil- 
berg aus drei hss. anführt, von keinem gewichte ist. auch 
Aethicus fand in seiner quelle wohl Quadi Varisti^ woraus 
Quach'uastos wurde ^ früher jjat er Qiiados f^accaeos Var- 
daeos Fn'siones verbunden. gegen NaHsti oder Narisci 
entscheidet endlich die leichtigkeit der auslegung von Faristi 
oder Vnristac. während sich für Naristi keine auslegung 
findet, erkennt man Varisii sogleich als eine superlativische 
bildung vom goth. vars behutsam (ahd. gawor providus, vi- 
gilans), womit varjan defendere und wahrscheinlich warnun 
prospicere instruere, zusammenhängt und das in dem namen 
jedesfalls in kriegerischer bedeutung aufgefalst werden nuifs. 
hiezu kommt noch folgendes, die Burgunder, ehe sie den 
Rhein überschritten, safsen bekanntlich am oberen 3Iain. es 
können also leicht die Überreste der \ aristen ihnen von hier 
nach Gallien gefolgt sein, und die Vermutung von Zeufs 
s. 585 , dafs eben dies die am Jura wohnenden fFarasci 
seien, hat viele Wahrscheinlichkeit, zumal wegen der allen 
nachrichl in Egilberts vila s. Ermenfredi (Roll. Sept. 7, 117), 
fFaresci oli/n de pngo qui dicitiir Stadevanga (d.i. ufere- 
bene), qui Situs est circa Regnuin (Regen? andere lesart 
Rhenu/n) ßumcfi partibus oi'ientis, fuerant eiecti et contra 
Burgitndiones ■pugnam inicrunt, sed a primo certaini/ie 
terga veHentes dehinc advcnervnt atque in jntgnajii re- 
vcrsi victores quoquc effccti in eodein pago JVarescoruin 
cunsedcritnt. der name mufs offenbar ebenso gedeutet wer- 
den wie Varisti oder Varistae, nur dal's die ableitung ge- 
wechselt hat. 

2. LATRi.NGF.s. die hss. Pal. fg. Med. haben hier Lu- 
cringes. Immanuel Rekker führt zu Dio 71, 13 die alte les- 
art an , läfst aber das hier bei Dio überlieferte Jäyv.qiyoi 
unangetastet, allein Petrus Palricius schrieb den Dio in der 
geschichtc des Marcomannenkrieges aus, wie die vergleichung 
eines excerptes s. 124 Bonn, mit Dio 71, II crgiebt. s.» 



ZWEI STKLLElN DER SCRIPT. HIST. AÜGLISTAE. 133 

darf auch das iiäclistfolgende CAcerpl auf Dio zuriickgeführl 
werden , wo es lieifst otl rjld^ov y.al ^ortyyoi '/.cd yia- 
xoiyyol elg ßo^d-eiav tov 31dQzov. diese von Zeufs s. 462 
natürlich schon angeführte stelle ist von Bekker, wie von 
andern, übersehen, ist auch die erklärung , ja selbst die 
grammalische auflösung des namens zweifelhaft , so leidet es 
doch kein bedenken jetzt bei Dio yiaxQiyyol in Überein- 
stimmung mit Capilolinus und seinem epitoniator herzustellen 
statt des herkömmlichen /läy/.Qiyoi. 

3. vicTOVALi. wo die aufzählung der zweiten völker- 
reihe bei Capitolinus beginnt, ergeben die hss. cum VictuaUa 
Pal. fg. , cum flcltiali Med. , co/ivictiinles libb. Casaub. 
et Aid. , und aufserdem nur" noch der schlechte Regius bei 
Casaubonus Sicrobotes. offenbar steckt in Sosibes Sicobotes 
ein arges Verderbnis, und es hilft nicht viel dafs Zeufs s. 436 
aus den Sicobotes nach Trebellius Pollio Claud. c. 6 Sigi- 
pedcs macht: was sind denn Sosibes? das Verderbnis mufs 
tiefer liegen, was aber zunächst die Victovali oder richtiger 
Victuali Vicivali betrifft, so wird diese Schreibung des na- 
mens auch c. 14 bei Capilolinus handschriftlich bestätigt, 
bei Ammianus war l^iclobali die gemeine lesart, bis \ ale- 
sius angeblich im cod. llegius, Colberlinus und Toiosanus 
Victolinli fand, was aber entweder von ihm selbst oder vor 
ihm von Schreibern sicherlich nur verlesen ist für Victobalii 
denn Ammianus, ein Antiochener von gehurt, hat beinahe 
regelmäfsig in fremden namen griechische laulbezeichnung, so 
auch z. b. , wie hier, J'ilhigabius statt Vidugavins , wie 
wohl ein aufmerksamer und genauerer Römer geschrieben 
haben würde; ferner BUhvridtts, Fartiohiiis? bei Eulropius 
slimmcn die hss. mit Capitolinus in Victuali Victola (Paca- 
riius Biy.%6aloi) iiberein; die Variante Victophali verdankt 
allein dem vorhergehenden Taiphnli ihr dasein, nach allem 
diesem schlägt eine erklärung des namens die , wie die 
Grimms (gesch. der d. spr. s. 715) von der lesart Victolinli 
ausgeht, nolhweudig fehl, der name setzt wohl ein verlore- 
nes subst. (golh. i-aihlc? sacrilicium?) voraus, auf das eben- 
falls der name des mythischen angelsächsischen horos J'ihla 
(lat. Vectü, s. Grimms myth. le ausg. anhang) zurückgeht. 
— schwieriger als die festslelluni!; dieses namens scheint die 



134 ZWEI STELLEN DER SCRIPT. HIST. AUGüSTAE. 

herslellung der anderen, allein in den angeführten lesarten 
{cum J^ictuali , co7ivictiiales) scliimmert vielleicht noch die 
ehemalige scriptura continua durch, unbedenklich darf man 
die namen wieder zusammen rücken, 

cumvictualisosibessicobotes , 
und sie nun von neuem ablheilen. so ergeben sich nächst 
den Victualen erstens die aus dem Tacitus Germ. c. 29. 43 
wohlbekannten, sonst aber nirgend erwähnten Osi, deren läge 
im rücken der Quaden durch die erwähnten eisengruben, 
deren auch Ptolemaeus 2, 11, 26 gedenkt, an den vordem 
oder kleinen Karpaten mit vollkommener Sicherheit bestimmt 
wird, zweitens nach den Osi die Bessi , ohne zweifei die 
Bieooot TTCiQo. tov KaQTrarr^v 'i)Qog, die Ptolemaeus 3, 5, 20 
mit andern slavischen oder dakischen Völkerschaften südlich 
von den Weichsclquellen nennt, danach bleiben denn nun 
auch drittens die Cobotes nicht mehr zweifelhaft: es sind 
die eben vor den Biessen von Ptolemaeus genannten ^aßcoy.oi- 
oder JSaß6/.oi. dies wird die richtigere , echte form des 
n?.nens sein, und man darf Cobotes in Saboccs ändern, die 
zweite reihe der von Capitolinus erwähnten Völkerschaften 
umfafst die Völker die mit den \'iclualen (Astingen, Van- 
dalen bei Dio) in Oberungarn an der spitze gegen das rö- 
mische Dacien und die unlere Donau vordrangen, von denen 
die Costobokcn, bei Capilolinus zuletzt genannt, sogar bis 
nach Griechenland streiften (Pausanias 9, 34), während die 
w'estlicheren vÖlker unter anführung der Marcomannen sich 
auf Pannonien Noricum und Rätien warfen und selbst Italien 
erreichten. die abwcichung in der flexion des namens, 
2c(ß6/.ot bei Ptolemaeus und Saboces bei Capitolinus, darf 
nicht irren, da auch Lacr/z/g-cs und ylay.qiyyoi , Triboces 
bei Caesar und Triboci bei anderen alternieren. 

vVuf ähnliche weise wird nun auch eine andei'e historisch 
nicht weniger wichtige stelle bei Trebcilius Pollio im (^^lau- 
dius c. 6, die über die iheilnelimer an den furchtbaren so- 
genaiiutcn sc\ lliisclKMi kriegen des di'ittcn jalHliunderls bei- 
nahe allein ausliilirlichere auskunfl giebt, zu berichtigen sein, 
sie lautet in uiisern \\\\?i'^i\\)Gn Scythaj'um cUversi populi, 
Peiicini , Tndtni^i , Austroi^'othi , l^irtingi.i , Sigf'prdes, 
Ccltae cliam et Heruli praedae cupiditate in liomanum solum 



ZWEI STELLEN DER SCRIPT. HIST. AUGUSTAE. 135 

et rem piiblicam venevunt , wofür lir prof. Bernhardy mir 
folgende Varianten mitgetlieilt hat , Peuci Trutungi (penci- 
triilungi f mit geringeren Vatic. Truluugi om. Ald.) Au- 
storgoti {Austrogoii eliani Basil. Ostrogotihac Ald.) f^ir- 
tingui (vertingui alii) Sigypedes (vel Sigipedcs ; Gopidae 
Ald.) Pal. Vaticani et Med. Eruli Pal. g. Med. da diese 
Völker unter dem allen namen Scythen zusammengefafst wer- 
den, so entsteht sogleich die Vermutung dafs Trcbellius hier 
aus einer griechischen quelle geschöpft habe, ohne zweifei 
aus dem Dexippus, dem gleichzeitigen geschichtschrciber des 
scythischen krieges, den Trebellius auch sonst anführt, Claud. 
12, vergl. Gordian. 2. Gallien. 23. Trig. tyr. 32. denn der 
name war in dieser neuen anwendung nur bei den Griechen 
gebräuchlich, so auch namentlich bei Priscus, der Hünen und 
Golhen darunter begreift, das in den hss. statt des gewöhn- 
lichen Peucinl überlieferte Peuci wird nicht anzutasten sein, 
da auch die Baslernen bei Zosimus 1, 42, an einer stelle 
wo Dexippus quelle sein wird , TIsv/xa heifsen. die ausge- 
sprochene Vermutung wird endlich bestätigt durch den zwei- 
ten namen Truiungi , was offenbar verlesen ist fiir Fqov- 
rovyyoi oder rQOtd^iyyoi. bei Claudianus ad Eutrop. 2, 153 
liest man Ostrogothis colitur mislisque Grutungis {Gvu- 
thuiigis Grolhunnis Grolunnu Gri/tiinnis) Phryx nger. 
Dexijtpus schrieb aller Wahrscheinlichkeit \n\c\\ VQOvd^iyyoi. 
dies linden wir wenigstens in einem namenlosen fragmenle 
aus der geschichle des scythischen kiieges bei Siiidas unter 
^x/^ifjag, y.al o/jr^ipctf^iiviov riicuv rrqoöooiav of^ioyXojöOcov 
roig ^yiv&aig rolg /.aXovf.ievoig rQOv^lyyoig, und Suidas 
beiiulzle sonst den Dexippus, Exe. ]Jonn. s. 34 ff. auch die 
Jl()(')!hyy()i bei Zosimus 4, 38 sind auf FQÖlhyyOi zurück- 
zuführen , und dies spricht für die gebräuchliclikeit dieser 
form des namens bei den Griechen überhaupt, die richtigere, 
getreuere auffafsung der deutschen laule hat ohne zweifel 
Ammianus in Greuthungi, wo nur die aspirala so falsch ist 
wie in Golhi, und bei Flavius V obiscus im Probus c. 15 ist 
aus dem Gruuthiuigi des Pal. bei Grulcr statt des Gauluimi 
der vulgata Greuthungi oder Grcutmigi herzustellen, nun 
aber sind die Greutunge des Ammian die später wohlbekann- 
ten Ostgolhen, die bei Trebellius als Anstorguli , bei Clau- 



136 ZWEI STELLEN ÖER SCRIPT. IIIST. AUGUSTAE. 

dianus als Ostrogothi neben den Greutungen stellen, es sind 
die beiden ersten stellen wo dieser nanie vorkommt , und 
wenn Trebellius aus Dexippus geschöpft hat , so ist sein 
Zeugnis nur noch merkwürdiger, denn wenn Jordanes c. 14 
behauptet dal's die tJotlien bei ihrer niederlafsung in den 
gegenden an der Donau und dem Ponius sich in Vesegothae 
und Ostrogofhae geschieden hätten, so ist das allein für sich 
von keinem gewicht, da die namen vor dem eindringen der 
Golhen in das römische reich hier wenigstens nicht gebräuch- 
lich sind, allein aus dem namen des bei ihm als ein zeit- 
genofse des Decius erwähnten königs Oslrogota , mögen 
die nachrichten über diesen immerhin von Ablavius aus der 
gothischen volkssage geschöpft und von Cassiodor oder Jor- 
nandes mit andern römischer oder griechischer historiker 
verknüpft sein , hat man mit recht schon auf das alter des 
volksnamens gcschlofsen, und der epischen sage ist so viel 
glauben zu schenken , dafs Ostrogota eine historische person 
und seine herschaft über die Greutungen oder Oslgothen 
gleichzeitig war der ankunft der Gepiden unter Fastida. diese 
aber fällt nach dem historischen zusammenhange (die erste 
erwähnung der Gepiden geschieht in unserer stelle des Tre- 
bellius Pollio) , wie an einem andern orte gezeigt werden 
soll, in den anfang des grofsen scythischen krieges , woraus 
folgt dafs , wenn der könig Ostrogota den volksnamen schon 
voraussetzt, dieser bei Dexippus sehr wohl vorkommen konnte, 
das Austorgoli bei Trebellius für ein späteres glossem zu er- 
klären ist schon wegen der Übereinstimmung mit Claudianus 
unzuläfsig , aber beinahe noch mehr deswegen weil der 
Schreibung Aiistor die allere aussjjrache, nach der noch Ul- 
fiias seine Orthographie bildete, zum gründe liegt, während 
das später allein übliche Osiro der jüngeren ausspräche des 
diphthongs an folgt, die in deutlichen spuren aucii in unsern 
gdtliischcn hss. erkennbar ist. darauf aber, dafs nach der 
Zusammenstellung bei Trebellius , wie bei Claudianus , Ost- 
gothcn und (jJreutuiigen verschiedene völkerscliaflen zu sein 
scheinen , ist kein gewicht zu legen, waren beide namen 
gleichalt und bestanden sie neben einander, so konnte der 
geschichtsclirciber und noch leichter ein dichter verschiedene 
hcerliaufcn und ablheiluii^rcn desselben volkcs für verschiedene 



ZWEI STELLEN DER SCRIPT. BIST. ALGUSTAE. 137 

Völker ausgeben und nach den nanien unterscheiden ; daraus, 
dals Oslgolhen zuerst in V erbindunji^ mit Greutunj^en erwähnt 
werden, ist viehuehr auf ihre Zusammengehörigkeit, nicht 
auf ihre Verschiedenheit zu schliefsen, je leichter hier der 
irrlhum war. nun aber steckt in dem vierten namen l^ir- 
tingui J^ertingui ohne zweifol der andere name der West- 
gothen, Tcrvingi. ich zweifle auch nicht dafs dies terui/igi 
in uirtingui ucrtingui erst durch abschreiber in der minuskel 
verderbt ist, und ich würde nicht anstehen Tervingi in den 
lext zu setzen, auf fallt nur das -ui der endung; aber auch 
der folgende fünfte name Sigipedes hat eine silbe zuviel, 
denn nachdem die monströsen Sicobotcs bei Capilolinus ge- 
bannt sind, bleibt für Sigipedes auch nicht der schein eines 
Zeugnisses, man hat sich gewöhnt Sigajtibri durch Sig- 
gniitbri , was für Sigiigainhri stehen soll, oder durch eine 
contraclion, wie sie erst im nihd. vorkommt, zu erklären 
und pllegt als analogon dies Sigipedes anzusehen, das eigent- 
lich Sigiigipedes sein sollte, Zeufs s. 436. Grimm, gesch. der 
d. spr. s. 403. aber diese erklärungen sind unbedingt zu 
verwerfen, weil sie sich auf corruptelen stützen die so früh 
grammatisch unmöglicli sind und ebenso wenig den llömern 
oder Griechen als den Germanen schuld gegeben werden kön- 
nen, da auch nicht eine einzige analogie dazu ein recht giebt. 
daraus folgt dafs wir aus der scriplura continua i/erti/igui 
sigipedes die drei namen T'ervingi f^isi Sigipedes herstellen 
dürfen, so ergiebt sich auch der zweite name der Tervinge, 
die verkürzte form des spälei' gebräuchlichen f^isi- oder 
t^esegollii, eine form, die bei Ai)ollinaris Sidonius dreimal, 
an stellen , die bisher für die ältesten Zeugnisse für den na- 
men galten, vorkommt, Zeufs s. 408. die sache ist hier 
also genau dieselbe, wie bei Grtiti/ngi AustorgoU. allein 
mit dieser befserung ist die ganze Verderbnis der stelle noch 
nicht gehoben, nur der letzte name, Henili oder Eri/li, 
steht fest, aber unglaublich ist dafs Trebellius Gellen bei 
Dexippus sollte erwähnt gefunden haben, mag dieser immer- 
hin ein rhetor hcifsen und falsche gelehrsamkeit lieben , wie 
unter anderm seine alberne griechische etymologie von Ifcru- 
lus beweist, mag er imincrhin den complex der golhischen 
dakischen sarmatischen und vielleicht slavischen Völkerschaften 



138 ÜBER DIE ZEIT EINIGER GEDICHTE 

über der Donau und am Pontus mit längst veraltetem namen 
Scylhen nennen , so darf man darum noch nicht ihm eine 
lüge zutrauen oder glauben dafs er, der sich sonst durch 
unmittelbare thälige theilnahme an den ereignissen , so viel 
wir sehen, sehr wohl unterrichtet beweist, hier auf gut glück 
irgend ein barbarenvolk Gelten gelauft habe, auch von Tre- 
bellius rührt schwerlich der namc her ; das bedeutungslose 
clutin hinter Celtae gehört wohl ursprünglich dazu, aber 
die entscheidung fällt schwer, von deutschen, gothischen 
Völkern kommen zunächst die Taifali und aufserdem die 
J^ictuali, Kandali mit dem allgemeinen namen , den Dexip- 
pus (Jord. c. 22) erwähnte, in betracht; von dakischen oder 
celtischen die Carpi {Kaqniavoi Ptol.) oder Daci Petropo- 
riaiii der Tab. Prut., die möglicherweise auch Goiae Utriani 
genannt werden konnten, wenn aber die hss. zur auflösung 
des reltaectiam nichts beitragen, so wird diesmal alles rathen 
umsonst sein. K. MÜLLENHOFF. 



ÜBER DIE ZEIT EINIGER GEDICHTE WAL- 
THERS VON DER VOGELWEIDE. 

Von Lachmann, dem hierin W. Wackernagel in seinen 
anmerkungen zu Simrocks Übersetzung ii, 13G folgt, wird 
das gedieht Wallhers Ich sach mit minen ougen manne und 
wibe taugen (Lachm. s. 9) aus geschichtlichen gründen ins 
jähr 1203 gesetzt, gewiss mit unrecht, er stützt seinen 
beweis hauplsächlich auf die worte si hierien die si wol- 
len und 7iiht den si sollen, dö störte man diu goteshus — 
und führt zu ihrer erläuterung eine stelle des Caesarius von 
Ilcislerbacli dial. mirac. ii , 9 an , wonach bischof Liulpold 
von Worms, der eifrige anhänger könig Philipps, weder 
kirchen noch kirclihöfe geschont, ja auf seinem feldzuge nach 
Italien den papsl selbst excommuniciert habe, dafs dieser 
l'eldzug nicht, wie Lachmann vermutet, 'mönchsgeschwälz' 
ist, hat iJöhmer in seinen i-egeslen des kaiserreichs 1198 
— 1254 s. 310 gezeigt, dessen beweisslcllen ich noch Chron. 
vetus ex libris Penth. bei Alencken Script, i, 33 und Innoc. 
Epp. vii, 228. Brequigny ii, 646 hinzufüge, nicht minder 



WALTHERS VON DER VOGELWEIDE. 139 

unrichtig ist es nun , wenn Lachniann weiter die stelle des 
Caesarius in Verbindung bringt mit einer des Arnold von Lü- 
beck V, 5 , die von dem thüringischen krieg im jähr 1203 
redet, wo von den Böhmen 350 kirchen zerstört worden 
seien, denn einmal standen die Böhmen damals nicht auf 
Philipps Seite, sondern gerade dem bischof Liutpold gegen- 
über; sodann, war es denn im jähr 1203 allein dais die 
kirchen so mitgenommen wurden? mit nichlen; es geschah 
vielmehr während des ganzen krieges : und bleiben wir bei 
den Böhmen stehen, die es allerdings am ärgsten trieben, so 
giebt uns die Reinhardsbrunner chronik (Mspt. l'ol. 331'") 
schon bei dem feldzug des Jahres 1198 folgende nachricht 
von ihnen, qui {Odackarns diuv) cum iunumera Bohemo- 
rum multitudine et fortibus avxUlariis in parlem Philippi 
üoncurrit el supcris Austritte (das obere Ostfranken) ter- 
minos depopulans ubicumque castrametatus est, ibi virgi- 
num deßoralio , mntrimonii separatio , sanctimonialiiwi et 
viduarum nefanda ab eis corrt/ptio perpetrata est. deniquc 
civitates dejlagrariint, eunniitatibiis ecclesiarum et monaste- 
riorum minime parcenles sacra profaiiis miscuerunt u. s. w. 
der einzige grund also, der für 1203 angeführt wird, ist 
nicht stichhaltig, passt vielmehr ebenso gut für 1198. 

Und sollte das gedieht nicht wirklich gerade in dieses 
jähr 1 198 gehören? zwei gründe scheinen dafür zu sprechen; 
ein formeller wie ein sachlicher: das gedieht, im ton der 
beiden vorhergehenden abgefafst und mit ganz gleichlauteindem 
anfang. Ich sach mit minen ovgen. Ich saz iij' eime steine 
und Ich hörte ein tvazzer diezen , läist auch auf gleiches 
alter mit diesen schliefsen, die unzweifelhaft dem jähre 1198 
angehören, sodann weist der schlufs owe der habest ist ze 
junc auf eine möglichst frühe zeit, wo man die bedeutenden 
eigenschaften Innocenz IN. in Deutschland noch nicht er- 
kannt halte, ihn blofs nach seinem für einen papst unge- 
wöhnlichen aller beurlheille. 

Jedoch einen vollgültigen beweis liefern diese gründe 
nicht, dafs Walther für sein gedieht einen ton wählte in 
dem er einige jähre früher lieder verwandten Inhalts und 
gleicher politischen gesinnung abgefafst halte, kann nicht auf- 
fallen , ist auch nicht ohne beispiele. auch des pajjstes alter 



140 ÜBER DIE ZEIT EINIGER GEDICHTE 

sieht (1er aimalinie einer um wenige jalire jüngeren abfafsang 
nicht im wege. bedenkt man dal's Innocenz in den erslen 
Jahren seines ponlilicats dem deutschen thronstreite schein- 
bar ganz unthälig zusah , so kann es nicht befremden dafs 
leiite , die wie Walther nicht eingeweihte politiker waren, 
des papstes kralt und gröfse verkannten und ihm als nach- 
läfsigkeit und pflichtvergelsenheit auslegten, was fein berech- 
nete absieht war. 

Um indess zu einem festen ergebnis zu kommen, müfsen 
noch andere stellen des gedichls in betracht gezogen werden ; 
so zunächst die worte ze Röme horte ich liegen, zwene 
kllnoge triegPH. wer ist mit den zwei königen gemeint? 
Philipp und Otto oder Philipp und Friedrich? gehörte das 
gedieht noch in das jähr 1198 oder 1199, so wäre wohl an 
die zwei ersten zu denken: hatte doch Innocenz lange ein 
so feines spiel gespielt, dafs, wie er selber schreibt, bis zum 
friihjalir 1199 beide könige sich seiner giinst rühmen konn- 
ten und in Deutschland laut die rede gieng , nicht auf die 
Wohlfahrt des reiches, sondern auf seine ernicdrigung und 
Zerrüttung habe er es abgesehen (Epp. ii, 293. Baluze i, 534). 
und das lange ausbleiben einer entschiedenen erklärung von 
ihm, auf dessen beifall Ottos partei von anfang an sicher 
rechnen zu dürfen glaubte, rief endlich eine solche niisslim- 
mung in ihr hervor, dafs bereits davon gesprochen wnrde, 
den Weifen fallen zu lafsen und dem römischen stuhl zum 
ärger einen dritten zu wählen (Reg. iinj). 51. Baluze i, 710). 
aber aufrallend bliebe es dann docli immer, dafs Walther so 
bald na( h kaiser Heinrichs tod dessen söhn , den erwählten 
könig I^^riediich, ganz vergefsen haben sollte, darum scheint 
es angemefseiier, unter den zwei beliogenen königen die bei- 
den Holieiistaufer zu verstehen, dann mufs man aber auch 
mit dem gedieht in eine zeit horunleriücken , wo Innocenz 
sich ber<'ils offen für Otto erklärt hatte, also ins jähr 1201. 

Und dahin weis! uns denn auch der weitere ve; lauf des 
gedichls: si hie/ie/i die si wollen und nihl den si soften. 
richtig hat Lacinnann das die si walten auf den vom cai-dinal- 
legaten (iuido am 29 juni 1201 über Philipp und seine an- 
hänger ausgesprochenen bann bezogen , unbegreiflicherweise 
luu- das den si sotten auf Innocenz selbst statt, wa.s docIi 



WALTHERS VON DER V^OGELWEIDE. lU 

so nahe liegt, auf Oüo. wenn man, um das jähr 1198 
zu halten, dagegen einwendet, dal's dies ja nicht die erste 
über Philipp ergangene excommunication , er vielmehr noch 
von Cölestin her im bann gewesen sei , und wenn man zur 
Unterstützung dessen, da ja nicht von einem, sondern von 
einer, mehrzahl von gebannten die rede ist, auf die von Inno- 
cenz excommunicierten deutschen heerfiihrer in Italien, Mark- 
ward, Diepold u. a. hinweisen könnte, — so antworte ich: 
jener, wie Innocenz beiiauptet, von seinem Vorgänger über 
Philipp verhängte bann ist geschichtlich nicht ervveisbar, ja, 
was an einem andern orte dargethan werden soll , falsch ; 
jedesfalls war er in Deutschland nicht bekannt, von einem 
so eifrigen anhänger Philipps wie Walther nicht anerkannt, 
und auch die päpstliche partei konnte sich nicht auf ilin be- 
rufen , seitdem der vom papst geschickte bischof von Sutri 
den Philipp im märz oder april 1198 von dem behaupteten 
banne gelöst hatte, in so frühe zeit das gedieht zu setzen, 
kann aber niemand iu den sinn kommen. 

Aufs aller bestimmteste jedoch wird dem gedirht seine 
zeit angewiesen durch das, was den dienen vorangeht: die 
pfdjfen striten sere : dock wart der feien mere. diu swcrt 
diu leiten si dernider, und griffen zuo der stufe wider. 
Walther unterscheidet von der kölnisch-päpstliclien partei 
Ottos, den pfalfen , die staufische als die laien. diese letz- 
tere gewann seit dem tod könig Richards von England 
(6 april 1199), der seines neffen hauptstütze gewesen war, 
immer entschiedener die oberhand, so dafs Ottos völliges 
unterliegen nahe und unvermeidlich schien : da griff die päpst- 
liche partei, sagt VV^alther, von den weltlichen walTen, mit 
denen sie nichts mehr ausrichtete, zu den geistlichen, zu dem 
bannlluch. er giebl uns also eine kurze Übersicht des bis- 
herigen Verlaufs des krieges, wie durch das ungerechte falsche 
thiin des römischen Stuhls der bürgeikrieg entzündet und zu 
der verderblichen höhe gesteigert worden sei, dafs die gotles- 
häuser zerstöi-t und leib und seele getödlet wurden, das ge- 
dieht ist demnach iu die zeit bald oder unmittelbar nach dem 
bann Philipps, in den sommer 1201 zu setzen. " 

Kürzerer ausführung bedarf es , um einem andern ge- 
dieht seine zeit anzuweisen, die Jjachmann ganz unbestimmt 



142 ÜBER DIE ZEIT EINIGER GEDICHTE 

gelafsen , Wackernagel um zwanzig jähre zu spät angesetzt 
hat. ich meine das gedieht: JVu wachet! uns get zuo der 
tac Lachmann s. 21. Simrock ii , 91. Walther verkündigt 
das nahen des jüngsten tages: tuir hart der ze/'c/ten vi! 
gesehen, dar an wir sine kunft lool spehen, als iins diu 
Schrift mit wdrheit hat bescheiden. diu sunnc hat ir 
schi?i verlieret, untriuive ir säinen uz gereret u. s. w. 
Wackernagel bringt das gedieht in Verbindung mit dem Owe 
es kumt ein wint, das wizzent sicher/iche (hachm. s. 13), 
das Lachmann treffend auf den grofsen stürm im dec. 1227 
deutet, von dem Gottfried von Köln berichtet, wozu dann noch 
Wackernagel die stelle der Garster annalen zu dem j. 1225 
beibringt: hoc anno ventus validus venit , qui arbores mul- 
tas de terra evulsit et inultas do/nos deiecit , Pertz SS. 
IX, 596. indess von dem ende der weit ist in diesem und 
den drei andern gleichfalls mit Owe beginnenden und in dem- 
selben ton abgefafslen gedichlen ebenso wenig die rede, als 
in dem unsrigen von dem starken winde, dagegen passen 
die von Walther angeführten zeichen aufs beste für Philipps 
zeit und, um es gleich genauer zu sagen, für das jähr 1207. 

Als die eine art von Vorzeichen werden naturerschei- 
niingen , insbesondere eine sonnenfinsternifs angeführt nach 
offenbar. Job. 6, 12 die sonne ward schwarz wie ein hä- 
rener sack und der mond ward wie blut, vergl. 8, 12 es 
ward geschlagen das dritte theil der sonne — dafs ihr drittes 
theil verlinstert ward. Luc. 21 , 25 es werden zeichen ge- 
sehehen an sonne und mond und Sternen, damit halte man 
nun zusammen, was aus dem jähr 1207 von zeichen am him- 
mel berichtet wird : signum apparet in coelo, ita quod duo 
circuli concalenali visi sunt et in medio quaedam Stella 
claritate fulgens , quae niullum non distabat a s-ole Annal. 
Caesenat, bei Muratori SS. Ital. xiv, 1093. vielleicht, 
dafs auch der komct, dessen erscheinen die chronik von 
Weihcnslephan (Pez SS. Austr. ii , 403) erzählt, noch ins 
jähr 1207 gehört. 

Weit festere anhaltspunkte bietet uns aber Caesariiis von 
Heisterbach, wir lesen bei ihm (dial. mirac. x, 23) von 
einem grofsen zeichen, das am 30 Januar 1207 (scrlo cr- 
giebt sich aus dem folgenden als ein blofses versehen) während 



WALTHEKS VON DEIl VOGELWEIDE. 143 

des Fraiikrurler reichsfags an der sonne erschien : in tres 
siquideni partes divisus est, ita ut intervalla esscttt inter 
partein et partem ad instar bjlii tres ßores hahcntis. quod 
ubi notari coepit, viulti concurrerunt super tanto miraciiln 
disputantes. Hernianmis vero lanlgravius interpretatiis est, 
quod nnus de principibus imperii eodem nnno moriturus 
esset: nee erat idonea eius interpretatio. noch Ireflenrler 
ist, was Caesarius gleich im folgenden capitel erzählt: mense 
sequenti, scilicet pridie kalendas Martii, aliud signum ap- 
paruit in sole , non dico miraculosum, quia naturale, sed 
magnae rei prenosticum. facta siquideni est ecbjpsis solis 
tarn magna tempore meridiano , ut vix aliquid splendoris 
superesset, mulli videntes extimuerunt , dicentes aliquid 
magni fore futurum .... videtur viiiii defcctus ille so- 
laris presignasse mortem Philippi, qui sequenti anno occi- 
sus est et defecit .... /// luna vero sigfia no7i defue- 
runt quae eclypsis magnas solito crebrius passn est. 

Auch darin stimmt Caesarius zu unserem gedichte, dafs er 
diese zeichen mit der schrift, mit Luc. 21, 26, und mit der 
herschenden untreue jener zeit in Verbindung bringt : in pre- 
dicto enini schistnate 7ion solum principes seeulares, sed et 
spirituales moti sunt , quia tvni propter pecuniam , tum 
propter amorem sioe timorem instabiles facti, nunc uni, 
nunc altert iuraverunt . nam ipse princeps ejriscoporum, 
scilicet papa Innocenlius u. s. w. dazu halle man nun die 
die vcrse Wallbers diu su?me hat ir schin verlieret, un- 
triuwe ir samen uz gereret allenthalben zuo den wegen : 
der vater bi dem kinde untriuwe vindet, der bruoder sineni 
bruodcr liuget (vergl. Marc. 13, 12): geistlich leben in 
kappen triuget, die uns ze himel sollen stegen : gewalt get 
üfy reht vor gerihte swindet. diese bitteren klagen wären 
für die jähre 1225 oder 1227 nicht im geringsten gerecht- 
fertigt: erst im jähre 1229, also nach Waithers zeit, begann 
in Deutschland wieder innerer zwist in folge von Gregors IX. 
leidenschaftlichen niafsregcln ; bis dahin aber genol's das reich 
eines lange entbehrten und lange nicht mehr wiederkehren- 
den friedens , der dem könig Heinrich ein gutes andenken 
gesichert hat : der junge kii/iic Heinrich rihte raste unibe 
sich, siniu tiutschen riche stuonden gar vrideliche kaiser- 



144 ÜBER DIE ZEIT EINIGER GED. W. V. D. VOGELWEIDE. 

chronik v. 17915 fg. hingegen passt VVallhers Schilderung 
ganz und gar für die zeit der biirgerkriege , deren entsitt- 
lichende Wirkung man im jähr 1207 im vollen mafse gespürt 
hatte und noch spürte. 

Noch ein drittes gedieht mag hier besprochen werden, 
das Kihic Constantin der gap so vil (Lachmann s. 25. 
Simrock ii , 27). es enthält die dem engel in den mund 
gelegte klage über Konstantins Schenkung an den römischen 
stuhl, worauf dann Wallher fortfährt: alle f'drslen lebent 
nit mit eren, wem der hoshste ist geswachet : daz hat der 
pfaffen wal geinachet. Lach'mann setzt das gedieht ins 
jähr 1198; Simrock und Wackernagel schwanken zwischen 
1201 und 1212—15 (übersetz, ii , 27. 116. 144). ich bin 
der meinung dafs es in diese letzte zeit gehört, wo Walther 
noch auf seilen kaiser Ottos gegen Friedrich II. steht und 
in jener reihe krarivoiler sprüche seinem sittlichen und pa- 
patriotischen Unwillen über die päpstlichen anmalsungen 
luft macht. 

Obwohl es der erzbischof Adolf von Köln vornehmlich 
war, der Ottos erwäliliing bewirkte und dafür des papstes 
vollen beifall erntete, so kann man sie doch nicht eine pfaffen- 
w%Uil nennen, denn England, Brabant, Flandern waren kaum 
minder rülirig dabei , und während unter Ottos anhängern 
sich anfangs nur fünf bischöfe befanden, halte Philipp die 
ganze übrige geistlichkeit für sich und die biscliöfe von 
Magdeburg und Konstanz waren die hauptlorderer seiner 
wähl. dagegen ward ja Friederich bei seinem ersten auf- 
treten rex preshytrroriun , pfaffenkönig von seinen gegnern 
genannt (Ilich. de S. Germ.). 

Aufserdem aber weist das gedieht mit seinen starken 
angrilfen auf die wellliche lierschaft des papsllhums unver- 
kcunbar auf die zeit wo Innocenz III. auf der höiie seiner 
macht stand , wo Fnglaud römisches lehen geworden war 
und mit Deutschland nicht anders geschaltet wuide als wäre 
es auch bereits eines, etwa ins jähr 1213 oder 1214. 

BONN. Dr. OTTO ABFL. 



ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 145 



ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 

C. Fauriel (Histoire de la poesie proven^ale t. i, s. 269 ff.) 
hat es versucht nachzuweisen dafs der verfafser des Waltha- 
rius dem miltäj^lichen Frankreich angehörte , an den ulern 
der Loire, also an der gränze zwischen dem fränkisclien 
Gallien und Aquilanien das gedieht verfal'ste, dessen näheres 
Verständnis uns erst durch J. Grimm eröffnet worden ist. 
Fauriel kannte entweder dies buch nicht oder hat es absicht- 
lich unberücksichtigt gelafsen. rührend und erfreulich zu- 
gleich ist seine Vorliebe für die dichlung, die ihm erwünschte 
gelegenheit bot die Franzosen mit dem gesammtinhalt der 
Nibelungensage bekannt zu machen ; allein wir können sei- 
nem wünsch nicht willfahren aus dem reichen schätz unserer 
literatur ihm und seinem vaterlande ein werk abzulafsen, 
welches wir mit vollem recht als unser eigenthum betrach- 
ten müfsen. 

Wie J. Grimm (Lat. gcd. des lOn und lln jh. s. 78 ff.) 
so giebt auch Fauriel (s. 351 ff.) eine ausführliche inhalts- 
anzeige des Waltharius ; der erstere ist jedoch genauer, hält 
sich lediglich an das gedieht und findet nur das darin was 
eben darin steht. Fauriel dagegen bringt hin und wieder Zu- 
sätze hinein oder erklärt einzelne verse ganz unrichtig, 
z. b. V. 30 

fiUn huic tanlum fiiit tmica nomine Hiltgunt, 
7iolnlitnle (piidcin poKcns ac stewmate formae, 
c'elait un noble roi, mais il n'avait pour hcritier de sa cou- 
ronne d'aulre enfant qu'une petite fille nonimee Hildegund 
(s. 352). 

259 cim amore pati toto siim pectnre. praeslo, 
lout me sera doux pour l'amour de lui. 

268. 209 inde qualor bhnum mihi Ja c de viore coturnum, 
tanlundcmque tibi pulrans imponito ,• 
fais quatre paires de chaussurcs pour moi et aulant pour 
toimeme, que tu mcttras dans les coffrels, pour achcvci" de 
Ics remplir (s. 350). die schuhe sollten nicht dazu dienen 
die truhen voll zu machen , sondern sie waren nach der bei 

Z. F. D. A. IX. 10 



146 ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 

den Hunnen üblichen sille mit gold, edelsteinen und andern 
koslbaikcilen geschmückt (Priscus in Niebiihrs corp. Script, 
bist, byzant. i, 203) ; sonach machten die schuhe einen theil 
des Schatzes aus den Hildegund einpacken sollte. 
282 tu tarnen interea vicdiocriter uterc vino, 

atque sitim vix ad mensani restinguere cnra ; 
tu boiras a peine de vin ce qu'ii en faudra ä ta soif; niais 
tu en verseras ä tous largement (s. 356). vom schenkenamt 
der Hildgund weils unsere dichlung nichts, nach v. 278 
war Atlilas gemahlin bei dem von Walther veranstalteten 
fest zugegen; aus v. 282. 283 ersehen wir nur dafs auch 
Hildegund daran theil nimmt, und es bestätigen sich dadurch 
anderweitige berichte , wonach bei den Hunnen die frauen 
nicht nach orientalischer weise in harems eingeschlolsen ge- 
halten wurden. nach der erzählung des Priscus (a. a. o. 
s. 202 ff.) fand ein zum übermafs wiederholtes zutrinken 
bei den festgelagen der Hunnen statt; hierauf scheint Wal- 
ther hinzudeuten : Hildgund soll, wenn ihr zugetrunken wird, 
nur mäfsig bescheid thun, sich kaum den durst löschen. 

Die wechselreden zwischen Ekefrid und Wallher v. 760 
— 775 hat J. Grimm (s. 86) richtig gedeutet. Ekefrid fragt, 
da er gesehn dafs Walther drei tapfere kämpfer umgebracht 
hat ohne auch nur eine leichte wunde davon zutragen, hast 
du einen körper dem man ankommen kann {corpus tracta- 
bile) oder bist du ein luftgebild ? mir scheinst du ein tcald- 
schrat zu sein, hierauf entgegnet Walther 

celtica lingua probat te eoc üla gente creatum, 
cui natura dedit reliquas ludendo praeire. 
nahe liegt hier folgende Vermutung, der verfafser des Wal- 
Iharius hatte eine deutsche bearbeilung der Walthersage vor 
sich liegen ; iu dieser bediente sich Ekefrid zur bezeichnung 
des waldgeistes eines nicht bei allen deutschen stammen gleich 
versländlichen wortes; — man erinnere sich des sächsischen 
waldcs thi'gatkon sacra (J. Grimm myth. 46). — dies taya- 
-O-ov bczcicliiicte wesen sank in folge christlicher Vorstellungen 
zu einem trugbild, f.iuiii fantasma, herab und Ekefrid bezeich- 
nete es mit ciiicin dem ags. scinläc oder gilroc (J. Grimm 
myth. 273) cnlsi)ircliendcn aiisdruck. daher ruft VValthcr 
ihm zu ccilica lingua probat, aus deinem kanderwelsch ersehe 



ANMEKKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 147 

ich u. s. w. Fauiiel dagcjjeii lälst, wie dies auch früher 
J. Grimms ansieht war (mylh. s. 273), verleitet durch v. 760, 
wo die vormals mosheimische hs. hunc ut^VaUharius statt 
hie ubi IFallharium hat, die verse 761 — 763 den Wallher 
sprechen, denen dann die cntgegnung Ekefrids v. 765 — 770 
folgt, dadurch verwirrt sich alles, wie kommt Walther 
dazu an der körperlichkeit Ekefrids zu zweifeln, mit dem er 
bis dahin noch nicht zusammengetroffen ist, und wie kommt 
Ekefrid dazu dem Walther zu empfehlen dafs er nach voll- 
brachtem kämpf den Sachsen von seinem zusammentreffen 
mit dem schrat erzählen möge , da Wallher gar keine ver- 
anlafsung hat zu den Sachsen zu gehn , sondern auf der 
rückkehr nach Aquitanien begriffen ist. aufserdem ist es 
durch nichts motiviert dafs Ekefrid cellisch versteht, wenn 
man sich nicht durch Leo (die malberg. glosse i, s. 65) zu 
der Vermutung verleiten läfst dafs er auf einem plünderungs- 
zug mit andern Sachsen nach Irland kam und dort cellisch 
lernte. Walther ist kein Celle, sondern deutschen Stammes : 
dies beweist schon sein und seines vaters Alphere , Alphari, 
name, dies seine Verlobung mit Hildgund , der man doch die 
deutsche abslammung nicht bestreiten kann, die celtica lin- 
gua bezeichnet hier nichts anders als jede fremdartige spräche, 
und, wie bereits bemerkt, deutet sie darauf hin dafs h^kefrid 
sich für schrat eines nicht allgemein verslUndlichen ausdrucks 
bediente. 

770 'alteniptaho quidcm quid sis' Ekefrid ait^ 
mais si loins que tu sois , ce javelot va me dire cc que tu 
es (s. 368) 

774 haec tibi silvnnus transponit muncra famius. 

aspice, num inage sit lelum pe/ietrabite nostrum, 
voila ce que le bouffon d' Aquitaine envoie en echange ä 
l'csprit des bois. 

1257 quippe tut facics pairis obliriscior ogil, 
j'aimais ton p^re comme le micn (s. 376). 

Ich habe hier nur einige stellen hervorgehoben, wo Fau- 
riel den text des gedichlcs misverstanden oder unrichtig ge- 
deutet hat. im cap. xii (s. 381 ff.) sucht er nun nachzu- 
weisen dafs der Wallliarius provenralischen Ursprungs sei. 
wohl ist es ihm nicht unbekannt geblieben, in welchem nahen 

10* 



148 ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 

verhüHnis die Wallljersage zu der von den Nibelungen steht, 
wie in deulsolien , nordischen und slavisclien dichtungen 
sich hinweisungen auf dieselbe vorfinden : denn Fauriel hat 
W, Grimms deutsche heldensage gut zu benutzen gewust: 
aber trotzdeni hielt er den verfafser des Walthaiius für kei- 
nen Deutschen, seine gründe sind folgende. 

1. die in deulschland aufgefundenen hss. des Wallha- 
rius nennen keinen verfafser. es ist dies richtig, allein Fau- 
riel läfst unberücksichtigt was Eckehard IV. in den casus 
S. Galli (Pertz 2, 118) erzählt, dieser Eckehard heilst des- 
halb der vierte oder der jüngere, weil er in seinen Schriften 
noch andere Eckehardes erwähnt, die älter als er waren und 
weil in dem kloster St. Gallen sich vor ihm drei niönche 
desselben namens bemerkbar machten, der ältere von diesen 
dreien , Eckehard I. , war Ichrer und später auch decan da- 
selbst; auf einer reise nach Rom hatte er sich die freund- 
schaft des papsles erworben und schon bei lobzeiten des abtes 
Craloh übernahm er die regierung des klosters. er wäre 
zum abt gewählt worden, hätte er sich nicht bei einem un- 
glücklichen stürz vom pferde ein bein gebrochen, da die 
heilung nicht vollständig erfolgte, so schlug er als ein lah- 
mer mann die ihm angetragene würde aus. er starb am 
14 Januar 973. von ihm erzählt Eckehard IV. (geb. um 
980, gest. 1070: Hattemer denkmale des deutschen mittel- 
allers i, 339) in der oben angeführten stelle folgendes: 'er 
schrieb unter anleitung seines lehrers der nietrik als schüler 
und daher unbeholfen {scrrpsit et in scolis metrice magislro, 
vaci'llanter (juidoin) das leben Walthers mit der starken band, 
er war näniiich damals in seinen neigungen noch ein knabe, 
obschon er bereits nach weise der mönche lebte {qnixi in 
affrcliotie non in habilu erat piier). dies leben iiabeii wir 
auf gclieifs des erzbischofs Atribo bei unserm aiil'culhall in 
3Iainz nach \ ermögen verbcfsert. deutscher abkunlt und in 
seiner mull('rs])rache noch allzusehr belangen verfalsle er dies 
w cik : ein Deutscher kann nicht sofoit in einen Lateiner um- 
gewandelt werden (Ixirbarics eniiii et idtomala eius Teiito- 
neni adhuc atlj'''(lii/ilciii ri'jii'iitc latiniiin Jicri iioji patiuntur). 
es giebt aber solche halhgebildele lelirer, die ihren schülern 
vorzureden pflegen, ihr müst stets berücksichtigen wie man 



ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 149 

am besten vor einem Deutschen einen Vortrag zu halten hat, 
und dann übersetzt die worte in derselben folge ins lateinische.' 
Nach der regei des heil. Benedict (Holstenii cod. reg. 
nionast. Aug. Vindel. 1759, i, 132 c. 59) konnten adliche 
eitern so wie auch ärmere leute ihre minderjährigen söhne 
dem mönchsieben bestimmen, dies war mit Eckehard I. ge- 
schehn ; der knabe hatte aber, wenn er sich gleich der lebens- 
weise der mönchc bequemen muste — so verstehe ich das 
obige haö?'tus — , eine besondere Vorliebe für ritterliche aben- 
teuer: daher versuchte er die thaten AValthers unter anlei- 
lung seines lehrers der nietrik in lateinischen hexametern 
zu schildern so wird man den allerdings ungelenken bericht 
Eckehards IV. versieben müfsen. dafs der knabe den inhall 
des gedichtes erfand, ist undenkbar: denn wo hätte er alle 
die anschauungen und erfahrungen hernehmen sollen , die 
dasselbe auszeichnen : er behandelte einen ihm gegebenen 
Stoff, der ihm mündlich mitgetheilt \Aorden war oder in einer 
schriftlichen, vielleicht in einer deutschen bearbeitung, vor- 
lag, dies mag zwischen 920 und 930 geschehen sein. Ecke- 
hard IV., der ein schüler des berühmten Notker war und 
von diesem im lateinischen, deutschen und griechischen, in 
der astronomie , mathematik und musik unterrichtet wurde, 
gieng auf ansuchen des erzbischofs Aribo nach Mainz , wo- 
selbst er die leitung der schule übernahm (Arx in den 
monum. germ. bist, ii, 75). er will die schülerarbeit Ecke- 
hards I., die allzusehr verrieth, dafs sie von einem Deutschen 
verfafst worden war , in ein mehr lateinisches gewand ge- 
kleidet haben, nun kann er sich aber selbst keines ausge- 
zeichneten laleins rühmen, wie dies schon ein blick in seine 
Fortsetzung der von Ilatpert begonnenen St. Caller chronik 
lehrt; vielmehr schreibt er oft confus und dunkel, so dafs es 
schwer fällt auslindig zu machen was er sagen wollte, der 
Walthaiius ist dagegen in einer weniger ungelenken abfafsung 
auf uns gekommen, was sich Eckehard \V. als verdienst 
anrechnet, mag daher zumeist nur dai'in bestanden haben, 
dafs er die scbülerarbeit mit vcrsen und redensarten , die 
er aus Virgils Aeneide , Ceorgica und Hucolica eiillchnle 
(.1. (jiimni s. 05), zum grofsen schaden und nachtlicil des 
echldculschen stofFs ausstaffierte. Virgils gcdicbte waren be- 



150 ANMERKUNGEN ZCM WALTHARIUS. 

reits im achten Jahrhundert im kloster St. Gallen bekannt 
(Arx a. a. o. ii , 66 n. 44); es ist nicht anzunehmen dal's 
Eckehard I. als knabe sich mit ihnen so genau vertraut ge- 
macht hatte , um sie in der art benutzen zu können , wie 
dies in dem uns vorliegenden Waltharius geschehen ist. 

In der Pariser und Brüsseler hs. unsers Waltharius 
findet sich ein prolog , welcher zunächst ein gebet für einen 
hohen kirchenfürsten Erkambald enthält; dieser wird sodann 
ersucht ein geschenk anzunehmen, das ein schwacher sünder 
Gerald nach umfal'sender pflege ihm zu überreichen beschlofsen 
hat; das büchlein besinge nicht die erhabenen werke gottes, 
sondern die wundersamen thaten eines ritlers Waltharius 
(J. Grimm s. 59). 

J. Grimm (s. 60 ff.) hat ermittelt dafs dieser Gerald 
ein zeilgenol'se Eckehards I. und wie dieser lehrer zu St. Gallen 
war, wo er an der klosterschule wirkte, so lange er lebte; 
er war zugleich priester und ein sehr beliebter prediger. 
auf dem bischöflichen stuhl zu Strafsburg safs von 965 — 991 
Erkambald, von dem gerühn»t wird dafs er ein freund der 
dichtkunst und gelehrsamkeit war. mit den mönchen von 
St. Gallen stand er im verkehr, die larga citra, welche 
Gerald auf seine arbeit verwandte, kann darin bestanden ha- 
ben dafs er den Waltharius Eckehards I. zierlich abschrieb : 
dann würde er aber diesen wohl als den verfafser genannt 
haben: oder dafs er bereits vor Eckehard IV^. die schülerarbeit 
Eckehards I. zu verbefsern suchte. 

Ein umstand verdient hier noch berücksichtigung. St. Gal- 
len war ein benedictinerkloster. aus dem Waltharius, wie 
er uns vorliegt, ergiebt sich dafs die beiden hauplhelden 
Walther und Hagen unter umständen sich wie Christen, ja 
sogar \\ie nach der regcl des heil. Benedict verpflichtete 
mönche äufsern und betragen, bekannt ist es dafs das ritter- 
wesen , welches sich unmerklich entwickelte und erst im 
zwölften Jahrhundert eine feste gestalt erhielt, manche an- 
sichten und einriohlungcn von den mönchsorden entlehnte, 
und es ist jedesfalls interessant zu erfahren wodurch sich 
ein deulscher kriegsheld nach der christlichen ansieht des 
zehnten Jahrhunderts auszeichnen nnisle. 

Nach cap. 5 der regel des heil. Benedict ist unverzüg' 



ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 151 

liclier gehorsam der erste grad der demut: was ein oberer 
befiehlt muls, als wäre es von got selbst geheil'sen, sofort 
ausgeführt werden. Waltharius erbielet sich (v. IGl) dem 
Hunnenkönig am späten abend, selbst mitten in der nacht 
dienstbereit zu sein. 

Cap. 7 der regel zählt 72 beförderungsmillel guter werke 
auf. als dreiundfiinfzigsles wird genannt liebe zur keusch- 
heit : als achlundfiinfzigstes, den gelüsten des fleisches nicht 
nachzugeben. Waltharius hat während seiner flucht der jung- 
fräulichen ehre seiner Hildgund nicht nachgestellt (v. 420). 

Nach cap. 4 nr 34 soll der mönch nicht übermütig 
sein , nach cap. 7 weder mit gedanken noch mit der zunge 
sündigen, alle bösen gedanken, so wie sie in seinem her- 
zen aufsteigen, alles böse, was er insgeheim gethan , dem 
able beichten, als Waltharius die fränkischen Nibelunge 
erblickt, vermifst er sich mit stolzem wort keinen Franken 
ungestraft von dannen zu lal'sen ; doch kaum hat er dies 
ausgesprochen, so fällt er auf die knie und bittet gott um 
Vergebung (v. 561). 

Nach cap. 3 soll kein mönch eigenwillig sein und sich 
gegen seinen abt aufsätzig erweisen, nach cap. 4 nr 22 sei- 
nen groll nicht äufsern , nach nr 23 die sonne nicht über 
seinem zorn untcrgehn lafsen (Ephes. 4, 26). Hagen zürnle 
dem könig Günther, 

si tamcti in domimim Ucitum. est irascier vllum 
(v. 633) , doch versöhnte er sich am abend desselben tages 
wieder mit ihm. 

Nach cap. 4 nr 66 soll der mönch nicht streit- und 
händelsüchtig sein. Hagen, obschon vom könig (jünther hart 
angelafsen, hadert nicht mit ihm, sondern entfernt sich nur 
aus seiner nähe (v. 638). auch AValtharius will den kämpf 
vermeiden ; er erbietet sich den friedlichen durchzug durch 
Günthers land mit hundert , selbst mit zweihundert arm- 
spangcn zu erkaufen (v. 613. 662); Hagens scliild will er 
mit rolhcm gold anfüllen , wenn er dadurch den gegncr vom 
kämpf abhalten kann (v. 1263). 

Nach cap. 4 nr 70 soll der mönch für seine feinde be- 
ten ; Waltharius bittet zu gott dafs die von ihm erschlage- 
nen feinde in den himmel gelangen mögen (v. 1165). 



152 ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 

Aus dieser Zusammenstellung, die allerdings manches 
bedenken hat, soll nicht gefolgert werden dafs der oder die 
verfafser des Waltiiarius mit bestimmter absieht den ritter- 
lichen laien mönchische gesinnuiig und art andichteten: denn 
die meisten der angeführten stellen lafsen sich eben so gut 
vom allgemein christlichen , ja selbst vom rein menschlichen 
standpunct aus rechtfertigen, bringt man sie jedoch mit der 
ascetischen betrachtung (v. 857 ff.) in Verbindung, die den 
ruhigen , epischen gang des gedichles auf eine ungehörige 
weise unterbricht, so dürfte wenigstens so viel feststehen, 
dafs die V\ althersage , wie sie uns im Waltharius entgegen- 
tritt, manche zöge in sich aufnehmen muste die ihr ur- 
sprünglich nicht angehörten, ja nicht angehören durften. 

Dafs der prolog der Brüsseler hs. des Waltharius den 
Geraldus als verfafser nennt, dafs dieser Geraldus in der 
Pariser hs. von einer spätem band bezeichnet wird »S. Ge- 
rauld moine, de Fleuri, comme il sejnble, hat Fauriel ver- 
leitet (s. 398) die heimat unsers gedichts nach dem kloster 
Fleury an der Loire zu verlegen, die geschichte von Fleury 
kennt einen solchen Geraldus nicht, der pontifex summus 
Erkambald des prologs ist nach Fauriel zwar der bereits 
oben erwähnte Strafsburger prälat : wie dieser aber mit dem 
mönch von Fleury in Verbindung kam, das hat er nicht unter- 
sucht (s. 400) ; auch sind ihm die von J. Grimm (s. 60) 
verzeichneten bischöfe, welche den nameu Erckenbald führen, 
unbekannt geblieben. 

2. Fauriel spricht (s. 398) von den barbarischen Wör- 
tern die sich in dem text des Waltharius vorfinden; es 
sollen ihrer etwa zwölf sein, zwei deutschen Ursprungs, die 
dans Ics langi/es neo-lntins egalement vorkommen , zwei 
ccitischcn Stammes , während die übrigen unbekannten Ur- 
sprungs sind, nähere Untersuchungen sind nicht angestellt. 
J. Grimm (s. 70 — 72) liefert ein Verzeichnis dci- ungewöhn- 
lichen oder in besonderer bedcutung gebrauchten Wörter, 
dem ich nichts hinzuzufügen habe, die behauplung Fauriels, 
dais die rc(le^^■eise im Wallliariiis dem geist der romanischen 
spräche angemcfsen, aus ihm entsprungen sei (s. 398), wird 
durch J. Grimm (s. 68) auf das schlagendste widerlegt. 
Eckehard IV^ hat nicht unrecht, wenn er von der harhnries. 



ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 153 

von den idioviata des verfafsers, Teiilonem adhiic njfeclantvm, 
spricht, damna tuli (v. 658) brachte ich schaden ? Ia7icea pul- 
mone resedit die lanze safs in der lunge, pahnam de pugna 
revocare (619) die band vom streit abziehen, Hunos hie ha- 
bemus (543) hier haben wir die Hunnen, verum vctle mcinn 
(257) das ist mein wahrer willc, fames insotiatus (857) statt 
insaliala, solche und eine nicht geringe anzahl anderer stel- 
len deuten klar darauf hin dafs der verfal'ser des Waltharius 
kein Romane, sondern ein Deutscher war. 

3. einer geschichtlichen grundlage entbehrt die Walther- 
sage nicht: sie schliefst sich den erschütterungen an welche 
die germanische weit durch Attilas heerztige erlitt; und wenn 
gleich der vielgefiirchtete Hunnenkönig nicht im stände war 
sein grofses reich so zu gestalten dafs es unter seinen nach- 
folgern hätte zusammengehalten werden können , da der 
Deutsche zumal nimmer auf die dauer den Slaven und ihren 
genofsen untertliänig sein wird , so haben sich doch die tiia- 
ten der geifscl gotles lange zeit hindurch bei unsern A'or- 
fabren im andenken erhalten, die sage aber an bestimmte 
geschichtliche begebenheiten anzuknüpfen , wie dies Fauriel 
(s. 402 ff.^ versucht, ist ein vergebliches bemühen, ihr 
wohnt eine andere Wahrheit inne, nämlich die , dal's sie ein 
getreues abbild ist der zeit in welcher sie allmählich entstand, 
dafs sie den handelnden personen keine andern gesinnungen 
andichtet als die ihnen eigen sein musten, dafs sie sich nicht 
entäufsert des rechts und der sitte die mit ihr zugleich aus 
dem innersten , geheimen walten des Volkslebens liervor- 
giengen. die oben crwähnlen bcziehungcn auf christliche, 
mönchische Vorstellungen haben noch nicht die gesammte 
sage durchdrungen ; sie sind ein ihr von dem oder den bear- 
bcitern angeflicktes beiwcrk, dessen sie sehr gut eniralhcn kann. 

Nach dem erörterten wird auch die vcrmuluiig Fauriels 
in nichts zerfallen, dafs der Waltharius die thalen eines Gal- 
liers , eines Gallo -Romanen vcrherlichen und dadurch die 
Franken herabsetzen sollle (s. 408 If). in der deutschen 
sage wie in der deulschen geschichte aller und neuer zeit 
stehen sich die verbnidcrien stamme leider nur zu häufig 
feindlich gegenüber, überheben sich gegenseitig und suchen 



154 ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 

sich unter einander herabzuwürdigen, halten die deutschen 
Völker einmütig stets nur wider fremde stamme gekämpft, 
sich nicht mit feuer und schwert gegen ihr eigenes fleisch 
und hhit gewandt, wie weit müsten sich da nicht die grän- 
zen unsers Vaterlandes erstrecken. allerdings haben auch 
Deutsche den Napoleon in liedern gefeiert : aber so wenig 
wie die alle deutsche sage den Attila zu einem ihrer haupt- 
helden erhoben hat, ebenso wenig konnte es alten dichtem 
einfallen , einem Gelten zu huldigen und ihn als ein ideal 
mannhafter ritterlichkeit aufzustellen. 

An vorstehendes knüpfe ich einige bemerkungen zum 
Wallharius an. 

15 prnle reccns orta gaiidens, quam postea iiarro : 
nainque viarcni genuit, quem Guntharüwi vocitaint. 
die Pariser hs. de te recens ; es müsle dann de te receiis 
orlo , quem gelesen werden, denn von Hildgund kann hier 
nicht die rede sein sondern nur von Gibichs söhn Günther, 
seltsam erscheint J. Grimm (s. 67 n. *) quam postea narro, 
da der folgende vers gleich Günther nennt; er vermutet hier 
einen falschen zusatz der nacharbeiter. allein 7inrro heifst 
nicht ich nenne, sondern quam postea narro heifst von dem 
ich später noch rede , ein dem classischen lateiu angemefse- 
ner ausdruck. 

24. bei den deutschen Völkern hatte in ältester zeit 
der vater das recht seine kinder auszusetzen , zu verkaufen 
(J. Grimm RA. 455 If.), es kann daher nicht auffallen, 
wenn könig Herrich von Burgund seine tochter Hildgund, 
da sie noch nicht verheiratet war (Grimm ebd. 461), Alpher 
seinen unmündigen söhn Walther (Grimm ebd.) dem könig 
Altila als geisein übergeben. Gibiclis söhn war zu klein, er 
bedurfte noch der mütterlichen pflege : daher wurde statt seiner 
Hagen als geisel gestellt. Hagen war ein freier, edler die- 
ner des Frankenkönigs; dadurch dafs er sich in die dienst- 
])arkeit desselben begeben hatte, war zwar sein adel nicht 
gekränkt worden (Grimm ebd. 277), er befand sich in truste 
doviifiica (Grimm ebd. 275) , aber der könig konnte über 
ihn verfügen , ihn selbst den härtesten körperlichen Züchti- 
gungen unterwerfen (Fürth , ministerialen 22) und so muste 
er es sich auch gefallen lafsen als geisel einem fi'emdcn 



ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 155 

heerführer übergeben zu werden (Hüllmann geschichte des 
Ursprungs der slände 378 n. 36). 

Dal's die deutschen Völker edle Jungfrauen als geisein 
zu stellen pflegten berichtet Tacitus (Germania c, 8 vgl. 20). 
Octavius soll zuerst frauen als geisein gefordert haben , da 
er bemerkte dafs man um männliche geisein sich nicht sehr 
kümmerte (Suet. Octavius c. 21). 

38 dcbuit haec heres aula residere paterna 
atque diu congesta find, si forte liceret. 
die bezeiclinung heres steht hier nicht raüfsig. bei den Bur- 
gunden erbte in ermangelung eines sohnes die tochter den 
väterlichen und den mütterlichen naclilaCs (Lex Burgundionum 
14 c. 1). auch das alemannische volksrecht setzte dasselbe 
fest (Eichhorn deutsche Staats- und rechtsgesch. i § 65). 

47 ferrea silva mical. 
man liebte es die menge der von den reisigen geführten 
spiefse mit einem walde zu vergleichen (s. z. b. Aimoin in, 82 ; 
Grimm deutsche sagen ii , 92); ich erinnere auch an den 
Schäftenwald, Glevinkwald (Grimm ebd. 140 f.). 

68 ff, yet this savage hero (Atlila) was not inacccssibile 
lo pity: bis suppliant enemies might confide in the assurance 
of pcace or pardou (Gibbon the history and fall of the roman 
emp. c. 34). 

80. fürstliche kinder wurden mit einander im zartesten 
alter verlobt und verehlicht (Grimm RA. 486). 

113. Hildgund stand dem dreso, threso, driso, trisohus, 
der trisuchamara vor. in einer Urkunde kaiser Friedrich I. 
von 1163 wird als zeuge ein Bertoldus triscamerarius ange- 
führt, die uns erhaltenen dienslrechte haben keine bestim- 
muiigcu über die dicnste der frauen (Fürth ministerialen 240). 
123. Attila hatte eine menge frauen; die haupikönigin 
hiefs Cerca ((iibbon a. a, o. c. 34). 

136. köuigc und fürsten übten von ältester zeit bis ins 
späte miltclalter das recht söhne und töchtcr der freien, 
selbst der edlen mit ihrem hofgesinde zu vorehelichen, ei- 
tern und kiiidcr muslen selbst wider ihren willen folge lei- 
sten (Grimm RA. 436 ff.) 

Elievcrbote kommen in den ältesten volksrechlen nicht 
vor; jedoch scheint die sitte eine ehe zwischen mann und 



156 ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 

frau die verschiedenen volkssfäniraen angehörten nicht ge- 
billigt zu liaben. ein edler Franke hafte eine edle frau 
sächsischen Stammes nach sächsischem recht geheiratet; spä- 
ter gab er an dafs er sie nicht nach seinem fränkischen 
recht geehlicht habe; auf gruad dieses umstandes trennte er 
sich von ihr und verband sich mit einer andern ; die väter 
auf dem concil zu Tribur 895 erklärten ihn für bufsfällig, 
die zweite ehe für nichtig und verpflichteten ihn zur ersten 
gattin zurückzukehren (c. ix de sponsalibus et malrimo- 
niis IV, 1). nach Adam von Bremen (bist. eccl. c. 5) wa- 
ren eben zwischen angehörigen verschiedener volksstämme 
nicht geradezu verboten aber wenigstens nicht üblich. Otto, 
der Stiefbruder des von den Luitizen erschlagenen mark- 
grafen Wilhelm von der Nordmark, galt für in ungleicher 
ehe geboren, da seine multer eine Slavin , sein vater ein 
Sachse war (Lambertus Schafnaburg. zum jähr 1057 bei 
Krause s. 14. Stenzel geschichle Deutschlands unter d. 
fränk. kais. i, 191). Waltber deutet auch nicht leise dar- 
auf hin dafs eine ehe zwischen ihm und einer Hunnin eine 
ungleiche sein würde. 

150. man vergleiche mit den hier von Walther ent- 
wickelten ansichten Iwein 2799 S. 

150. es kann auffallen dafs hier Walther den könig duzt, 
während er ihn vorher geihrzt hat. Hagen duzt den könig 
Günther, die kämpfenden beiden duzen sich unter einander, 
wenn Walllicr anfangs den könig mit ihr anredet, so sieht 
er ihn als seinen herrn und gebieter an ; im verfolg der im- 
mer dringlicher werdenden rede wendet sich aber Wallher 
an seinen kampfgenofsen Attila , den er zuletzt sogar bester 
vater nennt; daher der Übergang vom ihr zum du (vergl. 
Grimm gr. 4, 301). 

18.'{ tu//c uialique clamor ad auras tollitur. 
es ist dies das nach aller sitte erforderliche feldgeschrei 
(Grimm gr. 3, 307). 

199 ac si praesentem metuehant cernere mortem. 
wie Waltber verderben bringend unter die feinde reitet, so 
kommt nach altdeutscher Vorstellung der tod geritten , um 
die Seelen auf sein ross zu laden oder um mit denen die er 



ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 157 

überwältigen will zu ringen , sie mit seinen pfeilen , mit. 
seiner Streitaxt zu treffen (Grimm myth. 489). 

258. vergl. Tacitus Germ. c. 18. 

289 IVallharius magnis instruxit sumplibus escas. 
Wallher besafs also ein mittel ein fest auszurichten , wäh- 
rend ihm Atlila (v. 1 57) sagt et noii panperiem propriam 
perpenderc eures, dieser widersprach liel'se sich folgender- 
mafsen lösen : Walther hatte vom letzten kriegszug reiche 
beute heimgebracht (vergl. v. 207), sie liefert ihm die kosten 
des festes, als echter rittersmann mufs er riteii und geben 
(Iwein 2811). die Schilderung des festes stimmt mit der 
welche uns Priscus von einem ähnlichen gelag hinterlafsen 
hat (Niebuhr corp. bist. byz. i, 202 ff.) wohl iiberein. 

321 donec . . . 

passim porticihus sterinmtur humotenus omnes. 
die behausungcn Attilas und seiner frauen waren mit einem 
hölzernen zäun umgeben, der nur zur zier, nicht als befesti- 
gung diente, sie bestanden aus brettern, die mit bildhauer- 
arbeit geschmückt und wohl zusammengefügt waren, aus bal- 
ken , die man meisterhaft behauen und aufgerichtet hatte, 
über diesen befanden sich hölzerne bogen, die an der erde 
begannen und sich allmählich nach oben wölbten (Priscus 
a a. o. I, 187, 197). die häuser mögen denen der heuti- 
gen (Chinesen älinlich gewesen sein. 

369 Ospirin, Hiltgunde.m pnstquam cognovit abesse 
7iec iuxla morem vestes defense suetuin. 
liier wird man an die ancilla vestinrio, an die puella prior 
de genecio der lex Alamannorum (80 c. 1 — 3), an die ye- 
minae in minislerio ducis (ebd. 33) erinnert. 

405 hiinc ego inox auro vestirem saepe recocto 

et tellure qnidevi stantem liinc inde oneraretn 
atque viani penitus claiisissem vivo talentis. 
Atlila verspricht den der ihm Walthei- wieder verschafft mit 
reinem gold dcrmafsen zu umhüllen dal's er nach keiner seile 
hin einen weg finden soll, dem von Giinnii (IIA. G72j an- 
geführlen fall aus Fredegar lüge ich einen andern bei. Hein- 
rich , richtiger Günther von Swalenberg wurde 1278 zum 
erzbischof von Magdeburg erwählt; er ist aber weder bestä- 
tigt noch consecrierl worden, unter ihm übcrzoi: Otto IV., 



158 ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 

raarkgraf von Brandenburg, bruder des markgrafen Konrad, 
das erzbislhum mit krieg, der erzbischof ergriff auf anralhen 
eines näcbllichen traunigesichts die fahne des heil. Moriz 
und zog mit den vasallen der kirche und mit den grafen von 
Anhalt auf den markt, wo er die bürger zu den waffen rief 
und gegen den feind zu ziehn aufforderte, bei Frose kam 
es am lOn januar 1278 zur schlacht. Otto ward gefangen 
und nach Magdeburg gebracht, wo er in ein einem aus star- 
ken balken gezimmerten kästen gefangen gehalten wurde, 
von hier aus bat er seine gemahlin sich mit dem gesammlen 
adel zu berathen, wie er der gefangenschaft entledigt werden 
könnte; namentlich sollte sie sich dieserhalb mit einem alten 
riller von Buch besprechen, dieser verweigerte jedoch an- 
fangs seinen beistand, da ihn der markgraf unwürdig behan- 
delt hatte : endlich aber erklärte er, gold und silber dürfe 
nicht geschont werden ; damit müfse man die domherren und 
vasallen des erzstifts bestechen, dies geschah, und als sich 
der erzbischof mit ihnen wegen des gefangenen berieth, 
sprachen fast alle zu gunsten desselben: er könnte der kirche 
noch nützlich werden, wenn man ihn glimpflich behandeln 
würde, deshalb beschlofs der erzbischof den markgrafen auf 
vier Wochen zu entlafsen, mit der bedingung sich nach ablauf 
dieser frisl wieder zu gestellen oder 4000 mark goldes löse- 
geld zu zahlen. Otto begab sich zu den seinen und man 
beschlofs die im lande vorhandenen silbernen gefäfse und 
sonstigen kostbarkeiten zusammenzubringen und einzuschmel- 
zen, da erklärte von Buch, er wifse einen befsern ratli, 
den er jedoch nur dann miltheilen wolle, wenn ihn der 
markgraf wieder zu gnaden aufnähme, dies versprach Otto, 
darauf führte ihn und seineu bruder der ritter an einen 
Schrein in der kirche zu Angermünde (Tangermünde?), in 
welchem ein mit eisernen bändern fest umschlofsener, mit 
gold und silber angefüllter klotz lag. 'das' sprach der von Buch 
' ist ein schätz den mir allein euer vater anvertraute und den 
ich euch erst dann verabfolgen sollte, wenn ihr in nolh ge- 
riethet.* hocherfreut nalimen die markgrafen die 4000 mark 
heraus und übergaben sie dem erzbischof, den Otto fragte, 
ob er sich nun der gefangenschaft entledigt habe, da dies 
bejaht ward , rief der markgraf mit lachendem munde 'das 



ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 159 

war nicht die rechte art lösegeld für eiiieii gefangenen niark- 
grafen zu erheben, wifsct dafs ich mich auf ein pferd setzen, 
eine lanze iiochaufgerichtet in der band halten, und dafs man 
mich dann bis zur lanzenspilze hinauf mit gold und silber 
umhüllen musle. so hoch ist das lösegeld eines gefangenen 
markgrafen anzusetzen: das habt ihr aber nicht gewufst/ 

(Georgii Torquati series pontilicum eccles. Magdeburg, in 
Menckens Script, in, 386 sqq. Mencken schreibt diese series 
irrlhümlichcrweise dem G. Torqual us zu, der aufser annalium 
JMagdeb. et Halberst. dioecesium pars i nichts geschrieben hat 
s. Monumenta inedita rer. germ. praecipueMagdeb. et Halberst. 
von Boysen l. i praef.). 

Anders erzählt diese geschichte Job. Lindner oder Ti- 
lianus (Onomasticum in Mencken ii, 1513): es wurde mark- 
graf Otto in einer feldschlacht gefangen mit dreihundert rit- 
lern ; der graf von Arnslein blieb auf der wahlstatt; der 
markgraf sollte 7000 mark geben, kam aber durch eine listige 
auslegung los. 

Buchholz (Versuch einer gesch. der churmark Brandenb. 
II, 222) hält die von ihm zum iheil misverstandene erzählung 
für einen roman, 'der viel zu unwitzig aussiebet, als dafs er 
sollte wahrscheinlich sein.' der philisterhafte Sammler konnte 
sich in den geist derselben nicht finden, man vergl. über 
die merkwürdige begebenheit H. Rathmann gesch. d. Stadt 
Magdeb. ii, 123 If. 

liier ist also ein lebender mensch sammt seinem pferd 
zu u.nhiillen. damit in Verbindung bringen läfst sich eine be- 
slimmung des Uollerlander gogräfcuprolokolls von 1604 (Grimm 
IIA. 661)). wenn ein hund jemandem schaden gelhan , ihn 
gebifsen hat, so soll man das thicr am schwänz aufhängen 
und mit waizen beg-ie/scn, dafs man nichts von dem liunde 
sehen kann; der waizen sammt dem hunde ward eigenthum 
des beschädiglen. Grimm meint, ein lebendiger hund würde 
sich nicht so leicht beschulten lal'sen , und die annähme dafs 
man ihn vorher gelödlet, dann beschüttet und mit dem ge- 
traide dem beschädigten zugcllieilt habe, wäre völlig unwahr- 
scheinlich, allein diese bcstimmung des Ilollerreclils ist 
ebenso sagenhaft wie das gleichfalls nicht leichte beschütten 
eines lebendigen pfcrdes und eines lebenden menschen, die 



160 ANMERKUNGEN Zmi WALTHARIÜS. 

tradition hat nicht, wie Grimm vermutet, alte rechtsgebräiiche 
verwirrt, sondern nur von uns fern abliegende und eben 
deshalb dunkel erscheinende beslimnmngen erhalten, über 
deren schwierige oder leichte ausführung sich jetzt nicht 
streiten läfst. 

Die ausdrücke für das umhüllen sind circumfundere, be- 
giefsen, cooperire, operire, bedecken oder behusen, begiefsen 
und bedecken, beschütten, altn. hi/lja. erwägt man nun, 
dafs bedenken in der frühern spräche mit dem acc. der per- 
son in verdacht haben , mit dem acc. der sache für etwas 
sorgen , etwas überlegen bedeutete , so möchte man in den 
jetzt üblichen redensarten : er hat mich bedacht, er hat mich 
mit geld bedacht, das bedacht nicht auf bedenken zurückfüh- 
ren sondern auf bedecken, dessen praet. früher bedaht lautete. 
426. vergl. Iwein (5574 ff. 

475 atqiie omni de plebe viros secum duodenos 
viribus insignes, aiiimos pleri>mque pi'obatos 
leg erat. 
die auch in andern sagen wiederkehrende zahl von zwölf 
kämpfern erhält dadurch noch eine liefere bedeutung dafs 
ihnen ein dreizehnter, der Schwächling Günther, beigefügt 
wird , grade wie bei abgaben und bufsen eine geringere 
münze einer gröfsern als zugäbe dienen niuste (Grimm RA. 223). 

490. Eckeliard IV. halte einen bruder Imnio , der in 
einem tief in den Vogesen dem heil. Gregor geweihten 
klosler abt war (Arx bei Perlz ii , 75); daher die ge- 
nauere bekannlschafl unserer dichlung mil dem Wasichen- 
wald, an dem sich so manche deutsche sage knüpft. 

560 die beiden rühmen den frauen ihre ihalen vergl. 
Tac. Germ. 7. 

581. Gamelo kann burggraf, vielleicht auch graf(Wailz 
in Rankes Jahrbüchern i, 75) zu 3Ielz gewesen sein. 

662. da ein fremder sich nicht in der rechtsgenofsen- 
schaft der mark oder landschafl befand in welcher er grade 
verweilte, so konnte er auch auf den schütz und frieden der- 
selben keinen anspruch machen (Grimm HA. 397). schon 
sehr früh ist dieser grundsalz gemildert worden (VVilda das 
slrafrccht der Germanen i, 672 11". 6S2). der fremde muste 
sich in dem lande welches er durchreiste schütz zu verschallen 



ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIÜS. 161 

sucheu , woraus das geleilsrecht entsprang, wer sein leben 
oder gut daran wagte , hatte nicht nöthig das geleitsrecht 
nachzusuchen (Ssp. 2, 27, 2). hier und schon früher v. 613 
erklärt Wallher sich vom könig das geleit erkaufen zu 
wollen; er erkennt es selbst an, v. 1245, dafs er bei den 
Franken als fremder keinen schütz und frieden zu hoffen 
hatte, dafs er jedoch erwartete, Hagen würde sich seiner 
gastfrei annehmen und ihn friedlich geleiten. Hagen konnte 
allerdings als dinggenofse der Franken den fi'emden Walther 
schützen (Wilda a. a. o. 675). 

656. wenn gleich das canoniscbe recht schon sehr früh 
das bei unsern vorfahren nicht gebräuchliche zinsnehmen 
(Tacilus Germ. 26) verbot, so hat es doch nicht hindern 
können dafs geschäfte die einem zinsbaren darlehn ähnlich 
waren, wie z. b. der rentenkauf, aufkamen, ein solches ge- 
schäft meint Walther, denn sonst stünde merito müfsig. 

687 at dum forte nepos conspexerat hoc Camalonis, 
filius ipsius, Kitno cognomine Jratris, 
quem referunt quidam Scaramundum 7iomine dictum. 
W. Grimm (deutsche heldens. 29), J. Grimm (84 und 116) 
und Lachmann (zu den Nibel. 308, 816) erklären diese stelle 
so, dafs Gamelos neffe Kimo, der auch Scaramund hiefs, den 
kämpf zwischen Wallher und Gamelo angesehen habe , da 
sich Kimo kaum auf fratris beziehen lafse, w^eil dann Kimonis 
stehen würde, man darf jedoch an das Latein des gedichtes 
nicht zu strenge anforderungen machen, weiter unten v. 1008 
finden wir nonus Eleuther erat, Helmnod cognomhic di- 
ctus; auch hier müste Helmnodi stehn. ebenso heifsl es 
in dem prolog (Grimm 59) v. 18 nomine Waltharim, nicht 
nomine JValtharii. ich ziehe daher Kimo zu ipsius fratris. 
wichtig sind die worte quein referunt; sie deuten darauf 
hin dafs der oder die bearbeiler des Waltharius die sage 
nicht erfanden, sondern sie durch mittheilung kennen lernten. 
691 nunc aut coinmoriar aut carurn ulciscar amicum. 
nach der ältesten Vorstellung deutscher völker ist rächen so 
viel als angreifen mit den waffen, so dafs tod oder Verwun- 
dung, wie es sich traf, die folge solchen angrifls sein konn- 
ten, die unijemefsene räche der Deutschen war die eines 
erzürnten mannes ; fremd war ihm eine heimliche oder eine 

Z. F. D. A. IX. 11 



162 ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 

kaltblülige , eine grausame, eine in der weise berechnete 
räche dafs der Vollstrecker derselben sie an tlen wehrlos in 
seine bände gelieferten vollziehen mochte (Wilda strafrecht 
1, 157-159. 169 ff.) 

718. Chlotar haut dem von ihm erlegten Sachsenherzog 
Bertoald das haupt ab (Grimm d. sagen 2, 94). 

750. die Franken trugen langes haupthaar. 

757 qiii fro nece facta 

ciiiusdam primatis eo diffugerat exul. 
wer ein verbrechen begangen halte wie Eckefrid , der ver- 
pflichtete sich, längere oder kürzere zeit, unter schwerern 
oder leichtern bedingungen, wie ein friedloser in die Verban- 
nung zu gehn (Wilda a. a. o. 367. 381). 

781. der könig hatte nicht das recht frei über die kriegs- 
beute zu verfügen 5 volk und adel theilten sich in die eroberte 
fahrende habe, die man auf einen häufen trug; der könig 
konnte auf etwas besonderes daraus keinen anspruch machen, 
es wurde alles verlost (Grimm RA. 246. 249). unter ein- 
ander konnten sich die theilhaber an der beute vergleichen, 
das dem einen zugefallene konnte er einem andern iiber- 
lafsen; so erkläre ich die regis sponsio v. 799. 

810 et ipse 

non cum JVallhario loqiiererls, forsan abesset. 
diese worte machen Grimm (87, 383) Schwierigkeiten , ich 
erkläre sie auf folgende weise: hätte ich den schild in mei- 
nen frühern kämpfen nicht gehabt, hätte er mich nicht so 
gut geschirmt , dann würdest du heute nicht mit mir, dem 
Walther reden ; ich würde wohl nicht hier sein sondern 
wäre längst im kämpf gefallen. 

819. Walther gilt als bufsfäliig, weil er Gamelo, Scara- 
mund, Wernhard und Eckefrid erschlagen hat. ein bestimm- 
tes mafs der bufse wird nicht gefordert, sondern schild, pferd, 
niädchcn und das gold ; dies dürfte für das alter der sage 
sprechen, da sich in späterer zeit genaue beslimmungen über 
bufse und wergeld finden. 

918. reiiü et ancipilvm rihvarü in nra bipcnnem i 
istius ergo modi Francis tunc arma J'uere. 
hier ist nicht blofs des dichtcrs abstand von der zeit der 



ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 163 

begebeuheit ausgedrückt (Grimm 75) , sondern zugleich dals 
das was er erzählt ihm überliefert ward. 

965. IVielandia fabrira. 
wenn man berücksichtigt dafs Wieland in der deutschen 
heldensage als ein berühmter schmied erscheint, der mit 
Eiberich seine werkstälte im Caucasus (Göckelsas , berg 
zu Glockensassen) hatte, und dazu hält dals nach d'Ohsson 
(des peuples des Caucase s. 22. 175; s. Ferd. Wolf in Haupts 
und Hoffmanns altd. bl. 1 , 45. 46) die Kuwetschis daselbst 
abgeschlol'sen von andern Völkern die ausgezeichneten panzer- 
hemden , helme und Schwerter, wie sie bei den bewohnern 
des Caucasus gefunden werden, anfertigen, so kann Walt- 
hers hämisch, der aus Attilas Schatzkammer entnommen 
ward , von den Hunnen auf ihren zügen von osten her, er- 
worben, caucasischen Ursprungs sein. 

1036. vioxque genu posito viridem vacuaverat aedem. 
bei der erklärung dieses verses iirt Grimm (75). waffenlos 
war Trogus nicht; er hatte wie die übrigen, welche am seil 
zogen, nur lanze und schild abgelegt (v. 1026. 1027), also 
das scliwert noch bei sich ; das zieht er nun aus grüner 
scheide , nachdem er bereits wegen seiner wunden an den 
waden auf die knie gesunken ist, und schwingt es wenigslens 
in der luft, da er Walther nicht mehr damit erreichen kann, 
als er keine rettung mehr sieht, ruft er (v. 1043) 

ad scutum mucronem tollilo nostrtnn. 
die viridis ardcs ist also nicht das grüne gras sondern die 
grüne schwertscheide. 

Die t/lra riridis, worin Grimm (75) Waltlier sein Schwert 
niederlegen läfst, welches der waffenlose Trogus beim nieder- 
knien aufgefunden haben soll (922 sanguineiimque ulva vi- 
i'idi dimiserat cnsem) versiehe ich gleichfalls anders als 
Grimm, der dichter vergleicht die grüne sclnvertscheide mit 
dem grünen röhr ; sie konnte ja aus grünem rohrgeflecht sein 
und diiniltore kann der dichter sehr gut für herausziehen 
gebrauchen. Waltlier zog das blutige scliwert aus grüner 
scheide, um es sogleich bei der band zu haben, wenn die 
lanze nicht genügte, abgesehn davon dafs auf der höhe, wo 
Walllier stand, schwerlich rolir wuchs, ist auch zu hodcn- 
ken dafs Trogus iininöglicli bis dahin gelangt sein kann wo 

II* 



164 ANMERKUNGEN ZUM WALTHARIUS. 

Walther mit Gerwich kämpfte , zumal da Trogiis zurück- 
gelaufen war, um schild und speer zu holen, auCserdem hat 
Walther (v. 939) dem Gerwich den köpf abgehauen und es 
nicht gesagt dafs er sich dazu seines zweiten Schwertes 
bedient hätte. 

1069. vergl. 630. der ehrenrührigste schimpf im allerfhum 
war der Vorwurf der feigheit (Grimm RA. 644), daher ist 
Hageu so ungehalten darüber dafs sein vater für feig er- 
klärt wird. 

1083 qui sohis hodie capul infamaverat orbis. 
»ach dem vorbild römischer kaiser — Antonius Pius nennt 
sich Tov v.6o(.iov xvQiog (l. 9 D. ad leg. Rhod. de iaclu), 
Cassiodor (lib. i, ep. 1) den kaiser Aurelian totiiis orbis 
praesidium — haben sich die deutschen könige und kaiser 
seit Karls des grofsen krönung zu Rom ähnliche bezeich- 
nungen gefallen zu lafsen. Heinrich III. wird von Wippo 
in der dedication huius orbis domino doniinaiitium angeredet; 
Conrad III. in einem von den Römern an ihn gerichteten 
schreiben orbis totius domino (Otto Frising. de gest. Frider. I. 
lib. I, c. 28); römische abgesandte an Friedrich I. salutarit 
vos ianquam dominum ei imperatorem urbis et orbis (Radevic. 
lib. I, c. 22); Friedrich I. sagt von sich quia divinae pro- 
videntiae dementia urbis et orbis gubernacula tenemus (Otto 
Frising. ii , 30). bekannt ist die geschichte von desselben 
kaisers Spazierritt mit den beiden Juristen Bulgarus und Mar- 
tinus (Savigny gesch. des röm. rechts im ma. 4, 159). 
Maximilian I. bezeichnete sich in aller und gantzer Christen- 
heit obj'ist he}'r und könig, womit das temporale caput mundi 
(goldne bulle i, 4) vergleichen ist. weitere ausführungen bei 
Eichhorn deutsche st. u. rsgesch. 2, 370). 

Der dichter hat das bewuslsein von der wellherschafl 
der Franken, er kann also nicht vor Karl d. gr. gelebt haben. 

1109. vergl. 954 proprius dolor succumbit honori 
regis, 
nach Tacitus (Genn. 14) hielten unsere vorfahren es für die 
höchste Schmach, ihren heerführer im kämpf zu verlafsen; 
jeder hielt es für seine heiligste pflicht ihn zu schützen und 
zu schirmen und durch die eigene lapfcrkeit des führers rühm 
zu erhöhen. 



ANMERKUNGEN ZüM WALTHARIUS. 165 

1160 ac nudum retineiis ensem hoc cum voce precatur. 
Grimm vermutet hier heidnische sitte : möglich ist es dafs 
bei germanischen Völkern das schwert einem gott geheiligt 
war. näheres bei Grimm RA. 896 und Haupt und Hoffmann 
altd. bl. 1, 291. vielleicht deutet das entblöste schwert auf 
hunnische sitte. schon Herodot (4 , 62) erzählt von den 
Scylhen dafs sie den Ares unter dem bild oder symboI eines 
alten eisernen Schwertes verehrten, welches auf eineunge- 
heure Schicht von reisig gestellt ward, das andenken an 
dies schwert, von dem sich spätere nachrichten bei Jornandes 
c. 35 (vergl. Gibbon the bist, of the decl. and fall of the rom. 
emp. 34), in Lambertus Schafnaburg. annal. zum jähr 1071 
bei Krause s. 74 und in Fischarts Gargantua (vergl, Grimm 
deutsche heldens. 311) vorfinden, hat sich bis auf den heuti- 
gen tag unter dem volk erhalten. 

In den serbischen gebirgen schläft Marko, der königs- 
sohn. wenn einmal das schwert, welches er in das adria- 
tische meer geworfen hat, durch die flut an das land gespült 
wird und in die bände eines beiden gerälh, dann bricht Marko 
aus dem gebirg hervor und gründet das grofse Slavenreich 
im süden. es wird berichtet dafs bei der letzten erhebung 
Ungarns wider Österreich die Ottochaner ein alterthümliches 
schwert au der küsle fanden und es dem bau Jellachich 
schenkten (sagen und erzählungen aus Ungarn von Therese 
Puisky 1, 253 tf.) 

1337. numidus nrsus sagt der dichter im classischen 
eifer; auch in der nähe von St. Gallen wurden hären gejagt 
(Ekkehardi IV. casus S. Galli bei Pcrtz 2, 85). 

1343 taliter in nonam conjlictas ßuxernt undnm. 
einige hss. lesen horam st.«H undatn. der kämpf begann 
hora secunda, acht uhr morgens und konnte allerdings bis 
nachmiitag währen, denn es wird ausdrücklich gesagt, dafs 
die sonne hcifs auf die kämpfenden herabschien (v. 1345). 
Grimm vermutet (74) dafs widam die richtige Icsart ist: 
denn die wellen halten dreischlag ^ die dritte ist stärker als 
die beiden ersten, die sechste noch stärker, die neunte am 
allerstärksten.' hiernach erkläre ich mir die stelle so : Wal- 
ther ist der fels, an dem sich die wogen des kampfes brechen 
und zurückgeschlagen mit erneuerter wut wiederkehren, der 



166 ZU MARIEN HIMMELFAHRT. 

dichter kann aber auch die uns unbekannte einrichtuug einer 
walseruhr im äuge gehabt haben, 
1436 carnem vilabis aprinnm. 
Grimm fragt (97 *) : galt die alte heldenspeise einäugigen 
für ungesund? ich berücksichtige mehr den gegensalz zwi- 
schen eberfleisch und mehlbrei. Walther meint : da dir sechs 
zahne ausgeschlagen sind, so wirst du eberlleisch nicht kauen 
können sondern dich mit mehlbrei begnügen müssen. 

TRACHENBERG. Dr. AUG. GEYDER. 



ZU 3IARIEN HIMMELFAHRT 

zeitschr. 5, 515 — 564. 

Die hs. hat v. 13 ein 22. zveier 77. zvei 

284. virriet 394. von spatei^er hand am zu stark bc- 

schiiittenen rande unter einander de(r,^) meh ir {b?) 
wonach der im text ausgelnfsene vers leohl gelautet haben 
sollte der da mehte ir l)vwen 408. einen sehr verblass- 

ten strich durch doch 518. am rande, wie ich später 

deutlicher erkannte, mugit wifsin vir war 522. ivden 
574. vordem ?nit vor dorch rasur aus von 578. frovde 

eincorrigiert 675. di haut 719. niman 741. mitten 
morgen mit einem komma als zeichen der trennung zwi- 
schen beiden zusammengeschriebenen Wörtern 873. iocli 
{nicht ich) 895. sie 1059. kvnc 1069. bekome 

1264. heija 1342. alleine 1411. es 1418. frovweten 
1431. wahenes 1523. dike {vgl. 1647) 1531. dinis 

1557. aireist {vgl. 1585) 1571. sie di 1572. con- 

dvierten 1577. 1579. .\ . {vgl. 7) 1585. aireist 

(vgl. 1557) 1617. cngel \c>\h. liht 1630. Iris 

das ganze gedieht uiiifaj'st in dem hand.srliriftenbandr, dem 
es angehört, die lagen IX — XII, Jede 10 blätter stark, 
und von der luge XIII bl. 1 — 5. die ersten acht lagen 
(s. 1—162) enthalten den in Adria?is mittheilungcn aus hss. 
und seltenen druckwerken (Frankfurt a. m. 1846) s. 417 
— 455 unter der benennung Salomonis hüs abgedruckte?! 
allegorisch-mystischen tractat , mit welchem s. 105 — 138 
der hs. die auch in einer tFiener hs. {Hoff'manns verz. 



SPRUCHE VON HANS ROSENBLÜT. 167 

s. 85, xxxvi) etilhaltene bezeichenvnge der heiligen inesseu *) 
dann s. 138 — 148 eine erklärung des vaterunsers mit be- 
trachtiüig übe?' dasselbe, endlich s. 148 — 162 ein zum 
grasten theile roh gereimtes Zwiegespräch Christi und der 
minnenden seele verbunden sind, das ganze gehört, wie 
Marien himnielfahrt und die als läge XV — XIX d. i. 
s. 277 — 368 beigebundene hs. des gedichtes der suudeii 
widerslrit, der milteldeutschen spräche an, in welcher, wie 
IFilh. Grimm im Athis s. \Q zeigt, nicht wenig gedichtet 
wurde, die druckversehen bei Adrian lafse ich nach des- 
sen Seitenzahl hier folgen-, (s ) 419, (z.) 25 lies fon (st. 
for) 420, 20 kneht 421, 30 Die 426, 24 offe 

sibeu 427, 27 wiegetane (vgl. 431, 28. 432, 21. 27. 

438, 21) 428, 7 sinken 430, 16 mienin ich 432, 30 bo- 
den dines 434, 9 shrift 20 vnshvlt 435, 19 libe 

436, 16 shranke 437, 4 wi 440, 5 swaz [97] er 

20 ovch 444, 30 alder werlde. 446, 9 vnde marla 

12 stant 447, 25 danne singit 448, 1 vn 18 ivn- 
geren alse 449, 28 vader riebe 451, 16 dise 

452, 33 vingin 453, 1 gestochen (e in en aus i corri- 

giert) 14 einin 21 miner 35 shelden 

VVEIGANÜ. 

•) vergl. auch bihtebuoch 75 ff. 'übri<^e»s hat die frivner hs. 
Die vierden, ivo bei Adrian 450, 3 Die tritten, und schliefst ;«// ehlai- 
nez dinch lazzent irren Amen, während in der GieJ's. hs. noch folgt 
Die wierden [/. vierden] daz üiiil die vnsers herren iichamen virsma- 
Lint vnde drof uiet in achtent. s. bei Adrian 450, 5. 0. 

SPRÜCHK VON HANS ROSENBLÜT. 

Der mit nr 1264 bezeichnete handschrij'tenband der 
universilUtsbibliothek zu GieJ'sen vereinigt zwei völlig ver- 
schiedene hss. in folio, eine deutsche und eine lateinische, 
die nrn 502 und 503 der ehemaligen senckenbcrgschen 
bibliothek. was jene erste hs. betrifft — denn sie altein 
kann hier besprochen werden — , so mufs dieselbe früher 
viel beträchtlicher gewesen sein; jetzt zählt sie nur noch 
25 blätler ochsenkopj'papier*), und es fehlt sowohl der 

*) der zwischen den hörnern emporsteigende slab ist von einer 
schlänge umwunden und endigt in ein kreuz. 



168 SPRÜCHE VON HANS ROSENBLUT. 

onfang, als auch toie es scheint nicht wenig im innern. 
aufserdeni sind von altef's her blatte?' verbunden und von 
bl. 8 und 15 der länge nach stücke abgerifsen. ohne 
zweifei bestand die ganze hs. aus einer Sammlung von 
Sprüchen d. h. gedichtefi zum vorlesen (vergl. zeitschr. 
8, 508). die, welche in jenen 25 blättern vorliegen, sind 
meist, oder vielleicht alle bis auf einen, nämlich den 
Spruch von aiuem rilter mit den nussen bl. 16^, von Hans 
Rosenblut, bei einem (X.) zeigt dies der name im schlufs- 
verse, bei andern (V. VI. IX.) in diesem der reim auf -üt, 
-ut, hinter welchem der Schreiber d. h. der dichter seinen 
nameu neckisch versteckt, und bei den übrigen, in denen 
der schlufs nichts in beziehung des dichters kund giebt, 
Rosenbluts geist und weise, auch ßnden sich mehrere un- 
serer spräche (V. VI. X. XI. XII und vielleicht IX) in 
der Dresdener hs. tvelche erzählungen dieses dichters 
ejithält (s. V. d. Hagens Ut. grund. 364 ff.^. die schrift 
der hs. , welche noch in das i5e j'h. gehört, ist sauber 
und deutlich, und die v er sz eilen , deren fast jede volle 
Seite 32 zählt, sind abgesetzt, der aifangsbuchstabe eines 
jeden Spruches nimmt die höhe von 4 Zeilen ein, die des- 
halb eingerückt wurden ^ aber er ist nicht überall einge- 
zeichnet, wo er sich findet, ist er roth, wie die Über- 
schriften, von welchen übrigens auch einige fehlen, den 
atfangsbuchstaben der verszeile zeichnet jedesmal ein rother 
strich aus. einzelne ivenige fehlende verse, deren stelle 
leer gelafsen ist, unterbrechen in I. II. XII {bl. 24''). 
bl. V begiiint mit einer er Zählung (I) 

Ich wolt ee peleln mit Ir gan 

Aber sprach der alt man 

War ich als Jungk als du pisl 

V nd biet ain l'rawen als die ist 

Mich hat das alter nyder truckt 

Vnd die Jugent hin gezuckt 

V^nd acht solichs dinges nit mer 

Aber solich wird vnd err 

Als ich hör von Ireni leben 

Iliet ich mich dennoch ainst crgebeji 

Ich lies got sein hymelreich 



SPRÜCHE VON HANS ROSENBLUT. 169 

Vnd dienl der fraweu ewigkleych u. s. tc. 
schlufs hl. 2*. Damit gab er [der alt miui\ mir sein Imit 

Viid pol mir seinen segen nach 

Mir was wider haim Jach 

Vnd eilt vast aus dem wald 

Nun secht auf Jung vnd alt 

Wer mein frawen gern kenneu wel 

So merckt ain gut gesel 

An welicher die stuck alle sein 

Die ist die selbig die ich da main 
Die stelle der Überschrift von II. ist leer gelafsen. 
wahrscheinlich sollte diese zugleich mit dem anfangsbuch- 
staben (Z) eingeschrieben iverde7i. die er Zählung be- 
ginnt bl. V^ 

V einen zeiten es geschach 
Das ich zwo frawen sitzen sach 
Die retten von ainem geseleu gut 
Die ain sprach er gibt mir niut 

Vor allem das auf erdreich lebt 

Mein hertz in gantzen frevvden swebt 

Wan ich von Im reden sol 

So pin ich aller frewden vol 

Wan ich wais wol auf meinen aid 

Das ich Im lieb mit Stattigkait 

Vor aller werlt dem ist also 

An In so mag ich nie werden fro 

Das red ich wol an alles nayn 

Die ander sprach gespil mein u. s. w, 
schlufs bl. 5* 

Nun musen wir vns schaiden 

Got geh euch hail paiden 

Vnd das dir ward zu tail 

Frewd vnd ere vnd darzu hail 

Des selben ich von hertzen ger 

Das mich der Der pet gewer 

Der da almechtig ist 

Wan er vns mit seine list 

Kan macheu all frewden reich 

Mit seiner genaden himelreich 



170 SPRUCHE VON HANS ROSENBLÜT. 

Dar zu so geb er sein gewalt 

Vnd mach vns alle an frewden alt 
Bei III. verhält es sich mit der Überschrift und dem 
anfan^shuchstaben (I) xvie bei II. 
nnjang b/. 5". 

CH lag ains nachts In ainem Iraiini 
Da hei mich der sorgen säum 
Gar swärlich über laden 
Vast mit wachsen vnd*) 

Da mich grose trew zu pracht 

wie oft ich mir gedacht 

Was hat mein fraw an mir getan 

Wil sy mich nit geniessen lan 

Das ich Ir ye was gerecht 

Mit trevven zwar Ir aigner knecht 

Vnd wil auch nymer an Ir prechen 
[bl. Ö**.] Was wil sy dan an mir rechen u. s. iv. 
nach bl. 5 ist offenbar eine lücke , doch fehlt vermutlich 
7iur ein blatt. jenes schliefst 

Da er haymlich pey mir was 

Des ich in hertzen nye vergas 

Wir wollen gar sicher seyn 
und bl. 6" beginnt 

Vngemelt vnd vngehort 

Vn vnuerschrolen an ewrn ern 

Also wolt ich euch puelschal't lern 

Das ir lang peyn frewden belibt 

Vnd irs in solicher mas tribt 

Ist ainer sunst ain pider man u. s. w. 
schlufs der erz'dhlung bl. 7'' 

Gol tue alle die hassen 

Die von frawen übel yehen 

Vnd las in nymer wol geschehen 

Des wünsch ich in frue und spat 

Damit die red ain end hat 
IV, ein krieg d. h. Wettstreit zwischen herlz vml mund, 
beginnt ohne Überschrift und deti anfangsbuchstaben (I) 
mit dem stark versldmmelten bl. 8 
') lies Vasl mit waschen vnd paden 



SPRÜCHE VON HANS ROSENBLUT. 171 

CH ka(m) 
Da hertz 
Vesligklich 
Der niund 
Gelegt das gar v 

Darurab du wol u. s. w. 

der schlufs höchst wahrscheinlich auf der ersten seite des 
verlornen blattes nach hl. 11, welches letzte endigt 
Ob er [der rnund] darnach nicht wer crmant 
Vnd er der rainen ain tail tet kuut 
Des das hertz da pat den mundt 
Des wais. ich nit got geh In hail 
Vnd das in paiden werd zulail 
Der frawen trost für sendes laid 
Des wünsch ich In mit stätigkait 
Vnd lieblich zwischen Ir paider see 
Vnd in In gantzen frewden erge 
Als ich des selben von hertzen ger 
Vnd ir paider frewd sich nier 
V, übei^schrieben Ain schöner spruch von aineni Edlman 
mit dem hasgeyr*) (in der Dresdn. hs. die 2Ge ///•), be- 
ginnt bl. 12" 

In Edelnian der hette ain Weib 
Die zoch auf hoffart Iren leib 
Mit nianichem kosperlichem klaidt 
Dar Innen sy oft spaciren rait 
Zu stechen hoflirn vnd tentzen 
Dartzu konl sy sich wol aus sprenlzen 
Wan sy helte ain guten man //. s. w. 
ist fortgesetzt auf dem nicht sehr verstümmelten hl. 15 
und endigt hl. 16'" 

Also geschach disem Edelmau 
Wer pulen wol der gedencke daran 
Das er ain volle laschen hab 
Er ist anders darumb schab ab 
Nun hat die abentewr ain ende 
Wer kaull'en wolle aus lerer hende 
Der krencket sein synn vnd sein gfemul 

*) d. i. geicr der auf den hasen stufst, vultur leporariiis. 



Ai 



172 SPRUCHE VON HANS ROSENBLUT. 

So list vns der Schreiber wol geniut 

VI, ohne Überschrift und den anfangsbuchstaben (E), 
ist nr 12 in der Dresdn. hs.: von dem knecht im garten, 
der Bamberger druck von 1493 , wo das gedieht die aiif- 
schrift von dem man im garten führt, findet sich wieder- 
holt in Bragur 5, 1, 87 — 96 und daraus in Göze?is Hans 
Sachs 3, 170—177. anfang bl. 13^ 

In Reicher man der helle ain knecht 
Der dint Im manig gar recht 
Bis auf ain stundt vnd auf ain zeyt 
Gar slarck er vmb sein frawen freyt 
Er kam an sy mit grosser pet 
Das sy seinen willen Ihet u. s. w. 
bl. lA^ endigt mit 

Sy sprach gelaubst du meinen worlen nicht 120 
So geiaub pas deinem gesicht 
Stee auf vnd leg mein klayder an 
Vnd stelle dich in weibliche person 
Vnd gee hinab in den garten schir 
Vnd ihue desgleichen sam du zu mir*) 125 

das übrige, ein blatt , fehlt bis auf die 4 schlufszeilen, 
mit welchen ein verbundenes blatt, bl. 12, anfäfigt 
Das weib langet über In 
Nun hat ain ende diser sin 
Got alle frome frawen vnd man behuet 
So lisl vns der schreiber wol gemuet**) 

VII, Ain schöner Spruch von ainem Riller mit den 
nussen findet sich auch in einer Wiener {Hoffmanns verz. 
s. 95, xxi) und einer Dresdener hs. {v. d. Hagens lit. 
grundr. 326). hier bl. 16'' ?iur die ersten 22 verse ; das 
übrige, welches nach de?i unten stehende?i worten 3 bleller 
herumb verbunden war, fehlt. 

anfang [M]An sol den Frawen sprechen gut 

Er ist salig wer das thul 
Doch kunnen sy zu zeylen vil 
Ich wil euch sagen ain hubschs spii 
Das soll ir haben für vngelogen 

*) 214. 125 fehlen in Bragur und bei Göz. 

") in Bragur und bei Göz Das hat gcdicbl Hans Rosenblut! 



SPRUCHE VON HANS ROSENBLUT. 173 

Wie ain Ritter ward betrogen u. s. w. 
V. 22. Dye achteten des wirts nil Zu der missetat 

VIII sind die letzten 48 vej^se eines schwanks. bl. 17* 
begin?it 

Er*) ist ain stoltzer Ritter Frey 
Er lag mir Newlicli gar naiienl bey 
Ir seyl mir zu frue komen 
Das hat vns der frewden vil benomen 
schbtfs bl. \1^ 

Do sy den gast also beschied 

Do sawmbt er sich des wegs nit 

Vnd ging als pald dohin 

Aus der kemnatten von In 

In gedaucht Im wer gar wol gelungen 

Das er also dauon was gesprungen 

IX ist Ain schöner Spruch von aine Edlman mit der 
Wolfsgrueben , dei^ mit nr 25 der Dresdn. hs. 'von dem 
edelmann uiid dem pf äffen' stimmen könnte, hier nur die 
ersten 11 verse bL 17''; alles übrige verloren, wenn ?iicht 
in dem bruchstück bl. 18 noch die letzten 57 verse er- 
halten sind. 

anfang [N]Vn schweyget so wil ich heben an 

Aber ain kurtzweil von ainem Edelman 
Wie in sein weib wolt elTen vnd Ihörn 
Als ir hernach wol werdet hörn 
Auf ainer vesten er do sas 
Sein fraw sich haymlich des vermas 
Das sy ainem plairen zu Ir zilt 
Dem wolt sy leihen Iren schilt u. s. w. 
bl. 18' beginnt Drey menschen vnd ain wildes thier 
schlufs bl. 18'' 

Damit sy Verliesen Ir eren ain krau 
Die den frawen ist berait 
Bey got dort in der ewigkait 
Da helf vns gel hin mit seiner gut 
Sagt der Schreiber den Got behut 
X. Ain schöner sproch von ainem farenden schuler (s. 
nr 23 in der Dresdn. hs.) 

') Er? das blatt hat hier eine schadhafte stelle vielleicht Hie 



174 SPRUCHE VON HANS ROSENBLUT. 

anfang hl. 18'' 



H 



Ort hie aiu clugen list 
Wye ainsteu aim geschehen ist 
Ain farender schuler was er genant 
Hübsch abentewr wurden Im bekant 
Zu aym pawern er eindrat 
Die frawen vmb die herberg pat u. s. zv. 
Schluß bl. 21'' 

Sy lebten wol die ganlzen nacht 
Vil kurtweil er dem pawern macht 
Des morgens gunde er von Im schaiden 
Er dancket Im vnd Ir in baiden 
So sere aus allen seinem gemut 
Also hat getichtet Hans Rosenplut 
XI. Ain schöner spruch von aim Thumbrobst von Wirtz- 
purgk vnd aym maier {s. nr 21 in der Dresdn. hs.). anfang' 
bl. 21'' -^-^yOlt Ir schweigen vnd belagen 

Ain abentewr wil ich euch sasen 



w 



Die spricht von ainem klugen man 
Der abenlewer souil began 



Zu wirlzpurgk was er da haymen 
Was fliegen mocht oder schwaymen 
Das kont er malen oder schuytzen n. s. w. 
schlufs bl. 23'' 

Der Maler was ain frumer man 
Er trüge die hundert pfundl hindan 
Er kam haym tzu der frawen 
Vnd lies Sy das gelt anschawen 
Er gap Irs dar in Iren geern*) 
Noch plaib die fraw bey Iren Eren 
XII. Ain Spiegl mit dem bech ain spruch (.v. 7ir. 24 
i d. Dresdn. hs.). anfang bl. 23'' 

-N ainem dorl" sals ain man 
Als ich hieuor vernomen hau 
Der het ain dicrn vnd ain knecht 
-Zu dinst warn sy Im gerecht 
Der knecht was genant heroll 
Er het die Mayd ym hertzen holt //. .v. ir. 
') I. geren 



I 



DIE DEUTSCHE WASSERHÖLLE. 175 

schlufs bl. 25'^ 

Nun wolt ich das alle hawsdiern hellen 

Ain solichen Sin vnd auch also teilen 

Wen sy die puben vnd die läppen 

Allzeit also wollen helappen 

Das sy in also konlen schern 

So belib maniche diern bei Ern 

Die Susi Izuschanden wirt den leuten 

Nicht nicr vvil ich euch bedeuten 

Das haisl der Spiegel mit dem pech 

Herre Got kain siinde an vnser Selc gerech 
hierunter setzt der Schreiber der hs. in rother schrift nur 
noch Ain schöner spruch von aym sludenlen zu Brag etc, 
oh?ie das gedieht selbst mitz-ul heilen, ermüdet scheint er 
andeuten zu ivollen, dafs in der hs., ivetcke seiner Samm- 
lung- zu gründe liegt, dies und noch anderes Jolge, er 

aber Jilr jetzt abschliejse. 

WEIGAND. 



DIE DEUTSCHE VVASSERHOLLE. 

Zwiefache zustände der abgeschiedenen sind nach den 
Zeugnissen der älteren Edda für das nordische heidcntluun 
nicht zu leugnen, ein ausschliefsliches stralleben ist die düs- 
tere Wohnung bei Hei durchaus nicht f sie hat an ihren Ihä- 
lern, bergen und nianigfalligen strömen in der liefe viel fried- 
liche Ställen für menschen, zwerge und riesen , und zu ihr 
gelangen ja alle die in ruhigem aller verschieden und die 
durch krankheit oder sonst wehrlos dahingerall'l sind, eben 
so sicher aber isl es alte, nicht erst durch das christenllium 
aufgetragene ansieht, dafs es da unten auch qualorle gebe 
für die bösesten der übelthäter. diese erwartet nach den 
aussprüchen der Vala in den nördliclislen tiefen ein sclilan- 
gensaal, ebenda der drache Nidhöggr und der woll , östlich 
aber in den giftthälern der mit schlämm und schwerlern 
flielsende slrom Slipr, der ohne zweifei gemeint oder doch 
begriffen ist unter den schweren strömen , die jene vei- 
brecher waten müfsen. in einem der heldensaglichen lieder 



176 DIE DEUTSCHE WASSERHOLLE. 

heifst der peinliche fliifs Yadgelmir, in der jüngeren Edda 
führt der schlimmste den namen Hvergelmir, es mögen im- 
merhin mehrere strafflüfse gedacht worden sein ; am stärk- 
sten hat der name Slipr selbst in der spräche wurzel ge- 
schlagen, wie schon angedeutet ist bei dem früher gegebenen 
beweis, dafs die wafserslrafen der nordischen unterweit nicht 
erst durch christlichen einflufs hinein gekommen seien*). 

Fraglich kann nur sein , ob irgend etwas davon auch 
deutsche Vorstellung gewesen sei , um so mehr da die so 
manche erinnerungen aus dem heidenthum aufbewahrenden 
sagen und mährchen, wo sie von den tiefen der brunnen und 
seen aus einige weitere blicke in die Unterwelt eröifnen, nur 
grüne lachende wiesen, reiche säle und andre friedliche und 
freundliche wohnstätten zeigen, sehr befremden könnte gleich- 
wohl ein früher Untergang des gedankens an einen finstern 
flufs des abgrunds eben nicht, da man es als eine erste an- 
gelegenheit der einführer dos christenthums betrachten mufs, 
vor allem in himmel und hölle reinen haushält zu machen ; 
und wirklich wurde das mittelalter hindurch kaum eine lehre 
mehr getrieben als die vom gericht und der feuerhölle. 
hielten sich aber spuren unterweltlicher grauen in alter form, 
so darf man sie wohl nicht gerade dem mährchen abverlangen, 
welches überhaupt nur besonders die heiteren erinnerungen 
aus der alten weit in seine kreise schlofs. der verfafser die- 
ser Zeilen unternahm es jene spuren in der alten spräche, wie 
sie schon angedeutet sind, weiter zu verfolgen und solche in 
den Schriften von und über mittelalterliche visionäre aufzu- 
suchen , deren eingebungen immer aus bereits im volk vor- 
handncn biblischen oder paganen volksmäfsigen ideen zu er- 
klären sind. 

Erwarten liefs sich dafs auch unsere iieidnischen vor- 
väler strafzustände, sei es nun nah oder fern nach dem tode, 
gegenüber den lolmzuständen angenommen haben, da dies 

*) zcitsclir. 7, 305 — 314. die jüngere Edda hat giftflüfse, in 
denen die eidbrüchigen und uieuchelmörder waten niüfsen, entspringend 
vom Schlangensaal, s. 75 ; es kann ihr schweigen vom Slithr an dieser 
stelle, wo es im Hvergelmir am schlimmsten genannt wird, nichts ver- 
schlagen, da sie höchst ungenau comhiniert, «ie s. 4 zeigt, und da sie 
den Slithr doch dort unter den fiül'sen der unterwell namhaft macht. 



DIE DEUTSCHE WASSERHÜLLE. 177 

auf einem elliischeu trieb bcruhl, der nur einem ganz rohen, 
nur blinde naturmächle , noch nicht zugleich geistige götter 
verehrenden heidenthum, oder einem solclien das das sein in 
der unterweit überhaupt nicht weiter ausdenkt, würde von 
vorn herein abzusprechen sein, nun haben aber die gothi- 
schen und sächsischen Völkerschaften ganz sicher, wohl auch 
die mebrzahl der hochdeulscben stamme, jene zweite stufe 
des Polytheismus erreicht , die in der ankunft Vodans , Thu- 
nars, Baldars und andrer der Ansen sich mythisch ausge- 
sprochen hat ; dabei wird der überall wenn auch nicht grund- 
böse doch gegensätzliche Loki mit dem gefolge seiner ver- 
derblichen unterweltlichen mächte nicht gefehlt haben. Völ- 
ker die zu Vodan beteten , und um das fortleben und forl- 
kämpfen der beiden als einer auswahl von treuen im kämpfe 
wüsten, werden auch das wifsen um endliche ahndung der 
untreue an den meineidigen und mordwölfeu gehabt haben, 
auch der im deutschen heidenthum schon stark ausgebildete 
rechtssinn führt auf diese annähme, die verbrechen, denen 
jener nordische mythus sichere strafe im endgeschick zu- 
spricht, sind nur solche welche ihrer natur nach höchst selten 
mit vollen beweisen zur abbüfsung oder vor menschliches ge- 
richt zur strafe gezogen werden können ; ein volksbewust- 
sein welches sonst so gründlich den zurückfall der bösen 
that auf den urhcber wollte, kann ihn für diese schwersten 
rechtsbrüche selbst im fall der bufsabfindung mit den men- 
schen noch schwerer erwartet haben. auch die nordische 
form der ahndung, eine wafserstrafe, lag deutschen stänunen 
nahe genug von der oberweit auf die unterweit zu ü'her- 
tragen, da von aufang an für das äufserste von unw iirdig- 
kcit nach Tacitus die sumpflauchc, einheimisch war, und da, 
wie Grimm gezeigt hat, als bürgerliche strafarten bei den 
Deulsclien nicht nur einfaches inswafserwerfen, sondern auch 
ausgesuchtere strafen im wafser, wie in Sachsen das sacken, 
zum iheil sehr lange fort beslandeii. dafs luin das an sich 
wahrscheinliche bei ihnen wirklich vorhanden vvai", dafür wird 
sich das folgende geltend machen lafsen. 

Zunächst bietet sich die auffallende sjirachliche erschei- 
nung dar, dals wie von dem nanien des nt)rdis('lHMi straf- 
flufses Slipr ein altes sehr bald aufgegebenes beiwort .v///>/-, 
Z. P. D. A. IX. 12 



178 DIE DEUTSCHE WASSERHOLLE. 

slipj'itg, sliprloga für schauerlich, gräfslich oder höllisch ent- 
stand, so im gothischen und in den sächsischen dialecten früh 
untergegangene adjectiva desselben Stamms, nur ohne die ab- 
leitung mit R, vorhanden sind, welche keinen weiteren sprofs 
der Wurzel neben sich haben woraus sie könnten erklärt 
werden, welche aber an derselben übertragenen bedeutung 
llieil haben: das goth. sia/p/s, das ags. sliße und sHpen, das 
alts. slfpi (und slidi) lalsen auf einen Slipi goth. SIeips 
in der unterweit schliefsen, wie slip?' und s/ipjf^ng- auf Slipr, 
wie ovvyiQog auf 2tv'^ hinweist. *) der gleiche gebrauch 
jener adjectiva für das schauerliche und grausige kann nicht 
verkannt werden: wie die ausführungen der räche am eignen 
fleisch und blut in der Edda hefndir slifirar ok särar heifsen, 
so sind von Ulphilas die schauervollen jähre der letzten Zei- 
ten sleidjai 2 Tim. 3, 1 genannt, und wird von Cynevulf an 
des heilands tödtung erinnert mit nn pa slipan tid El. 856, 
und an den ersten Ursprung des bösen und des Übels mit on 
pa slipnan tid Cod. Ex. 161, 27; Avie im nordischen ein 
grausiger mörderischer kämpf senna slip)7ifengligüst hiefs, so 
ist das sverdbealo sUpjen B. 2287 und gedenkt man slidra 
geslyhta 4791; sUprra säcce C. Ex. 384, 14; so ist der 
mörderische Herodes slidmöd, slidwwdi im Heliand ; wie im 
altnordischen der eher als s/ipri^gta//m erschien, so den Angel- 
sachsen als slipherde deor C. Ex. 344, 22. einmal steht 
es im gotliischen auch als beschreibung der dämonischen 
Matth. 8, 28 für gefährlich. 

Ebenfalls gleich ist das frühe erlöschen des Wortes, wo 
es das iiöllisch grausende bedeutete und somit heidnischen 
geruch hatte, im altnordischen habe ich es aufser der altern 
Edda nur in der stelle eines ungenannten alten Skalden siglur 
sUprdükadar Sn. E. 161 und bei dem noch im heidenlhum 
gebildeten Thiodolf von Hvin gefunden, der Haustl. 2, 6 vom 
riesen sagt, er habe slidrloga geschlungen; spätere dichter 
und die gesammte prosa brauciien es so wenig — ein com- 
positum sliprluigar hat noch Arnor um 1046 einmal Sn. E. 
95 — dafs es liiörn Halderson nicht einmal in sein lexicon 
aufnahm, früher abslract geworden war es im gothischeu, 

*) im hoclid. wäre sUdi zu erwarten gewesen , ein slithic fiodet 
sieb Dur noch in flössen, den reiclieabachischen und keronischen. 



DIE DEUTSCHE WASSERHOLLE. 179 

wo auch ein Substantiv und ein verbum daraus entstand, alles 
für Ulphilas unanstöfsig. die Angelsachsen, soweit ich sehe, 
haben es nur bis ins 8e Jahrhundert; es findet sich aulser 
dem Beov. nur im Exeterbuch, besonders bei Cynevulf, und 
im alliterierenden theil der psalmen, der weit älter ist als 
der prosaische, und einmal im Cädmon*); dagejjen bei Alfred 
nicht mehr, noch weniger bei Alfric. im alts. ist es nur 
noch im 9n Jahrhundert nachweislich. der verfafser des 
Heliand gebraucht das wort nur von bestimmten besonders 
strafwürdigen Sinnesarten und handlungen, namentlich von 
mordlust; den kindermörder Herodes nennt er stets sUduiir- 
dcan ku7iing 16, 20, oder slidmöd 19, 7. 21, 13. ebenso 
die Juden, die nach des herren blut dürsten 113, 8. 130, 10. 
136, 17. 169, 22, ihre herzen sind slipi hugi 169, 10; am 
tage des weltgericiits wird jeder gern menes tomig, slidero 
sacono 80, 7 sein wollen, mit men aber steht sonst mord- 
werk 82, 24 zusammen; den stein gegen die ehebrecherin 
soll aufheben wer von ihren ankliigern äno slidearo sundeon 
ist 118, 15. in keinem dialect gibt es ein gleichstammiges 
verbum daneben, womit auf eine sinnliche bedeutung zu kom- 
men wäre, das ags. slidan, släd , slideti , was wie das 
engl, to slide, schnell gleiten, entgleiten, fallen bedeutet 
hat, niufs fern gehalten werden, so passend es auch für einen 
flufsnamen wäre, da bei aller Schwankung des inlautenden J» 
in d , doch im n. pr. und adjcctiv die Schreibung mit {) die 
herschende ist. es kommt auch hier nur darauf an, das Ver- 
hältnis der beiden zu bestimmen, nun ist nicht anzunehmen, 
dafs der flufs Slipr von dem angeführten adj. der grausame 
gräfsliche benannt worden ; solche abstracte benennung wäre 
gegen alle analogie ebensowohl der unterirdischen als der 
oberweltlichen flufsnamen, die vielmehr eine sinnliche eigen- 
schaft des flufses oder das fliefscn, gehen, rinnen, wallen, 
rauschen selbst bezeichnen; man hat nur die wähl eine bei- 
den als unabhängigen ableitungen gemeinsame sinnliche grund- 
bedeutung anzunehmen , wozu man durchaus keinen anhält 
hat, oder zu gestehen, die abslracten bedeutungen sind von 
der untcrwelilichcn örilichkeit entsprungen, wie Gtvyf^onQ, 
stygius und unser als adv. schon nur steigernd gewordenes 
') eine zusammenslcllung in Boulerncks glossar s. 250. 

12* 



180 DIE DEUTSCHE WASSERHOLLE. 

höllisch, und wie auf sehr vielen punclen innerlialb des ger- 
manischen appcllalive bedeutiingen aus mythischen eigen- 
namen hervorgegangen sind, der name Slipr selbst enthält 
wohl zwei mittel der ableilung, so dal's nur sli aus slihn?i 
oder slicnn wurzelliaft ist; in diesem fall ist ahd. sleo, sle- 
wcs ags. slär nord. sliär (hmgsam, stumpf) zur erklärung zu 
ziehen, denn dafs dies wort, was goth. slaivs heifsen würde, 
auch auf stumpfen langsamen flufs übertragen wurde, beweist 
sli-in (schleim): schwerlich hat es wirklich ein nord. sächs. 
filifian , sh-if) gegeben; dafür liefse sich sicher nicht das nord. 
sliitra ( langsarakeit, trägheit*) anführen: von dortlier aber 
gelangt man zu einer grundanschauung die vortrefflich zu der 
arl des sumpfigen schlammigen langsam fliefsenden mylhi- 
sihen flufses stimmt, nicht aber zu den abstracten bedeutun- 
gen gräfslich, grauenhaft, mörderisch, schädlich, strafe.**) 
ob sich nicht irgendwo noch ein flufs oder eine an einem 
wafser gelegene Stadt mit dem namen jenes dunkeln Walsers 
der unterweit finden sollte? kann das durch den geschicht- 
schreiber Sleidauus berühmte Schieiden an der Oleff in der 
Eifel verglichen werden ? die Schlei bei Schleswig hiefs sonst 
Slia; die bedeutung ist mir unbekannt, wenigstens in der 
Wurzel verwandt mit Sli-par scheint das in ags. Urkunden 
nicht seltene sloh für lache, Schlund oder sumpf, entsprechend 
dem heutigen slovgh z. b. pät füle sloh Dipl. ni, 406 auch 
382. genug jener flufsname ist ohne sinnlicher anschauung 
zu erklären , und sein Vorhandensein auch stets da wahr- 
scheinlich wo das abstracterc adjectiv war. 

Dazu kommen nun bilder und ausdrücke in nordsächsi- 
schen alten schriften, welche an den eddischen strafflufs zum 

') dieses ist, wie B. Halderson riclitig angiebt, die gewöhnlicLe 
abweichung für slinnra {ulinthra ; sliiini ist ein träger; slindiiilegr wie 
slid/iriifegr steht für langsam , trag. -- ein andres im nord. sehr ge- 
wöhnliches wort slidluir f. pl. scheide, mit den zusstzgen slidhra- 
v'öndr sli'dhrlogi der scheide flamme Kräk. 12 sli'dhra fhoin eb. 7 kann 
nicht hierher gezogen werden ; der pl. weist auf die in der scheide 
verbundenen zwei slücke hin , und bedeutet auch streifen , blätter, 
platten, also das geglättete stück, sei es leder oder metall, gehört ."-o- 
mit zu sli'dan gleiten. 

**) eine ableilung des sl/d/ie aus dem indischen s. bei ßouferwek 
H. a. o. 



DIE DEUTSCHE WASSERHÖLLE. 181 

llieil hell und deutlich erinnern , und deren zeugnis man bei 
dem lungern haften heidnischer erinncrungen im norden nicht 
brechen kann durch den einwand dals sie aus christlichen 
Jahrhunderten sind, niedergeschrieben von Christen. 

Das merkwürdigste Zeugnis ist die visio Godeschalci in 
Leibnitz Script, reruni Brunsvic. , welche ich hier, um ihr 
gewicht aufzuweisen, so weit vorführe als sie Leibnitz aus 
seiner handschrift ausgezogen hat; es ist zu bedauern dals 
er meist nur überschrillen der einzelnen abschnitte, nicht die 
ganze ausfiihrung gegeben hat. als Heinrich der löwe nach 
kurzem aufenthalt in England 1188 aus seiner Verbannung 
zurückkehrte um das nördliche Sachsen wieder einzunehmen, 
und die bewohner Holsteins aufgefordert wurden ihm beizu- 
slehn , kam gezwungen auch Godskalk, ein bauer aus Hor- 
chen , eine meile von Neuniünstcr, angewiesen zu arbeiten 
bei der belagerung des schlofses Segeberg, er wurde krank 
und gerieth in einen fünf tage anhaltenden ekstatischen zu- 
stand, während dessen er seinen leib für todt erklärte, nur 
seine seele lebe und schaue übersinnliche dinge, das gesiebt 
stellt gute und böse auf einer Wanderung dar, bei der die 
letzten besonders viererlei strafleiden treffen bis sie zu den 
feuerstrafen gelangen, die erste anschauung Godskalks ist 
eine linde voll schuhe , für die welche durch das verderben 
unverletzt hindurch gehen sollen , ein engel auf der linde 
tiieilt sie aus (c. 3). er selbst mufs mit hundert und zwanzig 
andern den ersten strafort durchwandern, eine gegend voll 
dornen und disteln, die seine blofsen fiifse ganz durchstechen 
(c. 7), ein engel geht zur linde und bringt ihm schuhe (c. 8), 
dann eine collatio iuslorum et miserorum (c. 9), hierauf folgt 
c. 10 de poena aquac, et dujdici periculo eins, ßumus evdX., 
JVvrois aciebus repletus , quem transiie oportebal; c. II de 
consolatione et ratione consolationis iustorum. ligna natantia 
sponle ad litus appulsa eos recipicbant, alque inter eos Go- 
descalcum ; c. 12 de pocna iniquorum. hos Humen transi- 
luros acies illae conscindebant et carne [»rivabant; c. 13 de 
reslauratione et separatione punitorum et de processione par- 
lis utriusque; c. 14 de trivio c. 15 de poena aeris foetidi 
et baratro viae ad sinistram ; c. 1(5 de via dextra ad collem 
elevala ; c. 20 de poena ignis : hier nun brennt den dieben 



182 DIE DEUTSCHE WASSERHOLLE. 

die liaiic], den schwelgern der bauch, einigen der ganze leib, 
ganz nach der sonstigen ausraahlung der höllischen feuer- 
strafen, aufgezeichnet ist das zwar von einem geistlichen, 
dem pfarrer von Neumünster, der Godskalk 1190 vernahm, 
da dieser in seine parochie gehörte, doch wird niemand im 
ernst behaupten , der pfarrer habe die wafserstrafen aus der 
Edda Saemunds (f 1133) erst hineingetragen, oder gar dafs 
der kränkliche bauer seine anschauungen aus früher gelese- 
nen büchern und zwar aus bekanntschaft mit den gegenwär- 
tigen schriftlichen eddaliedern erhalten habe , die bis ins 
16e jahrh. niemand gekannt hat. das volksmäfsige der Vi- 
sion, bei welcher sich offenbar christliche und heidnische an- 
schauungen und erinnerungen gemischt haben, springt in die 
äugen, die Wanderung fängt von der linde an ; die linde, 
die dornige distelheide, das waten durch den flufs, die sich 
selbst nach dem ufer lenkenden flölse, der kreuzweg endlich, 
wo gut und bös auseinandergeht, das sind echt deutsche 
züge , durchaus nicht der christlichen Überlieferung ange- 
schlofsene ; die schuhe für die Wanderschaft nach den unter- 
welllicheu gegendeu erinnern an den todtenschuii {helskö) 
womit die Nordländer den abgeschiedenen versahen, der flufs 
endlich mit den eisernen spitseri oder Schwertern (acies), 
welche den bösen, die ilin durchwaten raüfsen, den leib zer- 
fleischen , gleicht völlig dem Sli[)r, der nach dem Kopenh. 
cod. der Vol. 33 saiirom. ok sveräom flols, wofür der Stock- 
holmer die unmythische verflachung giebt sain'om ok si'er- 
dum, mit rasenstücken. schon Finn JMagnusen hat richtig 
den slrafllufs Indiens der mit schmutz und schwerlern fliefsl, 
im lex. mythol. verglichen; der nordische ziig von dem stin- 
kenden kolh des Walsers ist in unsrer darslellung nur ver- 
sprengt in die poena aeris foelidi, und diesen höUengeruch 
der inl'ernalen mächle kennen unsere volkssagen noch voll- 
kommen. 

Waren nun sitlche vorslellunjren von wafserstrafen der 
Unterwelt dem nordsärlisichen volke noch neben den christ- 
lichen gangbar, so darf man hier auch erinnerungen daran in 
ausdrücken annehmen die zunächst eine andere anwendung 
haben, solche linde ich bei dem unter allen bibeldichtern 
am meisten in volksmäfsiger darslellung sich hallenden dichter 



DIE DEUTSCHE WASSERHOLLE. 183 

des Heljand; er hat nicht nur feuerstrafe, sondern auch 
wafserslrafe in alliterierenden zum theil sehr alten Ibrnieln. 
so in dem von Noahs flut gebrauchten ausdruck ina ncrida 
g'od . . will pes ßudes fann 133, 9, ein wort das sonst nur 
von der höllenstrafe vorkommt: y>/;Y/ kiosan an fiures farm 
75, 10. wie diese nun herschend hclliwitl oder einlach xviti 
heilst, so findet sich auch umteres uiiti und zwar in einer 
stelle wo man nicht wie bei der flut eine christliche straf- 
vorstellung darin finden kann : Petrus der auf den wellen 
gehen soll, gerufen vom lierrn , fürchtet das wafser, tho 
sprac imu en pero manno angegin obar bord scipes , bar- 
wirdf'g gmno, Petrus pe gudo, ni weide pine poloji uuatares 
uuiti: cf pu it waldaiid is . . . 90, man darf in solchen alli- 
terierenden formein um so wahrscheinlicher reste von heid- 
nischen erinnerungen sehen, da im Heljand bei Schilderung 
der unterweit noch mehr des alten begegnet, namentlich die 
düstern thäler 65, 9, das tiefe thal des todes 157, 22 im 
vergleich mit den neun nachte zeit kostenden dunkeln und 
tiefen ihälern durch die Ilermodr zur unterweit reitet nach 
Snorras edda , und die zorngesinnungen die die bösen da 
mil zahnen beifsen , thar sie iro tarn manag tandon bilad 
65, 10, wobei die eddischen schreckbilder , nidhöggr und 
wolf, noch nicht ganz der sinnlichen lebendigkeit entkleidet, 
ins innere versetzt sind. 

Man sieht leicht wie, nachdem die unterweit ganz zu 
einem strafort geworden war, in der christlichen anschauung 
von der eigentlichen höllc kein räum mehr für einen unter- 
irdischen flufs bleiben konnte, da dem höllischen feuer kein 
tropfen beiwohnen durfte (Mallh. 16, 24); daher rückte das 
waiser entweder in eine vorhölle , \\ic in Godskalks vision, 
oder, das kommt auch vor, es wird n;»mentlicli ein trübes, 
vielleicht übel dunstendes wafser, wie es in höhlen, wäldern 
und moorländern nicht selten ist, als eingang zur unterweit 
(feuerhölle) vorgestellt; auch in solchen fallen darf man forl- 
\\iikendes heidentlmm annehmen. von belegen dazu sind 
mir nächst einer italienischen sage auch einige isländische, 
englische und deutsche zur band, bei Putcoli ist ein see 
mit dunkelm verderblichem wafser. ein bischof Johannes von 
Puleoli, so erzählt Gervasius Tilberiensis in seinen Olia im- 



184 DIE DEUTSCHE WASSERHOLLE. 

perialia*), hörte einst in der gegend viele klägliche stimmen ; 
er machte das wafser durch darauf ausgegofsenes feines öl 
ganz durchsichtig, da sah er unter dem wafser eherne thore 
und riegel und erkannte daran die pforten der unterweit. — 
eine aus dem ersten christlichen Jahrhundert Islands herriih^ 
rende sage erzählt dafs in der Brianschlacht 1014 ein schon 
zweimal seiner sünden wegen in Rom gewesner gefolgsmann 
des orkadischen jarls, Hrafn der rolhe, in einen ßufs gedrängt 
wird, der übrigens nicht näher beschrieben wird; da schien er 
sich die höllischen quälen {hclwitis kvalar inidri) in der tiefe 
zu sehen und wie die teufel ihn zu sich reifsen wollten; er ruft 
den h. Petrus an, gelobt eine dritte romfahrt und kommt 
glücklich hinüber, so die Nialsaga c. 148, die im anlang 
des 12n jh. aufgezeichnet ist. an der südlichen seile des 
jetzt erloschenen und sehr eingesunknen vulkanischen Krabla 
in der nähe von Myvatn, so erzählt Eggert Olafson**), lie- 
gen zwei stinkende seen, die ihn nicht unbekannt werden 
lafsen ; diese seen nennt man inte, abgekürzt aus helvite, 
welches die hölle bedeutet, woran ohne zv.eifel ein alter 
aberglaube schuld ist. 

Viel trugen sich mit visionen vom fcgefeuer oder viel- 
mehr vom reinigungsort , denn nicht allemal ist nur feuer 
darin, und von der hölle die Angelsachsen, in den schon 
von Beda erzählten gesiebten des than Drihthelm , der nach 
seiner im Scheintod empfangenen Offenbarung ins kloster 
Mailros gieng, hat der vororl 'n\ einem breiten tiefen thale' 
feuer zur einen und hagel und kälte zur andern seite , die 
feuerkugeln aus der hölle selbst steigen wie aus einem tiefen 
brunnen auf. — sichtbar für alle sich ernstlich vorbereiten- 
den zu sehen war dergleichen iti dem sogenannten purgato- 
rium sancti Patricii in Irland; den namen und den bericht dar- 
über gebe ich aus llanulph Higden'**). auf einer der bei- 
den inseln des sees Ultonia in Irland , die den anlaufen des 
teufeis ausgesetzt ist, ist ein wafser worin schon verschie- 

*) Lcibnilz stri|)l. 1, '.166. er spricht vom Averner see, wo schon 
nach Virgil unterweit war. über die mehrfachen Acheron auf der 
Oberwelt handelt Nilzsch zu Od. x, 511, vergi. v, 184. 
**) Keise in Island. liop. u. t^eipz. 177."». 2, 58. 
***) Bei Gale Script. 1, 183. 



DIE DEUTSCHE WASSERHOLLE. 185 

(lene die anlange der liöllenstraf'cii gesehn und empfunden ha- 
ben, es ist ein runder trüber dunkler teich, der bald mit 
einer mauer eingetalst und von den räunilichkeiten eines 
klaslers umgeben wurde, 'wenn jemand' fährt der clironist 
fort 'die quälen als aufgeleckte hülse ausliält, wird er, auch 
wenn er zuletzt unbufsferlig ist, die höllenstrafen nicht zu 
leiden baben.' merkwürdig noch ist die vision eines Solda- 
ten von der Patrikhöhle bei Maltheus Parisiensis s. 84 fl". 
er sah , und zwar unter den Vorstrafen , nach den feuer- 
qualen, wobei die glieder mit eisernen , feurigen nageln bis 
auf die erde durchstochen wurden einen kalten und slinken- 
den flufs, in welchen alle und mit ihnen der soldal geworfen 
und von teufein untergetaucht wurden, dann erst die flamme 
mit Schwefelgeruch die aus einem brunnen aufstieg und für 
den eingang der liölle erklart wurde. — man sieht, wie auch 
die dunstigen flüfse und seen, die man in grofsen höhlen an- 
trifft, zur Vorstellung unterweltlicher strafwafser führten, eine 
anschauung die gewiss der heidnischen zeit nicht ferner lag 
als der christlichen. 

Aus Deutschland scheinen derartige halbheidnische fest- 
haltungen des Walsers früher verschwunden zu sein ; doch 
lafsen sie sich aus namen erschlief.sen. ich denke an den 
Muschioillensee , von dem Kuhn erzählte*); manche seen 
mögen dann den namen leufelsce geführt haben , wie der 
bairische, dessen Arnpekhs chronicum Boiariorum gedenkt: 
die verworfene seele Arnolds des hcrzogs der Noriker, die 
937 von) körper schied , zogen die leufel in einen schilfsee 
nahe beim castrum Schirense, wo die leute nachher oft heu- 
len hörten, daher der lacus Schirensis allgemein teufelsee 
hiefs**). Ofhlo aus Freisingen, der 1032 mouachus Augieii- 
sis ward, und 1002 nach Fulda kam, sah in geistiger ent- 
zückung sehr viele feuerbrunncn furchtbare flammen aus- 
speiend , und die seelen der elenden in gestalt schwarzer 
vögel durch die flamme llatlernd und heulend , dann auch 
einen ßu/'s mit Jeu er und pcch, worüber ein balken als eine 
arl brücke gelegt war zur reinigung der nur etwas sündigen 

*) Norddeutsche sagen und lualiirliOM. Lei|)Z. 1848. s. 255. 5Ul. 
•*) Pez thes. I. 1. p. III (). 142. 



186 UNTERGEGANGENE HS. 

Seelen*), die auschauungen der seelen als vögel und von 
der schwippe über den flufs , woran offenbar die seelen sich 
anhaltend, im feuer hangend, kürzere gelindere quälen lei- 
den, sind durchaus volksniälsig , die erslere heidnisch; der 
flufs geht nun nach christlicher Vorstellung mit feuer, kann 
aber als solcher nicht dem einflufs biblischer ausdrücke zu- 
geschrieben werden, denn einzig in der apocalypse gab es et- 
was ähnliches ; der feurige pfuhl, wie Luther stets hat, heifst 
immer '/.if-ivi] tov TivQÖg apocal. 20, 10. 14. 15, niemals flufs. 
noch bei Barlholoraaeus Ringwald sagt eine seele in der höUe, 
obwohl nun keine spur mehr von wafser ist 'derhalben ist auch 
billig ietz was seichter in verdamnis sitz' tr. Eckh. 70. viel- 
leicht lafsen sich auch die Zusammensetzungen unglückspjuhl, 
unglücksflufs, ung'Iücksschlamm, die ich bei dem Hamburger 
Brockes häufig gefunden habe, als unbewuste verdunkelte reste 
der erinnerung vom schlammigen slrafflufs in der deutschen 
Unterwelt betrachten. 

Will man also hier wie sonst für die bei uns unter- 
gegangenen mythen die nachklänge in der spräche und in den 
einzelneu zügen der sage als beweise gelten lafsen, so wird 
der turbidus hie coefio vastacjiie vnragine gurges mit den 
hier daran angeknüpften anfangen der vergellungslehre von 
den nordischen stammen auch auf die deutschen zu er- 
strecken sein. 

MARBURG. DIETRICH. 

*) Vlsiones c. 19. Pez III, II, 597. 



UNTERGEGANGENE HS. VON W0LFRA3IS 
WILLEHALM. 

Durch hr/i geh. archivar Bnur zu Darmstadt , wel- 
cher mir das in dem gräf/iche/i arcJu'oe z-u Erbaeh im 
Odetiwalde aufbewahrte, aus 27 papierblätlern in kleinstem 
oclae besiehende erste Copial-Buch enthallend Abschriften 
von den Stift- und Schenkungsbriefen zur Capellc in der 
Stadt Erbaeh gestiftet von Scheiick l^^bcrhard und Designa- 
tion der ständigen Gülten und Ziunfscn d: a: 1370 usque 



VON WOLFRAMS WILLEHALM. 187 

ad aiiiios 14f^*) freundlichst zusandte und mich auf den 
t/?nsch/ag' des ivakrschei/i/ich schon im ]5n Jh. gebunde- 
nen bächleins aufmerksam machte, bin ich in deti stand {ge- 
setzt, eine schöne, ohne Zweifel noch aus dem \Zn jh. stam- 
mende , bisher iinhekannte untergangene pergamenths. von 
IVolframs JVillehalm nachzuweisen, jener aus einem gröfse- 
ren und einem kleineren stücke zusammengenähte , oben 
und unten eingebogene Umschlag niimlich ist ein trauriger 
Überrest derselben, aus diesem ergiebt sich dafs das for- 
mal der hs. folio loar mit breitem unteni und seitenrande. 
jede Seite hatte zwei spalten von je 52 abgesetzten, zwi- 
schen liiiien gleichniäj'sig und zierlich geschriebenen ver- 
sen. der grofse anfangsbuchstabe, welcher den anfang 
einer hauptablheilung bezeichnen soll**), ist roth, aber 
ohne erhebliche Verzierung, der einer unter ab theihing***) 
oder eines eigennamens nur roth durchgestrichen, was 
nun unsern Umschlag im besondern betrifft, so besteht der- 
selbe atis einem arg verstümmelten blatte das mit 250, 15 
bei Lachmann begann und mit liil ^ 12 schlofs. die hälfte 
dieses blattes, auf welcher die erste und die vierte spalte 
stehn , ist bis auf die untern 19 Zeilen (251, 18 — 252, 6 
und 25G, 24 — 257, 12) weggeschnitten, das gleiche Jln- 
dbt sich bei der zweiten hälfte mit der zweiten und. drit- 
ten spalte, von welchen die verse 253, 10 — 28 und 255, 
2 — 20 geblieben sind, aber aus dem oberen abgejällnen 
theile dieser letzten hälfte war das erwähnte angenähte 
kleinere .stück des Umschlags herausgeschnitten und so 
werden durch dieses jene zweite und dritte spalte bis auf 
6 unter der scheere des buchhinders verlorne verse (253, 
4 — 9 und 25^, 2G — 255, 1) ergänzt, doch ist die ergän- 
zung nicht vollständig ^ denn von den inwendig auf die- 
sem kleineren stücke stehndcn versen (252,7 — 253, 3) 
sind durchweg anfangsujorte und von den versen auf der 
auj'senseile (253, 29 — 254, 25) hie und da die endbuch- 
staben weggeschnitten-];), dazu ist bei diesen letzten ver- 

*) So steht auf einer spü(ern äiißerufcn blauen decke. 
**) 252, 25. 255, 3. 257, 1. 
*•*) 253, 19. 

t) 253,28. \[rcbel] 30 [iiebel] 25 i, 3 /a[r//] S cbla8[c«] 
22 \n[ter] 25 [toi] 



188 UNTERGEGANGENE HS. 

se?i vieles abgeriehen und erloschen, überhaupt erscheint 
die Schrift auf der aufsenseite des ganzen Umschlages, 
ivelche 253, 29 — 257, 12 mit ausfiahme der loeggeschnit- 
tenen ver^e 254, 26 — 255, 1 und 255, 21—257, 23 um- 
fafst, dermafsen abgerieben da/s namentlich so weit das 
erwähnte gröfsere stück reicht (255, 2 — 20 und 256, 24 
— 257, 12) aufser mehreren eingebogeiien verszeilen kaum 
noch einige ivorte zu lesen sind*), dies vorausgeschickt 
lafse ich einen genauen ahdruck des bruchstücks folgen 
und bemerke dafs die i init dem strichlein oben über 
durch i bezeichnet sind und auch das zweimal vorko?n.- 
mende i (wibe 252, 19. sit 253, 18) sich angegeben ßndet. 
dann habe ich verletzte buchstaben durch cursivschrift an- 
gedeutet und über diejenigen , welche sich nur vermuten 
lafsen, in den anmerkvnge?i berichtet. 

GIESSEN. WEIGAND. 

s. 1. sp. 1. 
[251,18] toir wceren vz werdecheit verlribu. 
het ir minen svn verchorn. 
[20] da mite wsere diz laut verlorn, 
vnde Oransce div vesle. 
aller bvrge div beste. 
d von stvrnie manege not. 
enpfiencb wan daz iv gebot, 
[25] iw"er triw°e vn iv noch gebivtel. 
daz iw°er pris bedivtel. 
wes sich friwnt ce friwndin sol vsehu. 
des mach min svn der markis ieh'n. 
vnt sine mage vber al. 
ir habt den totlichen val. 
[252] vnsers chunnes wol ver golden, 
ob wir nv niht gerne woiden. 
dienen nach iw'erre hvlde. 

*) 256 , 30 iat zum (heil i/?ilesbai' durrli das später darauf ge- 
schriebene trort Fuudattores , woruii/er dann cofi derselben hand 
Schenck Eberbart Elizabet 

•) 251, 18 wir] nicht mehr zu lesen, die obern t heile der bnch- 
staben sind weggeschnitten. 23 d] iv hinter d vom aufkleben ei- 

nes blattes völlig erloschen. 



\ ON WOLFRAMS WILLEHALM. 189 

(llv vnverchorn scvlde. 
[5] soll immer vnser sin vor gole. 

wir svln mit triwen in iwerm geböte. 
s. 1. sp. 2. habe wir sinne. 

svn (Ivrh iwer minne. 

ce viende brahle. 
[10] riw'e des gedable. 

ramer dvrh Tybalt. 

wsce chom mit dem gewall. 

t'ch div hers flvt besaz. 

w^er gvte niht vergaz. 
[15] bt der minne ir reht getan. 

7nmev ellenthafte man. 

Ions scvleu gedenchen. 

niht ir dienstes wenchen. 

werder wibe minne gern. 
[20] ir svlt mich des gewern. 

ir dvrch den dienest min. 
vrch ander fvrsten die hie sin. 

w°er weinen lazet. 

hercen sorge mazet. 
[25] ?il in siner hende lach. 

i'negin chvme des gepflach. 

z'ncniichez hisscen. 

it rede begvnde raisscen. 

besten vater sido sprach. 

t er chantez vngemach. 
[253] wit gemezzen leit. 

o /anch vfi ovch so breit. 

iv heidenscalt enplant. 



[10] der bede gemachet hat. 
den krislen vnt den beiden. 

252, 6 von späterer hand etwas tiefer auf dem untern runde 
noch einmal, aber statt triwen 'iruwen' 25- über ' nC ein rof/ier 

strich als rest der Verzierung, welche von dem grofsen rot/ien an- 
fangsbnchstaben der zeile ausgieng. 30. t] fast ganz weggeschnit- 
ten und nicht mehr lesbar. 



190 UNTERGEGANGENE HS. 

ach was vliisle in beiden, 
an mir w°hs bede in vnde vns. 
svs han ich herre iwers svns. 
[15] en kolten . vnt der wirde sin. 
da^ iw^er niage vnt di min. 
zcni /ode ir werdechlichez lehn, 
hanl ce beder sit gegebn. 
Hoch fvrsle in di werdecheit gedigen. 
[20] wie soll ich iamer han ver swigen. 

swenne ich den scehe des manlich frvht. 
mit also ellenthafter zvht. 
mit vröden was ensprvugen. 
ich chlage den sconen ivngen. 
[25] Vivianzen d* ce vorderst mvz. 
minen sivfzebaren grvz. 
immer fvr daz lachen han. 
waz hat der bitter tot getan. 
s.2.sp.l. an dem chlaren svzen chivscen v 
andervt man;/e antlvzze ^-in 
[254] as swa sin blich er seein 

dew pris trvc er vor vz al eiw 

in ff/anz was wol der ander Pa 
*wa sin lip vf aliscanz belach 
[5] da mo en ivngiv svnnelin 

wahs vz sime liebten sein. 

wil nv nimmer so betagen 
eile den elen chlag 

ander d/ wir n verlorn 
[10] iamers erborn 

ich herre an r zvht 
de vz mime hercen vlvht 
niht wi 
geniezeu des ^az 
[15] Iriwe 

mir d* tot am 

mage min 

chlagendc sin 

254, 5 — 24. alles in den vevszeilen fehlende abgerieben und er- 
loschen. 



VON WOLFRAMS WILLEHALM. 191 

des töfes nilil. 
[20] doch an in gibt 

rilen bß/er 
isem venster mir va 

?oeinende 
vn der ?«nier de vo» tm 

[25] waz hoher mage vns nam der 

* * 

s. 2. sp, 1. 
[255, 2] ehr ir lehn gein im \kouJten. 

Minen magen di der lot nani zim 

der kvnec Pinel von Ahsim 



[256,24] wingarten . böme . gesaetez velt. 
al die wisen vnt di beide, 
ors vnde ander vih div beide 
al den bw° vnz an 
die vögele daz w 
wolt ich der 
daz het er 
[257] D 

21. \>ater\ 'ater' undeutlich durch abreiben. 

255, 2. V kovflen\ aus den verbliebenen untern enden der bitcli- 
staben vermutet. 5 — 10 abgerieben und nur ivenigcs noch mit 
mühe zu lesen: 8. ura 9. sea svii 13 cljaiiach li. an im 
gescach 15. N . . patris . lO. meiincsclicliez 17. sein 
19. gcsanl 20. id toten vant 

256, 27 — 30. das an den verszeilen fehlende abgerieben und nicht 
mehr zu lesen. 

257, 1 — 12. aufser dem D alles abgerieben und erloschen. 



192 THEGATHON. 



THEGATHON. 

Eine zuerst von Wilkens in seiner geschichte von Mün- 
ster, dann von Pertz nion. 2, 377 herausgegebene alte nach- 
richt von einem kämpfe der Franken und der Sachsen im 
3Iiinslerlande im j. 779 gedenkt einer silra St/lhrri quae 
fnit thegathon sacj^a. das anfangs befremdende thogathon 
ergab sich als eutlehnl aus Macrobius zum soranium Si:ipio- 
nis 1,2 — suminum et principem omniinn deum, qui apuci 
Graecos rccyad-öv — nuncupatur, und bei dieser erklarung 
ist Jacob Grimm myth. s. 61 geblieben, 'gewiss eine sehr 
unsichere annähme' nennt sie hr W. 3Iiiller, gesch. und 
System der altd. religion s. 328, und meint thi'gathon auf 
eine einfache weise' aus dem celtischen zu erläutern, aber 
auch hier war es vom übel aufs gerathewohl ins celtische zu 
tappen, jenes halbgelehrte thegathon steht nicht einsam. 
Honorius Augustodunensis de imagine niundi 1 , 123 super 
hunc crate)\ in quo tagaton, id est summus deus , pastam 
miscuit, de qua am'mas feeit, de qua adhuc aniinae le- 
thaeum poculum bibunt, cum corpora intereunt. H. 



ERKLARUNG. 

Irrthümlich habe ich in meiner schrift über Freidank 
s. 22 eine bemerkung über Helbling herrn professor Moriz 
Haupt, in dessen Zeitschrift 4, 246 sie steht, beigelegt: sie 
ist volles eigeulhum des herrn professors Theodor Georg 
von Karajan. 

Berlin im märz 1851. WILHEL31 GRIMM. 



CYNEVULFS CRIST. 

Uuter den schätzen des Exeterbuchs, durch dessen er- 
öffnung der hochverdiente Thorpe sich weithin ehre und von 
uns den lebhaftesten dank erworben hat, befinden sich zwei 
dichtungen welche den nanien Cynevulfs, des ruhmvollen dich- 
ters der Elene, tragen, die eine ist die in sieben gesängen 
bearbeitete legende von der heiligen Juliana, die andere, de- 
ren wahrer umfang hier gezeigt, und worauf weiteres ge- 
gründet werden soll , ist eine Schilderung' des jüngsten ge- 
richts, in deren eingaug der dichter sich mit ähnlichen ruuen 
nennt als am schlufs der Elene. sie ist aber nicht eine 
dreitheilige , sie erstreckt sich nicht nach des herausgebers 
angäbe nur über cod. Exoniensis s. 49, 1 — 66, 34, sondern 
hat acht theile , wie der erste blick auf den inhalt der soge- 
nannten 'hymnen' s. 49 — 103 lehrt, ihr gegenständ, die 
handlungen und reden bei der Wiederkunft Christi zum ge- 
richt und der Scheidung der unseligen von den seligen , hat 
einen langsamen aber stetigen forlschritt und ist nah ver- 
wandt mit der darstellung im 3Iuspilli, nur dafs der legende 
von Henoch und Elias noch kein eingang verstattet ist. 

Schon nach erkenntnis dieses Zusammenhangs kann es 
der verehrte Thorpe jemand nicht verdenken, der dem geist- 
lichen werk mehr werth und anziehungskraft beiniifst als er 
ihm und den vorhergehenden stücken zugestand, indem er 
sagte , er möchte die ersten hundert seilen alle geopfert 
sehen , wenn dadurch hätte ein einziges der späterfolgenden 
weltlichen gedichte wie ' the ruin' vollständig erhalten wer- 
den können, die richtige darlegung des inhalts soll zeigen 
dafs, wer nur poesie an geistlichen Stoffen für möglich hält, 
dem epos von der Wiederkunft des himmelskönigs keinen ge- 
ringeren dichterischen werth zuerkennen kann als etwa dem 
Muspilli ; überaus wichtig ist es als Zeugnis für Cynevulfs 
eigenscliaften und kräfte und als Wegweiser für das Verständ- 
nis des im codex voransteheiiden. 

Z. F. D. A. IX. 13 



194 CYNEVULFS CRIST. 

Auch das andere was man für selbständige besondere 
loblieder hielt, von s. 1 — 48, reiht sich zusammen zu gröfse- 
ren ganzen; es si/id zwei fortlaufe7ide epische gedieh te, 
deren entwickelung der viel leichleren des dritten liedes vom 
gericht vorangehen soll : durch das alles wird sich zeigen, 
die drei gröfseren gedickte stehen in einem planm'dfsigcn 
zusammenhange und haben einerlei verfafser. sehr zu be- 
klagen ist dafs der handschrift die sieben ersten blätler feh- 
len , so dafs das erste gedieht nur ein bruchstiick ist; es ist 
indessen, da es vom achten bis auf das vierzigste blatt reicht, 
in der ausgäbe s. 1 — 27, grofs genug um seinen gegenständ, 
zum theil auch seine anläge festzustellen. 

Damit aber die bisherigen 1 5 einzelnen hymnen , deren 
Zusammengehörigkeit ins licht gesetzt werden soll , leicht 
festzuhalten seien, wähle ich zahlen dafür welche auf Thor- 
pes Überschriften verweisen, es sind danach erhalten fol- 
gende: I to Jesus Christ, II to the virgin Mary, III on 
ihe nativity, IV^ on the same, V^ to the trinily, VI on the 
uativity, VII on the nativity and ascension , VIII on the 
ascension and the harrowing of hell, IX hymu of praise 
and thanksgiving, X hymn in continuation of the foregoing; 
XI poems on the day of judgement 1 — 3, XII on Ihe cru- 
cifixion , XIII on the day of judgement, 1. 2; XIV^ on the 
crucifixion elc, XV of souls after death etc. 1. 2. — zwei- 
mal ist Zusammenhang bereits erkannt, zwischen VII und 
VIII und zwischen IX und X, dagegen scheint man die un- 
ter XI begriffenen theile für nebeneinanderlaufende gesänge ge- 
halten zu haben, was auch Wanleys ansieht gewesen sein 
mag, der sonst richtiger für XI — XV^ dieselben bezeichnun- 
gen hat, die er jedoch auch nr VIII sehr ungehörig gab. im 
folgenden soll nun zunächst erwiesen werden, dafs nr I — VI 
die ankunft Christi auf erdeti , VII — X seine hinwie (fahrt, 
XI — XV seine Wiederkunft zum gericht ausschliefslich zum 
gegenständ haben. 

1. 

Die sechs ersten gesänge, welche, wie eben angedeutet, 
nur die forlsetzung und zwar die zweite hälfte eines lehr- 
gedichts über die j^churl des lieilandes gewähren, belreffcn 



CYNEVÜLFS CRIST. 195 

von nun an besonders das geheimnisvolle und den segen sei- 
nes eintrilts in die meiiscliheit, gemeinsam ist ihnen äufser- 
lich die häufige anrode mit eala, wie im anfang der gesänge 
II — VI, so in ihrer mille s. 2, 12. 4, 9. 7, 20. 9, 5. 11, 24. 
14, 4. 22, 7. dies mag verführt haben einzelne lieder an- 
zunehmen, deren Überschriften oft nur nach den erslen wer- 
ten gemacht sind , während es nur zur redeforui gehört und 
dadurch hervorgerufen ist dafs die betrachtung bald sich in 
gebet auflöst, bald, wie sonst im guten epos , in apostrophe 
und in dialogische form eingekleidet wird, zum gründe liegt 
diesem rest des gedichls epische behandlung von Matlh. 1, 
18 — 23, was nach dem gedächlnis mit übergehung des trau- 
mes Josephs ausgeführt und durch viele auf das kommen 
Christi bezügliche bibelstellen beleuchtet wird, dabei bewegt 
sich der dichter ganz frei; er giebt uns nichtbiblische ge- 
sp.'iiche zwischen Maria und den bewohnern Jerusalems, er 
läfst uns nichtbiblische, nach rein menschlichen gefühlen ent- 
stehende klagen Josephs gegen Maria und erklärungen Ma- 
rias an Joseph über das geheimnis ihrer empfängnis verneh- 
men , worin sie vorträgt was nach dem evangelium Joseph 
schon durch den engel erfuhr; der dichter erweitert einen 
biblischen lobgesang der engel , er fügt einen eignen hinzu, 
so dafs man den schlufs lyrisch zu nennen hat. das unter- 
liegende epische tritt 3, 13. G,2l. 10, 7 und von 11 an 
häufiger hervor. — die gemeinsame beziehung des Inhalts 
aller stücke auf die ankunft Christi zeigt schon die stets 
wiederkehrende bitte , dafs er auch ankommen möge in den 
herzen, dals seine hierherkunft die sehnsüchtigen befriedige, 
die reuigen auch jetzt und hier begnadige: nü is päm veorcc 
pearf, [)(U se criiflgn cume (zum ausbau seines verfallcnca 
hauses) 1, 21 ; nu is pat bearn cijmen 5, 8 (I^ ; hidcd, pät 
pu pä beorhlan us sunnan ofiscnde , and pe sylf cymc 8, 
5 — 8 (II), Imm longc liis hijhlan hidorcj/mc 9, 28 (III); mi 
pu sylfa cum, heoj'ones heahcijning 10, 9 (II), com nu, 
sigori's vcard . . . and pine miltse her drfäst ijve 15, 29 
(III), pu pisno middnngcnrd milde gehlissa purh piniie her- 
cyme IG, 8 (III); help pät pin hidercyme ajrejre J'ea.sceafte 
23, 12 (IV); cym nu hälepa cyning 23, 22; pu gebiet sod 
leofa, pe in dryhtnes nomun dugedum cvome 26, 6 (V) 

13* 



196 CVNEVULFS CRIST. 

vergl. 26, 21 (VI). — obwohl die einzelnen tlieile ihr ende 
mehrmals durch eine doxologie bezeichnen, so folgt doch erst 
am schluis des VI jenes Ame7i , womit Cynevulf auch sonst 
den abschlufs gröfserer gedichte hervorhebt, wie in Juliana 
und in Elene. 

Der jetzige inhalt von nr 1 ist: ... dem könige. du 
bist der bauslein den die bauleute verworfen haben (Matth. 
21,42); dir ziemt dafs du der halle haupt seist, und alle 
mauern mit festem gefüge verbindest (Eph. 2, 20 — 22.4, 15 f.): 
offenbare nun, herr, dein eignes werk und lafs mauer auf 
maucr steigen.' sehr nöthig sei dafs der weise Werkmeister 
komme und das verfallne haus herstelle (Am. 9, 11. act. 
15, 16) und sein armes volk aus der gewalt der feinde er- 
rette (Luc. 1 , 71). er selbst möge die in finsternis sitzen- 
den (Luc. 1 , 79) und der heimal beraubten der zulafsung 
seiner herrlichkeit werlh machen, jung war die maid, eine 
fleckenlose Jungfrau, die er sich selbst zur mutter erwählte, 
und die ohne mannes liebe gebar; ein nie erhörtes geheim- 
nis, verkündet vom propheten. 'o heiliges Jerusalem, in dei- 
nen Wohnungen soll befleckung aufhören , soll sünde fluch 
und streit verschwinden: schau nun, wie der himmels- 
könig kommt, seine wohnung in dir zu nehmen; er kennt 
deine yölhe.' 

Tu nr II sprechen zuerst, wie die antwort zeigt, die so 
eben angeredeten bewohner Jerusalems 'Maria, du lieblichste 
der frauen , erzähle uns das geheimnis , wie du frucht era- 
pöengst zur gehurt und doch Vereinigung mit einem manne 
nicht kannlest.' sprach Maria 'wie könnt ihr euch so ver- 
wundern? die söhne und löchter Jerusalems fragen, wie ich 
die jungfrauschaft erhielt und doch die mutter dem söhne des 
Schöpfers ward, weil nicht bekannt den menschen das ge- 
heimnis ist, das Christus oll'enbarle in Davids geschlecht, dafs 
Evas sünde all verwunden, der fluch vernichtet, und das 
schwächere geschlecht verherrliclit ist.' darauf Fährt der dich- 
ter mit anrede an Christus fort, 'der du jede zeit durch dich 
selbst erleuchtest (Job. 1, 4. 9), sende uns die helle sonne 
und komm selbst uns zu erleuchten ; nun glauben wir an 
dich als das worl gotles welches im anfang bei dem vater 
war . . . (Joh. 1, 1 — 5. 14). nun wird der name Emmanuel 



(n NE V ULFS CRIST. 197 

1111(1 (las Vorbild des Melchisedek. erklärt, und Cliristus der 
lehrer und Gesetzgeber genannt auf den die Hebräer nacb 
verheifsungen lange hofften, auch die in banden gefel'selten 
(frommen erzväter) hofften nun leichtes mules seine an- 
kauft: der dichter legt ihnen ein gebet in den niund dafs der 
hohe himmelskönig auch sie in der Unterwelt besuchen und 
erlösen wolle, ehe er von der erde scheide, damit schliefst 
dieser vermeintlich an Maria gerichtete gesang. 

Vergleicht man nun nr II mit I , so ist erstlich die an- 
kniipfung offenbar zwischen dem ende des I und dem an- 
fang des II Stücks durch die einführung der bewohner Jeru- 
salems, sie werfen hier die frage auf warum der heiland 
nur eine irdische mutter, nicht auch einen irdischen vater 
solle gehabt haben ; sie werden verwiesen auf gottes beschlufs 
durch dasselbe geschlecht heil und leben zu beginnen , durch 
welches tod und verderben begonnen halle, wie Augustinus 
lehrte, und darauf dafs der anfang des lebens dessen der 
alle erleuchtete nicht in die zeit falle nach Johannes, dafs 
er also einen irdischen vater nicht haben konnte, weil er 
schon existierte bei seinem himmlischen vater. im ersten 
gesang war dies vorbereitet durch die erklärung dafs der 
söhn goltes nach seinem freien willen um in die menschheit 
einzutreten die Jungfrau sich zur mutter gewählt habe. 

Nach dem gespräch zwischen Maria und Joseph im an- 
fang von nr III, 'o mein Joseph, du willst meine liebe ver- 
lal'sen?' "ich bin tief bekümmert und geschmäht durch das 
schmerzliche gerücht über dich." 'was klagst du, ich habe 
kein verbrechen an dir gefunden, und du sprichst als wärest 
du geschmäht?" "zu viele kränkungcn habe ich über diese 
empfängnis erfahren , wie kann ich meinen feinden antw or- 
ten?" 'ich sage die Wahrheit bei dem heiland der seelen, 
ich weifs keines mannes gcmeinschaft, der engel Gabriel 
sagte mir dafs ich den söhn gottes gebären sollte; sein tcm- 
pel bin ich nun geworden ohne fehl : so lafs nun deine 
schmerzen und dmke dem ewigen dafs du sollst sein vater 
heifsen." danach schreitet die belrachtung weiter so fort: 
o du könig der könige, allmächtiger Christ, wie warst du 
vor alier wellen scliaaren gezeugt vom vater. nienuuid kann 
begreifen wie der himnielswarl im anbeginn dich nalim zum 



198 CYNEVÜLS CRIST. 

soliiie. im anfang als goll das wort sprach Es werde licht, 
da setzte der ewige dals du sein söhn wärest gleich her- 
schend mit ihm selbst; du bist die Weisheit \>orait der all- 
mächtige alle gcschöpfe wirkte (prov. 8 , 22 — 31). — von 
hier an bis zum schlul's folgen bitten um sein geistiges gegen- 
wärtiges kommen: darin heilst es auch 'segne durch deine 
ankunft diese weit und heifs die lange verschlolsen gewesenen 
goldenen thore öffnen' (Hehr. 9, 24. 12, 22 und Ez. 44, 2). 

Klar ist nun auch die beziehung von III auf II ; beide 
abschnitte gehn in der beleuchtung der wunderbaren geburt 
des Sohnes gottes auf Job. 1, 1 — 5 zurück, um gleiche an- 
wendung und bitten anzuknüpfen; der vorige betraf den salz 
da^ wort wurde fleisch , oder das muttergeschlecht Christi, 
dieser wendet sich nun mehr zu dem anfänglichen sein des 
Wortes bei und in golt, oder, wie es unser gedieht nennt, 
zu dem valergeschlecht Christi. 

Nr IV hebt der dichter selbst wieder an 'o Maria, 
reinste der frauen , wie mit recht nennen dich alle rede- 
tragenden die braut des himmelsherren, und sagen und singen 
alle mannen Christi, dafs du die königin seist über alle ge- 
schöpfe im himmel und auf erden und im abgrund , denn al- 
lein du brachtest dein magdthum dem schöpfer ohne sünde 
zum Opfer, weshalb auch der siegesgeber seinen engel sandte 
dir zu verkünden dafs du den söhn des herrn gebären und 
gleich unbefleckt immer bleiben solllest. auch haben wir 
einen propheten in alten tagen , Jesaia , sagen hören dafs er 
entrückt in die ewige heimat einen edlen eingang, ein mit 
festen riegeln verschlofsenes thor schaute , wovon ihm ein 
engel sagte, einst gehl der allmächlige durch dies goldne thor 
die erde zu besuchen , und dann steht es ewig so wie jetzt 
wieder beschlofsen. das ist nun erfüllt, du (Maria) bist das 
maucrthor , golden mit tugenden geziert, durch dich gieng 
der waltende herr und verschlofs dich wieder, nun zeige 
uns die auszeichnung die dir widerfuhr, bitte für uns mit 
kühnen wortcn.' — auch dieses lied schliefst mit einem gebet 
an den vor allen geschöpfen mit dem valcr gleich wesenden 
söhn , seinen von den höllischen geistern mit übelen riemen 
gebundenen knechten zu helfen. 

Hier will nicht sogleich ein forlschritt einleuchten : denn 



CYNEVULFS CRIST. 199 

du der gegenständ der rede vorzugsweise Maria ist, so scheint 
das ein rückschrilt zum vorletzten stoff. vor allem aber tritt 
sichtlich die einlieit des verfal'sers mit dem von I — III in 
gleichen Wendungen und ausdrücken hervor: pUt pus gyld- 
nnn gatti . . . god sylf vilc gaestes rnägnc gefähian 20, 19 
(IV), wie voldc gefähian foldan mägdc , smjlce grundas 
eac gaestes mägtie sipe gesecan 9, 33 — 10, 2 (II); von 
den fern von ihrer heimat irrenden menschen heilst es ve 
hveai'ßad het'mlice 23, 21 (IV), so us, pä pe heanlice hveor- 
fan sceoldan to pis enge londZ, 4 (I); von denselben höre 
die stimme der gefefselten, häfla, deiner schuldknechle, fiinra 
uiedpiova 22, 33 (IV^); ebenso früher, bring uns das heillebcn 
deinen verignm intopeovum, wir sind häftas hygegcomre 
10, 12. 18 (II); du allein kannst helfen heifst is seo bot ge- 
lang eal dt pe (inuin 23, 8 (IV) wie is seo bot gelang eal 
(il pe äniim 10, 15 (II); dazu kommt das gleiche bild pa 
gyldnan gatu, in IV auf Maria gedeutet, in III 16, 10 — 15 
auf das ihor des himmelreichs oder des paradieses. auch bei 
Hieronymus finden sich moralische und dogmalische deulung 
desselben neben einander. — indessen rührt das lied nicht nur 
von dem urheber der früheren her, es gehört auch als fort- 
setzung dazu: die zurückwendung zur mutter des herrn ist 
voibercitel durch die äul'.serung gegen ende von nr III, uns 
ist allen noth dafs wir dciin multergeschlecht recht kennen 
lernen, da wir dein valcrgesclilccht nicht begreifen können, 
15, 33 If. der dichter giebt jetzt die l'olgcrungcn aus dem 
bisherigen für die hohe würde der mutier Christi, die noch 
nicht im dogma, aber in der liturgic, dem sagen und singen, 
gefeiert war. dafs sie wie ein reiner lempel war als goltes 
söhn kam in ihr zu wohnen, auch nachdem sie seine mutter 
geworden war, ein unbelleckles wesen blieb, dies ist im 
bilde vom goldnen ihor, wie es dem zarten dichter zukam, 
angedeulel, während es kirchenväter, zumal Scholastiker, mit 
häfslichen narklen reden der Zergliederung ausführten, die 
dreifache Jungfräulichkeit Marias nahmen die Angelsachsen 
durch Gregor von Hieronymus au ; die deutung des goldnen 
ihors auf Maria gab schon Ambrosius in der schrifl de vir- 
ginilate perpetua s. Mariae oder de institulione virginis, 
wollte sich Hieronymus jedoch nicht aneignen, die weifsa- 



200 CYNEVULFS CRIST. 

giing findet sich übrigens im Ezechiel 44, 1 — 3, nicht, wie 
es hier heifsl, bei Jesaia; sollte sie in einer mittelalterlichen 
geslalt des anabaticon des Jesaias gestanden haben, oder irrte 
das gedächtnis des dichters? Cynevulf war, wie Elene zeigt, 
erst in späteren jähren von einem weltlichen zu einem geist- 
lichen dichter geworden, also wohl nicht von Jugend auf in 
geistlichen schrit'ten geschult. 

Nr V enthält zuerst den gedanken dafs die das wesen 
des dreicinigen gottes erschliefsende ankunft des sohnes ob 
ihrer herrliclikeit auch von den edelsten engein des himmels 
gepriesen werde, und dann ihr darauf bezügliches loblied 
selbst, welches aus dem trishagion Jes. 6, 3, dem gesang in 
der heiligen nacht Luc. 2, 14 und der begrüfsung Matth. 21,9 
= ps. 118, 26 gebildet ist. dies singen am schlufs des klei- 
nen abschnitts die seraphim. ähnlich ist von Cynevulf das 
trishagion El. 750 — 753 als gesang der seraphim eingelegt. 

Das kleine stück nr VI, welches vielleicht nicht ge- 
trennt sein sollte, schliefst mit einer hinlenkung von dem 
äufseren auf die inneren wunder und einer aufforderung aller 
zum preis dafür, 'o was ist das für ein wunderbarer Wech- 
sel dafs der schöpfer der menschen von einem weihe unbe- 
flecktes fleisch empfieng, die von niannes liebe nichts wüste ! 
aber das war eine gröfsere machterweisung als alle men- 
schen erdenken können, dafs der hohe herr des himmels des 
menschengeschlechtes rettung vollbrachte durch seiner mutter 
leib (durch seine menschwerdung) , und wie er täglich seine 
Vergebung auslheilt. das ist ein hoher rath , den alle ver- 
ständige menschen oft und innerlichst preisen sollen , was er 
ihnen selbst in seiner heimat, in die er vorangieng, vergel- 
ten will.' 

Dafs sich nr V und VI als zweigliedriger abschlufs zu 
dem bisherigen ganzen verhalte ist unverkennbar; ebenso 
dafs, indem zuletzt der blick auf die während des erdenlebens 
von Christus noch nicht betretene heimat hingerichtet wird, 
das folgende gedieht von seiner rückkehr in die himmlische 
heimat, von der aus er den menschen gaben giebt, vorbe- 
reitet wird. 



CYNEVÜLFS CRIST. 201 

2. 

Vier gesänge VII — X im cod. Ex. s. 28 — 48 sind der 
himnielfahrt gewidmet, sie wird zuerst mit dem absciiied von 
den Jüngern bis zur erscheinung der engel beschrieben, und 
dann als die ankunft des siegreichen beiden und als fest des 
triumphes über die höile im himmel geschildert, der dritte 
und vierte gesang betrachtet sie als die Vollendung des heils 
und als den Ursprung aller höberen begabung unter den men- 
schen, 'er ist aufgefahren zur höhe und hat die beute ge- 
fangen geführet, und hat den menschen gaben gegeben.' 
dieser aus Ps. 86, 19 aufgenommene spruch Eph. 4, 8 hat 
offenbar die betrachtung geleitet , in welche auch andere 
für weifsagung der himmelfahrt gehaltene stellen des A. T. 
eingcHochten sind. 

VII. ' nun betrachte mit fleifs , warum die engel ?iicbt 
bei der gehurt des herrn , sondern nur bei seiner himmel- 
fahrt in tveifsen kleidern, nach der schrift erschienen^. — 
diese frage dient nur zur Überleitung und zur Spannung, es 
wird nicht sogleich, sondern erst in VIII darauf geantwortet, 
'weil jene ankunft auf erden eine ankunft zur niedrigkeit, 
diese eine zur herrlichkeit war.' — darauf beginnt der dich- 
ter: nach Bethanien zu folgten seine jünger, die treuen 
mannen, ihrem schatzgeber, als vierzig tage nach der auf- 
erstchung erfüllt waren, da tröstete er sie mit den worten 
'freuet euch im herzen, ich Avill euch nimmer verlafscn' 
u. s. w. Job. 16, 22 und Matth. 28, 18—20. da entstand 
ein gerausch in der luft, eine schaar engel kam glänzend vom 
himmel , die als der hcrr aufstieg einen lobgesang erhoben ; 
ihrer zwei aber standen bei den jungem, ' was harret ihr, 
galliläische niänncr, ihr seht nun den herrn in den Jiimniol 
gehn mit dieser cngelschaar zu seines valers cdelsluhl.' 

Vlil. 'wir wollen mit solcher gesellschaft den herrn über 
des himmels höhen zur glänzenden bürg geleilen:' offenbar 
nicht Worte des dichlers an die leser (Thorpe), sondern wei- 
tere rede der beiden engel an die jünger, denn es heilst so- 
dann 'dieses edelste aller siegkinder wird wiederkommen auf 
die erde mit grofser schaar um alle lliaten zu riclilen.' act, 
I, II. nun fährt der dichter fort: da wurde der wart der 



202 CYiNEVULFS CRIST. 

Iierrlichkeit in wölken aufgenommen, in den liinimlischen bür- 
gen aber war frcutJe über des beiden ankunl't, der sich nun 
zur rechten des valers setzte, darum musten weilsgekleidete 
engel ihn abholen , da das grösle der feste gekommen w ar, 
denn es halle der heilige, der siegesfrohlockende, die hölle 
alles tributs beraubt, ihre kämpen durften sich der waffen 
nicht riihinen, seit der könig der ehre gegen sie kämpf er- 
hob und die gröste beute davontrug (ps. 68, 19. Eph. 4, 8), 
ein zahllos volk. diese beute ist, so redet nun der sänger 
seine hörer au, eben diese schaar, die ihr hier vor eucii 
seht — alle erlösten Christen werden ja als der hölle be- 
raubt angesehen — ' nun geht ihr fröhlich euern freunden 
entgegen, schliefset die thiiren auf, zu euch will der allwal- 
tende könig, um das volk dafs er den teufein enlriis, mit 
nicht geringerer schaar zur höchsten freude zu führen, sein 
friedensbund ist nun (mit der rückkehr zum vater) zu stände 
gebracht, ein heiliger vertrag der liebe, der hoffnung und 
lichter freude. nun kann jeder mensch auf der erde wählen 
zwischen hölle und liimmel, leben und lod, was ihm lieber ist.' 

So leicht das fortgehende zwischen VII und \U\ zu sehen 
ist — die Worte der engel in act. 1, 11 stehen halb noch 
dort, halb hier, — mit so grofsem schein sind immer IX und 
X als selbständige dauklieder für alle gottesgabeu betrachtet 
worden : es sind daher die stellen fürs äuge hervorzuheben, 
welche ihre anknüpfung darlegen. 

IX. es ist würdig und recht dafs die menschen dem her- 
ren für alle seine manigfaltigen gaben dank sagen, über alles 
geziemt es aber für das heil, das er uns zu hoifen gab, da 
er öei seinem aufsteigen {ät Ins upstige) den nothstand, den 
wir eher erduldeten, abwendete und bei seinem vater für die 
menschenkinder fürsprache einlegte, Hebr. 9, 24. er tilgte 
den fluch der von früh auf den menschen lastete, gen. 3, 
17—19. leicht vollbrachte dies der königssohn für uns, als 
er zur heimat der engel aufsteigen wollte (s. 38, 1 — 39, 22;. 
uns kam dieser wille zu gut, wovon schon Hiob sang, der 
den söhn des allwaltendcn einen vogel nannte, Hiob 28, 7, 
was die Juden nicht verstehen konnten von dem der sich 
zum himmel schwang, obwohl auch der |)rophet sang er 
ward erhoben durch engelarme in seiner grofsen njachirülle, 



CYNEVULFS CRIST. 203 

hoch und heilig über der himmel herrlichkeit fwohl nach 
ps. 8 , 2 elevata est magnificeulia tua super coelos im ver- 
gleich mit 17, 10 ascendit super cherubim et volavit; vola- 
vit super pennas ventorum, vuig.), sie konnten des vogels 
Jlug nicht erkennen, die die himme (fahrt leugneten (41, 3). — 
damals ehrte uns gottes geislessohn und gab uns ewige Woh- 
nungen oben bei den engein, Joh. 14, 20, und säte und setzte 
auch nianigfaltige geistige kräfle in die seelen der menschen.* 
nun werden geistliche und weltliche begabungen aufgezählt, 
zuletzt heifst es : so verlheilt der söhn gottes die gnaden, 
will nicht einem alle geisleskraft geben , dafs ihm nicht die 
überhebung schade über andre. 

X. 'so ehrt der allmächtige könig die erdenkinder mit 
geisleskräften und künsten, so giebt er auch den seligen herr- 
lichkeit im himmel. davon sang der prophel dal's erhoben 
seie?i heilige edelsteine, die himmelsgestirne, sonne und moud 
(Hab. 3, 11); was sind die edelsteine, als gott selbst? auch 
die kirche ist ein geistlich gestirn , im empfangenen glänze 
dem monde gleichend, nachdem das golteskind vom erden- 
grund aufgestiegen, halte die kirche heidnische Verfolgung 
zu leiden, doch gedieh durch des geisles gäbe der segen der 
gottesmänner nach der himuiel/'ahrt {äfter upstige) des ewi- 
gen herren. von dem auch Salomo sang im geiste 'kund 
wird einst dafs der könig der engel berge überspringen 
wird, hüpfen über höhen und leisen, und erlösen alle erden- 
bcwohner durch den edlen Sprung' (nach cant. 2 , 8 ecce ve- 
nit saliens in monlibus et Iranssiliens colles, der auch bei 
deutschen dichtem so viel auf Christus heldenlhat angewen- 
deten stelle), darauf werden sechs spriinge Christi ausge- 
führt, deren letzter der zum himmel zurückführende ist. zu- 
letzt folgen ethische anwenduiigen , 'so sollen auch wir von 
lugend zu lugend steigen , und von herzen das heil suchen, 
die wir ernstlich glauben dajs der heiland von Iti/incn mit 
unserni leibe aufstieg, verachten sollen wir eille fieuden, 
und des befsern uns freuen, dann haben wir den Irost, er 
will seine engel hierhersendeu , die uns gegen des feindes 
pfeil {earhfare) schützen.' 

Die Iierleilung aller dankensvverthen gaben im menschen, 
auch der sogenannten natürlichen befähigungen, aus der ver- 



204 CYNEVULFS CRIST. 

leiliung des siegreich vetlierrlichlen goltessohns, welche io 
IX und X nach Eph. 4, 8 festgehalten ist, und die durch 
beide stücke sich hinziehenden andeutungen der himmelfahrl 
aus dem A. T. welche die kirche längst dafür befestigt hatte, 
beweisen zur genüge für die fortgängigkeit der in VII und 
und VIII begonnenen Schilderung, unwiderleglich wird dieser 
beweis durch folgendes, dieselbige gedankenreihe wie in VII 
— X ist in derselben Ordnung ja mit wörtlich dem gleichen 
anfang in der lateinischen quelle verbunden , welches eine 
und dieselbe honiilie auf den himmelfahrtstag ist. ich kann 
nämlich nicht anders als den zweiten iheil der 29n ho- 
niilie des Gregor für das original halten, welches Cyne- 
vulf in freier weise dichterisch gestaltet hat; die betrach- 
tung welche auf die erzählung cod. Ex. s. 34, 18 folgt bis 
zu ende s. 48, ist eben dieselbe als bei Gregor § 9 — 11 
und zwar mit dessen anfang, hoc autem nobis primum quae- 
rcndum est, quidnam sil quod nato domino appanieriint 
angeli, et tome7i non leguntur in albis vestibi/s apparuisse, 
ascendente autem domino jnissi angeli in albis leguntur 
vcstibus apparuisse; was auch unser dichter in VII voran- 
stellte, und später völliger aufnahm. 

3. 

Am sorgrälligsten und klarsten ist die anläge und aus- 
führung des gedichts vom jüngsten gericht nr X[— X^ . von 
seinen acht oder neun theilen ist der erste ein paränetischer 
eingang, der die Wiederkunft des herrn im allgemeinen an- 
kündigt und zu bedenken ermahnt; der zweite und dritte 
spricht von der plötzlichen ankunit Christi, von der auler- 
weckung und versanuiilung aller menschen , vom aufbrechen- 
den weltbrand , und den schrecken der erwartung des ge- 
richls ; im vierten unil fünften beginnt die handlung des ge- 
richts mit der aufii(-htui)g des kreuzes und Christus zeigt 
seine wunden wie im Muspilli, W^ackern. 76, 8 — 11. die 
reinen werden von den unreinen abgetheilt, an denen die 
Vorzeichen ihres künftigen Schicksals erscheinen, der 6e und 
7e gesang giebt die reden Christi des richters , kurz an die 
zur rechten und dann ausgeführt an die zur linken ; der 8e 
enthält die Vollziehung des urtheils , und die Schilderung des 



CYNEVULFS CR IST. 205 

verschiedenen endschicksals. ein anhang erklärt wie die 
reine seele nicht bei ihrem abschied von der erde , sondern 
jetzt nach der entscheidung von einem engel empfangen und 
zu den freuden des himmels geführt wird, was im Musp. 
W. 70, 17 ff. voransieht. — diese für die einheil von s. 49 
— 103 beweisende übersieht soll nun durch kurze inhalts- 
angaben im einzelnen gerechtfertigt werden. 

XL 1. das gericht ist nahe, Christus kommt wieder zur 
Vergeltung, ich mufs die zeit fürchten, denn ich weifs mich 
sündevoll, wie einst die weit in wafser untergieng, soll sie 
in feuer vergehn. deshalb ermahne ich dafs niemand seiner 
seele heil versäume, wir leben jetzt wie auf einem schiff 
in weiter see schwebend, lal'st uns in den hafen segeln, den 
der herr uns bezeichnet hat. 

2. unvorhcrgesehn wird seine ankunft sein Mattli. 24, 43. 
1 Thess. 5, 2. zum Zion sollen alle völker durch die posaune 
versammelt werden , und alle entschlafenen werden wieder 
erweckt; ein glänz geht über dem Zion auf und goltes solin 
kommt in den wölken, an jeder seite eine schaar engel. da 
bricht feuer auf. sonne und Sterne ftillen und der mond. 
Sturm und erdbeben erhebt sich, die erde verbrennt. 

3. in dem feuer, das nun erde berge und nieer verzehrt, 
geht alle herrlichkeit auf und alle befleckung; der alimäch- 
tige erscheint und zitternd erwarten engel und menschen sein 
gericht, zu dem alle erstanden und mit einem neuen nichts 
mehr verbergenden leibe umgeben sind, die gedanken und 
werke aller werden ollenbar, niemand kann etwas davon vor 
dem ewigen, alUvifsenden verhehlen. 

XII. 4. dann wird vor allen sündenbeflecklen menschen 
des hcrren kreuz aufgerichtet, benetzt mit seinem blute, 
glänzend über alle völker C7, 6 ff. 68, 11 (T. wie es 66, 2 ff", 
(in XI, 3) schon angekündigt Avar. ein schrecken ist es den 
undankbaren und sündigen , die den nicht erkannten der um 
ihres heiles willen gekreuzigt ward; sie sollen die wunden, 
die gcöff'nete seite , und alles was er für sie duldete mit 
sorge und schmerz sehen ; sie sollen erkennen was sie trotz 
aller wunder bei seiner kreuzigung nicht erkannten, was 
doch die hölle verstand, was doch das meer einsah, das sich 
vom hcrrn betreten liefs, was doch die bäume verkündigten. 



20fi CYNEVÜLFS CRIST. 

als er den kreiizesbauni bestieg, ja nur die edlen unsterb- 
lichen Seelen hatten kein einsehen, waren härter als stein, 
wollten ihren herrn nicht erkennen, den doch propheten ver- 
kündigt hatten. 

XIII. 5. was denkt der welcher all der lehren und 
leiden Christi nicht gedenken will? dem ists nun ein grau- 
sen an jenem tage die wunden zu schauen an dem heiland 
als richter. — dann werden die reinen zu seiner rechten ge- 
schaart, die befleckten zur linken, und an jedem von ihnen 
erscheinen drei zeichen: hier leuchten die guten werke glän- 
zend hervor, hier wird die zubereitete gnade des herrn mit 
äugen geschaut, hier wird auf die strafe der andern gesehen ; 
dort scheinen alle siinden wie durch glas durch die leiber un- 
verdeckt hervor, dort wird das höUenfeuer zu ewiger pein 
bereitet gesehen , dort wird die Seligkeit der frommen ange- 
schauet, die sie auch hätten haben können, jeder reinige 
sich daher die kurze fiist dieses lebens. 

6. ernst müssen wir unsers herzens gedanken prüfen 
mit den äugen des geistes , dafs sie gott gefällig seien am 
tage des gerichts. — dann wird der söhn vor allen Völkern 
die zur rechten anreden , 'empfangt von mir meines vaters 
reich, denn ich bin hungrig gewesen' u. s. w. Matth. 25, 35. 
die zur linken wird er anreden, sprechend wie nur zu ei- 
nem, 'wie begabte ich dich mit geist und gaben, da ich dich 
mit bänden wirkte und in das schöne paradies setzte, ich 
will das alte vergcfsen, dafs du mir undankbar abfielst 5 mich 
jammerte dein elend, und um dich vom verderben zu erret- 
ten stieg icli selbst herab , ward ein schwaches kind in ar- 
mer krippe.' 

XIV. 7. ' manches elend der menschheit nahm ich auf 
mich (damals während meines erdenlebeus) , um dich mir 
ähnlich zu machen und rein von sünden ; ich duldete schlage, 
anspeien , kreuzesqual für dich 5 sieh die wunden an meiner 
seite, an bänden und füfsen: für dich litt ich das alles, du 
wüstest mirs keinen dank, du verhöhntest mich mit deinem 
befleckten leib und leben, du hast mich schmerzlicher ans 
kreuz deiner sünden geheftet, ihr habt den durstigen nicht 
getränkt , den hungernden nicht gespeist, den elenden nicht 
aufgerichtet : deshalb sollt ihr ewige strafe dulden ; gehl hin 



CYNEVULFS CR [ST. 207 

in (las ewige feuer' 3Ialll). 25, 37. — hier erst sclilielst 7 
und die in 6 angefangene anrede an die verdammten. 

XV. 8. dann schwingt der richter das siegesschwert, so 
dafs mit den teufein das hcer der gottlosen in die finstre 
feurige tiefe rällt, wo sie das andenken des herrn nirjit wie- 
der suchen und das feuer, obwohl ewig brennend, ilire Sün- 
den nicht aufzehrt, möge jetzt der mensch für seine seele 
sorgen wo sie ewig wohnen soll ; alsdann ist die reue zu 
spät, wenn der Verbrecher vor seinen schöpfer gestellt ist; 
vergebens sind dann die thränen, die bösen bleiben in feuer- 
qual gebunden ; in der sie verschlingenden hölle müfsen sie 
ihre schwarzen glieder darreichen, gebunden , gebrannt und 
geschlagen zu werden, aber die erwählten sollen von nun 
an sündlos , mit licht umgeben in süfsem frieden die ge- 
raeinschaft mit dem herrn alles lebens und den ihm lobsin^en- 
den engein geniefsen; da schauen alle selig das theure ange- 
sicht ihres herrn heller als der sonne licht, keine sorge, 
kein alter, kein mangel, keine quäl des erdenlebens rührt sie 
mehr an ; ewig geniefsen sie ihres königs gnade und der ge- 
sellschafl der seligen. 

9. das ist die gröste der freuden, wenn engel und se- 
lige Seelen sich zuerst begegnen ; dann begrüfst sie der engel, 
'nun soUts du eingehen, wohin du lange strebtest, ich will 
dich geleiten zur heiligen heimal, wo der höchste könig der 
bürgen waltet, zu den wohnungeii die nie in trümmern fal- 
len, wohin, um ewig mit der abendmahlsjugend *) vereint zu 
sein, die tapfern Streiter gegen das böse auf erden kommen 
sollten.' 

4. 

Wenn nun hiernach sicher ist dafs die fünfzehn bisher 
besprochenen gesänge nur drei gcdichte sind , und ich bin 
überzeugt , eine spätere zeit wird sich verwundern dafs es 
einmal hat bewiesen werden müfsen, dann kann es auch 
nicht schwer fallen sich von der einerleiheit ihres verfafsers 
zu überzeugen, denn die drei sind vielfach verkettet. 

Aufserlich, aber nicht zufällig, ist das erste glied der 

') mit denen die so rein lebten dafs sie hier vom tisch des herren 
nithl ausgcschlofsen wurden; huself^eo^ndh, was Th. unüberselzt liel's, 
ist collecliv zu husclbeavn (Ex. 135, 28). 



208 CVNEVLLFS CRIST. 

dritten reihe an das letzte glied der zweiten angesclilofsen, 
und diese mit ihrem aufang ans ende der ersten gebunden, 
gute dichter leiten über, sie machen einschnitte und mildern 
sie durch fortführung eines schliefsendeu gedankens. diese 
eigenschaft ist an Cynevulf besonders hervortretend, wie die 
theilung der gesänge in dem dritten liede überall beweist, 
so hat nun dieser selbst einen durch den gegenständ gewiss 
nicht hervorgerufenen anfang. ' nicht braucht des teufeis 
pfeile einer der menschen auf erden zu fürchten, die speer- 
fahrten igarfare) der bösen, wenn ihn gott schützt (Ax^V^/e^/), 
der herr der heerschaaren. nah ist das gericht, wo wir' 
u. s. w. der auffallende erste satz erklart sich als anknü- 
pfung an den vor der doxologie am ende des zweiten liedes 
zuletzt vorhergehenden, 'der vater im himmel, er sendet, wenn 
wir statt der eiteln die befsere freude lieben, seine boten 
hierher, die uns schützen (gescildad) wider die pfeilfahrten 
(eurhfarum) der Schädiger, dafs die unholden nicht wunden 
wirken, wenn sie auf das volk gottes enlsenden vom trug- 
bogen den bittern pfeil . . . bitten wir den söhn gottes und 
den milden geist dafs er uns schütze wider des mörders Waf- 
fen, die lügenrüstung der bösen.' 47, 23 — 48, 23, Xschlufs. — 
eine andere eben so deutliche anschliefsung hat das zweite 
gedieht an das erste, das von der himmelfahrt hebt an 'nun 
erforsche mit geistes gedanken verständiges sinnes , wie das 
geschab, als der allmächtige gott durch reinen stand geboren 
wurde, Marias der edelsten Jungfrau leib erwählend, dafs da 
die engel nicht in weifsen kleidern erschienen' u. s. w. und 
noch einmal in diesem eingang wird auf Christi geburt in 
Bethlehem verwiesen, so dafs Thorpe ein 'on the nativity' 
in die Überschrift neben 'ascension' aufnahm, doch schon das 
min erlorsche reicht hin zum beweise dafs der dichter der 
himmelfahrt schon ähnliche damit verwandle belrachtungen 
hatte vorangehen lafsen. zu meinen dafs diese uns verloren 
gegangen wären geht deshalb nicht an , weil der schlufs des 
gedichles von der geburt des herrn die betrachtung seiner 
rückkehr in den himmel anbahnt, wie oben bei V'I gezeigt 
ist, und der anfang von VII so anhaltend auf den ersten 
ireuensland zurüc^kweist. 

Doch üfreifen niclil nur die äufsercn rahmen der drei 



CYxNEVüLFS CRIST. 209 

lieblichen bilder in fester fiigung in einander, die aus dem 
leben Jesu gewäiiUcn slofl'e selbst haben innere Verwandt- 
schaft, und sind nach der Verwendung die ihnen der dichter 
gegeben hat unter gleichen gesiclitspunkt gestellt, die geburt 
Christi ist nach dem ausgesprochenen glauben an seine vor- 
weltliche existenz im hinimel durciigängig als sein hierher- 
kommen , als ein kommen in die niedrigkeit gepriesen , der 
könig des himinels kommt und gründet das heil; die himmel- 
fahrt steht nicht vor uns als abschied und riickkehr, sondern 
als der einzug des siegrsheldcn in des vaters land und bürg, 
als ein ankommen in herliclikeit ; der in kämpfen erniedrigt 
gewesene solin des königs nimmt den gabenstuhl der halle 
ein und spendet von da herab nun des himmels Schatzes allen 
seinen mannen; das gericht endlich ist schon in der bibel 
nicht handlung des Schöpfers, sondern des sohnes, es ist 
hier ganz wie in den pauÜnischen briefcn als sein zweites 
kommen auf die erde dargestellt um die niedrigkeit in die 
herrlichkeit zu verklären, wie ausdrücklich hervorgehoben 
wird cod. ex. s. 49, 14 — 21. 51, 25 — 31. wir finden also 
den gesammten hcilsrath gottes durch Christus in den wich- 
tigsten, ergreifendsten punkten — man kann sie als anfang, 
mitte und ende bezeichnen, ein leben des heilands im weite- 
sten, geistigsten sinne aufgefafst. wir sehen das di'cifache 
kommen Christi dichterisch ausgefühit als dreimalige ankunft 
des himmelskönigs in der Umgebung seiner tliane, der engel, 
und zwar mit allen tönen der begeisterten sinnenden liebe, 
um den ganzen ewig lebendigen Ciirislus in die herzen des 
Volkes einzuschreiben. dieses wolilangelegte , gleiclimäfsig 
erhabene und einfache epos mufs die schöpfung eines dichlers 
sein, und wenn dies, zu Cyncvulfs besten werken gerechnet 
werden, mag es nun Cynevulfs Crist helfsen , oder künftig 
befser benannt werden können; ich lafse von dem namen 
nicht, weil er das wesentliche zu trellcn scheint des Inhalts 
und auch der form, da das überall ins Ijrische überlliel'sende 
epos bei aller epischen ruhe und einfachheit, worin es nur 
nicht ganz an den Ileliand reicht, doch stets von der Ihat 
so zum gedanken aufdringt, und der belrachtung fast so viel 
räum gestattet, als ütfrids Krist. 

Mit diesem ausdruck der im innern der dichtung erkann- 
Z. F. I). A. IX. 14 



210 CYNEVÜLFS CRIST. 

len einheit und alles beleuclilcnden lierliclikeit könnte ich 
schlielsen, da es die ait der unsicheren ist nur recht viele 
beweise für eine sache von einigem «ewicht zu häufen, 
wenn mich nicht die erinnerung an zweil'ler befiele, die eine 
behauptuiig im gebiete der angelsächsischen literalur mit mis- 
Irauen ansehen und davon so viel wie möglich abzuziehen 
geneigt sein könnten, welche von keiner der englischen au- 
toriläten, Wanley, Conybeare, Tliorpe, Kemble , noch von 
deulsclien gelehrten die auf diesem leide gearbeitet haben, 
unter denen zuletzt Bouterwek und Etimiiller das Exeter- 
book besprachen, ausgegangen oder geahuet worden ist*). 
gegen ein vornehmes nichtainiehmen wollen ist nichts zu 
machen; wird ein theilweiser zweifei begründet, etwa mit 
sprachlichen Verschiedenheiten : solche niüfsen sich bei jedem 
guten dichter zwischen verschiedenen werken neben dem 
gleichen vorfinden, sie sind stark bei Cynevulf, aber auch 
zwischen sicher seinen dichtnngen , wie Elene und Juliana, 
und sie sind noch lange nicht so grofs als die der Ornamente 
an einem einzigen säulenbündel deutscher baukunst. das 
übereinstimmende in der spräche zwischen den beiden ersten 
iheilen und dem dritten des Crisl, und die berührungcn aller 
dreier mit E. und J. so ^^ie mit Andreas, den ich gleichem 
Urheber zuschreiben mufs , habe ich zusammengestellt; ich 
behalte sie zurück, bis jemand versucht haben wird sprach- 
verschiedenheiten in den theilen des Crist nachzuweisen die 
zur annähme versciiiedener verfafser berechtigten. 

Für jetzt sei nur auf die aurfallend starke hinneigung 
zum innern reim der langzeilen verwiesen, womit im mitt- 
lem Iheile von CC einmal sechs zeilen nach einander 37, 
10 — 21 ausgezeichnet sind, wie zwei (114. 115) und drei- 
zehn (1237—1246 und 1248 — 1251 in E, und fünf in uu- 
mitlelharer folge, viel mehr vereiuzelf, in A ; auch der reime 
in unmillelbar folgenden Wörtern haben Cynevulfs bis jetzt 
genannten werke A, (], E, J so viel als kein andrer angel- 

') Was Thorpe später, 1844 im ersleii llieil der liomilien Alfrics, 
noeii als Cynevulfs wvrk in anspriicli naiiin war der vierte gesang (oii 
llie erucifixioii) des letzten Iheils, nirlil [laeli dein /.usainiuenliang, son- 
dern auf grund einer lieriiheriielirnniif; aus AllVic, «elehes naelihcr 
beteuclilel werden sdll. 



CYNEVÜLFS CRIST. 211 

siichsisclier dichler. nächsldem will ich vorläufig ein halbes 
(lutzend der »nancherlei zum llieil schwierigen alten wörler 
hervorheben, die sonst nur bei Cynevulf oder noch gar nicht 
gefunden waren, nicht in der bedeutung, nur in der her- 
leilung dunkel war orgete (sichtlich) in der epischen formel 
open orgete A 759 ; dieselbe findet sich im C 69, 7, dann 
geseon orgete 89, 17 und dreimal orgete tacen 75, 3. 76, 
12. 22, welche Verbindung auch 347, 6 wiederkehrt; an der 
letzten stelle und 75, 3. 76, 12 ist orgeale geschrieben, da 
ein Substantiv get gcal nur in dem compositum heget , be- 
geat (Alfric hom. 2, 104, bei Ettm. fehlt es) vorhanden und 
die bedeutung fund oder erwerb unpassend ist, so wird man 
sich entscliliefscn niüfsen von geat thiir abzuleiten; vor der 
thür beginnt die strafse, das oflene gegenüber dem gedeck- 
ten oder eingeschlofsencn; orgeate ist was aus der thür, 
was hervorgetreten, wie orige Ine c. 28 wer aus der insel, 
ins ausländ gekommen ist. die änderung in ongete wird 
Grimm längst noch stärker bezweifelt haben als zu Andr. 
s. 115. — die bedeutung mangel für onsjjn, welche Thorpe 
erst bei der Übersetzung von 225 , 32 erkannt und einge- 
führt, Ettnniller in seinem lexicon übergangen hat, findet 
auch 151, 24 (Guihlac) 201, 13 (Thom.) und im mittlere« 
theile des C 30, 16 statt: [)al eor wfre ?ie hid purh gif'e 
viine gödes onsien; wonach Thorpe, weil godes oiisicn 
(god's countenance) keinen sinn giebt , eine lücke angenom- 
men hatte , welche die alliteralion so wenig als der Zusam- 
menhang verlangt; diese seltene bodeulung gebraucht Cyne- 
vulf auch E 350. — so müfscn in die angelsächsischen lexica 
auch aufgenommen werden die adjecliva onhael und hellen 
und das vcrbum liega/i. das erste aus CG 56, i) Jxir ge- 
mengde beod onhado gehle eiigla and deofla^ es sind nicht 
unheile (an unsound assemblage), sondern ganze, sämmtliche 
schaaren , die am geiiclilstagc versammeil werden sollen; 
dasselbe adjectiv tj/ih(vl, dem wie dem onsinid (IJ 1993) die 
verschiedenen bedd. des lat. integer zustellen, kehrt ebenso 
verkannt 123, 13. 134, 9. 333, 9. 396, 19 wieder, für den 
Singular hellen hclsceada 23, 5 will Thorpe den plural mit 
zweimaliger änderung in hetlan oder helolan hcl.sceadas, 
Ettm. hellun hel.sceadti/i, aber ohne dal's die dortige vcrbin- 

14* 



212 CYNEVÜLFS CRIST. 

düng zweier subjecte die gleichheit des numerus verlangte; 
heilen ist von liete gebildet, wie fi/rleti oder fcorlen von 
feorr. — von durst verzehrt, liingenonimen lieifst 92, 17 
purste gepegede : Thorpe \ermulei gepregede ; allein pegan, 
sei es nun pegati oder (nach alln. pegi empfänger) pegan, 
neben vilpege A 153 foddorpege A 160, hätte man aus 
112, 8 (Gulhlac) wifsen können, wo es annehmen bedeutet, 
wäre beides Ettmüller nicht entgangen , so würde er s. 590 
nicht qfpegan bezweifelt haben, genug, Cynevulf hat noch 
eine grolse menge von worlformen und stammen, von denen 
schon im Cädmon keine spur meiir ist, wie man nun durch 
ßouterweks willkommnes, praktisch geordnetes glossar recht 
übersehen kann. 

Über die quellen des Crist und die art ihrer benutzung 
behalte ich mir noch weitere Untersuchung vor; dazu reizt 
mich die herlichkeit der dichtung. bis jetzt kann ich nur 
wenig mehr sagen als Thorpe , dessen Vermutung ich bestä- 
tigt finde, wenn er sagt The pieces they contain (the first 
106 pages) are no doubl translations frora the Latin , but 
their subject is not of a nature to stimulate many to search 
after Ihe Originals, which if discovered, would prove of liltle 
use in elucidating the obscurilies or correcting the errors of 
a Version, in this and all similar cases yel known , too pa- 
raphrastic to admit of comparison. der mittlere theil des 
C ist, wie oben bemerkt, nach der 29n homilie Gregors des 
grofsen sehr frei bearbeitet; es sind daraus nur die gedan- 
ken , die bibelslellen und ihre reihenfolge , der zug der be- 
trachlung aufgenommen, sie sind lebendig, dichterisch ge- 
stallet und mit eignen oder anderswoher entnommenen ver- 
mehrt, vom dritten habe ich nur den inhalt einer stelle des 
vierten gesangs aufgefunden in der lOn homilie desselben 
Gregors, wonach die Vermutung Thorjjcs wegfällt, die be- 
trachlung sei erst aus Alfric hom. i, 622 eiillelint*) : beide 
schöpften hier wie sonst unabhängig aus derselben (|uclle ; 
somit kann diese stelle auch nicht eine stütze der beliauplung 
sein, Cynevulf sei ein zeilgenofse Alfrics gewesen, was 
mit der Sprachgeschichte geradezu unvereinbar ist. 

Die veranlafsung zur dichtung des Crist mag die auf- 

*) Ttic lioinilies ol" Aellric cd. l)j Tliorpe. Loiiti. ISi'i. l. I, j). 0',*'i. 



CYNEVULFS CRIST. 213 

iorderung^ eines aiigcsehnen laien, vielleicht eines königs, ge- 
wesen sein, denn im beginn des zweiten tlieils wird ein 
mann zur weiteren befraclituiig mit einem zusalze aufgefor- 
dert der für jedweden gewöhnlichen leser zu hoch gegeben 
wäre, wenn es heilst 'nun mit eifer in geistlicher berathung, 
grofser mann {mon se marä) suche mit sinneskunst .... 
wie das geschah' u. s. w. mir ist keine stelle bekannt, wo 
mxvre nicht den theuern höherstehenden, wo es den theueru 
unter gleichstehenden auszcichnele. dadurch bestätigt sich 
Grimms auslegung von A 1487 — 89 gegen die noch dazu am 
lext ändernde betrachUing Thorpes. wie Andreas für ein 
hohes ehepaar, so wurde der Crist für einen hohen herren 
gedichtet; was natürlich der bestimmung für eine kirchliche 
gemeinde, die mit ihr mehrmals angeredet ist, keinen einlrag 
thut, so wenig als wo All'ric für das angelsächsische volk und 
und für den ealdorman Alhehveard schrieb. Alfric gleicht 
als verfafser von über dreifsig allitlerierenden heiligenleben 
dem Cynevulf auch darin dafs er Crist als ersten an die 
spitze seiner heiligen stellt, ob Cynevulf seinen Crist auch 
zuerst, vor Elene, Andreas, Juliana geschrieben habe, oder 
später, ist von geringerem belang; ich meine das erstere, 
denn die kuiisl in A und E ist gröfser. 

Ich kann schliclslich die Wahrnehmung nicht unter- 
drücken, dafs er noch mehr gedichtet, namentlich dafs es 
('ynevulf gewesen sei der noch einen heiligen, den Guthlac, 
besang, und der die schönere allegorie auf Christus und sei- 
ner heiligen auferstehung, den Phönix, dichtete; auch das 
reimgedicht spricht seine Urheberschaft an. dieser dreizack 
von behaupluiig, dem die stütze später nachfolgen soll, sei 
denen enlgegengeworfen welche der ausdehnung von Cyne_ 
vull's namen im licd vom gcricht auf die vorigen ein zuweit- 
gegangcn nachrufen sollten, ich gehe noch weiter, Cyne- 
vulf, ich weifs es, dichtete auch das kleine herrliche lied von 
der ankunl't des himmelskönigs in der Unterwelt, worin ihn, 
den crlöser auch der frommen des allen bundes, Johannes 
der läufer als herold begrülst, der sich rühmt der rüslung 
die er von seinem lieben hcrrn schon empfangen , und dafs 
er zusammen mit ihm in Jordan habe baden dürfen, und zu- 
sammen mit ihm die well durch die laufe selig erregt habe. 



214 HYCGAN UND HOPIAN. 

dieses seitenstiick zu dem frühem dreifachen ankommen Christi 
— es lindel sicli mit der ungenauen Überschrift On the re- 
suj^rectiofi and the han^owing of hell 459 — 467 des Exeter- 
buchs — mag allerdings später entstanden sein, da der gute 
verband dieser drei lieder zu einem ganzen keine stelle zeigt 
wo es gleich anfangs hätte eingereiht sein können. 

MARBURG. DIETRICH. 



HYCGAN IIIND HOPIAN. 

Die Wichtigkeit des Sprachgebrauchs für krilik wollte 
sich, wie sehr auch sonst, doch am angelsächsischen nicht 
recht erweisen wegen der frühen verschiedenheil seiner 
nördlichen, östlichen und südlichen gestaltung, und wegen 
der scheinbaren gleichheit der reinsten südlichen spracii- 
fafsung in verschiedenen zeiten, deren bestimmung noch dazu 
an vielen wichtigen denkraälern aus sonstigen gründen nicht 
leicht ist. ich versuche jene zeugenkraft der sprachgewohn- 
heiten für die zeit der psalmenübersetzung an zwei stam- 
men zu erbringen , deren darslellung auch in den ags. lexi- 
cis der berichtigung und Vervollständigung bedarf, die übri- 
gens aufser einiger berülirung in der bedeutung und grofscr 
ausbreitung über die verschiedensten deutschen Völkerschaften 
nichts gemein haben. 

Hycgan, eins der allgemeinsten Wörter für denken nimmt 
unter den verschiedensten richtungen welche das denken ein- 
geht auch die wendung auf das hoffen, es tritt als Über- 
setzung von spcrare ein ps. 61, 8. 90, 2. 113, 18. 142, 8 
und es hat ein für wonniges denken, für hoffiiung besonders 
gebräuchliches worl zur seite, hyhtf welches nicht wie Thorpe, 
ßoulerwck, EttmüUer angeben, femininum sondern in jeder 
zeit niasculinum ist: hijht abvodan Cädm. ii , 096 hcofon- 
cundne hi/ht CynevulJ' cod. ex. 112, 13 hdigan hijhtes 4, 25 
Oll god miniie hi/ht sette ps. 72, 23 gleacne hyhl 77, 9 
se hahsta hyht 90 , 9 ; tirne gelcafaii and urne hihi Alfric 
hom. 1, 24 se hyhl 1, 250. 554 seltad eovrne hiht on dam 
hiclende 2, 370; davon wieder ^VawwwV hyhtan, welches früh 
und spät gewöhnlich ist für holl'cn, zuweilen auch noch froh- 



IIYCGAN UND HOPIAN. 215 

locken ps. 83, 2. i)l , 3. 149, 2 bedeutet, mit liupian wird 
am meisten sperare, confidere, auch ps. 2i, 2. 2G, IG ex- 
speclare A\ieder{;egeben , die bedeiilung beobachten fehlt in 
den lexicis, sie zeigt sich ps. 36, 32 sc sijnfulla hopad 
sijmle püs i'ihtrisan . . für coiisiderat peccator iiisluni et 
quaerit perdere eum ; sie kann vielleicht zur etymologie des 
schwierigen wertes benutzt werden, worauf ich hier ver- 
zichte weiter einzugehen, verschieden von liopn, tohopa 
holfnung ist Iwp, dessen bedeutung recessus B. 1521, welche 
in die von bucht und mcer wie im altn. Reksteüa 35 Sn. E. 
217, so auch im ags. c. Ex. 384, 111 übergeht, von Thorpe 
und Ettmiiller nicht erkannt scheint. 

Merkwürdig ist die ungemeine herschaft die beide Wör- 
ter einmal erlangt haben : Itijcgan fehlte keiner deulscheii 
muudart von der Donau bis nach Norwegen und Island, hu- 
pianj wovon im gothischen, altdeutschen und altnordischen 
keine spur war, hat nun sein sonst auf die beiden sächsi- 
schen dialecte, wie es scheint, beschränkles gebiet allmiihlich 
von norden nach süden über ganz Deutschland, und von Sü- 
den nach norden über Dänemark, Schweden, nur nicht völlig 
über Island ausgedehnt, und ist in England durch das fran- 
zösische unverlilgbar geblieben. 

An hopian ist die jugend, wie an lujcgan das alter we- 
nigstens seiner ausbreitung auffallend; das golh. hui>j(in ahd. 
huckan hui^geu dauert hier nur bis ins 12ejahrh. allgemein 
lebendig fort, die gegenwart hat es iheilweis in Holland, völ- 
liger nur im äufserslen norden, in Schweden und Island; 
das sächsische hopian ist im lln jh. noch ungebiäuchlich, 
da es im Heliand gar nicht, zuerst in den psalmen des näch- 
sten Jh. vorkommt, im übrigen Deutschland nimmt es erst 
seit jener Übergangsperiode zum mitlclhoclideulschen seit dem 
12n jh. übeihand , n\ o hijc<^tiii mit seiner Verwandtschaft 
aus der ölfenlliclikcil zurücktritt, wo auch grdfiige und :,'7'- 
(li/igen, womit früher das holfen bezeichnet wurde, auf den 
südcD zurückgedrängt werden. 

Ich will nun aufweisen dafs im herschenden dialecl des 
angelsächsischen, dem westsächsischen, Jtycgnn bereils im 
lOn jh. zu verschwinden beginnt, obwohl verwandte stamme 
fortdauern, und dafs liopa und hopian erst seit mitte des 



216 HYCGAN UND HOPIAN. 

lOn jii. allniälilicli zur lierschaft gelangt, wenn es auch im 
9n vorlianden ist. davon soll dann anwendung auf die kritik 
der zur liälfle allilterierenden psalmenübersetzung gemacht 
werden die Thorpe herausgegeben hat. 

Zuvor nmls ich, damit man, wo hycgan zu finden isl, 
nicht lioginn oder hijhtan suche, eine form bestimmende be- 
merkung machen, da die lexica und glossarien theils darüber 
schweigen, theils unrichtiges enthalten, im ganzen Beovulf, 
Cyncvulf, Cädmon giebt es kein hogiaii und ist hogde und 
hogode praelerilum zu hi/cgan, welches nicht, wie Etlmüller 
s. 481 und Lxviii angiebt, im praet. hi/gde, sondern wie in 
allen übrigen dialeclen mit rückunilaut hogde (aus hiigda) bil- 
dete, und diese form schwankt früh in die zweile schwache 
conjugalion , wie so manche andere verba beide neben ein- 
ander haben , und wird zu hogode. daraus erst hat eine 
spätere zeit auch im praesens hogian gemacht, als auch 
hyge abkam und nur hoge, ymbhoga (das denken, die sorge) 
übrig blieb, jenes hijcgan ist von nun an unter die verba 
anomala aufzunehmen. 

Im einzelnen ist der thalbestand im gebrauch dieser, 
das praeteritum zu htjcgan , welches man naturgemäfs für 
das älteste rechlmälsigc hallen mufs, hogde, findet sich nur 
in den meisten theilen des cod. Ex. namentlich bei Cynevulf, 
iu der Juliana hogde 2M , \8 forhogde (contemsit) 279, 27 
fromhogde 244, 28 vidhogde 2i5, 9 hogdes vül 267, 28 
forhogdest 251, 17, im Crist hogdim 99, 33 gehogdes 85, 29 
forhogdon 79, 10 und im Gutlilac on hyge hogde 177, 14 
forhogde 14G, 22 vidhogdo/i 139, 33 neben on hyge hycge 
473, ^ forhycge 235, 4. 250, 18 hycgnd 166, 27 gehycgad 
130, 11 gt'hycgan 105, 5 uhy(gan 50, 20; das pari, praes. 
hycgende G8, 28. 254, 12 isl überaus häufig, das pari, prael. 
habe ich hier nicht gefunden , auch in A und B nicht , so 
auch den imp. nicht, nirgends aber ein hogiau , das einzige 
hogitd to pcvi^e betrau vynne 355, 23 in dem sehr verderb- 
ten reimgedichl wird demnach hycgaä herzustellen sein, das 
praeteritum hogode findet sich im c. Ex. nur im gebet des 
Azarja zweimal 186, 15. 191, 2, welches eine jüngere bear- 
beitnng der stelle im (Cädmon zu sein scheint, in den gno- 
men :54G, 9, in dem gebet 450, 5 und sonst selten, in 



HYCGAN Ui\D HOPIAN. 217 

Cynevulfs Elene kein praet. , als praesens vidhycge 617; 
deophijcgende 353. 881 stiähi/cgcnde 682 vidcrhycgende ; 
im Andreas hogode 622 Jor/wgodes 1381 hngodest 1317 ge- 
hogodan 429, als praesens nie hogian, sondern hycgad 1612, 
stidhycgede 741. 1429 vidorhijcgonda 1073. 1174. im Bco- 
vulf stets hycge 864 hycgende 783. 1591. 5126. 1831. 2025. 
4465 hogode 1257 gehogodcst 3972 oferhogode 4685; die 
ahgebrot'liene zeile 4340 hygde . . . aealde ist herzustellen 
Hygeläcc scalde. auch hier kein hogian. die stellen des 
Cädnion hat Boulerwek gesammelt, sie ergeben hycgan, 
uhycgan , gehyrgan, vidhycgan mit und in hogade, gcho- 
godc, vidhogode und das seltene part. gehogod 2886, aber 
nirgends ein hogian. auch in den gesanimten psalmen ist 
kein hogian zu finden, mir ist es zuerst bei Alfred aufge- 
fallen, der nun neben hycgan auch häufig hogjan und for- 
hogian und auch oferhogian oferhogode {= forhogian, ver- 
achten) gewährt, im lied auf ßyrhtnod bald nach 993 noch 
hicgan Th. 121, 6 hogode 125, 5. 53 neben stidhtgende 
124, 51. im anfang des lln jalirh. hat der merzische W ulf- 
stan (Lupus) auch noch hycgan nicht selten , aber der wes- 
sexisclie Alfric ende des lOn anfang des lln jh. gebraucht 
dieses fast gar nicht mehr, und wenigstens in seinen reden 
ans Volk von 994, wie ich anderwärts zeigen werde, ist 
hogian in allen punkten an die stelle von hycgan eingerückt 
und trägt alle bedeutungen desselben, denken , slreben , sor- 
gen : carfullice hogian p dt re AHom. 1, 548 hogast embe 
1, 448 hogad ymhe 2, 372 hogige se yf'ela 1, 56 hogade 
yinbe 1, 404. 2, 118 hogode ymhe 1, 404 hogiadfordy 2, 12! 
to hogiennc 2, ^^% forhogiad 1, 64. 2, 376 J'ojdiogige 1, 60 
Jorliogii'iide 2, 130 forhogede 1, 460, kein hycgan, for- 
hyrgan in den honiilion. — kehren wir min zu den psalmen 
zurück, hier hat der allillericrende theil nur hygan. hycgean, 
hogode, der prosaische gebraucht für cogilare pcnccan , für 
studere pencean m. gen., für mcdilari smeagan, smean , für 
conlemnere forseon , rnthX, forhycgan, für sperare hopian; 
kurz der erste theil giebt hycgan in keiner seiner bedeu- 
tungen und zusammenselzungen , hogian kommt im ganzen 
psalter nicht vor. die belege sind hycge 61, 8 90, 2. 118, 69. 
106. 146. 120, 3. 142, 8. hycgead71, 1. 139, 2. 8. hyc- 



218 HYCGAN UND HOPIAN. 

g-ea 132, 1. hi/cgian 76, 6. hijegoiuh 67, 21. 68, 25. 104, 4. 
hogode, hogedo/t 69, 3. 72, 6. 77, 20. 35. 82, 3. 108, 16. 
118, 81. 142, 5. gehogedon 57, 2. 113, 18; forlujcgan 
68, 34. Jorhi/cgead 52, 6. forhogede , Jorhogedon 77, 24. 
59. 62. 88, 32. 101, 15. 105, 29. 106, 39. 118, 118. 141. 
Wenden wir uns jetzt zu hopion und hopn. im gan- 
zen Beovulf, im ganzen codex Ex., in Andr., Elene, im Cäd- 
mon ist keine spur davon, es beginnt mit hopian to , und 
töhopa bei Alfred; seine ungelauligkeit verrälli das noch im 
lOn jh. erklärend dabei gesetzte ältere synonym hi/hl. so 
lautet im Scintillarius eine Überschrift De spe. be hopan 
odde be ht/hte, und es heifst 943 hyht and hopan io him 
Dipl. IV, 279. bei Alfric ist hopian und hopa sehr gewöhn- 
lich , allein noch besieht daneben hijhtan ; zuweilen hat er 
das noch ältere venan, aber in dem späteren sinne von wäh- 
nen , wofiirhalten AH. 1, 554. für hoETnung nur hi/ht und 
hopa. — die psalmen dagegen haben von 51 an bis zu ende 
gar kein hopa, hopian, sondern nur jene ältesten ausdrücke 
dafür, während dieselben von anfang bis ps. 50 überaus häu- 
fig hopian und kein venan mehr im sinne von hoffen stellen, 
es findet sich nämlich ic hopige to, hopade io u. s. w. 4, 6. 
5, 7. 12. 7, 1. 9, 10. 15, 1. 16, 7. 17, 2. 29. 21, 3. 24, 
1. 2. 25, 1. 26, 4. 16. 30, 1. 7. 17. 21. 28. 31 , 12. 32, 
16. 17. 33, 22. 35, 8. 36, 3. 5. 9. 37, 15. 39, 3. 19. 41, 
3. 6. 14. 42, 6. daneben gehjgtan nur 27, 8. 32, 18 und 
zuweilen getriivian für sperare, nur tohopa 3, 7. 4, 9. 15, 9. 
16, 9. 21,8. 32, 15. 38, 9. 39, 4 für spes. von nun heifst 
es ic gcrenc an 51, 7. 54, 3. 55, 4. 61, 10. 62, 6. 63, 9. 
68, 3. 118, 40. 42. 144, 16. 146, 12. ic gelreovigc, ge- 
treovde on 51, 6. 70, 13. 117, 8. 118, 74. 80. 114. 129, 
5. 0. 130, 5. ic hi/cgc 61, 8. 90, 2. 113, 18. 142, 8. ic 
hi/hte tu 85, 2. 90, 4. 14. 117, 9. ic hähbe htjht on 62,7. 
77, 9. 113, 20. 129,7. 143, 3 und für spes giebt es nur 
hijht 59, 7. 60, 2. 61 , 7. 61, 7. 70, 4. 72, 23. 90, 9. 
111. 7. 118, 49. 129, 7. 141, 5. 143, 3. soll nun derselbe 
Übersetzer erst ausschliefslich hopa und hopian , nachher be- 
harrlich gcrenan und /////// gesagt haben? kann das zufall 
hcifsen, oder wäre jemanden hopian prosaisch erschienen, 
was doch der dichter der Judith 134, 54 und Alfred in den 



HYCGAN UND HOPIAN. 219 

liedern des Boethius nicht versclimäliete, und hyht zu pocliscli, 
um es einfliefsen zu lal'sen, was doch Alfrics absiclillich ein- 
fache prosa Siels neben glaube und liebe für holfnung hat? 

Das nächste ergebnis dieser Untersuchung ist, nach den 
verschiedenen spracl)ge\vohnheilen sind für die beiden ihcilc 
der psalnicnübersclzung zwei verschiedene verfafser anzu- 
neinnen. darauf führt auch eine menge anderer abweichuu- 
gen in der sprachgevvohnhcil. man kann eine reihe beson- 
derer ausdrücke des zweiten iheils ansehen als herbeigeführt 
durch die gewählte poetische form , allein auch einige ge- 
wöhnliche Wörter hat jeder der beiden für sich, so hat für 
altar I stets altei\ II stets vighed, woraus das der prosa 
ganz geläufige vofod, veofod geworden ist; für brunnen, 
grübe und abgrund I ])ytt^ II send, welches letztere auch bei 
Alfric gewöhnlich, keineswegs gerade poetisch isl; refugium 
überträgt beständig \ fridstoi), 9, 9. 17, 1. 30, 3 geheorh- 
stuv 31, 8; II fn'dstöl 89, 1. 90, 9. 93, 21; als Über- 
setzung von simul zeigt sich das schwierige, auch bei Alfric 
häufige etidemes nur bei I, nie bei II, der dafür on dne, 
sanied , ätg'ddere , ätsamne gebraucht; oft hat die vulgala 
schirmer durch susceptor gegeben, dafür 1 jedesmal aiidfc/i- 
ge/id, II stets aiidfengea^ von tahernaculum ist \ii^\\ gelvld 
oder Icinpel, bei II immer selegesceot die einzige Über- 
setzung, auch wo beide für einen begrilf etwas gemeinsam 
haben, tritt noch oft eine verschiedenheil zugleich auf, z. b. 
für retrorsum gewährt I on häcling, on earsUng, gewöhn- 
lich vnderbäc, II an hüclhig einmal, gew. on hindcriing, on 
hindcT. die beiden Übersetzer gehn auch im genus mancher 
nomina auseinander: ßöd bei I neutrum , ist bei II masc, 
s(P hat I nur als fem., II vorhersehend als masc; gcpi'uht 
(consilium) I nur als neulr , II gew. fem. davon nuils man 
übrigens, was die Icxica noch nicht wifsen , unterscheiden 
das masc. gcpohl, welches die meisten scliriflsleller auf die 
bedeulung cogitalio beschränken*). — die ai'l und weise der 

*) klar ist besonders ps. S2 , 9 {^od) loslcncl: titä ^ctlicaht (eoii- 
silia) yj'clvillendra kynna and hvj'ursyhdh tliä ^vtliohlas (co^ilaliones) 
tlnira J'ulca , and r.ac y/elra ealdormanna ^ellteaht (consilia) In- fur- 
syftdh; c. 10 ac godes gtUhvaht (consilia) üunadli on o'cuissc and ge- 
t/iü/U hi's modcs (cogilatioues cordis) a vcoiulda vvuruld. — so wird 



220 HVCGAN UND IlOPIAN. 

Übersetzung ist auch eine ganz andre im ersten als im zwei- 
ten theile, denn 1 hat die neigung zu erklären und macht 
oft lange auslegende einschiebsei, sowie er den lateinischen 
Überschriften lange angelsächsische vorausschickt, dagegen 11 
hält sich in Überschrift und text strenger an das original, mit 
geringen der epischen fülle dienenden Zusätzen. 

Weiter wird man auch über verschiedene zeit der beiden 
Übersetzer der psalmen schon durch das oben angegebene 
altersverhältnis der ihrer natur nach hier am meisten ge- 
brauchten verba für denken, sinnen und hoffen belehrt, jedes- 
falls ist II, der hijcgan und hyht ausschliefslich hat, und 
gevenan vorzugsweise für hoffen gebraucht, hopian aber gar 
nicht kennt, ein viel älterer schriftsteiler als I, dem das 
späte hopian ganz zur herschaft gelangt, lujcgan aber ab- 
handen gekommen ist. obwohl der Schreiber der psalmen ei- 
niges orthographische durchgeführt hat, wie die auszeichnung 
des Wortes vi/uing zuweilen auch des ct/n durch h, und die 
auszeichnung des namen gotles durch grofse buchslaben, so 
hat er doch sonst an seinen verschiedenen originalen im gan- 
zen so wenig geändert dafs uns auch in den lautverhält- 
nissen das bild der älteren spräche in II noch fast vollstän- 
dig erhalten ist, was schwerlich affectation des prosaüber- 
setzers I ist. die alterthümlichen llexionen ece , ecean, 
eccum , ci/n'ce, cyriceaii, andfongen, ßsceas, l(Ece, iccceas, 
väcce, vHcceum zeigt II überall, I nirgends, auch die for- 
men secean, seceait , sccgenn, secgead fast nur bei II. ebenso 
ist das alte VI bei dem I in VU übergegangen ; II sagt noch 
svigian , viht , dviht, navihl , wie sveotol, treovian , I stets 
svugian , nnviiht, 7iauht, herschend bctvuh, svutol, truria/t. 
die abgeworfenen endungen in fcondas , hälopas , hettendns 
hat II noch oft, I ganz verloren, von vcson, was II beson- 
ders oft im conj. und imp. gebrauchte, ist in I keine spur 
mehr; cuiiian bildete in der zeit des II noch cvom, cvönion, 
bei I nur com , cuinoti. jindon noc\\ fand [)U Junde , bei I 
dagegen ic fände und sc\hsl pit fandest 16, 3; gangan hat 

consiliuin mit {ielhea/if übcrselzt ps. 1, 1. G. 9, 28. 12,2. 13, 5. 10. 
19, 4. 25, i ij. oft ; .55, 6. 70, 9. 82, 5. 88, u. s. w. cügitatioucs mit 
gctho/itas 7, 10. 9, 21. 25, 2. 39, 5 u. o. 13S, 2. 17. vergl. auch Rlatlb. 
5, 22. Luc. 7, 30 mit Luc. 2, 35. 



IIYCGAN UND HOPIAN. 221 

noch vit gengon 54, 13 neben eodon. unverkennbar ist der 
ältere stand auch der prononiina bei II; ich fand zwar kein 
mec, pec mehr, aber öfter iisic; noch ic sylj'a, Im xijlfu, 
he si/lfa nie si/lf; und nicht nur hu n. sondern auch bä m. 
des duals 59, 5. 103, 9.*) die menge der seltenen Wörter 
und vcrbinduui^cn bei II vorzuführen niufs ich mir versagen : 
in den ersten theil hat sich auch nicht ein einzigesmal ein 
wort wie fäle (lieb) oder gcneahhic (viel , reichlich) ver- 
laufen, die man wohl liundcrlmal bei II und sonst selbst bei 
den dichtem seltener liudet. nach allem dem steht fest, der 
verfafser des II theils, der über ein reiches kräftiges sprach- 
gut zu gebieten hat , und gegen den die spräche bei I eine 
kümmerlich einförmig sich hinziehende ist, mufs ein sänger 
der blütezeit angelsäcbsischer dichtung gewesen sein, der 
nicht erst von ps. 51, 6 an seine allitterierende Übersetzung 
sich durchzuführen getraute, wo sie jetzt beginnt, dessen ar- 
beit vielmehr dem ersten theil nach verloren gegangen ist. 

Schwieriger ist die letzte frage, welcher zeit nun be- 
stimmter der dichter und welcher jüngeren der spätere er- 
gänzer angehörte. Thorpc hat für das ganze werk das lOe jh. 
in anspruch genommen, für den ersten Übersetzer ist das 
nicht zu spät; ich würde ihn eher imi die mille des llnjh. 
wo die handschrift geschrieben ist , setzen , weil hopian all- 
gemein geworden , ht/cgan und hogian nebst forhogian, so- 
wie auch hi/ge gehi/gd ofcrlu/clig verschwunden ist. eini- 
ges wie svugiaji aus srigian, und navuht, nauht aus noviht 
scheint freilich älter als Älfrics und der cvangelien suricai, 
naht, was den poetischen beträchtlich älteren theil belriHl, 
so kann ich nicht zweifeln dafs er älter als Alfred, dafs er 
dem 8n jh. zuzuweisen ist, da er die sprachformen des ßco- 
vulfs und die in Cynevulfs zeit gangbaren biblischen und 
kirchliclien ausdrücke hat, und da er auch aufserdcm eine 
nicht unbeträchtliche reihe früh untergegangener zum Ihcil 
sonst unerhörter wörter und bedeutuugen bewahrt, dazu ge- 
hören folgende bei Etimülier fehlende ausdrücke, hcchrägl 

*) unriclilijj s.igt Eltiii. p. 297 bii koiniiie nur in ziisaiiiinenselziui}; 
vor und es sei gleich bu; denn hit ([liclil /y«, polli. ba\ ist ctfKfoTtQ«, 
fal'st nomina von verschiedenem gcnus zusainiiu-ii j)s. '.).'), 7, bd {goÜ\. bai) 
zwei niascuiina oder fem. 103, 9. 5'J, 5. 



222 HYCGAN UND HOPIAN. 

((liplols) cyme (graliis) dreltan (consumere) earon (sunt) 
iifeohtan (evcllere) 128, 4 wie yrtV.w , peclo , healfveard 
(possessionis, imperii socius) Änwä/»/?e/ (morus) hrui^ 102, 16. 
126, 5. 132, 2 (potens) hveoäu 106, 28 Icavßnger (in- 
dex) wodurch lacvan licht erhält; mdnirian 63, 4 {scriitni'i, 
nicht dormire Etlm.) scipii scripcndc scrinde (impelu?) ßeo- 
tad 103, 24 snijtruhüs (labernaculum) spircan 101, 3 ge- 
sviru, gesveoru (colles) a?isijn (del'ectus) wie cod. Ex. 151, 24. 
201, 13 teofrian (ponere, coramiltere, fügen) loste (rana) 
woraus sich der name des altdorm. Tostig erklart, getijnum 
(atriis) 115, 8 trage (sinistre?) taelan 108, 20 treajlice 
(lacere? aegre? vergl. alln. ?r<^(lacinia, fibra) Fornm. 1, 126) 
teonati polian 102, 6; pindan 106, 25. 111, 9 (tabescere) 
pand (tabcscebam) 118, 158. ydvc (intestina) 108, 18, 

Es giebt eine alle tradition dafs Aldhehn {•]; 709), der 
lateinisch und in seiner niultersprache gedichtet, auch die psal- 
men ins angelsächsische iibetragen habe, die schon aufgegebene 
Vermutung, dafs sich sein werk hier erhalten habe, ist für 
den allitterierenden theil nach den obigen ausführungcn wieder 
aufzunehmen, und kann durch einige wenige auch hier wie 
im ersten theil vorkommende mängel der Übersetzung, welche 
noch nach abzug der vom abschreiber und vom lateinischen 
verschuldeten übrig bleiben, nicht umgeworfen werden, das 
erste drittel seiner arbeit mag an der handschrifl abgerifsen 
gefunden und von einem Schreiber des llnjh. durch die vor- 
liegende prosa vermeinllich ersetzt w^orden sein, vielleicht 
ist die prosa aus einer etwas älteren ebenfalls vollständig ge- 
wesenen Übersetzung entnommen. 

MARBURG. DIETRICH. 



VERDERBTE NAMEN BEI TACITÜS. 228 



VERDERBTE NAMEN BEI TACITUS.*) 

Da die licrausgeber des Taciliis der deutsclien graninialik. 
und unsrer alten spräche seilen kundig zu sein scheinen, 
diese aber bei zweifelhafter Überlieferung der namen von ent- 
scheidender Wichtigkeit ist, werden die folgenden bemerkun- 
gen am orte sein, ich gebe sie mit gröfserer ausfiihrliclikeil 
als manchem nöthig scheinen möchte; aber sie war nicht zu 
vermeiden, da zumal, wo verschiedene Vermutungen zusammen- 
Ireflen, diesen gegenüber es darauf ankommt zu zeigen wie 
weit wir hier mit Sicherheit urtheilen können, im übrigen ver- 
weise ich auf das im aprillieft der allgemeinen monatsschrift 
für wifsenschaft und litteralur (1852) s. 335. 336 gesagte. 

Actumerus. so der 3Iedicus ii ann. 11, 16; im nächsten 
capitel Catumerus ; bei Strabo s. 292 Ovy.QOi.iLQog, dal's bei 
Strabo und Tacitus von einer und derselben person , einem 
rjyei^iiov Xamov oder pn'iiceps Chattorum und schwelicr der 
beiden brüder des Arminius , die rede ist, kann nicht wohl 
bezweifelt werden; vergl. Grimms GDS. s. 615. das zweite 
comi)Osilionswort des namens steht fest; denn das handsclirifl- 
liche -f-iiQog statt -fit^oog macht keinen unterschied, auch 
der biudevocal unterliegt keinem bedenken , da das bei 
Sli'abo nicht nothwendig deutsches A, sondern sehr wohl 
auch U bezeichnet, kommt dann der 31cd. an der ersten sielle 
mit Strabo in der Stellung des gulturals überein, so ist an 
der zweiten stelle der buchslab versetzt und ^Ictumcrus bei 
Tacitus gesichert , und herr Ritter durfte nicht , dem inter- 
polierten Gudianus, der ohnehin keine autorität hat, folgend, 
an der ersten stelle Calumorus schreiben, wiewohl dies ein 

*) in ineinen letzten aufsätzcn (bd. 9) sind folgende druckfelilei- zu 
bcrichligen. s. 127 z. 9 v. u. und \. nur — 128, 2 v. o. schclldi I. 
schaUcn — 15 V. o. schellen I. schallen — 129, 17 v. u. elften I. 
zwiilj'te/i — 130, 4 V. 0. I. nullalenus — 8 v. u. 1. vanitas — 131, ti 
V. u. l. Fe) — 5 V. u. I. Narisci — novisci — 133, 10 v. u. I'iclula 
I. Victoali — 135, 5 v. u. i. J'opiseus — 137, 15 v. u. Fisi Sigipc- 
pedes 1. Visi Gipcdcs — 138, 13 \. o. cillischen 1. (feilschen — Pe- 
tropo- I. Pefopo- — 14 v. o. Prut. 1. Peut. — Cofae Ulriani I. 
Getae Isiriani. 



224 VERDERBTE NAMEiN BEI TACITÜS. 

guter deutscher name ist , ahd. Hadumdr, vergl. Catualda 
alid. HaJoll. steht aber Aclumerus bei Tacilus fest, so 
dürfen wir bei Slrabo das P statt T wohl auf rechnung der 
abschreiber setzen, auch wohl das anlautende Ov slait 'O. 
dies wäre nichts anderes als eine unreinere auffafsung des 
A, wie in Mnroboduus statt Morabaduus, goth. Maraba- 
thtis (wie zeitschr. 7, 528 zu verbefsern ist), Aleboduus 
Gruter 758, II; vergl. unten Bojohemum. die genauigkeit 
der römischen auffafsung und lautbezeichnung bewälirt sich 
auch hier. ahd. Ahtomar, was Grimm GDS. 580 für Aclu- 
merus ansetzt, weifs ich freilich nicht zu belegen, noch auch 
andere ahd. composita mit aht- nachzuweisen; A/ito mar würde 
auch lat. Actomerus, goth. Ahtomers fordern, wohl aber 
treffen wir bei Plinius Actania, was nach dem daneben ste- 
henden Austeravia in Actavia zu befscrn ist, und hierdurch 
wird das compositionswort als solches hinlänglich gesichert. 
Wackernagels Vorschlag Vncrumeriis ist unglücklich, denn 
abgesehen davon dafs für den abfall der anlautenden spirans 
im munde der Römer kein grund denkbar ist und kein bei- 
spiel spricht, so wird auch VVackernagel seinen eigenen na- 
men nicht zum zeugnis anführen können dafs früher einmal 
das adjectiv, womit doch Vacrumcrus gebildet sein müsle, 
als erstes compositionswort in namen gebräuchlich war; und 
wenn dies, wie wollte er den bindevocal U rechttertigen? 

Adgandestruis ann. 2, 88. wollte man den namen 
zerlegen in Adgan-deslrius und dann, um ein gebräuchliches 
compositionswort zu erhalten , Adgaii et\\ a in Angan ver- 
ändern, so würde die andre worthälfte, grammalisch betrach- 
tet, sogleich die Verkehrtheit dieses Versuchs beweisen, in 
-p.strius liegt augenscheinlich eine bekannte, auch im griechi- 
schen und lateinischen gebräuchliche ableitungssilbe vor. dar- 
nach ist gandcstrins zusammenzufafscn , und Ad müste eine 
latinisierende darslellung der deutschen präposition at, ahd. az, 
sein, ein solches compositum würde aber jedcsralls nur einen 
ganz besondern beinameii, nicht einen eigentlichen namen ab- 
geben, und gandc.slrius würde imujcr wohl als ein verbales 
Substantiv aufzufafsen sein , wie die ähnlich gebildeten ags. 
fcminina , gramm. 2, 134. viel natürlicher und einfacher 
stellt sich der deutsche name dar, wenn wir nach J. Grimms 



VERDERBTE NAMEN BEI TACITUS. 225 

vorschlage (zeitsclir. des Vereins i'ür liess. gesell. 2, 155, 
vergl. GüS. 5S0J bei Tacitiis lesen ropcrio npud scn'ptores 
senatoresque eoriindem tcmporiim ad Gandcslrii , principis 
Chattorum , Icetas in sennlii h'ltrras , quilnis morleni Ar- 
ininn promülehal , si patrandae uvci veiienum viilleretur, 
responsum esse u. s. w., statt responsiiinque. herr Nipper- 
dey mag über die latinität entscheiden. Grimm stellt Arpus 
(prmceps Chattorum ann. 2, 7) mit Gandestrius zusammen 
und erklärt jenen namen als nias anas, diesen als eine masculin- 
form zu gans (gafita?), ags. gandra, niederd. g ander g än- 
dert, ist diese erklärung richtig, so haben die namen den 
Charakter von beinamen, und Neidharts zwein vil (jeden gan- 
ze7i gent si vil gelich 27, 7, ieh liün von ocden ganzen 
alle wile her gesungen 28, ß , ein ton'seher ganze, JVal- 
berün , tuot mir zallen ziten ungereht 29, 3 wird die mei- 
nung der bericnnung erläutern, aber ahd. Canzo (Juvav. 
s. 132 a. 930), Genza (Juvav. s. 200 a. 970), und der van- 
dalische Gento rev'Qwv gehören wohl nicht hierher, noch 
weniger Gensv.ricus. 

Acstii. Gerlach setzte Germ. 45 ^ieslui in den lext und 
Zeuls s. 267 stimmt darin bei. die wichtigeren hss. RacdNS 
(+ RIlhfFLM) zeugen für Aestii, P hat neben Estii über 
der zeile und am rande Efliii (Malsmanii lab. 2 nr. 19), 
und dies findet sich wieder in den hss. TH und in allen 
drucken, denen ebensowenig als jenen eine autorilät zu- 
komn)t; nur der schlechte Venetus hat Estui , andre alle 
ausgaben Aestiji. lasl seheint es als wenn der Zusammen- 
hang — iani dvxtro Suevici mai'is litore Aestiorum gentes 
alluuntur — die abschreiber verleitet habe das ganz lateinisch 
klingende EJIui, EJ'Jlui herauszulesen ; das adj. efjluus kommt 
bei Avienus vor. gleichwohl könnte, da in den hss. häufiger 
i aus u enslanden ist (s. unten LIgii), Tacitus Aestiii ge- 
schrieben haben und dies sehr wohl mit Zeul's auf einen 
deutschen plural ^lislvos (vergl. Ahnovia bei Ptol.) zurück- 
geführt werden, allein da die allen Preulsen allnord. Eistir 
heilsen, was goth. Aisteis wäre, und der name bei Cassiodor 
Haesti, bei Jordanes Acsti, bei Einhaid ^l'sti lautet, so hat 
die Schreibung Aestii die gröfsere Sicherheit für sich. VV^ulf- 
stäns Estas oder Edstas bei Alfred können nicht dawider 
Z. F. D. A. IX. 15 



226 VERDERBTE NAMEN BEI TACITÜS. 

zeugen, da die declinalion in I im .iijs. im erlöschen begriffen 
ist; das mid Islinn des travellers songs lälst die declinalion 
nicht erkennen. 

Jinpsfcani. Angrivorii. im sommer des j. 16 n. Chr. 
landete Germanicus mit seinem licere auf dem linken ufer der 
Ems, setzte dann aufs rechte ufer hinüber und zog , in süd- 
westlicher richinng, an die Weser, etwa in die gegend von 
Minden oder Rinteln, da, heilst es ann. 2, 8, metanti castra 
CuQsari Angn'variunim defectio a tei'go ininiiatiir : missus 
ilico Stevlinius cum equite et armnhira levi. igne. et caeili- 
l)us perßdinm iiltus est. die Angrivarier miilsen ganz in der 
nähe gewolinl haben und des Siertinius streifzug kann nicht 
eben weil gegangen sein, seine riickkehr ins lager wird nicht 
einmal erwähnt; er ist schon im unmillelbar auf die ange- 
führten \\ orte folgenden caj)itel , wo des Flavus und Arnii- 
nius Unterredung berichtet wird, als des ersten begleiter zu- 
gegen, am tage nach der Unterredung setzt dann Germani- 
cus mit dem beere über die Weser, wirft am folgenden die 
Germanen zurück, diese denken anfangs daran sich über die 
Elbe zurückzuziehen, postvemo deligiint locum ßiimine et 
silvis clausvDi, arta ititus planitie et umida ; sileas qvoque 
profunda palus ambibat , ?nsi quod latus unum Angrivarii 
lato aggere extulerant, quo a Cheruscis dirimerentui\ 
cap. 19. etwas weifer hin cap. 20 heifst es hostcm a tergo 
palus , Romanos ßumen aut montes claudebant. unmöglich 
kann unter dem ungenannten llufse ein nebenflufs der Elbe 
verslanden werden, wie herrNi|)perdey für wahrscheinlich hält: 
Tacitus spricht kaum von einem vorrücken der Körner, auch 
kann man nicht mit herrn Piilter an die Aller denken (deren 
aller name nicht Altera, sondern Alara lautet) , denn hier 
giebl es keine vwntes. eher passt die Leine (ihren namen 
latinisiert herr Ililter auf gut glück in Linia-. seine älteste, 
reinsle form isl Lagina). ich sehe aber auci) nicht ein 
warum nicht an einen entfernteren punkl an der Weser ge- 
dacht werden könnte, wie dem auch sei , am abend nach 
der zweiten schlachl errichten die Römer ein lager cap. 21 ; 
darauf cap. 22 laudatis pro contione rietoribus Caesar con- 
geriem armoruin slruxit, superbo cum titulo : debellatis in- 
ter Rhenum Albiinque nationibiis cxercitum Tiberii Cacsaris 



VERDERBTE NAMEN BEI TACITUS. 227 

ea vionimenta Marti et lovi et Augusto sacravisse . — mox 
bellum in Angrivarios Stertinio mnndnt, ni deditionem pro- 
pei'avisscnt. atqi/e Uli supplices nihil nhniiendo veniam 
omnium accepore. ein theil der legioiieii wird jetzt auf dem 
landwege ziiriickgeschickt , der giölsere theil aber gehl von 
der Ems aus zu schiffe cap. 23, und als eine sturmdut beer 
und flotte zerstreut , multos Angrivarii miper in ßdein ac- 
cepti j'edeinplos ab interioribus reddidere cap. 24. nach 
cap. 41 triumphierte dann im sommer darauf Germanicus de 
Cheruacis Chattisque et Angrivariis , quaeqiic aliae natio- 
nes iisque ad Albiin colunt. bei vorurtheilsfreier betrach- 
tung dieser stellen ergiebt sich dafs die Angrivarier zu bei- 
den Seiten der Weser, in gröfserer stärke aber auf dem lin- 
ken ufer wohnten, wenn auch nicht bis an die Ems, deren 
anwohner, im jähre vorher heimgesucht ann. 1, 60. 03, dies- 
mal nicht genannt werden, die zweite schlacht ward hart 
an der südöstlichen grenze der Angrivarier gegen die Che- 
rusker geliefert, so dafs der wall auf dem linken, der unge- 
nannte Hufs mehr auf dem rechten fliigel der Römer lagen, 
als Stertinius hier den aufirag erhielt sie für ihren abfall zu 
bestrafen , sollte er offenbar mit der von ihm commandierten 
reiterei und den leichten truppen , wie ann. 1, 60. 71, den 
vorlrab des zum flotlenlager an die Ems zurückkehrenden 
lieeres bilden : das ganze gebiet der Angrivarier wäre mit 
feuer und schwert durchzogen worden, wären sie durch zei- 
tige Unterwerfung nicht dem zuvorgekommen, auch auf dem 
hinmarsch halte Germanicus ihr gebiet durchzogen, und ihre 
grenzen wohl schon eben überschritten, als ihr aufstand hin- 
ter seinem rücken gemeldet wurde, war dieser eine pcrfidia 
und dnj'ectio, geschah aber der erste durchmarsch des heeres 
friedlich und ohne widerstand , so mufs eine verlragsmäfsige 
Unterwerfung des volkes, wenn nicht schon bei der vorjähri- 
gen anvvesenheil des Germanicus an der Ems, doch gleich 
bei seinem ersten erscheinen an ihrer grenze erfolgt sein, 
aus allem diesem ergiebl sich für die Angrivarier die Stel- 
lung, dafs westlich von ihnen die Chamavcn, im norden zu 
beiden seiten der untern Weser die Chauken, im osten und 
Süden, kleinere Völkerschaften ungerechnet, die Langobarden, 
Cherusker und Bructerer safsen. die Stellung der Chamaven, 

15* 



228 VERDERBTE NAMEN BEI TACITUS. 

<lio Zeufs s. 92 irrlluimlii li an die obere Hmile und die 
Werre setzt, gehl aus der angäbe des Tacitus ann. 13, 55, 
Germ. 33, sowie aus ihrem späteren auftreten (Zeufs s. 334) 
hinlänglich hervor. Tacitus giebt den Chamaven und Angri- 
variern in der Germania die Stellung der ßructerer, die er 
als ein untergegangenes volle, das von jenen vernichtet sei, 
betrachtet, obgleich ihr nanie bekannllicli noch lange fort- 
dauert; er räumt dagegen zufolge dieser annähme, in der 
meinung die Angrivarier seien in das gebiet der ßructerer 
ausgewandert, das gebiet jener den Chauken ein, so dal's 
diese sich bei ihm mit den Chatten, die die macht der Che- 
rusker gebrochen, an der Weser berühren, ich glaube dafs 
diese Stellung nicht einmal für seine zeit vollkommen der 
Wahrheit gemäfs ist. jedesfalls war sie vorübergehend, giebt 
man den ßructerern und Cheruskern ihre alle, unzweifel- 
hafte stelle zurück, so rücken Chamaven und Angrivarier 
auch genau in jene läge die vorhin angegeben ward, die 
späteren Angarii oder Angraril erstreckten sich zwischen 
der Hunle*) und Leine zu beiden seiten der Weser von 
Münden bis an die Elbe, so dafs das ehemals chaukische 
gebiet zwischen Weser und Elbe und theile des clieruski- 
schen landes , vielleicht auch die kleineren Völkerschaften, 
haud perinde memorntac Germ. 34, darunter begriffen wa- 
ren : eine ausdehnung des alten namens die sich sehr wohl 
historisch begreifen lälst und den Zusammenhang mit der 
ehemaligen Stellung der Angrivarier am wenigsten verleugnet, 
vielmehr diese bestätigt, es ist sehr zu beachten dafs An- 
grarii nicht der name eines gauvolkes, sondern ein collecti- 
vum ist. 

Herr W. E. Giefers, derselbe von dem der geistreiche 
gedanke ausgegangen dafs die frmenseule bei der Eresburg 
nichts anderes gewesen sei als der heilige bäum der Tamfana, 
den die Römer bei der Zerstörung des heiligthums an ästen 
und zweigen gekappt hintcrlal'sen, dieser ' iuvenis in his re- 
bus probe \ersatus' nach Fr. Ritlers Zeugnis, hat nun ver- 
mutet dafs Tacitus sowohl ann. 2, 8. 22 als auch in der Ger- 
mania c. 33. 34 die Angrivarier mit den Amsivariern ver- 

*) doch gellörle der gjiu Leri zwisciicn der Lede oder Saterems und 
Hunte nach dem legislruiu Sarachoiiis 605 auch nocli zu Engern. 



VKIIDEHHTK iNAMEiN BEI TACITUS. 229 

wcohscif liiibe, und lierr Ritter zweifelt nicht dals an den 
beiden stellen der annalen Ainsivarier im Text stehen soll- 
ten, lullet sich aber noch diese correctur zu vollziehen, das 
versaunife hat Nipjierdey in vollem mal'se nachgeholt: \on 
nun an liest man im zweiten buche ab excessu divi Augusli 
nur zweimal, c. 19 und 41, von Angrivariern, dreimal von 
den bis dahin hier unbekannten Ampsivariern , und viel- 
leicht sind jene an zweiter stelle herrn INipperdey nur zu- 
fällig entgangen, aber wie sein verl'ahren zu rechtfertigen 
sei hat er sciiwerlich recht bedacht, bei der annähme einer 
allerdings leichten huchstabenvervvechslung in diesen namen 
würde man voraussetzen dafs cap. 8 dem abschreiber schon 
die angeblich c. 19 zuerst erwähnten Angrivarier bekannt 
gewesen und dafs dann c. 22 und 24 die ändcrung ahsichl- 
lich vorgenommen sei. einen geographischen oder histori- 
sclien irrthum aber des Tacitus selbst zu berichtigen ist der 
kriliker nicht befugt, und einen solchen hier auch nur nach- 
zuweisen ebenso unmöglich als die annähme, dafs absichtlich 
an allen drei stellen, c. 8. 22. 24, der Übereinstimmung mit 
c. 19 und 41 zu liebe der name der Ampsivarier getilgt 
sei, unbegründet ist. 

Es ist schon unkritisch, wenn das zeugnis des Ptolenuius, 
wie in diesem falle von den genannten gelehrten, über die an- 
gäbe eines Römers gestellt wird, noch mehr aber, wenn dies 
ohne alle prüfung des Zeugnisses geschieht. Ptolemäus giebt 
an dafs die Angrivarier unterhalb der grofsen Hauchen wohn- 
ten, da er nun diese zwiscdien die mündungen der Elbe und 
Weser setzt, so, schliefst man, haben jene nicht westlich 
von der Weser gewohnt, aber schon Zeufs bemerkte s. 139 
dafs localität und ein zeugnis des Tacitus, ann. II, 19, mit 
nolhwendigkeit den grofsen Chauken ihre stelle zwischen Ems 
und Weser anweisen, wo nach Ptolemäus die kleinen Chau- 
ken safsen. wohin kommen nun die Angiivarier? man wende 
nicht ein dafs Ptolemäus unlcihalb dir kleinen Rauchen, also 
zwischen Ems und VV^eser, die grofsen Rructerer nennt, die 
Hructeier, die Cermanicus im j. l.~) an der Ems hinauf zie- 
hend und (]äciua vom Rheine aus bezwang, reichten sicher- 
lich nicht an die Weser: C<i"(i/iani . . . (Jlstrahcmio Iiosti 
per Bructcros tid Jlumcn ^tmisiam iitillH . . . ipsc i/iposilas 



230 VERDERBTE NAMEN BEI TACITÜS. 

navibus qmittuor legiones per lacus vexit , simulque pedes 
eques clussis aput praedictum ain?iem cotivenere. Chauci . . . 
in coinmilitium ndsciti sunt. Bructeros sua urenlis expe- 
dita cum manu L. Stertinius vässu Germanici fudit . . . 
ductuni indc agmen ad Ultimos Bructerorum , quantumque 
Amisiam et Lupiam amnes inter, vastatum , haud procul 
Teutoburgiensi saltu, ann. 1, 60. die Unterscheidung der 
grofsen und kleinen Briicterer kommt in unmittelbar römi- 
schen quellen nicht mehr vor. aus Strabos übrigens verwor- 
rener angäbe s. 291 sieht man jedoch so viel dafs die kleinen 
Bructerer an der Lippe safsen, womit Ptolemäus § 8 überein- 
stimmt; hier an der Lippe kennen die römischen quellen nur 
Bructerer, vergl. bist. 5, 22. 4, 61. vorher verbindet Strabo 
TiQog T(p coTieavoi ^ovya/ußQol re '/.cd Xavßoi y.al Bqov/.te- 
QOt xal Kl^ißQOi, Kav-/.ol xe. u. s. w., wo Cluvcr aus Xavßoi 
unleugbar richtig Xai.iaßoi herstellte ; Bructerer aber wohn- 
ten nach Sirabo s. 290 so weit an der Ems abwärts dal's 
Drusus mit ihnen zu schiffe kämpfte, wie, wenn die soge- 
nannten grofsen Bructerer keine anderen wären als die Cha- 
raaven , und diese auch bei Tacitus ann. 1, 60 und Strabo 
s. 390 mit unter die wie es scheint an die Chauken gren- 
zenden Bructerer begriffen sind? diese Vermutung kann an 
sich keinem unsrer alten geschichte und verfafsung kundigen 
anstöfsig sein, denn wer da vveifs dafs der begriff einer 
taciteischen civitas nur dem eines gauvolkes oder fijlkes ent- 
spricht (Wailz 1, 51), dals aber oft mehrere cirilatcs oder 
gauvölker, jedes mit besonderem namen, in einer bald losern 
bald innigem und stätigern Verbindung zusammenstehen unter 
einem gemeinsamen namen , der entweder ihre alle stamm- 
verwandtschaft oder ihre politische gemeinschaft ausdrückt, 
oder auch blofs von dem eben den vorrang behauptenden 
Volke hergenommen sein kann , der wird auch den Wechsel 
der namen und das schwanken ihrer ausdehnung leicht ver- 
stehen und z. b. aus dem fehlen oder verschwinden eines 
namens nicht gleich auf den Untergang oder die abwesenheit 
des Volkes scliliclsen. die verkcnuung jener einfachen lliat- 
sache ist vielmehr hauplsächlich schuld an der fast allgemei- 
nen Verkehrtheit der behaudliiiig und heurllieilung unsrer allen 
völkerverhällnisse, wobei ich Zeiils natürlich ausnehme, die 



VEUDEKinE iNAMEN BEI TACITUS. 231 

verkeimiuig jener tliatsache ist auch die Ursache dals Nipper- 
dey sich zu einer offenbaren fälschung taciteischer nachrichlen 
verleiten liefs. denn mit den Anisivariern und Angrivariern 
verhält es sich aller Wahrscheinlichkeit nach ganz ähnlich wie 
ich für Bructerer und Chamaven vermutete. 

Freilich kann erst eine besondere nntersuchunu- den be- 
weis rühren dals des Ptoleujäus karte von Germanien durch- 
weg aus zwei auch der zeit nach verschiedenen berichten 
zusammengesetzt ist, denen natürlich einige namen gemein- 
schaftlich waren: doch kann man die erfahrung auch an unsrer 
stelle machen. Strabo hat in seinen bericht einen abschnitt 
Ji) 4 über die kriege der Römer und besonders den triumph 
des Germanicus eingeschaltet; im übrigen gehört seine Schil- 
derung der zeit der kriege des Tiberius im anfang des Jahr- 
hunderts an , mit einzelnen rückblicken auf die kriege des 
Drusus. wahrscheinlich aber ist nach der kenntnis die man 
aus diesen über Germanien gewonnen die älteste bei Ptole- 
mäus zu gründe liegende karte in sehr allgemeinen umrilsen 
entworfen, ihr gehören auch wohl die kleinen und grofsen 
Bructerer an, die bei Ptolemäus ähnlich wie bei Strabo den 
räum zwischen Friesen und Wcstchauken im norden und Su- 
gambern im südcn einnehmen, die jungem hierher gehören- 
den nachrichten dagegen sind heillos verschoben, fast ganz 
Germanien ist s(;hon mit namen angefüllt; die läge der Semno- 
nen zwischen der mittlem Elbe und Oder ist richtig bestimmt; 
da heilst es § 18. 19 vtco f.iev zovg 2e/iivovag ol/.nvüi — t- 
Xiyyai . . . vno de rovg ^iXlyyag Kalovmovsg icf axdrsQa 
Tov J^lßiog 7TOTaf.iov , vq) ovg XchqovoxoI •/.al Xaf.iavol 
f^ii%oi TOV IMrjlißö/.ov oQOvg' cbv ycQog dt'aTolag neql rov 
J^Xßiv 7C0Tafidv Bai[v]oxcufiaL u. s. w. und § 23 V7r6 de 
Tovg Xc(f.ic(vovg XarTai xal Tovßavroi /.al vireq tu ^oidrjza 
oQTj TavQioxcdfiai, vjto de rd oq)] OvaQiaroL darnach kä- 
men die Cherusker und (Ihauken nach ßöhmen , und doch 
sollen östlich von ihnen die Bccioycunai wohnen, die läge 
der (Llieruskei- sieht nach andern bericlilen fest genug, gehen 
wir davon aus, so ergiebt si(-li leicht eine Verwechslung der 
Elbe und der Weser : die Caluconen niülsen zu beiden sei- 
len der Weser, und zwar nördlich von den Cheruskern, ge- 
wohnt haben, sowie die Chatten im süden an der Weser mit 



232 VERDERBTE NAMEN BEI TACITLS. 

den Cheruskern zusaniniensliersen ; mit den Clianiaven aber 
berührten die Chatten sich ebenso wenig als die Tubanten 
unter ihnen, die Chamaven unter den Cheruskern wohnten, 
vielmehr gewinnen wir eine besläligung für die vorhin an- 
gegebene Stellung der Chamaven , wenn wir die aus andern 
nachrichlen vollkommen sichere läge der Tubanten im westen 
der Chatten festhalten, es ist mit jenen eine ganz ähnliche 
Verschiebung vorgegangen wie mit diesen , eine Verschiebung 
die ubriirens nicht so schwer zu erkliiren ist als es vielleicht 
im ersten augenblicke den anschein hat. denn offenbar stellte 
der zum gründe liegende alte bericht von den Chauken und 
Caluconen ausgehend die an der Weser mächtigen völker mit 
ihren nachbarn in gruppen, aber Ptolemäus oder sein Vor- 
gänger Marinus stellte darauf, das nebeneinander der grup- 
pen übersehend , die namon reihenweis unter einander, die 
richtigkeit dieser annähme bewährt sich schon dadurch dafs 
die unter den Chatten und Tubanten siehenden TevQioycä^iai 
VTtsQ Tcc 2ovdi]Ta OQTj, mit den Varisten und dem Gabreta- 
wald darunter, nothwendig Hermunduren sind, also neben 
den Chatten stehen sollten ; noch vollständiger aber dadurch 
dafs sie mit einem male die andre, nicht minder arge con- 
fusiou auf der ptolemäischen karte zerstreut; ich meine die 
beiden völkerreihen zu beiden selten der Abnoba, im westen 
zunächst am Rhein die Teucterer und Lsipier mit mehreren 
kleinen sonst unbekannten Völkerschaften, im osten die Cha- 
suarier, ebenfalls mit mehreren sonst unbekannten Völkern, 
beachtet man nämlich dafs bei Ptolemäus die nordspitze der 
Abnoba mit den quellen der Ems und dem Melibocus, an dem 
die Cherusker wohnen, ungefähr auf gleicher breite liegt, 
so kommen die Chasuarier an die Emsquelle , eine Stellung 
die sehr wohl mit der angäbe des Tacitus sich vereinigt 
Angrifurios et Chamavos a tergo Dulgubini et Chnsuarü 
eludunl aliae(fue gentes hond perinde memoratae, Germ. 34, 
wenn auch Tacilus dabei aufser acht golafsen haben sollle dafs 
seine Angrivarier und (Chamaven die stelle derBructerer einge- 
nommen, da bei Ptolemäus die üiilgubnier unter den Lango- 
barden, das ist wohl zwischen den Angrivariern an der Weser, 
den Cheruskern und Langobaiden, stellen, sobald man die Cha- 
suarier au die r^msquellen {niiyai) setzt (die Hase entspringt 



VERDERBTE NAMEN BEI TACITLS. 233 

auf der andern seile des gebirgs) und nun die reihen der 
Völkernamen auflöst, so erhält man deren genug um den lee- 
ren räum, der von den Cheruskern Chatten Tubanten Tencle- 
rern und Usipiern und den Bruoterern umschlolsen Murde, 
mit gentibus haud pen'ndi- Diemorntis anzufüllen es ist die 
fj' ßdOei XMQa, wohin nach auflösung der Sugambern durch 
die Römer nach Strabo die üborieste des volkes, -/MOaTTSQ 
MaQGOi, sich zurückzogen, vergeblich wäre der versuch die 
namen wieder in eine ordnung zu bringen; wahrscheinlich 
sind es gaiivölker die sonst mit unter einem allgemeinen na- 
men begrillen werden, allein keineswegs sind die angaben 
der beiden verschiedenen berichte bei Plolcmäus durch ein- 
ander geworfen, als beiden beri<hten gemeinsam nehme ich 
an die namen der Bructerer Friesen Chauken und vielleicht 
der Cherusker, der ältere kannte südlich von den kleinen 
Bruclerern und der Lippe noch die Sugambern, unter diesen 
die Suebi Langobardi, d. i. die Chatten (Zeuis s. 94. 95), 
im Osten von diesen bis zur mittlem Elbe ausgebreitet die 
Suebi Anglii, d. i. Hermunduren (und Cherusker?), und 
zwischen diesen Sueben und den grofsen Bructerern, also 
hinler den Sugambern an den Weserbergen, Xaljuai, ein 
sonst unerhörter name für die (^hasuarier und deren anhang. 
statt nun die Völker des zweiten berichtes wieder an die 
Bructerer anzuschliefsen, werden sie vielmehr in parallel lau- 
fenden reihen unter die Sueben gestellt, und zwar kommt 
die dritte reihe, die mit den Caluconen beginnt, ganz folge- 
recht unter das dritte Suebenvolk, die Semnonen , an die 
obere Elbe ; Caluconen Ciieriisker und Chamaven aber rücken 
etwas nördlicher als die Tenctei'cr und Chasuaricr, die ersten 
in der ersten und zweiten reihe , ollcnbar weil dem Ptole- 
mäus ziemlich richtige bestimmungen der breite der Ems- 
quellen und des Harzes (Mch'huciis), des Erzgebirges [St/deta, 
zeitschr. 7, 52C) und der Donau vorlagen und zwischen den 
Sudelen und der Donau am (iabrclawald noch Varislen Mar- 
comannen und Sudinen räum linden sollten (s. die oben an- 
geführte stelle), hiermit ist nun das schwierigste räthsel der 
jitolcmäischen lafel , wie ich meine, sehr einfach gelöst: im 
übrigen macht die unlcrscheidung des ersten summarischen 
berichls vom zweiten keine schwierijikeit. ich habe mich 



234 VERDERBTE NAMEN BEI TACITU8. 

hier aber nur darum so weil auf die unlersucluing eingelarseii, 
um zu zeigen dal's erst wenn wir aufgrund der übrigen, un- 
befangnem und unmittelbarem Zeugnisse eine einsieht in die 
Zusammensetzung der ptolemäischen karte gewonnen haben, 
es möglich und erlaubt ist aus ihren angaben nutzen zu zie- 
hen; und mit voller Zuversicht glaube ich als resultat für 
den vorliegenden speciellen fall es hinstellen zu dürfen dafs 
die sitze der aus der zweiten quelle genannten Caluconen 
mit denen der Angrivarier bei Tacitus und dem altern ge- 
währsmann des Ptolemäiis zusammenfallen; mit andern Wor- 
ten, beide völker scheinen hiernach eins zu sein. 

Allein mit hilfe des Strabo läfst sich dieser punkt noch 
genauer bestimmen. Strabo hebt s. 290 die groi'se ausdeh- 
uung der Sueben hervor, dann s. 291 als kleinere nicht- 
suebische völker die Cherusker Chalten Gambrivier und Chat- 
tuarier, ^qoq ds rcj) (u/sajw ^ovya/iißQoi. ts ytal Xafiaßol 
(s. oben) yial Bqov/.t£qol /.at Kl/iißQOi, Kavxol xe ■KalKaovX- 
y.Oi ytal Ka/mpiavol y.al aXXoc nXeiovg. da die Hermun- 
duren und Langobarden schon vorher unter den Sueben ge- 
nannt sind, so fehlen von den bedeutendem Völkern im westen 
der Elbe nur die Angrivarier. dafs dies aber eben die mit 
den benachbarten Chanken znsammengenannten Kaovly.oi 
y.al Kaiixlnavol sind, wird durchaus wahrscheinlich aus fol- 
gender stelle über den triumph des Germanicus s. 292, /.cd 
alla de acoinara irtOfiTtev&rj ex raiv TteTioqd^rj^iivtov eS-vcuv, 
Kad^vlxMv /.al Ji(.i\paviov , Bqov/.T€qcov , OvoLrcov, X'tj- 
QOva/.tor, XäzTtor, XaxvovuQtiov, ylavöcov, ^oißarxUov. hier 
sind die ILAQYylKOl offenbar dieselben mit den KAOYA- 
KOI , so auch die J^/.iiliavoi und Kai.nj'iavni. die nächst- 
folgenden sind bekannt als vom Germanicus besiegte völker, 
bis auf die (]hattuarier, die woiil nur durch einen irrthum 
entweder des Strabo oder eines des namens von der seile 
vorher noch eingedeuken abschreibei-s hierher gekommen sind, 
da die ßalaver und Canninefalen d. i. Cliatluarii (Zcufs s. lUO) 
wenigstens schon seit dem j. \ n. Chr. (Vellejiis 2, 105) 
innerhalb der grenzen des römischen rcichs wohnten und 
dienstpilichtig selbst dem Germanicus (atm, 2, 11) gegen ihre 
slammgenofsen heerfolge leisteten, gar sehr aber iaill das 
fehlen der Marsen auf. man setzt ihren namen seit Cluver 



VERDERBTE NAMEN BEI TACITUS. 235 

für das gewiss verderbte udavdiov, und auch Kramer stimmt 
darin bei. aber mir sciieint Groskiirds änderung dieses na- 
mens in ^ayyoßdgdcüv durchans nicht so unglücklidi, d,i 
diese, wenn auch bei Tacitus nicht erwähnt, doch ohne aUcn 
zweifei am grenzwall der Angri\'arier mit unter den Völkern 
bis zur Elbe besiegt wurden; die obscuren zlavdovxoi bei 
Pti)lemäus für Aavdo'i in anschlag zu bringen war ein mis- 
grilT (zeitschr. 7, 472). wie, wenn der znfall, der in der 
besten hs. des Strabo XäTxtüv fehlen liefs , recht halte und 
XccrzovciQiiov (XcaxovrciQiiov liest man in AB) in Xcaxiov, 
DIuQOiüv zu verbeisern Aväre? wie man sich auch entschei- 
det , die Voraussetzung dafs hinter einem dieser namen die 
Marsen verborgen und von Sirabo genannt seien , ist nach 
Tacitus geschichtserzälihing wohl begründet, in ^oViiazTUov 
endlich hat man längst mit recht die Tubanten erkannt, und 
den versuch die handschriftliche Überlieferung zu rechtfer- 
tigen (zeitschr. 7, 472. 473) halte ich für vollsländig mis- 
lungen. so wenig als Siigambri, Sig/'pedos in S/gt/gambn', 
Sigugipedes aufgelöst werden dürfen (oben s. 137), können 
auch ^ovßctTTiOi Stgubotlü sein; nnd Sigubattii können 
wieder nicht S?'gubo/itf7 werden , weil die rhinistischc form 
die ujcdia voraiisselzt , ba//t aber alid. b(//iz lautet, so dafs 
weder Sigubaiilü mit dem epischen hochdeutschen Sigebant, 
noch auch Sigubattii mit den Tubantes Bucinobanles u. s. w. 
zusammengestellt werden dürfen, auch der nachweis hessi- 
scher Batten verunglückte: lautete Battctijcld an der Iilder 
ehemals Baddajifeld, so entspricht Battenberg oder Batle?i- 
borg dem ags. liadda/ibyrig (Leo rectit. s. 20;; der sinn 
des namens wird deutlich am ags. Benddansyle ; ignavos et 
itnbellvs et corpore infamen caeno ac paliide , iniecta in- 
snper crate, ?nergant (.crm. c. 12. mit den Batti =- Baddi 
aber können die Bataci nichts zu schaden haben, in deren 
namen die einlache tenuis feststeht, der auch keineswegs 
componicrt ist; Batavi Chamavi als Bataviones Chamavio- 
nes zu erklären ist fehlerhaft, es bleibt also bei der beide 
male durch Tacitus hinlänglich gerechlfertigten emendation 
des BccTTCüv rjytfiovog in einen Xctxxiov rjy£f.icöv und der 
^ovßaTxiiov in TovßavxUov. da nun aber Tacitus unter den 
im Iriumph des Germanicus aufgcfülirlcn Völkern neben den 



236 VERDEKBTE NAMEN BEI TACITLS. 

Clicruskern und Chatten allein die Angrivarier liervorlieht 
und diese in der thal im letzten l'eldzuge eine solche rolle 
gespielt hatten dals Strabo sie nicht unerwähnt lal'sen konnte, 
so schlielse ich dals es eben die beide male paarweise ge- 
uannten KccovX/ml y.cd ^^Nnavoi sind, eine Vermutung die, 
sobald man die übrigen von Strabo im triumph erwähnten 
Völker an ihre geographische stelle bringt, sich sofort als 
richtig bewährt. 

Die Identität der namen Xa.ovXy.oi und KaXovy.iovtq 
ist nicht zu bezweifeln, die fehlerhafte laulverbindiing in 
Kaovh/Mi mag schon von Strabo herrühren, Caluco für 
Chaluco, wie Calli für Chatti, Cuesia für Chaosja (ahd. 
Heisi), Catualda für Chathuldo , Cauci Caiichi Chouci für 
Chauchi (d. i. Hänhüi nom. plur. von hüuhs celsus), ist 
ahd. Haluhho (Haliliho Meichclb. nr 10 a. 700, Ihlihho 
nr 162 a. 808 u. s. w), alls. Haluco. ich bin nicht sicher 
ob dies das mehrmals in den Corveier Iraditionen § 399. 414 
(Wigand) vorkommende Hetuco oder § 243 Heloco ist und 
ob Hnlec Hnlechern Halecbert Halacbold Halegdog Halec- 
gard Halecmar Halagmund dazu gehören ; der noch jetzt 
in Dilmarschen übliche genilivische zuname Halkins setzt 
Halke, alts. Haluco? voraus, der name ist abgeleitet, wie 
Patuliho \o\\ patu pugna, Hcdca von hadn caedes und manche 
andre, wenn Strabo die fle.xion nicht, wie auch sonst wohl, 
nachläfsig behandelt hat, so führt Kaovl/.og statt KaXovy.og 
auf eine starke form Hn/t/c , ahd. H(t/t//i (vergl. gramm. 2, 
285. 286. 3, 676. 677j; viellciclit sind auch die Javdorroi in 
Javöovy.01 zu befsern. die ableitung und der spätere ge- 
brauch des namens sichert ihm eine heroische bedeulung, 
mag diese auch an sich zweifelhaft sein. Angrirarii aber 
ist anerkannt und unzweifelhaft ein blol's geographischer name: 
ahd. angar arvum , pratiim ((Jralf 1, 350), Jngan\ jetzt 
Enger, ein Städtchen bei Hcirord millcn im herzogthum Eii- 
gern, Angerisgowi der Engersgau am Uhcin , in Hessen 
Wulliaongav u. s. w., vcrgl. alln. eiigi pratum, jetzt auch 
Grimms Wörterbuch 1, 348. so dürfen wir Calticonos und 
.^(.ixpLavni für die eigentlichen volksnamcn halten : gab der 
jüngere gewährsmann des Plolcmäiis den ('aiiu'oneu i(p l/.d- 
T€Qa xov (OviaoLQyiog) Aoiiif.iov dieselbe ausdehnung mit den 



VERDERBTE NAMEN BEI TACITUS. 237 

Angrivaricrn , so ist das ein si)racligebraucli den Nij)[)crdey 
zu aiin. 1, 51 riclitig^ in bcziij;- auf die Tenclcrcr und Usipier 
anmerkt, der aber auch bei den Batavern und sonst sich 
nachweisen oder wahrscheinlich machen läfst. für Ka[.i\piavoi 
und ^!Af.iipavoi ergiebt sicii ^äinfncivol als das richtige mit- 
tel ; in Ka/mpiai'Oi ist der anlaut der voraufgelienden con- 
junction fehlerhaft wiederholt, gleichwohl ist l4f.npic(voi zur 
hälfle wenigstens undeulsch : die endung ist lateinisch oder 
griechisch, da nun das volk , in Verbindung mit Chauken 
und Caluconen genannt, in der Wesergegend, und zwar wahr- 
scheinlich auf der linken seile des fliifses, gesucht werden 
mufs, so können doch wohl nur die AinpsiiHirii damit ge- 
meint sein, yimpsivarii (so steht im Med. JI an der zwei- 
ten und dritten stelle, an der ersten Amsibarii) erscheinen 
nach ann. 13, 55 im j. 58 am Rhein in der gegend des 
spätem Hamelandes : pulst a Chaucis et sedis inopes. ihr 
fiihrer ßoiocalus rühmt seine treue gegen die Römer, inn- 
ctiim sc rebclUonc Cherusca iussu Arininii rcfevcns, mox 
Tiberio ac Germanico diicibus slipendia meruisse. weil 
aber der Ampsivarier von Tacilus weder im ersten noch im 
zweiten buche der annalen gedacht wird , so hat man von 
dieser stelle die berechligung hergenommen die Angrivarier 
darein zu verwandeln, ein Widerspruch ist da: er löst sicji 
aber ganz einfach durch die annähme dafs die Ampsivarier 
eben, wie wir für die ldf.iipiavoi des Strabo vermuteten, 
eine ablheilung der Angrivarier waren, dann hat Boiocal 
mit den seinen dieselbe rolle gespielt wie Segestes bei den 
Cheruskern, als die Römer ihnen die niederlafsung in jenen 
strichen verweigern, rufen sie die Bructerer, Tencterer, 
ulten'ores ctidvi 7iaii07ies zum kriege auf, und als diese bald 
auf die drohung der Römer jene im sliche lafsen, weicht der 
häufe zu den Usipiern und Tubanten , dann zu den Chatten 
und Cheruskern zurück, wo er vernichtet und zerstreut wird, 
nach diesen angaben ist es das natürlichste anzunehmen dafs 
sie von der Weser herkamen, hinter den Bructerern, aus der 
nähe dei- (Cherusker, der Vernichtungskrieg der Chamaven 
und Angrivarier gegen die Bructerer und die ausbreilung der 
Chauken, wovon Tacitus in der («ermania berichtet, mögen 
mit diesem zuge der Ampsivarier einen zusammriihaug haben: 



238 VERDERBTE NAMEN BEI TACITÜS 

es ist möglich dafs die Cliamaven und Angrivarier ebenso 
wie elwas früher Ampsivarier von den Chauken bedrängt 
wurden, dafs nicht das ganze volk unter Boiocal auszog 
und untergieng lehren nachrichten aus dem vierten Jahrhundert, 
als die alte gesammtheit der Istaevonen sich unter dem na- 
men der Franken erweitert hatte, der wiederum bald dies- 
seits des Uheins dem Sachsennamen platz machen sollte. 
Julian gieng im sommer 360 über den Rhein von Tricesimae 
aus, bei Santen : regio7iciii subito porvasit Francorum quos 
Ansivarios (andere lesarten Ansiiarü Antuarii Advavii At- 
tuarii*) vocant, inquietorum homiimni , licentius eliam tum 
■percursantium exlimn Galliarwn. quos adortus subito nihil 
metuentes hostile fiimiumque securos, quod scruposa oiaru7n 
difficultate arcente nuUuni ad suos pagos int7'oisse memi- 
nerant principein, supci'acit brcvi negotio, Animian. 20, 10. 
hierzu bemerkt Zeul's s. 342 triftig genug dafs, weil Con- 
stantinus sclion die diesseitigen uferstriche durchzogen, die 
Ansivarier Ammians, wie auch die scruposa viaruvi diffi- 
cultas erkennen läfst, an den Waldgebirgen weiter im innern 
gesefsen haben müfsen (was nicht auf Altuarier passt). ge- 
nauer läfst das fragmcnt des Sulpicius Alexander aus dem 
ende des Jahrhunderts (bei Greg. Tur. 2, 9) ihre läge er- 
kennen : Arbogastes . . . Agrippinam . . . petiit. collecto 
exercitu, transgressus Rhcfium, Brucleros ripae proximos, 
pagum etiam quem Chainnvi incolunt, depopulatus est, nullo 
unquam occursante , nisi quod pauci ex Ampsivariis et 
Chattis . . . in ulterioribus collium iugis appnruere. mög- 
lich ist es dafs die Bruclerer schon damals die später nach 
ihnen benannte terra Boroctra im süden der Lippe und die 
Chamaven den nördlichen uferstrich inne hatten : hinter ihnen 
aber stehen die Ampsivarier an den Weserbergen wesentlich 
noch in derselben Stellung wie bei Tacitus und Slrabo. bei 
Ammianus hat der name einen gewissen gesammtbegrilf, wäii- 
rend er bei Sulpicius Alexander in sein rechtes Verhältnis 
Irin, gewiss nicht zufällig stehen Uructerer und Ampsivarii 
(andere lesart Ambsuarii) zweimal neben einander unter den 
hilfsVölkern der Notitia dignitatum occ. v, 0, 1, Cb 29. 30. 

*) diese lesarlen werden von Lindeiibrog angeführt. Böclting Nolit. 
II 234 bezweifeil sie, ich weifs nicht mit welchem rechte. 



VERDERBTE NAMEN BEI TACiTUS. 239 

VH, I, C, 6. 7. bei Aetliicus werden Amsiharü zwischen 
Moriiiern und Langionvs (1. f^angio/u-s) aufgeführL auch 
Isidor orig. 9, 2, 97 (vergl. Hoffnianns ahd. glossen s. 11, 
Grair 3 , 825) nennt noch A/nsirar/i. dal's Amniians u4n- 
sivarii dieselben sind mit den Ampsirariis beweist das IVag- 
nient des Sulpicius, Avie weit auch die beiden formen des 
namens von einander abliegen. Ansivarii liel'se leicht eine 
erklärung zu, nicht die Iriilier in Schmidts zeitsclirift l'iir ge- 
schichte S, 262 aiirgestellle , die ich mit anderem dort ge- 
sagten jetzt verwerfe, sondern eine aus ans in der hedeu- 
tung iugum terrae, monticulus oblongus in formam trabis. 
doch möchte ich nicht Omiabrugga und den Osning zur be- 
stäligung herbeiziehen,' obgleich ich nicht in Osna- mit Grimm 
GDS. 657 einen schwachen gen. plur. von 6s = ans deus 
erkennen kann, da Osning Osncngi das N vor der ableilung 
bewahrt, in der alten , den Römern vom ersten bis ins 
vierte Jahrhundert offenbar gebräuchlichsten form Avtpsi- 
varii mag das P euphonisch sein , da im deutschen die Ver- 
bindung MPS oder MBS schw eilich sich belegen oder recht- 
fertigen läfst : gleichwohl darf ein herausgeber des Tacitus 
nicht Amsivnrii schreiben ohne der befsern , durch Strabos 
und des Sulpicius zeugnis unterstützten autoritäl zu wider- 
sprechen ; noch viel weniger aber die herausgeber sich ein- 
bilden dafs die Anisivarii , wie herr Ritler sagt, una I ex- 
pulsa , für A/n/siourn siehe , und nun, in dem glauben die 
Amsivarier seien Emsauwohner, an drei oder fünf stellen 
des Tacitus die Angrivarier herauszucorrigicren sich einfal- 
len lassen, schon Zeufs s. 90 maciite auf die unslattliaftig- 
keit jener annähme aufmerksam, und mit ihm wird jeder über- 
einstimmen der etwas von deuischer grammatik versieht, 
heilst der Hufs Amisia oder Aniisiits noch im ahd. stets 
Emisn, der gau an seiner mündung noch in Urkunden des 
13n jh. immer Eviisgu oder Emcsgo, so kann die s\ ncopierte 
form früher hier ebenso wenig als in andern wöilei-n ähn- 
licher ableilung gegolten haben, aber die ediloren des Ta- 
citus glauben nun einmal über dinge deutscher j;rammalik 
und allerthumskunde sprechen zu dürfen ohne davon auch 
nur eine ahnnng zu haben, für die angenommene syncope in 
Amsirarii läfst sich auch iiiclil eine znlretrende analogie an- 



240 VERDERBTE NAMEN BEI TACITÜS. 

führen, man wird auch wohl kein Beispiel beibringen können 
einer composition des -var/i mit einem flufsnamen : denn alln. 
f^ikverjar läl'st eine andere auffal'sung zu. kannten vielleiclil 
die Römer Tihericolao, Rhrnicolae oder dergleichen, oulser 
etwa als llul'sgötler? aus dem z weilen compositionsworte 
kann man nur \ernuUen dal's der name geographischer bedeu- 
tung war. was aber im ersten steckt ist nicht zu sagen : 
goth. amsa humerus passt nicht: nur dal's die Amsivarier an 
der Ems gewohnt und davon den namen erhalten haben ist 
eine ganz nichtige annähme, die durch niciits bewiesen noch 
wahrscheinlich wird, hatte Germanicus nach ann. 13, 55 
mit ihnen zu thun , spricht Tacitus aber im zweiten buche 
der annalen nur von Angrivariern, so löst sich, wie gesagt, 
der Widerspruch, wenn die von Strabo an zwei stellen paar- 
weise genannten Arapsivarier und Caluconen eben die An- 
grivarier sind. 

Aurinia. dal's Germ. 8 Albnmnm statt Auriniam zu 
lesen sei, habe ich in der allg. monatsschrift für wifsensch. 
und litt. I8n2 s. 335 (zur runenlehre s. 51) nachgewiesen. 
wer mir etwa einwendet, es sei unerweislich dafs ditto- 
graphien schon in der hs. die den erhaltenen zum gründe 
liegt vorkamen , und daher unerlaubt von dieser, wie vom 
Mediceus I, sogleich auf die uncialhandschrift zurückzugehen, 
den mache ich darauf aufmerksam dafs in der ihat die sache 
hier dieselbe bleibt und paläographisch betrachtet die lesart 
Albriniam neben Auriniam immer für die beste gelten mufs, 
weil au- wohl für alb- ^ nicht leicht aber alb- für au ver- 
lesen sein kann. 

Baduhenua. ann. 4, 72 apud lucuin quem Bnduhemiac 
vücant ; vergl. 1 , 51 tetnplum quod Tamfanae vocabant. 
mit den wenigen deutschen götternamen bei Tacitus steht es 
wundeilich. bei cap. 43 der Germania Caslorcm PoUucem- 
que mcmorant; ea vis numini, nomen Alois, streitet man 
sich ob .llcis gen. sing, oder dativ plur. sei , und Grimm 
erklärt es für das unj)ersönliche örtliche nlhs templum. 'Ba- 
duhcnna ist vielleicht ein ortsname \\\(t Arduejina^ (mylli. 61). 
herr Müller (syslcm der altd. rel. s. 48. 49), der Taufana 
und Baduhcnna aus dem celtischen zu deuten weifs, ist ge- 
neigt beide, entschieden den zweiten, für orlsnamen zu halten, 



VERDERBTE xNABIEN BEI TACITüS. 241 

und darin sind auch hcrr Giefers und lierr Riller einver- 
standen, nacli ihrer f^rammalik würde man also saj^en dür- 
fen iirbs quam Rnmac vocaiit, inons (jucin Vesuvii voca- 
bant, und sie vergal'scn Genn. c. 9 liicos ac nemora con- 
secrant, deorumquc 7iominibus appellnnl secrelum illud quoil 
sola rpverenlia vulent. Iierr Nipperdey ist ein zu guler la- 
leiner um in diese irrlhümer mil einzustimmen (s. zu ann. 
1, 5Ij. ist Badahenna namc einer göttin , so nuilsen wir 
ihn sflion lur einfach und uncomponierl lialten : denn nur un- 
eigentlichc göUernamen, beinamcn und iicroische namcn sind 
composita. auf jeden fall darf auch wohl das H für einge- 
schoben gelten, wie in cohercere Med. i ann. I, G4. 2, 43, 
'phrahaten 6, 31, prahates 2, 1. 2; vergl. hostonlandam 
1, 67, habundantia 4, 62, Ihesus Iherusalcm und ähnliches 
schon in den ältesten lateinischen hss. , z. b. in dem von 
Waitz über das leben des UlOla benutzten codex, ich habe 
daher schon einmal Baduenna als ahd. Patunna = Badvinua 
dargestellt, und die namen der götlinnen Fiörgijn gen. Fiör- 
gynjar, Hlodyn gen. Hlodijnjar, Sigi/n oder Sfgun gen. 
Sigy/ijar, Idii/in Idunnar, Niörun kann man vergleichen ; 
Fiörgyn ist ahd. Fei^guiina (mylh. 157), Hludana anders 
abgeleitet als Hlodi/n; Sigiju anders als der deutsche (lul's- 
namc Siga/ia; das masc. Fiörgijim bildet in gen. Fiörgvins. 
die bcdeutung von badu ist bekannt; liadnenna könnle eine 
kriegsgöttin , eine göltin des Schlachtfeldes sein , wie die 
Freyja V^alfreyja. aber es bleibt gar sehr zu erwägen dafs 
alle ableitenden N'N unorganisches Ursprungs siiul (gramm. 
2,175.318. 3,336), und es ist sehr zweifelhaft ob wir 
diese unorganische form schon der zeit des Tacitus beilegen 
dürfen, die in allem, so viel wir sehen, auf der stufe des 
ijolhischcu steht, sollten namen wie Arducnna verleitet ha- 
ben die ähnlich lautende ableilung des deutschen worles um- 
zuformen? nur so viel scheint mir gewiss, ist der namc 
deutsch, so ist er nicht componiert, honna ist gar nichts, 
das // ist zu sireichen. 

Barditus. wie ich sehe, hat Orelli Germ. c. 3 barilum 

aufgenommen, eine Icsart ohne auloriiäl; denn dafs in N 

über der zeile und in S ans randc; ban'iuin beigcschi'icben sieht 

und danach in einigen werlhloscn hss. BcTfV im text vor- 

Z. F. l). A. IX. 16 



'>/i2 VEiU)Ei{l]l E NAMEN l?EI TACHIS. 

koniml, bewcisl iiiclils, schon Richlliofcii im allTries. wörler- 
biiclie henierkle dal's bnn'o niclil, wie Riilis und Grimm an- 
geben, claniare, sondern slels nur accusare, manifestare, be- 
deute, vergl. de poesi chorica s, 19. hier ward auch s. 20 
auf altii. Ixu'di hingewiesen, und ungefähr gleichzeitig schlug 
Wackernagel (litleraturgesch. s. 9) dieselbe erklärung vor, 
die ofFenbar sehr gut zu Tacitus angaben passt. doch wird 
eine andere vielleicht richtiger sein , da hardi clypeus doch 
w'ohl ein tropischer ausdruck ist. darüber ein ander mal. 
abgeleitet ist barditus wie f //////), s ags. /}///id (mytli 672). 
dals der satz fjt/c/Ji havdiliiin rucant ein glossem sei . wird 
wohl niemand herrn Ritter abnehmen. 

Boihetmim. die Schreibung scheint (ierm. 28 durch die 
hss. Racd {bo^'Jemi P, bohicuii S) lestzusfehen. allein da 
man c. 1 Raetis schreibt statt Rctiis Rhotiis der hss., c, 2 
Ingacvo?ic's statt Ingeroiies u. s. w. , so mufs man auch 
Boihaemuiii schreiben, wie es die rö:«ische weise das doulsche 
ai\ abd. ei, zu bezeichnen fordert; vergl. Caesni alid. Hcisi. 
die Veränderung des genus beruht auf der aiialogie von La- 
Ihim, Nor/cum und dergl. dem Boihaeinum des Tacitus ent- 
spricht zunächst xo Boviai/^iov des Strabo. der cod. Amerb. 
des Vellejus hat richtig Boiohaevunn statt des Boiohoemum 
der vulgata, und damit übereinstimmend Plolemäus Baio- 
yiaXi-icii , auch Tsvoioycufiai und Xaliiai. hingegen seine 
Balf^ioi , in denen Zeufs die Sueben des Vannius erkannte, 
sind wohl in Bcaaifioi aufzulösen , was wieder der Schrei- 
bung des Tacilus und Strabo näher käme, in den hss. steht 
Bcavoxa7/iiai, aber auch (Dowdoraoi sfalt Oovöovooi {Fu- 
dttsii statt Eudiisii), BovvTovvzai statt BovyoirTat, Fafi- 
ßqrfca , was Nobbe fälschlich aufnahm, statt FaßQijTa und 
anderes von Zeufs s. 116 schon zusammengestelltes, die 
'autbezeichnung im ersten coniposilionswort ist bei Ptolemäus 
genauer als irgendwo sonst, ahd. Bcehehn (Perlz 1, 46. 192) 
setzt Bajahcims voraus; den ahd. Bchohnä neben Brliewuire 
(Grair 3, 43) entsprechen genau Baioxcd^iai. in syllaba pura 
musle der regel nach alles at ahd. e werden, so auch in 
Beowinithd, Broiri?iidi , wie der anon. Langob. bei Ritter 
praef. ad cod. Theod. tom. ii aus dem anfang des 9n jli. 
und gleichzeitige Chronisten die Czechea nennen, in Belara 



VERDERBTE NAMEN REI TACITUS. 243 

Paigird liält sich hingegen der diphthong, vergl. ci pl. eigir, 
vielleicht darf man schon aus Baionrii Baiuvnrii und Beo- 
wiiddä auf ein einfaches Baja neben Bajaheim schliefseu, 
das beim geogr. Ilav. 4, 18 erscheint, est palria quan di- 
citur Albis (Maur)wng(im\ viontuosa per longuni, quae ad 
oriovlein inultum ci'tendifnr ; cuius aliqua pars Baias di- 
citiir, wo Baias wohl nicht nach romanischer weise acc. für 
nom. pl., sondern ein aus dem griechischen originale bei- 
behaltenes femininum ist. in demselben znsammenhang, wo 
der anon. Langob. die Bt'owinidi nennt, heilst es im prolog 
des edictum Rotharis dafs die Langobarden einmal aufser 
Anlhaib und Burgnudaih auch Baij?iaih (so cod. Mutin., 
Baiiiaib Matrit. und Cav.) bescfsen hätten, wahrscheinlich 
steckt hierin ein alter langobardischer schwacher gen. pl. 
Bajina = golh. -ane, ahd. -6nö, ags. -ena; Baynaih statt 
Baji/in aib, Bajinaib wäre danach Boiorum regio, dafs ne- 
ben Bai/naib des Paulus Diaconus Banihaib nichts ist als 
eine den gieichklang mit dem voraufgehenden Anthaib suchende 
entstellung, leuchtet ein, da Paulus bekanntlich den prolog 
seiner erzählung zum gründe legte, die landläulige Zusammen- 
stellung des Banthaib mit Tubantes Buci/iobantes Bracbant 
u. s. w. ist schon darum fehlcrhafl weil die Langobarden 
die Verschiebung kannten. 

Dulgubiiii. nach anleitung der hss. PBncdNS hat man 
Germ. c. 34 dies statt des frühem Diilgibini mit recht in 
den text gesetzt, doch ist die sache noch nicht ganz in Ord- 
nung, der namc ist abgeleitet von ags. dolg, fries. dolch, 
ahd. tolc vulnus, Zcufs s. 112. die ableilung ist das sonst 
nur noch im goth. (und nord.) nachweisbare -ab/ti oHcr -f/fni, 
womit neiitiah' oder feminine abstracta gebildet werden, das 
aber hier im xolksnamen als masculinum , ganz so wie das 
raasc. -ung neben dem jenem -ab//i gleichbedeutenden fem. 
-unga , ein patronymicum oder den begrifl" der handelnden 
person, eben den nan)cn, anzeigen nuifs. daraus ergiebt sich 
die form Dulgiibiiü , goth. Diilgubnjos , vulneratores, mit 
nothwendigkeit, und sie wird vollkommen bestätigt durch des 
Ptolemäus Jovlyovi^ivLOi. ebenso urtheilt Giimni GDS. 623. 

Gothini. Germ. 43: I. /* (lotini , alii Gol/iif/i {Mal's- 
mann. Bacd Golini Gerlach;: 2. l* gotinns c. cet., St got- 

16* 



244 VERDEUBTE NAMEN BEI TACIIIS. 

tinos; 3. PUnilSl Golrni , RcN {-\- Rh/FM) Colini. und 
diese letzte lesart , mag sie auch ersl aus Golhil enlslauden 
sein, triiri das riclilige. bei Dio 71, 12 finden \^ir die Ko- 
Tiroi, bei Plolemäus Körrni , denn dies liej;! dem band- 
scbrifllicben Koyvoi zum gründe, das jedesiaÜs bel'ser ist als 
das von Nobbe aufgenommene Kcoyvni. möglicher weise ge- 
hört die verwet'lisehing des T und 7" sdion dem Plolemäus 
selbst an, da die hss. hier nicht schwanken, wohl aber zwi- 
schen ylovTioi und ylovyoi (1. ylovyioi) , zwischen Bov- 
Tovrrat und Bovyoivxai. so leicht für absclireiber die Ver- 
wechselung eines römischen G und C war, so undenkbar 
ist ein schwanken der ausspräche oder der aiiffafsung eines 
anlautenden G oder C bei Tacitus. Cotini Cotinos ist auch 
bei ihm herzustellen , und damit möge allem ferneren mis- 
brauch des namens gesteuert sein. 

Gothones. dafs Germ. c. 43 trotz der hss. in Überein- 
stimmung mit dem Med. i ann. 2, 62, mit Strabos Bovtco- 
veg (1. FovTOi'sg) , des Plinius Guto?ies, des Trebeliius jiu- 
sto/'goti (oben s. 135), Spartians, Goti oder Gotti u. s. w. 
Gotones zu schreiben ist, bedarf wohl kaum der bemerkung. 
Jacob Grimm nimmt neuerdings den Geten zu liebe eine go- 
thische form des namens an, die des Plolemäus FvOioveg 
und die später bei Griechen und Römern übliche Schreibung 
ForO^oi Gothi nicht bewähren können, gotli. Gulpiuda selzl 
goth. Giilös voraus == lat. Goti. diesem entspricht viel- 
leicht altn. Gotar, Sa-m. 125'' Munch, RcnTi^offtr (1. Hreid- 
gotitm Sa'm. 23") ; dem Gotones oder Giitoucs alln. Got/mr, 
ags. Gotan cod. Exon. 324,3. 325, 10. 378,28. Hred- 
gota/i 322, 3, Elene 20, und alid. Gozo/f, das aus Gozzon- 
sdzzp. (Hormayr werke 1, 279, Sleub urbew. Rätions s. 22) 
am Brenner mit vollkommener Sicherheit zu schliefsen ist. 
dafs das angeblich Iiochdeulscbe 6V// (Graff 4 , 173) nichts 
ist als die gemeinlaleinisclie, romanische form, die z. b. auch 
in dieser Zeitschrift 1, 562 vorkommt, beweist das in karo- 
lingischer zeit neben Gi/tia geltende Gozia, Pcrlz 1, 9. 26. 
27; dies läl'sl \ielmelirdie wahre hoclideulsche form erkennen. 

Gngerni. dals Sillig zu Plinius 4, 31 auf eine von 
VVcsseling zum itin. Anton, s. 373 angefüiirle inschrift auf- 
merksam machte ist sehr dankenswerlli. wenn aber mit recht 



\ EllÜEKliTE NAi^lEN BEI TACITÜS. 245 

die Guber/ii in Cugerni geändert würden , miislen aiuli an 
allen drei stellen bei Tacilus die Gugerni weichen, allein 
da hier nur einmal hist. 5, 16 in der hs. Cugi-rni , sonst 
4, 26 und 5, 18 Gtfgerni sieht, so scheint der anlaul durch 
die übereinslinnnung mit den liss. des Plinius gegen die in- 
schrift, die leicht verlesen sein kann, gesichert. Gugerni, 
wie viJuvairns OQipavög, ahd. diorna dicnia altn. [lerna 
(goth. pirairnö?) , Basterna und ähnliches abgeleitet, geht 
mit langobard. Gugingus wolil zurück auf die wurzel nr 536 
gramm. 2, 50, worüber jetzt Beneckes Wörterbuch 1, 539 
zu vergleichen ist; auch ahd. gougar vagus , das ich aus 
gougarön (GralT 4, 142) folgere, gehört wohl dazu, sowie 
ags. gt/geldoppe fulica mei-gus. Gugi/igus bezeugen die Mo- 
deneser und Madriter hs. des prologus ed. Ilotharis, sowie 
die des jiingcru, bei Muralori 1, 2 schlecht gedruckten pro- 
logs gegen die heiseren hss. des Paulus Diaconus , auf die 
Waitz 1, 164 sich für Gu/igifigus beruft. Gugerni und 
Gagingas setzen ein einfaches gaga ahd. gogo voraus; es 
ist vielleicht das ahd. Cogu (Meichelb. nr 89, vor 78 i;, 
wenn hier das kurz ist. da mhd. gogel sich dem ahd. 
appi in der bedculnng vcrgleichf, so könnte der name Gogo 
ebenso gut wie Lbho und OJfa heroisch gemeint sein ; um- 
gekehrt ist ahd. ganieit stolidus im mhd. zu einem helden- 
mäi'sigen epitheton geworden, die Gagcrni hätten auf diese 
weise einen ganz ähnlichen namen wie ihre nächsten nach- 
barn niid schicksalsgenofsen, die Ubier (oben s. 130). Gu- 
gerni als Gihigcrni zu erklären geht mindestens ebenso wenig 
an als Sagainhri durch Sigagainhri. 

llarii. (jJerm. 43 bezeugen alle guten hss. PliucdNS 
an erster stelle Uarius- an zweiter ist allen die corruptel 
alii gemein und ohne zweifei ist diese aus der alten zum 
gründe liegenden hs. herüber genommen, ist dies der fall, 
so wird der anlaut zweifelhaft und Lassen könnte beinahe 
recht haben, wenn er (iud. alterthumsk. 1, 6) in dem deut- 
schen namen einen rest urältester Überlieferung erblickt, die 
Sache steht nämlich so. in Hclisii (ahd. Elis Meichelb. 
nr 715 a. 865, Ilclisacluir Francas MB. xi , 107 a. 834, 
Elismot Mcicjielb. nr 281 a 806, Ilisa Meichelb. 1, 171 
a. 9i0, Uisanc MB. vi, 17 a. 1027 u. s. w. Zeufs s. 124, 



246 VEKDKHBTE NAMEN BEI TACITÜS. 

zeitsclir. l^, 146), Hcllusii (bei Piinius Ilillevioncs lllevio/iea), 
Helrccoties (s. uiileii), Hprittino/ies und Heritiitiuhiri, Her- 
cynia ungerechnet, ist das H prostheliscli und nicht wurzel- 
haft. dagegen in dem einzigen falle wo es vor E = l 
wurzelhat't ist, in Cheriisci (alts. heru ensis), wird stets CH 
geschrieben, so oder durch C wird anlautend auch vor A 
oder diphthongen die gulturalaspirala bezeichnet: Caesia Ca- 
tiialda Chamavi Chariocalda (Chnrirn bei Piinius, Charudes 
nion. Ancyr. Ptoleni.) Chasuarii Chatti Cluittuarn Chauci; 
inlautend durch C in Chauci Marsaci , vielleicht auch in 
Boiocalus, wenn der nanie deutsch ist. in Brucleri Actn- 
merus {Actavia bei Plin , Vicluali) steht CT für IIT -, auch 
in Tencicri läfst es sich rechlferligen. //' linden wir bei 
Tacitus allein beibehalten in BoUiannum (s. oben) , Naha- 
narvali? (s. unten), vergl. VnhoUa {Vachalis Sidon. Apoll., 
Vacalus ^ÄÄ'^-AV)-^ uhcv Baduhc/f/ia s. oben, auch wenn sonst 
bei andern Schriftstellern dafür keine beweise vorhanden wä- 
ren, würde diese Orthographie durch ihre eigne consequenz 
und gleichmäfsigkcit es hinreichend darthun dafs sie in den 
ersten beiden Jahrhunderten bei den Römern die übliche war 
und einigermafsen fest stand, darnach müste man Ca?'n oder 
ChfD'ii statt Harii erwarten, so gut wie Cfiariovalda CJiai'ini 
geschrieben wird, nur bei Cäsar findet man Uariidcs für 
Charudes (IAqovO' Procop. Agath. , Arodus Paul. Diac, 
alts. Haruth trad. Corb. 5;j 475), und später in einem briefe 
des kaisers Valerian (Vopiscus Aurelian. c. 11) Hartoinun- 
dus Halidcgasles Hildemundus neben Carioviscus , was an 
Ariovistu.s , einen gewiss uudeutschen namen erinnert, bei 
Amniian Hariobadus oder Hariobaudes u. a. ; dagegen bei 
Vcllejus sogar Alluarii statt Challuarii, später ^!AoTiyyoi, 
l4Qioyaißog bei Dio u. s. w., zum beweise dafs die Schrei- 
bung 67/ oder C allein in dem bestreben ihren grund hat, 
das starke hörbare deutsche // von dem schwachen unhör- 
baren lateinischen // zu unterscheiden, diese Schreibung hielt 
sich am längsten in (Pallien; es ist daraus aber nicht zu ent- 
nehmen dafs die Franken den laut rauher gesprochen als etwa 
die Golhen , deren H im auslaut und in Verbindung mit an- 
dern consouanten gewiss nicht anders klang als später im 
althochdeutschen und no(;h heute im munde der Isländer. 



V EHDERBTE NAHMEN I3EI TACITLS. 247 

die bekaunllicli HL HR HN HT wie CHL u. .s. w. sprechen, 
neben Merovechus gilt Mcrovcus, neben Chlodococlius CliU- 
dovcns Hlodocitis und Ulodvihas (Pardessus loi salique s. 345) 
bei Cassiodor ist Hludcin zu belscrn in Hludviu , bei Joi- 
danes Lodoin in Lndoiu; die rirlilige erklärinig des zweiten 
Wortes ist in dieser zcitscliril't 6, 431 gegebfii , was herr 
Joseph Bachlechner (7, 524) ebenso wenig bemerkt haben 
nuifs als dal's dort und noch einmal s. 437, ja schon 1843 
in den Nordalliiiigischen sludien 1, 158, auf die Merovinge 
im Beovulf hingewiesen wurde, was aber die tacitcischen 
Harri dennoch als golhischc harjos einigermalsen wahrschein- 
lich macht, das ist die Miachrichl von ihrer eigenthiimlichen 
art der kriegsfiihrung. goth. huvjis bedeutet, wie im ahd, 
heri und sonst, oiquciä, leyeiüv ; aber im ahd. wird auch 
noch die bedeulung miles, hostis, angegeben (Graff 4, 983), 
und so, scheiut es, ist das wort auch an zweiter stelle in 
eigennamen gemeint, wie, wenn das, was Tacitus von Ha- 
riern erzählt , die unter den Lugiern insgesammt herschende 
kriegsweise gewesen wäre? dann beruhte die existcnz der 
Harier als volk freilich auf einem misversländnisse; die harjös 
wären blols die kriegsleute oder kriegerschaaren der lugischen 
Völker, und ganz richtig hiefse es von ihnen dals sie an 
macht allen überlegen seien, die Charini, die Plinius als 
dritte oder, wenn Farini (liss. uan'ne uarinne) nur eine 
dittographie wäre, als zweite gruppe der ostvölker nennt, 
obgleich den Hariern dem namen nach verwandt , sind geo- 
graphisch doch wohl von ihnen zu unterscheiden. \>äre man 
der Varini sicher, könnte man in den beiden namen den 
gegensalz von heei^en und wehren finden, die alte poesie, 
deien gcsetze auch in der namengebung walten, liebt gleich- 
klingende namen zu verbinden : so eihielten sich auch Cha- 
rini und Varini, wie liitgii und l.ugii. 

Hclvecones. die einst von (ji-imin gebilligte lesart Het- 
vetonas Germ, c, 43 entbehrt dei- auloritäl der befsern hss. 
PltacdNS. nur findet Mafsmanu sich veranlafst zu P hel- 
uecünas ein (/uasi lio.luetonas hinzuzufügen ; in Ha ist Hel- 
velunas durch ein c über der zcile corrigiert. auch von 
sprachlicher scite empfiehlt sich die von Grimm gewählte 
lesart nicht, weil eine deminulivform, wie ahd. Imizo Uinizo 



248 VERDERBTE NAMEN BEI TACITUS. 

(gramm. 3, 691), vorauf He/velo zurückgeführt werden miisle, 
für einen volksnamen wenig angemefsen wäre, hingegen 
scheint Holreco sprachlich nicht miiulcr als durch die hss. 
gesichert, wegen des anlautes s. unter linrii. Hclveco wäre 
goth. llrika, ahd. llri/iho oder lluhlw , eine ableitung wie 
in Kalov/Aong und sonst in zahlreichen eigennanien. da 
ahd. l'/o gen. elwcs fulvus bedeutet, der schild ags. gcolo- 
rand (Elenc 115, Beov. 870. 5216), gelbrand , heifst, so 
könnte der nanie von der aus Tacilus Germ, c. 6 wohl- 
bekannten sitte die Schilde zu bemalen hergenommen sein; 
an eine kriegerische beziehung ist bei eigennamen immer 
zuerst zu denken, dennoch wird der zweifei rege ob Helveco 
die richtige form des namens ist. Plolemäus nennt unter 
den Völkern zwischen Oder und Weichsel , also gerade da 
wohin auch die lugischen Ilclveconen des Tacitus gehören, 
^dllova.uoveg , was offenbar derselbe name ist. an dem di- 
phthong der ersten silbe ist, wie in XaiQovGAoi, wohl nur 
die herschende ausspräche des ca wie ü schuld, die Ver- 
schiedenheit der ableitung aber kann man nicht gelten lafsen, 
und zwar wird man bei TaciUis zu ändern sich schon ent- 
schliefsen, weil -ecoves leicht für -neo?ies verlesen sein kann, 
bei Ptolemäus in diesem lall aber ein solcher irrthum nicht 
wohl denkbar ist. auch bei Slrabo ist KAI Z0YM0Y2 
am wahrscheinlichslen in KAI AIA0YAI0Y2 oder 
IA0YAI0Y2 zu befsern , v.ie anderswo gezeigt werden 
soll; das fehlen der schwachen flexion kann bei ihm keinen 
anstofs geben, über die ableitung vergl. unten Ing-aevo?ies. 
Idistariso. höchst dankenswerlh ist die bemerkung Nip- 
perdeys zu ann. 2, 16 dafs Idistaviso dem Sprachgebrauch 
des Tacilus gemäfs nothwendig ein nominativ sein müfse. 
aber unnölhig war es die alle längst vergefsene erklärung 
Schinimerwiese aus der ersten ausgäbe der granimatik zu 
wiederholen, die von Hermann Müller (marken des vaterl. 
s. 99) zuerst angebahnte, dann von Jacob Grimm (über zwei 
entd. ged. aus der zeit des d. hcidenlli. s. 15, mylhol. s. 372) 
vollzogene befserung Idi.siariso hätte dagegen unbedenklich in 
den lext gesetzt werden sollen : sie ist ebenso notliNvendig und 
glücklich als irgend eine IJorgliesis aus römischen inschriften. 
Iierrn Franz Uitters bcmcikung ' res piorsus incerla' ist nur 



VEHDERBTE NAMEN BEI TACITÜS. 249 

ein beweis mehr von der dreisligkeit seines urtheils in din- 
gen von denen nichts zu verstehen aufrichtiger weise er be- 
kennen sollte, es kann nur noch die frage sein ob die Rö- 
mer nicht richtiger und genauer Idisiovisa geschrieben hätten, 
widerstrebte ihnen diese lautfolge? 

I?igaevo?ies. Isfnevo7ies. von Grimms hcaevoncs , die 
Halm noch kürzlich in seinen lext setzte, kann nicht mehr 
die rede sein, seit alle liss. der Germania und des Plinius 
für Istacvones entschieden haben, dies bestätigt auch das 
Istio der ältesten und besten aufzeichnung der fränkischen 
völkertafel im cod. Sangall. 732, die zuerst von Graff 1, 497, 
neuerdings mit andern zum theil abweichenden fafsungen von 
Pertz X (viii), 314 herausgegeben ist; dem latio gleich steht 
das Ostius oder Hostius der aufzeichnung von La Cava 
(zeitschr. 1, 561). dagegen kommen der Vaticanus (Grimm 
mylh. anh. xxvii . xxviii) und die Pariser hss. bei Pertz nebst 
Nennius mit Escio Etscius Hessicio nicht auf. ja es kommt 
noch darauf an ob eine abermalige vorurtheilsfreie vei'gleichung 
der hss. in Paris, die um der sache willen sehr zu wün- 
schen ist, die angegebene lesart bestätigt, dafs der völker- 
tafel der name der friinkisclicn gebührt, dafs sie um das 
j. 520 in Gallien, im fränkischen reiche entworfen ist und 
ihc* verfafser die namcn der drei brüder aus einer von Ta- 
citus sowohl als Plinius unabhängigen quelle schöpfte, Heise 
sich leicht nachweisen, war diese quelle, was doch am näch- 
sten liegt, die mündliche Überlieferung der Franken, so muls 
erst nachgewiesen werden dafs diese im sechsten Jahrhundert 
noch „S statt l{ , ST oder Zu statt HT oder Itl) sprachen, 
ehe Grimms aulTafsung des Ist- als Izdvus (myth. 325, vcrgl. 
gramm. 1^,319, zeitschr. 1,22) Wahrscheinlichkeit gewinnt, 
der name ist dunkel, desto gewisser ist, auch durch das 
Zeugnis der völkertafel, dafs der dritte bruder Erniin oder 
Irniin hiefs und dafs folglich sowohl bei Plinius und 31ela 
als bei Tacilus Hcrminoncs gelesen werden mufs, wenn die 
hss. bei jenen auch nur Hcvinioncs bezeugen. — aber zweifel- 
haft ist die ableitung der beiden ersten namen. Istrinones 
hliaones Stheones Slhreones steht in den hss. des Plinius, 
was offenbar auf Istroeones zurückweist ; und damit überein- 
stimmend bezeugen hier die hss. an beiden slellcn f//^//ac()//cs 



250 VEHÜEUiri'E NAMEN IJEl TACITIIS. 

(Ingi/aeones Inci/aones u. s. w. ; bei Soliiius ( Hallenier 
(Jcnkin. des ma, 1, 413) bigynones), mit aiisiialime des ^/, 
der an erster stelle Ingaevones . und des unbedeutenden 
Snake?ib. , der an zweiter Ingevones gewäbrt. bei Tacitus 
hingegen stebt Ingaevones Istaevones fest, von der Verlesung' 
des iV für ü, der scbreibung E für AE in einigen liss. ab- 
gesebcn. diesem entspricht das inschriftliche Frisacvo bei 
Orelli nr 173, vielleicht auch Frisaeo ebend. nr. 175; die 
Frisiavo7ies Frhfnboiics und Hilleviones bei Plinius bleiben 
als nicht congruent befser aus dem spiele, noch mehr Cha- 
mavi Batavi. der Schreibung higuaeones Istuaeones aber 
entspricht vollkommen jenes ^iXovaiwveg bei Ptolemäus (s. 
Helcecones), wo nur das ü. so verkehrt ist wie in ^lyxQico- 
vsg OiaQyuoreg ^lyovXcoreg Kc(?,ov/.cor€g ^Idcorsg. welche 
form ist nun die richtigere, -aerones oder -vaeoties? oder 
lafsen etwa beide eine rechtl'ertigung zu? an composita mit 
t't'ba wird niemand mit Wackernagel (zeitschr. 6, 20) dabei 
denken; und dafs weder die Sravee des Sachsenspiegels, d. i. 
Svdcce, noch auch das goth. judatoisks, d. i. die regelrechte 
ableitung von goth. Jiulaiits = "lovdcung ludaeus , hierher 
gehören ist klar, ein ableitendes aiva = aevo ist nicht nach- 
weisbar: ich glaube, es läfst sich hier auch nicht behaupten, 
altn. Y/ig/'i oder Ingvi, das 1/tgiio der völkertafel, liiguio- 
merus bei Tacitus, ahd. Inguviur higuram Inguferht (^\t\Q\Kt\\). 
nr 241 c. 810) Inguheri (Schannat nr 5G0 a. 920) lugvis 
(Schannat nr 275 a. 815), das ags. ß'oä Ingeina (mytli. 192. 
321), das altn. Ingunav Fretjr (S;em. 44" Munch) , ahd. 
Inguni (Meichelb. nr 73 c. 782) beweisen unwidersprechlich 
dais Imx ein ableitendes /' hatte, dafs von Jacob Grimm also 
und schon früher in Schmidts Zeitschrift 8, 221 mit recht 
ein gothisches Iggi' angesetzt wurde, das vom goth. runen- 
alphabet (Kirchholf s. 30) bestätigt wird, dies spricht dann 
weiter entschieden für den vorzug von Ingnaeoncs , das 
l.stuarones nachzieht, aber auch ableitendes aio = aeo in 
Ingraco hlraeo Uclcaeo Frisaeo konimt nicht vor, es sei 
denn in verbauen der dritten schwachen classe , wie goth. 
armaio von annan (ahd. armen, vandal. ebenso) = armaian. 
Iggvm ergiebt abgeleitet Iggrja, Istvus? Istvj'a, formen die 



VERDERBTE NAMEN BEI TACITUS. 251 

Grimm sogar dem I/igaeco Istaevo gleichsetzte ; und in der 
thal bestehen sie leicht die probe (zeitsciir. 7, 528). 
Iggrjatis jnh Istrjans jah Aivminans godai 
ist ein vers genau gemel'sen nach Lachmanns regeln, die nicht 
nur dem deutschen, sondern auch dem ags. und aitn. verse 
zum gründe liegen : denn dieser vers ist nichts anderes als 
die einfachste symmetrische darslellung des allen dialecteu 
gemeinsamen gesetzes der betonung, und darum so alt als dies 
gesetz selbst, so dals er für die von Tacilus erwähnten lie- 
der nolhwendig mufs vorausgesetzt werden, jenes Iggirja 
wäre in andrer, der ausspräche der westlichen stamme ge- 
mäl'serer Schreibung Ingrea oder Ingvöo, und wäre dies 
Ingiiaeo, so diirfic Ingnevo Istaevo wie Chainavun Baiavus 
beurtheilt werden, wo das A der ableitung sich vergleicht 
mit ahd. balo balaires, salo salawes u. s. w. (gramm. 2, 187 f.) 
statt balw balwcs, sa/tv salives. denn wären Grimms Cka- 
viaviones richtig, so müsten die Chamaven nicht nur auf 
einer insel (av?a) gesefsen, sondern es würde auch nie alts. 
Hamnlnnd geheifsen haben ; statt Betihce mochten schon die 
Römer Batnra oder Batva (= Batvö , goth, Batve) avia 
hören, higaevo aber als Iggva angesetzt würde sich ver- 
halten wie goth. raurstra zu vaurstvja, gasinpa zw gasrnpja, 
Jauragagga zu /'auragaggja, allein die gleichung vom AE 
und deutschem E oder / wird durch des Ptolemäus Xai- 
Qovoy.oi .Alkovaicoveg, durch Ammians Annthaeus slallA?'m- 
theus goth. Arntpius, Aeruli statt Eruli 20, 1, 3 und andre 
beispiele dieser art weder für Ivgaevo Istaevo noch für In- 
giiaeo Istvaco bewiesen ; man würde sie in diesem falle nur 
einräumen können , wenn nachgewiesen würde dafs irgend 
eine analogie oder lautregel ihrer spräche die auffafsung der 
deutschen ableitung bei den Kömern beslimmen konnte, ge- 
wiss scheini mir nur dafs Ingacro Istaoro bei Tacitus, Fri- 
saevo auf der inschrift schlechtere formen sind als die bei 
Plinius vorkommenden. 

Lewor/i. (icrm. c. A3 scheint die gröfsere autorität auf 
seilen der angenommenen lesart: RacdN (-f- RBb) und P 
über der zeilc zeugen füi- Lemorii. hingegen hat P in der 
zeile und am rande Ldiio/u'i , so auch St (-f- BfMUTr). 
welche lesart die heisere und zuverl;ifsigcrc, läfsl sich nicht 



252 VERDERBTE NAMEiN BEI TACITÜS. 

entscheiden , auch nicht auf grammatischem wege. Lemocii 
kann man nicht mit Gambriiii (vergl. goth. lasii's und hai- 
pivisks?) zusammenstellen, man wird das der ableilung 
für nichts andres halten dürfen als für eine vocalisalion der 
Verbindung Mf^, wie in Chainavi Bnlavi, die hier zumal 
üblich gewesen zu sein scheint, vergleicht mau Nasva bei 
Cäsar, Masva bei Dio, Mai'obodnis und bei Ptolemäus 7«- 
dovag {? tov ladova /rotafiov § 13, oihadov nor. § 4, 
1. Oviadova tcox. = lat. Viadua, goth. Vijapva?) ^lotovia 
Kavdovov? Dleooviov "Aqov/.ctva ^erovla, aufserdem Naha- 
narvnli ., Vicluali oder flctovali. darnach ist für Lcmovii 
entweder goth. Limveis oder Limvjös oder endlich , ein ad- 
jectivisches limviis, wie Jiianvus oggvus, angenommen , Li- 
mvjai anzusetzen, mit Lemonii aber vergliche sich goth. 
siponeis pl. sipunjös, alts. gesuiströni ags. gcsustrene, ahd. 
noi'dröni und ähnliches (zeifschr. 6, 543) aufs vollkommenste, 
und da die ableilung den localen begriff ' von woher', den 
abstracten 'von der art' ergiebt, so scheint sie sich auch 
vortrefflich für einen volksnamen zu eignen der jedcsfalis 
ein colleclivum ist, da die hemonii des Tacitus mit den 
^ißivol des Slrabo oder ^idsivol des Ptolemäus zusammen- 
fallen : einer von diesen namen wird nur richtig sein, aber 
sie lafsen beide , wie es scheint , eine deutung zu , ^ißivol 
von sibj'a Verwandtschaft , ^löeivol von sidus mos , consue- 
tudo. wie, wenn Lemonii abgeleitet wäre von alln. lim 
ags. leom , das ein neutrum im ags., im altn. masc. oder 
fem. glied , im altn. als neutrum aber zweig bedeutet? so 
könnte es wohl das cpllectivum für eine anzahl kleiner ver- 
wandter Völkerschaften sein : aber auch Lemovii müste wohl 
daher abgeleitet sein, da kein andres wort aufser jenem lim 
im deutschen dafür zu geböte steht, die zweite bedeutung, 
die die Wörterbücher nicht kennen, kommt auch ags. im Beo- 
vulf l^'i (Icumi/m and Icäfum) und im cod. Kxon. 334, 33 
{beäm sceal Icäfum lil)an, leomum grövan) vor, und war 
auch wohl ahd. nach dem merkwürdigen namen Limez/hi bei 
Neidhurt 20, G, 7. ohne grund nimmt (irimm (jDS. 469 
in Lemonii eine arge Verderbnis an. Zeufs s. 155 vergleicht 
y/ijuiOGccXeiop, das Ptolemäus an das asciburgischc gebirgc 
setzt: aber diesen namen erklärt uns Plinius 27, 70, Limeum 



VERDERBTE NAMEN BEI TACITUS. 253 

herba appcllalitr a Gallis qua sagittas in vpjiatu tingunt me- 
(Ucamento , quod venenum cervarium vocant. ex hac in 
tj'es modios salivali additiir quantum in iinam sogittam nddi 
solet: ita offa doniltitiir bomn faucibus in morbis. yli^LO- 
adleiov j^ehört daher, wie andere Ortsnamen bei Ptoleniäus, 
dem soldatenlatcin an und ist kein deutscher nanie. 

Ligii. Li/gii. ann. 12, 29. 30 steht im Med. ii ein- 
mal Ligii, dann Ligius, gleich daneben aber auch iazigibus 
iaz'igcs statt laz-i/ges Inzuges Med. ii bist. 3,5, und vor- 
her c. 22 bithinis statt Bithynis , c. 23 silla statt Si/lla 
Sulla, c. 38 sifaccm statt Sijphocem, c. 49 siriam statt 
Sijrinm oder Suriam , denn so steht c. 11 Suriae, Med. i 
ann. 2, 69, 79. 4, 5. 6, 27 Suria, vergl. inschr. bei Orelli 
und goth. Sau/\ das die gemein und echt lateinische form 
Su?u/s, nicht griechisches ^vQog voraussetzt, diese beispiele 
lielscn sich leicht vermehren, es ergiebt sich daraus dafs die 
Schreibung Ligius aus Lygius entstanden sein kann und 
durch diese auf Lugius zurückgeführt werden darf, dies be- 
stätigen die Varianten zu Germ. c. 43. Legiorum ist die 
allen wichtigen hss. gemeinsame lesart an erster stelle ; über 
der zeile und am rande steht daneben in P Ligij, Ra Lygii, 
NS uegii oder rcgii, Re leugiormn. an zweiler stelle lia- 
ben PRd ligios , RacN Lygios , S lugios und darüber li- 
gyos. — niemals kann ein Grieche oder Römer aus deut- 
schem munde Lygi-us vernommen haben, wenn Dio 67, 5 
ylvyioi schreibt und Zosimus 1, 67 yloyitoveg, so versuchen 
beide nur eine möglichst genaue bezeichnung des kurzen deut- 
schen U. für die Römer aber lag bei der ersten aulTafsung 
des namens kein grund vor diesen laut nach griechischer 
weise zu bezeichnen, wenn auch oft kurzes Li wie L'^ bei 
ihnen gesprochen wurde, aus dieser ausspräche erkläre ich 
mir die Schreibung Lygius. lehren aber die Varianten zur 
Germania dafs die Schreibung Ligius aus Lygius entsprang, 
SO kann hier kein laiitwechsel von / und C, wie etwa in 
Sigainbri und Sugnnibi'i und einigen andern deutschen Wör- 
tern stattfinden, sondern Ligius ist schlechterdings zu ver- 
werfen, aber auch statt Lygius bei Tacitus Lugius lieiv.u- 
stellen. denn so schrieben und sprachen die llönicr wirk- 
lich, bei Strabo , der seine nachrichlen ans dem munde der 



254 VERDERBTE NAMEN REI TACITÜS. 

Kömer schöpfte, finden wir als die ersten in der reihe der 
östlichen vöiker die ^iOlTlOV:^. denn warum der neueste 
Herausgeber diese verbefserung Cluvers statt des handschrift- 
lichen ^OYIOY^ nicht in den text aufnahm, begreife ich 
nicht recht, da der ausfall des F bei folgendem J graphisch 
so leicht zu erklären ist. dafs Jacob Grimm GDS. 711 bei 
der erklärung des namens von der sichtlich und anerkannt 
verderbten form ausgeht kann diese nicht stützen noch jene 
eben wahrscheinlich machen, auch Plolemäus oder vielmehr 
sein Vorgänger 3Jariiius folgte römischen berichten und wie 
Strabo den vocal für lang haltend schrieb er ^ovyioi, nicht 
Aovyoi, was Wilberg in den text setzte: das richtige läfst 
die Variante ytavTioi erkennen, die tab. Peut. endlich läfst 
die der griechischen bei Zosimus genau entsprechende rö- 
mische form Liigiones in ihrem Liipiones erkenne, sie setzt 
den namen an die nordgrenze Daciens ; denn hier hatten Lu- 
gier, unter dem alten stammnamen , als \ andalen {Astingi) 
seit dem marcoraannischen kriege fufs gefafst. man wird 
nicht anstehen dürfen fortan Lvgn statt Ligii oder Lygii 
bei Tacitus in den text zu setzen. 

Nahanarvali. herr Ritter hat die alte lesart Naharvalos 
Germ. c. 43 wieder aufgenommen, und allerdings haben P 
und Rcl, aufserdem P^, so an beiden stellen, ein blick aber 
auf die Varianten bei Mafsmann lehrt dafs die alte zum gründe 
liegende hs. an erster stelle Nahanat'ralns , an zweiter Na- 
hai^ralos hatte, dies bezeugen RncNS (-f- AJfFH)', in St 
ist jedoch N(iha/ta7'v(ilos in Naharrcnialos verschrieben und 
dies an zweiter stelle eist in Nahorvalos corrigiert. auch 
in Ra steht diese correctur, aber an erster stelle über der 
zeile. ollenbar rührt sie, so auch die lesart in PRd (-f /'), 
nur daher dafs eine gleichmäfsigkeit der form hergestellt wer- 
den sollte, umgekehrt haben auch RTRhJT beide male ent- 
weder Naliaiifirrulos oder NabanarDdlos. keinem dei- irgend 
eine alinung von deutscher Wortbildung hat kann bei diesem 
Stande der Überlieferung die enischeidung zweifelhaft sein. 
Naiiarrali ist nichts, hingegen Naha/iariuili gicbt sich so- 
gleich als composiliim zu erkennen , wenn auch die deutung 
schwer bleibt, die früher de poesi chorica s. 8 aufgestellte, 
von Grimm GDS. 715 gebilligte mutmafsung, dafs der name 



VEIU)EI{nTE NAMEN BEI TACITIIS. 255 

als Nararnahfth' aufzufafsen sei, ist ganz unhaltbar, weil 
ihre Voraussetzung, Grimms auflösung des alln. ?wr» in golli. 
7}arairns (todesgöttin) weder etymologisch (zeitschr. 6, 4G0) 
noch mythologisch z« rechtlerligcn ist. das wahrscheinlichste 
dünkt mich jetzt folgendes, wenn quäle?) ahd. qualjan ags. 
cvellan nicht nur torquere, cruciare, sondern ganz gewöhn- 
lich auch, ja im ags. immer (daher engl, to kill) iugulare, 
necare, mactare bedeutet, so kann nari'al, von alts. //^ro 
narwps ags. nearu angustus, anxius* (ags. noavvian artare. 
cruciare) auf-/ abgeleitet, das ein nomcn agenlis andeutet, 
sehr wol dem ags. cvellcre engl, killer nahe kommen , zu- 
mal wenn noch eine nähere bestimmung durch die composi- 
tion hinzutritt, der vater der Nacht wird in der Edda iVy?;v'/ 
oder Nörvi genannt; ebenso heifst ein söhn von Loki, sein 
bruder aber NdH d. i. golh. Navareis, der lödter, todes- 
dämon. wie, wenn Naha vielmehr Nova wäre? die lesart 
Nabannrvali ist freilich schlecht beglaubigt , aber lehrt doch 
wie leicht H für B = V verlesen sein kann, um Nnha zu 
deuten steht doch nur goth. nahau ccQ/.elv (ags. 7ieahhe g-e- 
neahhe salis) zu gebot. Nahanarval ist jedesfalls ein eigen- 
Ihümlich componiertcr name; wie man ihn auch auslege, we- 
gen des ableitenden L bleibt die annähme dafs die erste 
worlhälfte eine modale oder objeclive beslimmung enthält 
immer wahrscheinlich, ja gewiss, und es wird nicht zu be- 
zweifeln sein dafs der name ein hieratischer ist für das volk 
in dessen besitz der fuiliquae religioms lucus des gölter- 
brüderpaares sich befand, für VictuaU haben wir oben s. 133 
eine ähnliche bedeutiing vermutet. es läfst sich streng 
erweisen dafs Viclualen und Nahanarvalen dasselbe volk 
sind, nur nicht in der weise wie Grimm GDS. 715 es ver- 
suchte. — beiläufig bemerke ich dafs man den altnordischen 
namen für die strafse von Gibraltar nicht mit jenem iölun 
Narvi oder mit Lokis söhn zusammenbringen darf. Sachsen 
und Franken war die meerenge eher bekannt als den Nord- 
mannen; das altn. Nörvasu/id wird daher dem alfs. Aarrrsr 
(bei Adam Brem. schol. 90. Alb. Stad. a. 1152), d. i. marc 
strictum, nachge!)ildet sein. 

*) Ihone ncariHVt nidh Cadin. 43, 27. on nearcri' l/f 5S, II. \er(;l. 
ni-ariil liarip dolus, ncnrolvi'i^dh iiisidiac. t>i/rr(l/i cnrrev. 



256 VERDERBTE NAMEN BEI TACITÜS. 

Na?'isci. s. oben s. 131. 132. 

Ncrthus. diese form besläligeii alle hss. eiihveder direct 
oder indirect. dennoch selzt lierr Franz Ritter Erlham in 
den text. es wäre vergebliche mühe diesen editor des Ta- 
cilus, der die hs. P für die quelle der übrigen der Germania 
hält, der nicht einmal zu wifsen scheint dafs unter den no- 
niinibus der vierten lateinischen declination auch feminina auf 
-US vorkommen, über dinge deutscher grammatik und niylho- 
logie heleiiren zu wollen, nur die Unverschämtheit, mit der 
herr Ritter von einer ' infelix coniectura' Jacob Grimms zu 
sprechen sich herausnimmt, verdient eine nola, andern zur 
Warnung; vergl. unter hlistaviso. 

Nuithones. dies bezeugen RacdN (+ J^fFKM); in P 
ist Nurtones (das herr Ritter in den text setzt) corrigierl in 
Nvitones; steht in S VuUhones (und in H) ^ so hat dies 
ebenso wenig als huitones in RbfF zu bedeuten , zumal da 
die S zunächst verwandte hs. iY Nuitlio/ies gewährt, trotz 
dieser Übereinstimmung der hss. ist der name doch verderbt. 
Nerita bei Ammian , was ahd. Niunzo wäre, ist nicht zu 
vergleichen, weil es ein deniinutivum und als volksname nicht 
anwendbar ist. UI ist undeutsch, verhielte es sich mit dem 
TU, was allerdings sehr wahrscheinlich ist, \\ie bei Gotho- 
?ics , so könnte man leicht Niutones vermuten, da niutim 
ehemals ayqaveiv bedeutete, goth. 7iuia cc?u€vg und tcoyqdiv, 
so passte das gut zu Acimßuminibus nut silcis mutüuntur. aber 
die Römer würden Neutones für deutsches Niutnns geschrieben 
haben, und Nuithones mit jenem goth. nuta , ' expulsa una 
/', wie herr Ritter bei andrer gelegenheit sagt, in Überein- 
stimmung zu setzen wage ich nicht. Grimms Vithones wider- 
streitet der Überlieferung , wie leicht auch eine deutung des 
namens in dieser gestalt wäre, uns scheint jeder herslellungs- 
versuch vergeblich, aber auch überllüfsig, weil der name histo- 
risch von keiner bedeutung ist. 

Oxioncs. neben Oxionas ist Etionas Germ. c. 4G gleich- 
niäfsig bezeugt und ein herausgeber sollte das eine neben dem 
andern an/.uführen nicht unlerlarsen. das eine wie das andre 
ist verderbt, und ich glaube nicht dafs das vorhergehende et 
am Verderbnis schuld ist. unciales und E waren leicht zu 
verwechseln, und wer die dillographie Aurinia und ^llbrinia, 



VERDERBTE NAMEN BEI TACITÜS. 257 

Dulgibini und Dulgubini und vielleicht noch ein paar andre 
schon der allen zum gründe liegenden hs. zuschreibt, würde 
auch in diesem falle von dieser auf die uncialhandschrift zurück- 
zugehen wagen, stellt man Oxionas und Elionas in der 
uncialschrift etwa des vierten oder fünften jh. dar, so wird 
der irrlhum begreiflich , die herslellung freilich um nichts 
leichter. Zeufs s. 275 rieth auf ags. Cuenns altn. Kw/iir 
Qvwnir, und es thäte nichts dafs Tacitus der Finnen schon 
einmal gedacht; denn auch seine Hcllasii sind ohne zweifei 
die Hillevio?ies des Plinius, nur dafs dieser dem namen eine 
ausdehnung giebt über ganz Scandinavien, während Hellusn 
bei Tacitus ein fabelhaftes nordvolk sind, aber das von 
Zeufs vorgeschlagene Cuones ist ein unding: Tacitus würde 
Quenios oder (nach goth. qinö) Quenonas geschrieben haben, 
und eins von diesen herzustellen wird niemand wagen, sollte 
nicht einmal jemand lust haben bei den Elionas an die iötriar 
und lotunheim zu denken? ich verweise auf myth. 486. 487. 

Reudigni. die beiden besten hss. PRa haben Germ. c. 40 
Veusdigni; doch corrigiert P das V in R; Rd hat f^eu- 
digni , RcNS (+ Rbf cet.) Reudigni. dies ist leicht ver- 
ständlich durch goth. imids OEf-ivög, altn. riodr rubicundus 
(Schmidts zcilschr. 8, 220. 227, (irimm GDS. 716). im 
anlaut scheint ^^ für /? verlesen, wie Neuthiis (Rc) üiv Net'- 
ihiis und umgekehrt Arnoba für Aunoba, Tristo für Tiiisto. 
wie das S in Veusdigni zu erklären , errathe ich nicht, 
aber dafs es ein Schreibfehler, ist nicht zu bezweifeln, da 
die Römer goth. XD wie in Astingi bezeichnet hätten, 
jenes SD darf niemand irren. 

Suevi. der Med. I hat an allen stellen ann. I, 44. 2, 26. 
44. 45. 62. 6;{ Suebi ; damit stimmen bei Plinius 4, 28 die 
beiden besten hss. RA überein, während Sillig c. 25 keine 
varianle zu Sueri anführt. der 31ed. II hat nur einmal 
ann. 12, 21) Suevi, an den übrigen stellen bist. 1,2. 3, 5. 21 
stets Suebi. in der Germania und im Agricola liest man 
überall Suebi; allein Germ. c. 41 ist allen hss. das aus der 
ältesten (juelle stammende Verderbnis pai's rerboruni gemein- 
sam und dies führt wieder auf Suebi. Sueri maji den deul- 
sehen laut, ursprünglich ein aspiriertes R.. wie die vergleichnng 
von ahd. Swdbd, Swdpd , nind. Sudee , ags. Siur/'us , altn. 
Z. F. I). A. IX. 17 



258 VERDERBTE NAMEN BEI TACITUS. 

Srdrnr beweist, genauer ausdrücken als Siicbi ; es war auch 
die bis ins miltelalter gewöhnliche spätere Schreibung: aber 
die herausgeber des Tacitus (und Plinius) halten wie Halm 
«letrosl Siiehi überall durchfrihren sollen, das B ist hier 
kein anderes als das in Vibilius Nahalia Dulgvhnii, ja das 
in Albis. 

Tarn Jana, im Med. I steht ann. 1, 51 tüfanae, cum 
lineola super primam syllabam : in der hs. aber finde ich nach 
den vorliegenden vergleichungen nur folgende abkürzungen 
gebraucht. i, 10 pej]fectä* 13 nput te* 15 annü* 

74 oms 76 depcantis 78 depcante ii , 1 cos 

^ ßum 15 tergü* 41 cos k~ {kalendas) 4S Jamd* 
4(5 orns* (omne) 49 cräd* (aedem) iii , 1 adpulsü* 

12 « ex corr. 17 cös 44 cupidine* 50 P. C. 

53 p. c. 54 p. c. zweimal 62 passü (passuum) 

72 procös IV, 1 cüs 8 oms 9 ofnsqiie oma 

12 sps (spiriius) 16 quo {(juoniom) 17 cös 19 cons 
24 onis 28 cös 32 cöposivere 34 cös 37 P. C. 
oriia oms 39 prwc/'pe* {principiwi) 46 cö 52 sanguinc* 
55 aede* 56 ow.v 57 interq ; {inter quae) 62 cö* 
ainphithoatrü* 63 cö* 70 A: {kalendis) v, 1 cö* 

VI, & P. C. 9 ow* 15 cö.y 25 A" o/7/* 28 cö* 

31 cö* 42 f. Tesiphö 43 o,v?* 44 o///*. die 

Sterne zeigen corruplelen an, die in den meisten lallen ge- 
hoben werden, sobald man nur von der lineola absieht, sind 
die vorkommenden abkürzungen genau und vollständig ange- 
geben (und man mul's es glauben , da die oms und cös im- 
mer wiederholt werden), so befolgt der Med. I auch in die- 
ser hinsieht die weise der ältesten erhaltenen hss. , zum be- 
weise wie treu er copierl ist. die lesung Tamfana aber 
wird sehr zweil'elhart, da auFser etwa cöposirere kein ana- 
loger fall begegnet, wenn es sich mit der lineola hier ebenso 
verhielte wie mit jener über dem letzten worte des Hilde- 
brandsliedes? jedesfalls wäre es gut unsrer göttin wegen ein- 
mal in Florenz wieder nachzusehen : herr Baiter wird doch 
nicht blofs in jenen beiden lallen die lineola angemerkt, sonst 
aber sie stillschweigend n oder m gelesen haben? wäre 
Tq/'ana die handschril'tliche lesart, so wird vielleicht man- 
cher dabei sogleich an altn. lajh victinia (myth. 36) denken, 



VERDERBTE NAMEiN BEI TACITUS. 259 

oder auch, da anlautendes T für TH wenn auch nicht be- 
wiesen, doch nicht unwahrscheinlich ist, darin einen beweis 
für Grimms sonst unmöj^liche deutung GDS. 232 erkennen, 
allein wenn für ags. pefjan, altn. pcfja ppft\ das thema pib 
pah peb lautet, und goth. pabnnn ahd. Dapana angesetzt 
wird, so würden die Römer, wie bei Suevi (s. oben) , ent- 
weder Tavana oder Tnbann geschrieben haben, nicht aber 
Tafanu. wenigstens läfsl sich F für aspiriertes B nicht be- 
weisen, und die deutung bleibt unsicher; aus gleichem grnnde 
auch die aus Infn victima. denn bei Ptolemäus ytf-vq)(xva 
ist an ein alts. Liubhana Liobhana. nicht zu denken : es ist 
vielmehr das Levefnno der tab. Peut. 

Tuistu. heir Franz Ritter, die hs. P mit lächerlicher 
einseitigkeit bevorzugend , setzte Germ. c. 2 Tn'stonetn in 
den text und that noch die anmerknng hinzu 'correclio Tiiisto 
et Tulsco demum ex nominibus Tedesco et Teutsche, Tacito 
plane incognitis , petita est.' dafs doch die gelehrten Italiä- 
ner, denen die correctur wohl angehören müsle, nicht gleich 
im ersten zuge die uamen noch mehr einander annäherten, 
um herrn Ritter und seines gleichen die mühe des rathens 
zu ersparen ! es ist aber eine unwahrheil, wenn herr Ritter 
Tristonem aufser dem P noch 'ceteris libris plerisque' zu- 
schreibt, die Wahrheit ist dafs selbst im P über der zeile 
Ti^i in Tui corrigiert ist, 'ab altera manu', wie lierr Ritter 
sagt, deren correcturen er für aus der luft gegriffen hält, 
dafs aber aufser der so nicht einmal in P sicheren lesart 
diese in keiner andern hs. vorkommt, allerdings führt Mafs- 
mann aus Ra Trz'stonem an , aber gleich danach aus eben 
dieser hs. Tr/s(one?n und als margiiiallesart Tin'stnan , und 
nur diese beiden scheint ßrotier zu kennen, so dafs hier wie 
auch anderswo in Mafsmanns angaben confusion slallfindet. 
Tuistonem bezeugen aufserdem Rc (-}- VIV) und indirecl .S 
am rande durch histoneni, N durch Bistoiicin , H durch 
Vistoncm , sowie 5 im texte nebst Vvi^ durch Tiiisconem. 
kommt endlich in der ganz unwichtigen hs. Rb lijrstonevi 
und tirstonem vor, so lehrt die vergleichnng von Ti/islofiem 
der dieser zunächst verwandten hss. FRf dafs /• in Rb für 
/ verlesen ist; Tijistoncm aber bestätigt wieder Tuistonem. 
nun ist die Verwechselung von sl und sc allerdings häulig 

17* 



260 VERDERBTE NAMEN BEI TACITÜS 

und leicht, aber da nicht einmal in S Tuisconem feststeht, 
da die mit St und Rd zunächst verwandte hs. N durchaus 
nur St kennt, so ist Ttiisto die handschriftlich allein sichere 
form des namens; und wir brauchen auch die sprachlich sich 
leichter empfehlende form Tuisco dem text nicht aufzudrängen. 
altn. tvistr ags. tvist filum duplicatum und hochd. zwist, 
ndd. niederl. fries. tiHst lis sind wie tiiisc zw/sc, wodurch 
Lachmann Tuisco erklärte , vom zahlvvort abgeleitet ; die 
dyas, daus im spiel heilst altn. tvistr, auch wohl ags. tvist, 
wie heute die karten mit zwei und drei äugen im niederd. 
twischen und (Irischen: altn. tvistra in duas partes sepa- 
rare , Twistringen ein ort in der grafschaft Ho\ a ; Twiste 
ein bach der in die Oste fällt, und ein nebenfliifschen der 
Diemel , im alten pagus Hessi Saxonicus, mit einem gleich- 
namigen orte, alt Tuistai reg. Sarach. nr 179. 362. trad. 
Corb. § 371 ; vergl. Tuistina, Tuischimhi trad. Corb. § 28. 
284. unbedenklich ist auch dem Tuisto der sinn von ge- 
minus, binus, zuzutrauen, so dafs es im gründe ganz einerlei 
ist ob man Tuisto oder Tuisco liest, denn ganz unhaltbar 
und nicht zu rechtfertigen ist die von Zeufs zuerst vorge- 
tragene, dann von Grimm und herrn prof. Müller in Göt- 
lingen gebilligte deulung aus Tiu. nicht um herrn Müller, 
wohl aber um andre von der Verkehrtheit dieser Vermutung 
zu überzeugen , mache ich noch darauf aufmerksam dafs er- 
stens dabei ein doppeltes Verderbnis angenommen wird : Tuisco 
soll für Tiusco verschrieben und dies wiederum Tivisco sein, 
kann man für den ausfall des vocales der ableitung sich auf 
Chei'usci berufen, so vergifst man doch dafs nach allem was 
wir wifsen Tacilus und seine zeilgenofsen nicht Tiusco, son- 
dern Tcusco geschrieben hätten, dafs also von jenem irrthum 
der abschreiber nicht die rede sein kann, aber angenommen 
dafs, wie Grimm will, die formel Tiu sich hier in Tu oder 
Tv verengt hätte, so soll nun zweitens Tuisco der göttliche, 
himmlische bedeuten : beides scheint man für eins zu nehmen, 
allein welcher Zusammenhang bleibt dann noch mit dem gotte 
Tiu, da dies ein name ist und erst hinler Zeig Diioris Tiu 
sanskr. djaus caelum steht und deus ^eog und altn. pl. tiwar, 
wenn auch verwandt, doch nicht dasselbe wort ist? und 
welche genealogie hätte wohl je an ihrer spitze ein solch 



DEUTSCHE UUKUNDEN VON 1263, 1276 UND 1279. 261 

absiractes adjectivum wie der himmlische, der göttliche? welche 
mythologie endlich nennte einen söhn der Erde den himm- 
lischen? wäre mir Wackernagels aufsalz im ersten liefle 
des sechsten bandes dieser Zeitschrift schon zu anfang des 
Jahres 1847 zur hand gewesen, als ich meinen aufsatz dem 
herausgeber der Zeitschrift für geschichte übergab, so würde 
es ein leichtes gewesen sein unsre beiden auffafsungen an 
diesem |Hinkte zu vereinigen, denn im wesentlichen fallen 
sie hier zusammen, und nur weil mir die menge der paral- 
lelen fehlte, die Wackernagel beibrachte, habe ich nicht ge- 
wagt die Vermutung auszusprechen dafs das zwiefache ur- 
wesen auch als zwitter vorgestellt wurde, diese auffafsung, 
glaube ich , ist die mythologisch und sprachlich einzig halt- 
bare und wahrscheinliche, und sie bleibt auch bei der lesart 
Tuisto bestehen, wahrend die andre, wenn irgend begründet, 
mit Tu/SCO steht und lallt. 

KIEL. K. MÜLLENHOFF. 



DEUTSCHE URKUNDEN VON 1263, 1276 
UND 1279. 

Ei/ie znsamviensteUung der unzweifelhaften ältesten 
deutschen Urkunden müste anziehend, genug sein, im gan- 
zen wurde die deutsche spräche bei urkundlich niederge- 
schriebenen geschäften wohl am frühesten und um meisten 
in fVestdcutschland, zumal in de/i obern landen, angewe/i- 
det. die durch herrn von der Hagen in dem neuen Jahr- 
buch der Berliner gesellschaft für deutsche spräche 2, 66 
bekannt gemachte Urkunde von angeblich 1222 niufs, wie 
mir herr landamman Lohner zu Thun im /. 1841 aus den 
darin vorkommenden personen bewies , beiliiujig hundert 
jähre Jünger sein, wahrscheinlich ist sie von 1322. fest 
steht dagegen könig Konrads If^ deutsche urku?ide für 
die Stadt Uaufbcuern vom 2fijuli 1240, die in den comment. 
Golting. von 1753 s. 207 vollständig nachgebildet ist. in 
der jetzigen Schweiz folgen dann deutsche Urkunden von 
1248, 1251 drei, 1252 drei, 1257 //. s. w. vergl. hopp 
urkk. zur geschichte der eidgenöfsischen bände s. 2, und 



262 DEUTSCHE URKUNDEN VON 1263, 1276 UND 1279. 

dessen Rudolf von Habsburg und seine zeit 2, 718 y. ins- 
besondej'e hat dieser Rudolf' als graf und als honig eine 
mehrzahl solcher Urkunden ausgestellt. Schreibers ur- 
kundenbuch der stadt Freiburg im Rreisgau enthält deutsche 
Urkunden von 1258, 1265, 1272 zwei, 1273, 1275 u. s. w. 
die reges ta Boica enthalten auf ser jener konradini sehen der- 
gleichen von 1259, 1269 zivei, 1270, 1272 drei, 1274, 1275 
zwei V. s. w. im urkundenbvch Frankfurts erscheinen 
sie 1290, 1303, 1304, 1317, 1318 u. s. w. am Nieder- 
rhein ist die älteste deutsche Urkunde die zwischen den 
ßrzbischüfen von Trier und Cöln eine?'-, und de?n Rhein- 
pfalzgrafe?i aridererseits wegen Thuron geschlofsene sühne 
von 1248. es folgen dann, mehrmals zugleich deutsch und 
lateinisch, Urkunden von 1251, 1257 zwei, 1259. eine 
besonders zahlreiche gruppe bilden die von 1261 bis 1284 
für die gräfin Mechtild von Sain und von ihr ausgestell- 
ten Urkunden, zu denen welche man, gleich den erwähn- 
ten früheren, in Hbf er s aus wähl der ältestefi iir künden 
deutscher spräche , ujid in Lacomblets urkundenbuch des 
Niederrheins vorßndet, füge ich folgende drei aus den 
originalien. das siegel derjenigen von 1263 ist dreieckt, 
im Schilde sind drei querliegende würfel, die Umschrift 
lautet: S. L . .wici Walpo . . nis de Novo Castro, dasjenige 
der von 1276 ist oval und zeigt eine stehende fr au die in 
der linken einen schild hält mit der Umschrift S. Julie 
rel . . . . dni. ... condaui Rifersclieil. a?i der Urkunde von 
1279 ist das siegel abgefallen. 

Frankfurt a. M. im aug. 1852. FR. BÖHMER. 

I. 

Alle di diiseii hrif siiil , di suleii wizzin, dal ilic Lude- 
wilic Walpodc vau der Nuwei- hiirlic allcriiaiide vordcruiige, | 
ol" ihc iiikeyne helle geliaft, iip iiiiiie vrove Melliilde di gre- 
vimiin was zu Seync, hau vercigcu bil | vrieu wiliiu uui- 
helvuugeu , iudc sal ir gclruwe iiid holl siu inde gerelhit, 
als ze reihe eyu burhinau | iud eyu mau siuer i'eliler vro- 
wcu sculdihc is bil gudcu liuwcu. Mag ihc iu kcyucrhaude 
guade vcrdineu ua inue live au deu geyucu, di ir erve suliu 
bcsizzin, dal iicnien ihc gerue iud iuvercigius nit. Hi over 



DEUTSCHE IJHKUNDEN VON 1263, 1276 UND 1279. 263 

was der vuogit vaii Haccheuberg, bruder Gerhart van Gelre, 
bruder Heiirihc van Wisle, her Lanbreht der kirghere van 
Aspaho, bruder Manegolt van Seyne. Duis brif wart gescri- 
ven und gegevin zu der Nuer burhc des neyslen dagis na 
sente Jacobs dage, du verliden warin dusint iar zue hundert 
iar ind dru ind seszic iar. 

II. 

Ich Jutte vrowe van ßethbure dun kunl allen den die 
disen brit" sulen sien inde hören, dat ich bit Frideriche vau | 
Ryphcrscheit niimc sone also overdragen haven , dat icli der 
echt fuder winis van sente Mertine , die mir | die grevinne 
Mechtilt die wilen grevinne was zu Seyne iargelichs plach 
ze gevene, uz gegangen bin | sowat ich rechtis dar ane hadde 
inde verzigen. Den selven win sal der selve Friderich min 
sun van der selver vrouwen haven inde halden vortme ze 
mannislene, inde ich niecht^ inde he sal och ire alsulchen 
dinist inde recht dun alse man dan ave zerechle schuldich is 
zedune. In Urkunde diser dinge so have ich diesen bri^f ge- 
geben der selver grevinnen besigilt mit mime ingesigel. Dit 
geschag na godes geburde dusint iar zuei hundert iar iiide 
seisse inde sivencich iar dat dis brief gegeven wart. 

III. 

Wir suster Mechtilt ebdisse inde suster Sophie priorisse 
inde dal con | vent algemeine van sente Walburgeberge 
dun kunt allen den die | disen brif sulen sin, dat die pert 
die uns Reinart van Lindenberg inde | sine helphere na- 
men ze Secheme op unser vrowen lande der grevinnen Mech- 
tilde die wilen grevinne was ze Seyne, uns virgulden sin 
inde also wiederdan, dat wir der selver vrouwen danken inde 
allen den die uns darzo hulphen. Wir hau ouch gütliche 
dar op virzigen also dat wir dat nimmer en gevorderen an 
nimanne bit geinre hande vorderingen. Hie over was har 
Winrich van Vischenich , bruder Henrich van sente Johans 
spitalc, bruder Arnolt inde ouch ander unse brudere, ßlankarl 
der durwarder, inde ander gude lüde genuch. In Urkunde 
diser dinge, so hau wir der selver vrouwen gegeven disen 
brir besigelt bit unsen ingcsigelc. Dit gescach na godis ge- 
burde dusint iar zuei hundert iar inde nun inde sivenzich iar. 



264 FRAGMENTE EINER MITTELDEUTSCHEN 



FRAGMENTE EINER MITTELDEUTSCHEN 
EVANGELIENÜRERSETZÜNG 

HERAUSGEGEBEN V0> 

Dr. HEINRICH HEPPE 

PROFESSOR DER THEOLOGIE ZU MARBURG. 

Bei gelegenheit meiner archiva lisch en studien über die 
geschickte des sechszehnten Jahrhunderts war ich so glück- 
lich in den archiven zu Kassel fünf grosse pergament- 
bogen aufzufinden die, in den 1580er jähren zur ein- 
Icgung von akten sehr verschivdner art verwe7idet, bruch- 
stückc einer bis dahin noch unbekannten bibel- oder eva?i- 
gelienüb er Setzung eiithielten. einer der pergamentbogen 
war leider sehr beschädigt, und an vielen stellen der übri- 
gen membranen war die .'chrifl ganz verblichen, aller- 
dings gelang es mir das verblichene durch anwendung von 
eichen gerb säure fast vollständig herzustellen, gleichivohl 
war an einzelnen stclleji die aufgiefsung des reagens ganz 
erfolglos, und ich sah mich daher genöthigt das manu- 
script mit denjenigen lücken zu copieren die unter sol- 
chen umständen unvermeidlich waren. 

IVas die äufsere beschaffenheil des manuscripts im 
übrigen anlangt, so bemerke ich noch dafs dasselbe wie 
es scheint aus lagen von Je fünf bogen bestande?i hat. 
Jede Seite des blaltes ist mit drei columnen beschrieben, 
es findet sich eine art versablheilung des textes vor, die 
Jedoch mit der stephanischen verseintheilung nicht überein- 
stimmt. Jeder dieser verse beginnt mit einem grofsen 
durch einen rothen strich bezeichneten anfangsbuchstaben. 
ähnlich beginnt Jedes capitel mit einer kleinen rothen 
oder blauen initiale, die zu aifang eines Jeden evange- 
liums btfindlichen grofsen initialbuchslaben sind mit blauer 
und rother färbe ausgemalt, aujserdem zeichnet sich die 
erste columne eines Jeden evangcliums dadurch aus dafs 
an der äufseren seile der columne Je drei Zeilen derselben 
abwechselnd durch einen blauen und einen rothen strick 
verbunden sind. 



EVANGELlEMBERSETZÜxNG. 265 

üei' Charakter der schriftzüge iveist auf die mitte 
oder die zweite hälße des vierzehnten Jahrhunderts hin. 
die interpnnctions zeichen ivelche sich in der handschrij't 
vorfnideii sind die geivöhnliche7i (.) (?) (..) (/^) (/n/\), vo?i 
dene?i die drei letzteren zur schärferen bezeichnung eities 
abschfiittes gebraucht werden. 

Die spräche ist das mitteldeutsch des vierzehnten Jahr- 
hunderts, aber iiicht bbfs die zahlreichen niederdeutschen 
forme7i, sondern auch die orthographischen mängel und 
nachläfsigkeiten der handschrift machen es kaum möglich 
den Charakter der spräche genau zu bestimmen und die 
handschrift zu emendieren. es findet sich sciui und schu, 
brudloiif, brulloft und Iiroullouft, weifen und well'er, geboud 
und gebout, slimnie und sfimo ; antworten statt antwortende, 
irvol statt irvoll; ghen und gehn u. s. w. so viel als thun- 
lich ivar ist versucht worden auch die anomalien welche 
die handschrift darbietet auf eine regel zurückzuführen 
und bei der (möglichst schonenden) emendierung des textes 
wiederzugeben . 

über das alter der vorliegenden Übersetzung läfst sich 
im allgemeinen nur sagen dafs sie der ersten hälj'te des 
vierzehnten Jahrhunderts angehört, und dafs sie in keinem 
falle jünger ist als die evangelienübersetzung des Matthias 
von Beheim {von 1343) oder als die bei den deutschen 
mystikern des vierzehnten Jahrhunderts vorkommende Über- 
setzung, unsre fragmente liefern daher einen neuen be- 
weis fir den starken gebrauch den man im \ An Jahrhun- 
dert von der h. schrift in deutscher spräche machte, denn 
eben dieser zeit gehört ojfenbar auch die in der herzog- 
lichen bibliolhek zu Gotha (Membr. 1 ///• 10. Cypr. catal. 
s. 2 nr IX und x) befindliche Übersetzung der ganzen bibel 
an, von der Fr. Jacobs {beitrage zur älteren literatur, 
Leipzig 1836, .y. 38) und Kehrein (zur gesch. der deut- 
schen bibelübersetzung vor Luther, Stuttgart 1851, s. '2Gjf.) 
nachricht gegeben haben, dafs übrigens unsre Übersetzung 
von den genannten übertragunge?i trotz aller sprachlichen 
und interpretationsverwandtschaj't unabhängig und verschie- 
den ist, ergiebt sich aus Jolgender Zusammenstellung, bei 
welcher zur Vervollständigung die entsprechenden citate. 



266 



FRAGMENTE EINER MITTELDEUTSCHEN 



die sich bei Hermann oon Fritzlar (verg-i. deutsche my- 
stiker des \ An Jahrhunderts ron Franz Pfeiffer, Leipzig 
1845, s. 28 — 29) vorßnden, zusainmengclragen sind. 



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EVANGELIENUBERSETZUNG. 267 

Das hier abgedruckte manuscript ist der laiideshiblio- 
thek zu Kassel zur außjewahrung übergehen worden. 



FRAGMENTE AUS DEM EVANGELIUM MATTHAEI. 

Cap. I. 

Jiicipil evanj^cliuni seciindain malheum. 

Buoch der geborte ihesu cristi sones daiiid des sones 
abraham. Abraham gevvan ysaac, vnd ysaac gewan iacob. 
Jacob gewan iudam vnd di brudere sin. vnd iudas gewan 
phares vnd zam von Uuimar. Pliares gewan -esron. vnd 
esron gewan aram. Aram gewan aniinadab. vnd aminadab 
gewan naasson. Naasson gewan salnion. vnd salmon ge- 
wan booz von raab. Booz gewan obet uz rulh. vnd obeUi 
gewan yesse. Yesse gewan dauid den koning. vnd dauid 
der koning gewan Salomonen, uz der di gewest was vrie. 
Salomon gewan roboam , vnd robnani gewan abya. Abya 
gewan asa, vnd asa gewan iosaphal. Josaphat gewan iorani, 
vnd iorani gewan ozyam. Ozyas gewan iolliam , vnd iolha 
gewan achaz. Achaz gewan ezechiam , vnd ezechias gewan 
iosiam. Josias gewan iechoniam vnd sine brudere in der 
obirvarl babylonis. Vnd nach der obirvarl bahylonis iecho- 
nias gewan salathiel. Salathiel gewan zorobabel , vnd zoro- 
babcl gewan abiud. Abiud gewan eliachim , vnd eliacliini 
gewan azor. Azor gewan sadoch, vnd sadoch gewan achim. 
Achim gewan eliud, vnd eliud gewan eleazar. Eleazar ge- 
wan nialhan, vnd niallian gewan iacob. Jacob gewan ioseph 
den man marie, von der geboren ist ihesus der genant ist 
cristus. Hirumme alle geborte von abraham biz czu dauid 
vicrzcchen geborte. ^'nd von dauid biz zcu der obirvart 
babylonis vicrzcehcn geborte. V nde von der obirvart baby- 
lonis biz zcu cristum vierzcehcn geborte. 

Abir di gebort cristi was alsus. Du vcriruwet was di niuo- 
tcr ihesu maria ioseph, c dan si zcusamne quemcn, was si vun- 
den habende in dem übe von dem heiligen geisle. Joseph aliir 
ir man, du her was gerecht, vnd nicht wolde si nemcn, wolde 



268 FRAGMEiNTE EINEH MlTTELDEÜTSCHEiN 

lieimelichen lazeu si. Du her abir dachte dise ding, warle, 
der engel godis irscheiu in dem slafe ioseph sagende. Jo- 
seph son dauidis, nicht wolle intvorchten nemen niariain dine 
gemaheleu, wante daz in ir geboren, ist von dem heiligen 
geisle. Vnd si geberet einen son, vnd du nennes sinen na- 
raen ihesum. Wanle her tut gesunt sin volk von iren Sun- 
den. Abir daz geschach alniitalle vmme daz irvolt worde 
daz gesaget ist von gode dorch den propheten sagende. Warte, 
ein iungvrowe in dem libe sal haben, und geberet einen son, 
vnd nennen t sinen namen emmanuel ; daz ist bescheiden : 
mit vns god. Vnd slunt uf ioseph von dem slafe , vnd tet 
als im geboud der engel godis, vnd nam sine gemahelen, vnd 
nicht bekanle si , biz si gebar iren son einen erstgebornen, 
vnd nante sineu namen ihesus. 



. Caj). II. 

Hirumme du geboren was ihesus in bethleem iude in 
den tagen herodis des koninges, warte, wise koninge von 
oslen quamen zcu iherosolima sagende. Wor ist der gebo- 
ren ist koning der iuden? Wante wir sahen sinen sterren 
in Oriente, vnd komen anebedcu in. Vnd daz horte herodes 
der koning, vnd wart betrübet, vnd al iherosolima mit im. 
Vnd besamnete alle vorsten der prestere vnd scribere des 
Volkes, vn vragete von in wor cristus worde geboren. Vnd 
sageten im. In belhleem iude. Wante also ist gescreben 
bi den propheten. Vnd du belhleem laut iuda, keine wis di 
minnest bis in den vorstinnen iuda. Wante uz dir ghel ein 
vuerer der richte min volk israhel. Du ysch herodes hei- 
melichen di koninge , vnd vlizeclichen larte von in des ster- 
ren zeit der in irscheneu was. V^nd sanle si in belhleem 
sagende. Geht vnd vraget vlizeclichen von dem kiiide, vnd 
wan ir iz vindet, saget mir iz wider, daz ich ouch komende 
anebede iz. Du si gehörten den koning, si gingen hin. Vnd, 
warte, ein sterre, den si hallen gesehen in oslen, vorcging 
si, biz her quam vnd stunt intpoben dar daz kind was. 
Vnd sahen den sterren vnd worden irvrowol scrc mit gro- 
zer vroude. >'nd gehende in daz lius, vunden daz kind mit 
maria siner muotcr. Vnd nidder vallende anebcdeten iz. 



EVANGELIENllßERSETZUNG. 2C9 

Vnd ufneten iren schätz, vnd oppfirfen ime gäbe, goll, wi- 
rouch vnd mirram. Vnd namen antworte in dem slafe, daz 
si nicht wider quemen zcu herode, vnd quanien einen andern 
weg wider in ir land. 

Du si waren hin gegangen , warte , der engel godis ir- 
schein in dem slafe ioseph sagende. Stant vf vfid nim daz 
kind vnd di munter sin , vnd vluch in egyptiim vnd wis dar 
biz daz ich sage dir. Wante iz ist künftig, daz herodes 
suoche daz kind zcu vorterbende iz. Der stunt uf in der 
nacht, vnd nam daz kind vnd sine muoter vnd weich in 
egyplum, vnd was dar biz zcu dem tode herodis , daz irvolt 
worde daz gesprochen was von gode dorch den propheten 
sagende. Vz egypto ysch ich minen son. 

Du sach herodes daz her was betrogen von den konin- 
gen , vnd zcornete sere. Vnd sante vnd todete al di kint, 
di waren in bethleem vnd in al iren enden von zcwen iaren 
vnd benedir, nach der zeit di her irvraget hatte von den 
koningen. Du wart irvolt daz gesprochen was dorch iere- 
miam den propheten sagende. Ein stimme ist gehört in rama 
weinendes vnd vile hulendes. Rachel weinende ire sone, 
vnd nicht wolde getrost wesen, wante si nicht sint. 

Du abir gestarb herodes, warte, des herren engel ir- 
schein in dem slafe ioseph in egypto sagende. Stant uf vnd 
nim daz kind vnd sine muoter, vnd gang in daz land israel, 
Avante gestorben sint di suochten des kindes sele. Der stunt 
uf vnd nam daz kind vnd sine muter, vnd quam in das 
land israel. Vnd horte daz archelaus regnirete in iudea vor 
lierode sime vatere , vnd vorchte dar hine gehen. Vnd ge- 
raanet in dem slafe weich in di land galilee , vnd körnende 
wonete in der stat di genant ist nazareth, daz irvolt worde 
daz gesprochen ist dorch di propheten. Wante nazareus 
wirt her genant. 

Cap. III. 

Vnd in den tagen quam iohannes baplista, predigende in 
der wuestenunge iudee. vnd sagende. Tut ruwe. wante 
genahet daz riebe der himele. Wante diser was gesaget 
dorch esaiam den propheten sagende. Stime des rufenden in 



270 FRAGMEXTE EI>iER MITTELDEUTSCHEN 

der wueste, bereidet weg des herren, recht machet sine slige. 
Abir der Johannes halle ein cleit von baren der camele. vnd 
einen huediuen gortel vmme sine lenden vnd sin spise was 
locuste vnd waldhouin«?. Du ijing uz zcu im ierosolima vnd 
ai iudea. vnd alliz laud vmme den iordan. vnd worden ge- 
loafl von ime in iordane bichlende ire sunde. V n sehende 
uile der phariseorum vnd saduceorum körnende zcu siner 
toufe, sagete in. Natern geslechle wer hat uch gewiset vli- 
hen von dem künftigen zcorne? Darvmme luot windige vrucht 
der ruwe. vnd nicht wollet sprechen inbinnen uch. Eynen 
vater habe wir abraham. Wante ich sage uch . daz gewal- 
dig ist güd uz disen steinen irwecken sone abrahe, wante di 
ax intzcunt ist gesazt zcu der boume worzcelen. Hirvmme 
ein iclich bovm der nicht tuot guode vruchl wirt abgehowen 
vnd wirt gesant in ein vuer. Ich toufe uch in wazzere zcu 
ruwe: der abir nach mir künftig ist. starker ist dan ich, des 
ich nicht wirdig bin tragen sine sehn. Der toufet uch in 
dem heiligen — 



Cap. XI. 

VV'az gienget ir uz sehen in die wueste? Ein ror ge- 
iaget von dem winde? Sunder waz gienget ir uz sehen? 
Einen menschen mit weicheme gecicidete? Warte, di mit 
weicheme gecleidet sint. sinl in der koninge huse. Sunder 
waz gienget ir sehen? Einen propheten? — Ich sage uch 
ouch : me dan einen propheten. VVanle diser ist von dem 
gescreben ist. Warte, ich sende mine engel vor dirae ant- 
luzce. der dir dinen weg bereidet vor dir. VVarlich ich 
sage uch : NLch irstunt zcwischen der wibe sonen ein grozer 
dan iohannes baptista. V nd wer minuer ist in dem riebe der 
himele. der ist grozer danne her. Abir von den tagen io- 
hannis baptiste biz nu der himele riebe iidet gewald. vnde 
di vrebelen roubent iz — — 

— — ezzende vn trinkende vnd sprechent. Warte, ein 
vrezig mensche vnd ein trenkere wines, vrund der publi- 
cane, vnd der sundefe. vnd gerichtet ist die wisheit von 
iren kinden. Du begunde her scheiden di stede in den ge- 
schehen waren uile siner togende, daz si nicht hatten getan 



EVANGELIEMBERSETZLNG. 271 

ruwc, We dir corazaym , we dir belhsayda; wanle ob ia 
lyro vnd svdone gesehen weren togende di gesehen sint in 
uch , aldens hellen si ruwe getan in heren vnd in aschen. 
Doch sagen ich uch. tyro vnd sydone v\irt senfler in dem 
tage des gerichles dan uch. Viul du capharauni. werdes du 
gehohel biz in den himel? Du sinkes biz in di helle. Wante 
ob in sodomis gesehen weren togeode di gesehen — — 

— — dan der son. vnd wenie der son iz wil inlecken, 
"Kuniet zcu mir alle di arbeidel. vnd gelestet sit, vnd ich 

irquicken vch. Hebet daz ioch min ober ueh , vnd lernet 
von mir daz ich senfte bin vnd olmuodig in hirzcen. vnd 
ir vindel ruwe uwirn seien ; wanle min ioch ist sueze . vnd 
min borde licht. 

Cap. XII. 

In der zeit sins ihesus in eime sabbate obir sad . vnd 
sine iunijirn hungerte, vnd bejiundcn roufen aber vnd ezzen. 
Abir di pharisei sahen iz vnd sageten ime. Warte, dine 
iungirn luont daz in nicht irloubet ist tuon in sabbat tagen. 
Vu her sagelc in. Hat ir nicht gelesen waz tede david du 
in hungirte vnd di mit im waren, wi her ginge in godes 

hus, vnd der vorelegungc. di musfe ezzen, 

noch di mit im waren, dan allein den presteren? Odir 
laset ir — — 

— — Warte . ein mensche habende eine dorre hant. 
vnd si vragelen in sagende — — heilen in sabbat lagen, 
daz si in mochten besagen. Abir her sagele in. Wer ist 
ein mensche uz ueh, der habe ein sehaf, vnd ob daz valle 
in sabbat tagen in eine gruben , heldet her iz nicht . vnd 
hebet iz. Wi vile ist ein mensche bezzer dan ein schaf? 
Darvilie ist iz — — in den sabbat tagen wole zcu tuon. 
Du sagele her dem menschen. Strecke dine hant. \'nd her 
strachte. \'nd si wart wider gegeben der gesundlieit. alse 
di andere. Vnd gingen uz di pharisei , vnd taten einen rad 
wider ine, wi si in vortcrbeten. Abir ihesus wüsle daz vnd 
weich dannen. — — 

— Vnde wunderten alle schare vnd sprachen. Ist diser 
dauidis son. Abir di pharisei horten iz vnd sagelcn : ihener 



272 FRAGMENTE EINER MITTELDEUTSCHEN 

niclil vortreibet — di tuvele dan dorch beelzebub der tuvele 
vorsten. Abir ihesus wizzende ire gedanken sagete in : 
Iclich riebe geleilet wider sich wirt vorwueslet. vnd iclich 
stat oder hus geteilet wider sieb nicht bestet. Vnde ob sa- 
thanas vortreibet sallian;nn — Hirvmnie wi bestet daz riebe 
sine — — 

— — wider den heiligen geist. daz wirt nicht vor- 
geben ime, noch in diser werlde noch in der kvnftigen werlde. 
Odir tuet einen guden bovni vnd gud sine vrucht. odir tut 
einen hosen bovni , vnd sine vrucht böse, wante von der 
vruchl irkennet man den bovm. Natern gesiechte, wi mo- 
get ir gut gesprechen , sinl ir böse sit? Von vuUide des 
herlczen sprichet der mund. Ein gud mensche uz gudeme 
schatzce bringet gud, vnd ein böse mensche uz boseme schatzce 
bringet böse. Wante ich sage uch, daz von iclichem vbe- 
lem Worte , daz di lüde sprechen , si geben rede von im in 
dem tage des gerichtes. Wante uz dinen worten wirs du 
gerichteget, vnd vz dinen worten wirs du vortuomet. — 

Cap. XIII. 

— ein iclich scriba gelart in dem riebe der bimele. glich 
ist eime menschen gesinde vatere , der vorebringet uz sime 
schatzce di nuwen vnd di alden. Vnd gescbach du ihesus 
hatte voUenbracht dise bispel, her ging dannen vnd quam in 
sin heimmuode. vnd larte in iren sinagogen , also daz si 
wundirten vnd sprachen : Wannen komet disme dise wisheit 
vnd togende? Ist diser nicht des smedes son? Heizet nicht 
sin muoter maria , vnd sin bruodere iacobus , vnd ioseph, 
vnd symon vnd iudas? Vnd sint nicht bi vns alle sine swe- 
slere? üirvmme wannen komen disme alle dise ding? \'nd 
worden gevalt an im. Abir ihesus sagete in : Nicht ist 
ein prophete ane ere. dan in sime lande, vnd in sime 
hus. V nd lel nicht dar vile togende dorch iren vngelouben. 

Cap. XIV. 

Tu der zeit horle herodes lelrarciia daz geruchle ihesu, 
vnde sagete sinen kiiiden. Diser ist iohannes baptista , vnd 
her ist vlgestandcn von den toden, vnd darvmme werdent ge- 
worcht tobende an im. Wante lierodes hilt iohannem , vnd 



EVANGELIENUBERSETZÜNG. 273 

band in, vnd s«izte in einen kerker, dorcli herodiadem sines 
briiodcr vvib. Wante im sagete iolianncs: Du nuiosl nicht 
haben si. Vnd her wolde in todcn vnd inlvorchte daz volk, 
wante si hatten in als einen prophelen. Vnd in dem tage 
der gebort herodis sprang di tochter herodiadis in miltene. 
vnd behagete herodi. üarvmme gelobete her ir mit eime eide 
geben, waz si ysche von im. Vnd si vor gemanet von der 
nuioler, vnd iach : gib mir hir in einer schuzzeln daz hou- 
bel iohannis bapliste. Vnd betrnbet wart der koning. Sun- 
der dorch den cid vnd iene di mit einander azen hiez iz 
geben. Vnd sante vnd inthoubedete ioliannen in dem ker- 
kere. Xnd wart bracht sin houbet in einer schuzzeln vnd 
gegeben der maget. vnde si brachte iz irer muoter. Viul 
naheten sine iungern, vnd holeten sinen lib, vnd gruben in. 
Vnd quamen vnd kvndeten iz ihesu. Du daz gehörte ihesus, 
her weich dannen in eime scliiffe in eine wueste stede einsid. 
V^nd du iz gehorten di scliaren, si volgelen im zcu vuozc uz 
den sieden. V nd her ging uz vnd sach di uilen schare, vnd 
irbarmele der vnde heilete ire suchen. Vnd du iz abend 
wart naiieten zcu ime sine iungern sagende. Wueste ist 
dise stede, vnd di stunde ist irgangen. Laz di schare daz 
si ghcn in di castele vnd kovlcn in spise. Vnd ihesus sa- 
gele in: Si doifent nicht ghcn, gebet ir in czzen. Si ant- 
worten ime: Wir haiul hir nicht dau vunf brod. vnd zwcne 
fyschc. Der sagete in : Biiiigcl si mir hcre. V^nd du her 
gchiez di schare silzcen ul" daz how, her nam vunf brod, 
vnd zcwene fysche, — sach in den himel vnd segent si vnd 
zcubrach , vnd gab sinen iungern di brod , vnd di iungern 
gaben den scharen, vnde azen alle, vnd worden sat. \'nd 
namen di alcibe — korbe vol der stucke — — ezzcndcu 
zcal was fünf tusent man ane kind vnd wibe. Viul zcuhanl 
hiez ihesus die iungern sligen in ein schiC, vnde voreghen in 
obir daz meer, biz her geliezc di schare. Vnde du her ge- 
liez di schare, her steig uF einen berg alleine beden. Vnd 
du iz abend wart alleine was her dar. Viul daz schif in 
mittene des meres wart gew orlen in vluodcn , wante der 
wind was in wider. Abir in der vierten wachte der nacht 
quam her zcu in. wandirudc ul" dem uicre. Vnd sahen in 
vf dem mere wandirnde, vnd worden betiubct sagende : wante 
Z. F. U. A. IX. 18 



274 FHAGMENTE ELNEll MITTELDELTSCHEiN 

daz ist ein getrognisse, vnd riefen vor angesle. Vnde zcu- 
hanl sprach lier in sagende. Habet kvnheit, icli bin iz. 
nicht wollet intvorchlen. Vnd pelrus antwortende sagete. 
Herrc. ob du iz bis, heize mich komen zcu dir uf di waz- 
zere. V nd her iach. kvni. Vnd nidder gehende pelrus von 
dem schiffe wanderte uf daz wazzer, daz her queme zcu 
ihesu. Vnd sehende einen starken wind, intvorchte. Vnd 
du her bcgunde sinken, rief her sprechente. Herre tue mich 
gesunt. \ nd snel reichele ihesus di band, vnd begreif in 
vnd sagete: deines gelouben. Worvmme zcwiueltes du? Vnd 
du — was gestegen in daz schif, ruowete der wind. Vnd 
di in dem schiffe waren, quamen vnd anebedeten in sagende: 
Warlichen godis son bis du. Vnd du si obir geschiffeten, 
quamen in daz land genesar. Vnd du iz bekanten di man 
der stede , sanlen in daz land , vnd brachten im al die sich 
obele hatten , vnd baden in daz si sines deides sovni ruer- 
ten. Vnd alle di in rucrten worden gesunt. 

Cap. XV. 

Du naheten zcu inie von iherosolimis scribe vnd pha- 
risei sagende. Worvmme obirtredenl dine iungeren side der 
alden? Wante si twahen nicht ire hende wan si brod ez- 
zen. Vnd her antwortende sagete in. Worvmme obirghet 
ir ouch uwere gewonheit? Wante god sagete: Ere vater 
vnde muoler, vnd wer vluoche sime valer vnd muoler, der 
sterbe des todes. Abir ir sprechet : swer sage sime vater 
odir muoler: wilcli gäbe ist von mir, di vromet dir. vnd 
erele nicht sinen vater odir muoler. vnd ladet vuslele so- 
des gebod dorch uwere lare. Glizenere ypocrile. Wo! prophe- 
lirete von uch ysaias : Dil volk mich erel mit den lyppen, abir 
{V herlzce verre ist von mir. Ane sachc iibent si mich ler- 
nende lare der lüde gebod. Vnd ysch zcu sich die schare 
vnd sagete in : Höret vnde vorslet. Waz in den mund gliet. 
daz inlreinet nicht den menschen, sundir waz vore gel uz 
dem munde daz infreinet den menschen. Du naiielen zu im 
sine iungeiii vnd sagelen im. Du weis daz di pluirisci sinl 
geschand alse dit worl ist gehört? \'n(l her antwortende 
iach: Iclich planlzcunge di nicht planzcede min liimelische 



EVANGELIENUBERSETZUNG. 275 

vater, wirt uzgerouft. Lazet si. si sint blind, leidere der 
blinden. Ob abir ein blinder vorlihet leidunge eime blin- 
den, beide vallenl si in di gruben. Vnd pelrus antwor- 
tende sagete im. Bescheide vns dil bispel. Vnd her sagele : 
Sit ir ouch noch ane vorstenlnisse ? Vorstet ir nicht daz 
alliz waz in den raunt ghet, ghef in den buch, vnd wirt 
iizgelazen in den uztrag. Di abir vore ghen uz dem munde, 
ghent uz dem hertzcen, vnd inlreinent den menschen. Wante 
uz dem hertzcen ghent böse gcdanken: todslachte, ebrache, 
vnkuscheide , vnd dube, valsche gezcugnisse vnd honheide. 
Dit sint di intreinen den menschen. Abir ezzen mit vnyfe- 
twanen henden nicht intreinel den menschen. Vnd uzge- 
gangen ihesus dannen gieng in di land tyri vnd sydon. Vnd 
warte, ein chananeisch wib von dem lande uzgegangen rief 
sagende im : Irbarme dich min herre dauidis son, min tochler 
obele von dem tufele wirt gequelel. Der antworte ir nicht 
ein word. Vnd sine iungirn naheten, vnd baden in sagende: 
Laz si , wante si ruofet uns nacii. Vnde her iach antwor- 
tende : Ich bin nicht gesant, danne zcu den schalen di vor- 
torben sint des hiises israel. Vnd si quam vnd anebedete in 
sagende : Herre hilf mir. Der iach antwortende : Iz ist 
nicht gud nemen der kindere brod. vnd senden den hunden. 
Vnd si sagete: Vmir herre. Wante di weifer ezzent ouch 
von den krumen di vallent von dem lysche irer herren. Du 
antwortende ihesns sagete ir. wib groz ist din geloube. 
dir gesche alse du wilt. Vnd geheilet ist ir tochter von der 
stunde. V tid du gegangen was ihesus dannen , her quam bi 
das meer galylee, vnd steig an einen berg vnd saz dar. V^nd 
naheten zcu im vile schare, habende mit in stummen, blinden, 
lamen, kranken, vnd anderer uile, vnd worfen si zcu sinen 
vuozen, vnde her heilete si , also daz sich wundirlen di 
schare, sehende di slummen sprechende, di lamen vvandirnde, 
vnd di blinden sehende. — 

Ca|). XXI. 

— — tucs du diso ding? vnd wer gab dir dise gc- 
walt? Ihesus antwortende sagete in: Ich wil ouch vragen 
uch eine rede. Saget ir mir di, ich sage uch oucli in wil- 
cher gewalt ich tue dise ding. Di tourc iohannis wannen was 

1,8* 



276 FRAGMENTE EINER MITTEI.DEUTSCIIEN 

di. von liimele odir von den luden? Viid si dachten zcwi- 
sclien in sagende : Ob wir sprechen von hiniele , her saget 
vns. Worvmme geloiibedet ir ime dan nicht, sprechen wir 
abir von den luden, wir vorchlen daz volk , wanle si hant 
alle iohanneni als einen prophelen. Vnd antwortende ihesu 
vnd sageten : Wir wizzen is nicht. Her sagele in euch, 
vnd ich sage uch nicht, in wilcher gewalt ich tue dise ding. 
Abir waz danket uch? Ein mensche hatte zcwene sone. 
vnd nahende zcu dem ersten sagete : Son gang hude vnd ar- 
beide in mime wingarten. Vnd her iach antwortende: ich 
in wil. Abir dar nach wart er irweget von ruwe vnd ging. 
Vnd nabele zcu dem andern vnd sagete dem gliche. Vnd 
der iach antwortende: ich ghe herre , vnd ging doch nicht. 
Wilcher von den zcweii tet des vater w illen ? Si sagent. 
Der erste. Ihesus sagete in : Vorwar sage ich uch, wante 
publicani vnde pulen voreghent uch in dem riche godes. Jo- 
hannes quam zcu uch in dem wege der gerechlekeit, vnd 
nicht geloubedet ir ime. Abir di ufTenbaren sundere vnd pu- 
ten geloubeten im. Abir ir sähet iz vnd hallet nicht ruwe. 
dar nach daz ir geloubedet im. Ein andir bispel boret: Ein 
mensche was ein gesindcs vater der planzcede einen win- 
garten vnd einen zcvn vmniegab her im, vnd grub in im eine 
keltere, vnd bvwete einen torn, vnd tet in ackerluden, vnd 
wandirte wallen. Du abir der vruclite zeit naiicte, her sanle 
sine knechte zcu den ackerluden, daz si nemen sine vruchle. 
Vnd di ackerlude begrifl'en sine knechte, vnd slugen den 
einen, vnd todeten den andirn, vnd sleineten den anderen. 
Anderwerbe sanle her andere mer dan di ersten, vnd la- 
den in deme gliche. Abir zculest sante her zcu in sinen 
son sagende: Si vorchlent minen son. Abir di ackerlude 
sahen den son, vnd sageten zcwischen in. Dil ist der erbe, 
komel vnd loden wir in, vnd haben wir sin erbe. Vnd be- 
greHen in vnd Ireben uz dem wingarten, vnd todeten in. 
Hirvmmc wanne komet des wingarten herre, Waz gelul her 
den ackei'luden? Si sageten im. Di bösen tilget her bös- 
lichen, und bevelel den wingarten anderen ackerluden, di im 
gehlen di vruchl in irc zciden. Ihesus sagele in: Laset ir 
ni in der scrilt. der stein den die bvowere vorboseten, der 
ist worden an daz houbet der ecken, von jrode geschach 



EVANGELIENIJBERSETZUNG. 277 

dil, vnd ist wunderlich in vnsen ougen? Darvmnie sage ich 
ich uch . daz abegenomen wirt von uch daz riche godes, 
vnd wirt gegeben einie volke tunde sine vruchte. Vnd swer 
vellet uf den stein, wirt zcubrochen. vnd uf wen her vellet 
zcuknorset in. Vnd du gehorten der pristere vorsten vnd 
pharisei sine bispel, bekanten daz her von in spräche. Vnde 
suchende halden in, invorchlen di schare, wante si als einen 
propheten halten in. 

Cap. XXII. 

Vnde antwortende ihcsus sprach abir in bispelen sagende 
in : Glich ist worden der himele riche einie menschen eime 
koninge, der brutlol't machte sinie sone. V^nd sante sine 
knechte eischen di geladenen zcu der brutloft. vnd si wolden 
nicht konien. Anderwerbe sante her andere knechte sagende. 
Saget den geladenen. Warte, min ezzen han ich bereid, 
mine ossen vnd mine vögele getod. vnd alle ding bereidet. 
koniet zcu der brutloft. Vnd iene vorsümelen iz, vnd gin- 
gen hin, der andere in sin dort", vnd der andere zcu siner 
koufmanschafi, vnd die andern bilden sine knechte, vnd tod- 
ten di gepiiigelen mit honheil. V iid der koning, du her iz 
geborte , w arl zcornig vnd sante sine here vnd lilgele di 
manslechtien. vnd braute ire stat. Du iach her sinen knech- 
ten : Di brudloul" was bereidet. sunder di geladel waren, 
nicht waren werdig. Darvmme ghet zcu uzgengen der wege, 
vnd wilche ir vindet, di ladet zcu der brullouft. Vnd gin- 
gen uz sine knechte in di wege vnd samneten alle di si 
vunden , di bösen vnd di guden, vnd worden irvolt di wirt- 
schefle der ezzenden. V^nd der koning ging in, daz her 
sehe di ezzenden, vnd sach dar einen menschen nicht geclcit 
mit einie brudlouft cleide , vnd sagele im. Vriind, wi bistu 
her in gegangen, nicht habende ein broutlouftiges cleid? Vnd 
iener verstümmele. Du sagele der koning den dinern : i\lit 
gebundenen vuozen vnd sinen henden sendet in in di uzers- 
len dinslernisse , dar wirt weinen vnd zcene grausen. Vile 
siul geladen , vnd wenige sinl irkoren. Du gingen hin di 
|iliarisei, vnd anegingeu einen rad , daz si vingen in an 
der rede. Vnde sendenf im ire iungern mit den herodienern 
sagende: Meister, wir wizzcn daz du warhalt bis, vnd den 



278 FRAGMENTE EINER MITTELDEUTSCHEN 

weg godes in der warheit lernes, vnd nicht ist die ruche von 
ymande. Wante du nicht anesehes persona der Iiide. Dar- 
vmnie sage vns. Waz danket dir? 3Iuz man zcins geben 
dem Jceisere oder nicht? V'nd bekanle ihesus ire schalkheit, 
vnd iach : Waz vorsuochet ir mich ir glizenere ? Wiset 
mir des cinses miinzce. Vnd si brachten im einen pfenning. 
Vnd sagete ihesus in: Wes ist dit bilde vnd dl obirscritl? 
Si sageten im : des keisers. Du sagete her in : Darvmme gel- 
det dem keiser di des keisers sint, vnd di godis sint gode. 
Vnd horten iz vnde wundirten sich, vnd liezcn in vnd gien- 
gen hin . . In dem tage naheten zcu im saducei, di loukent 
wesen di ufirstandunge , vnd vrageten in sagende : 31eister, 
moyses sagete, Swer stirbel nicht habende einen son. daz 
neme des bruoder sin wib , vnd irwecke samen sime bru- 
dere. Vnd waren bi vns siben gebrudere , vnd der erste 
nam ein wib vnd starb nicht habende einen samen, vnd liez 
sin wib sime bruoder. glicher wis der andere vnd der drelle 
biz zcu dem sibende. Vnd allirlest starb ouch daz wib. 
Hirvmme. wes wib ^^irt si in der ufferstandunge von den si- 
benen? wante si liatten si alle, Vnd ihesus antwortende sa- 
gete in: Ir irret, vnd wizzel nicht die scrift noch di logent 
godis, wante in der ufferstandunge nemenl si nicht, noch in 
werdent genomen. sunder sint alse di engele godes in dem 
himele. Laset ir aber nicht von der ufirstandunge der toden, 
daz gesaget ist von gode der uch sagete: Ich bin god abra- 
ham vnd god ysaac vnd god iacob? Her ist nicht god der 
toden suuder dei- lebenden, Vnd horten iz di schare, vnd 
wunderten sich an siner lare. Vnd di pharisei horten daz 
her ein swigen angeleget hatte den saduceis. Vnd quamen 
zcusamne in ein, vnd vragete in einer uz in ein lerer der e. 
vorsuchende in. Meisler wilch ist daz groze gebod in der e. 
Ime sagete ihesus: Habe lieb den herren dinen god uz al 
dime herzcen , vnd in al diner sele, vnd in al dinie gedan- 
ken. Daz ist daz erste vnd daz groste gebod. Vnd daz 
andere ist disnie glich. IIa!» lieb dinen nehesten alse dich 
seibin. In disen zcwen geboden hanget ;il di e, vnd di pro- 
pheten. Du abir gesamnel waren di pharisei , vragete si 
ihesus sagende: Waz dunkel uch von cristo? Wes son ist 
her? Si say-cnl im dauidis. Her sagete in: Wi nennet in 



EVANGELIEiNlIBERSETZUNG. 279 

(lau dauid in dem geisle sinen herreu sagende. Sagele 
der herre mime herren : sitzce zcu miiier zceswen , biz ich 
lege dine viende einen schemel diner vuoze. Hirvmme ob 
dauid in heizet herre, wi ist her dan sin son? Vnd nymant 
moclile geanlw'orten ime ein word, vnd niniant torste nach 
deme tage in vort me vragen. 

Cap. XXIII. 

Du sprach ihesus zcu den scharen vnd zcu sinen iun- 
gern sagende: Vf den stul moysi sazen scribe vnd pharisei. 
Darvmme allez daz si uch sagent bewaret vnd tuot. Abir 
nach iren werken wollet nicht tun. Wante si sprechenl vnd 
tuon nicht. Si bindet abir zcusamne swere borden vnd vn- 
Iregeliche. vnd legent uf der lüde aslen. abir mit irme 
vingere wollent si iz nicht regen. AI ire werke tuont si, 
daz si werden gesehen von den luden, si zcubreident ire 
philacteria*), vnde grozent ire sovme. Si haut lieb die ersten 
silzunge in den wertschaften vnd die ersten stule an dem 
markete, vnde geheizen von den luden rabbi. Abir ir wollet 
nicht geheizen rabbi. wante einir ist uwir meister, vnd ir 
alle sit gebrudere. Vnd nicht wollet uch nennen einen vater 
uC erden, wante einir ist uwir vater, der in den himelen ist. 
Vnd wirt nicht genant meister, wante uwir meister ist einer 
cristus. Wilch uwir grozer ist, der wirt uwir diner. Swer 
abir sich irhohet. der wirt gcodmutiget, vnd swer sich od- 
mutiget wirt irhohet. we uch scribe vnd pharisei glizenere, 
di vrezen di hus der wedewen in laugeme gebede bedende, 
dorch daz ncnil ir vorder daz gerichte. We uch scribe vnd 
pharisei glizenere, wante ir beslizet der himele riebe vor den 
luden, wante — — — ir nicht inghen. We uch scribe 
vnd pharisei glizenere, wante ir vmeghet daz mer vnd d' 
erde, daz ir gemachet einen proselyten**) , vnd wan her 
gemacht ist, ir luot in einen son der helle, zcuivall me dan 
uch. We uch blinden leideie di sjtrcchet : Swer sweret bi 
dem lemplo, daz ist nicht, swer abir sweret bi dem golde 
des templis, der sal halden. Torechte vnd blinde, wante 

') bribe inil den zceheii {^ebodeii. 

•*) pro.ielyla ist einer der kvinel in eineu niuwen glouboii vud in 
ein niuNve lebe. 



280 FRAGMENTE EINER MITTELDEUTSCHEN 

waz ist grozer daz goll odir der Icnipel, der daz golt heili- 
get? Vnd swer sweret bi dem altare, daz ist niclil. swer 
abir sweret bi der gäbe, di vf im ist, der ist schuldig. Ir 
blinden, wilch ist grozer, di gäbe odir daz allare daz di 
gäbe heiliget, liirvmme wer sweret bi dem allare, der swe- 
ret bi ime vnd bi allen di vf im sint. Vnd (/. Vnd swer) swe- 
ret bi dem lemplo, der sweret bi ime vnd bi dem der in ime 
wonet. Vnd wer sweret bi dem himele, der sweret bi dem 
throne godes , vnd bi dem der ul" im sitzcel. Vnd we uch 
scribe vnd pharisei ypocrile. wante ir verzcertet menlen 
vnd tille vnd cimin , vnd lazel di di swerest sint in der e, 
gerichte vnd barmeherzcekeit vnd gelouben. üise muoste 
man tuon. vnd iene nicht vnderwegen lazzen. Blinden lei- 
der sidende di mucken vnd sinkende daz camel. We uch 
scribe vnd pharisei ypocrifae. di ir reiniget daz uzzewendig 
des kelches vnd di schuzzcin, abir innewcndig sit ir vol rou- 
bes vnd vnreinekeide. Blinde pharisee reinige erst daz inne- 
wendig ist des kelches vnd der scluizzeln, daz iz ouch reine 
werde, waz innewendig ist. We uch scribe vnd pharisei 
glizenere , wanle ir sit glich grebern di gewizet sint. di 
— — schinent uzzewendig. vnd innewendig sint vol toden 
knocheu vnd allir vnreinekeide. Also schinet ir ouch den 
luden uzzew^endig gerecht, abir innewendig sit ir vol valschis 
vnd vngerechles. We uch scribe vnd pharisei ypocrite, di 
buwent grebere der propheten vnd ziiret grebere der gerech- 
ten, vnde sprechet. Weren wir gewest in den tagen vnser 
velere , nicht weren wir ire gesellen an hluode der prophe- 
ten. Vnd also sit ir gezcugnusse uch selben , daz ir sone 
sit jener di di propheten todten , vnd ir irvullet daz maz 
vwir veterc. Slangen nalcrngcslechle. wi gevlihel ir von 
dem gerichte der helle? Darvmme warte ich senle zcu uch 
pio|(helen vnd wise vnd scribas. vnde von den todet ir vnd 
ci'uciget. \'nd vz den geisell ir in vwirn sinagogen. vnd 
vcrvolgct von slad zcu stad , daz komc vi" vch al daz ge- 
rechte bluod daz vorgozzen ist vohir di erde von dem bluode 
abel des gerechten biz zcu dem hiiiode z.uharie des sones 
barachie. den ir lodlet zcwischen dem lemplo vnd dem al- 
tare. Vorwar sage icli ndi. diso alle kouienl vT dise ge- 
l)orl(!. Iherusalem iluMii.saleni , di du lodcs di propheten vnd 



EVANGELIENüUERSETZUNG. 281 

Steines ieiie di zcii dir gesant sint, wi dicke wolde ich be- 
säume dine kind als eine liene besaninet ire kuclienc vnder 
di viliclie. vn du iiiwoldes. Warte, vorlazen nirt ucli iiwcr 
lius wueste. Wanle ich sage uch , nicht sehet ir mich vort 
ine, biz ir sprechet. Gebenediet der quam in dem na- 
men godis. 

Cnp. XXIV. 

Unde.ging uz ihcsus von dem templo , und ging. Lnd 
naheten sine lungern daz si im wiseten des lemplis buwunge. 
Vnd her antwortete vnd sagete in: Sehet ir dit alliz? \ or- 
war sage ich uch. nicht wirt gelazen hir stein ul' steine der 
nicht werde zcuvurt. Vnd du her saz uf dem berge oliueti, 
naheten zcu im di iungcrn heimelichen sagende. Sage vns, 
wanne gesehen dise ding? vnd waz ist daz zceichen diner 
zcukunlt vnd vorendunge der werlde? Vnd antwortende 
ihesus sagete in: Sehet daz uch nimant vorleide. Wante 
mannige koment in mime namen sagende , ich bin cristus, 
vnd vorleident mannige. Wante ir werdet hörende stride 
vnd strides wan , sehet daz ir icht werdet belriiebet, wanle 
dise ding miiezen gesehen. Sunder noch nicht daz ende. 
Wante volk iihebet sich an volk , vnd riebe an riebe, vnd 
werdent sterbe tage, vnd hunger, vnd erdbebunge in steden. 
Abir dise alle sint anbeginne der pine. Dan gebeut si uch 
in betriiebnisse vnd lodent uch , vnd ir werdet zcu hazze 
allen volken dorch den namen min. Vnd dan werdent man- 
nige geschaut vnd vorradent sich vndir einander. V nd vile 
falsche propheten Stent uf, vnd liiiegcnt mannige. Vnde wante 
genieret ist daz vngerecht, vorkaldent di libe manniger lüde. 
Der abir hebertet biz in daz ende, dir wirt gesunt. Vnd wirt 
geprediget ewangelium des riches in al der werlde, zcu geczug- 
nisse allen dielen. Vnd dan kvmmet di cndunge. Hirvmme 
wan ir sehet vorwazcnheit der vorstorunge , di gesagel ist 
von daniele dem propheten siebende in der heiligen siede, 
swer iz leset der vorslhe iz. Di dan sint in iudea , vlihen 
zcu den bergen, vnd der vi' dem dache , der stige nicht nid- 
der nemen eleswaz von sime hus. Vnd der an dem ackcr 
ist, kere nicht widder, vllieben sinen rok. Abir we den 
li'iigenden \miI den saugenden in den laj^eii. Hillel abir daz 



282 FRAGMENTE EINER MITTELDEUTSCHEN 

nicht gesche uwere vluclil iu wintere oder in sabbal. Wante 
dan wirt groz belrüebnisse , daz solch nicht was von anbe- 
ginne der werlde biz nu, noch ni wirf. Vnd weren nicht 
gekorzcet di tage, nicht were behalten alliz vleisch. Sunder 
dorch di irwelten werden gekorzcet. Swer uch dan sage: 
warte, hir ist cristus, odir dort, nicht wollet glouben. Wante 
irstent valsche cristi vnd valsche propheten, vnd gebent groze 
zceichene vnd wundere, also daz in irrunge werden gelei- 
del, ob iz mag gesehen, ouch di irwelten. Wante ich han 
iz uch voregesagel. Hirvmnie ob si uch sagent, warte hir 
ist in der wüestenunge, nicht wollet uz gehn. warte in 
uinkeln, nicht wollet glouben. wante alse der schin uzghet 
von Oriente, vnde irschinet in occidente , also wirt ouch di 
zcukunft des menschen sones. Wan daz corpus ist, da wer- 
dent gesammet di arne. Vnd zcuhant nach betriiebnisse der 
tage, verdunstert di sunne , vnd der mane gibt nicht sin 
Hecht, vnd sierre vallent von dem himele , vnd der himele 
togende werden beweget, vnd — schinet daz zceichen des 
menschen sones an dem himele. Vnd dan schrient alle ge- 
slechte der erden , vnd sehent des menschen sone komen in 
wölken des himele mit vil togent vnd gewalt, vnd her sen- 
det sine engele — — — vnd grozer stimme. Vnd besam- 
raent sine irweleten von vier winden, vnd von den hohen 
der himele biz zcu iren enden. Vnd von dem figboume ler- 
net ein byspel. Wan itzcunt sin zcelge zcart ist vnd bletere 
geborn, sa wizzet ir daz nahe ist der svmmer. 



Cap. XXVI. 

— — her mit eide. wante ich nicht irkenne den men- 
schen. V nd nach eime deine naheten di dar stunden , vnd 
sagplen pctro. Werlichen, du bist ouch von den, wante din 
spräche tiiot dich ultVnbar. Du begunde her vorsniclien vnd 
sweren, daz her nicht bette bekant den menschen. Vnd zcu- 
hant sang der haue. Vnde gedachte petrus des worles ihesu, 
daz her hatte gesprochen : e dan der haue sunge dristunt 
loukens du min, vnd gieng uz hin. vnd weintte bitterlichen. 



EVANGELIENUBERSRTZÜNG. 283 



Cap. XXVII. 

Vnde du iz morj^eu wart, einen rad anegingen alle 
vorsten der prislere vnd di eldeste des Volkes wider ihesuni, 
daz si in dein lode geben. Vnd brachten in gebunden, vnd 
gaben in pontyo pylato dem richlere. Du sacli iudas der in 
vorried , daz her gedainmet was , vnd wart in ruwe. vnd 
widerbrachte drizig silberne der pristere vorsten vnd den al- 
den sagende: Ich han gesundiget, vorradende gerechte/ bluod. 
Vnd iene sagelen : Waz zcu vns? Du gesehes iz. Vnd 
warf di silberne hin in dem teniplo, vnd ging hin. Vnd abe 
gehende hing sich in einen strik. Vnd der piislere vorsten 
namen di silberne vnd sagelen : man muoz si nicht legen in 
corbana , wante iz ist ein Ion des bluodes. Vnd angingen 
einen rad, vnd kouften mit in eines vlners acker zcu begraCt 
der pilgerime. Dorch daz ist geheizen der acker achelde- 
mach, daz ist des bluodes acker biz in den hudigen lag. Du 
wart irvoll daz gesprochen ist dorch ieremiam den proplie- 
ten sagende: Vnd nam drizig silbernne Ion des gekouften 
den si kouften abe den sonen israelj , vnd gaben si an eines 
vlners acker, alse mir intliiez der herre. Vnd ihesus stunt 
vor dem richlere, vnd vragele in der richlere sagende: Du 
bis koning der iuden? Dem sagele ihesus: Du spriches iz. 
Vnd du her besaget wart von den vorsten der pristere vnd 
den eldeslen, nicht antwortete her. Du sagele im pylatus : 
Mores du nicht wi groze gezcugnisse si sprechent wider dich ? 
Vnd nicht anlworlete her ime zcu eime worte, also daz der 
richler sich wunderte starke. Vnd zcu dem heilgeu tage 
pflag der richler lazcn dem volke einen gevangenen den si 
volden. Vnd halte du einen edelen gevangenen. der was 
geheizzen barrabas. Hirvmme du si waren gesamnet sagele 
pylatus: Wen wollet ir daz ich uch laze? Barraban odir 
ihesum der geheizen ist crislus? wante her wusle, daz si 
dorch liaz hatten obirgeben in. ^'nd du her saz an gerich- 
les stule, sanle zcu im sin wib sagende : nicht dir vnd dem 
gerechten , wante vile han ich geledcn hudc in dem troume 
dorch in. Vnd der pristere vorsten vnd di eldeslen rieden 
den volkcn, daz si bcdcn banaban, vnd ihesum lilgelen. Vnd 



284 FRAGMENTE EINER MITTELDEUTSCHEN 

der richler antworlende sagete in : Wen wollet ir ucli wer- 
den gelazen von den zcwen? \ nd iene sagelen. barraban. 
Den sagcle pylaliis: Waz geluon ich dan von ihesus der 
geheizen ist crislus ? Si sagcten alle : Her werde gecruciget. 
Den sagete der ricbter. Waz hat her dan böses getan? 
Vnd jene riefen noch nicr sagende: Man crucige in. Vnd 
sach pylatus , daz her nicht invromede , sunder daz ein ge- 
stornie wart noch mer. Her nam wazzer vnd wusch di hende 
vor dem volke sagende : V nschuld bin ich von dem bluode 
dises gerechten , ir gesehet iz. Du sagete antwortende al 
daz Volk: Sin bluod obir vos ghe vud obir vnse kind. Du 
liels her in barrabam vnd ihesum gab her in gegeiselt, daz 
her worde gecruciget. Du intpfingen ihesum des richters 
rittere in dem richtehus, vnd samneten zcu im al di sciiare. 
Vnd zcogcn ime uz , vnd vmmegaben ime einen pfellelinen 
manlel , vnd vlochten eine cronen von dornen vnd sazten uf 
sin houbet, vnd ein ror in sine zceswen hant, vnd bougelen 
di kni vor ime, vnd spolteden im sagende: Wes gegruzt ko- 

ningr der iuden. Vude — — sin houbet. Vnd nach 

dem daz si im spotleden. zcogen im uz den manlel , vnde 
cleideten in vnd vurlen , daz si in crucigeten. Vnd gingen 
uz vnd vunden einen menschen von cyrene symonem genant, 
den twungen si daz her nf nerae sin cruce. Vnd quamen in 
eine stede di genant ist golgatha, daz ist calvarie locus. Vnd 
gaben im win trinken mit gallen gemischet. Vnd du her in 
gesmachle nicht in wolde trinken. Vnd du si in gecrucigeten, 
teileten si sine deidere loz werfende. Vnd sazen vnd be- 
warcten in. Vnd sazten pobere sin houbet sine sache ge- 
screben : Dit ist ihesus koning der iuden. Du worden ge- 
cruciget mit im zcwene stiudere einer zcu der zceswen vnd 
einer zcu der linketen. ^'nd di dar vor hene gingen, sme- 
heten in wegende ire houbele vnd sageten : Wach , der den 
lempcl godes briciiet, vnd in dren lagen den wider buowet. 
Hilf dir selben. Ob du godes son bis, stig von dem crucc. 
Deme glich spotleden der prislore vorslcn mit den scrihern 
vnd (Jen eldesten sagende. Andere tct her gesunt, sich sel- 
ben mag her nicht gehelfen. Ob her koning ishrael ist, her 
slige nu von dem criirc , vnd wir glouhcii ime. Her vor- 
Iczct sich zcu godc, der lose in nu ob licr wil. Oucli spracit 



EVANGELIENUBERSETZÜNG. 285 

her, wanle j^odis son bin ich. V^iide dazselbe vorwizzen im 
ouch di sirudere , di mit im gecriicigel waren. Vnde von 
derselben stunde worden dinsternissc ob al di erden biz in 
di nnnde stunde. Vnd vmme di nunde stunde rief ihesus in 
grozer stimme sagende: Ilely hely lama zabatani? Daz ist: 
God min, god min, worummc vorlizez du mich? Vnd eles- 
liche stende dar vnd hörende sagelen : Helyam eischet diser. 
V nd zcuhant lief einer uz den , vnd nam einen swam vnd 
volle mit ezzige, vnd legete in vf ein ror vnd gab ime Irinken. 
Vnd di andirn sagelen : Laz, sehen wir ob kome helyas lo- 
sende in. Vnd ihesus abir ruofende in grozer stimme , uz 
liez den geisl. V^n warte des templis Vorhang reiz in zcwen 
teil, von dem hohsten biz nidder. Vnd di erde wart be- 
weget, vnd di steine worden gespalden, vnd di greber geof- 
fent, vnd vile corpere der heiligen di geslaten halten stunden 
uf, vnd ghende uz von den grebern nach siner ufstandunge. 
quamen in di heilige stat vnd irschenen mannigen. Vnd der 
centurio vnd di mit im waren bewarende ihesum. Du si sa- 
hen di erdbebunge, vnde di dar geschahen, intvorchlen sich 
sere vnd sprachen : Weilichen godis son was diser. Vnd 
dar waren vile wibe von verreme, di gevolget waren ihesu 
von galylea , dienende ime. Vndir den was maria mag- 
dalene vnd maria iacobi vnd di muoter ioseph vnd di muoter 
der sone zebedei. V nd du iz abent wart quam ein mensche 
riebe von arimalhia, genant ioseph, der ouch selbe ein iun- 
gere was ihesu. Diser nabele zcu pylalus vnd bad den licha- 
meii ihesu. Vnde du hiez pylalus widdergeben den liclia- 
men vnd nam den cor|)er ioseph, vnd bewant in in ein reine 
linen gewant, vnde legete in in ein nuwez grab daz her ge- 
bowen halte in eime steine. Vnd welzete einen grozen stein 
zcu des grabcs torc vnd gang hin. Vnd was dar maria 
magdalena vnd di andre maria, sitzeende gegen dem grabe. 
Vnd an dem andern tage, der ist nach dem — rilage quamen 
zcusamne der prislere vorslen vnd pharisei zcu pylalo sa- 
gende: Herne wir gedenckeii daz der Irogenere sprach, noch 
lebende: nach (Iren lagen wil ich irslen. Darvmme heiz be- 
wachen daz grab biz in den dritten lag, daz lichte niclil 
komen sine iungern vnd sielen in, vnd sagen dem volke her 
ist iil''M>slaiiden von den lodeii. Vnd wirl der Icsic (M'iiiti"e 



286 FRAGMENTE EINER MITTELDEUTSCHEN 



erger da» der erste. Du sagile in pyhitus, Ir hat di liiiode. 
ghet huodet als ir kviiiiet. \ iid iene gingen hin vnd vesle- 
ten daz grab, besegilnde den stein mit den huodein. 



Cap. XXVIII. 

Vnd an dem abende des sabbatis der lachten beginnet 
in dem ersten des sabbatis quam maria magdalene vnd di an- 
dere maria sehen daz grab. Vnd warte erdbebunge was 
gesehen groz. Wanle der engel godes quam nider von hi- 
mele, vnd nahende abcwelzcende den stein , vnd saz nf in. 
Vnde was sin angesichte als ein blick vnd sine cleidere alse 
der sne. Vnd vor siner vorchte wurden irvert di huodere, 
vnd worden alse toden. Vnd antwortende der engel sagete 
den wiben : Nicht wollet intvorchten ir, wante ich weiz daz 
ir ihesiim der gecruciget ist suchet. Her ist nicht hir, wante 
her ist irsten , alse her sagete : komet vnde sehet di stede, 
dar geleget was der herre. Vnd snel ghet vnd saget sinen 
iungirn, daz her irslanden ist. Vnd warte, her ghet uch 
vore in galyleam. Dar sollet ir in sehen. Warte ich hau 
iz uch gesaget. Vnd gin^^en uz snel von dem grabe mit be- 
bungc vnd grozer vrovde. Vnd lifeu kvudigcn iz sinen iuu- 
gern. Vnd warte ihesus beiegente in sagende: Sit gegruzt. 
Vnd si naheten vnd bilden sine vuoze, vnd anebedeten in. 
Du sagete in ihesus: Nicht wollet intvorchten. Glhet vnd 
kvndet minen bruodern, daz si ghen in galyleam, dar sollent 
si mich sehen. Du si waren hin gegangen, warte, etesliche 
von den huodern quamen in di stat vnd kvndeten der pri- 
stere vorsten alle ding di gesehen waren. Vnd worden ge- 
samnet mit den eldesten vnde namen rad, vnd gaben den 
rittern richez gelt sagende: Sprechet daz sine iungern in der 
nacht quamen, vnd stolen in, du wir slielen. Vnd ob daz 
gehört wirt von dem richtere , wir raden im vnd tuon uch 
sicher. V^nd iene namcu daz gelt, vnd tadcu alse si gelart 
waren. \ nd wart vomieret dit word bi den iuden biz in 
den hudigen tag. Vnde di eilt" iungern gingen hin in galy- 
leam an den berg, dar in bescheiden hatte ihesus, vnd sahen 
in vnd anebedeten. sunder etesliche zcwiuelten. Vnd ihesus 
nahete vnd sprach in sagende : Gegeben ist mir al gewalt an 



EVANGELIENUBERSETZUNG. 287 

lilmele vnd an erden. Hirvninie ghet lernet alle diel loufende 
si in dem namen des valer, vnd des sones, vnd des heiligen 
geisles, lernende si halten alle ding di ich han geboden ach. 
Vnd warte ich bin mit uch alle tage biz zcu endunge der 
werlde. Amen. 

Explicit ewangelium. 

secundum malheum. 

II. 
FKAG31ENTE AUS DEM EVANGELIUM MARCI. 

Incipit ewangelinm 
secundnm niarcum 

Ayn anbegin ewangelij ihesu christi godes soues , alse 
gescreben ist in ysaia dem propheten. Warte, ich sende 
minen engel vor dime anllitzce, der bereiden sal dinen weg. 
Stimme des ruofenden in der wüste : Bereidet des herren 
weg, recht machet sine pfede. Johannes was in der wüste 
tonfende vnd predigende tonte der ruwe in abelaz der snnde. 
Vnd gieng uz zcu ime alle di geborde iudee , vnd di ihero- 
solimifen alle , vnd worden getouft von im in iordane der 
vluod bichtendc ire sunde. Vnd was iohannes gecleit mit 
hären eines camelis , vnd ein pclzccn sene vmme sine Icn- 
den , vnd locusten vnd waldhoning az her. Vnd predigetc 
sagende : Iz kvmmet ein sterker dan ich nach mir, des ich 
bin nich werdig buckende intlosen den rimen siner schue. 
Ich toule uch in wazzere, sunder her toufet uch in dem 
heiligen geiste. \ nd geschach , in den tagen quam ihesus 
von nazareth galylee, vnd wart gcloult in iordane von io- 
hanne, vnde zcuhanl uF gehende von dem wazzere sach her 
geoH'enet di hymele, vnd den geist als eine tuben nidder- 
ghende vnd blibendc in ime. Vnd geschach ein stimme von 
den himelen : üu bist min libe son, an dir behagele ich mir. 
Vnd zcuhant treib in uz der geist in di wüste , vnd was in 
der wüste virzcig tage vnd virzi ig ncchte, vnd wart vorsuoclil 
von salhana. Vnd was mit den besticn , vnd di engelc dic- 
neten ime. Vnd nach dem du gegeben was iohannes, quam 
ihesus in galyleam predigende da/, ewangelium des riches 



288 FRAGMENTE EINEH MITTELDEUTSCHEN 

godis , vnd sagende: wante irvoll ist di zeit vnd nahet daz 
riche godes. Tuot ruwe vnd ginbet dem ewangelio. Vnd 
vort gliende bi d.iz nur galylee, sach synioncm vnd andreain 
sinen briioder lazende di netzce in daz nieer. Wante si 
waren fyschere. Vnd siigele in ibesus : Koniel nach mir, 
vnd ich tuon uch werden tyschere der menschen. Vnd zcn- 
hanl liezen si di garnc vnd volgelen ime. Vnd gieng dan- 
nen ein cleinez, vnd sach iacobum zebedei. vnde ioliannem 
sinen bruoder, vnd si in dem schiffe zcusamne legeten di 
garne, vnd zcuhant ysch her si. Vnd liezen iren vater zebe- 
deum in dem schiffe mit den miedeknechlen , vnd volgetcn 
ime. Vnd giengen in capharnaiim , vnd zcnhant in sabbatis 
gieng her in di Synagogen vnd larte si. vnd irschrocken von 
siner lare. VVanle her was lernende si alse gewalt habende, 
vnd nicht alse di scribe. Vnd was in irer Synagogen ein 
mensche in vnreineme geiste , vnde rief sagende: Waz vns 
vnd dir ihesu nazarene? Bisln komen vorterbcn vns? Ich 
weiz wer du sis der heilige godis. Vnd drowete im ihesu 
sagende: V^orstumnie, vnd gang uz dem menschen. \ nd 
zcukrazcete in der vnrcine geist, vnd ruolende in grozer 
stimme gieng uz von ime. Vnd wundirtcn sich alle, also 
daz si vragelen zc\Aischen sich sagende: Waz isi daz? VVilch 
ist dise nuwe lare, wante her in gewalt den vnreinen geisten 
gebudet, vnd sint im gehorsame ? V nd gieng uz sin gerufte 
zcuhant in al geburde galylee. Vnd zcuhant gingen si uz 
von der Synagogen, vnd quamen in daz hus symons vnd an- 
dree mit iacobo vnd iohanne. Vnde sychete di swegeren 
symonis febricitirende. Vnd zcuhand sageten si ime von ir. 
Vnd her nahete vnd hub si uf begrifendc ire band. V^nd 
snel liez si di krangheit vnd dienele in. Vnd du iz abend 
wart, vnd di svnne was vndergegangen brachten si zcu ime 
alle di sich obele hatten, vnd di di tufcle halten. Vnd al di 
stat was gesamnet zcu der tuere. Vnd her heilete mannige 
di gequelet waren mit mannigirhande krangheit. vnd vile 
luvele treib her uz, vnd liez si nicht sjtrechen, wante si ir- 
kanlen in. V lul serc vruc sluiit her uf vnd gieng uz in 
eine wüste stedc, vnd dar bedete her. V nd volgeten im sy- 
mon vnde di mit im waren. \ nd du si in vunden , sage- 
ten im: wante si alle suochent dich. Vnd her sagete in: 



EVANGELIENUBERSETZÜNG. 289 

Ghen wir in dl nehesten wigbildc vnd stede , daz ich ouch 
dar predige, wante dar zcu bin ich konien. Vnde was pre- 
digende in iren Synagogen , vnd in al galylea. vnd vorlri- 
bende di liivele. Vnd quam zcu im ein nialadisch biddende 
in, vnd boiigetc sin kni , vnd spracii : Willn du macht mich 
reinigen. Vnde ihesus irbarmele sich sin, vnde slrachle sine 
band , vnd rurte in vnd sagete ime : Ich wil. Wes gerei- 
neget. Vnd du her gesprach , zcnhant zcuging von im daz 
mahid , vnd wart gereineget. Vnd drowete im. Vnd zcu- 
hant vorlreib her in, vnd sagele im: Sich daz du iz imanne 
sages, sunder gang wise dich der pristere vorsten , vnde 
oppfere vor dine reinegunge daz inoyses geboud in gezcug- 
nisse den. Vnd her gieng uz vnd begunde predigen vnd 
vomieren di redde , also daz her itzcunt nicht mochte vffen- 
berlichcn ghen in di stat, sunder in wüsten steden weseii. 
Vn quamen zcusamne zcu im allenthalben. 



Cap. V, 31 — 38. 



— — mine deiden? V^nd sageten sine iungirn. Du 
sehes di schare dringende dich, vnd du sages wer rurete 
mich. Vnd her merkete — — . Vnd daz wib — vorch- 
lende vnd bebende — — daz gesehen was an ir, quam vnd 
viel vor in vnd sagete im al di warlieit. Vnd her sagete 
ir: Tochter, diu geloubc hat dir — , wis gesunt von diner 
plage. Du her noch sprach , quamen von dem arzcesyna- 
gago, sagende: Dine lochter ist tod , waz ([ueles du den 
meister? Vnd ihesus, du her daz wort gehörte, sagele — 
nicht wollet intvorclilen — — 

Vnde treib uz — — vnd nani - - den valer vnd di 
muoter der maget vnd di mit im waren, vnd giengen in dar 

di iungvrowe was liegende. vnd sagele ir: Talilha komi. 

daz ist geheizen : Jungvrowe dir sage ich , slant uf. Vnde 
zcuhanl slunt uf di iungvrowe vnd wandirte. Vnd si was 
von zcweir iaren, vnd irschrocken in grozer irschreckunge. 
Vnd her geboud harte da/, niinanl iz inwisle, vnd liiez ir 
geben zcu (ezzen) 

Z. F. D. A. IX. 10 



290 FRAGiMENTE EINEK MITTELDEUTSCHEN 



Cap. VI. 

Vnde gieiig uz dannen — S'^^o '" s'" l^"'^ — ^'"^ 
volgeten ime sine iiingirn. Wi — — sabbat begunde her 
in der syngogen lernen. Vnde mannige horten iz , vnd 
wundirten sich in siner lare , sagende : Wannen komen 
disnie dise alle? Vnd wilch ist die wisheit di gegeben ist 
ime vnd sulche lügende di mit sinen henden — — 

Vnd mochte dar keine togente geluon , dan her heilete 
ein wenig, vnd anelegete in di hende. Vnd wunderten 
dorch iren vngelonben. Vnd her vmmegieng di castele al 
vmme hin lernende. Vnd ysch zcusamne di zcwelfe vnd 
begunde si senden selbandir, vnd gab in gewalt der vnrei- 
nen geiste. Vnd geboud in, daz si nicht ufnemen in dem 
wege dan allein eine gerten , nich taschen, nich brod noch 
gelt an dem gortele, sunder geschuhet mit hohen schuon, 
vnd daz si nicht gecleidet \\eren mit zcwen rocken. Vnd 
sagete in: Wor ir ingeht in ein hus, vnd blibel biz ir uz- 
ghet von dannen. Vnd di ucJi nicht intplahen, noch inhoren 
uch , ghel dannen vnd schoddet daz gestiippe von uwirn 
vuezen in gezcugnisse den. Vnd si giengen uz vnd predi- 
gelen daz si ruewe teden. Vnd vile tuvele gingen uz, vnd 
salbeten mannige mit oleie vnde lieileten si. Vnd horte iz 
herodes der konig, wante ulFenbar was worden sin name, 
vnd sagete: Wante iohannes baptista ist ufgestanden von 
den toden, vnd darvnime worden — — an ime togende. 
Vnd di andirn sagrlen: Wante iz ist Elyas — — 



v. 19 —. 
Vnd herodiadas lagete ime , vnde wolde in toden vnd 
nicht mochte. Wante herodes vorclite iohannem wizzende 
in einen gerechten man, vnd einen heih'gen, vnd bewarete 
in. Vnd du her in gehörte, tct vile vnd gerne horte her 
in. Vnd du ein bequeme tag ancviel , herodes tet ein abend 
ezzen siner gcbord den vorslen vnd trübunen vnd den ersten 
galylee. Vnd du ingangen was di tochter herodiadis , vnd 
hatte gesprungen vnd behaget herodi, vnd di mit einandir 
azen. Der konig sagete ir: Bidde von mir waz du wilt, 



*s^ 



EVANGELIENLBERSETZUNG. 291 

ffebe ich dir. alleine daz halbe niines riches. Du si uzüieiur. 
sagele irer nuioter: Waz bidden ich? Vnd si sagete: daz 
houbet iohannis baplisle. Vnd du si ingieng, zcuhant mit 
ylunge zcu dem konige , bad si sagende : Ich wil , daz du 
zcuhand gebis mir in einer schuzzelii daz hoiihel iohannis 
bapliste. Vnd betruebet wart der konig. dorch den eid 
vnd dorch di ezzenden mit einander wolde her si nicht wer- 
den betruebet. Sunder sante den lodere, vnd geboud bringen 
sin houbet in einer schuzzeln. Vnd inthoubedete in in dem 
kerkere, vnd brachte sin houbet in einer schuzzeln, und gab 
iz der niaget. Vnd di maget gab iz irer muoter. Du daz 
gebort wart, sine iuiigern quameen viid holeten sinen licha- 
men , vnd legeten in in ein grab Vnd quamen zcusamne 
di aposlole zcu ihesu vnd sagelen im alliz daz si halten ge- 
tan vnd halten gelarl. Vnd her sagete in: Koniet einsid in 
eine wiisle siede, vnd ruowet ein deine, waiite vile waren 
di quamen vnd wider quamen , vnd hatten ovcli nicht ein 
rum zcu ezzende. Vnd stiegen in ein scliif, vnd gierigen 
hin in eine wueste siede einsid. Vnd mannige sahen si 
hineghende vnd bekanlen iz, vnd liefen dort zcu vuoze vor 
allen sieden vnd vorequamen si. \ nd gieng uz ihesus vnd 
sach uile schare, vnd irbarniele sich obir si, wante si waren 
alse schaf nicht habende einen herte, vnd beguude si lernen 
vile. \ nde du iz itzcunt worden vile stunde, naheten sine 
iungern sagende: Wüste ist dise stede, vnd itzund ist di 
stunde (vorgangen) Laz si daz si glien in di nehesten dor- 
fer vnd wigbilde, daz si koul'en in spise di si ezzen. Vnd 
her anlwortede in: Gebet in zcu ezzen. Vnd sageten ini: 
Wir ghen vnd koufen brod vnime zcweihunderl groze pl'en- 
nige vnd geben in ezzen. V nd sagete in : Wi nuinnig brod 
habet ir? Cihel vnd sehet. Vnd du si iz wüsten, sugeten: 
Vunfe vnd zcwene tische. V nd geboud in , daz si telen 
sitzcen si alle an gesclleschaflcn vi' daz grüne hov. Vnd 
sazten in teilen bi hunderden vnd bi vunlzigen. Vnde her 
nam vunf brode vnd zcwene fische, vnd sach- an den himel, 
vnd segnete vnd brach di brod vnd gab sinen iungern, daz 
si legeten vor si. V nd leilelc zwene lische den allen. \ nd 
azen alle, vnd worden gesadel, vnd hüben vT aleibe der 
stucke zcwelf korbe vol, vnd von den lisclien. Iz waren di 

19* 



292 FRAGiMEiNTE EINER MITTELDEÜTSCHEx\ 

azeii viinf lusend man. Viid zcuhant zwang lier sine iiin- 
gern vf ghen in ein schif, daz si voregiengen in obir daz 
meer zcu bethsaida , biz her gelieze daz volk. Vnde du 
her si geliez, her gieng an den berg beden. V^nd du iz 
abend wart, daz schif was in niiltene dem mere, vnd her 
alleine an dem lande. Vnd sach si arbeiden an dem rudeln- 
de, wante der wind was in wider. Vnde vnime di vier- 
den wachte der nacht quam her zcu in wandirende uf dem 
mere, vnd wolde si voreghen. Vnd du iene sahen in wan- 
dirnde vf dem mere , si wanten iz wesen ein getrognissc 
vnd riefen. Wante si sahen in alle, vnde waren betruebet. 
Vnd zcuhant sprach her mit in vnd sagete — — — 

Vnde du her obir geschilfete, quamen in daz land gene- 
sarelh, vnd hielden zcu. Vnd du si uz waren gegangen von 
deme schiffe, zcuhant irkanten si in. Vnde obir loufende 
al daz land begunden in betten iene di sich obele hallen 
vmnie zcu tragen, dar si horten wesen in. Vnd wor her 
in gieng in wigbilde odir in dorfer odir in siede in den 
gazzen legeten si di kranken, vnd baden in daz si den sovm 
sines cleides ruorlen. Vnd wi niannige in ruorten di wur- 
den gesund. 

Cap. VII. 

\ nde quumen zcusanine zcu inie pharisei vnde etelliche 
von den scribern kommende von ilierosolimis. \ nd du si 
sahen etesliclie von sitien lungern mit gemein henden daz 
ist mit vngetwahenen henden ezzen , si slrafeten. Wanle 
di pharisei vnd alle luden ezzent nicht, si inlwahcnt dicke 
di hende, habende lare der eldisten. Vnd ezzen nicht kö- 
rnende von dem markele , si in sin gewaschen. Vnd sint 
vile andere ding, di in sint gegeben zcu hallende, loufe der 
kelche vnd der kruse vnd der erencn vaz vnd der bellen. 
Vnd vragelen in di pharisei vnd scribc: warvmme wanderen 
nicht dine iunger bi der lare drr alden , sunder mit gemei- 
nen henden ezzent si brod? Vnde her antwortende sagete 
in: Wol prophetirelc ysaias von uch glizenern, alse gescre- 
ben ist: Dil volk mit den lyppen eicl mich, sunder ir 
herzcen sint verre von mir. Vnd voriiebens vbend mich 



EVANGELIENUHEHSKTZLNG. 293 

lernende lare, gebod der lare. VVaiile ir lazzel j^odes gebod 
vnd lialdet lare der lade, toiife der kruse vnd der kelclie, 
vnd luot andere ding vilc discn glich. Vnd sagelc in: Wol 
luot ir wiisle godes gebot, daz ir gelialdet iuvere — — . 
Wanle nioyses sagete : ere dinen valer und dine muoter, 
vnd swer vluocliet sime vater odir siner muoter der sterbe 
an lode. Abir ir sprechet. Ob ein mensche sprechet sime 
vater odir siner muoter: corban, daz ein gäbe ist, waz von 
mir ist daz vromet dir. vnd ir lazet in nicht vorbaz tuon 
sime vatere odir siner muoter, vnd ir zcurizet da/, word mit 
uwir lare di ir gäbet, Vnd luod mannige ding sulchen 
gliche. Vnd ysch abir di schare vnd sagete in : Höret mich 
alle vnd vorslet. Nicht ist uzcwcndig des menschen , in- 
ghende in in, daz in möge inireinen, sunder di von dem 
menschen uzghent, di sint, di intreinent den menschen. 
Swer hat oren zcu hörende , der bore. Vnd du her gegan- 
gen was in daz hus von der schare, vrageten in sine iun- 
gern vmme daz bispil. Viide her sagete in: Sit ir ovch 
also vnwise? Vorstet ir nicht daz allez? Waz uzewendig 
ghet in den menschen daz mag in nicht intreinen , wante iz 
ghct nicht in sin Iierzce suuder in den buch , vnd ghet uz 
in di Icngere , reinigende alle spise. Vnd sagete: Di uz- 
ghent von dem menschen di intreinent den menschen. Vante 
von innewendig von der lüde hertzen ghen uz böse gedan- 
keu , ebrache , uiikuscheide, manslachte, dube, gyrekeidc, 
schalkeide, trogene, schemelosekeide, böser ouge, afterkosen, 
hoclivarl, toiheit. Alle dise hosen ding ghent uz von inne- 
wendig, vnd inireinen den menschen. Vnd (lannen stunt 
her uf vnd gieng hin in di ende tyri vnd sydonis , unde 
gieng in ein hus, vnd wolde iz nimande wizzen, vnd mochte 
nicht geschuolcn. Waute ein wib zcuhanl, du si gehörte 
von ime , der tochter hatte einen vnreinen geist, gieng in, 
vnd viel zcu sinen vuozeu. Wanle si was ein heidenisch 
wib, syrophenissa von gesiechte. Vnd bad in , daz her den 
tuvel vorworfe von irer tochter. Der sagete ir: Laz erst 
sad werden di kinde. Wanle iz ist nicht gud nemen der 
kindcre brod vnd senden iz den hundcn. Vnd si antworlete 
vnd sagelc ime: Vntmir hcrre. Wante ovch di wellen 
vnder dem tysche ezzeut von den kiumen der kindere. Vnd 



291 FRAGMENTE EINEU MITTELDELTSCHEN 

her sagele ir: Dorcli dise rede gang, vnd der liivel gang 
uz von diner tochter. Vnd du si was gegangen in ir lins, 
si vand di iungvrowen logende vf einie belle, vn der liivel 
uzgegangen. \ nd abir nzgliende von dem lande lyri , qnani 
dorcli sydonen zcn dem mere gaKlee zcwisclien den landen 
niitlene droapolens. \ nd Lringcnt im einen toiihen vnd 
stummen. Vnd baden in daz her im anlegete di band. Vnde 
begrifende in von der schare eiiisid sanle sine vingere in 
sin oren , vnd spigele nz , vnd ruorte , sine zcungen. Vnd 
sach uf an den himel vnd siilzcede , vnd sagete ime : Effc- 
la Daz ist. W^is geoffent. V nd zcuhant sint geoffent sine 
oren, vnd gelost daz band siner zcungen, vnd sprach rechte. 
Vnd her gebnnd in, daz si iz nimande sageleu. Sunder 
wiuil her in geboud sa uile me predigelen si. vnd wundir- 
ten deste vorder, vnd sageten. VVole tet her alle ding, di 
louben lel her boren, vnd di stummen sprechen. 



Ca[). Vlll 

In den tagen, du abir der schare was vile, vnd halten 
nicht daz si ezen, her ysch zcnsamne di iiingern vnd sagete 
in: Ich irbarme uiich obir di schare, wanle, warte, si bei- 
dent min itzcunt dri tage, vnd nicht inliant daz si ezzen. 
V^nd laze ich si hungerig in ir hus, si vorterbenl uf dem 
wege. Wanle elesliche uz den von verreme waren komen. 
V nde antworten im sine iungern : VVorvon mag eteswer dise 
gesaden mit broden hir in der wüste? Vnd vragete si : Wi 
mannig brod habet ir? Di sprachen: Sibene. Vnd her ge- 
bovd der schare sitzcen vf di erde. \rid nemende siben 
brode dankede vnd brach si , vnd gab sinen iungern, daz si 
vore legeten. V^nd legeten der schare vore, vnd hatten we- 
ning tischechene, vnd di selben segenle her, vnd liiez vore- 
legen. Vnd azen vnd sint gesadet. V nd hüben uf daz obe- 
rig was von stucken siben korbe. Vnd waren di dar azen 
alse vier tusent, vnd liez si. Vnd zcuhant steig her in ein 
schif mit sinen iungern, vnd (|iiain in di hind dalmamuta. 
Vnd giengcn uz pharisei vi'agen mit im suochonde von im 
ein zceichen von dem himelc vorsuochende in. Vnd der 
sufzcede in dem geiste, vnd iach : Waz suochet dise gebort 



EVANGELIEN LBEHSETZUNG. 295 

ein zceiclien? VVerlichen sage icli ucli , nicht wirt gegeben 
ein zceiclien diser gebort, V^nd liez si vnd gieng vf in ein 
scbif, vnd vuer abir obir daz nieer. Vnd vorgazen nemen 
brod, vnd halten nicht mit sich in dem schiffe dan ein brod. 
Vnde her geboud in sagende : Sehet vnd bewaret uch von 
dem svrteige phai'iseorum , vnd von leysemen lierodis. Vnd 
si dachten zcn einander sagende : Wante wir nicht han brod. 
Daz bckante ihesiis vnd sagete in: Waz denket ir daz ir 
brod nicht inhat? Wizzet ir noch nicht, noch vorstet? 
Hat ir jioch uwirz hirzce vorblendet? Ovgen habende nicht 
insehet ir, vnd oren habende nicht boret ir, vnd nicht ge- 
denket, du icli vunf brod brach in vunf lusent, vnd \vi vile 
korbe hubet ir uf der stucke? Si sagent im: zcwelte. Du 
ich ovch siben brod brach in vier tusent, wi vile korbe hu- 
bet ir uf der stucke? si sageten im: sibene. Vnd sagete 
in: VVi vorslet ir noch nichte? Vnde kommet befhsayda, 
vnd leident im zcu einen blinden , vnd baden in daz her 
den ruorte. Vnde hergreif des blinden band, vnd leidete in 
uz den gazzen , vnde spiele an sine äugen vnd legete sine 
hende an in, vnd vragete in, ob her nicht sehe. Vnd sach 
sich vmine vnde iach : Ich sehe lüde alse bovme wandirende. 
Dar nach legete her anderwerbe sine hende vf ienes ougen, 
vnd begunde sehen. Vnd was wider gegeben, also daz her 
sehe clerlichen alle ding. Vnd sante in in sin hus sagende: 
Gang in diu hus, vnd ob du ghes in di gazzen, sage iz 
nimande. Vnd gieng uz ihesus , und sine iungern in di ca- 
stele c( sarie philippi. Vnd in dem wege vragete her sine 
iungern sagende: Wen sagen mich wcsen di lüde? Di ant- 
worteden im sagende. Johaancm baptislam. Di andern he- 
lyam , vnd di andern einen von den propheten. V nd sagete 
in. Wen saget ir abir mich wesen ? Petrus antwortende 
sagete im : Du bis cristus — — — 

III. 
FRAGMENTE AUS DEM EVANGELIUM LUCAE. 



Gap. I. 

ilc 
schach du iivoll waren di tage sincs anitcs, gieng her in sin 



— — her was wenkendc in vnd bleib slum. Vnde jje- 



296 FRAGMEiNTE EINEK MITTELDEUTSCHEN 

hues. Viid nach disen lagen intpfiiig elyzabelli siu vsib, vnd 
behuele sich viiiif mande sagende: Wante also hat mir getan 
der herre in den tagen du her hesach abenemen niine ydewilzce 
zcwisclien den luden. Vnd in dem seslen mande gesant wart 
der engel gabriel von gode in eine slat galylee. der name 
nazarclh, zcu einer iungvrowen vortruwel eime manne, 
deme der name was iosepli von dem hus davidis , vnd der 
iungvrowen name maria. Vnd gieng in der engel zcu ir 
vnd sagele : Wes gegruozt, genade vol, der herre mit dir, 
gebencdiet du in den wiben Du si gehörte dise ding, si 
wart betruebet in siner rede, vnd dachte: wigetan were 
diser gruoz? Vnd sagete der engel ir: Nicht intvorchte ma- 
ria, wante du has vunden genade bi dem herren. Warte, 
du inlpfes in dem libe, vnd geheres einen son, vnde nennes 
sinen namen ihesus. Diser wirt groz vnd wirt geheizen 
son des obirslen. Vnd im gibt der herre god den sluol 
Dauidis sines valer, vnd regniret in dem hus iacob in evigee, 
vnd sines reiches wirt nicht ende. \ nd sprach maria zcu 
dem engele : Wi gescliil dit, wante ich man nicht bekenne? 
Vnd der engel antwortende sagete ir : der heilige geist obir- 
iomet in dich, vnd des hoesten togenl obscheinit dir. Vnd 
darumnie daz heilige daz geboren wirt in dir, wirt geheizen 
godes son. Vnd warte elyzabeth diu nvl'lele hat ovch int- 
pfangen einen son in irme aldere. Vnd diser mand ist der 
seste, ir, di geheizen ist vmbere. Wante nicht wirt vmmo- 
gelicli iclichcz worl bi gode. Vnd sprach maria : Warte, 
ich maget des herren , mir gesche nach dime worle. Vnd 
gieng hin von ir der engel. 

Vnd vf'stehnde maria iti den tagen gieng hin an di ge- 
birge mit ylunge in eine stat iuda. Vnd gieng in daz hus 
zachaiie vnd gruozte elyzabeth. V^nde geschach du elyza- 
beth hoi'te den gruoz marie, sich vrouwete daz kind in irme 
Übe. \ iid wart ii-voll mit dem iieiligen geiste elyzabeth, 
vnd irschrei in grozer stimme vnd iach .- (•ebencdiet du 
zcwischen den wiben, vnd gebenediet di vruchl dines buches. 
Vnd von wannen ist mir daz, daz kome di mulcr mines 
herren zcu mir? \\ ante warte, du di stimme dines gruozes 
geschach in minen oren, vrovwele sich in vrouden daz kind 
in mime buche. Vnd selig ist di gloubetc , wante volbracht 



EVANGELIENIJBERSETZUNG. 297 

werdent di gesaget sitit ir von dem herren. vnd sprach 
niaria : Min sele grozeget den herreii. Vnd vrouwele sich 
min geist in gode mime tröste. VVante her ansach di od- 
rauodikeil siner maget, wante warte, darvon sagent mich 
selig alle geborte. Wante mir tel groze ding der gewaldig 
ist. vnd heilig sin name. Vnde sine barmeherzcekeit in 
gesiechte vnd gesiechte, den di in intvorchtent. Her tet gewalt 
an dem arme sin, zciislrowete di hocht'ertigen an gedanken 
des herzcen sin. Absazte di geweldigeii von dem stnole vnd 
hohete di odmuodigen. Di luingerigen irvolte mit gudeme. 
vnd di riehen liez her ydel. Her inpling israhel sin kind, 
gedenkende siner barmeherzcekeit. Alsc her sprach zcu vn- 
sen vetern, abraham vnde sime samcn in di werlde. Vnd 
bleib Maria mit ir alse dre manden , vnd karte wider in ir 
hiis. Vnd elyzabeth ist irvolt ir zeit zcu geberende, vnd 
gebar einen son. Vnd horten di nachgebure vnd ire mage, 
daz gegrozet hatte der herre sine barmeherzcekeit mit ir, 
vnd middevroweten sich ir. V^nd geschach in den achten 
tage quamen si besniden daz kind, vnd nanten iz nach dem 
namen sines vater zachariam. Vnd antwortende sin muoter 
spi'acii : keine wis sunder iz wirt geheizen iohaiines. Vnd 
sprachen zcn ir: wante nimant ist in diner mageschal't der 
genant weide mit dem namen. Vnd zceigeten sime vater, 
wen her wolde iz geheizen werden. Vnd — — eine hand- 
lafeln vnd screib sagende: Johannes ist sin name. Vnd wun- 
derten sich alle. Vnd geolFent wart zcuhant sin munt, vnd 
sin zcunge, vnd sprach benediende god. V^nd wart vorchle 
uf al ire nachgebure , vnd uC al gebirge iudee worden vor- 
nierct alle dise word. \ nd sageten alle di iz horten in irme 
herzcen s|)rechende. Waz sal weiden dit kind? wante di 
band godis was mit im. Vnd zacharias sin vater wart ir- 
volt mit dem heiligen geisle, vnd prophetirclc sagende: Ge- 
benediet si der herre god , wante her hat besehen vnd ge- 
scall iilosunge sines Volkes. Vnde hat ulgerichtet ein hörn 
des heiles vns in dem hiis david sines kindes. Alse her 
sprach dorch den nuiiid siner heiligen prophelen, di von der 
^^erlde sinl. Heil uz vnsen vienden. vnd von der haut 
allir di vns hazzeten. Zculuond barmeherzcekeit mit vnsen 
vetern, vnd gedenken sines heiligen geselzces. Den eil den 



29S FRAGMENTE EINER MITTELDEUTSCHEN 

her swuer zcu abraham vnsem valere, her wolde geben vris. 
Daz wir ane vorchte von band vnser viende gevriit. dienen 
ime. In heilikeit vnd gerechtekeit vor ime. in alle unse 
läge. Vnd du kind geheizen wirs ein prophete des obirsten, 
wante du vore ghes vor dem anllitzce des herren bereiden 
sine wege, Zcu gebende bekentnisse heiles sirae volke. in 
ablaz irer sunde bi den — der barineherzcekeil vnsis godis, 
in dem uns besach der schinende von der hohe. Luchlende 
den di in dinslernissen vnd des lodes — emen silzen. zcu 
richtende vnse vuoze in den weg des vredes. Vnd daz kinl 
wuochs vnd warl gesterckel in dem geisle, vnde was in 
wiislenungen biz an den lag siner wisunge zcu israhel. 

Cap. II. 

Vnde geschach in den tagen gieng uz ein gebod von 
dem keisare Augusfo , daz bescreben werde di werlt. Dise 
ersle bescribunge geschach von dem richlere syrie cyreno. 
V^nd giengen alle daz si iehen, icliche in ire slat. V"nd gieng 
loseph von galylea uz der slal nazarclh iu iudeam in di stal 
davidis, di genant ist belhleem, vmme daz her was von dem 
hus vnde gesinde dauid, daz her iehe mit maria siner vor- 
truweten wertinne der tragenden. Vnd geschach, du si wa- 
ren dar, irvolt sinl di tage daz si gebare, vnd gebar iren 
son , den ersigebornen. Vnd bewant in mit tuchern. vnd 
legete in in eine krippen, wante nicht was eine siede in der 
herberge. Vnde herte waren in derselben geburde wachende 
— — — der nact wachte obir ir vihe. Vnd warte des 
herren engel slunt beneben in , vnd godis clarheit vmme- 
schein si vnd inlvorchten grozer vorchte. Vnd sagele in der 
engel. Nicht wollet inlvorchten, wante, warte, ich kundige 
vch groze vroude, di werden sal alme volke, wante geboren 
ist vch hude ein loser der ist crislus der herre in der stat 
david. Vnd daz ist uch ein zceichen. Ir vindel ein kind 
mit tuochcrn bewunden, vnd gelegel in eine krippen. \ nd 
zcuhant wart mit dem engelc ein menige der himelischen 
riltcrschare, der lobenden vnd sagenden: Ere si in den 
obirsten god vnd an erden vrcde den luden gudenes willen. 
Vn geschach, du inlwechen von in di cngcle in den himel. 



EVANGELIENLBERSETZUNG. 299 

dl lierte sprachen mit einander: Ghen wir hin biz zru belh- 
leeni vnd seilen dif worl , daz gesehen ist. — — — — 

\'nd nachdenie daz volleiibracht waren achte tage, daz 
bosneden worde daz kind , genant wart sin name ihesus der 
genant \\as von dem engele. e dan her in dem übe worden 
intpfangen. Vnde nach dem daz irvolt worden di tage irer 
reinegunge. nach der e moysi , tniogen si in in ierusalem, 
daz si in sezlen dem herren, alse gescreben ist in der e des 
herren : wanle iclicher manlicher offende di uzlracht sal ge- 
heizen werden heilig dem herren, vnd daz si geben ein opfer, 
alse gesaget ist in der e des herren , ein par lorlellnben, 
odir z<\vei liiben hvon. Vnd warte, ein menschen was in 
ieiusalem dem Her mme symeon , vnd diser mensche gerecht 
vnd vorchtsam, bcidende der Irostunge israhel. vnd der hei- 
lige geist was in inie. Vnd hatte genomen antworte von 
dem heiligen geiste, her solde nicht sehen den tod, her in- 
sehe erst cristum des herren. Vnd quam in dem geiste in 
daz templum. V nd dn invuyten daz kint ihesum sine eldirn, 
daz si leden nach gewonheit der e, vor in, vnd her nam in 
in sine ellenhogen. vnd gebenediele god vnd sagete: Nvn 
lezes du dinen kneclit herre, nach dinie worte in vrede. 
Wanle gesehn han mine ovgen dinen Irosf, Den du has be- 
reidet vor dem antlitzce allir volke, Ein Hecht zcu intteck- 
unge der heidenen. vnd di ere dines volkes israhel. Vnd 
was sin valer vnd rauoter wundernde von den di gesaget 
worden von im. Vnd benediete si Symeon, vnd sagete zcu 
maria siner muoter : Warte, gesazt ist diser zcu valle vnd 
vfslandunge viler in israhel. vnde zcu eime zceichene dem 
widergespiochen wirt. V^nd sin swert muoz ghen dorch dine 
scle , daz geblozel werden uz maniiigen herzcen di gedan- 
ken. \ iHJe was anna eine prophelisse , di lochter phanuel, 
von dem geslechte aser. Di was vort gegangen in vile lagen, 
vnde halte gclcbet sibcn iar mit irme manne nach irme ma- 
getuome, vnd si was \> idewe biz zcu vier und achzcig iarcn, 
di nicht intweich von dem templo mit vasten vnd gebeden 
dienende nacht vnd lag. Vnde si quam dar obir in dersel- 
ben stunde vnd dankede gode vnde sprach von im allen di 
bcideten der losunge israhel. N'nd du si vollenbrachlen alle 



300 FRAGMEME EINEK ]MlTTELDEUTSCHEx\ 

ding- nach der e des lierren, karten Avider in galyleani in 
ire slal nazarelh. Vnd das kind wuochs, vnd wart geslerket 
völ wisheit, vnd godes genade was in ime. Vnd giengen 
sine eidern alle iar in ieriisalem in dem heiigen tage pasche. 
Vnd du worden was ihesiis zcwelf iar alt, du si uCgiengen 
in iherosolimam na(ch) gewonheit des heiigen tages , Vnd 
du geendet waren di tage daz si vndergiengen, bleib daz kind 
ihesus in ierusalem, vnd daz irkanten nicht sine eldirn. Vnd 
wonten in wesen in dem getrecke , vnd quamen einen weg 
eines tages, vnd suochten in zcuischen den raagen vnd den 
vrnnden, vnd vunden in nicht. Vnd giengen wider in ieru- 
salem vnd suochten in. Vnd geschach nach dem dretten 
tage, vunden si ien in dem lemplo sitzcende in mittene der 
lerer, hörende si vnd vragende si. Vnd irschrocken alle di 
in horten von siner wisheit vnd antworten. Vnd sahen in 
vnd wunderten. Vnd sprach sin nmoter zcu im: Son, wo- 
runime tedes du vns also? Warte, din vater vnd icli que- 
lende suochten dich. Vnd her sprach zcu in: Waz ist daz 
ir mich suochtet? Wüstet ir nicht, daz ich in den di mines 
valers sint muez wesen? Vnd si vorstunden nicht daz word. 
daz her sprach zcu in. V^nd gieng nider mit in, vnd was 
in vndertan. Vnd sin muoter bewarete alle dise word in 
irme herzcen, Vnd ihesus gedeich an wisheit vnd an aldere 
vnde genade bi gode vnd den luden. 



o^ 



Cap. III. 

Vnde in dem vunfzcehenden iare des gebodes tyberij des 
keisers , du pontius pylatus besorgete iudeam , vnd herodes 
was telrarcha*) galylee , vnd philipp sin bruoder letrarcha 
yturee. vnde traconitidis. vnd lysania tetrarcha abyline vn- 
der den vorslen der pristerc anna vnd caipha , geschach des 
herren word obir iohanncm zacharie son in der wuestenunge. 
Vnd quam in aldi gebuerde iordanis , predigende loiil'e der 
ruwe. in abelaz der sunde, alsc gescreben ist in dem buoche 
der redde isaie des prophetcn. Stimme des ruofeden in der 
wucsten, bereidet den weg des herren, recht machet sine 
stige. Alle tal wirt gevuUet , und alle berg vnd hobel wirl 
*) Telrarcha eiu vorsle dos virdculciles von dem riclie. 



EVANGELIENUBERSETZÜNG. 801 

geniddirt. vnd werdenl di bösen recht, vnd di ihIicii in 
siechte wege. Vnd sal sehen alliz Heisch den trost godis. 
Du sagete her zcu den scharen di quamen , daz si getouft 
worden von im. Geslechle der natern, wer wisele nch viihen 
von dem zcnkiinfligen zcorn. Darvmme tnot vverdige vrnchte 
der ruwe, vnd niclit beginnet zcii sprechen: Einen vater 
haben wir abraham, vvanfe ich sag nch, daz god mag in di- 
sen steinen erwecken sone abrahe. Wanle itzcnnt di ax 
zcu der bovme worzceln ist gesazi. Darvmme ein idich 
bovin der nicht tuot guode vru(;ht. wirt abgehowen vnd in 
daz vuer gesant. Vnd vragcfen in di schare sagende : Waz 
geluon wir danne? Vnd her antwortende sagete in. Swer 
hat zcwene rocke, der gebe — — . Nicht vorder dan daz 
uch gesazt ist. tuot. Vnd vrageten in ouch di ritlere sa- 
gende, waz getuon ovch wir? Vnde sagete in: Nimanden 
zcuslahet, noch luot falscheit. vnd sit — an uwirme solte. 
Vnd du daz voik wonte vnd dachten alle in iren herzen von 
iohanne, daz her villichte nicht were cristus , Johannes ant- 
wortende sagete in allen : Ich in wazzere tovfe uch , vmir 
iz kumet ein stärkerer dan ich, des ich nicht bin werdiu' 
losen den rimeu siner schuo. Her tul'et uch in dem heiligen 
geiste vn in vuere. Des schufele in siner haut, vnd reini- 
get sin gctenne, vnd samnet den weizcen in sinen spicher, 
vnd bornet di spru in vuere daz nicht vorleschet. Mannige 
vnd andere worle manete her vnd larte daz volk. Sunder 
herodes telrarcha, du her gesirafet wart von im vmme hero- 
diadem sines bruoders wib , vnd von allen bosheiden, di her 
tet, Herodes zcu warf — daz poben di alle, vnd besl — 
iohannem in einie kerkere. Vnd gcschach du geloiilt wart 
allez volk, vnd ihesus bedelc, geollent ist der hiinele , vnd 
nider gieng der heilige geisl in liblichcm gcsteünisse alse ein 
tube in in. Vnd ein stimme wart von himele : Du bist mein 
libe son, in dir behagele mir. \'nde ihesus was selbe ane- 
hebende alse driziger iare. Alse man wonle ein son ioseph. 
Der was hcli, der was matlliat. der was leiii. Der was 
melclii , der was iannc, der was ioseph, der was matthalie, 
der was amos. der was naum. Der was esli , der was 
naggc, der was mahath. Der was mallhathie, der was se- 
mei, der was ioseph. Der was ioda, der was iohanna, der 



302 DER TODTENTANZ. 

was resa. Der was zorobabel, der was salathiel , der was 
neri. Der was luelchi, der was addi, der was chosan. Der 
was elmadan, der was her, der was ihesu. Der was elie- 
zer, der was iorini, der was matlliat. Der was levi , der 
was symeon, der was iuda. Der was ioseph, der was iona, 
der was eliacliim , der was melclia. der was menna. Der 
was mallhalha. Der was nalhan , der was dauid, der was 
yesse. Der was obed , der was booz , der was salinoii. 
Der was naasson, der was aminadab. Der was aram. der 
was esron , der was iude. Der was iacob, der was ysaac, 
der was abrahe. Der was ihare, der was nachor, der was 
sarub. Der was raugav, der was phalech, der was heber. Der 
was sale der was cainan, der was arfaxad. Der was sem, 
der was noe. der was lainech. Der was niaUuisale, der 
was enoch , der was iareth. Der was malaleel , der was 
cainan. Der was beiios. der was seth , der was ade, der 
was godis. — 

DER TODTENTANZ. 

Es ist ein freudeloses bild, das die letzten zwei Jahr- 
hunderte des mittelalters gewähren, ohne reiz schon für den 
allgemeineren anblick, und immer abschreckender, je näher 
man ihm tritt, namentlich gilt das in bezug auf Deutsch- 
land, die grofsen gedanken, die früherhin das ganze volk 
mit kraft und schöpferischer freudigkeit erfüllt hatten, waren 
abhanden gekommen: pabstthum und kaiserthum hatten sich, 
eine macht an der andern, aufgei'ieben ; die kirche war ver- 
sunken, das reich zerrüttet, das volksgefühl gebrochen, und 
nur mit ohnmächtigem grimme, da auch die ritterliche begeis- 
Icrung der kreuzzüge längst erloschen war, sah man dem 
wachsthum der Türkenherrschaft zu. neue gedanken zwar, 
neue bestrcbungen rüsteten sich an die stelle der alten zu 
treten : aber sie waren noch unklar in sicli selbst , noch 
nicht ausgereift, noch gelähmt durch die lähmung aller dinge 
und die zähe Widerstandskraft des abgelebten alten, schon 
regten sich, und immer dringlicher, die anfange der kirchen- 
bel'serung: aber noch überwog die macht, nicht der kirche, 
sondern des aberglaubens und der verdumpfung; vom süden 



DER TODTENTANZ. 303 

lier gieng der humanlsnius auf, aber nur langsam, geliemnit 
in der vollen wirkung seiner befruchtenden kräfte : denn er 
fand keine lilteralui- des Volkes vor, die der dassisclien der 
allen weit auch nur von fern entsprechend , ihr in sinn oder 
form irgend verwandt gewesen wäre, nur nach der früheren 
blute und fülle ein halb unfruchtbares, halb von unkraut 
überwuchertes feld; es bereitete sich um auf die vollendete 
baukunsl des dreizehnten Jahrhunderts zu folgen jetzt auch 
eine bildhauerei, eine maierei: aber den bildenden künstlern 
wie dort den dichtem mangelte das geschick für fornienge- 
bung, mangelte geschmack und unbefangener, frei sich bewe- 
gender sinn, neben die geistliche und die wellliche eiuhcrr- 
schaft und adelsherrschaft, die bis dahin gegolten hallen, 
rückte jetzt der leitende geist des neueren Staatslebens, die 
democratie: noch aber, stürmisch wie das Zeitalter war, 
artete sie in gesetzlose i-ohheit, oder, lahm wie es war, in 
nüchterne bürgerliclikeit aus. da waren auch der reichlhum 
und die macht, welche sich einzelne fürsten und besonders 
die Städte des reiches mitten in der allgemeinen noth und 
durch kluge benulzung derselben zu erwerben wüsten, nur 
guter von zweifelhaftem werlhe: denn die macht wurde in 
Übermut, der reiclithum in Üppigkeit gezogen, und selbst 
bei der Üppigkeit war keine rechte lust; man konnte ihrer 
nicht ungestört, man musle sie wie im Uuge geniefsen : 
denn in eben diesen Jahrhunderten kamen zu den endlosen 
schrecken des krieges, gehäuft wie noch nie, all die räthsel- 
liaflen und unbezwingbaren schrecken der natur, pest, erd- 
bebcn, üheischwemmungen , luiiigersnöthe. am drückendsten 
l;»g diese ganze last natürlichen, geistigen, sittlichen, politi- 
schen elendes auf dem deutschen volke : Frankreich war ge- 
gen vieles durch die slralfere zusammenziehung der königli- 
chen gewalt, England durch die gesetzliche beschränkung 
derselben, Spanien durch den lilteisinn gesichert, den hier 
mit all seiner lomantik die iMauren wach erhielten, Ilaiien 
aber durch die glückliche gemütsart seiner bevölkerung, 
durch seine nie ganz unierbrochene verbiiulung mit dem clas- 
sischen alterthum und durch hochstrebende fürsleu wie ein- 
zelne päbste und die Mediceer wenigstens dazu befähigt, die 
wiederhergestelle wifsenschal't und kunsl scimeller und voller 



304 DER TODTENTANZ. 

als irgend ein anderes volle Europas in sich aufzunehmen 
Italien halte gerade jetzt in Dante seineu grösten dichter, 
und welche nialer, welche bildhauer bereits im fünfzehnlen 
Jahrhundert ! 

Zeilen wie die geschilderte üben auf die einzelnen men- 
schen , je nach deren sinn , eine ganz verschiedene einwir- 
kung. die einen fliehen vor solchen Strafgerichten in sich 
selbst zurück und zu golt, die andern suchen die Strafgerichte 
und gott und sich selbst in den bunten freuden der weit zu 
vergefsen; die einen verschmähen den genufs des augenblik- 
kes, weil er doch vergänglich, die andern haschen nach 
ihm, weil er allein gewiss sei. so denn auch damals, und 
die litteratur zeigt die gegensälze bedeutsam ausgeprägt, in 
Italien hier Daule, dessen sittlich -religiöser ernst durch das 
Unglück des Vaterlandes, dessen liebe zum vaterlande durch 
die Verbannung nur zu noch gröfserer strenge, gröfserer 
wärme gesteigert wird, dort Boccaccio, mit dessen leichtsin- 
nigen novellen sich eine laudgesellschaft lachend die stunden 
kürzt, während in der heimat, aus der sie entwichen sind, 
tausende der pesl zum opfer fallen, oder deutsche beispiele. 
da gehen neben einander her geistliche lieder der bufse und 
des lieimwehs und wellliche seihst der frevelhaftesten art, 
Irinklieder z. b., welche parodien von psalmen und gebeten 
sind; neben einander das buch von den schalks- und Schel- 
menstreichen des Eulensi)iegels und die sage vom \'cnusberge, 
in den die verführte Jugend zu trügerischer lusl und ewiger 
Verdammnis fährt, umsonst gewarnt von dem treuen Eckard, 
der am thore sitzt. 

Dieser gegensalz von düstrem ernst und scherzendem 
leichtsinn stand jedoch nicht lediglich so unvermittelt da : er 
fand zugleich seine gemütliche und künstlerische ausglei- 
chung. er fand sie in der salire, welche die lugend empfahl, 
indem sie das lasier strafte, und das lasier strafte, indem sie 
dasselbe als ihoi-heit, als narr heil dem gelächler preisgab ; er 
fand sie, mit höherem mafs der erlicbung, als die satirische 
iroiiie gewähren konnte, in jener grofsen Stimmung des ge- 
müts, wo laune und wehmut, komische und tragische Welt- 
anschauung in «'inen Ion zusammenfliefsen, im humor. nur 
dafs, wie überhaupt die Vollendung jetzt beinahe nirgend 



DER TODTENTANZ. 305 

gelang, auch die Verschmelzung der zwei elemente nur sel- 
ten ganz vollzogen ward : gewöhnlich überwog die irdische 
schwere und drückte den geist, der empor wollte, halb wie- 
der hinab zur salire und der blolsen laune. aus dieser sa- 
tirisch-humoristischen zeitrichlung geschah es, dals auf bil- 
dern des jüngsten tags die nialer ihre meiste erfindungsfülle 
an die grausam -lächerlichen quälen der verdammten wende- 
ten und gern in die menge derselben mit besonderer aus- 
zeichnung einen pabst und cardiniile stellten ; dafs ähnliche 
züge aucii den Irauerspielen eingereiht wurden, mit deren 
aufführung man die heilige passions- und osterzeit verherr- 
lichte; dafs man unmitfelb.ir vor die grofsen faslen die tolle 
volle ausgelafsenheit der fastnacht und der fastnachtspiele 
rückte, und gelegentlich wieder diesen fastnachtsspielen den 
ernsthaftesten zweck und Inhalt gab ; dafs hart am ende des 
miltehilters noch Sebastian Braut seinen bittren ingrimm über 
all die Verworrenheit und Verworfenheit, die er ringsum sah, 
nicht schicklicher einzukleiden wusle als in den grofsen 
fastnachtsaufzug seines narrenscIiifTes. und, wie zum theil 
schon diese beispiele zeigen, der spott, die laune liefs kei- 
nen, auch den höchsten nicht, unangetastet und kehrte sich 
voraus gegen die geisllichkeit: denn der liumor in seinem 
aufschwung achtet der irdischen Standesunterschiede nicht, und 
es war die zeit der neuen democralie und der schon sich ver- 
kündenden kirchenbefserung. 

Zumal aber ward diese arl und weise die dinge der weit 
zu betrachten auf den angewendet, der auch keines Standes 
achtet noch schont, der gleichsam der genius des Zeitalters 
war, den man das physisclie leben vernichten und hinter der 
erschöpfung des moralischen und politischen lauern sah, den 
tod. immerfort und immer auf dem gründe der ironisch - 
humoristischen Stimmung wurden neue vcrbildlicluingen und 
personificierungen des lodes erfunden und gebraucht und aus 
der poesie in die alltägliche denk- und Sprechweise fortge- 
l)llanzl; manche derselben haben sich von daher bis auf den 
heutigen tag erhalten, aus dem umstände nun, dals einige 
dieser bildlichkf^iten und andre mehr oder minder ihnen ähn- 
liche uns auch bereits im früheren, ja im frühesten mittel- 
alter begegnen, ist wiederholendlich, zuerst, wie ich glaube, 
Z. F. D. A. IX. 20 



306 DER TODTEiNTANZ. 

von Jacob Grimm') vermutet worden, es finde liier ein 
fortwirken alllieidnischer anschauung statt, und man habe 
sich darum im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert den 
lod auf diese oder jene weise persönlich handelnd gedacht, 
weil sclion der heidnische Germane sich ihn ebenso gedacht 
habe, dem ist aber kaum so. die altgermanischen Vorstel- 
lungen von dem leben jenseits waren so wesentlich verschie- 
den von denen , die das christenthum brachte , und wurden 
von letzteren so gänzlich unterdrückt, dals nun auch der 
Übergang in das jenseils, auch der tod in anderer gestalt als 
vormals erscheinen muste. es genügt hier auf einen einzi- 
gen, aber haiiplsächlichen punkt aufmerksam zu machen, dem 
heidnischen Germanen war die gotlheit des todes ein weih, 
Halja; der christliche übertrug diesen namen (es ist unser 
wort hölle) einschränkend auf den ort , an welchem jenseits 
die unseligen leben: den tod aber hat er stets, auch wo er 
denselben pcrsoiiilicierte, eben den tod genannt, ihn als mann 
aufgefafst"). und so traf denn die art von mythologie, die 
sich im verlaufe des mittelalters neu und frei an den begriff 
des todes schlofs, von vorn herein eher mit dem griechischen 
als dem germanischen heidenthum zusammen, mit dem grie- 
chischen, dem auch der Tod eine männliche gottheit war. 

Es hat aber diese mittelalterliche todcsmylhologie vor 
dem vierzehnten Jahrhundert fast durchgehends einen anderen 
character besefsen als in und seit demselben, vor ihm ge- 
schah die verbildlichung meist noch ohne zuthun des humors, 
in einem einlachen, aber durch die einfachheit grofsartigen 
Stile, und es w ard der Tod, um nur die gangbarsten darstel- 
lungen zu berühren, entweder mit weiterer ausführung eines 
biblischen bildcs^) als ackermann dargestellt, der den garten 

1) (leulschc mythologie 1835, 480 tf. I84i, 799 ff. 

2) de» Dänen in iVorilsclileswig ist sogar Hei selber ein spuk von 
männlieliem gesclileilil geworden: MüllenholTs sagen d. herzogtliümer 
Schleswig, Holstein und Laueiiburg 244. 

3) ingredicris in abundaiilia scpulcrum , sicut infertiir acervus 
tritici in tempore siio Job 5, 20. et cadet morlicinum hominis quasi 
stcrcus sitper J'ucieni regionis, et quasi J'oenum post terguni melenlis, 
et 7ion est qui vülligat Jereniias 9, 22. zahlreiclie stellen des allen 
wie des neuen teslanienis, die den menschen in seiner Vergänglichkeit 
mit dem gras und der blume des fehles vergleichen. 



DER TODTENTANZ. 307 

des lebens jälet und eine blunic darin nach der anderen 
bricht, der über das Schlachtfeld schreitet und es mit blute 
düngt, mit Schwertern furcht und mit leichen ansät*); oder 
mit mehr Selbständigkeit der vergleichung als ein gewaltiger 
könig, der durch die lande fährt und seine heerschaaren sam- 
melt^), der gewappnet auszieht gegen seine feinde die men- 
schen'^) und sie gefangen nimmt ^), der sie in sein gastliches 
haus^) oder als richler vor seinen gerichtsstuhl ladet'-'): krank- 
heiten sind die wiederholendlich mahnenden boten ^''), und 
grofse schlachten werden als processc durchgefochten ^^). 
anders seit dem vierzehnten Jahrhundert, für die neigungen, 
die von jetzt an herschten, waren jene bilder zu helden- 
haft einfach, zu unmittelbar: man liefs sie meistens fallen 
und griff dafiir nach solchen, die auf den näheren stufen des 
alltagslebens lagen, und die den eindruck des erhabenen da- 
durch machten, dafs sie das grofse einkleideten in verhält- 
nismäfsig niederes und geringes, ja gemeines, bilder der 
art waren den früheren Jahrhunderten entweder noch ganz 
fremd gewesen, oder, wo man etwa auch schon damals auf 
sie Stiels, pflegte man ihnen doch nicht weiler nachzugehn. 

4) zeitschr. 7, 129; »/'/e der tot iinibe sich mit krcften lui't ge- 
boi/wen kliige 82S. luich in späterer zeil brauclit Joliaiin Ackermann 
fast kein andres bild als des gi'asendeii und i)lunien au.sreutenden To- 
des: s. eap. 2. 'i. IC) u. 17 seines gesptiiches. unmittelbar hieran 
grenzt es, wenn in Geilers predigten de arborc inimaiia der Tod ein 
holtzmeyer d. li. lorsler genannt und so auch in bildern der deutschen 
ausgäbe (Strafsb. 1521) dargestellt wird, wie er den Maid aushaut; 
vergl. niythül. (Sil. 

5) mj'lhol. SOfi f. des Todes zeichen d. h. das \\ap|)en des To- 
des, das die sterbenden oder gestorbenen als seine diinstuiannen alle 
tragen (vgl. Willi. (Jrinini über Freidank C5 ) , am ausliihrlichsten in 
der Warnung, zeitschr. 1, 142. 

6) mylhol. Süä f. zeitschr. 7, 548 f. 

7) mythol. 805. de duet — bint uns mit enen soc vasten band, 
dat he t/ns tliuet in cen ander lant Mones quellen und Forschungen 
1, 127. vgl. des teufeis bände mythol. 964. 

8) mythol. 8ü;j; thore des todes zeitschr. 2, 530. 

9) der Tod aber auch selbst als klüger: mythol. 80(3. 

10) mylhol. 807. 813. altd. biälter 2, 78. Job. Pauli schimpf und 
ernst, leseb. 3, 1, 79. 

11) nuoldcr iindr errahclidn s/min uuidarsaUrhon i>ud\\igsleich ; 
Lhlands Volkslieder 518. 

20* 



308 DER TODTENTANZ. 

desto häufiger und geläufiger wurden sie jetzt, und es sind 
z. b. die alten krieges- und siegeslicdcr der Scliweiz, wie 
namentlidi das auf die schlacht von Sempach, ganz angefüllt 
mit solchen mehr oder weniger durch- und ausgeführten ver- 
gleichungen. so brauchte man gern um den begriff des Ster- 
bens dichterisch zu umkleiden die Verhältnisse und amtsver- 
richtungen der niederen geistlichkeit, und der kämpf mit dem 
feinde ward ein beichtehören, dessen lödtung eine ertheilung 
von segen und ablafs*^), der galgen das klosler zu den dürren 
brüdern genannt*^), oder man verglich das leben mit einem 
Schachspiel, den lod mit dem matt oder mit dem aufräumen 
der figureu. auf einem biid im kreuzgange des Slral'sburger 
münsters sah man vormals den Tod am Schachbrett, ihm ge- 
genüber eine gesellschaft von päbsten, kaisern , königen, bi- 
schöffen u. s. f.; der Tod aber sprach alles, das do lebt, 
groj's und klein, das vinfs mir wei^den gemein ; bobst^ kä- 
nig und cardinal, bischof, lie7'zog all zu mal, grave/i, imit- 
ier und fraucn, bürger , knaben und junkfrauen, ich sag 
üch vfs friem won, keinen ich des spiles er Ion. bewarent 
üch, junk und alt : üwer jar sind ufs gezalt. lenger will 
ichs nit gestatten: zu tod will ich üch matten^'^). ein 
noch älterer beleg : ein meister glichit dise werlt eime 
schäfzabelc. da stdn iijfe kunige unde kuniginnen und 
ritlere und knappen und venden : hie mite spilen si : wanfie 
si müde gespilet haben, so werfen si den einen under de?i 
anderen in einen sack, alse tut der tot: der wirf et iz 
allez in die erden, ivelich der riche si ader der arme si 
ader der bäbist si ader der kunic , daz schoivet an deme 
gebeine: der knecht ist dicke über den herren geleget, so 
si ligen in deme beinhuse^^). anderswo, und das von jeher 

12) Sempacber lied im altd. leseb. 922, 1. 92r), 8. 930, 41; vgl. 
iu dem lügenmärcheri von den 18 wachtein z. 67 ein eichin pfaffe, 
daz ist war, ein büechin messe singet: siver da zem opfer dringet, 
der antläz im gegeben wirt , daz im der rücke gar geswirt: der se- 
gen was ein hulben slac und die proccssionen mit spiefseii , das capi- 
tel beim fahnlein in Uhlands Volksliedern 517 i'. anderer beispiele 
der art noch genug. 

13) z. b. Waldis Esop 4, 43. 

14) die neue-kirche in Slralshurg v. Edel 88 fg. 

15) bei liermaun von Fritzlar inPfeiirers deutschen mystikern 1, 164. 



DER TODTENTANZ. 309 

besonders häufig, wird wie der tod überhaupt als ein fest, 
das die weit den menschen gebe*''), so der kanjpf einzelner 
krieger oder ganzer beere als ein gastmal dargestellt und 
jede todeswunde als ein eingeschenkter und geleerter trunk*^); 
Hugo von Langenstein in seiner marter des heil. Martina 
überträgt diese verbildlichung von dem tode auf den nachbar- 
lich verwandlen teufel und schildert mit grausenhafter aus- 
führlichkcit die gasterei des höllischen Schenkwirtes *^). 

Hieran denn endlich lehnt sich die vergleichung, auf 
welche wir fortan unser ausschliefsliches augenmerk richten 
wollen, die Zusammenstellung des todes mit solchen luslbar- 
keiten, die band in band mit den übrigen freuden eines festes 
und festmales zu gehen pflegen, mit musik und tanz, schon 
im Nibelungenliede wird wiederholendlich der todeskampf des 
beiden und spielmannes Volker ein geigenspiel und das schwert 
sein ßedelbogen genannt'^); jetzt, ein Jahrhundert später, 
führt der Rosengarten dasselbe bild des weiteren und fast 
übermäfsig aus , verstärkt aber zugleich dessen reiz , indem 
er als gegenkämpfer dem spielmanne den möncli Ilsangiebt: 
nun erscheint der kämpf abwechselnd als geigenstrich und als 
beichte und ablafs"**). in eben diese anschauiingsart schlägt 
noch ein Wortspiel ein, welches Abraham a s. Clara liebt: 
er sagt öfters, mit anwendung der alterthiimlichen notenua- 
nien, das leben eines menschen gehe schon auf das letzte In 

16) Fieidank 178, 12. 

17) z. b. //('/" shancla ce hanto7i sim/n fiantoii bifteres li'des im 
Ludwigsleicli ; des heiligen Cristcs scheuche Ruolant 182, 18; 7iu trin- 
ken wir dir, minnc und gelten sküneges win Nib. 1897 ; hie schenket 
Ilagne daz aller wirseste iranc ebd. 1918; vnd schenken mir sanct 
Johans segcn tvie die wbljf' den lennnern pßegcn Waldis Esop 1, 49; 
sus künde er si ze hüse biten, si muosten im den pfeffer gelden 
Ernst 918; morgenbrot mit iüffeln im Seinpacher lied , altd. leseb. 
922, 24. den ersten anstofs niochlcti auch liier bibcislelien gegeben 
haben wie Jes. 49, 26. 51, 17. 22 u. a. 

18) aitd. leseb. 758 f. vgl. Nobiskrug inythol. 954. zeitschr. 
4, 388. 

19) videlen 1903. 1913. 19il. diene 1939. 1941. gigcn slac 1759. 
vidclbiige 1903. 1943. ez ist ein riitcr anstrich (blut statt barzes), 
den er zeni vidclbogen hdt 1941. einen mdelbogcu starken — gelich 
eimc swerte 1723. vgl. Reinardus 3, 2161 ff. 

20) 1458 (r. Wilh. Grimm x und xvii. 



310 DER TODTENTANZ. 

vii fa (1. li. lafs mich fahren^*), oder es singe der Tod 
denselben das la mi fa i'e^~). zur musik aber wird getanzt, 
beide kiinste gehören zusammen: die grauenhaften weisen, 
welche dort Volker aufspielt, heifsen /e/c/ie^^), ebenso in 
dem schweizerischen siegsgesange die sclilacht von Senipach 
ein tanz'''); Freidank spricht von einem tanze, zu welchem 
der tod die menschen sammle ^^), Sebastian Brant von sprän- 
gen, die derselbe lehre, vom reigen des todes und dem vor- 
tanze daran ^''), ein Niederländer des 14n jahrh. von einem 
reigen, an den alle miifsen um sich hinüber zu singen in 
ein andres land^'). die vergleichung ward noch dadurch 
empfohlen, dafs man sich auch in diesem andren lande selbst 
die seligen wie die unseligen tanzend , dafs man sich him- 
mels- und höUentänze dachle^^), gerade wie schon das aller- 
thum gesang und tanz auch in den elysischen gefilden'^''). 
Hartniann Schedels weltchronik von 1493 , die mit holz- 
schnitten nach Michael Wohlgemulh und Wilhelm Pleyden- 
wurlT geziert ist, gieht als bihi der aufcrstehung^'*) drei tan- 

21) z. b. gehab dich wohl, Passaucr ausf% d. säminll. sverke 11, 
255. 383. 

22) Judas ebd. 5, 20i 

23) s/n leiclie ItUenl Ubele, sin z'iigc sint rüt Nil). 1939. s/ne leiclie 
hellent durch heim unt durch rant 1944. 

24) altd. leseb. 930, 30. 

25) gol tet wol , daz- er verbot, daz niemnn weiz sin selbes fdt : 
wisten in die Hute gar, der tanz gewänne kleine schar 175, 15. 

26) iiarrenschilF, Strobel 232. 234. 

27) Mones quellen u. forschuiigen 1, 127. ob auch die oft vor- 
komniende redensart den tot an der hant haben den zum tanze ge- 
fafsten tod oder blofs die greifbare nähe desselben meint? J. Griinni 
giebt letztere deulung:, mythol. 377, vgl. 807. für erstere könnten 
Str. 2 und 4 des hochdeutschen todtentanzgedichtes sprechen : ich hau 
iuch an die haut genomen und ich wil iuch fiteren bi der hcnd an 
discr swarzer briieder tanz. 

28) reigen der engel und der heiligen bei .Christi hinimelfahrt : 
olTenbarungen der Christina Ebnerin, Heunianni opuscuia 301 ; hei der 
himniclfahrl Mariae : Mones alld. Schauspiele 87; der hello reijc : des- 
selben Schauspiele d. uiiKelaiters 2, 81. 102. 

29) Anacreon 4, 17. niylliol. 807. 

30) bl. 204 VW. der lateinischen, 201 vw. der deutschen ausgäbe, 
hier mit keiner, dort niil der Überschrift Imago mortis: der vorher- 
gehende text fordcit jeiioch ein auferslchungsbild. 



DER TODTENTANZ. 311 

zende todte, denen ein vierler bläst^'). das sterben also ein 
lanz, zu weichem der tod den mensclien aufspielt: im gegen- 
safze dazu schreibt einmal Heinrich von Nördliugen seiner 
geistlichen freundin es pfjjfet auch mancher^ gar woly 
das dem hwrer sücjser ist den dem ]if;jfer, imd die an- 
dern tanzent mer darnach dan er selber : pit hie für mich, 
das ich den tanz- eins wdrhaften lebens Iret nach der 
süe/sen j)fifen dins liebs Jhesu Christi^-). 

Wir haben bisher blofs solche fälle ins äuge gefafst, wo 
die verbildlichung und persnnificierung des todes nur gelegent- 
lich und nur vorübergehend in den dehkmälern unsrer alten 
litteratur uns entgegentritt, dabei liefs man es jedoch nicht 
bewenden : das Wohlgefallen an diesem kreise neugewonnener 
anschauungen trieb zu abgesonderter und abgcsclilolsener dar- 
stcllung desselben, eine der schönsten alldeutschen prosa- 
schriften , verfal'st von Johann Ackermann im jähr 1429^^), 
zeigt uns den Tod in sireitendcm Zwiegespräche mit einem 
witwer, der ihn vor golt verklagt hat, und schon im vier- 
zehnten Jahrhundert ward von den angeführlen vergleichun- 
gen diejenige, die am eindrücklichsten in die sinne fiel, ward 
der miisicierende und mit den menschen davon tanzende Tod 
zum gegenstände dramatischer dichtung und Schaustellung 
gemaclil. denn tanz und drama fielen damals fast in eins 
zusammen, die tanze, die das volk schaarenweis im freien 

31) 'eine Lüllicher papicrhandschrift aus der abtei s. Truyden ent- 
hält liinlcii eingeklebt einen liolzschniti, auf dem drei g;erippe vor dem 
vierten iifeifenden tanzen:' MaTsmann in Naumanns Serapeum 8, 131). 
dieselbe darstellung als in Scbedels cbronik oder ein ausgescbnittenes 
blallstiick derselben. 

32) Heumanni opuscula 390. 

33) unter dem tilel der ac/icniiann at/s B'öhcim erneuert heraus- 
gegeben durch V. d. Hagen, den nanien Johann zeigt das acroslichon 
des schlufsgebetes , Ackermann als den zunamen die cap. 3 und 4. 
dieser Johann Ackermann war aber nicht aus ^'()gel\vad oder Vogelwaid 
(v. d. Hagen s. iv. Gottfrieds v. Sirafsb. werke i, viii), sondern von 
gewerb ein vogler: von f'o^elwaid ist mein pßug cap. 3; vgl. gen 
und lonj'in ist min pjlitoc altd. wäld. 2, 51. du bist ein jii^er klug : 
zeuc/i hin und her, pßege deines vatcrs pßug ebd. 3, 118. ßuochcn, 
schelten ist min pßuoc ebd. 57. iSsheit ist in ein nutzer phluoe 
Ulrich v. Liechtenstein 630, 27. W. Grimm zu Freid. 385. pßuoc 
das Substantiv zu pßcgcn. 



312 DER TODTENTANZ. 

oder in eigens dazu bestimmten gebäuden anstellte, waren 
meist auch von irgend welchem gebärdenspiel begleitet, ver- 
bunden mit gesang und feierlichem aufzug^*); die länze der 
Jünglinge, welche Tacitus als die einzige art Schauspiel bei 
den Germanen nennt, ahmten kühn und schön eine schlacht 
nach^^), und selbst in den geistlichen Schauspielen des mit- 
telalters, die man ursprünglich doch in und bei kirchen auf- 
führte, kam häufiger tanz vor : in den osterspielen tanzten 
die ritter singend zu dem grabe Christi , das sie bewachen 
sollten^''), und tanzten mit jiebräischem gesang die klagen- 
den Juden zu Pilatus hin^^). so nun auch der tanz des 
Todes als öffentliche Schaustellung, als drama. natürlich aber 
konnte das bei den motiven, die einmal gegeben waren, im- 
mer nur ein drama von der einfac-hsten und kunstlosesten, 
von der rohesten art sein : indem eine reihe von menschen 
verschiedener alter und stände vorwärts schritt oder auch in 
geschlofsenem kreise da stand, und der Tod musicierend her- 
zukam und einen von ihnen nach dem andern im tanz ent- 
führte, muste sich der dialog auf wenige worte, welche der 
Tod zu jedem einzelnen und wiederum jeder einzelne zu dem 
Tode sprach , und muste die handlung auf eine beständige 
Aviederkehr immer des gleichen ab - und zugehens sich be- 
schränken, indess man gab sich auch sonst wohl und noch 
im beginn der neueren litteratur mit solcher änfscrsten ein- 
fachheit des dramas, mit solcher eiiilörmigkeit und eintönig- 
keit zufrieden, der ludus de corpore Christi ^^), der streit 
der sieben weiber um einen mann^'') sind um nichts beweg- 

34) vgl. was hierüber in meiner lilteralurgeschichle § 72 und 83 
gesagt ist. 

35) Germania 24; nudi iuvciics: auch in schlachten selbst glengen 
die kühneren nackt, noch in späteren zcilen und noch jetzt derglei- 
chen schwerltÜDze : sagen d. br. Grimm 1, 241 ; bei den Ditmarschen : 
Vieth in üahlmanns Neocorus 2, 56G ; in Vorkshire: mylhol. 281; als 
ustej'spil: V. d. Ilagens minnes. 2, 78; als öirentliche Schaustellung 
der fechlschulen, wie 1551 zu Ulm: Schmids schwäb. wörlerb. 18('). 

36) z. b. lluiniianns fiiiidgr. 2, 302. 

37) fundgr. 2, 3ÜÜ. 307. 

38) Mones aild. Schauspiele 145. 

30) MafsmauMS crläulerinigen zum Wessobrnuner gebet 08. das 
gedieht ist eine mutwilligem auslührnng der anfangsworte von Jes. 4. 



DER TODTENTANZ. 313 

ter und mannigfaltiger, ja sind es eigentlich in noch gerin- 
gerem grade ; ganz so aber iäfst Pamphilus Gengenbach in 
seinem 'Ihatspiel' von den zehn altern des menschlichen le- 
bens**^) eben diese, vom zehnjährigen kind an bis zum hun- 
dertjährigen greise, an einem waldbruder vorüberziehn und 
dessen lehren und Warnungen empfangen, und wiederum ganz 
so hat sein fastnachtsspiel von 1517, der Nollhard, die unbe- 
wegliche haupt- und mittelfigur eines frommen eiiisiedlers, 
der hinter einander allen mäclitcu Europas , dem pabst, dem 
kaiser und so fort bis zum landsknecht und dem Juden, ihre 
Zukunft prophezeit. 

Eine dramatisierung der art vom tanz des Todes hat die 
deutsche lilteratur schon im vierzchenlen Jahrhundert besefsen, 
eine reihe meist vierzeiliger versabsätze, Strophen, wenn man 
will, die ein regclmäfsig wechselndes Zwiegespräch zwischen 
dem Tod und je einer person von immer anderem stand oder 
alter bilden, es sind der personen ursprünglich 24, und ihre 
reihenfolge ist nach der rangordnung wohl abgemefsen : zu- 
erst der pabst, dann kaiser und kaiserin , dann könig, car- 
dinal, erzbischof, herzog, bischof und so immer weiter hinab; 
zuletzt der bauer, jiiugling und Jungfrau und das kind'*'). 
ihren hauptsächlichen inhalt nehmen die reden und gegenre- 
den von dem her, was die grundanschauung des ganzen ge- 
dichtes ist, von dem tanz, an dem jeder müfse, hoch und 
nieder, jung und alt, von dem tanz und der ihn begleitenden 
musik : gelegentlich aber Hechten sich auch noch andre der 
beliebten bildlichkeiten ein, wie wenn der Tod (ich führe aus 
der hochdeutschen geslalt der dichtung an) zum könige sagt 
ich wil iuch fäeren bi der hend an disar swarzcv briieder 
tanz : schwarze brüder sind Benedictinermönche''^) ; oder er 
den ritter und den edelmann zum kämpf herausfordert; und 
überall spricht trell'cnd der Tod und crwiedert ihm der mensch 

40) nach Aufsels anzeiRcr 2, 14 bereits im j. 1500 gedruckt. 

41) xye mitcslen all tif sync J'art und danzen im 7ioc/i sijncii 7'('i/cn, 
bäbst, kaiser, hünig, hischüjf, leijcn narrenscliilF 234 ; pawcs, heiser, 
hcrloghen ende grevcn, gcistelic, werltlic , richler ende Jieven , — gy 
aduocaten , gy ojjicialc, richter, schcpene al to male, — olt ^ ,/""/'> 
starc of leal bewant, ivy moten alle in dat ander lant quellen uml 
forscliungen 1, 128 f. 

42) in swarlzen kltvstern alld. leseb. 901, ;{0. 



314 DER TODTENTANZ. 

mit der characleristischen beziiglichkeit, welche stand und 
aller vertragen , in besonders rührenden wortcn aber das 
kind : oive. Hebe muoter mini ein swarzer man ziuht mich 
du hiti. wie iviltu mich also verlän? muoz ich tanzen, 
und kan niht gdn ! 

Wo und wann dieses deutsche drama zur öfTentlichen 
aufliilirung gekommen, wird zwar nirgend berichtet, von ihm 
so wenig, als es bei andren zu geschehen pflegt : doch ist, 
dal's solche stattgefunden, auch von ihm unzweifelhaft: dem 
niiltelaller war die Unnatur noch fremd dergleichen blol's zu 
schreiben und zu lesen, nicht aber auch zu spielen, von 
Florenz haben wir aus dem fünfzehnten Jahrhundert das nach- 
her zu besprechende beispiel einer umziehenden, mit gesang 
begleiteten Schaustellung des Todes, und es mag daraus noch 
auf weiteres und früheres geschlofsen werden ; in Frank- 
reich aber sind während derselben zeit eben solche dichtun- 
gen wie jene deutsche nicht nur handschriftlich aufgezeich- 
net*^), sondern sie sind auch gespielt worden, zu Paris ge- 
gen das j. 1424, zu Besannen im j. 1453**). hier standen 
die todtentänze, was übrigens mit gewissheit auch für Deutsch- 
land anzunehmen ist, gleich aller dramalik in der nächsten 
beziehung zu der kirche : sie wurden von geistlichen veran- 
staltet und geleilet, sie wairden in oder bei den golteshäu- 
sern aufgeführt , und es scheint , dafs ursprünglich auch die 
in der legende so genannten Maccabäer, d. h. die sieben 
brüder samml der niutter und Eleasar, die unter Anliochus 
Epiphanes den märlyrertod gelitten*'^), eine rolle in ihnen 
und eine vorzügliche rolle gespielt haben , falls man nicht 
blofs die aufführung zuerst an deren fest verlegte : nur so 
oder so erklärt sich der in Frankreich altübliche name la 
danse Macabrc, chorea Machabaeorum''^). die alle kirche 

43) explicalion de la danse des morls de la Chaise -Dieu par Ju- 
binal, Paris 1841, 19. 

44) Carpentier und Henschel unter Macliabaeorum chorea. 

45) 2 Maecab. und 7. 

40) dieser lateinische ausdruck niaclil all die sonst versuchten her- 
leilungen unzuliil'sig, die von Macarius , der heiligen iigur einer den 
todtentanz beriilii-enden legende ( reeherches sur les daiises des morls 
|(ar Peignol, Dijon ISSO, 81 u. a.), von Marc Jpvi-il, einem bürger zu 
\ienne, der dem capilcl zu s. Maurice ein gut uameus Mucabraij ge- 



DER TODTENTANZ. 315 

hal nur zweierlei ungetaufteu, blofs in ihrem blute getauften 
heiligen eigene feste gewidmet, jenen Maccabäern und den 
unschuldigen kindlein ^'^j , und zu Paris fanden die tanze der 
Maccabäer aux Itmoce?is , in dem klostcr der unschuldigen 
kindlein statt ^^). 

Als die älteste jahrzahl des französischen todtentanzes 
ist oben 1424 vorgekouimcn : doch niufs gleich dem deut- 
schen auch dieses drama schon im vierzehnten Jahrhundert 
bestanden haben, denn schon ein dichter des letztern sasrt 
im rückblick auf eine im j. 1376 erlittene krankheit jcßs 
de Macabre la donce , qui ioute goiit iiuiine ä sa traice 
et ä la Josse Ics odresse, d. h. ich wäre an meiner krank- 
heit beinahe gestorben '^^) , und um dieselbe zeit ist die ganze 
dichtung auch schon von Frankreich aus nach Spanien ge- 
langt: ich meine die danza gcneral, die man friihcrhin irr- 
Ihümllch dem Juden Santob von Carrion zugeschrieben^^), 
eine reihe von 79 achtzeiligen Strophen, wechselrede zwi- 
schen dem Tod und den von ihm entführten menschen mit ei- 
nem eingange, welchen nächst dem Tode selbst ein predica- 
dor spricht^'), obwohl so früh bereits eingeführt, ist den- 

scheukt (Jubinal 10), aus dein arubisclien nia^baruli oder maghourah 
oder mogabir s. v. a. kircliliof (^an Praet bei Doure , tlie daiice of 
Death , London 1833, 30) u. s. w. ; vgl. Mafsniann in Naumanns Sera- 
peuin 8, 135. und ebenso ersebeint es als ein niissversland , wenn in 
den iiandscbriften auf den zu anfang sprecbenden docleur der naine 
Macliabre überlragen (Jubinal 19) und darnach wieder in die lateini- 
sche Übersetzung des französisciien gedichts gar als verfarser des gan- 
zen ein Macaber bezeichnet wird. 

47) Jacobi a Voragine legeiida aurea cap. 109, ausg. v. Grül'se 
s. 454. 

48) in Köln ein kloster der heil. Maccabäer: ein dort verfafstes 
gedieht über deren niarter von 1517 verzeichnet Panzer, anualen der 
alt. deutsclien litt. I, zusiitze 142. 

49) Marsniaiin, der im Serapeum 8, 134 die stelle miltheilt, srhcinl 
sie unrichtig aul" die ahfalsung der (lause Macabre auszudeuten. 

50) Douce 25. 

51) gedrnckt in Tirknors geschichte der schönen litt, in Spanien, 
deutsch V. Julius, 2, 598 — (il2. über den französischen Ursprung 
ebd. 1, 77. 'sie ist aber' unstreitig kein diania, sondern ein lelirge- 
dichl, dessen aul'führuiig ganz willersinnig gewesen sein würde' ebd. 
1,211. Schaek indessen reebnet sie zu den dramatischen dichtungen : 
geschichte d. dram. lit. u. kunst d. S|)aiiicr I, 123. 



316 DER TODTENTANZ. 

noch die anschauung vom todtentanze nie einheimisch in Spa- 
nien geworden, wie sie es in Frankreich, wie sie es gar in 
Deutschland ist: erst im sechzehnten Jahrhundert kommt sie 
wieder dort zum Vorschein, aber auch da wiederum als drama, 
als frohnleichnamsspiei : ein hiirger zu Segovia , Juan de Pe- 
draza, jiat es gedichtet, zum schaden des todtentanzes selbst 
res bleiben von diesem nur der pabst, der könig, die dame 
und etwa noch der hirte übrig) mit derjenigen einmischung 
allegorischer personen (la Razon, la Ira^ el Entendimiento), 
die den frohnleiciinamsspielen überall nah, besonders aber in 
der art der spanischen autos lag^^). 

Das altfranzösische Schauspiel, der erste anstofs dieser 
beiden spanischen , ist jedoch minder auf dem gewöhnlichen 
wege der Überlieferung solcher dinge , nicht sowohl durch 
die Schrift allein als unter vermittelung noch einer zweiten 
kunst auf die nachweit und bis auf uns gekommen, indem 
man nämlich der handschriftlichen aufzeichnung Strophe für 
Strophe bilder beigegeben ^^), indem man zu Paris auf die 
kirchhofniauer desselben klosters, wo man den lodtentanz zu 
spielen pflegte, die ganze reihe seiner einzelnen Situationen sammt 
den dabei gesprochenen verscn hingemalt und späterhin, ehe 
noch die bilder und inschriften von der zeit wieder ausgewischt 
waren, vom j. 1485 an, durch holzschnilt und druck deren 
ferneren bestand gesichert^*), indem man anderswo und noch 
häufiger blofs die einzelnen Situationen gemalt oder in stein 
gehauen, die worle aber, welche dazu gehörten, aus räumli- 
cher nölhigung oder weil mit ihnen jeder doch bekannt war, 
weggelafsen hat. solcher anschluls der bildenden kunsl an 
die dichtende ist natürlich , ist auch zu jeder zeit und bei 
allen Völkern üblich gewesen: hier, wo die grundlage ein 
drania , eine Verbindung der dichterischen rede mit sinnlich 
wahrnclinibai-er darslellung, mit tanz und gebärdenspiel war, 
gewann die Übertragung noch an reiz und leichtigkeit. die 

52) fai-sa llinada datn-a de la miicrlc 1551; neu Lerauspegeben von 
Wolf: ein spanisches fi-ohnleiclinaiiisspiel vom lodtentanz, Wien 1852. 

53) besclireibung solch einer bandscbrift zu Paris bei Jubinal 18; 
den bandschiiften ohne bilder (ebd. 19) mügeu lediglich die bilder feh- 
len: wir werden nachher in Deutschland das gleiche finden. 

54) Mafsinann im Seraj)enm 2, 191 If 



DER TODTENTAxNZ. 317 

danse Macabre aux Innocens ist laut einer chronikslelle in 
den Jahren 1424 bis 1425 gemalt worden^"^); für die übri- 
gen, die gemalten zu Amicns"'^'"') und Angers ^^), den gestick- 
ten bei Nolre Dame zu Dijon''^), die steinernen zu Ronen ^^), 
zu Fecanij) und im schlols von ßlois*"*), giebt es einstweilen 
keine Zeitbestimmung und wird auch, da bis auf den zu An- 
gers sie alle zu gründe gegangen sind, kaum noch eine solche 
zu ermitteln sein: nur von dem gemalten des kreuzganges 
der sainte Chapelle zu üijon weifs man , obschon die revo- 
lulion auch dieses gebäude zerstört hat, die zeit und von ihm 
auch den meister, Masoncelle und das jähr 1436''*); der noch 
erhaltene aber der ableikirche von La Chaise -Dieu in Au- 
vergne mit dem unverkennbaren gemisch zweier ganz ver- 
schiedener arten der maierei, einer leblos unbeholfenen und 
einer bewegtem befseren , mag zuerst schon im vierzehnten 
Jahrhundert entstanden sein, nach 1343, in welchem jähre 
die kirche gegründet worden, im fünfzehnten aber stückweis 
eine übermalung und erneuerung erfahren haben"-), die 
verse der dichtung sind auch hier nicht beigefügt: es weist 
aber zurück auf deren grund, wenn auch hier wie schon in 
der danza general den anfang der reihe (nur Adam und Eva 
und die schlänge mit einem todlenkopfe gehn noch voran) 
und ebeuso wieder deren schlufs eine malerisch bedeutungs- 
lose ligur, ein prediger macht, wir werden auf den tod- 
tentanz von La Chaise -Dieu noch wiederholendiich zurück- 
kommen müfsen. 

Mit dieser liebhaberei der Franzosen für malerische fest- 
haltung der todlenlanzgedichle, die freilich schon aus der 
Sache selber sich erkiiirl, mag man etwa ihre kaum geringere 

55) Peignot xxxiij f. 83 f. Douce 15. 

5ö) ia (lein kreuzganpe der kalliedrale, der 1817 abgebroelien wor- 
den : Douce 47. 

57) erst kürzlicli unter einem luörlelübcrzug entdeckt: Jubinal 1 i. 

58) in der revolulion verschwunden : Peignot xxxviij. Douce 35. 

59) bei s. Maclou ; ebenfalls nicht mehr vorhanden: Peignot xlvij. 
6U) auch diese beiden nicht mehr da: Jubinal 14. 

Ol) Peignot xxxvij. Douce 35. 

G2) Jubinal, dessen oben schon erwähntes buch aul'ser der beschrci- 
bung auch eine vollständige abbildunp giebl, hat diese mischung der 
Stile nicht beachtet und setzt das ganze unlerschiedlos in das 15c jh. 



318 DER TODTENTANZ. 

für bilder aus der thiersage , aus den abenteuern des Fuch- 
ses und des woIfs vergleichen : auch die thiersage hatte 
einen satirischen bezug, gelegenUich gab auch sie den stofF 
zu theatralischer darslellung (Philipp der schöne liefs mehr- 
mals um pabst ßonil'acius viii zu verhöhnen die procession 
des fuchses Reinhard aufführen''^), und scnlpturen und ge- 
mäide aus ihr wurden auch in den Wohnungen geistlicher 
herren und selbst in kirchen angebracht*"*), wie viel befser 
noch passte in die geheiligten räume der todtentanz, der nicht 
blofs satirisch, der zugleich ein geistlich-ernstes lehrsliick 
war! und so vergleichen sich denn noch näher die bildwerke, 
die im j. 1408 ebenfalls aux Innocens zu Paris über das 
kirchenportal sind gesetzt Morden "^^), bildwerke aus jener 
legende von den drei todten und den drei lebenden königen, 
die schon im dreizehnten Jahrhundert mit wechselnder ge- 
stallung verschiedene verfafser gedichtet hallen, Baudouin de 
Conde, Nicolas de Marginal und ungenannte'"^), die auch, 
eng wie ihr inhalt an die danse 3Iacabre rührt, sich mit 
dieser selbst verknüpft und in sie eingeschaltet findet*''). 

Von Paris aus kamen bei der politischen und litterari- 
schen und künstlerischen veibindung Frankreichs mit Eng- 
land die reime und bilder des todlentanzes auch hieher : das 
capitel von s. Paul in London liefs unter k. Heinrich vi 
und schon vor dem j. 1430 den Pariser todlentanz auf der 
mauer seines kreuzgangs wiederbilden ; die französischen 
verse wurden dabei wörtlich in die Landessprache übersetzt, 

63) Reinhart fuctis v. Jac. Grimm cc. 

64) zeilscbr. 6, 285. 

65) Douce 33. 

66) Douce 31. Jubinal 8 f. auch in zwei mittelniederdeutschen 
bearbeilungen vorhanden: niythol. 810. eine Weiterbildung ist die 
visio licreniifae von einem gespräch zwischen der vana Potentia, vana 
Priidcntia oder Sciciitio, vana Pulrriliido und einem rex, einem sapi- 
ens oder i'i/n's/jcn'fns und einer fcniina oder mcretrix movtua , die 
hinler dem Macaber in (Joldasts ausgäbe von Roderici spcculuni '271 ff. 
lind in einer Münchner handschrift mit liol/.schnitten steht: Mafsmano 
im Serapeum 8, 13(5. ebenda sind noch andre bildliche darstellungen 
der legende nachgewiesen ; von Orcagnas bild zu Pisa weiter unten. 

07) bilderliandschrif! zu Paris: Jubinal 18; drucke von 1481). l'»9I 
u. a. : Mulsmann im Serapeum 2, 192. 195. 



DER TODTENTANZ. 319 

von John Lyndgale ^^). auch von andern dergleichen gemäl- 
den , die sich ehcinais zu Salisbury , zu Wortley hall in 
Gloucestershire, zu Hexham in Northumberland, zu Croydon 
im palast des erzbischofs befunden , und von einem teppich 
im Tower, ähnlicli jenem zu Dijon, wird berichtet; das bild 
in Salisbury soll von etwa 1460 gewesen sein*'^). 

Aber kehren wir in das heimatliche gebiet, nach Deutsch- 
land zurück, dem lande, das von der dichterischen wie der 
bildenden behandlung des Stoffes länger und mannigfaltiger 
und eigcnthiimliclier als irgend ein andres ist beschäftigt wor- 
den : Frankreich hat neben den bildern das gedieht fast durch- 
weg fallen lafsen, England aber hat zu beiden erst der fran- 
zösische Vorgang angeregt und eben derselbe Spanien nur zur 
dichtung. 

Die freude an bildwerken , die ihren gegenständ aus 
gleichzeitig gangbaren und beliebten gedichten entnahmen, 
war schon seit langem in Deutschland nicht minder grols als 
in Frankreich, auch hier wurden, um nur auf einige näher 
liegende beispiele hinzuweisen , bilder aus der thiersage an 
die kirchen gesetzt, von denselben geistlichen, die eben 
daraus um sich in ihrer klostereinsamkeit eine kurzwcil zu 
nia(;lien theatralische Vorstellungen schöpften'"); an ein haus 
zu Winterthur ist im vierzehnten Jahrhundert ein lanz von 
männern und weibern und ein heitres, doch nicht gar sau- 
beres abenteuer gemalt worden, der inhalt eines dem dichter 
Neidhart zugeschriebenen liedes"*); ebenso in dem schwäbi- 
schen kloster Lorch ein gleiclinis aus dem Barlaain Rudolfs 
von Ems , welches den uubcsland des menschlichen lebens 
und die Sorglosigkeit der menschen anschaulich macht: letz- 
terem gemälde waren die bezüglichen verse der legende beige- 
setzt'"), der handschriftcn aber, in denen deutsche gedichte 
von bildern unterbrochen und begleitet sind , ist eigentlich 

08) Douce 51 f. Lyndsate starb 14150: daher die oben gegebene 
zeilbestiinmung; ausgaben seiner übersclzung verzeichnet, Mafsinann im 
Serapeum 2, 211. der kreuzgang bei Old Sainl Paul's ist schon 15'jO 
niedergerifsen worden. 

6*)) Douce 52—54. 

70) zeitschr. 6, 285 f. 

71) das Veilchen: v. d. Magens minnes. 3, 202. 4, ■iil. 
7->) litteraturgesch. § 55, 8i. 



320 DER TODTENTANZ. 

eine unzahl, und die fruchtbarste zeit der deutschen hand- 
schriftnialerei fällt gerade in das vierzehnte und fiinfzelinte 
Jahrhundert, so ist denn auch der todtentanz als eine lieb- 
lingsdichlung eben dieser an verschiedenen punkten Deutsch- 
lands und jedesmal so, wie örtliche und zeitliche Verhältnisse 
den text und noch mehr die bilder änderten, in die wand- 
und büchermalerei übergegangen : dadurch allein hat sich, 
wie jenes altfranzösische, so auch dies alldeutsche Schau- 
spiel bis auf uns erhalten. 

Noch in der einfacheren , also der mehr ursprünglichen 
gestalt, wo der auftretenden personen blofs 24 und nur die 
wichtigern stände und ämter, besonders aber die reichern und 
höhern vertreten sind , giebt den todtentanz ein gcmälde zu 
Lübeck"^), in einer capelle der Marienkirche, welche sonst 
die plaudercapelle geheifsen hat, von einem bilde, das sich 
ehemals auch darin befand , drei plaudernden miinnern und 
drei tcufeln mit der Überschrift lüg, düvel, lüg!''*) leider 
sieht man diesen todtentanz nur noch in einer erneuerung 
vom j. 1701, der vierten, nachdem ihn frühere schon 1463,^^) 
1S88 und 1642 betroffen hatten, die bilder mit Ölfarbe auf 
leinwand übertragen und die alten niederdeutschen reime ge- 
gen hochdeutsche, hochdeutsche vom j. 1701 vertauscht, zum 
glück jedoch haben sich anderweit auch die echten reime, wo 
nicht ganz, doch wenigstens theilweis noch erhalten'^), und 

73) ausfütiriiclie besclireibung u. abliildung d. todtentanzes in der 
St. Marien-kirche zu Lübeilv, Lüb. 1831. 

74) die merltwürdiglieilen d. Marieii-Icirclie zuLübeclc, Lüb. 1823, 19. 

75) von dieser die unlersctirlft , die sieb bis auf die letzte erneue- 
rung lortgepflaozl bat, yinno Dovrini MCCCCLXIII. in vigilia Assum- 
cionis Marie. 

7f)) ein Lübeclier büchlein , der todtentanz in der s. g. todten- 
Ivapelle der st. Maiieiikircbe zu Lübeck, {!;iebt anfser den versen von 
17l)t auch die niederdeutschen, ^^■ciche denselben zunächst vorange- 
gangen, nacli einer Vermutung Mal'snianns aber (Serapeum 10, 305 
f.) wären die letztern erst bei der aulTriscbung im j. 1588 verfafst 
worden und nur die zwei stro|)ben zu anfang und am schlufs rührten 
noch von der uis|)rüngiiciicn diclilung lier. diese tauten de J)ot 
spricht, tlio (Icssein daiizc rope ich algltcniciic pawest , heiser viid 
alle crcaliiren, arme, i-ike, grole und hlenc. tredet vort: wente nii 
cn liclpt nen Irurcn und daf wegen hind lo derne Dode. o Dot, wo 
.schal ih dal vorslani' ih schal dansscn und hau nicht ghan. 



DER TODTENTANZ. 321 

an den bildern scheint, trotz jenen wiederholten auffrischun- 
gen und ummalungen , wesentlich nichts abgeändert: immer 
noch tragen sie, aucli über jene älteste jahrszahl J463 noch 
weiter rückwärts deutend, im costüm und mehr noch in der 
einlachen, wohl gar nicht ungchildctcn ("ormengebung die un- 
verkennbaren spuren der kunst schon des vierzehnten Jahr- 
hunderts, vierundzwanzig menschliche gestalten also: sie 
geben sich selbst und durch die beigefügten Unterschriften zu 
erkennen als pabsl , kaiser , kaiserin , cardinal, könig, bi- 
schof, herzog, abt, rilter, carthäuser, bürgermeisler, domherr, 
edelmann, arzt, Wucherer, capellan, amtmann, küster, kauf- 
mann, klausner, bauer, Jüngling, Jungfrau, kind. man sieht, 
in fast ungestörter regelmäfsigkeit wechseln geistliche und 
weltliche personen mit einander ab, und zehn von vierund- 
zwanzigen sind geistliche: so gerne ward von der Stimmung 
der zeit ihnen der vortanz gegönnt, es tanzen aber diese 
menschen nicht jeder für sich mit dem Tode, sondern in lan- 
ger reihe, die nur an zwei siellen zufällig unleihrochen ist, 
stehn band in band je eine Todesgestalt und eine menschliche 
neben einander da : vierundzwanzig menschen und eben so viele 
Tode bilden einen reigcn, aus welchem erst nach und nach die 
einzelnen paare zum tanz antreten sollen, ein Tod springt 
pfeifend voran: pfeifend, wie überall in den alten todtentänzen 
nur die geräuschvollere musik der blasgeräthe sich angewen- 
det zeigt: denn sie allein pllegle jetzt den volksgesaiig und 
den tanz des Volkes zu begleiten"): in den Nibelungen und 
dem Ilosengarten, der hierin nur die Nibelungen weiter l'üln't, 
ist es noch das spiel der geige, von welchem die dichfkunsl 
ihre herben bildlichkeilen nimmt, die im reigen stehenden 
Tode liaben durchweg auch eine springende haltung ihres lei- 
bes, während die menschen, deren band sie fafsen , minder 
lebhaft bewegt sind : denn diese sträuben sich noch und 
möchten lieber nicht im reigen sein, nirgend aber erscheint 
der Tod als gänzlich entfleischtes gerippe: so stellt man ihn 
erst seit dem sechzehnten Jahrhundert dar; überall nur als 
eingefallene zusammengeschrumpfte leiche, nicht mit nackt 
daliegenden, nur mit stärker hervortretenden knochen. das 

77) litleralurgescbklile iij 75, 7. 
Z. F. D. A. IX. 21 



322 DER TODTENTANZ. 

war im millclalter allgemeiner gebrauch ^^) : er halte seinen 
Vorgang in der kunst der Römer; für die todtentanzbilder 
kam als besonders wirkender umstand noch hinzu , dafs in 
den Schauspielen, die ihnen zunächst zum gründe lagen, die 
Verkleidung auch wohl den äufsersten grad der magerkeit, 
aber kein gebein ohne alles Heisch nachahmen konnte, und 
vielleicht noch ein umstand : in Lübeck nicht, aber anderswo 
finden wir den Tod mit aufgeschlitztem unterleibe gemalt: es 
ist, als hätte der maier da sein muster an den künstlich zu- 
bereiteten mumien kühler grabgewölbe genommen, hier in 
Lübeck, eben auch als leiche, tiägt immer der Tod ein viel- 
faltig um den leib sich schlingendes und ihn grofsentheils 
verdeckendes grabtuch. vornehmlich ausgezeichnet mag noch 
die letzte , [dem wiegenkind sich nähernde geslalt des Todes 
werden: sie führt eine sense: in Deutschland und im vier- 
zehnten Jahrhundert weniger eine erinnerung an den gott der 
zeit als an den ackermann , den Schnitter Tod , jene altbe- 
liebte Vorstellung der Deutschen. 

Fast durchgehends , wenn wir auf schon besprochenes 
zurück und wieder jetzt hinüber nach Frankreich blicken, 
stimmt dieser todtcntanz von Lübeck zusammen mit dem von 
la Chaise -Dieu. auch hier erscheint der Tod wie immer 
fleischig und mehreremal im grabtuch und öfters auch hier 
nach beiden seiteu hin die menschen fufsend : nur die pfei- 
1er, welche die mauerfläche, auf die er gemalt ist, unterbre- 
chen, unterbrechen auch den Zusammenhang des reigens; 
auch hier die menschen kaum bewegt, der Tod aber fröhlich 
springend oder mit weitschreitenden beinen zum tanz antre- 
tend. Übereinstimmungen, in denen jedoch weder hier noch 
dort ein merkmal der entlehnung liegt: beidemal ward eben 
dem Schauspiel gefolgt, das Schauspiel aber muste in Frank- 
reich wesentlich dasselbe als in Deutschland sein. 

Der lodlenlanz von Lübeck ist lange zeit hindurch, da 
noch ein alleinfacher sinn dergleichen dinge höher achtete, 
ein rühm und stolz der sladt gewesen: er ist sprichwörtlich 

78) noch der grabsteiu landgral' Wilhelm II von Hessen (f IdÜ'J) 
iu der Elisabelheiikirehe zu Marburg zeigt denselben als fleischiges ge- 
ri()j)e, lind doch war hier ein einzelner tüdtcr, nicht der Tod selbst 
«bzubildeo. 



DER TODTENTANZ. ^ 323 

geworden"'"'), er hat vviederholendlich, im fünfzehnten und 
im sechzehnten Jahrhundert, nachahmungen erweckt, er hat 
durch deren vermittelung die ganze bildlichkeit noch mehr 
nach norden hin verbreitet, schon im j. 1496 ward zu Lü- 
beck ein Dodendantz^^) ^ ein zweiter eben da im j. 1520*') 
gedruckt, der erstere noch in zahl und Ordnung der bilder 
näher bei dem, was die Marienkirche an die liand gab, der 
andre mit aller willkürlichkeit ändernd und mehrend , durch- 
aus neugestaltend^"), privatarbeilen , wenn man so sagen 
darf, beide: beide wichen von dem, was in kunst und dich- 
tung öffentlich überliefert war, in eigene freiheit ab und 
übten selbst auch keinen einflufs weiter auf die öffentliche 
kunst und dichtung Deutschlands, doch auf aufserdeutsche 
dichtung hat der zweite von 1520 eingewirkt: es giebt von 
ihm eine theilweis wörtliche nachbildung in dänischer sprä- 
che, die zwischen 1530 und 1540 im druck herausgekom- 
men*^). 

Lübeck hatte den todtentanz in niederdeutscher, andre 
theile des reichs in hochdeutscher spräche : er gieng durch 
die lande und wechselte die mundart und mit land und mund- 
art mehr oder weniger auch die fafsung selbst : gleichzeitig 
geschah dasselbe mit dem leich der geifsler und, die dem 
todtentanz noch näher zur seite stehn, mit den passions- und 
osterspielen *'). wir wenden uns jetzt nach dem oberen 
Deutschland hin. 

Hier begegnet uns dieselbe vierundzwanzigzahl wie in 
Lübeck und begegnen uns der hauptsache nach eben diesel- 
ben personen wie dort in den meiirfachen handschriftlichen 
oder in holz geschnittenen aufzeichuungen des todlentanzes, 
die aus der ersten hallte des fünfzehnten Jahrhunderts sich 
in den bibliotheken zu München und Heidelberg und sonst 

79) he s'uhl üt as de Dod van Lübeck: Liibisctie gescliichten und 
sagen von Deecke 118. 

80) Bruns beitrüge 3, .321 ff. 

81) Mafsniann im Scrapcuiu 10, 30t') If. 

82) den Tod mit der sense, den das kirclienbild nur cininat Jiat, 
haben seine bilder zu wi(;derli()llen malen, und am schlufs ruft der Tod 
ick wyl ijw alle umme mvijm. 

83) Miifsmann a. a. o. 312 IF. 

84) litteraturgeschichte § 76, 38 f. und § 85, 52. 04. 

21* 



324 DER TODTENTANZ. 

noch erlialleii iiaben ^^). dieselben personen : nur ist die 
reihe der geistlichen und welllichen Würdenträger noch um 
den Patriarchen , den erzbischof und den grafen vermehrt, 
dem edelmanne ist noch die edelfrau, dem kinde die multer 
beigesellt, Jüngling und Jungfrau dagegen sind weggelafsen, 
und an ihre stelle und die des carlhäusers , des Wucherers, 
des capellans , des amfmanns und des küsters sind die klo- 
slerfrau, der betller und der koch getreten : im ganzen wie- 
der vierundzwanzig; aber der regelmäl'sige Wechsel zwischen 
geistlichen und welllichen ist aulgehoben. noch wesentlicher 
jedoch weichen in zwei andern punkten diese bücher von 
dem todtentanze zu Lübeck ab. den Zwiegesprächen des 
Todes mit den menschen geht in ihnen, gleichfalls gereimt, 
noch eine kurze vermahnung vorauf, die einem prediger in 
den mund gelegt wird^*'); eine zweite der art macht den 
schlufs ; ja die eine handschrifl fügt noch eine dritte hinzu. 
allerdings nun mag, wie in Spanien die danza general ein 
predicadoi' , in Frankreich die danse Macabre ein docteiir 
oder VacUmr eröffnet und auf dem bilde von !a Chaise-Dieu 
ein prediger beginnt und schliefst , das gleiche bei den auf- 
führungen des deutschen Schauspieles vorgekommen, es mag 
der sonst bei dramen übliche praecursor hier ebenso ge<;en 
eine person von mehr geheiligter gcslalt und rede passlich 
vertauscht worden sein, wie es geschieht, dafs s. Augustinus 
oder engel das cingangswort von osterspiclen sprechen ^^) 
und der pabst das schlufsvvort eines frohnleichfiamsspicles^^); 
allerdings auch hat dieses wort des pabsles ganz die predigt- 
weisc , und überhaupt lag die predigt dem geistlich -ernsten 

8ä) die eine liandsclirift zu Heidelberg fügt den deutschen versen 
noeli eine lateiiiiselie Übersetzung bei. vgl. die Baseler todtentanze 
von MarMnann , Slullg. 1817, 102 f. 120 11'.; dazu in Steindruck die 
bilden aus Heidelberg, wie zu dem hier gegebeneu texte sich die hand- 
schrifl des herrn lüiiipitsch zu Wien vom j. 1501 verhalte, wird aus 
der kurzen angäbe in Mones anzeiger 8, 21 1 nicht ersichtlich: die niit- 
gelhcilten eingangsworlc weichen ab. 

86) iu der so eben erv\ühnten handschrifl von 1501 sogar goll dem 
herrn selber: dvr cwij^c gol spricht Nu i'r menschen^ hallet niciii ge- 
bot u. s. vv. 

87) IMones Schauspiele des mitleiallers 1, 72. 2, 33. 

88) Mones altteutsche Schauspiele 101. 



DER TODTENTAiNZ. 325 

draina so wenig fern, dafs man das spiel von der liinimel- 
fahrt Mariae auch innerhalb mit wiederholten reden der art 
aus dem munde der apostel diirchflechten und an einer stelle 
derselben ^'•') noch einen eigenen praedicator einschalten 
mochte : diese predigten aber des deutschen todtentanzes sind 
so zum mindesten, wie sie vor uns stelin, offenbar schon der 
spräche und dem versbau nach ein jüngerer zusalz, sind erst 
im fünfzehnten Jahrhundert , während das übrige um hundert 
jähre älter ist, hinzugedichtet worden, und was das wichtig- 
ste, sie nehmen nicht auf eine lebendig sich bewegende 
Schaustellung, sondern auf das gemälde, auf die ßguron be- 
zug, die man hier vor sich sehe, hier also wie zur glei- 
chen zeit in Frankreich handschriflmalerei des todtentanzes, 
und dieser selbst in seinem texte theilweis auf die bilder 
eingerichtet, doch fehlen die bilder in den handschriflcn •'*'): 
es mochte sich, da man dieselben fertigte, nicht gleich der 
rechte maier dazu linden ; nur zwei ganz in holz geschnit- 
tene bücher geben sie, denkmäler der holzschneidckunsl von 
einem alter wie wenige mehr, die bilder siellen aber nicht 
wie das in der kirche zu Lübeck einen zusammenhangenden 
reigen dar: sie lösen denselben, was in einem buche nicht 
wohl anders angieng und deshalb in jenen Lübecker drucken 
und den drucken der danse iMacabre ebenfalls geschah"*), 
was auch die dichtung selbst mit ihrer einlheilung in lauter 
gleiche stücke von rede und gegenrede wohl zuliefs , ja for- 
derte , sie lösen den reigen in die einzelnen lanzgruppcn auf 
und geben blatt für blalt nur je ein paar von tanzenden, den 
Tod mit einem menschen; zu der eingangs- und der schlufs- 
rede aber, an denselben stellen wie dort zu la Ch;use-I)ieu, 
ist der prediger abgebildet, vor ihm pabst und kaiser, könig 
und Cardinal, die ersteren sitzend, die letzteren stehend, 
schön sind die bilder nicht, aber woiil mehr durch die schuld 

89) atlt. sctiaiispiele 42. 

90) zu vergleiclien der jiliysiologiis zu Wien, der auch auf bilder 
verweist ( Ftolfinauns fundgrul)en I, 28) und platz dafür läfst, aber iiin 
leer läfst: die von Karajan in den Deutschen sprach-denknialen des !2n 
jahrh. herausgegebene Umarbeitung in reime hat die bilder. 

91) ob auch bereits in dem Wandgemälde von Paris, ist nicht mehr 
zu wiPsen ; la Chaiso-Dieu vereinzeil die paare nur zufällig, nicht mit 
absieht. 



326 DER TODTENTANZ. 

des holzschneiders, der sich hier in einer noch kaum geübten 
kunsl versuchte, als durch schuld des handschriftmalers, dem 
er gefolgt ist. die heisere mcinung des maiers schimmert 
überall noch durch das harte holz hindurch , in den lustigen 
Sprüngen des Todes und den bittren scherzen, mit welchen 
er hie und da seine länzer fafst, wie wenn er z. b. bei ent- 
führung der mutter deren flatternden kopfpulz sich autgesetzt 
hat. die bekleidung mit dem grabtuche, die in Lübeck durch- 
geht, kommt hier nur einige mal vor, wie in la Chaise-Dieu, 
und während dort nur ein Tod, der an die spitze gestellte, 
die pfeife bläst, kehrt hier, wo der reigen sich vereinzelt, 
die pfeife des Todes in drei tänzerpaaren wieder, und aufser- 
dem noch andere tongeräthe so geräuschiger art , der dudel- 
sack, die tromrael, die pauke, eine bedachtlosigkeit, dafs 
die gleiche person als spielmann und als tänzer erscheinen 
mufs. 

An die zwei bisher besprochenen auffafsungen des deut- 
schen lodtentanzes , die niederdeutsche zu Lübeck und die 
hochdeutsche der holzschniflwerke , schliefst sich eine dritte 
gleichfalls hochdeutsche, die zufällig zwar in einem unzwei- 
felhaft älteren denkmale, als wenigstens die holzschnitle sind, 
auf uns gekommen, in gehalt und gestalt aber ebenso un- 
zweifelhaft jünger ist als sogar diese: der todtenfanz im 
Klingenthal , einem ehemaligen frauenklostcr der kleinstadt 
Basel ^^). leider ist derselbe, und nicht blofs durch die Un- 
gunst der zeit, solch einem zustand der Zerstörung en (gegen- 
geführt worden, dafs wir von seinen bildern nur noch wenig, 
von seinen reimen gar nichts mehr würden zu sagen wifsen, 
wenn nicht in den sechziger jähren des vorigen Jahrhunderts 
ein kunstsinniger Uasler bürgcr, Emanuel Bnchel der bäcker- 
meister, alles, was damals noch zu sehen war (und dessen 
war diunals noch ebenso viel als jetzt nur wenig), sorgsam 
nachgemalt und abgeschrieben hätte ''^J. Biicliel nun hat über 

92) melireres von dieseni kioslcr in meinem aeademisclien projjramm 
über Walllier von Hiingen, slifter des Klingenllials und minnesänger, 
Basel 18 45. 

93) aus diesem jetzt der ötTenllicIien kunstsanimlung einverleibten 
werke sind die reime und bilder des klingentbalisclien todtenlanzes 
entnommen, wie Mafsniann bei'le in seinen Baseler todtentiinzen, 
Stuttg. 1847, veröHenllicIil bat. 



DER TODTENTANZ. 327 

einer der figureii, über dem grafen , noch die Zeitangabe ge- 
lesen üusse?it. ior dri hutiterl vnd a'ij\ das tausend und die 
hunderte so mit buchsfaben, die zwölf so mit zilTern bezeich- 
net, man mag die richligkeit dieser letztern zahl in anstand 
ziehen, sie kann verwischt oder unvollständig gewesen sein : 
aber das vierzehnte Jahrhundert steht fest"'), während für 
den Lübecker lodtentanz das gleiche nur allerdings wahr- 
scheinlich, die zeit aber, aus der jene handschriften und 
holzschnitte stammen, mit gewissheit erst die vordere hälfle 
des fünfzehnten Jahrhunderts ist. und dennoch ist die form, 
in welcher man das Schauspiel vom todtentanz an die wände 
des Klingenthaies geschrieben und gemalt hat, eine jüngere 
und erst eine abgeleitete : denn sie ist deutlich aus einer 
Verschmelzung der zwei einfacheren hervorgegangen , die zu 
Lübeck und in jenen handschriften und holzschuitten vor uns 
siehn: sie hält zugleich die personen fest, die blofs dem 
Lübecker, und diejenigen, die blofs dem todtentanze der bü- 
cher eigen sind: sie hat mit letzterem den patriarchcn , den 
erzbischof, den grafen, die edelfrau, den beltler, den koch, 
die mutier gemein, und doch auch mit dem ersleren den 
wuchrer, den vogl, den waldbruder, den jüngling, die Jung- 
frau; nur der carlhäuser, der capellan und der küsler, welche 
Lübeck hat, die handschriften aber nicht, fehlen ebenso im 
[iiiugenlhal. dafür sind , wie die Heidelberger holzschnitte 
zu dem arzle noch den apotheker fügen, zwei andre perso- 
nen hier noch vermehrfacht : neben dem betller oder krüppel 
kommt noch der blinde, und an den ])lalz des einen bürger- 
meislers oder Juristen der älteren texte rücken drei liguren 
dieser art, der Jurist, der fürsprech und der schultheifs. 
aufserdem noch treten ohne irgend welchen älteren anlafs 
einige personen erst hier hinzu, der pfeifer, der herold , der 

94) Heinrich von Nördlingen , der, wie aus seinen biiefen sicii er- 
giebt, viel mit den noniien im Klingenliial veikehrle, war zu Basel in 
den jaiiren 1338. 1339 und 1347 oder 48 ( beiträ^te zur valerländi- 
sclien gescbiclite, iierausf^egeben von der liistor. gesellscliart zu IJasel, 
2, 13G ff.): dürfte sein scbon oben aiigelübries vvort von dem zum 
tanz des lebens pfeifenden Jesus Christus als eine bindeutung auf den 
zum tanz des lodes pfeifenden Tod im Klingenthaie gedeutet werden, 
so läge darin eine bestdtigung mehr für den frühzeitigen Ursprung 
dieser bilder. 



328 DER TODTENTANZ. 

narr, die begine, der Jude, der beide d. b. Mobammedaner 
und die hcidiii: erweilerungen , die dem todtenlanze ibeils 
noch ein beslinimteres glaubensgepräge verleiben, ibeils, in- 
dem sie auch die niederen stände zahlreicher in niilleiden- 
scbaft zogen , der ganzen dicbtiing etwas von ihrer democra- 
tischen bitterkeit benehmen sollten, durch jene Verschmel- 
zung der beiden älteren texte und zugleich diese neuen Zu- 
sätze ist die menge der personen, die ursprünglich mit einer 
gewiss nicht zufälligen noch bedeutungslosen abgrenzung nur 
24 betragen hatte , hier auf die nichts bedeutende ungerade 
zahl 31 angewachsen. 

Also auch zu Basel und schon im vierzehnten Jahrhun- 
dert ein todlenlanz. wenn es nöthig ist, aufser der allge- 
meinen Stimmung des volk.es und der richlung seiner kunst 
noch besondere umstände aufzusuchen, die der örtlich nähere 
anlafs solcher maierei gewesen seien , so bietet sicli deren 
gerade für Basel eine lange , das ganze Jahrhundert durch- 
ziehende reibe dar, im j. 1314 eine pest, an welcher vier- 
zeben tausende starben, und darauf hungersnotb bis zu gräueln 
der verzweifelung, 1349 der schwarze tod, der noch schreck- 
licher Avütete, 1356 am Lucaslage das erdbebcn , und wie- 
derum erdbeben und seuchen noch in späteren jähren^"'), es 
ist jedoch auf dergleichen bestimmtere einzelanläfsc schon 
deshalb weniger gewicht zu legen, weil dieser todtentanz 
durchaus nicht den character eines öffentlichen erinnerungs- 
zeichens hat, wie mit den umzögen am s. Lucasfage''^; ein 
solches bezweckt war : sein platz sind die abgescblofsenen 
und schwer zugänglichen räume eines klosters , die doppelt 
unzugänglichen eines frauenklosters. und zwar ist es an den 
wänden des kreuzganges angebracht, desjenigen theiles der 
gebäulichkeiten, den nian überall gern mit bildern schmückte, 
und dessen aussciinu'ickung mit bildern des lodes schon die 
nähe der gräber empfahl, die innerhalb seines umfangs lagen, 
es geht aber hier dem todtenlanze selbst noch eine scene 
voraus, die bei dessen aulTülirnng, falls sie nach gewohnbeit 
in oder vor einer kirclic geschah , auch gar wohl mag vor- 
gekommen sein : vor einem beinbause mit aufgehäuften schä- 

95) Ochs geschichle d. slailt ii. lanJscIiart I5ascl 2, 1, 22. 02. 1)7. 
yO) Ocbs a. a. o. 19ü. 



DER TODTENTANZ. 329 

dein stehn zwei Tode, beide blasend, der eine aufserdem 
noch mit der art von trommel, die man im millelalter su//iber 
nannte"'): solche figuren mochten das spiel, wie auch sonst 
im beginn eines dramas sich musik vernehmen liefs"^), eröff- 
nen und dann mit Iromniel und pfeife den tanz begleiten, 
von eben diesen kann man sich auch die worle gesprochen 
denken, die als inschrifl über dem beinhause stehn: Hie i-icht 
got noch dem rechten, die lierren ligen bi den knechten, 
nü merket hie bi, welcher her oder knechl gewesen si. 
sodann die tänzer, und zwar wie in den vorher erwähnten 
holzschnittwerken lauter einzelne paare, nicht wie zu Lübeck 
ein gesammelter reigen, obschon die lange und ununterbro- 
chene fläche der wand die darslellung eines solchen wohl 
gestattet hätte : die beschaffenlieil des gedichtes liefs den 
maier auch hier die theilung wählen, von den figuren der 
tanzenden hat die des Todes überall den geringeren kunst- 
werth; nicht ihrer häfslichkeit wegen : auf jene sanfte Schön- 
heit, weiche der Grieche dem Tod, dem bruder des Schlafes, 
lieh, konnte und woUle man jetzt nicht ausgehn; aber hier 
mangelt dem Tode selbst die rechte characteristik , und Lü- 
beck und die holzschnilte leisten darin heiseres : er macht 
nicht sowohl den eindruck des grausenhaften als den des 
matten, erscheint nicht sowohl beinern als gleichsam ledern 
weich, tanzt auch eigentlich nirgend, sondern macht nur mit 
schlaff gebogenen knieen einen ansatz wie zum laufen, mehr- 
mals pfeift und einmal trommelt er noch selbst wie in den 
holzschnillen , und ebenso kommt auch hier zu mehreren 
malen das umgehängte grabtuch vor. selten nur humoristi- 
sche einzelnheiten , fast nur bei der edelfrau und bei dem 
kinde : hier wie dort hat der Tod aus seinem tuche eine 
kopfverhüllung nach weiberart gemacht, und schaut nun so 
der edelfrau über die schultcr hinweg in den spiegel, in wel- 
chem sie selbstgefällig sich erblicken möchte , und fafst das 

97) vgl. frauciidiLMist 125, 20 dar ntlch ein hulrhliiscr slitoc einen 
siimbcr lueistevli'ch gennoc. 

'J8) primo igiltir pemone ad Ivca siat ci/m insiruincnlis niunirali- 
bus et clangore tubarum sollanipintcr deducantur Ficliards Frankf. 
archiv 3, 137. die zwen liornbldser Moncs scliausit. des iniMeiallers 
1, 185. 



330 DER TODTENTANZ. 

kind, als solle es ihn für die iimller halten, bel'ser geralhen 
als der Tod sind die figurea der menschen , befser im aus- 
drucke, bcfser auch in der Zeichnung, der patriarch und die 
edellrau haben schönen fallen vvurf; namentlich aber ist die 
Jungfrau in gestalt und gewandung ein fast vollendetes kunst- 
werk und erinnert an den adel der antike, solcher gelunge- 
nen theile wegen würde man gern den namen des maiers 
Avifsen, dem wir die ganze lange bilderreihe zu danken haben, 
man kann jedoch nur so viel errathen, dafs er nicht in Basel 
noch in Basels nähe daheim gewesen sei, sondern am Nie- 
derrhein: das zeigen die sprachlormen, in welchen er die 
verse schreibt, am Niederrheine lüftete die kunst der maierei 
schon damals freier ihre schwingen, und in dem benachbarten 
Westfalen, zu Minden, ward im j. 1383 ein bild gemalt, 
welches nah an den todtentanz und besonders an eine so 
eben ausgezeichnete scene des Klingenthaies rührte, ein fah- 
nenbild, auf der einen seite ein königlich geschmücktes weih 
mit einem Spiegel, darüber vafiüas vanitatum , unten die 
Jahrszahl 1383 und am rande deutsche reime, auf der andern 
der Tod mit der sense und wiederum deutsche reime ^^). 

Die deutschen todlentanzbilder und ebenso die französi- 
schen sollten nur eine allbeliebte schauspieldichtung festhal- 
ten und veranschaulichen : die folge dieser Unterordnung ist, 
dafs sie lediglich auch nichts weiter geben als eine reihe von 
einzelheiten , die alle einander gleichartig und blofs nach 
äufserer schicklichkeit gerade so geordnet sind, eine reihe, 
die nach zufall und willkür beginnt und endet, aber sich zu 
keinem einigen ganzen abschliefst, nicht einmal, was doch 
nahe gelegen hätte, zu einem ganzen nach reliefart. denn 
dafs auf dem Lübecker gemählc alle figuren sich die bände 
reichen, macht daraus noch kein ganzes, giebt ihm keine 
cinheit, ist keine composilion. und doch wären die maier 
sowohl dieses todtentanzes als dessen im lilingenthal einer 
mehr künstlerischen behandlungsweise vielleicht nicht unfä- 
hig gewesen, dafür scheint im Klingenthaie das schon 
mannigfaltiger zusammengesetzte bild zu sprechen, welches 

99) Hilscliers besclircibiing d. totlleii-taiitzes — in Drefsderi, Dresd- 
11. Leipz. 170."), 12. iiacL eben demselben lÜ f. u. 91 auch anderswo 
dergleichen lulinenbildcr. 



DER TODTEMTANZ. 331 

dem tanze voransieht, die zwei Tode vor dem gebeinhause, 
dafür in Lübeck , falls dieser theil des gemäldes schon ur- 
sprünglich ist, die hmdschaft mit der ansieht der Stadt, die 
hinter dem reigen als gemeinsamer grund sich ausdehnt, 
weder das eine noch das andre war durch worte des ge- 
dichts gefordert : im übrigen aber folgten sie diesem und 
musten sie ihm folgen, und da wiederholte sich mit jedem 
schritte die gleiche beengung. das darf man nicht aus den 
äugen setzen, wenn man nicht den abstand zwischen diesen 
deutschen bildern und einem berühmten italiänischen dersel- 
ben zeit und nächst verwandten inhaltes zu grell finden soll, 
ich meine den Iriumph des Todes von Andrea Orcagna, ei- 
nes der vorzüglichsten unter den Wandgemälden, welche die 
bogenhalle des Campo santo in Pisa schmücken"''^*), es wird 
dieses bild durch einen hohen, bis in den Vordergrund rei- 
chenden felsen in zwei hallten getheilt. auf der linken seite 
bewegt sich ein jagdzug zu pferd und zu fufse , an seiner 
spitze drei künige; ihr fröhlicher ritt wird durch drei sarge 
gehemmt, in denen drei leichen, ebenfalls fürstliche perso- 
nen, oflen da liegen, umspielt von schlangen und die eine 
schon fast in ein gerippe verwandelt, ein gebeugter greis, 
der heil. Macarius, steht dabei und deutet den anblick mit 
ermahnenden worlen aus ; gesiebt und gebärde der könige 
und ihres gefolges zeigen grausen und betrübnis und reuiges 
insichgchn. im hinlergrund felsige und begrünte höhen mit 
den thieren der wildnis und einsiedlern , den genofsen des 
Macarius. also wieder im gemälde wie schon oben in ei- 
nem französischen bild werk die legende von den drei lodten 
und den drei lebcndiMi königen , hier aber an einen heiligen 
eigennamen angeknüpft, während diese hälfte des bildes den 
tod in seiner bufseweckenden macht vorführt, gewahren wir 
auf der andren den wellsinn, der dahinlebt in allen freuden, 
unbesorgt um den lod , welcher den freuden schrecklich ein 
ende machen und den sünder einer ewigen strafe überliefern 
wird, unter blühenden und fruchlbeladenen Orangenbäumen 
weilt eine gesellschaft jugendlicher männcr und frauen , die 
zeit sich kürzend jnit gesang und spiel und heileren gcsprä- 
chen. sie gewahren uiclil, wie durch die lüfte der Tod auf 
lüO) Andrea Orcagna slarb 1389. 



332 DER TODTEiNTANZ. 

sie herabrauschl, eine grausige weibsgeslalt (denn die Ilalia- 
ner sagen la morte) mit fliegenden haaren, fledei'raausfliigeln, 
dunklem drathgeflochtenem gewande und, dem Saturnus nach- 
gebildet, einer sense. schon hat sie, während lahme und 
blinde vergeblich um erlösung aus diesem leben (lehn , einen 
häufen vornehmerer darniedergemäht, männer, weiber, geist- 
liche , rilter, könig und königin, und engel und feufel eilen 
herzu um die in kindesgeslalt entschwebenden seelen**^*') theils 
dem paradiese, theils der höUe zuzutragen, deren eingang 
hinten die feuerspeiende ölTnung eines berges ist*"^). hier 
haben wir denn fieilich composition , hier kunst in der dar- 
stellung der gedanken von tod und weit, und der zwiespäl- 
tige gegensatz, in welchem dieselben scheinbar noch darge- 
stellt sind, findet alsbald seine einheit in dem gemiit des 
beschauenden, aber hier war auch der maier an kein ge- 
dieht nach art des deutschen todtentanzes gebunden : er durfte 
selber schaffen, selbst anordnen, und allerdings kam ihm 
auch zu gute, d;ifs überhaupt die kunst in Italien damals 
schon weiter gediehen war als in Deutschland , dafs er ein 
Italiäner und so schon von natur mit drang und befäliigung 
zu höherem künstlerischem bilden begabt war. die Wahr- 
nehmung desselben Unterschiedes zu gunsten Italiens drängt 
sich uns auf, wenn wir bei Vasari "'^) von jenem fastnachts- 
zuge lesen , den einst zu Florenz Piero di Cosimo angeord- 
net hat, zur zeit als die 31ediceer verbannt waren, im j. 
1433. ein grofser, von büffeln gezogener wagen fuhr ein- 
her, ganz schwarz und mit todtengebcinen und weifsen kreu- 

lÜI) die Seele als kind : vgl. Otlocar cp. 444. Mones anzeiger 8, 021. 

102) deutlich bloTs eine naclialiiiiung dieser zweiten liiiirie von Or- 
cagnas liiide ist der triuniph des Todes, den Antonio Cresceuzio an 
eine aufsenwand des Spedale gi'aiide zu Falerjno gemalt hat: vgl. 
darüber Kin jähr in Italien v. Slahr 2, 100. nur reitet hier der Tod 
und schielst mit plVilen, von dcu pfeileu des Todes späterhin noch 
einmal; das pferd, das auch in der danse Macabre mehrmals vorkommt 
und auf Dürers holzsehnitt Hitler Tod und Teufel, kann mythischen 
wie biblischen anlafs haben: apocal. 0, S. J. (irimnis mythol. 8015 — 
805. über den triumph des Todes von Ilieronynius Bosch, der sich zu 
s. lldcfonso in Spanien befinden soll, weifs ich aufser dieser augabe 
nichts. 

1ü:{) opere (l'irenzc 1822) 3, 55 — 57. 



l)El\ TODTENTANZ. 333 

zen bemall; auf ihm stand rieseiiliafl der Tod mil der sense, 
umgeben von zugedeckten grähern. von zeit zu zeit aber 
hielt der aul'zug still : ein dumpfer posaunenstofs ertönte, die 
gräber ölFnelen sich , die todten stiegen heraus, männer näm- 
lich in schwarzer kleidung mit weils darauf gemalter abzeich- 
nung des gebeines, und setzten sich auf den rand der gräber 
und sangen, das lied begann dolor , pia/ito e pcnitefizia, 
und weiter kamen, mit anbringung eines durch die Jahrhun- 
derte und namentlich auch in Deutschland oftmals wieder- 
kehrenden Spruches '*'''), die verse darin vor ?norti s?'am, 
come vedete: cosi inovti vedrem voi. fummo giä comi voi 
setc ; voi sarcie come noi. vor und hinter dem wagen rit- 
ten todte auf abgemagerten pferden, jeder mit vier ihm gleich 
verlarvten dienern, welche schwarze fackeln trugen und eine 
grofse schwarze fahne mil kreuz und todlenkopf "'^). zehn 
ebensolcher fahnen beschlofsen den zug. und so bewegte 
sich derselbe vorwärts, indess alle mit zitternder stimme das 
miserere sangen, gewiss, ebenso weit als jenes bild zu Pisa 
an belebter mannigfalligkeit, an einheit, an kunst die bilder 
in Basel und Lübeck und zu la Chaise-Dieu überlridt, ebenso 
weit dieser florentinische fastnachlszug den tanz der todten, 
wie man ihn in Frankreich und in Deutschland spielte. 

Richten wir den blick wiederum nach letzterem lande, 
hier zeigen uns Lübeck und das Klingenthal in Basel und 
die holzschnittwerke wesentlich stäts die gleiche schauspiel- 
dichlung, nur dafs im Klingenthal dieselbe weiter und reicher 
als sonst ausgeführt, zu Lübeck aber deren echte gestalt fast 
durchweg gegen eine spätere Überarbeitung, die kürzere 
Strophe der wechselreden gegen eine von acht zeilen ver- 
tauscht ist: noch aber spricht z. b. das kind in Lübeck 

104) siis sprechcnt, die da sint begraben, bcidiu zen alten unt zen 
knaben ' daz ir da si't, daz wäre wir; daz wir nii s/n, daz werdet ir^ 
Freidauk 22, 18. über dem beinliaus in Manuels todlentanze hie Ugend 
also iinsre gebei/i. zu uns hür danzend, groj's und klein, die ir ie/z 
sin, die waren wir. die wir ictz sind , die werdeii ir. andre stellen 
bei Mafsniann int Scraiteuni 8, 1157 f. und l)ei \\illi. Grinini über Frei- 
dank 51). 

lOr») ist die laline mit dem Todesbild zu Minden und sind die ihr 
älinliclien anderen bilderiubnen urspiünglicli ebenso wie diese zu Flo- 
renz verwendet worden? 



334 DER TODTExNTANZ. 

ganz so zum Tode wie an den andren orten : o Dot, ico 
schal ik dat vorsfan? ik schal danssen und kan nicht 
ghanl die Lübecker reime und bilder haben nachahmungen 
in niederdeutscher spräche herbeigeführt : auf ähnliche weise, 
jedoch selbständiger, ordnet sich neben die holzschnitte und 
das Klingenthal noch ein zweiter hochdeutscher todtentanz, 
gleichfalls ein druckwerk (die erste seiner mehrfachen aus- 
gaben mag schon um 1460 erschienen sein)*"^), gleichfalls 
in achtzeiligen absätzen des gespräches, aber so, dafs gleich 
die ersten eingangsworte fast noch lebendiger als irgend sonst 
den eindruck eines aufführbaren und aufgeführten dramas 
machen. Wol an wol an ir henken vnd knecht Springet 
her hy von allem gesiecht fVie iunck ivie alt wie schone 
ader kriij's Ir ?n/(/set alle in difs daritz hufs. den vier 
blasenden Toden, welche das beigefügte bild als die Sprecher 
dieser worte bezeichnet (schon auch erheben unter ihnen 
drei todte sich zum tanz), folgt zunächst ein todter auf der 
bahre, den wieder andre umspringen, einer dazu noch trom- 
melnd ; Alle menschen dencken an mijch Vnd hüden vor 
der icerlt st/ch Ich hafte viell gutes vnd was in eren Golt 
und sylber hatte ich tzu vertzeren Nu hyn ich inn der 
iciirme gewalt u. s. w. hierauf 37 paare der tänzer, zuerst 
der Tod und der babst und so fort die übrigen geistlichen 
und gelehrten, cardinal, bischof, ojßcial, diimherr, pferr- 
ner, cafpellan, apt und art^^t; dann die weltlichen, kaiser, 
konig, herczog , graue, ritter , iunckher, icapendreger, 
rauber, Wucherer, burger, hantwercksinan, iungeling, das 
iunge kindt, wirt, spieler, diep, der böse vwnich, der gude 
monich, bruder, doctor, burgermeister, rather, vorsprech, 
schriber, nonne, burgerin, iunckfrauwe, kauf man; zuletzt 
wie in der spanischen danza general "*') noch todte von 
allem staidt: Nv kämmet her fürt von allem stait JVelych 
hyc vor difser dantze nyt en halt. Vwer ist vyll ich by?i 
alleyn Doch überwinden ich uch alle gemeyn Vwer tzyt 
ist kommen yr müfset sterben Langer tzyt mogent yr ?iyt 
erwerben Synt yr gottes frunde das ist uch gilt Ist das 

106) Mafsm.inn im Serapuiiin 2, 134 11". icli lial)e das meusebacbi- 
scbc exeniplar (von 1470?) auf der bibliotliek zu Berlin benutzt. 

107) lo que dice la Muerte a los quo iion iiombro : Ticknor 2, Ö12. 



DER TODTENTANZ. 335 

///// so fürt yr in der hellen ghiil; und nach deren anl- 
wort die schhifsrede des Todes (im bild ein beitiliaiis) : 
Merckent vnd gedenkent ijv menschen gemeijn Hi/e Ifjgent 
geheync grofs vnd kleyn Welchs syn man frauwe ritter 
oder knechl Hye halt sych tzii lygon yedermnn recht 
Der arme hy dem rychen der knecht by dem herrn — 
Welcher auch sy der geweitigst an synem gewallt Der 
drett herfüre er sy Hing oder alt — Nil buwe auch eyn 
yederman off dyssze werll Vnd sehe an yr siiberlychs vnd 
snodes geizellt Der kerner ^^^) ist yfs genant Dar inn so 
kommen wyr gar tzii hant Goit ivoille das wyr also dar 
in kommen Das yfs komme vnfseren seien tzu frommen. 
auf den bildern steht bald der Tod nur vor dem menschen 
bald tanzt er vor ihm , bald auch ergreift er ihn mit zum 
tanze 5 immer ist er zugleich gerippt und fleischig- und fast 
immer mit irgend welciiem tongeriithe versehn, mit trompete, 
dudeisack, orgel, geige, harfe, triangel oder Schellenklapper, 
beim kind mit einem kinderspiel, einem slab mit einer Wind- 
mühle darauf, zuweilen (auch dies für die öflentliche Schau- 
stellung ein wohl tauglicher schmuck) kommen wappenbilder 
vor, beim pabst und beim kaiser die schlüfscl und der doppelle 
adler auf dem banner der trompete , welche der Tod bläst, 
beim könig und beim gralen l'ahnen, welche sie selber halten, 
mit den französischen lilicn und d(;n liirschhörnern Würtem- 
bergs, dem wappenträger aber führt der Tod sein eigenes 
Wappenschild entgegen , einen todlcnkopf und darüber zwei 
gekreuzte todtenbeine. 

Jenes wappen in der fahne des grafen mag auf den ersten 
Ursprung des gedichtes weisen : andre eigenheiten weisen auf 
einen Zusammenhang mit der französischen danse Macabre 
hin. nicht die drei lilien in der fahne des königs : der kö- 
nig von Frankreich stand dem deutschen mittelalter wie er- 
klärlich an der spitze alles königlhums: so tritt derselbe 
schon bei Wernher von Tegernsee in dem osterspiele de 

108) (las beinhaus, mittellat. earnarlum, ahd. charndri, iiilid. iilid. 
charnflrc kariicr ^vriifr: Sclniieller 2, 06. 330. Riiol. 2()(), 1. iiiinncs. 
2, 333 I) (wo V. d. Hipien die lesart gerner f^egcti die scliwerlich bes- 
sere kcrenter vertauscht hat). Icseb. 3, 1, 456 f.; gcrnerhtifs iiar- 
renscliiir 134. 265. gernerbcin ebd. 185 



336 DER TODTENTANZ. 

advenlu el interitu Anlichrisli aiif'"^), und wo Nicolaus von 
Strafsburg von einem reichen und mächtigen könige zu spre- 
chen hat, spricht er jedesmal von dem von Frankreich*'"^, 
sondern einmal die anordnung der länzer, welche das ganze 
in zwei reigen iheilt, einen geistlichen und einen weltlichen: 
anderswo in Deutschland sind beide stände, in Lübeck sogar 
mit regelmäfsiger abwechslung gemischt; in Frankreich aber 
trennt der todtentanz von Paris und ebenso der von la Chaise- 
Dieu auf ähnliche weise, wenn auch nicht die stände, so 
doch die geschlechler *"), noch mehr aber an einzelnen stel- 
len , beim kinde , beim kaufmann, die Übereinstimmung der 
Worte *'^). rechnet man hiezu noch den auffallenden umstand, 
dals der lateinische todtentanz von Petrus Desrey*'^), den 
man gewohnt ist als eine Übersetzung der danse Macabre zu 
betrachten, gleichwohl auf dem titel von deutschen versen als 
seiner urform spricht ( choren ab ea'imio Macabro vei^sibus 
alemanicis edita et a Petro Desroy emetnlata) , so könnte 
deutsches Selbstgefühl daraus wohl den schlufs ziehn, es sei 
für die danse Macabre aus unsrer deuts';hen dichtung ge- 
schöpft, erst von Deutschland aus sei der todtentanz nach 
Frankreich gebracht worden, indess würde so nur Über- 
eilung folgern, denn es wäre alsdann nöthig anzunehmen, 
dafs 3Iacaber der name eines deutschen dichters, dafs diesem 
deutschen dichter zunächst die lateinische chorea nachge- 
ahmt und erst aus der chorea die danse Macabre über- 
setzt sei. Desrey hat jedoch nicht früher als unter Karl 
VIII und Ludwig xii gelebt, während die danse Macabre aux 
Innocens zu Paris bereits im j. 1425 vorhanden war. liie- 
nach kann das durchgängige zusammentreiren der danse Ma- 
cabre und der chorea nur so, wie man es von jeher gelhan 
hat, aufgefafst, für die wenigen stellen aber, wo jene auch 

10<») l'ez Uicsaur. aiiecd. 2, 3, 185 If. 

HO) Pfeiirers deutsche mysliiier J, 2(5:5, 36. 2(J7, 34. 288, I, 302, 13. 

111) unter deu ausgaben der dause Macal)i'e entiiäll die erste, von 
1485, nur noch die niänner, die von l-'SSti nur die weiber, nuinner und 
weiber beide zuerst die \ou 14'J9: Malsinann im Serapeum 2, l'Jl- 
iy3. 195. 

112) Malsmann a. a. o. 2, 188. 8. 132, 

113) Pariser ausgaben von 1 il)0 und H'.tD : Mursniann Serap. 3, 
193. 196. 



DER TODTENTANZ. 337 

rail dem deulsclieii lodlcntanze ztisainnieiilriüt , niiils sie als 
das Vorbild betrachtet, miils aiicb in diesem falle neben tau- 
send anderen enl lehnung aus Frankreich angenommen wer- 
den. Macaber als diclitername ist wie das ebenso auf fran- 
zösisch vorkommende Machabj'e^^^) lediglich ein misverstand 
des genitivs Macabre , Macltabaconim , und auch in den 
versibus alemanlcis liegt sicherlich blofs irgend welches mis- 
verständnis. oder soll man den ausdruck so, wie Goldast es 
versucht hat*''), deuten? er fügt hinzu id est, in niorem 
ac modos n't/wiorum Gi'vmam'coruin co/z/positia : die verse 
der französischen Urschrift seien von der art gewesen, wie 
man auch auf deutsch zu dichten pflege , verse mit blol'ser 
silbenzjihlung und mit reimen. 

So hatte sich das Schauspiel des Todes in nur zwiefa- 
cher geslalt über Deutschland ausgebreitet : mannigfaltiger 
als seine worte wechselten die bilder, die man ihm beigab, 
wo man es an die wände schrieb oder es in bücher schrieb 
und druckte : die bilder waren an jedem ort, in jedem buche 
neu und andre: sie kamen erst später und immer nur gele- 
gentlich und überall nur im Verhältnis der Unterordnung zu 
den Worten hinzu, darum heilst auch die zuletzt bespro- 
chene dichtung auf dem litel ihrer allen drucke der doten 
dantz mit ßguren. indess noch in demselben Jahrhundert 
wendete sich das Verhältnis, bereits jene handschriflen und 
holzschniltdrucke zeigen uns das Schauspiel auf die liguren 
zugerichtet und damit die letztern zur hauptsache , die verse 
des erstem aber zur beigäbe, zur erklärung, zur blofsen 
Überschrift und Unterschrift gemacht, und das war nicht 
wohl möglich, wenn das Schauspiel als solches noch in all- 
gemein lebendiger Übung war. wirklich auch ist von etwa 
der mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, von derselben zeit an, 
da sie in Frankreich noch die cliorea IMacliabaeorum spiel- 
ten, für Deutschland keine spur und kein grund zu der an- 

114) in Pariser liandscliriflcii der ilaiise Macabre als uanie des den 
eingaiig sprecheiidea docleur: Jubinal 19. 

115) in dem neuen abdruck der cliorea {Exiinii Macabri sjirculiiin 
c/iorcac morlimruin u. s. w.) hinler seiner ausgäbe des S|i(Miilmii 
oiunium slatuum lolius orbis terrarum auct. Roderico episcoiio Zaino- 
rensi, Ilanov. 1G13, 231 ff. 

Z. F. D. A. IX. 22 



338 DER TODTENTANZ. 

nähme mehr vorhanden , dafs der todtentanz noch aufgeführt 
und in andrer weise sei vor äugen gebracht worden als 
durch bild und schrift und druck. um so überraschender 
ist es , wie gleichwohl in einem allbekannten spiele der Ju- 
gend noch bis auf den heutigen tag sich ein nachklang jejier 
alten Schaustellungen erhalten hat. in dem lext derselben, 
wie ihn die handschril'ten und holzdrucke geben, nennt das 
kind den Tod einen schwarzen mann : ein swai^zej" man 
ziuht mich da hin; und unsre kinder haben ein fangspiel, 
wo eines nach dem rufe fürchtet ihr euch cor dem schwar- 
zen mann? und nach der antwort we//^ den übrigen entgegen- 
läuft und so viele es vermag aus ihnen herauszugreifen und 
damit sich beizugesellen sucht: ganz der Tod, der aus dem 
versammelten reigen einen nach dem andern wegführt und 
dessen schaar sich dadurch fort und fort vergröfsert. 

Also, abgesehen von diesem kindlichen Überrest, seit 
dem fünfzehnten Jahrhundert keine aufführung des lodten- 
tanzes mehr in Deutschland , ja überhaupt fast keine dich- 
tung mehr, welcher in Selbständigkeit diese anschauung den 
inlialt gäbe, desto häufiger aber seitdem die bilder, und 
nun sind es diese, die von ort zu orte wandern: die verse 
gehen nur noch zur begleilung mit; und die bilder bleiben 
dieselben, während die verse sich ändern müfseu , ja ver- 
schwinden; oder es tritt eine ganz frische uraschöpfung 
der bilder ein, und damit vielleicht auch eine ganz frische 
gedichtheigabe. an der spitze aber all dieser orte und des 
ganzen neuen gliederreichen geschlechtes der todtentanzbilder 
steht Basel, steht als mutter und ahnherrin der todtentanz im 
Klingenthaie. 

Die nächste, vielleicht auch die erste Wanderung trat 
er von KIcinbascl lierübei" nach Grofsbasel an, vom kreuz- 
gange des Kliiigenthals an die kirchhormauer des prediger- 
klosters. die liauplanliiise dieser verpllanzting liegen nah: 
das frauenklüsler im liliugcnllial stand unter besonderer pllege 
und aufsieht der j)redigerm(inclie '"7 und daher mit denselben 
im engsten, vielleicht in täglichem verkehr; die mönche aber 
rausten es wünschbar finden, dafs eine bilderreihe von so 
allgemeiner eindringlichkeit nicht so wie dort den äugen der 

116) mein VValtLer v. Klingen s. 18 f. 



DER TODTENTANZ. 339 

menge dennoch entzogen bliebe, dafs vielmehr eben solche 
bilder anch an dem Zugang ihrer kirche angebracht und da 
eine beständig fortwirkende unlerstiitzung der predigt und 
eindrucksamer als schrift und wort eine belehrung der laien 
würden : denn zumal in diesem veriiallnisse pflegte das mittel- 
alter den bildlichen schmuck der geheiligten räume auFzu- 
falsen*''); damit lehnte man auch den Vorwurf des bilder- 
diensles ab*'^) möglich ist, dafs ein weiterer anstofs die 
grofse pest gewesen, die im j. 1439, nachdem schon wäh- 
rend des Jahrs vorher eine schwere theurung geherschl hatte, 
auch Basel ergriff und da ihre Verheerungen unter der biirger- 
schaft wie inmitten des versammelten concils anrichtete*'"), 
es möchte jedoch vorschnell sein, deswegen, wie man wohl 
ihut, die anfertigung der bilder auf eben dieses jähr 1439 
zu beraumen, zwar aus dem fünfzehnlen Jahrhundert sind sie 
gewisslich : ein gegenbeweis , aus den costiimen etwa ^~^), 
kann mit Sicherheit nicht geführt werden, da auch im mitlel- 
alter die gröste wandelbarkeil der trachten gegolten hat und 
z. b. die mieder der frauen, die schnabelschuhe, die zwie- 
f'ärbig getheilten kleider in öfterem Wechsel auf- und wieder 
abgekommen sind; und hier wird die Unsicherheit dadurch 
noch vermehrt, dafs die bilder im verlaufe der zeit mehr- 
fache ummalungcn haben durchmachen müfsen , bei denen 
schwerlich jede einzelheit der ursprünglichen costümierung ist 
geachtet und festgehalten worden, noch aus dem fünfzehnten 
Jahrhundert sind sie gewisslich, kaum jedoch älter als aus der 

117) erniahnungen der Leiligen kiiclie durch schrift und gollcs- 
dienst und bilder: Taiilcr (Frarikf. 1820) 1, 288 f. alter gebrauch in 
Italien, dafs die prediger lange pergauicntstreifen vor sich liegen hat- 
ten, deren eines ende die ihnen nülhigen forinelri und gebcte enthielt, 
während auf den andern herabhängenden theil bilder für das unten zu- 
hörende volle gemalt waren; bläller der arl noch zu Iloin und Pisa: 
Rumohrs italiän. forschungen 1, 2't5. kirchengemälde die heil, sciirifi 
der laien: prcdigtstelle in Mones anzeiger 8, Cill. ^ot hdl den Icicn 
g'cgebcn — driu biiock — . dei' himel ist der bi/orhe einez. — daz 
ander buorh ist dnz ^emwlde — . duz drille buocit ist pj'affcn leben 
u. s. w. Heidelb. hs. 341, I8i b. c 

118) vgl. z. b. in Gregors d. gr. brieten 9, 1Ü5. 11, 13. 

119) Ochs 3, 277 ff. 

120) wie das Fischer versucht, über die entslehungszcil iinii den 
nifister des Grofsbasler todlentanzes 15 f. 

22* 



340 DER TODTENTANZ. 

mitte desselben : denn es haben bei ihrer Übertragung vom 
Klingenthal zu den predigern schon die bilder der Trüber er- 
wähnten bandschriften und holzscbnittdrucke sichtlicbeu eiu- 
flufs ausgeübt, die älteste jahrszabl aber, welche man für 
diese letzteren nachweisen kann, ist die zahl 1443. 

Übrigens ist dieser lodtentanz zu predigern ebenwie der 
im Klingentbale der Zerstörung, ja er ist einer gänzlichen Ver- 
nichtung anheimgefallen, im j. 1805, nach langer Verwahr- 
losung, nachdem zuletzt sogar ein seilermeisler längs der 
mauer sein gewerb getrieben, hat die obrigkeit dieselbe nie- 
derreifsen lafsen , bei nacht, weil sie doch den Unwillen der 
bürger scheute, einzelne stücke wurden dabei noch von 
freunden der alten kunst geborgen : sie linden sich jetzt fast 
alle in der Öffentlichen kunstsamraluug vereinigt ; das ganze 
aber, die bilder sammt den reimen , ist nur noch in den 
kupferstichwerken der alten Meriane, Johann Jacob und 3Iat- 
thäus'"'), und zuverläfsiger, weil keine, selbst unabsicht- 
liche Verschönerung mit unterlief, in der abbildung wiederum 
von der kunstfertigen und getreuen band Emanuel Bücheis 
aufbewahrt , die ebenfalls jetzt in unserer öffentlichen samm- 
Inng liegt ^~^). die häuser, denen gegenüber sich einst die 
bemalte mauer hingezogen, heil'sen immer noch am todtentanz. 

Wir haben nunmehr die bilderreihe selbst des näheren 
zu betrachlen. es sind, im ganzen nur wenig geändert, die- 
selben bilder als im Klingenthal. auch hier wie dort 39 paare 
und ebenso geordnet: hinter dem beinhause der pabst, der 
kaiser u. s. f. ; blofs palriarch und crzbischof sind wegge- 
lal'sen, und dafür ist hinter den könig noch die königin, hinter 
dem herzog die herzogin und als letzte gestalt noch der ma- 
ier selbst hinzugefügt, eine person, welche dem todtentanze, 
solange er noch als drama galt, natürlich fremd gewesen; 
aufserdem ist an die stelle des fürsprechen der rathsberr, an 
die der begine der krämer gerückt, nnd kind und mutter 

121) .loliaiin Jacobs seit 1()'>I, Matlbiius des ältein seit 1G49: 
s. MürsiiKiiiii im Scrapeuiu 'i, 175 11'. 

\'>'l) nach Hiieliei die hilder, zuiii tbcil uucli der lext in de» Ba- 
seler lodteiitünzeii vuu Marsiiiaiiii und mit allerii.iud äiideruiigeu und 
Zusätzen die später zu Basel lierausgekoninienen sleiuzeicbnuugen von 
Hieionymus Hels, ia danse des inoi'ls ä Basle. 



DER TODTExNTANZ. 341 

sind in eine Vorstellung vereinigt, die geistlichen Herren 
moclilen ihren stand nnveriiältnisniälsig stark vertreten lin- 
den ; kaum aber hätten sie den patriarchen und den erz- 
bischol" und die begine beseitigt, wenn die pest von 14;^.) 
den hauplanlars der nialerei gegeben hätte : denn gerade bei 
dieser war der tanz ancli an mehr als einen wiirden- 
Iräger der kirclie gekommen, solchen abänderungen in be- 
treff der tänzer gesellten sich noch zwei aulserlialb liegende 
Zusätze, bilder, von denen das Klingenthal nocii nichts ge- 
wnst hatte, die aber hier vor den beginn und hinler den 
schlui's noch angereiht wurden , an den beginn und noch vor 
das beinhaus ein prediger, an den schlufs sodann Adam und 
Eva mit der schlänge, ähnlich der todtentanz von la Ch.iise- 
Dieu ; nur ist hier der siindenl'all schicklicher ganz an den 
anfang gesetzt, und so halle es wohl der baslerische maier 
auch geordnet, wenn jene französischen bilder, worauf die 
erste Vermutung fallen möclile, ihm das muster gewesen 
wären; statt dessen schlofs er mit der ursach alles todes, 
dem siindenfaile , weil ihm zuletzt noch freier räum übrig 
blieb und etwa ein geistlicher des klosters ihm mit nach- 
träglichem ralhe zur band gieng; den prediger aber entlehnte 
er aus einem bandschriftbilde oder holzschnitt, wie deren 
gegen 1450 schon in umlauf waren: die composition dieses 
geniäldes , der prediger auf der kanzel und vor ihm pabst 
und kaiser, könig und königin, cardinal und bischof, aber 
auch leule niederen Standes, ist deutlich dem ersten bilde 
der holzschnittwerke von Heidelberg und München nach- 
geahmt, es fehlt auch sonst nicht an beispielen , wo die 
malerci eines kirchlichen und gerade solch eines kirchlichen 
raumes sich angesclilol'sen hat an die bihler eines buches: 
um nur das namhafteste nocJi zu vergleichen, die berühmten 
glasgemälde in dem kreuzgang(; des kloslers Hirsau waren 
stück für slück aus der biblia pan|)eniin enludmiiien ''"'). 

Fafscn wir- nach diesci' bctraciihMi" des "iuizcn nun 
auch die einzelheiten ins äuge, so erweist sich uns darin 
überall der forlschritl, den die kiinst \\iihren(l des Jahrhun- 
derts gemacht halte, das zwischen den inaicreien im Klingen- 
Ihal und dieser ihrer nachbildung in tirofsbasel liegt, die 
12 3) Gesscrls geschiclili; der glasinalerci 123. vgl. 118. 



342 DER TODTENTANZ. 

beschräukung zwar auf je zwei tanzende, den Tod und einen 
menschen, ist gehlieben, und ebenso im wesentlichen die auf- 
falsung derselben: aber innerhalb dieser grenzen geht alles 
weit über das urbild hinaus, im lilingenthal sind alle umrifse 
noch mit breiten schwarzen strichen bezeichnet, und die ma- 
ierei giebt uns, mit geringem farbenweclisel, eine gleich- 
tönige auslüUung derselben : im predigerkirchhof ist solche 
einfachheit und armut längst schon überwunden , der maler 
freut sich an wechselnder mannijjffaltigkeit der färben und an 
ihrer abstufung durch licht und schatten, die Zeichnung ist 
berichtigt und die gebärde zu treffender characleristik belebt, 
der Tod ist beinerner, rippiger, obschon auch hier kein ganz 
entfleischtes gerippe , mit einziger und wohlangebrachter an- 
nähme bei dem arzte, den ein skelet auffordert die anatomie 
zu beschauen; seine Stellung entschiedner als im Klingen- 
thal die eines tanzenden und sein verhalten gegen die men- 
schen reicher als dort an humoristischen ziigen. namentlich 
kehrt das hier öfter wieder, dafs sich der Tod in höhnisch 
vertraulicher weise mit irgend einem bezeichnenden eigen- 
thume des menschen schmückt, den er davon führt, so trügt 
beim cardinal auch er einen cardinalshut, beim ritter einen 
hämisch , beim arzt eine salbenbüchse , beim narren eine 
kappe mit eselsohrcn und schellen 5 dem verkrüppelten betller 
tritt auch er mit einem stelzfufs entgegen, dem pfeifer hat 
er die geige weggenommen und spielt ihm vor. bei den- 
jenigen menschengestalten, die schon im Klingenthal gelungen 
waren, ist der abstand des künstlerischen werlhes minder 
grofs ; die Jungfrau steht sogar hinter der des Klingenlhales 
um manchen schritt zurück, eine figur jedoch überrascht 
wahrhaft durch die treffende auffafsung, die ihr geworden, 
nämlich die des koches , im Klingenlhal eine der character- 
losesten, hier ein feister mann mit behaglichem angesicht und 
gelüftetem gewande, damit ihn weniger schwitze, nun ist 
freilich schwer zu entscheiden, wie viel von all dem lobe 
auf die rccimiing des ersl(Mi malers und oh nicht gar alles 
auf die rechnung eines sjiätcrn falle, denn, wie bereits be- 
merkt, auch dieser todlentanz ist wiederholendlich übermall 
und ausgemalt worden; die liaupterneueruiig geschah im 



DER TODTENTANZ. 343 

j. 1568 durch Hans Hug Kluber*'*), von ihm denn wird 
auch die Ölfarbe herrühren und vielleicht erst dainil jene 
vollkommene farbengebuni; : die ällern bilder waren sicherlich 
nur in walserlarbe ausgeführt , gleich denen des Klingen- 
Ihals. und wohl auch er, und nicht schon der ältere maier, 
hat den sclilufs der ganzen reihe dahin abgeändert, dafs in 
dem letzten bilde nicht mehr die mutter ersclieint, sondern 
der künstler des ganzen werkes, und deswegen nun im 
vorletzten, anstatt des kindes allein, die multer mit dem 
kinde. denn die multer, besonders aber der maier selbst in 
der spanischen modetracht des sechzehnten Jahrhunderts sind 
unverkennbare portrailbilder, und nicht blofs eine freilich jün- 
gere Unterschrift bezeichnet sie als die contrafacluren Hans 
Hug Klubers und Barbarae Hallerin seiner hausfrau, sondern 
auch die verse, die dem Tod in den miind gelegt sind, nen- 
nen schon denselben namen : Hons Hug- li///hef% laß malen 
slolm u. s. f. es wäre zu umsländlich, lieber zu vermuten, 
dafs Kluber auch liier ein älteres bild nur auf sich umgemall 
habe: vielmehr scheint die ganze hinzufiigung des maiers 
erst dem Berner lodlentanze von Nicolaus Manuel abge- 
sehn, zumal auch die ähnlichkeit der an beiden orten beglei- 
tenden verse von der art ist, dafs die kluberisclien sich als 
eine nacliahmung derer zu Bern erweisen, im übrigen isl 
es den versen ebenso wie den bildern ergangen: es sind die 
alten, es sind die des Klingeulhals, aber so, wie das fünf- 
zehnte und mehr noch das sechzehnte jalirhunderl sie nach 
dem model seines geschmacks und ungosclimacks, nach sei- 
nem Verständnis und misverständnis geglaubt hat umändern 
zu sollen, frische züge, die gleichwohl innerhalb des kreises 
der echten alten anschauungen bleiben, werden damit nur 
ausnahmsweise herzugeführt, beim grafen etwa, wenn nun 
der Tod zu ihm spricht hcrr graj\ geht mir das bottc/i- 
hrot^^^'), oder wenn der Tod beim namen Durrlhig- genannt 
wird ''*"'). zuweilen auch (denn jetzt waren ja die verse 
zur blofsen eiklärung geworden) ist die änderung nur um 
des bildes willen und nach dem bilden gemacht, so z. b. bei 

124) iiu'lir ii!)L'r diescMi in Marsiniiritis U.isclcp liKlIciiliinzcii \'l W. 

125) der Tod als hole pnlles: iiiylhol. 7'J9. 
120) \^\. Dün-bein ii. dffl. mytliol. 812. 



344 DER TODTENTANZ. 

der edelfrau. sie und ihr über die scluilter der Tod schauen 
in den Spiegel, dazu im Klingenlhal diese worte des Todes, 
dnnzcn , fraw, noch üwereji sin , bis de pfif ein ton ge- 
win: si hat i'or^^^) frawen vi.l betrogen, die al der tot 
hin hat gezogen; und diese der edelfrau, ich so/t haben 
?nötes vi/, seh ich for mich der freuden spil. des tödes 
pfif mich min ^'^^) bezivingt; sin ^^'^) danz/eit hie gar grü- 
lich klingt, in Grofsbasel aber, nun mit beziehung auf den 
Spiegel, welchen das bild zeigt, vom ade/ froiv, last ewr 
pflanzen ^^^): ihr vrüjset jetzt hie mit mir tanzen; ich 
schon nicht eivers geelen haar, loas seht jhr in den 
Spiegel dar? und sie o angst und nohtl wie ist mir 
bschehenl den Tod hab ich im spiege/ gsehen. mich hat 
erschreckt sein grewlich gstalt, dafs mir das herz im leib 
ist kalt, oder bei dem blinden, im Klingenlhal ist er ein- 
fach mit einem hiindchen an der schnür gemalt: eigentlich 
aber sollte er gemalt sein mit einem führenden weib oder 
mädchen. denn der Tod sagt da kum, blinder! du miist 
ietz mit mir an dinen dank, das sag *^*) ich dir. ich wil 
din füerer iezen sin : dor um vurlofs din füererin ; und 
der blinde es ist mir yemer ach und ach , icie wo/ ich 
min füererin nie gesach, das du mich da von teilt tringen, 
die ich volhoimet^^'^) mit singen. in Grofsbasel schneidet 
der Tod die schnür des hundes durch , und nun die verse 
dein wegzeiger schneid ich dir ab. tritt sittlich: fällst 
mir sonst ins grab, du armer blinder alter stock in dei- 
nem bilden bletzten^^'^) rock; und er ein blinder mann ein 
armer mann sein tnus und brot nicht gwinnen kan. 
könt nicht ein tritt gehn ohn mein hund. gott sei globt, 

127) bei Bücliel //Vr. 

128) d. Ii. miiine; Biicbel viyn. 
12fl) bei Büchel Ein. 

130) iiJUinzrn (vgl. litt, gesell. § 3, 18) wird iiainentlich vom her- 
auspulzerMleii (irdiien des baars gebraucht : Uhlands voliislieder 105. 366. 
Schiiieller 1, 329. 

131) sa'^ fehlt bei Büchel und auch bei Mafsniann; die verwischte 
stelle, die im urbilde vor dank gewesen, ergänzen beide Ain viinen. 

132) bei Büchel vol/iernnt. nach Stalder 2, 55 hei Pst hoi-nen wei- 
nend ein starkes gesehrei erheben, vov singen fehlt etwa noch wi'm. 

133) bletzvn, plc/znn flicken, noch jetzt mundartlich. 



DER TODTENTANZ. 345 

(lafs hie ist die stitncl. solche beispiele zeigen deulliehcr 
als alles, in wie veränderter Stellung gegen friilierliin die 
reime des todlenlanzes sich zu den bildern desselben jetzt 
befanden. 

Der Übergang aus dem Klingenthal nach dem prediger- 
kloster ward für die fernere gescliichle des todtentanzes ent- 
scheidend, denn eigentlich erst hier, wo die gemälde sich 
dem täglichen anblicke der kirchgänger und der bewunderung 
einheimischer wie fremder frei dahingaben , konnte der Tod 
V071 Basel ein aufgesuchtes Wahrzeichen der Stadt und ein 
Sprichwort des volkes *^*) und damit der anstofs werden, 
dafs solche art der verbildlichnng jetzt noch allgemeiner gäng 
und gäbe und noch öfter und an noch mehr orten beliebt 
ward, als schon bisher geschehn. zwar die dichtkunst, sie 
allein oder als die hauptsache, befafste sich damit nur wenig 
mehr, ein beispiel folgende verse, die zu anfang des sech- 
zehnten Jahrhunderts auf die innere seite eines buchdeckels 
sind geschrieben worden ^'^'') , bruchstücke vielleicht eines 
gröfseren gedichtes. 

fVer bistu den jch hie sieh ; 

ai/ier gestalt so ei'seJü'öckenlieh 

Ich inuoj's heij ineiiicr trete ver jehenn 

greiefsJieher ding hau ieh nie gescehen 

sein^^*') jinbliek hat mieli so gar geletzt ^^') 

Das Jch bin aller ehrajft entsetzt 

Ich hab goj'ochlen menngen tag 

das mir inei/n viaotl nie erlag 

als scijt ich harn yn dise Nott 

Ich main du snjest der bitter todt 

134) vgl. (las li(Ml in den Schweizer liülireilien und vollcsliedern 
V. WjTs (1820) 91 ; sn schi'idrig ivii; der Tod im Basler tudctanz He- 
bels werke (18;$Ü) 1, 177; alle schaiidi-r der natur, der Tod von Ha- 
sel nnd der Neid von WciJ'senJeh PliUens werke (1848) 4, (iO. 

135) das buch ist in v. d. Ilagens besitz; es entliält aniser dem 
Orendel von 1513 noch mehrere andere bis 1516 reichende drucke. 

136) lies dein. 

137) letzen im sinne von entkräften, scbüdigen hat auch noch Lu- 
ther Jes. 11, 9, man wird nirgend letzen noch verderben auf mei- 
nem heiligen berge. 



346 DER TODTENTANZ. 

Selig ist, der hot gehalden gotz- vnd der ki/rgen geholt, 

vnd in gotzforchi sein leben volbracht hot. 
Ach ich ge sterhenn 

Ja ich hin den alle dinp,- forchl '^^) 

die gott aajf erde ye geworchi 

der vioeht mir keines wir leiderstan 

hierumb so mnestu auch daran, 

Perioden Die leayfs ich wo II 

das ist wen sich zertrennen soll 

Die seil von leib so kam ich gleich 

Jung alt fraw man ar/nb vnd reich 

Die inuessend alle an meinen dants, 

Dein helldnbarten ward nie so sjrlantz 

Das sy mir wider stuondl ije 

JVoll her rnd stirb die stundt ist hie 
Nu volg mir nach 
und daneben am rande 
, e, ]{, gott lafs mich also vnberaijttet nit ersterben 

lafs mich vor deine göttliche hulde ericerben 
, d, t, das er mag nu^^^) nit mer gesein 

jch will dir legen die stoltzigkayt dein 
nicht viel jünger, im j. 1533 oder 1534 zu Antwerpen ge- 
druckt ****), sind die lateinischen hexameler des Eusebius Caii- 
didus , plausus luctißcae mortis, ein wechselgespräch zwi- 
sclien dem Tod und 39 menschen , zuerst dem imperator 
und dem re.v Rhenanus, dann dem pabst und andern geist- 
lichen, darauf wieder weltlichen personen ; als todtentanz 
bezeichnet er sich , wo zum abte gesagt wird chorea sal- 
tabis eadem. 

Das möchten aus der dichfkunst nun die einzigen bci- 
spicle sein : zahli'cich aber sind und immer zalilrcicher werden 

1!}S) sinpnlarisclies zeit" ort pcM-ade auch bei alle ding in IFaiis 
Süclisens coiiiödie die uiigleiclien kinder Evae, act '.\ , alle (li/isf war 
schon zuhereil Ja ncchteii iinib die vrxperzcit , und in lUilands Volks- 
liedern 72."), ddfs alle ding nit gitll als vil und hlib auch bei dem 
reell ten zil. 

]'.\[)) nv unsieiier; statt er mag lies en mag; d, t, l)edeutel der 
Itid ; e, Jl, vielleicht ein Bitter. 

1 iü) hinter einem lateinischen draina von der Siisanna ; daniarlt 
bei Doucc 18-24. 



DER TODTENTANZ. 347 

die, wo sich die bildende kunsl den todlentanz oder ilim zu- 
nächst verwandte anscliauun<;en zum gegenstände nimmt, ich 
erinnere an die bildchen von Hans Baidung Grün (1470 
— 1552), welche die oirentliclie Sammlung zu Basel besitzt, 
zwei weiber vom Tode wie vom buhlen überrascht, anziehend 
durch die Vermischung des grausens mit wollüstiger Üppigkeit, 
und noch einmal liier an jenen holzschnitt in der chronik 
Harlmann Scliedels , die aul'erstehung der todfen mit musik 
und tanz, nun ward auch, nachdem er bisher nur 'gemalt 
und gezeichnet worden, der todlentanz einmal aus stein ge- 
bildet : in Frankreich geschah das häufiger, herzog Georg 
von Sachsen, der schon in der hauptkirche zu Annaberg, 
welche er von 1499 bis 1525 baute, die zehn Icbensalter 
beider geschlechter uiul am schluls jedweder geschlechtsreihe 
hier eine todtenbalire, dort einen schild mit dem geripp eines 
todlen hatte in stein aushauen lalsen'*') und dadurch den 
anlals ähnlicher Wandgemälde zu Leipzig und zu Freiberg '^~) 
mochte gegeben haben, derselbe herzog zierte sein schlofs 
zu Dresden, dessen bau er im j. 1534 angefangen, mit noch 
ernsteren und eindrucksameren zeichen aus , einem todlcn- 
kopf am schlulssteine des thorbogens, einem lodtengerippe 
im giebel, einem lodlentanze längs der mauer des dritten 
Stockwerks. denn der tod war zumal den gütern seines 
lebens wiederholendlich nah getreten, halte ihm schon i'rüher- 
liin sechs seiner kinder und, da eben der schlolsbau begann, 
auch die gattin geraubt, ein grofser brand, der das schlol's 
1701 zerstörte, hat diese Steinbilder alle thcils auch zerstört, 
theils doch beschädigl : noch aber blickt der todtenkopf vom 
thor herab; der todtentanz ist im j. 1721 auf den kirch- 
hof der neusladt Dresden übertragen und dabei durchweg 
wiederhergestellt, in einigen (Iguren, den vier letzten, ganz 
neu gefertigt worden '''"'^). sieben und zwanzig reliefgesl.illen 

141) an den zwei cliiireii über den sacristeien. ausrUlirlielier 
darüber Hilsclier in seiner beschreibunff des todten-tanzes an b. <Ieor- 
gens schlofse in DreCsden, Dresd. u. Leipz. 1705, 32 11". 

142) Hilseber 41. 92. das Leipziger bild war au Aiierbatlis hol, 
auf der seile gegen den neuiiiarkl bin ; am ende der zehn aller sland 
der Tod mit einer S(;blinge. 

143) abbildung in einem bueb von Naumann, der lod in allen sei- 
nen beziebungen, ein warner, Iröster und lustigmaebei-, Dresd. 1844. 



348 DER TODTENTAiNZ. 

von ungefälir lebensgröfse ; die auflafsung und die anordnung 
durchaus neu und eigenlliiimlich. keine paare von tänzern, 
auch kein reigen, an welchem zwischen je zwei menschen 
immer wieder ein Tod gestellt wäre : nur dreimal zeigt sich 
dessen bild, zuerst blasend und hinter ihm pabst, cardinal, 
erzbischof, bischof, domherr, pfarrer und niönch ; dann eine 
Irommel rührend (todtenbeine sind die schlägel) und iiinter 
diesem kaiser, köuig , herzog, graf, ritter, edelmann, ralhs- 
herr, handwerker, landsknecht, bauer, belller und nun auch 
einige weiber, die äbtissin, die edellVau, die bäuerin , dann 
kaufmann, kind und greis ; zuletzt mit niederwärts gekehrter 
sense der dritte Tod. die figuren sind keineswegs unschön, 
sie sind alle mit sauberkeil, einige wie der cardinal, der 
erzbischof, der mönch, der kaiser, der könig auch mit be- 
zeichnuiigsvoUem ausdrucke gearbeitet : aber es fehlt die ver- 
anschaulichung eines eigentlichen taiizes : nur wenige krüm- 
men oder schwingen ihre beine demgemäls ; die meisten gehen 
nur einer hinter dem andern her, und nicht einmal, dafs alle 
einander die bände reichen : sie halten sich auch sonstwie 
an dem Vorderarme fest oder berühren ihn gar nicht. 

Diese bilderreihe zu Dresden mag ihre entstehung zwar 
dem antriebe verdanken, der von Basel aus ergangen war 
und unterhalten ward : im übrigen ist sie eigen und uuab- 
jiäno^i"^. andre werke der art jedoch , und deren mehr und 
namhaftere, ja theihveis hochberühmte, sind auf den todlen- 
tanz von Basel als ihr wirkliches Vorbild gefolgt oder haben 
ihm doch folgen wollen, antheil hieran hat sicherlich auch 
der umstand gehabt, dafs letzterer sich in einem kloster des 
predigerordens befand, eines ordens von einflufs und überall 
hin sich erstreckender Verbindung: kaum nur durch zufall 
ist es wiederholendlich gerade dieser orden gewesen, in des- 
sen kirche , an dessen kirclihöfen der todtentanz von Basel 
unmittel- oder mittelbare naclialimung erfuhr, die dominicaner 
halten, wie zuerst sie die myslik in Deutschland eingeführt, 
so auch und eben jetzt eine vorwaltende neigung zu allego- 
rischer uiul dem verwandter aiilTafsung und darslellung: bei- 
spiel und Zeugnis dessen die schrillen , die über das schach 
und selbst das kartenspiel von dominicanern verfafsf sind **'*). 

144) vgl. meinen aul'salz über das sfliachzabelljucli Konrads v. Am- 



DER TODTENTANZ. 349 

Der zeit nach ziiuächst schliefst sich hier an Basel 
Stral'sburg an, mit den bildern, die noch im fünfzehnten 
jalirluindert an die inneren wände der predigerkirche, der 
jetzt sogenannten neuen, sind gemalt, bei der reformation 
jedoch übertüncht und erst im j. 1824 wieder entdeckt und 
iheilweis wenigstens wieder sichtbar sind gemacht und geiafsen 
worden**''), abweichende behandlung fehlt zwar auch diesen 
bildern von Strafsburg nicht, es sind weder paare , welche 
tanzen, noch ein geschlol'sener rcigen, noch ein aufzug : fast 
überall sind mehrere menschen, wie sie durch stand oder 
alter oder sonst zusammengehören , je in eine gruppe ver- 
einigt und stehen so theils , theils wandeln sie hinler einer 
gemalten reihe von säulen und bogen entlang; in jede gruppe 
springt und greift der Tod hinein um einen daraus oder 
gleich ein paar an seinen tanz zu holen, der Tod wie sonst 
ein mit haut und diinueni fleisch und noch mit dem grabluch 
angethanes gerippc : nirgend aber führt er wie auch in Basel 
ein longeriithe, und ebenso mangelt den gestalten der nicu- 
schen jede weitere, noch mehr bezeichnende, humor und 
ironie noch verstärkende beigäbe: über die kleidung, die ein- 
fache handgebärde und die mitunter hochgelungene gebärde 
des angesichtes geht die characteristik nicht hinaus, den- 
noch hat der lodlentanz bei den dominicanern zu Strafsburg 
von dem bei den dominicanern zu Basel nicht blofs den 
anstofs, er hat auch das mafsgebende muster von daher em- 
pfangen, das wird durch die figurenreichere gruppe, die auch 
hier den anfang macht, den prediger auf der kanzel mit Zu- 
hörern aller stände ihm zu füfsen , und noch unzweifelhafter 
durch mehr als eine figur in eben dieser und in späteren 
gruppen sichtlich , und es würde gewiss noch öfter sichtlich 
werden, wenn man eine gröfsere zahl und folge von bildern 
hätte aufdecken mögen als nur so wenige, ein übelstand, 
der auch verhindert von der anordnung des ganzen klare 
einsieht zu gewinnen. 

Jünger als der todtentanz von Strafsburg, aber in jedem 

inenhauscn in Kurz uud Wcilseiibachs beitragen zur geschiclite und 
lileratur 1, 44. 

145) abbildungen bei Edel, die neue-ltircbc in Slralsburg, Strafsb. 
1825. 



350 DER TODTENTANZ. 

belracht bedeutungsvoller ist der von Bern , bedeutungsvoll 
schon dadurch , dafs hier die eutlehnung von Basel her eine 
volle gewissheit und nirgend verhüllt, dafs hier auch wieder 
einmal die dichtkunst n)it der bildenden verbunden ist, und 
schon um dessentwillen bedeutungsvoll, der ihn gemalt hat; 
Nicolaus Manuel von Bern, ein bekannter, man darf sagen, 
ein berühmter nanie, berühmt als maier, als dichter und als 
Staatsmann, in jeder dieser richtungen seines wirkens ein 
scharf zugreifender vor- und mitarbeiter der kirchenbefser- 
rung, als maier nicht sowohl um Schönheit bekümmert, mehr 
ein freund derber und herber natürlichkeit. dies hat ihn 
denn auch die anschauungen des todtenfanzes mit unverkenn- 
barer begeisterung ergreifen lalsen. er gieng denselben, wie 
uns die baslerische samralung lehrt, mehrfach in einzelnen 
kleineren bildcrn, Zeichnungen wie geniiilden, nach^*"), und 
im zweiten jahrzehend des Jahrhunderts bekleidete er die 
kirchhofmauer des predigerkloslers zu Bern mit einem voll- 
ständig ausgeführten tanz der todfen'"). ganz etwas neues 
war seiner valersladt eine Vorstellung der art nicht: schon 
von dem sladtschreiber Thüring Frickard, dem grofsvater 
IManuels, wird berichtet, dafs er einen altar in s. Vincenzen- 
münster mit kUsllichen gcschnetzten und gemähten tod- 
len, deren ein theil für sich, ihre gsellen und leben- 
dige gutthäter messe Iiielten, hat laßen zieren '*^). Ma- 
nuel aber gieng aus von dem lodtenlanze des predigerklosters 
zu Basel, und behielt im ganzen und wesentlichen all dessen 
giiippen bei ; nur einige liefs er fallen , die herzogin , die 
edclfrau, den Wucherer, den pfeifer, den herold, den blinden, 
brachte jedoch dafür so viel andre neue, den palriarchen, den 
doctor des gcisllichen rechts, den astrologen, den deufsch- 
ordensrittcr, den mönch , den burger, den handwerker, die 
dirne, die witwe, dafs gleichwohl die reihe seiner tanz- 
hildei' auf eine gröfsere zahl kam als die baslerische, auf 
W. mehrere der bezeichneten eiuschaüungen scheint jener 
ältere bilderdruck, der dolendantz mit ligurcn , veranlafst zu 
haben: auch er schon hat den doctor, den mönch, den burger, 

14li)-Mcl;ui.s Maiiuul von Grüiicist-n 17'.t. 18 i. t87. 

147) lilhograpliiertc ablüldung: INilct. Manuels lodteiU.niz, lierii o. j. 

1 i8) Grüncist'u IC)."). 



DER TODTENTANZ. 351 

den handwerksmann ; noch deutlicher aher tritt sein einflufs 
darin hervor, dafs 3IanueI so wie schon er die beiden haiipt- 
stände, geistliche und wellliche persoiien, trennt, zuerst ins- 
gesammt jene vom pabst, dann insgesanimt diese vom kaiser 
an vorführt, während im Basler lodlentanz beide stände bunt 
gemischt durch einander gehn. auch den beginn und den 
schluls des ganzen machte er anders , als in Basel das ge- 
schehen war : den siindenfall rückte er, wie auch passlicher, 
an den anl'ang, schob aber gleich dahinter noch die erlhei- 
iung der zehn j^cbote und die kreuzigung ein ; das schluls- 
bild ward eine grolse zusammengesetzte Vorstellung, ein 
prediger auf der kanzel, den todtenkopf zeigend, der Tod 
als mäder, dessen sense eben ein kind darniedergestreckt 
hat, auf dem rücken kodier und bogen, vor ihm ein grofser 
häufe von gesloi'benen jegliches geschlechts und Standes, alle 
mit pfeilen in der stirn , im hintergrunde ein bäum, von 
welchem der wind sterbende menschen herabschüttelt. der 
prediger war in Basel vorangesetzt; die pfeile des Todes, 
die auch in den druckausgaben der danse Macabre und zu 
la Chaise-Dieu vorkommen '*^) , scheinen so wie sonst auch 
dessen auffafsung als eines Jägers '■'") aus einer bekannten 
psalmenstelle '^') abgeleitet, der bäum aber aus einer stelle 
Jesus Sirachs '■"'^); endlich zu der schaar, die am boden liegt, 

1 41)) zweimal hier der Tod iiiil bogen und pfeil und einmal ein 
menseli , dessen köpf von liiiilen her ein ideil durchbohrt, auch au 
dem früher schon erwähnten Wandgemälde zu Palermo ein pfeii- 
schiefsender Tod. 

150) luylhol. 805 f. in der kirehe zu s. Petrus martyr in Neapel 
ein marmorrelief, der Tod mit einem falken auf der faust, ihm unter 
den füfsen ein häufe menschen , ihm gej^enüber ein gcld anbietender 
mensch; zu jenen spricht der Tod eo so la morte, che caccio sopra 
voi , j'e/ite tnondafta u. s. w. ; der mensch zum Tode tultt ti volio 
dare, se mi laset scampare und der Tod erwidert se mi potesti darc 
quanto si pole dimandare , 71011 le pole scampare la morte se te 
viene la sorte: Douce i*J f. 

151) non liinebis a liinore noelurno , a sagiUa vo/anle in die 
ps. 91, 5. 

152) omnis coro sicut focnuin vcterasect et sicuf foliiim f'ruvli- 
ficans in arbore viridi. alia generantur, et alia deiiciimlur : sie ge- 

neralio carnis et sanguinis alia ßnitiir et alia naseitur ecclesias- 
ticus 14, 19. 



352 DER TODTENTANZ. 

mag wiederum der dolendantz mit figuren anlafs gewesen sein, 
der gleichfalls so mit einem gesammlbilde , mit todlen ron 
allem staidt abschlol's : oder ist gar eine erinnerung an den 
Campo Santo in Pisa, an Orcagna gedenkbar, der auch solch 
eine buntgemisehte gruppe unter die sense des Todes legt? 
Manuel ist in Italien gewesen um 1511*^^). 

Wenn der benierische künstler schon in der anordnung 
des ganzen so beiräch llich von seinem Basler vorbild abge- 
\\ichen ist, so hat er seine eigenheit noch viel mehr in der 
bchandlung der einzelnen theile walten lalsen. er w'iW neu, 
er will selbständig sein; er will nicht den Basler copieren, 
sondern für die Berner malen, darum füllt er den hinter- 
grund mit kühnen bergl'ormen, wie sie von Bern aus und in 
der gegend Berns gesehen werden , und giebt seinen men- 
schen portrailgesichter aus der heimal, fügt sogar jedem, da- 
mit die erinnernng noch verstärkt und bestätigt werde , das 
Wappen der persou bei, die er meint, sein Tod , oder noch 
heiser seine leichen (denn er geht von der eigentlichen per- 
soniücierung des todes so weit ab, dal's er einmal auch einen 
leichnam hinstellt *^*) , sein Tod ist nicht grauenhaft : er er- 
weckt ekel mit den zerzausten haaren an haupt und kinn 
und den noch herunterhangenden läppen fleisches : um so 
gräfslicher macht es sich nun , wie er ausgelafsen springt, 
wie er pfeift und trommelt und mit einer häufung der ton- 
geräthe, wiederum gleich jener im dotendantz, auf geige und 
laute und leier spielt, wie er sich auch hier seinem tänzer 
gleich herausputzt , mit dem heim des edlen oder mit dem 
grünen kränze der Jungfrau, rührend aber ist der Tod beim 
kinde : er bückt sich tief, damit ihm dasselbe an die hand 
reiche, und bläst ihm auf einer kleinen kinderpfeife vor. wie 
des Todes, so sind auch die Stellungen der menschen hier überall 
bewegter , und nicht selten tanzen sie mehr oder minder 

15i5) Gi'üncisen <S7 !'. 

103) aucii ein iiolzsclinilt in einer mir unbekannten predigtsamm- 
lung Geilers von I\aiser.sl)erg, serniones de xxiii cünditioiiibus mortis 
(das a!])liai)et in xxiii prtMlif^cn ?) , soll den Tod als weib, als schwarze 
gerunzelte iVau mit oHenem rächen nnd einem haken in der hand dar- 
stellen , ühnlich also dum bild Orcagnas im Campo sanlo. hier aber 
ward das weibliche geschlocht von der spräche gefordert , in Deutsch- 
land nicht. 



DER TODTENTANZ. 353 

lebhaft mit. und ähnlich dem , was bereits in Stralsburg 
vorgekoniincn , bci^nügt sich der maier nicht überall mehr 
mit den sonst üblichen je zwei liguren : vor dem beinhaus 
slehn vier blasende Tode, weiterhin fallen zwei Tode über 
vier mönche her, und der Juden und beiden ist noch eine 
gröfsere zahl, ganz besonders aber in seinem sinn und sei- 
ner eigensten weise ist Manuel mit der geistlichkeit verfahren : 
auf den bildern, die ihr gewidmet sind, giebt er seinem gan- 
zen gegenpäpslischen ingrimm ebenso als maier freien Spiel- 
raum , wie er es in seinen faslnachlsspielen als dichter ihut. 
gleich der erste, der pabst : vier kämmerlinge tragen ihn auf 
einem reichverzierten sefsel stolz daher : aber die Verzie- 
rungen stellen Christum dar, wie er die kiiufer und Ver- 
käufer aus dem tcmpel treibt, und dann, wie er gegenüber 
den pharisäei'u die eiiebrecherin frei läfst ; und auf den sefsel 
kommt der Tod geklettert und reilst dem pabste die drei- 
fache kröne ab. es ist Avie ein bild aus oder zu jenen fast- 
nachtsspielen. als den letzten von allen hat Manuel sich 
selber porlraitiert, mit einer kühnheit der auffafsung, die 
vom lächerlichen nicht mehr zu unterscheiden ist: er malt 
sich, wie er eben an dem todtentanze selber malt; noch ist 
sein piusel an einem köpfe des zunächst stehenden IVldes be- 
schäftigt: da kriecht, mit der Sanduhr auf dem rücken, der 
Tod herbei und greift iiim an den malstock. nach all die- 
sen beispielen gewollter und gesuchter neuheit niufs es um 
so mehr befremden erregen, dafs eine figur, die des koches 
nämlich, und nur diese eine fast zug für zug übereinstimmt 
mit dem koche des Basler lodtentanzes. soll Manuel hiofs 
hier nichts eigenes vermocht haben? es wird kein irrthum 
sein, wenn man vermutet, auch in dieser eiijzelheit habe 
Manuel nicht von Hasel , es habe vielmehr der spätere bas- 
lerische erneuerer von Manuel eullehnt. schon früher ist für 
noch ein anderes bild ein solches Verhältnis zwischen Manuel 
und Kluber als wahi'scheinlich und ist gerade die figui- des 
koches als eine für den todlentanz von IJasel fast zu gute 
bezeichnet worden, auf eben diesem wege denn mag es sich 
auch erklären, dafs eben wie Manuel so lilubcr einmal den 
Tod in weibsgeslalt auftreten läfst, Manuel heim kaufinann, 
Kluber an einer vermeintlich befseien stelle, hei der königin. 
Z. l\ D. A. IX. 23 



354 DER TODTENTANZ. 

endlich auch in den beigegebenen versen steht Manuel zwar 
unverkennbar auf dem gründe Basels: aber doch ist, was 
er dichtet, wieder ebenso neu und ihm eigen, als was er 
malt, und ebenso nur aas seiner arl die dinge anzusehn und 
zu benennen, übrigens hat die mauer, welche Manuel mit 
seinen bildern angefüllt, schon viel früher als die mauer des 
baslerischen predigerkloslers, schon im j. 1560, den ab- 
bruch erleiden mül'sen ; nur copien der bilder sind noch vor- 
handen, und ein haus, welchem jene mauer einst gegenüber 
gelegen, heifst jetzt noch der todtentanz : beides wie in Basel. 
So selbständig aber Manuel verfuhr und verfahren wollte, 
im wesentlichen blieb er immer noch bei der baslerischen 
und überhaupt der alten weise , führte immer noch den Tod 
vor, wie er keines Standes, des höchsten so wenig als des 
niedrigsten, schont, und führte dies vor unter dem bilde des 
tanzes. anderthalb oder zwei jahrzehende nach ihm sollte 
ein andrer, ein gröfserer künstler, als er gewesen, ein künst- 
ler aus Basel selbst , den gleichen stoll" und das gleiche Vor- 
bild noch einmal zur band nehmen, aber nu>' um zugleich 
die ganze anschauung von grund aus umzugestalten und sie 
endlich in das gebiet wahrhafter kunst zu lüliren. Hans 
Holbein als Basler kannte die todlentänze seiner heimat, 
wenigstens den am prcdigerkirchhof , wohl und muste als 
künstler eindrücke von daher empfangen, aber er hat, so 
angeregt, nicht blofs den kleinen lodleiitanz für eine dolch- 
sciieide, den wir dreimal auf der Basler sammiung sehn , er 
hat auch für den holzschnitt seine linngincs mortis gezeich- 
net^^'), und diese, wie ganz anders erfafsen sie den ge- 
meinsamen, wie gänzlich erneuern sie den alten stofF! es 
sind eben bilder des Todes, es ist kein todtentanz mehr, 
nicht das nur, wie bis auf ihn geschehen, will Holbein zei- 
gen, dafs vor dem todc kein stand, kein alter Sicherheit ge- 
währe: er fafst den gedankcn höher, tiefer, weiter, frucht- 
barer auf, gleich jenem maier in Pisa und gleich dem dichter 

155) abdrücke von 1530 und als buch von 1538 an; dies zuerst 
mit französisclieni tc,\l: Les simtilachres vi historiees faces de la mort, 
(spater auch Les Images de la Muri); dann, seit 1542, auch mit la- 
teinischem: Imagincs de morte, Imagi7ies morlis, Icones mortis, vgl. 
Mafsniann im Scraiieum 1, 245 ff. 



DER TODTENTANZ. 355 

des alten liedes Media vila in morte suinusi sein gedanke 
ist, wie der tod mitten hineinbrichl in den beruf und die 
lust des erdcnlebens. das war jedoch nur darzustellen, in- 
dem der künstler abgieng von der allüblichen zweizahl der 
figuren , imlem er mehrere, viele zur gruppe vereinigte, in- 
dem er ganze abgeschlol'sene bilder componierte und, so klein 
sie auch sind, mit all der zuthat, deren die historische und 
die genremalerei sich bedienen kann, indem er endlich den tan- 
zenden Tod ganz aufgab und denselben sonstwie auf die jedes- 
mal angemefsene weise in das treiben der menschen hinein- 
schreiten und hineingreifen liei's. sein könig (er soll das hildnis 
Franz i, ^uch hier also wieder eines königs von Frankreich 
sein) prangt unter dem thronhimmel an reichbesetzter lafel, zu 
beiden seilen aufwartende diener, unter diesen aber auch der 
Tod, der schon seine sandulir mitten unicr die scliiifseln ge- 
stellt hat und nun dem könig die hergereiclite schale füllt, 
mit dem abschiedstrunke. weiterhin der richter: ein reicher 
mann und ein armer sind vor seinen stuhl gelreten ^ der 
erstere greift in die tasche , die ihm am gürtel hängt, und 
schon streckt der richter die band nach der beslechung aus: 
da entwindet, von hinten an den stuhl gestiegen, der Tod 
ihm den slab, das zeichen seiner würde, bei einer so durch 
und durch gehenden abänderung konnten die Todesbilder von 
dem todlentanze, der zwar den anstofs gegeben, nichts weiter 
festhallen als etwa die wähl und die zahl und die reihenfolge 
der scenen. und selbst diese nur obenhin, dem sündenfalle 
ist noch die Schöpfung, die austreibung aus dem paradiese 
und die arbeilsnoth der ersten menschen beigefügt, und auch 
nachher kommt ein neues und eigenthümlicbes bild um das 
andere hinzu, die schifler im stürme, das ehepaar, die Spie- 
ler, die säufer, die rauher '"*') , der fuhrmann u. s. f., zum 
schlufse das Weltgericht und, ganz so aufgefafst, wie man 
dergleichen für glasgemiilde zu entwerfen pflegte, das wappcn 
des Todes: im Schilde ein todtenkopf, auf dem heim eine sand- 
ulir zwischen zwei knochenarmen, die einen stein oder eine 
erdscholle tragen, auf den seilen als schildhaller ein mann 

156) diese drei zuerst im j. 1547: H. Holliein von Uct;iier 319. 
den räuber und den spielen hat vor lloibcin schon der dotendantz mit 
figuren. 

23* 



356 DER TODTEMANZ. 

und ein weib. man hat ^^') die letzlereu für Holbein und 
seine gattin , das ganze also für ein bild des nialers ansehn 
"wollen, wie ein solches die todlentänze von Bern und Basel 
schliefst : doch scheint die portraitähnlichkeit zu fehlen , die 
älteste, deutsche, dem probedrucke des hoizschnitls beige- 
gebene Überschrift*^^) bezeichnet denselben nur als das Wap- 
pen des Todes , und auch die französischen und die lateini- 
schen verse der späteren, mit 1538 beginnenden buchaiisgaben 
deuten in keinerlei weise auf maier und malerin. ein wappen 
des Todes aber kommt, wie bei mittelhochdeutschen dichlern 
des Todes zeichen, abgebildet schon im dotendantz mit figu- 
ren vor, und Sebastian Braut beschreibt es so im narren- 
schifF: der recht schilt ist ein dolen hein, dar an iviirni, 
schlangen , /{rotten nagen : das woppen heiser, buren tra- 
gen^'''^). neu und eigen ist endlich auch (doch kann mau 
fragen, ob auch dies gerade eine bel'serung sei), dafs hier 
der Tod mit seltenen ausnahmen als vollkommenes gerippe 
dargestellt ist, ganz nur aus nacktem gebein bestehend, 
gleichwohl hat der kiinstler selbst in den enifleischfen Schä- 
del sUils ein characteristisches mienenspiei zu legen gewust. 
einmal auch hier bei der kaiserin , ein weiblicher Tod. die 
gedichtbeigabe, welche die imagines mortis so gut als ihnen 
voran der todlentanz gefunden , hat zuerst auf französisch 
Corrozet, dann hieraus übersetzend auf lateinisch Georgius 
Aemilius verfafst. 

Ein Seitenstück der imagines gewähren diejenigen bil- 
der des Todes, mit denen Holbein zur Verwendung im buch- 
druck die grofsen anfangsbuchstaben beider alphabete, des la- 
teinischen und des griechischen, verziert hat, dem ähnlich, 
wie es von ihm auch zwei andi-e alphabete mit kinderspielen 
und mit tanzenden bauern giebt, noch mehr aber an die 
todtentanzbilder erinnernd, die man in Frankreich schon seit 
dem j. 1488 gern auf den rand der gcbelbüchcr setzte"^"). 

157) Hfguei- 320. Fischer über die eiitslehuiigszeit und den mei- 
sler des Grol'sbasler todlenlauzes s. li). 

158) Serap. 1, 247. 

159) s. 235 der aus{j. Slrobels. 

lOü) bibliograjibiselic nacliwcisungen MafsinuiHis im Serajieuiii 
2, 212 ir. 



DE1\ TÜDTENTANZ. 357 

in solcher art geben z. h. die ojjicin quolidiana sivo hörne. 
h. Mariac, die im j. 1515 zu Paris bei Tliielniann Kerver 
gedruckt sind , liinter einander &(S menscliliclie goslalten ; 
jede mit einem Tod zur seite und bei jeder einen hexanicter, 
welchen der mensch sprlclit; die niänner, ihrer 26, gehn 
voran, die weiber Folgen; innerhalb beider gesc-Iilecliter wech- 
seln , so lange es durchzuführen ist, geistlicher und welt- 
licher stand, aber au(;h die buchstaben Holbeins (ich kenne 
sie aus den abdrücken der Basler Sammlung) enthalten keinen 
todtentanz, sondern wiederum scenen nach art und sinn der 
imagines , nur, wie der sehr beschrankte räum es forderte, 
einfacher comj)oniert; und so nahe schliefsen sie an die ima- 
gines sich an, dal's sie eigentlich nur einen anszug aus den- 
selben liefern, von deren 41 bildcrn diejenigen 24, welche 
dem künsller als die hauptsächlichsten erschienen sind , und 
selbst die reihenlolge ist i)eibehalten. 

Ich mul's an dieser stelle eine Streitfrage berühren, welche 
schon alt, aber vor kurzem wieder ist angeregt worden, 
durch die von Friedrich Fischer"") neu aufgeworfene be- 
hauptung, Hans Holbein sei nicht blofs Zeichner der imagines 
mortis und der Todesalphabete , er sei auch der maier des 
todtentanzes von (irofshasel gewesen, als beweis hiefür wird 
theils eine vormalige Überlieferung, theils das costüm, theils 
die sonstige Übereinstimmung beider werke, theils die künst- 
lerische Vollendung angeführt, die sich in den bildcrn des 
todtentanzes zeige, ich kann mich zu der behauptung und 
den beweisen nicht bekennen. maiereien wie diese ver- 
mochte auch der, in dessen erncuerung und ummalung wir 
das werk allein noch kennen, vermochte auch Hans Hug 
Kluber wohl zu leisten, zumal wenn er nicht anstand ge- 
legentlich dem ßerner Manuel nachzuahmen; das cosfüm spricht 
eher gegen als für die behaii|)lung : denn im todtentanz ist 
es noch durchweg eine mittelalteiliche, in den imagines mortis 
die jüngere spanische fracht; dafs aber auch in allem andren 
nur unierschied sei, nicht Übereinstimmung, das ist eben vor- 
her schon ausgeführt worden. wie hätte jemals derselbe 
künsller dort einen todtentanz malen können , noch ganz in 

10!) in der sclion oben angefülirlen sclirift über die cnlslebungs- 
zeit und den meisler des Grofsbasler todtentanzes, Basel ISill. 



358 DER TODTENTANZ. 

der allerliüinilichen beschränktheit des gedankens und der 
darsfellung, und hier l'iir den holzsclinilt, wo die gleiche be- 
schränkung viel verzeiiilicher gewesen wäre , dennoch bilder 
zeichnen von solchem reichlhuin des gedankens und der kunst, 
bilder, welche vor allem gar kein todtenlanz mehr waren? 
wie hätte Holbein, der so grolses selbst vermochte, sich 
dennoch zu einer arbeit verstehen können, die wesentlich 
nichts als eine copie war, eine copie des todtentanzes in 
Kleinbasel? wenn es somit schon aus inneren gründen 
unlhunlicli ist, jener behauptung, so verlockend sie auch 
sein mag, beizupflichten, so bringen äufsere umstände die 
Sache vollends zur cntscheidung. Manuel, dessen todten- 
lanz eine nachbildung des baslerischen isl, hat denselben zwi- 
schen 1514 und 1521 gemalt"'-); Holbein aber ist erst 1520 
zünftig geworden ^''^) , ist von 1517 an mehrere jähre hin- 
durch gar nicht in Basel gewesen '*'*) : soll ihm also schon 
vor 1514, da er noch nicht zwanzig, da er erst sechzehn 
jähr alt "^^) und jedesfalls noch ohne zünftige berechligung 
war, soll ihm da schon eine arbeit von solchem umfang und 
solcher bedeutung und zumal eine so öfTentliche übertragen 
worden sein? und wir haben gesehn, dafs, als der todten- 
lanz von Strafsburg gemalt wurde, der zu Basel schon muste 
vorhanden sein : für den von Slrafsburg aber ist das fünf- 
zehnte Jahrhundert unbestritten und unbestreitbar. 

Allerdings hat man auch ehemals und lange genug den 
glauben gehegt, dafs der todtentanz am prcdigerkirchtiof zu 
Basel von niemand geringerem gemall sei als von Hans Hol- 
bein, und es ist ein überraschendes zusammentreffen, wie ein 
spuk mit demselben namen , mit Marcus Holbeen aber, sich 
beim todtentanz von Lübeck wiederholt*"^): doch war jener 
wahn lediglich durch lalschungen veranlafst, die leider in Basel 

102) Gi'iiiieiseti WM. 

163) Marsmaiins Basler lodlenliiiize 8'2. 

164) Hegner 117. 

165) sein gelmrLsjalir ist 1498 : Hegner 35. 38. 

166) in der Greveradeiicapelle des Lübeciiei- donics ist ein allar- 
bild von einem aiij^ustinerniöneiie Mafcus Ili)ll)een niil der jalirzalil I'i5l 
oder 1471 odei' 14',)] : eben diesem seiii-ei!)! man nun aiicli gelegentlieb 
den todtenlanz in der Mar ienicirehe zu: Deecives lül)isclie gescliicliten 
und sagen 257. 306- 



DER TODTi:?^TANZ. 359 

selbst sind verübt worden, im j. 1588 gab ein j-ewisser Hnlde- 
ricb Frölich von Plauen, biir<;er zu Hasel, ein bucli Iieraus, des- 
sen tilel also lautet : Zwen Todentäntz : Dci'cn der ei/ie zu 
Barn — zu Sunt BarfüJ'sern : Der ander aber zu Basel — 
auff S. Predigers Kirehhof viit Teutsche?i vnd Lateinischen 
fersen der Ordnung 7iach verzeicimet u. s. w. die bil- 
der nun, die hier von s. pre'digers kircbhof in Basel stam- 
men sollen (mit denen von s. barfülsein in Bern sind die 
bilder Manuels am predigerkirchliore dort gemcinl), stammen 
bis auf einige wenige nicht von daher: sie sind fast sammllich 
aus Holbeins holzschnitten, aus den imagines mortis entnom- 
men ; baslerisches ist dabei fast nichts als die hinzugefügten 
deutschen reime: diese sind allerdings von s. predigers kireh- 
hof, die lateinischen aber, welche Frölich für die seinen giebt, 
sind aus Laudismanni decennalia mundanae peregrinalionis 
abgeschrieben'^*), hundert jähre später nahm die meclielsche 
buchhandlung das unbesonnene oder unredliche verfahren 
Frölichs wieder auf und liefs die platten seines Werkes, seine 
abbildungen aus Ilolbeins imagines, auls neue drucken, mit 
den Basler reimen und unter dem litel Der Todten-Tantz 
ff^ie derselbe in der weitberähmten Statt Basel, als ein 
Spiegel Menschlicher Beschaffenheit gantz hünstlich mit 
lebendigen Farben gernahlet^ nicht ohne nutzliche Ferwun- 
derung zu sehen ist. das buch erschien von 1C96 bis 1790 
in zablreich erneuten ausgaben'"^), diese beharrliche Wieder- 
holung von Frölichs Unwahrheit war um so ärger, als in- 
zwischen, zuerst im j. 1021, der wiikliche lodlcntanz von 
Basel in den kupfcrstichen der Mciiane war vcrölfenllichl 
worden. 31ecliel liefs sich auch dadurch so wenig stören, 
dafs er sogar um die täuscliung zu verstärken jenen litel 
seines buches wort für wort dem merianischen nachgedruckt 
hat. die leiile aber, da Frölichs und Mechels bilder un- 
beslrillen liolbeinischc waren , gewöhnten sich, einheimische 
wie fremde, auch die bilder am predigei-klosler für holbeiiiische 

107) Mafsiiianns Basler loill(!iitaii7.e 11). 

108) die Vignette der iiieclielsclien diuci<^e vciinclirl die alleren 
Todesl)ilder um ein nieiit üjjei erfundenes neues, ein junpes weil), das 
der Tod gewaltsam (orlfülirt, während sie ihm vergeblich auf den im 
haus darniederliegenden allen mann hindeutet. 



3G0 DER TüDTENTANZ. 

anzusehn, und da Frölich und Mechel die iniagines mortis 
für einen todtentanz ausgegeben halten, so ist es auch dabei 
geblieben, und alle weit spricht seitdem von Holbeins todten- 
tanz, aucii wo die iniagines gemeint sind, und von Holbeins 
lodtentanzalpbabelen. doch mag, was letztere irrtliiimlich- 
keit betrifft, zu einiger entschuldigung angeführt werden, 
dafs bereits auch ein gedieht vom j. 1544, Dialogiis , oder 
Gespräch des Menschen, vnd Tods ^ welches ebon nur eine 
zwiesprach dieser beider ist, gleichwohl als kurze haupt- 
überschrilt den namcn Todtentantz trägt '''^). 

Für Basel freilich und für Holbein ist jene unwahrhaft 
misbräucliliche benennung eben kein schade gewesen : durch 
Holbeins namen mag eigentlich erst der Basler todtentanz 
so beriihmt geworden sein und wieder durch diesen auch 
der name Holbeins weiter ausgebreitet, und in die kunst- 
iibung selbst brachte Frölichs und Mechels fälschung einen 
frischen anstofs: man falsle für solche bilder eine neue und 
gesteigerte liebhaberei und malte deren wiederum an vielen 
orten: beispiele*'*^) der todtentanz in der 3Iagnusl<irche zu 
Füfsen, von Jacob Hiebler, der im predigerkloster zu Con- 
stanz, beide noch aus dem sechzehnten Jahrhundert, der von 
Jacob von Wyl in der Jesuitenkirche zu Luzern , aus dem 
anfange des siebzehnten ''*) , der zu Kuckucksbad in Böh- 
men, um 1700*^'^), der im barfüfserkloster des uchlländischen 
Freiburg, noch im j. 1744 von Fries gemalt: all diese grün- 
den sich auf Frölich oder Mechel; der zu Füfsen wiederholt 
auch die Basier verse^^'^), während bei dem Constanzer die 
lateinischen hexameter slehn , in welche von Desrey die 
danse 3Jacabre übertragen worden, andre todtentänze sind 
von jenen täuschenden Vorbildern unabhängig : der von Caspar 
Mylinger 1635 an der spreuerbrücke zu Luzern gemalte, 
der aber durch einen neubau nun schon längst verschwunden, 

109) fotioblätler ; un{,deiclie al)siilzc aclil- oder lu'unsilbi^er 
verse ; aus Meusebacbs bibliotheli jt'lzt auf der lciinii;iiclH'n zu I5ertiii. 

170) längere iiamenaufzähluiigen giebt Marsiiiaiin in l'iercrs uni- 
versal-texicon unter d. vv. lodlcntanz und im Serapcuin 8, \1>\. 

17t) tilbogi'apbicrlc abbildutjg: lodlcnlanz oder Spiegel nienseh- 
licIuT iiinrälü^keit, Luzern i.SilJ. 

172) 1707 zu Wien in Icuplerslicb erscliicnen. 

173) lelzlercn zur seite gestellt in Malsinanns Baseler todlentänzen. 



DER TODTENTAiNZ. 361 

ist noch dem echten baslerischen inuster nachgefolgt; der zu 
Erfurt, an dem man von 1735 an sechzig jähre lang gemalt 
hat, schöpft einzelnes, während er sonst sich selbständig 
hält, ans Holbeins imogines , die reiminschriften aher sind 
den späteren hochdeutschen von Lübeck nachgedichtet^'*); 
ebenso erinnern die 68 Sinnbilder des lodes, mit welchen 
Abraham a s. Clara die todtencapelle zu Lorclio in Wien 
hat schmücken lafsen ''"'), hin und wieder bald an Holbein, 
bald auch, von denen gleich zu sprechen ist, an die brüdcr 
Meyer: im übrigen jedoch und iu» ganzen sind diese bilder 
so wenig ein todtentanz und stimmen selbst mit dessen um- 
gestallung durch die imagines so wenig überein, dafs öfters 
auf ihnen ein einzelner mensch oder auch der Tod allein da- 
steht, wie zu Basel oder Holbein oder sonst der todtentanz, 
der einst zu (jlaiidersheim gewesen''''), sich verhalle, wie 
ferner der in der s. Andreaskirche zu liraunschweig ''') und 
andre anderswo, wird mir aus den kurzen angaben, die allein 
ich über dieselben kenne, nicht ersichllich. 

Neben der maierei haben nach Holbeiu und nach Hol- 
beins vorgange und. so, wie er den altbelieblen stotf" neu 
umgestaltet und veredrlt hat, auch die blofs zeichnenden 
künste des holzschniltes wieder und des kupferstichs den- 
selben vielfach behandelt, und nicht minder hat sich die dicht- 
kunst, angezogen durch die hebung und erweiterung des gc- 
dankens, desselben mit öfterer Wiederholung zu bemächtigen 
gesucht*'*), ich übergehe jedoch gern all die s. g. todlen- 
tänzc der neueren und der neuesten zeit ''•') : sie liegen 
meist dem urlheil noch zu nahe und einer Zeitschrift füi- das 
alterlhum zu fern ; ich hescluanke mich , indem ich auch die 

I7i) der fod in allen seinen bezieliungen von >'auninnn 58 11'. 
MaTsiiiann im Sefa|)euni 10, !50.'). 

l?.")) Ilev. I*. Aiiraliiun ä S. Clara Besonders luenblirl- und f;c- 
zicrle Todlen-Capeile, Oder Allgemeiner Todlen-Spicgel, Nürnb. 1710. 

176) Naumann Gti. 

177) besclireibunff des todlentanzes in Drefsden von lliNelier Ol. 

178) Uhlands bailade der schwarze ritli'V vereinigt noeli in enger 
begrenzung mehrere vorzeitliche ansehauungen , den kiimiiferiden , den 
tanzendt-n, den \v>in eiiischcMkiMMlcn niid den blnnieu breehenden Tod. 

179) ein Verzeichnis, welehem die jabi'C seitdem nocji Zuwachs 
gebracht haben, giebt Mafsinann im Serapeum 1 (1840), 301 — 303. 



362 DER TODTENTANZ. 

holzgeschniüenen bilder des Todes in Hönigers verdeulscliung 
von Geilers narrenschifF'^'^) nur kurz zu nennen brauche, 
auf die vorziigliciiste unter den alteren nachholbeinisclien lei- 
stungen, den in knpfer gestochenen todtentanz der brüder 
Rudolf und Konrad Meyer von 1650. 

Das künstlergeschlecht der 3Ieyer in Zürich ^^') that 
sich, mit solcher genicinsamkeif, dafs zwischen den einzelnen 
gliedern ein wesentlicher unterschied kaum bemerkbar ist, 
durch geist und gemiit, durch geschick und saubere Sorgfalt 
vor vielen ihrer zeit und der heimat wie der nachbarlande 
weit hervor; der reichthum, den sie zugleich an plianlasie 
und witz besafsen, liefs sie der allgemein herschenden nei- 
gung zur allegorie mit besonderer Vorliebe und mit befserem 
erfolge nachhangen, als mancher andre, der ohne solchen 
beruf doch dieselbe richtung nahm, sich dessen rühmen durfte, 
dieser allegorische zug muste den Meyern einen stolf, wie 
Holbeins Todesbilder ihn gewählten, vornehmlich anempfehlen 
und sie zur nachahmung reizen : wirklich gehört auch die 
bilderreihe, mit welcher die brüder Rudolf und Koiirad in 
die spur des älteren meislers getreten sind "^~), zu den ge- 
lungensten arbeiten des geschlechts. zwar als selbständig 
wird man sie nicht gerade loben können : wie wäre auch 
Selbständigkeit nach solchem vorgange noch möglich gewesen? 
aber die gescbicklichkeit ist zu loben , die selbst dem nach- 
geahmten släts eine neue, bald anmutige, bald bedeutsame 
Wendung zu geben weifs, und die anschmiegende erliudungs- 
gabe, die noch manches bild mehr den überlieferten hinzu- 
fügt, neu in stolf und ausführung und immer' doch gemäfs 
dem gleichfalls überlieferten gesamnitcliaracter. nehmen wir 

180) I5asel löTi: bl. 103 rw. der Tod, wie er liinteiriicks dem 
narren den sel'sel forlriickl ; 3 i'i i\\ . uie er denselben am f;e\van(!e 
zu sich reifst; 'Ml rw. auf einem jiferde, das der narr beselilägt. 

181) von ihnen handelt das iieiijahrsblatt der künsllergesellscbaft, 
Zürieh IS4i. 

182) kuprerlilel : Itiwdolf Mvycrs S. Toillen-dantz. Ergäntzet 
lind herausgegeben Durch Conrad Meyern Maalern in Zürich Im 
Jahr 1650; drucklitel : Slerbensspiegel , das ist sonnenklare Fovstel- 
litng menschlicher Nichligkeit durch alle Slünd'' und Geschlechter : — 
For disem angefangen Durch Ruodolffen Meyern S. von Zürich, — 
lelz aber — zu cnd gebracht, und verlegt: Durch Conrad Meyern, 
Maalern in Zürich, — MDCIj. 



ÜI:R TODTENTANZ. 363 

als bcispiel den iiialcr. ein noch juj^cndlich blühender mann 
sitzt an der sfafl'elei, vor ihm ein hochbejahrter, lebensmüde 
gebeugter greis, dessen bild er fertigt: da naht sich der Tod, 
aber nicht zu dem greise, sondern dem jungen manne hält 
er das Stundenglas vor. oder den scliafltier , witwen- und 
waisenvogt. hinter einem tische , der mit gultbriefen und 
mit liaufen und beuteln und kisten geldes bedeckt und um- 
stellt ist, sitzt im pelzrocke der Schaffner; sein angesicht 
läfst schlielsen, mit welcher härte er eben zu der witwc und 
den Avaison gesprochen habe, die verkümmert und (lehend 
da stehn : aber der Tod s|)ringt auf ihn ein, mit einem giilt- 
bricfe nach ilim schlagend, und der mund, der so eben noch 
rauh gescholten hat, verzerrt sicji zum wehgeschrei. der 
Tod ist hier mit weitgespannten flügeln bekleidet, üedermaus- 
fliigeln, wie man sie dem teul'el zu geben |)llegt, und sonst 
auch llielsen dem Zeichner, wenn der stoll" es zu fordern 
scheint , Tod und teul'el in eine gestalt zusammen ; überall 
aber ist der Tod nicht als gerippe dargestellt, sondern mit 
wohlbedachter rückkehr zu der älteren art noch fleischig, 
aber hager, nur einmal, und da passt auch dieses, bei 
den zwei liebenden, tritt der Tod ganz beinern herzu und 
drückt seinen bogen auf die Jungfrau ab, während über ihnen 
der liebesgott mit zerknicktem pfeile davonfliegt, so durch 
nacbahmuug und neue zulhat ist die zahl der bilder bis auf 
(JO angestiegen : um den überblick zu erleichtern, haben die 
künstler sie in drei grolse gruppen verlheilt, und nach den 
eingangsbildern , der erschafl'iing, dem sündenfalle, der aus- 
treibung und dem elende der ersten menschen und dem 
siegesgeschrei des Todes , kommen zunächst alle personen 
des geistlichen, dann alle des welllichen regimenis und nach 
diesen die gemeinen leiile, zum schlnfse des Tods p;etriij's- 
heit, Tods it//gciriißkcit , Jü/ii^sto Gericht, Sig- Christi, 
Rechtfertigung , IV aar- und falsches Christentum b. übri- 
gens haben die zürcheiischen küjisller Ilolbein nicht un- 
millelbar benutzt und nennen diesen namen nirgend; das 
exemplar der französischen imagines, der simulachrcs zu 
Schairiiausen, in welches vorn eingeschrieben ist Hort (Conrad 
Mci/cr hostet mich 5 //. ^^•') , miifs Konrad erst in späterer 

1(S!}) iMar.sin.tiHi im Scr.ipcmii I, 2i'J. 



3G4 DER TODTENTANZ. 

zeit erworben haben : auch sie folgen jener bildersamnihing, 
die Frölich aus den iniagines, dem ßerner Wandgemälde und 
zum kleineren theil dem Wandgemälde von Basel zusammen- 
gesetzt halte, daher auch bei ihnen die beneunung Todten- 
dantz. doch ist ihnen selbst (sie l'iihlten die uupasslichkeit) 
nicht wohl dabei: es heilst nur auf dem kupferlilel so: der 
gedruckte titel dagegen lautet Stoi^bensspiegcl , und in der 
vorrede sucht Konrad Meyer den namen eines tanzcs mit 
vielen hin und her ratlieiiden worten zu rechtfertigen. Sie 
haben (nämlich die berühmten IiUiisttnaoler, die schon früher 
dergleichen dargestellt) sie haben aber soh.he Aufzüge 
Todlendäntze genennet, sonder zweifei darum : dieweil der 
Tod der weg alles ßeisehes , nnd diser Dantz ein allge- 
meiner Danlz ist, an welchem der Tod alj's nupartei/ischcr 
Danlzmeister, ohn ansehen der Person, alle J'ii Irret, zeü- 
het, schleikct : und nicht, noch den Bältler verachtet, dafs 
er ihn dahiuden, noch des liet/sers verschonet, dafs er ihn 
ledig liefse. Sie haben aucli andeuten wollen, dafs, wie 
man sich avf die Lebendige, oder IVeltddntze schnuiket: 
also solle ein jeder und jede , sich bey zelten nach dem 
schniukke des heiligen glaubens, mit ehren an disem Rcycn 
zubestehen, nmsehen. Villeicht wolten sie auch mit di- 
sem Titel, den übermühtigen Welidäntzeren , die leicht- 
fertigen geij'ssprünge verläiden : welche eine gefährliche 
gattung der ßeischeslust, ja derselben ein anfeüern(ler Zun- 
der sind, und die vernünftigen Menschen gleichsam zu 
äffen verstellen. alles das liefs sich freilich hineinlegen : 
dafs aber der todtentanz seinen namen von eineui wirklich 
dargestellten tanz des Todes mit dem menschen empfaugen 
habe, und dafs dieser ausdruck daher nicht passe, wo kein 
solcher lauz dargestellt wird, davon hat schon Konrad Meyer 
keine erinuerung mehr und keine jtliiniiig. die poetische bei- 
gäbe des buclies Irill nicht ohne ansprach auf: ein theil ist 
sogar in niusik gesetzt; die Viervcrse auf den Kujfer- 
bliillcren. wolle des jedesmal betroffenen menschen, hat er 
(nämlich liiKldlf Meyer) grifern theils, aufs einem in Truk 
aufsgegangenem bogen {weil mau domals keine andere 
zur haud) mtlehuel, und nnterschidlicher orten verbefsert. 
so die vorrede Konrads : es müfsen die reime des Basler 



KOCHBUCH. 365 

todtentanzes gemeint sein, an welche diese des zürcheri- 
schen kiinstlers , wennschon nur von fern, doch immerhin 
anklingen. 

Und hiemit wird dem langen und weilhinschweifenden 
wege füglich ein ziel gesetzt. 

VVILH. WACKERNAGEL. 



KOCHBUCH VON MUSTER HANNSEN DES 
VON WIRTENBERG KOCH. 

Dem Würzhurger kochbuche des 14n jahrh. , welches 
Maurer -Conslant vollständig (Ein buch von guter speise, 
Stuttg. 1844) und ich in dieser Zeitschrift 5, 11 auszugs- 
weise bekannt gemacht, ist während des übrigen mittelalters 
noch eine ganze reihe ähnlicher Schriften nachgefolgt (s. Pfeif- 
fer in Naumanns Serapeura 9, 273 und ebd. 10, Gl. 331. 
iloll'manns altd. handschriflen zu Wien 280. alld. blätler 
1, 112), alle wenigstens für die sitlengeschichle der vorzeit 
von belang, eine Basler haudschrift, die erst bei dem neu- 
lichen umzuse der Universitätsbibliothek zum Vorschein ire- 
kommen ist, vergröfsert die reihe, sie ist auf papier; aufser 
einer anzahl leerer 101 beschriebene blätler, deren 9 im an- 
fang das regisler füllt; die schlufsschrift lautet Also hnslu 
guot ding von allciluij kochen *) von Maister Nannten des 
von fVirtenbei^g koch etc. 14(10. aber in diesem jähre nur 
geschrieben, nicht verfafst: dal's sie blofs eine abschrii't sei, 
zeigen mannigfache fehler. 

Wodurch dies würlembergische kochbuch selbst auf sei- 
len der daistellung anziehend wird, ist die gute laune, in 
welcher meisler Hans es aufgesetzt. das würzburgische 
hat nur eine gereimte vorrede und schallet weiterhin noch 
einen scherz in reimform ein: hier kehrt der reim in prosa 
öfter wieder (beispiele xi und xii), gleich die erste anwei- 
sung nimmt einen spruch der kinderweit auf, der jetzt noch 
umgeht (Simrocks kinderbuch G) , und die letzte beschliefsl 
das buch mit einer grofsartigcn neckerei : denn von mecha- 
nischen künsten um den ihicrgarlen so, wie er beschrieben 
*J das koch gekoctiles, speise: s. Sclimeller 2, 278. 



366 KOCHBUCH. 

ist, auszuführen sagt die Vorschrift iiinhls, und schwerlich 
ist jemals , in Deutschland wenigstens , so viel kunst der 
mechanik an ein entremet gewendet worden. 

Von den zwölf stücken, welche nachstehend ausgehohen 
sind , soll sich das zweite einer bemerkung Lachnianns zu 
seinem Wallher s. 1G2 anschliefsen : man könnte dort, da vom 
rogen also eine eigene speise bereitet ward, rogel in rogen 
befsern ; das dritte den bemerkungen Haupts und Pfeiffers 
zum Ilelmbrecht, zeitschr. 4, 338 und 5, 471. sonderlich 
weiter hilft zwar auch unsre stelle nicht; indessen so viel 
doch wird aus ihr klar, dafs an geh bei dem goyssliiz nicht 
zu denken ist: denn mit ausnähme von ehi, dessen schwächere 
betonung auch den laut gleichgültig machte , braucht unser 
Schwabe den diplithongen ei släts nur im sinne eines langen i; 
dafs ferner geysslitz oder giseliz (sumerlaten 27, 5) keine 
fleischspeise sein kann : denn sie gilt noch für die fasten- 
zeit; dafs sie aber doch ein thier, also ein fisch etwa sein 
mufs: denn es wird ihr die haut abgezogen, das vierte 
stück handelt von den arzneilichen wunderkräften des damals 
erst seit einem Jahrhundert bekannten branntweins (vergl. 
zeitschr. 6, 2G9) ; eben denselben zeigt das zehnte zur über- 
raschenden Verschönerung eines gerichts verwendet, das fünfte 
bestätigt den glauben des alterthums und des raittelalters, 
dafs dem bocksblute der härteste stein nicht zu widcrstehn 
vermöge: Plinius bist, nat. 37, 15; eins bockcs bluot den 
adaiiias speit, mit dem man herte:^ glas diirchgrehet vnd 
her tili edelsteine renner 212"; ein ritter hete bockes bluot 
genomen in ein langez glas : daz sluoger iif den adamas 
(fiahmurets heim) : da ivnrt er weicfie?' dnnne ein sirainp 
Parziv. 105, 18 und darnach im Titurel 91 ö Hahn, endlich 
mit VI — IX, indem hier der vcrfal'ser noch weiter üher die 
küchenmeisterei liinausgeht, \^a(■Ilsen den tinten- und farben- 
receptcn , die in den liandscliriftenkunden von Ebert 1, 33 fl". 
nnd von Holfmann 36 f. mitgellicilt oder nachgewiesen sind, 
eini"e neue zu. die reichste Sammlung der art aber, reich 
an Vorschriften für die tafel- und Wandmalerei, enthält eine 
Trierer handschrift des 15njh.: wichtig wie dieser deutsche 
Tlieo|thilus (denn so dürfte man das buch fast nennen) für 
die kunslgeschichte des ablaufenden miltelalters ist, wäre 



KOCHBUCH. 367 

eine veröifentlichung , wo nicht des ganzen, doch in aus- 
ziigen woi zu wünschen. 

I. (10"). Wer ein guot muos wil haben das mach von 
sibennler^ Sachen du muosl haben, milich, sallz, vnd schmallz, 
zugker, ayer, vnd niel salfran, dar zue So wirt es gell. 

II. (15'') Aiii essen von vischliogo/i das mach also maf'ster//ch. 

Item visch rogen. Nym aber niciit parben rogen, Vnd 
stoels die in ainem niörser vnd pach jn Jnn ain ' plannen 
ain praits plat vnd schncids wiirlTlat, prenn ain mel jn ainer 
pfannen mit öll das es schwarlz werde vnd mach ain priie 
von vischen ans dem melb mach ain pfefTer^ nym cssig vnd 
gewürlz vnd ials das er sieden vnd darjnne erwallen vnd 
schneid ain semlein wiirfllal vnd prenn das öll vnd geul's das 
vf das essen. 

III. (45'') Ge//sslit:z Jn der vastcn mach also. 

Item Geysslitz jn der vasten soltu nemcn vnd Ials sy 
ain weil stan das sy gefall. So send sy dann vnd gewürlz 
sy jn dem hafen, vnd wann du sy dann efsen wild, So thue 
ain wenig öll jn ain plannen vnd ihiie den* geyslitz darein, 
vnd Ulfs sy erwallen vnd thue ain gestoppt darauf § Willu 
aber aundcrlay geislitz So seud sy vnd geufs sy dann auf 
ain schüfsd, vnd Ials sy erkalten, vnd zeuch jr die haut ab, 
vnd mach ain maudel milich vnd geufs darauf. 

IV. (50") Die tngent von dem geprenlen wein. 

Item all priinnen oder zäch wein schnjcckennd* die ku- 
mend all zue jrem rechten stat vnd dkrafft^ ob man sein 
ein wenig darein geust § Item Er hat auch die tugennd 
wenn^ allen wiirtzen behält er die krafTtjn allen Appodegken 
(50'') ßesprenngt man sy damit § Itcm all jnwenndig gescluver 
die pricht er das sy durch den menschen gcnnd. So man 

I, 1. (1. h. siehiicrlei : er durch einen scIireibCcliler oder wiiklii-li 

io der mundarl seihst an den schlufs des ganzen ausdruckes gehraclil. 

II, 1. lies ainer 2. eine pfelferbrühe : vcrgl. zcilschr. 5, li. 

III, 1. den in der handschrift. 2. gepulvertes gcwürz. 

IV, 1. schmeckennd wird vor priinnen (quellwafser) gehören. 2. so 
in der handschrift. 3. d. h. iva?i. 



3G8 KOCHBUCH. 

seiu ain wenig trinckl § Item alle ausweiindige geschwer 
pricht er Ist das man sich damit bestreicht vnd salbt § Item 
allerlaj mail vnnder den äugen* vergennd wer sich damit 
bestreicht § Item hingel vnd leber macht er auch gesund vnd 
das miltz Item er macht auch kuppCer vnd silber weils § Item 
er schaidet quecksilber vnd silber von einannder wer es darein 
legt § Item er haillt auch all wunden wer sich damit be- 
streicht Item er wert auch dem tropffen^ von den Aussen 
§ Item er vertreibt alle vnsaubre vergilTl § Item all flüfs von 
dem hieren vertreibt er wer (ST) sich damit salbet § Item 
er vertreibt auch all darem gi cht wer sein ein wenig trinckt 
Item wer prechen jn dem mund hat welherlaj der ist der 
trinck jn vnd saltz jn dem mund vnd spritz jn wider aus 
vnd auch jn den zennden § Item wem die nafs vnd der 
mund schmeckt der trinck jn, vnd lafs sein ain wenig in die 
naslöcher. So werden sy wol geschmach § Item den men- 
schen macht er wol gediichtig vnd fVölich wer jn trinckt 
§ Item So vertreibt er die sprennglos ^ vnd die posten oder 
postetten ^ vnd auch den kramplF wer sich damit salbet 
§ Item was den menschen jnwenndig gespricht trinckt er jn 
So ist er genesen. Ist es aber aus wenndig so salb sich 
damit Er wirt gesunt Aon allem seinem ge- (51'') precheu 
Also das er kains arlz bedarfF die weyl er lebt Noch bedarff 
annder erlznej nemen. 

V. (58") u4m stain ivaich zue machen. 
Item wiltu ainen stain waich machen So nyra alltes 
prunte wafser vnd pocks pluot vnd send das alles mit ein- 
annder, vnd thue dar zue lübsteck, * vnd die slaiu thue darein 
So Averden sy waich. 

4. im gesicht. vnder ougon (ore) Capeila 3. daz man sie iinder 
ovgim zeichendi ( nolas insigniti frontibus) Notk. Boelli. 19. i/nder 
diu Ollgen (in os) ebd. 80. linder diu ougen — an daz antlülze 
Beilhold 3Ü5. gelwagen iindr ougen unde an handen Parz. 172, 3. 
ez Itt ander wibvs ougen aller J'iöuden paradis v. d. Hagens niinne- 
siiiger 2, 31i''. 5. schlagfluls, miltellat. g/z^/a, fr goulte: f'uiidgr. 

1, 394. eine Eindeutschung des letzteren ist das guot (Schnieller 

2, 87), in der Schweiz guetschlag. 6. Grafl" spracbsch. 0, 395. 397 
hat gisprinc pusluia; los scheint iiiv laus, lits zu slehn : vergi. zitfar- 
lüs iiupelign spraehsch. 4, 308. 7. lat. pustula. 

V, 1. liebslückel, levisticum. 



KOCIlßUCII. 369 

VI. (08') Gold aus der redereu schreihe?i. 

Item willu gold von der feder sclireiben (59") So sollii 
nemen geschlagen golt als vil du wild, vnd nyni aiii reil» 
stain der schön vnd Irucken sej , vnd leg ein wenig salllz 
darauf gleich als es darauf gerissen* sej, vnd leg dann ein 
plat darauf, vnd säe aber saltz dar vf auf das goll phit vnd 
als manig plat als inanig saltz säe darauf, vnd nym dann 
einen reib stain vnd reib dann das golt vnnderciuannder als 
lanng als du des goldes nit'^ geprüfen magst, So nym es 
dann von dem stain vnd thiie es jn ain glas, vnd das glas 
thue voller wasser vnd rür es durch ainanndcr, So wirt es 
vnd das salllz alles zue wasser vnd das gold vellt alles zue 
poden. Dornach gcul's das wasser ab dem gold N'nd geufs 
ain annder wasser wider (59''j daran das schön vnd lautier 
sej, Vnd geufs als lanng daran, Vnd darab pifs das lautler 
wasser darab geet So leit das gold zue poden recht als ain 
gelber laim, Vnd ihue das gold aus dem glas, Vnd thue das 
in ain hören ^ vnd temperirs mit gummi vnd schreib dann 
damit ^^ as du wild, XnA las es dann wol trucken vnd nym 
dann ain wollfs zand vnd JJalicr es Ilain vnd sauber damit 
So wirt es lautler vnd klar. 

VII. (59'') Aufgelegt puochslahen von golde. 

Item wer grob auffgelegt puochslaben wolle machen von 
gold der nem ain wenig kreiden vnd Saffran vnd temperirs da- 
mit lauter vnd rain V^nd formier den puochslaben als er sein sol 
vnd lafs sy Irucken werden (60") So schab ain wenig den 

VF, 1. der liäiilige ühergang von r/sen in ;•/;•»■« (SclniicIIer 3, l.'JO), 
aus (Ifin aucb unser ausreij'sen für (liclitMi , einrvij'scn für sich cin- 
sclileiclieo und zurcif.scn für herbeieilen {wann nach des vuttevs reise 
ein armes liebes kiiid kümpt auf ihn ziif^erifsen Opitz) zu eriilären 
sind, als ob es (wie sand) daraul" {^eriesell sei. '2. bffser // : so- 

lange du noch etwas des goldes walii'iiehnien kaiinsl. '.). hunn 

ebenso nachher im achten stück: nicht blofs ein von hörn gemachtes 
linteiil'ars, sondern ein als tiiitenfafs gebrauchtes wirkliches hörn: s. 
die achte bildertalel des horlus deliciaruni der Ilcrrad von Landsberg. 
scriplor sreivere, eornu hörn, pctina vederc gl. Jun. 312. h/arhorii, 
tinclahoru siirachsch. 4, 1037. iinthorn lirders. 2, äiü; noch 15. \\ al- 
dis Esop 4, 93 Ein alles Dinthurn ohne schivarlz-. 
Z. V. ü. A. IX. 24 



370 KOCHBUCH. 

grünt vnd Balier ja mit aincin zaniid vnd leg dann das gold 
darauf mit aiuer dünnen ayer klar vnd lal's es trucken wer- 
den vnd Balier es liübschlicli vnd maisterlich mit dem zaund, 
So wirt es gerecht vnd schon. 

VlII. (60") Aiii dhnpten mach also. 

Item Nym ain guoten essich vnd geui's den jn ain pecke 
vnd lals den jn dem pecke stan als lanng pis es an dem po- 
dem hellen gewvnne Si» nym dann die selben helfen jn ain 
boren, Vnd temperir das mit ayer klar wann dn schreiben 
wild So ist es gar genchl. 

IX. (60'') Dintlen mach also. 

Item wiltu gnole dintten sieden So nym vier lot gallas, 
Vnd zwaj lot vitriolum vnd zwaj lut gumrai zue ainer mafs. 
vnd nvm dar zue Regen wasser. Item den gummi Ihne aller 
erst darein. So es plab wirt Oder zwo mafs zue gemaiiier 
t\ nippten. 

X. (82") Ei/i Su'cins kopff das fear daraus far alsßammen. 

Ilem Xym vnd send ain sch\^cins koplT Wan er dann 
gesoten sey, So nym in \ nd schneid jn wiirlflat das er den- 
noclit (82'') ganntz sey, Vnd nym ymber vnd säe die dar 
aulF über all an den scliweins koplF der sol ganntz sein, \n(\ 
das er nicht von einannder gespalllen sey Vnd wann du der 
ymber dar auf gesäet hast So nym ain schüssel vol gcprenls 
Aveins vnd gcufs aussen halb auf den koplf halben, vnd jn 
das annder halb tail den gej)ranlen wein', \'nd geui's es jn- 
nen jn den den halls , vnd das ])las das der w ein nicht her- 
aus rviine, Vnd nym dann ain dürrs prot als grofs als ain 
uufs \nd nym dann ain glüennden kissling als grofs als ain 
haselnufs , vnd ihue das in das düi-i- prot vnd legs denn in 
den prallten wein \ nd von dem glüennden kyssling werden 
daraus flammen faren , \m\ ist vnschedlichen vnd schmeckt 

\1II. diiiipli' , IX Itjiiijipiv: ein zuiiäclist iicgeiiiles bcispiel der- 
selben lautverwecliselung isl ALraliuiiis a s. Clara ijembscl penicillus. 
X, 1. lies viid niin das ander lialb tail des gepraitlvn weiiis 



KOCHBUCH. 371 

wol, Als niaj'slu auch aiiien liaiinysclieu ^ schwciiis kopfl" 
machen. 

XI. (89'') l^on einem fiihnclem gemüfs zu machen. 

Ilcni jn dem sanier heb ich an vnd lafs dann jn dem 
winter daiion, wir vvcillen vnd stillen betrachten vmb frönide 
gcmiüs Die werden jn dem winter guol', So tracht das dn 
siben l'arb habest, So inaj^stu mit eren wol bestan, schwarlz 
jjuot' plab muoslii han (iell vveils rot prauen^ künd wir das 
zue sanien priiij^eii , Wann du die l'arb wild vinden , plab 
koren pluemen muost du haben Die nym jn dem sumer abe 
Vnd soll die derren jn ainem eleu der sol nicht zue hails 
sein , V'nd sloefs sie gar schon , Vnd behalt sy zue Ion, 
Grün (9ü''j lals vnns uit vergessen, ob der pelersill war ver- 
ganugen. So hab wir grün waitzein sanngen*, Oder SallVan 
Da vvirl es gell von, Die rolt prawn varb geet von weich- 
sein zue, Wann die zeittig werden die soltii ab den sting- 
lein^ prechen , Schlahe sy durch ain sih vnd lals sy durch 
sieden vnntz das sy die keren lassen , Vnd den drillen tayl 
nym hönig darein So soltu sy sieden lassen, Wann es dann 
gesolen ist So lals es dann kalt werden , Wiltu es bewaren 

2. ain haiinisch xchwcin sus doiiicsticus : \'orliei' also sullte von selbst 
eil) wildes scliwein verstanden werden. 

XI, 1. vielleiclit .v///!v 2. lies g-rii/i 3. sonst pflegen lange 

vocale und di|ilitlioiigen den iti jeder liquida sclilununei'nden lialbvoeal 
nur in r zu erwecken : J'/'re ulid. J'eier, scliär iilid. schauer und sehon 
lulid. v/her, scliuer, /itnir \n\<\ Jiiiwer slüHJiur (s. Ulrichs leben s. xxiv); 
seltn(!r in /; doch hat z. b. das suniinarium Heinrici in Iloirniaiins 
sunierlalen 2, 41 liei^elscowede augurium und die in den l'undgruben 
1, !517 besprochene krankheits- und heilniillelkunde J'oiivl stall J'iil. 
für die erweiterung des n kenne ich aul'ser obigem beisjiiele nur noch 
schienen s. Ulr. ()41. sciliinin Anno 417; bei //; scheint eine solche 
gar nie vorzukommen. 4. iilirenbüscliel oder äliren. 5. schon im 

ahd. wechseln sLingil und stengil : sj)rachsch. 0, ()'.li$ ; sonst könnte 
stingleln lur slciiglrin wie oben IV, C sjjre/iglos umgckelirl für spring- 
los stehen, es ist eigeiiheit dei' Si;hwaben vor /( n\it noch einem con- 
sunanlen i beinahe wie e zu sprechen und a nicht umzulauten, soii 
dem fast gradezu gegen i zu vertauschen: eine cigenheil, die Schil- 
lers reime menge und dinge (am schlulse des ersten acts der Iphigeuie) 
und den berühmten meusvhcti. und wUnscIu-n (in dci- leiihcnphautasie 
möglich gemacht hat. 

24* 



372 KOCHBUCH. 

So thue es jn ainen Iialeii der jnnen verglast sey, Daran 
pistu der färbe frey*', So niaclilii die helialten ain ganntz 
Jar das sy die färb nit verlieren, Das sollu bedenncken schon 
Das der tunst nicht gee dauon. 

XII. (99'') Item also soltu den tiergarten machen also. 

Item wiltu haben ainen tier garten So nyin niel vnd ayr 
darans machstu machen mit * was du wild von fleisch oder 
von vischen machst (100') Du machen was du wild zcche- 
nerlay^ wildu^ nach ycgiichs art zechenerlaj jn ainem gar- 
ten. Der gart sol vmb fanngen sein mit einer maur die 
gelär macht der tegel ''' nicht gehaben So soltu jn mit 
planngken vmbefahen das das wilde nit dauon kumme Machtu 
aber der planucken nicht gehaben. So mach ainen zawn von 
gerlen, Die gerten süUen von ayren sein gemacht vnd von 
mel, Nym das weifs von den ayren, Und ain semlein mel 
das soltu es"' aus machen Die gärten, vnd soll petersill oder 
ander grün haben das soltu reiben klain , \*nd solt saluan 
haben, also sollu die tötler nemen von den ayren vnd ain 
wintzig mel darunder da mach ainen taig dar aus vnd machstu 
machen die grün gärten Nym ain semlein taig prenn jn abe''. 
(100''j nicht thue ayr daran mach die stecken dauon vnd 
thue Saffran daran So werden die stecken gell , Die stecken 
prenn ab jn ainem schmaltz , vnd mach von ayren ain taig 
vnd von käfs mach ain prallen^ Als du machst zue den 
ostern die lladen Also soltu ain liuot jn den garten machen. 
Die gärten sollen einer spann lanngk sein die steck darumbe, 
Vnd sol ain turen darjnne sten , Da sol ein weg durch gen. 
Oben vmb den turen sol ein ganngk gen , Da süUen frawen 
vnd junckIVawen knecht vnd riller vf sten. Wenn sy das 

fi. (1. Ii. frob : vri st der, swcr eine reine lieplich mac umhcvdn 
luirines. v. d. Hag, 2, ÜOö''. 

XII, 1. mit zu slrciclieti oder daraus in da zu berscrn. 2. was 
du loild zechenKrlai/ wohl zu slreiclien. 3. d. li. nnldiu? «ildc 

Ihiere. das v\iid soll aus fleisch oder visch gemaeht weiden. 4. ^c- 
lär könnte zwar ein wort sein (alid. gildri wohnuiig) , aber es passt 
hier nicht und ebensowenig tegel: ich lese mit einer maur ziegelein, 
luavhlu der ziegel u. s. w. 5. lies da soltu 0. d. h. aber 

7. iireilinga vel Jladnn, placenlas s|irachsch. 3, 295. 



Kociinucn. 373 

wilde wollend ane sehen vnd ane valien , Aussen vnib den 
den garlen sol ein graben gen, Da siillen lebenndig viscli jn- 
nen slen , Vnd zwischen dem zawn vnd dem graben siülen 
päwm sten, die siillen öppfel pieren rnuscat vnd nufs tragen. 
So siclil man aiiH" den päwmcn überall aichoren vnd vogel 
die siillen auf den (100') päwmen slen, Vor dem garten da 
sol ein torwärtel slen der sol guidein sein , Die siillen vnd 
wollen frölich sein , Das sol geschehen vor dem lisch da 
sieht man den tiergarten her gen, Darjnne sind man vnd 
frauen vnd junckfräwen auch ain lail, Wann er^ sein nicht 
gelauben wil Der niags wol sehen Wann es kunipt Für den 
tisch, So n)ag man es wol gesehen, Vnd das wist, Darjnne 
sind auch schützen vnd wäppner " vnd annder kiirtzweilig 
ding, Das man darjnne koch vindet, So sieht man die purg 
vnndergan "*, So wirt das tlior auf gethan, So sich man die 
Bischof]" her für gann, Vnd den koch darunder stan. Der das 
l'cur dar ein hat gelhan, Nider lät er gann auf die pannck ", 
vnd zeucht ein ko[)(F zue hannd, Aus dem lät man jm geben 
Vnd ze bannt wider auf den tisch. (lÜl') daijnne sind 
zwaierlaj vogel, das siillen wissen, \ nd wann sy nit annder- 
laj '^ haben gafs , So fliegen die anndern von stat. So sich 
Ich den alTen gen jn dem liergarlen. Vnd das ist ein etc. 
Wollend sy mer essen, So gib gepaclien viscli vnd gesoten 
vnd gepraten etc. 

WILH. WACKERNAGEL. 

8. lies dir 9. wa'pner knappe oder ein zum krieg gerüsleter biir- 

ger : Schniellei- 4 , 121. 10. lies die prvg (brücke) nidcrgan 

II. ])anli s. V. a. tisch wie in der genesis HolFni. 35, 7 und noch 
niunditllich in der Schweiz. 12. lies mit anderlai eine art mit 

der andern, oder bloPs mil ander: vergl. samt ander mit einander 
Schuieller 1 , 7.'). aber uu ander im Sgall. Arisloleles 54 (firalF 33) 
hat nicht reciproken sinn (granini. 3, 83) : es übersetzt das lat. ad 
aliud. 



374 ZL'K FRAGE xNACH DEM 



ZUR FRAGE NACH DEM VERFASSER DES 
REINERE. 

Die nachstehenden benierkungen dürfen nicht bean- 
spruchen die oben genannte frage zum abschlufs zu bringen ; 
sie liefern keine neuen aufklärungen über den räthselhaften 
Hinreck van Alckmer, und, so wahrscheinlich es ist, dafs 
dieser der bearbeiler der niederländischen vorläge des Reineke 
war, und von diesem selbst fern zu halten ist, so darf 
doch erst, ^^er über ihn sicheres beizubringen vermag, sich 
rühmen, jene, an sich nicht eben wichtige, nach und nach 
aber durch manches sich daran knüpfende interessant gewor- 
dene frage erledigt zu haben, der zweck dieser bemerkun- 
gen ist nur, durch eine gründliche revision der vorliegenden 
tliatsachen die Untersuchung auf einen festern boden zu stel- 
len , von dem man fortan bei vveiterführung derselben aus- 
zugehen habe; ihr haiiptresultat wird die hoffentlich ein- 
leuchtende beseitigting des Nicolaus Baumann sein , an des- 
sen stelle sie einen andern namen setzen sollen, der, bisher 
ungenannt, einstweilen in den Vordergrund der Untersuchung 
zu rücken scheint. 

Das material , welches ich zur nachstehenden Unter- 
suchung benutze , findet sich fast alles beisammen in der 
fleifsigen und sorgsamen arbeit von G. C. F. Lisch über 
Reineke voss und Nicolaus Baumann in seiner geschichle 
der buchdruckerkunsl in Meklenburg (Schwerin 1839) s. 186 ff., 
sowie auch gelegentlich in den voraufgehenden partien des- 
selben buches. wenn sich mir dessenungeachtet ein von dem 
seinigen völlig abweichendes resultat ergicbt, so liegt der 
grund wohl hauptsächlich darin , dafs Lisch niclit ohne vor- 
gefafslc mciuuug an seine Untersuchung gegangen ist, näm- 
lich nicht oliiic den liehlingswunsch im hinlergrunde festzu- 
halten, dem gegenstände seines langjäiirigen emsigen fleifses, 
dem iMcolaus Baumann, die ehre der aulorschafl des Reineke 
nicht entzogen zu sehen. 

Lisch hat mit unermüdlichei" sorgsamkeit, mit durcii- 
slciberung aller meklenburgischen archive, mit genauer durch- 



VERFASSER DES REINEKE. 375 

musleriing selbst der winzigsten lursllichen recliniingen, eine 
lange reüie von daten über INicolaus Baiunann ziisaninien- 
gebrac'ht, eine vollsliindige urkundlicb belegte gescliiclile sei- 
nes autVnllialtes in Meklenburg, namenllicli in Rostock, bis 
zu seinem lodc 1526, zusammengestellt: aber er bat aucli 
kein sterbenswörloben gefunden , welcbes es nur einiger- 
mafsen wabrscbeinlich machen köniilc, dals PSic. Baumann 
der verfalscr des Reineke sei. hier so von allen positiven 
lliatsacben verlafsen , entschlicrsl sich Lisch zu der verzwei- 
felten argumenlalion : weil es nicht bewiesen werden könne, 
dafs Nie. Haumann der verfafser des Reineke nicht sein 
könne, miifse er bis auf weiteres wirklich für den verfafser 
gehalten werden. 

Dieser schlufs wäre unter bewandlen umständen kaum 
dann berecliligl, wenn die quellen, die ßaumann als verfafser 
nennen , alles vertrauen verdienten ; prüfen wir aber diese, 
so linden wir, dafs sich dieselben nicht nur alle auf eine 
einzige reducicren, sondern auch, dafs diese nicht einmal dem 
leisesten Widerspruche sich gewachsen zeigt. 

Jene quelle sind die worle in Rollenhagens vorrede zum 
Frosclimäuseler (Magdeburg 1595) die ich vollständig hersetze. 

Es hat auch zu nisei^ zcil vnser (Jciilschcr Prophet 
Doctoi^ Marthi Liitlicr selbst etliche Fahale/i ro'ilei/tschel 
vniJ erkläret, als hn ßinflen Je/iiscJien Tomo zu befinde?!. 
Ja (las i^anze Politische Ifojf Regiment rnd das Ilöniische 
Pdbstlhuuib ist rnfer dem Nahmeti Reinichr/i Fuchses rber- 
au/s weiJslicJi vnd hänstlich beschrieben. Dasselbige Buch 
aber hat ein gelehrter, scharJJ'sinniger ff^ellireiser Sachse 
gemacht mit Nahmen Nicolaus Bauma/i , beijm Vrsprung 
defs fFiiserslroms bärtig. Dieser als er bei/ dem Hertzo- 
gen zu .lälich ein Zeitlang in der Ca?itzelei/ für einen 
Hallt rnd Secretarien gedienel , durch die Fuchsschwäntzer 
böj'slicli hintergangen rnd in J^ngnadon gebracht ward, 
dafs er sich mit grofser Gefahr ron dannen an den Mchel- 
burgisclien Hoff begeben miiste , da er dann auch uider 
Uertzog Magnussen Secretarius vnd lieber Mann norden. 
Hat er aufs sein selbst erfahrung den lieinichen Fuchs, 
als wenn der im Herzogthumb Jälicli also ergangen were, 
xceifslich beschrieben rnd dem liucbdrucher zu Itostoch, 



376 ZUR FRAGE NACH DEM 

Ludoiiyigen Dilzen, welcher ein Oberländer von Speier vnd 
ein guter Reimer war, verehret. Derselhig hat die Glos- 
sen aufs andern Reimbüchern dazu gesetzt vnd ihn damit 
im Jahr 1522, als wenns zuvor ein altes fVelsch vnnd 
Französisch gemacht worden, in Druck gegeben. 

Der Rawntann aber ist hernach zu Rostock in S. Ja- 
cobs h'irchen ehrlich begraben, f/u't diesem Epitaphio, da/s 
ich ihm zu Ehren vnd dem Rcinicken Fuchs zu Lob an 
diesein Ort nicht verschweigen wollen. 

Nicoiao Raumanno 

Ducali Megapolensium Principum Secretario 

Elisabetha Vxor 

pietatis an coniugalis amoins monumentum posuit 

Mense Aprili 1526. 

Dormio sub lapide hoc Nicolaus Rauman honore 

Vulgari externo contumulatus humo. 
Nee mala nee vitae repeto bona, splendidior sed 

Quam nostra est nulla litt er a ducta manu. 
Laetus laeta legas, qui transis forte vialor. 
Ex Christi iustus nomine non moritur. 

Auff Deutsch : 
Nicolavs Raumannen, defs Herzog- vnd Fürstenthumbs 
Mekelburgk Secretarien hat Elisabetha seine Haufsfrawe 
aiifs hertzlicher ehelicher Liebe vnd Trewe difs Gedächt- 
nlfs gesetzt im Monat Aprili 

hn Jahr MDAMJ. 
Ich Nicolaus Rauman halt mein Rast 

Hie vnter dieses Steines Last. 
Als man mich hat zu Grabe bracht 

Li frembden Land mit schlechter Pracht. 
Vnd mag von gut vnd bäfs nichts sagen. 

So mir zu.slandt in meinen la^en, 
Ohn daß ich zu der Zeit im Landt 

Halt die zierlichste Schreiber Hundt. 
Du IVaudcrsuiann liifs deine Zeil 

In Frewden, uuis dein Hertz erfrewl. 
Ich weifs das der im Todt nicht ist. 
Der gerecht war durch Jesum Christ. 



VERFASSER DES REINEKE. 377 

Aus (lieser (lucUc ist die zweite geflofsen , die stelle in 
Peter Lindebergs clironicon Rostochiense , das 151)0, un- 
mittelbar nach dem lode des verlalsers, herauskam, sie giebt 
nur eine verkürzende, tlieilweise wörtliche Übersetzung, die 
Worte lauten Hunc {Nicolainn Mar.scalcinii) sequi luv Af'co- 
Inus P)aumann, qui, cwn aliquavnliii in ai/ln luliacA'tisi con- 
siliarius viaisset et inndvm ainid prindjicm tradmtus esset, 
iiü II t cum rilae periculn ad Magnum Megapolitatmin, cii- 
ius secretarius postea J'aclus, se recipere cogeretur, ex sua 
ipsius experientia astutiam vulpeculae germa/ncis rhylhmis 
argule et artißciose descn'psit et Rostoehii, tibi consuinpto 
vitne sladin in nede [acoben sepultus est, tt/pis edi curnvit. 

Allerdings ist Lindebergs chronicon der iiauptsache nach 
bereits 1590 abgefalst; da der verfafser aber 1595 noch 
lebte , so kann er jene stelle füglich in seinem manuscripte 
nachgetragen haben, dals ihm ein fremder eine neue literar- 
historische notiz über eine persönlichkeit seiner Vaterstadt 
bieten konnte, kann nicht ernstlich auffallen, zumal wenn 
wir die vielen groben fehler bedenken, die Lindeberg in 
wichtigem und ihm näher liegenden dingen begeht. 

L M.'iiittelbar auf eine dieser beiden quellen reducicrt sich 
endlich ohne zweilcl die dritte, die bemerkung die der 
Uostocker ßerend Frese 1597 in sein exemplar des Ueineke 
eintrug: Auetor huiiis lihri evedilur Nieolaiis Baumann, 
secretarius in aula Megapolilana Suerinensl , tuiinilalur 
RostocJiii in templo St. Jacohi. 

Woher llollenhagen jene notizen hatte, läfst sich nicht 
sagen, kaum, wie Lisch meint, von Lindeberg selbst, der 
dann wohl schon 1590 i)ei anferligung seines manuscriptes 
eine eigene notiz über N. IJaumaun gegeben und nicht auf 
das erscheinen des Froschmäuselcrs gewaltet hätte, doch 
dies ist eine nicht eben wichtige nebenfrage; für uns hier 
die Iiauptsache ist, dals jene drei Zeugnisse sich auf denselben 
ungenannten gevvährsmann zurücknihi-eu lafsen, dem lldllenliagen 
seine nachricht verdankte, auf eine in der zweiten iiälile des 
lOu jh. in Rostock herschende ansieht, \\ie Lisch meint, 
kann daraus nicht geschlofsen werden. 

Jene nachricht nun , in bezug auf den seit aiifang voi'i- 
gen Jahrhunderts verlorenen leichcnstein sicher unantastbar, 



378 ZUR FRAGE NACH DEM 

ist in betreff der der Vergangenheit angehörenden angaben 
auf (las bunteste durch unrichtigkeilen der gröbsten art 
enlstelll. 

Falsch ist die angäbe dal's der Reineke nriginahverk 
sei, falsch dafs er eine versteckte salire gegen bestimmte 
Persönlichkeiten und ereignisse enthalte, falsch diil's der erste 
druck in llostock , noch falscher dal's er erst bei üietz er- 
schienen sei , falsch dal's N. Bauniann Herzog Magnus se- 
crctär gewesen , falsch überdies und für einen Kostocker 
professor fast unbegreiflich ist Lindebergs angäbe dal's INic. 
13aumann des Nicolaus Marschalc nachfolger gewesen sei, 
confus endlich ist die angäbe über den druck von 1522. 

Ein exemplar einer ausgäbe von 1522 existiert nirgends, 
nach der angäbe bei Kollenhagen , dafs die glossen aus an- 
dern reimbii( hern dazu geselzt seien, niüsle man vermuten, 
es sei die erste ausgäbe der neuen glosse gemeint, denn nur 
diese, nicht aber die alte katholische, besteht aus anlülirun- 
gen aus andern poetischen werken, dem tiefen aber zwei 
umstände entgegen: einmal die angäbe, ';;ls wenns zuvor 
ein altes Welsch vnnd Frantzösisch gemacht worden', die 
ohne allen zweifei die worle der altoii vorrede im äuge hat 
'hebbe dyt boek vlh walscher vnn fraiiczösischer sprake glie- 
socht'; sodann besieht die neue glosse meist aus anliilirungen 
von scliriflen, die erst im anfange der 30er jähre erschie- 
nen, wie Schwarzenbergs memorial der tugent und kummer- 
trosl , Er.ismus Alberus fabeln (herausgegeben 1534) u. a. 
dies liil'st das enistchen der glosse kaum vor dem jähre 1539, 
wo wieder ein durch exeniplare belegler druck leslsleht, an- 
nehmen, will man also jene angaben llollenliagens retlen, 
so mul's man annehmen, die veischollene ausgäbe von 1522 
habe die alte vorrede noch, dagegen einen belräclillichcn tlieil 
der neuen glosse noch nicht entliallen , eine zu gezwungene 
annähme als dal's wir sie auf autorilät jener angäbe hin wa- 
gen dürrien. es wird ein bei bibliograpliisehen angaben über 
werke jener zeit so hiiulig vorlalleuder fehler auch hier im 
spiele sein , nämlich eine Verwechselung von x und v, die 
namentlich in den oberrheinischen typen, mit denen der Ilo- 
stocker Reineke gedruckt ward (s. u.), einander sehr ähneln, 
unser gewährsmann las also 1522 statt 1517. hiemil mischte 



VERFASSER DES REINEKE. 379 

er oder Rollcnliaijeii einij^e keiiiiliiisse, die er von der neuen 
j^losse Iiatle , und zwar, \\\e ich lest glaube, nach Mich. 
Beulhers liochdeulscher üherselzung, 

Dafs selbst einem Rostocker gelrlirlen derartige irrlhü- 
nier, wie wir sie Lindeberg nachgewiesen haben, über kaum 
70 jähre zurückliegende Verhältnisse passieren konnten , darf 
nicht auffallen, konnte doch 1.500 Chylraeus von Ludwig Diez 
sagen 'primus hie in hanc urbem Roslocliium ante aiinos 
quinquaginta artem fypographicam intulit', und docli bliihele 
die biichdriickerkunst in Rostock bereits' .''.O jähre früher, und 
Diezens druckeiei war erst die vierte, die entstand, und 
jene aufserung liiat Chylräiis in einem leichenprograiiim auf 
L. Diezens eigenen bruder. vergl. Lisch a. a. o. 13'i, anih. 
was in einer so wichtigen , leicht in die äugen sjjringenden 
Sache einem manne, der fast noch zeilgenofse war, gesche- 
hen konnle, das darf nicht verwundern in minder wichtigen 
und leichler der vergcfsf nheit anheimfallenden dingen bei 
einen) ganz fremden manne nach einem Zwischenräume von 
mehr als 70 jähren. 

So wenig wir uns also über jene evident falschen an- 
gaben wundern dürfen, ebenso wenig werden wir uns aber auch 
auf die übrigen, nicht geradezu zu widerlegenden, mit nur 
einiger Sicherheit verlafsen können, voi- allem müfsen wir 
feslhalfen, dafs diese, was ßaumanns aniheil am Reineke be- 
iriiri, sich selbst widerlegen, denn sie ziehen seiner ihälig- 
keil gleichsam den boden unter den füfsen weg, indem sie 
ihn augenscheinlich für den veil'afser der neuen glosse aus- 
gaben , die sicher erst nach seinent lode entstand, den älte- 
sten dr'uck dagegen gar nicht kennen. 

Überhaupt lautet nach dem oben gesagten die frage fortan 
einlach so, ircr rerfaßle das ina/niscript für den druck 
von l'i98. alles |)ailariienlieren mit aller und neuer glosse. 
um auf diese weise dem N. Raumann noch ein lh*(kchen 
terrain wieder zu erobern und Rollenliagens angäbe wenig- 
stens Iheilweise zu rellen, ist forlan zurückzuweisen, die 
abfafsung von 1498 blich ohne sonderliche iindciungcn mafs- 
gebeiid bis nach Raiimanns tnde. 

Die unleisiicliiiiig hat sich jelzt nach einem neuen aus- 



380 ZUR FRAGE NACH DEM 

gangspuncte umzusehen, und als solcher bietet sich am nächst- 
liegenden dar die frage nach der person des druckers. 

Da trifft es sich nun unglücklicherweise, dafs auch der 
drucker der ältesten ausgäbe des Reineke ungenannt und nn- 
hekannt ist. eine reihe von venmitungen nuifs hier an die 
stelle beweisender thatsachen treten, ehe ich aber mit jenen 
hervortrete, will ich eine andere bemerkung voraiissenden. 

Dem bearbeiter des Reineke von 1498 mufs eine aus- 
gäbe des narrenschiffs bekannt gewesen sein: an vielen stel- 
len finden sich reniiniscenzen aus demselben; ich (iihre nur 
zwei der bedeutenderen an. 

Rein. 6839 dit buk is scr gut to deine köp 
hier stell rast in der iverlde löp 
ist Übersetzung der stelle des narrenschiffs vorr. 53 und 54 
Hie ßndt vtati der weit gantz-en loiiff 
Diz büchlin wi/rt gut zu dem kouff. 
ferner der doctor Grvjttö v. 4156 ist ohne allen zweifei der 
im narrenschiff mehrfach, auch auf den holzschnitten, auf- 
tretende doctor Griff. 

Ihrerseits weist die niederdeutsche bearbeitung des narren- 
schiffs von 1519 an mehreren stellen auf Lübeck hin, wor- 
auf schon Lisch aufmerksam gemacht, a. a. o. 157 (narreo- 
schiff fol. cxLix''). " ' 

He sprikt, du mnehst yd yn körten ti/den 

Van hijr an wente to Jlotne ri/den. 

Ja Jie lüge nieht so s/rinde sere 

tF<ni Bonie nieht vorder ran cm were 

Alze van Luheke an wente tor inegedeheek 

Mit sodanem beschit kr/cht mannich eynen strek 
und öfter. 

Uiezu kommt die folgende notiz, die ich der midheilung 
des herrn T. 0. Weigel in Leipzig verdanke. in dessen 
handexemplarc des bibliograpiiischen lexicons von Eberl findet 
sich nämlich , zur seite der niedcrdeutsclien übei'setzung des 
narienschiffs von 1519 die handscliriftliclie notiz 'fol. aj' Dat 
narrenschypp, 238 bll. 4. Lübek 1497.' herr Weigel glaubt 
mit besliinnilhcit versichern zu können, tlafs er selber jenes 
exempiar, gPgcn ende der 20er jähre, bei gelegenheit einer 



vEUFASSEI? DES REINERE .»81 

versteij^erung-, in liarideii geliiibl habe. leider is( der calalog 
jener Versteigerung nitlit angegeben. 

Ferner, der niederdeutschen ausgäbe von 1519 liegt niclit 
eine der spätem Baseler oder Stral'sbui'ger ausgaben des Originals 
zum gründe: aus diesen ist nur drum und dran angedickt; den 
eigentlichen grundstanim bildet der Nürnberger hochdeutsche 
nachdruck von 1494,*) der an einigen stellen wesentlich vom 
original abweicht, es wäre ein wunderliches verlahren ge- 
wesen, wollten wir annehmen, bei der ausgäbe von Iöl9 habe 
man eine der spätem echten ausgaben, eine Stralsbur^er Über- 
arbeitung, und den schon äulserlich so unscheinbaren Nürnber- 
ger nachdruck in oclav neben einander in der weise gebraucht, 
dafs man jenen letztern im wesentlichen zu gründe legte, 
alles liegt dagegen klar vor, wenn wir annehmen dal's bei 
der ersten ausgäbe nur der Nürnberger druck zur band war, 
dal's später aber L. Diez auch Baseler und Stral'sburger aus- 
gaben aus seiner heimat hinzubrachtc, und man nun aus die- 
sen bei der neuen aufläge hinzusetzte , und in folge dessen 
auch den tilel änderte. 

Endlich sagt die ausgäbe von 1519 ausdrücklich in der 
schlufssehrift ' vnde nu vjtp dat nye vth dem hochdulschen 
in sassche . . . S|)rakc geseltet.' was kaum einen andern 
sinn zuläfst, als dafs diese Übersetzung die zweite nieder- 
deutsche sei. 

Nach diesem allem sind wir berechtigt anzunehmen dafs 
bereits I^J? in Lübek eine niederdeutsche bcai-beilung des 
narrenschilfs erschien, und wir werden, angesichls der an- 
gedeuteten im lleineke sich lindenden rciuiuisccnzcn an stel- 
len des narrenschilfs, sicher nicht fehlen, wenn wir, bei der ge- 
wiss damals in Lübek nicht übergrofsen menge zu derarligen 
arbeiten geschickter literarischer capaeiläten, annehmen, dafs 

*) oder vicllficlil der Augsbiirger iiaclHlruck voti li'Ji, dessen 
liolzsclinitte wenigsleiis den iNiiriiberger iiaeligescliiiiUeii sind. vom 
tcxt vermute ich eine älinlielie übereinslimniung;; gewisses kann ich 
dariiher nicht angehen, da das einzige, 1807 von Seckendorl" hcselsene 
cxemplar (vergl. Aretins neuen lat. anzeiger 1807, 200) veischcillcn 
ist. — der heriiiuntc Augshurger Verleger Itynniann von Geringen sc liickte 
in den neunziger jähren des 15n jii. einen eigenen büclierveikiiniVr 
iiacii Lübek. vielleichl braclile dieser das erste exeniplar des nairen- 
schiils dorthin. 



382 ZUR FRAGE NACH DEM 

die bearbeiluiig des Reineke und des narrenscliiffs von dem 
selben veifalser berriihren. die spracheif^enlhiimliclikeiten 
Aviderspreelien dem keineswegs, zugleich füllen wir auf diese 
weise eine liioke aus, die in der gescliiclUe des narrenscliiffs 
bisher auffallend hervortrat, indem es im höchsten grade ver- 
wundern niuste, dafs dies buch , das wie kaum ein zweites 
in unserer lileratur gleich einem pliänomen hervortrat, und 
sofort nach seinem erscheinen überall die mächtigste bewegung 
hervorrief, die sich weit über die grenzen Deutschlands hin- 
aus in naclidrucken , Übersetzungen, nachahmungen, bearbei- 
tungen u. s. w. kundthat, an JNiederdeulschland sollte so spur- 
los vorüber gegangen sein, jetzt sehen wir dafs es dort 
nicht nur sofort eine Übersetzung hervorrief, sondern auch 
wohl eine hauptursache ward die bearbeitung des Reineke 
zu veranlafsen. 

Viele jähre vergiengen ohne dafs eine neue ausgäbe 
erschienen wäre; da treten, ähnlich wie beim ersten erschei- 
nen, fast uumilfelhar neben einander, in Rostock zwei neue 
drucke hervor, des Reineke 1517, des narrenscliiffs 1519. 

Nun darf i'reilich in jener zeit nicht von respcctieruiig des 
Verlagsrechtes die rede sein, obwohl ein gefülil für das un- 
moralische des nachdnicks allerdings bereits scharf ausge- 
prägt vorhanden war, wie mit zahlreichen belegen noch aus 
dem 15n jh. dai-gethan werden kann, so linden wir doch 
seihst nicht unangeseliene lirmen , wie die Grüningers in 
Strafsburg, Schönspergers in Augsburg u. a., die werke frem- 
der oflicinen ungescheut nachdrucken. 

Hier aber hat sich mir eine bemerkung in den meisten 
fällen als richtig bewährt, nachdrucke folgen last ohne aus- 
nähme gleich nach dem erscheinen des ori^in.ildrucks ; die 
sjiätere wiederaul'lage geht in den meisten fällen von der be- 
rechtigten verlagshandliiiig aus. der grtmd ist gewiss nicht 
schwer zu linden. 

Diese bemerkung, sowie das merkwürdige zusammeu- 
fallen der beiden ausgaben der zeit nach, lafsen mich in vor- 
liegendem falle das letztere vermuten, und diese annähme 
scheint durch das folgende wesentlich gestützt zu werden. 

Der Reineke von 1517 ist allei'dings genauer abdruck des 
von IVJS , mit geringen Veränderungen derselben art wie 



VERFASSER DES REINERE. 383 

etwa die ausgäbe des naireuspiegels von 1549 zu der von 1545 
sich verhall; ihn weiter zu ändern hig kein griind vor. an- 
ders war es beim narrenschifle. hier hatle man anfangs nur 
die kleine Nürnberger ausgäbe des Originals gehabt; jetzt 
hatte man, wohl durch Diezens vermitfelung, die Slral's- 
burger Überarbeitung und eine der späteren Baseler Original- 
ausgaben, die beide zusälze entiiielten , kennen gelernt, so 
ward denn nachtriiölit'b aus diesen in die alte iiberscizunsr 
hineingearbeitet, und der titel verändert in 'Dat nye schip 
van Narragonien', entsprechend der Strafsburger bearbeilung 
des narrenschiffs. hätte man bereits 1497 alle diese elenienle 
in der niederdeutschen bearbeitung vereint gehabt, so hätte 
man 1519 zur Veränderung des litels keinen grund gehabt. 

Diese Überarbeitung nun verräth mehr als ein gewöhn- 
liches nachdruckerinteresse , dies verfahren athmet etwas von 
dem nachbefsernden Interesse eines verfafsers , der eine ver- 
mehrte aufläge seines werkes veranstaltet. 

Das wenigstens läfst sich nicht leugnen, alle vorliegenden 
thalsachen fügen sich am wahrscheinlichsten und ungekün- 
steltsten zusammen, wenn wir annehmen, der herausgeber 
des lleineke von 1517 und des narrenschiirs von 1519 habe 
durch veranstalten bereits der ersten ausgaben eine art Ver- 
lags- und autoi-interesse für dieselben besefsen. 

Die ausgäbe des Iicinekc erschien ohne nennung des 
druckers, die des narrenscliills nennt Ludwig üiez. beide 
werke sind aber aus derselben ollicin hervorgegangen; die 
buclistabcn sind diejenigen, die in dem zweiten decenniuni 
des lOn jh. am Oberrhein gebräuchlich wurden, nament- 
lich in Strafsburg und Oppenheim , die wohl oiine alle Irage 
der in Speier geborne L. Diez nach Rostock besorgt halte. 

L. Diez war anfangs nur geliilfe und später wohl com- 
pagnon in H. Barkhusens druckerei , die er um 1515 gänz- 
lich übernommen zu haben scheint; wenigstens druckt er 
fortan, mit denselben alten typen , nur unter seinem namcn, 
obgleich ßarkhusen noch bis wenigstens 152G lebte. 

Hatte also die ofCcin , die 1517 und 1519 die beiden 
genannten ausgaben veranstaltete, eine art Verlagsrecht an 
denselben, so konnte sie dies in nächster reihe nur erhalten 
haben durch Hermann Bur/chusen. 



384 ZUR FUAGE NACH DEM 

Fafsen wir jefzl die Persönlichkeit dieses und was wir 
von seiner Ihätigkeit wifsen genauer ins äuge, so bieten 
sich uns in dem von Lisch a. a. o. mit dem dankcnswerlhe- 
slen fleifse zusammengebracliten urkundlichen maleriale eine 
reihe von angaben dar, die wohl geeignet sind uns in un- 
serer annähme zu bestärken. 

1. H. ßarkhusen ist freilich bisher urkundlich nur in 
Rostock nachge\\ iesen, er stand aber von hier aus mit Lü- 
beck noch in buchhändlerischen Verhältnissen ; dies geht na- 
mentlich aus dem gleich noch näher zu erwähnenden briel'e 
an den herzog Heinrich von Meklenburg, vom jähre 1510, 
hervor, bei Lisch s. 73, in welchem es heilst Ok gficch'gir 
here loort ik am jungcsten so ik to Lubck was rnib Jincer 
g. hak, dnrsulfst pagcmert vtid oiierlang beredt, von dem 
meister befordert, dut dennc, so ik vorslunt, an xix guldeti 
vngeverlicJi lopen wolcle, wet oiier nicht , ifft Juwe g. so- 
dans hebbe holen loten; toere darvinb ok woll inync deino- 
dige bede , dat siilffte bok , so J. J'. g' rngcttvt/felt ge- 
nallen wert , mochten holen loten vnd de meister verno- 
get werde, im jähre 1533 erscheint sogar eine driickerei 
des L. Diez in Liibek , des compagnons und nachCoigers 
ßarkhusens. es scheint last , als habe man hier an frühere 
Verbindungen, die vielleicht nie erloschen waren, nur wieder 
angeknüpft, auch verdient beachtet zu werden, worauf lierr 
prof. Deeke so gütig ist micli aufmerksam zu machen, dafs 
der drucker des ältesten Ileineke mit dem jähre 1500 in 
Lübek verschwindet, Barkhusen aber 1502 in llostock auf- 
taucht. Lisch s. 7! *). 

2. //. Borkhitsen hat einen Rei/ieke gedruckt, in dem 
erwähnten briefe an herzog Heinrich, 1510, empfiehlt er sich 
zur herstellung des drucks einer hochdeutschen chronik. er 
sendet zu diesem zwecke einen druck seiner deutschen lials- 

*) der iiaiiic tiiirklniseii kdiiuiit .sc!ion im ,Iöm jli. in Lübeli vor. 
so ersciieiiit in einer urk.nn(lo 1 liiü ein presbyter Tiieod. Barkliusen, 
wie Deeke mir miitlieill. in Ilostnck seheint diese familie dagegen 
erst nach unserni Ilciniann auf/.ulreten , und z\> ar erscheint sie als 
verwandt mit der Liibeker (Lisch s. 64). war etwa Hermann Bark- 
husen , der nach eigener angäbe eigenllieh liiefs Petit de Jp'erlborvli, 
Paderboriiensts diueccsis , das aduptivkind eines Lübecker Barkhuseu '.' 



VERFASSER DES REINERE. 385 

gerichtsordnung und einen druck des Reineke voss an den 
herzog, dar innc de dulzschen schriffte to beseejide, loelker 
litlern Juwer g. best heu allen, mij sodans ok gnedi^en tor- 
kennen geuen : loelkere büke ik Juwer g. scliengke , ijft 
hnatitz in Juwer g. houe ivere, deme geleuede vmme kurle- 
wile darinne to lesende, diese stelle kann nicht anders 
verslanden werden als dal's heide drucke, wie es scheint 
mit verschiedenen typen gedruckt, aus ßarkhusens eigener 
oflicin hervorgegangen waren, nur dann hat die Übersendung 
einen sinn, nur dann ist die Schenkung derselben keine Un- 
schicklichkeit. 

Nun ist vor der ausgäbe von 1517 keine andere als 
die ed. princeps , Liibek 1498, bekannt, liegt die Vermu- 
tung nicht sehr nahe, eben jene princeps sei das hier er- 
wähnte exeniplar? 

3. H. Barkhusen war nicht blofs drucker, er war auch 
litterarisch ihälig. seine Stellung als stadtschreiber einer der 
bedeutendsten hansestädte beweist dafs er nicht ohne die ge- 
lehrte bildung sein durfte die zu littcrurischer ihäligkeit be- 
fähigte; stadtschreiber spielen überhaupt vom ende des 15n 
bis in die mitte des 16n jh. in der lilteralur eine nicht un- 
bedeutende rolle; es würde nicht schwer hallen in jener 
zeit eine reihe von nahezu dreil'sig sladlschreibern aui'zuslellen 
die sich aul" dem gebiete der lileratur versuchten. 

4. Und namentlich bestand seine hauplsäclilichsle ihälig- 
keit gerade in der Übersetzung fremddialectischer werke in 
die meklenburgische spräche, in dem erwähnten briel'e von 
1510 hebt er diese seine fäliigkeit besonders hervor, indem 
er sagt Ich mochte ok biilen , so Juu^c f. g. dar to gne- 
get, unj dar beneuen mochten gnedigen torkennen gheuen, 
ijfl Juwe f. g. to der ouerlendisehen edder mekrlnborger 
spruke best genegct wrre : scholde unj gelike rele wesen, 
dan ik mij getruwe , sodans in vnse dudesch woll to wan- 
delnde 7:nde niehtesdeweijiiiger im llijme to bliuende. ha- 
ben wir angesichts dieser worle nicht ein recht die nieder- 
deutschen Übersetzungen aus ßarkhusens olficin liir eigene 
arbeit desselben zu halten? 

5. Von einigen wird es uns von ihm selbst bestimmt ge- 
sagt, namentlich von der Übersetzung der bambergischen hals- 

Z. F. I). A. IX. 25 



386 ZUR FRAGE NACH DEM 

gerichtsordnung. vergleichen wir diese niil dem Reineke und 
narrenschiffe, so Dnden wir bis ins einzelnste genau dieselben 
eigenthümliclikeiten der spräche und des ausdrucks. die bear- 
beitung des liibisclien rechtes, die 15U9 in seiner officin 
erschien, soll nach dem urtheile von kennern zwar von we- 
nig einsieht zeugen; das aber reicht gewiss nicht hin ihm 
die fiihigkeit zur bearbeitung des Reineke abzusprechen. 
H. Barkliusen mochte ein um so miltelmärsigerer Jurist sein, 
ein je heiserer reimer er war. 

6. Betrachten wir jetzt noch einmal die schon angezo- 
gene stelle in dem briel'e an den herzog Heinricii. sie lautet 
Ik sende ok Jmoer f. g. hyrbeneuen eyn dutzsch hnls- 
gerichte , so ik ok ulh dem hoechdutzschen gelegen vnd 
kortes gedrugket hebbe vnde eyn ander bovk von schymp- 
liken reden vnd schwengken, Reyneke Vofs gcnompt: dar 
inne u. s. \v. (s. o.) ist diese stelle nicht erst dann völlig er- 
klärt , wenn man ßarkhusen auch für den bearbeiter des 
Reineke nimmt, der sich durch dieses gedieht vor seinem 
fürsten auch als gewandten reimer empfehlen wollte? denn 
eine poetische chronik war ja zu übersetzen (s. o.), und die 
halsgerichtsordnung , weil meistens in prosa , konnte seinen 
beruf hiezu noch keineswegs hinreichend bekunden. 

Unleugbar, am einfachsten stimmen alle thatsachen und 
Verhältnisse, wenn wir Hermann ßarkhusen, den als nieder- 
deuts(dien Übersetzer bekannten drucker einer alten ausgäbe 
des Reineke, vielleicht der princeps desselben , auch für den 
niederdeutschen bearbeiter desselben hallen dürfen, wir fin- 
den uns dagegen schritt für schritt in Widersprüche ver- 
wickelt, wenn wir an Nicolaus Baumann festhalten, für den 
gar nichts spricht als die autorilät einer fast hundert jähre 
späteren sehr trüben , sich selbst vielfach widerlegenden 
quelle. *) 

*) daCs freilich der 1491 1300 iti Wismar als prester xmd vica- 
rius ersclieiiiendc Nicolaus Buwmann , so aulTultciid sell)sl die zeit- 
abscbnille zu.saiiiiiieiilrellcu (unser liauiiianu ersciieiut zuerst 1507 als 
de nyge schriiivr) , doch nicht der uiisrige sein kann, konnte Lisch 
kürzer und schlagender beweisen, als er s. 195 thut, wenn er nur 
darauf aufmerksam machte dafs unser Nie. Bauaiauu bereits 1507 ver- 
heiratet war, vergl. s. 189. 



VERFASSEK DES REINEKE. 387 

Und hier scheint es mir nun obenein auf der hand zu 
liegen, auf welche weise sich das falsche geriicht von JNico- 
laus liaunianns aulorscliaft bilden konnte. 

Hermann Barkhusen war städtisch"?^ Nicolaus Baumann 
fürstlicher Schreiber, beide wohnten in Rostock , in gleichem 
ränge, in ähnlichen Verhältnissen, beide waren ausländer, und 
zwar beide aus Mitteldeutschland, beide standen in freund- 
schaftlicher beziehung zu einander; als kurz nach Baumanns 
tode dessen witwe Elisabeth sich mit Jürgen Artze wieder 
vermählte, war H. Barkhusen einer der vier freunde, die dei 
trauung in der Marcicnkirche beiwohnten *) ; endlich scheint 
Barkhusen auch kurze zeit nach Baumann (1526) gestorben 
zu sein, das geriicht verwechselte beide, es nannte den 
fürstlichen Schreiber slalt des städtischen. 

Und auch hiezu ist die veranlafsung abzusehen, als nach 
der reformalion die Protestanten der einseilige eifer ergrilf 
alles, vergangenes wie gegenwärtiges, nur in dem malse zu 
schätzen als es dem kalholicismus gegenüber Opposition machte, 
suchte man auch im Ueineke vor allem einen testis verilalis. 
die einmal auf deulelei sich einlafsende und dadurch der nai- 
vetät der auffafsung verlustig gehende erklärung gieng weiter 
und suchte in dem gedichte versteckte anspielungen auf be- 
stimmte ereignisse, ganz gemäis dem tendenciösen character 
der zweiten hallte des IGn jh. da mischte sich das gerücht 
von den vielgeprüften lebensschicksalen des aus fernen lan- 
den nach Rostock verschlagenen Baumann (vergl. oben den 
leichenstein, in dem gewiss weder die erwähnung externo liuino 
noch die vul<^ari hunore ohne beziehung sind) mit der er- 
innerung an die lilterarische Ihätigkeil seines doppelgängers, 
des Hermann Barkhusen. 

Wir dürfen zum schlufs freilicii nicht vergefsen uns zu 
erinnern dafs unsere ganze untcrsucliiing zusauiuiengebaut 
ist aus einer reihe von wahischeinliclikeiten, wir dürfen uns 
die moglichkeit nicht verhehlen dafs die auflindung neuci- 

*) ich verdanke diese iioliz dem lierrii seiialor dr II. Mann in Hos- 
tock, der sie mir aus seinen reicilien \(iiarl)eiten zu einer unifaCsen- 
den gescliiclite seiner Vaterstadt, nanienllieli zur zeit der hansa , niit- 
gelheilt hat ; das original des hetrellenden ehepaetes liegt jetzt im 
Rostueker archiv, rubr. geistliche suchen, unlerablh. ehes^achen. 

9r» ♦ 



388 NOMINA LIGNORRUM AVIUM HERBARLM 

archivalischer quellen vielleicht einst noch ein anderes re- 
siiltal geben, dafs die brücke, die wir zwischen der Lübecker 
und Rostocker ausgäbe des Reineke gebaut li.iben, sich als 
trüglich erweisen mag: das aber darf wohl mit einer an 
Sicherheit grunzenden Wahrscheinlichkeit behauptet werden : 
bis zur entdeckung neuer quellen ist an die stelle des Nico- 
laus Baumann Hermann Barkhusen zu setzen. 

LEIPZIG den 13 Dec. 1852. FR. ZARNCKE. 



NOMINA LiGNORÜM AVIUM PISCIÜM HER- 

BARUM MIT DEUTSCHEN GLOSSEx\ AUS 

DER FRANKFURTER HS. 

Dajs die laicinischen hexameter 'de nominibus volu- 
crum ferarum lignorum piscinm , die mit den übergeschrie- 
benen deutschen ginssen z-uerst in Gcrberts iter Alemann, 
{glossaria 136 — 141) aus eines Einsiedler hs. des 12n Jh., 
dann befser von Wilhelm fFackernagel in den altd. blät- 
tern 1, 348 — 350 aus einer derselben zeit angehörigen 
Strafsburger hs. mitgetheilt *) nnd von Wilhelm Grimm 
{zur gesch. des reims s. 141) an das ende des \0n Jh. 
gesetzt worde?i sind, sich in vielen hss. deutsch glossiert 
finden, hat bereits Hojfmann von Fallersleben in eben die- 
sen altd. blättern 2, 210 Jf. bemerkt, auch neben der hin- 
weisung auf seine allhochd. glosscn s. xxxii nnd MaJ's- 
manns denkmäler s. 91 und 92 der sechs von Graff zu 
seinem althochd. Sprachschatze {s. die vorrede s. lxxi) 
benutzten hss. gedacht und zugleich aus fünf ihm zugäng- 
lichen hss. die glossen verzeichnet , wozu dann noch die 
aus zwei Stuttgarter hss. ausgehobenen glossen in Mones 
anz. 5, 4(52./. 6, 345,/. kommen, aber eine der bisher 
nicht bekannt gemachten hss. , nämlich die von Mafsmana 
eben in den denkmälern s. 92 näher bezeichnete , welche 
sich auf der stadtbibliothek zu Frankfurt am M'ain^\ beßn- 
det, verdient wohl vor andern besonders herausgegeben zu 

*) anßirdfin ^icht JJ'ilhvlm JFackernagrl zeilsclir. 5 , 300 /. 
die verse de nominibus lignoniin noch einmal mit (Icnturlien y;losscn 
uns einer etwas älteren Sehlettsludler hs. 



MIT DEUTSCHEN GLOSSEN AUS DER FRANKE. HS. 389 

werden, nichl .sowoJil deshalb weil sie unter ihren glossen 
manche abweichende bietet (/'. 8 niosl, 10 fge, 21 lul, 28 ta- 
sanl, 29 hüsigoum, 31 ruoclis, 33 gugug mid sitküst, 38 tlislel- 
zwanc II. a.), so/idern vielmehr weil sie eine bei weitem 
gröjsere an'zahl hexameter mit glossierte?! ßsohnamen als 
jene StraJ'sburger hs., und 64 hexameter mit ebenfalls 
glossierten kräi/ternamen enthält, welche den andern hss. 
gänzlich abzugehn scbeinen*). der hier folgende abdrucU 
beruht auf genauer abschrift und vergleichung von mir**), 
zu dem, was Mafsmann über die wohl in die zweite hälfte 
oder bestimmter erst an das etide des 12/^ jh. zu setzende 
hs. angiebt , habe ich nur wenig hinzuzufügen, die bei- 
den zusammenhangenden pergamentblätter waren mit ihren 
inncrn selten aufgeleimt , und nur das c?'ste blatt füllen 
unsre verse. da es die namen der holzarten vor denen 
der vögel hat und erst mit dem achten hexameter jeiier 
beginnt, so sind mit dem vorhergehenden blatte die an- 
fangsverse verloren, auch wohl die verse de noiuinibus fe- 
rariiin, in welchen noch die wanze (ciinex waiillüs wantvvmi) 
und die maulururfs grille (pruris suirio , vgl. der schwerr 
bei Schmeller 3, 547) vorkommeji. die Überschriften sind 
roth und stehn in der hs. hinter dem ersten hexameter 
eines jeden abschnittes. dieser beginnt innner mit einem 
gröj'seren rothen buchstaben , und der anfangsbuchstab 
eines jeden hexameters ist rollt durcJi gestrichen, die ab- 
hürzungen , irelche in dem druche Schwierigkeiten mach- 
ten, habe ich aufgelöst und lal mit lat. vertauscht, übri- 
gens fallen fast alle diese auflösungen in lateinische Wör- 
ter, was- an einigen von wurmfrafs durchlöcherte?! stellen 
7veggefallen oder sonst beschädigt und unlesbar gewo?'den 
ist, zeichne ich durch cursivschrifl aus. 

GIESSEN, Weihnachten 1852. . WEIGAND. 

') iiiu.isc7t daraus vntcr der bencnnun^ Frankfurter glossen Itat 
IVühelm Grimm bei eridäruiig der /f'iesbader flössen zeifsclir. (i, 
330 — 333 angezogen. 

**) eine zweite sorg/a/t/ge vergleicliung mit der lis. halle nnin 
freund Franz llotli übernommen. 



390 NOMINA LIGNORUM AVIUM PISCIÜM HERBARUM 

rvst massolt' hasel hagenbvch erle 

Vlmus. acer. cornus. corilus. carpenus. et orniis. 

nespel mandelboin kestenbom 

Vos au^llane. vi' ainigdala. castaneeqiie. 

espa hagen rlorn ige erla 

Cü tremulo. tribulus. cü spina. taxiis. et alnus. 10 

Et licet ignotü nö pret'eo terebinlü 

hold'nrn holder rechnit' hiefholdra 

Rusculiis. sambucus. cum iunipero. paliiiriis. 

widen sallien 

Viniina. ul' salices. vicire iialent tibi vites. 

kv'lenbom. luvlbom 
Cü cotano. niorus. morique soror sicomorus. 

sloch heida 

Ista tenete loca. storax. turbisce. niirica. 15 

bartrugil 
Heu sanguinariü non vsu ponere possum. 

zvnd' 

Iscä postremo quia crescit iuarbore pono. 



Noia aiiiii. 



H 



Ic uolucres celi referä sermone fideli. 

habch sperw' valko storch specht 

Accipiter. nisus. capus. alque cyconia. piscus. 

agelstra grvnspecht muser weho storch 

Pica. nierops meropis. larus. alque laoficus. ibis. 20 

8. r\st] dieses wort, unser rüster, ist mir aus andern hss. des 
12w — 14« Jh. 7u'cht bekannt. Graff verzviclinet ohne beleg 3, 8G6 
nizbaum = vlmus , und der Nürnberger voeab. tlieuton. v. j. 1483 
hat bl. bb 5^ Rufspawiii, vlinus oder miePs, bl. v 3» MyeTs, vlmus oder 
rufspawm. 11. dieser vers ist am obern rnnde nachgetragen tind 

ein zeichen iveist ihm hier seine stelle an. die Sirajsburger und die 
Einsiedler hs. setzen ihn zwischen v. 9 )/nd 10- Et] die hs. hat Est 
12. recholt'J in der Eins. hs. recholdir. die gl. San-btas. 13^ und dar- 
aus Graff 4, 127G haben recolter. ('(•/■^•7. auch rekolfber v. 113 und 
Schindler 4, 42. 14. mvlboni] /// der hs. nivlb 7nit ahkürzendein 

querstrichlein oben durch b 19. sperw'j oder sparw' wie altd. bll. 

1, 348? in der hs. nämlich spw' mit einem kleinen querst rieh durch 
den hertinlergehnden strich des j), ums bekanntlich per ist, aber auch 
par bezeichnen kann. cycotiia] in der hs. hier ein punct über y 

20. agelstra] in der hs. agelsl":. dieses zeichen "^^ := ra auch in 
rämisad'^« v. 63, d'^'^^conlhea 71), ad<^'ginis [in?] 85, g<^<^nri zu v. 89; 
aber «<- =: ua in aq'^rea, wie = a in m'^'^g i7i der Frankfurter hs. 



MIT DEUTSCHEN GLOSSEN AUS DER FRANKE. IIS. 391 

reig' lurteltuba hinve Inl pir 

Ar(Je;i. iiT liirUir. seu bubo. nioiiodiihi. wllur. 

aren küseliii wildcvalke 

Hils assunt aquile. purisculiis. berodiusque. 

tuba liagtvba 
Natura pariics bic State colfiba. palübes. 

ra|)|ie kreia wilbopfen snepho rephvii 

Coruus edax. cornix. upube. fiscedula. perdix. 

vwela vinko nachlram enierza 

Nocliia. iringellus. seu nicticorax. aniarcUus. 25 

wij^e nieisa horlubil g;ans hera 

Miluus. et inde parix. oiiocrocalus. anser. et ornix. 

elbz idem slare tucher Iroscliella 

Cingnus. olor. sturnus. mergus. liirdelaque turdus. 

wacbia ainsela fasaiit orhvn 

Qiiiscula. cü niercula. fasianus. et ortigoinetra. 
krank hvsipom phavvo arit stocharo ; 

Grus, et pcUicauus. pauo. uel anas. alietus. 

isvogel warkengel 

Auriceps cupide. sepicecola. crurisculeque. 30 

rvclis 
Graculus liaut deerit. lursarius bic residebil. 

basellivn birohvii haRclgaiis strvs 

Sparnhis. allagge. mullis vaga. cü struliouc. 

siic-li 1 puRiig silkiisl invebt'iiii 

Sic giigulus. volica. sie psilacus. alque cica(hi. 

Ilcdeniiiis swalwa 

Te vesperlilio. \ birundo. uö reticebo. 

KJ'i'siiuiga 
sp. 2. Tu luilii dulcisonam capc smirle celer pbilomeua. 35 

di's hall} hl. \iv-. webo] in der A.s. stand zucrsl. wewo, aber wo 

ist durch untergesetzte puncle getilgt und ähergesr/irii^ben lio '21. Iiil] 
so nur noch in der hs. der liönigl. //rirntbiü/iof/wU zu Stuttgart 
(Mones anz. 0, 345), sonst im inhd. und ahd. nir/if weiter aufzu- 
finden, aber daneben die form dula //// vorab, tliciiton. {Nuremh., 
Zvningcr 1482) bl. e b^, wo Dach od' diila , iiiaiu'd'la (so) auis qda 
meola idd, od' atzel od' hetz, aus diesem dula und m/id. tul unser 
nhd. dohle , eher als aus rnlid. tallc {lienner l'Ji;»!), das Grimm 
gramm. P, 131 aus ahd. taha , taliala entsprungen scheint ^ und mit 
dail, monedula, im teuthonista stimmt, uußueben baier, dähcl {Schiuel- 
ler 1, 360) noch ein ahd. läliilä voraussetzen liifst. 24. CoruusJ 

die. hs. Coruu' 20. onocroealiis] so die hs. hera] so auch in 

der Einsiedler hs. vgl. heera gl. Jun. 208. 28. waclila] so die hs. 
30. Auriceps] so die hs. crurisculeque] zeitsrhr. d, 333, 283 cru- 

risculeg^ ist wohl nur druckfehler. 35. zwischen 35 und 3(1 noch 



392 NOMINA LIGNORÜM AVIUM PISCILM HERBARUM 

nacbte^al wass'stelza 
Sic et luciniam. cü lucinio. cape paruam. 
spar 

Nullus te passer fiigiat licet hüc legat asser. 

tstelzwang 

Versu Stare nequit carduellus quique recedit. 



E 



Nöla pisciü. 



quoreos disce felus inuersibus liiisce. 

hvse sturo vorhenna 

Ypocus. alburnus. rombus. tacluca. silurus. 40 

salmo al salnio grumlella idem 

Damarus. anguilla. poleris. gradius turonilla. 

cresso nivnena carpho alant idem 

Gracius. et redo. dendex. capitoque capedo. 
salme escz 

Salmo. salar. nullius, sepie. muniua. tiniallus. 

hecbt bresimo groppo bersich 

Lucius, et parca. lolligo. gobio. porca. 

heriiig steichila vorna 

Allee, cü serra. cü Irulta. glaucus. alausa. 45 

vare nViio^ge balbvisz dorn 
Millago. mugilis. pectenus. zinga. sarauis. 

batbo snex blieca sal 

Clania. suilla. parus. nielanurus. solea. sarus. 

erling kar|ibo linsila 

Escaurus. slrotus. zephalus quoque. debio lithus. 
inilicba slio 

Tinnus. cü liiina. cü tructa. denique tiuca. 

ein vei'ü in der Einsiedler und in der Strafshtirger fis. 37 fehlt 

in der Strafsbitrger hs. 38. carduellus] in der hs. ca'rduellus, 

also i zwischen a und r eingeselmhen (Fr. Roth.) tstelzwang] d. i. 
tistelzwang. in der hs. hinter g noch ein biiclistab , der ungewiss 
Itifst, ob er c oder t sein soll, da er sich aber zugleich über dem 
ersten q von ()uii|ue beßndet , das hier in (jii ; abgekürzt ist, so ver- 
mutet Franz lioth ?nit recht dofs er das über Jenes q nach der auch 
in 7Wsrer hs. üblichm abkürzung erfurdet liehe i bedeute und also 
nicht zn tstelzwang zu ziehen sei. was dieses worl selbst angeht, 
so vgl. man bei lieisersberg (]\sle\x\v\g\\n =: distelfink (Frisch 1 , 2()0a) 
vnd bei Hebel distclzwinli, so wie ahd. zueiikan ru/>fen, zupfen {Grttff 
5, 732,/.) und zuigoii {l'.rujf^, 730). iü. bvse' es scheint als hätte in 
der hs. c in o gebefsert werden sollen. tactura] in der hs. tractuca 
mit einem puncte unter dem r 46. vare] oder varo? & fast ivie o. 



MIT DEUTSCHEN GLOSSEN AUS DER FRANKE. HS. 393 

carplio liiiiMVida biirba 

Sepiiis. et carabiis. sario. nn\vc7iafjije. barbus. 50 

lechse sti-inhiza 

Addimus esoces niulilos. pan/os hainioues. 



Nola Kharum. 



H 



erbarum flores lellus ferl niulllcolores. 
Dequibus hie eda proposse uocabula y/z/dam. 
faro losla \ dost wllina. selicnii^ l)LT(lil!"ain 
Filix. origanum. blaiidoiiia. canna. piretrum. 

Iiasilica siinzo trvsnrz Iinsennre 

Musica. cü iicpla. cü niaiira. didima. mora. 55 

swertella solsequia plVirkru/ lat. niatir'^^na 
Acorus, aiieusa. salureia. cü febri^w^vA. 

50. \n\ivenaqne\ ' enaque' iöcg:gef(illen , von wurmfraß ein loch im 
perf^dini'nt ; aber aia rande des loclies ixt noch ein sinckchen von dem 
heruntcrgehnden striche dfs q sichtbar, doch so nahe an dem von 
barbus scheidenden puncto duj's nur noch die übliche k'tirzung für 
iie dllgestanden liaben kann. die hs. hatte also, wie Franz Roth 
richtig bemerkt, inurenii(| ; gleich v. (t'i tiinbraq ; 51. parmts] 'pur 
vnd der erste strich des u weggefallen ; es ist ein loch im perga- 
vicnt. haiuiones] gl. Trevir. 4,2',) keifst der ßsch ainin. ^'^. quc- 
dam] .90 setze ich wegen des rorausgehnden edä ; aber die h.s., in 
welcher sich ein die ganze silbe vor dam verschlingendes loch befin- 
det, zeigt am rande desselben vor d die deutlichen spuren eines f 
54. wllina] nicht, wie zeit^chr. 6, 331, 211 steht, wlhiiia. in der hs. 
steht zwischen i und n noch ein strich wie ein i, der aber durch 
einen darunter gesetzten punct getilgt ist. 55. siinzo] so die hs. 
statt siniiiiza, tcie 63. ririderzurifjo stall riiiderzunga , während ()2 
niv'nza, 58 bachmv'iiza , 69 biizzvnga, 108 ocbsenzvnga. was sonst 
den aus siginiinza zusammengezogenen pßanzennamen anlangt, so 
vgl. siminza Grajfl, 819, 'siiiiiza, nepeta' gl. Trevir. 6, 39. 56. /f- 
^/•/Tiigia] oder fcbreUi^xal zu lesen sind nur die oben verslümmelten 
buchslabcn feb und die vollständig erhaltenen ugia ; aber das ganze 
wort erhellt uns glossen wie gl. San-blas. 56" "^ centauria minor, Matrana 
ibisca, velfebrifugia, vel mutiratrio', vel helleborites' (wo übrigens ibisca 
offenbar zu dem nachfolgenden lat. ibisciiin gehört)., gl. Bonn. 23, 8 
' maX'wwa, febrefugia' , sunicrl. 56, 48. 57, a'febrifuga, meiere,' voc. opt. 

51, 90 'fcbrifuga, matreiin', wozu {nach Frz. lioths mittheilung) aus den 
ungedrucktcn pßanzennamen in des freiherrn v. Aufscfs hs. nr KLVJ'' 
malren kämmt, was nun das übergeschriebene malir'^^iia betrijft, so habe 
ich dieses wort vollständig hierher setzen zu müfsen geglaubt, wie es in 
der hs. steht, ohne die beiden in derselben untergesetzten puncte, den 



394 NOMINA LIGNORUM AVIUM PISCIUM HERBARUM 

mistel 
Hiis eliam viscü. hiis et iangamus hybiscü. 

grensicli iiu'ta aqiiai'ea .i. bacliniv'aza 
Cfique polenlilla. stet balsainila locala. 

gferwella 1 glise l fuMifblelt' 
Te cerofoliü. non estimo p'clereiindfi. 
Ratiichelc ruta g'. alicli (los hasehvrz. 

Senolioii. piganon. ebolü. narcissus. aizon. g'. GO 

l spring\vi-z 
aiidorn lat. spinwrz scliellewiirz 
MaiTubifi. coconidiü. celidonia. bollü. 

nus i 

livntwrz erlwrz salbeia pfefPkrvt mvnza 

Frasia. tubera. saliiia. brasica. tinibraque. niela. 
Rinderzungo wissewrza bvgge rämisadra 

Bvbula. diptannü. sed et artlieinesia. slrignü. 

s. 1. sp. \. 

pastenej. berwrz. \ oliue. 

Sic pastinaca. sie baldemonia. bacca. IVuctus lauri 

alant lalicli brenwrz spinwrz loch 

Enula. lapatiü. git. laclericia. porrfi. G5 

e.ntferntereii unter dem t vitd den alltii nahen unter dem i (nur die- 
ser ist zeitse/ir. 6, 332, 230 angegeben), besonders zu beaelifen ; dinn 
wo der pßanzenname sonst vorkummt, führt er stets sein t, und das 
i hat er wenigstens in den gl. Bonn, oder dafür e, uüe in der ans 
den sumerlaten ausgehobenen g/osse, zu ive/cher noch 'melissa , lue- 
tere' 57, 59 hinzugefügt werden kann, der name ist ohne zieeij'el 
unser nlid. meter, meiern, ineterkraut, wofür sonst nurh inutterkrauf, 
matriearia, gesagt wird. s. Lonieerus kreuterb. bl. 186''. 59. fuMif- 

bletr] unter ' ein kleiner leagererlilcr strich vnd unter diesem noch 
ein etwas gebogener, was beide slriehlein bedeuten sollen, verstehe 
ich nicht. 60. baselwrz] ursprünglich , aber mit untergesetzten 

punclen , also getilgt, hvswrz. liasclwrz ist darüber geschrieben. 

Ulis 
62. erlwrz] so die hs. , in welcher offenbar der Schreiber wrz durch 
1/ntergesetzte puncte zu tilgen vergefsen hatte, vgl. tuburu, tubera, 
erlnuz ^-V. San-blas. 57'', gl. Trevir. 7, 7. Grnffi, 11'28. 63. Hin- 

derziiiigo] statt a {oder auch e?) vgl. das zu v. 55 bemerkte. diplaii- 
nu] .so die hs. rämisadra] /// der hs. ramisad«. vgl. die anm. zu 

agelstra v. 20. auch gl. San-blas. 57' 'sirignum, ramesadra', gloss. 
Trevir. 6, 37 'ramesdra, stri/gnum' und bei Schmeller 3, 82 'rames 
adra, strignus, herba salutaris'. es ist dieses rammis-, ramesadra 
d. i. Widdersader wohl unser nhd. verkürztes ramsereii = wahlknob- 
lamh, allium colubrinum, uuirauf schon Spreng bei Gerbert hinweist. 
65. am vordem rande d*^ eina und darunter caise mit nicht ganz 



MIT DEUTSCHEN GLOSSExN AUS DER FRANKF. IIS. 305 

inandila bilse ^' cresse tribwrz cnste 

Garga. iusquianfi. naslurcia. liinula. costü. 
Mff^'-same p'^nier tille 

31igoniis. elleborum. calocasia. cardus. anetfi 

swerlella kle « il(lck\ 'ihs distcl rietgras 

Gladiolus. calta. colcxiuiiilida. cardiiiis. alga. 

Iiirzzv^a sli'iiclia 

Sarpion. agoane. s'olopcdria. satirionque. 

ebirwrz 
Ituscolana. cardopaiia. mcrculiaiia. 70 

hirzswani lictMin niaf?saiiie 

Boletus, lasen, pelrosoliüque. papaiier. 

lat. 
bracliwrz IvMcli eripalla lat. papela cacoslnniacha {;'. 

Eiisole. crassiua. loliü. ceiilauria. malua. 

kranciiissnabel heidestuda 

Herbe reumatice. vos coniiumcrabo mirice. 

bilza biviwrz 

Cum siniplioniaca. stet milleboria ificta. 
g' Ronischekole nachtschalo steinbrecha kleta la. lapatlii g'. 
Brassica, morella. saxifrica. cii paratella. 75 

Nat'wrz kerwella brachwrz lat. draconthea g". 

Atque viperina. quinquefolifi. colubrina. 

ve'dqueiif la. bilsa lal. 
Cü sigillata. sarniiiiia. cauiculata. 
a pliefer 

Panicis ostru//V?. /?/per. et cantilla roratü. 

sicherem c und noch luisir/iercrrm e, J'ii?' luclches sich auch a lesen 
liefsp. die beide ra)idbemerkiingen beginnenden hiichstaben sind weg- 
gerifsen. jenes A'^ elna :zz dicta elna aber gehört ohne zweifei zu 
Enula, wie sich ans gl. Sa/i-blas. Gl^ ' Ilinnttla cainpana , aianl , xwl 
lalurciiim, vel heleiiini, vef elna, vel hinnl/i' erschlicfsen läjst. ()6. Gar- 
ga] der erste biichstab nicht: sicher ob G, ob C. at/eh g ist unsicher, 
zwischen bilse iind g' durch untergesetzte puncto lat. getilgt. 09. sliii- 
cha] in der hs. ein punrf unter dem a , aber gl. San-blas. SS*" und 
gl. lYevir. (i, 2i] sati/rio», sliiika. rgl. auch drajf d, In96. 71. pe- 
lrosoliüque] i. d. hs. pelrnsolin. q^ 74. bilza] /. d. hs. bilsa mit 
einem puncte unter dem s und z überg"schrieben. 71'). brachwrz] 
so die hs. ; es soll heijsen drafli«rz nach gl. San-blas. .'iö'' 'draeontea, 
drahwrz', Diut. 3, 2'i3 drahwrz. vgl. auch gl. Trevir. 0, 26 'dra- 
chcnwrz, Draeontea.' bracliwurz ist der deutsche ausdruck für eusole 
V. 72. 78. ostru////] im reim auf roratü. üheigeschrirben war 
wol astreza, schwerlich aslri/a (nur das unlaiilcndr :\ ist lesbar, 
alles übrige erloschen), denn die /ijlauze heifsl auch lat. aslrciiliiim. 
s. Loniecrus kreittinb. bl. 2.')7'. der nlid. mime ist nieisteruuirz. 



396 NOMINA LIGNORUM AVIUM PISCIÜM HERBARUM 

quinque foliü rvfa krut schernig 

Pentaiilon. rnta. ^aliiica. gamandra. cycuta. 

teiieniar§f 
Sic A-/Jiana. gen^/folia. Valeriana. 80 

iTiaslic piikcol ysiuina kvini 

Mastica. porliolö. cytisus. verbena. cviniiifi. 

hvswiz ochsenzviige lat. .i. centauiia 

Barba iouis. ul' liiigua bouis. sie herba cbironis. 

kvrhz watwrz 

Sarainius. cucuniisque. sigillo cfi salomonis. 

biUa lobstei-ti cnliand' 

Sic quoqiie niiliiidrü. libistichii. coriandrü. 

eade (1=. portiilaca lat. haiil'vs adraginis g'. rüscliüb 

Murex. pespiilli. sed et vngula dca caballi, 85 

gflipan tenneiiiarg 
Galbana. sanisucus. aloes. saporöii//s. achätes. 

Appolliiiaris. tiliniallus. canicularis. 

1 sc. kiKiblofli g\ kurbz aniz ratle 

Gordt^o. amhrosia. cucunier. canniiia. nigella. 

nessela 
zitewar vrllca iiiaiür. seuiboin lat. 

Zodear. acaliplie. calaganga. sainna. gaisele. 

astrenza kommt vor gl. Trevir. 7, 13, aber als deutsche heneunung 
der aristolochia longa, des oster/i/zeis ; astreiicia ist verzeichnet Diul. 
3, 24i und. nhd- die asirenz von J. Grimm im deutsch, wlbrh 591). 
Jenes astriza, das sich ni/r genes. 16, 35 {bei Hoffmann) Jindet , ver- 
steim Benecke- Müller 1, 60'* von der kaiserwurz , imperaloria oder 
angelica. 79. rui«] so ergitbt sich nach dem reimworte cycuta. 

auch übergeschrieben wie v. 60 rvta und wohl nicht rvte wie v. 109 

iJi Steinrute. krul] lesbar ist nur krut vnd ich ergänze davor 

krv'ze (von dessen lelzlem biichstuben kaum noch ein sfrichlein 
übrig isl) nai-h ' saliunca , spica celtica , cruce«urz' sumerl. 58, 52. 
80. uß'iaua] so liest Franz Roth gewiss ri'hlig, denn auch die phy- 
sica Sacra der h. Hildegard {ed. Reufs, ff'ürzb. 1835, s. 1 i) hat den 
namen. die buchstaben J-ß'i sind verblasst und zwischen x ttnd p ist 
oben ein loch. gen/Zfolia] = centifuliu. 81. portiolü] in der hs. 

portlliolfi mit puncte/i unter li S3. watwrz] a scheint corri^iert 

aus u 85. adiaf;iiiis| oder adragais? or/c;- ;,•(/;• ad^rainis ? die buch- 
stuben zwisclieti g nnd i sind uvgvwiss in der hs. ad"'ginls oder 
ad^grais. vgl. die anm. zu agebstra i'. '20. was ist aus dem dunkeln 
Worte zu machen? 86. sapoivjnw.v] der buchstab a ist verblasst, 

ebenso hinter dem n das abkürzungszeichen , das wie ich glaube us 
anzeigen soll. 88. Gordcw] das übergeschriebene sc soll wohl 

die ursiirUnglichere J'oi'm scordiou {axoQihov) andeuten, ital. scordeo. 
89. (////' dem unleren rande steht mit kleinerer sehrij't 



MIT DEUTSCHEN GLOSSEN AUS DER FRANKE. HS. 397 

pWe zeisla 

sj). 2. Lilia. pelidius. seu. calcätrippa. dametrus. 90 

Acnkel cibel rose laticlie violu' 

Feniculii. cepe. rosa, lacluce. violeqiie. 

ezsolielöch wiclibona 

Hiis ascolinn. pariter quoque iügo lupinuin. 

wizmüza V gigibero igu'b'. nepla lat. 

'. _ . . ^'• 

Hirmen. meiitastru. zinzibero. calamentii. 

haitwiz viftwrz reinvan. 

Ipiricü. betä. tormeiilill;l. taiiacetam. 

bvndesku'rbz 

Herba peonia. siiie brioiiia. noie slale. 95 

Hiis sarminia. seu celisia. vos sociale. 

graydo g\ 

weitkrut lat. w'mvt senipb 

Isalis absinthi spes. semenqiie synapi. 
kle feiiicPü lat. 

Sic amaratü. sie trifoliüque. niaralni. g'. 
p' besiron belliania lat. svniievvii-bel bibinella 

Stent cü lietliaiiica. solseqtiia. ul' pipiuella 

Sw"telleiibl\ nie wej;ibriila i)iMZ 

Aclara. cciioclius. ul' sepleneruia. bihlus. 100 

bib'wrz swain epplie lat. selinon g\ svvam. 
Casloriü. fungus. apifi. diepenlia. flangns. 

kiioiilocb lat. poleige glegekrut. spica 

Allia. polegifi. carex. illirica. s|)ica. 

wi'gei'icb lat. gai-vNe hracbloch 

Hastula. plautago. niilleroliü. rinuicedo. 

ali'dna gi-cii.sicli r\ ha 

Mandragore, rapha. ninpliea. greganica. rapa. 

iiuilta ysnpo baselwrz g'. spec 

Allriplex. ysopus. asarü. rasilia. nardus. 105 

V b'ba .sinapis erit sed granü dico sinapj 

Du maridiicantiir cnnsecla siiinpia dicas. 
V zr versus. Oi. tanacelaiii] so die hs. im reime auf betä 96. ce- 
lisia] in der hs. iirspr'un^lick celesia , aber mit einem punete unter 
dem zweiffji c, und i übergeschrieben. '.)'.). be.stroii] so die hs. statt 
ccstron {y.^dTQor). 100. wejjibnila] die hs. hat wegebrula mit einem 
punete urller dem zweifm e und übergeschriebenem i. übrigens ist 
brula versehrieben für breila, denn auch sumerl, 23, r)0 ' septincruia, 
wegebreile' und gl. Trcvir. G, ii'wcf^ebre'ild, septinerdiu'. 102. gle- 
gekrut] hierzu am hintern rande, tvohin ein zeichen weist, eadc 
d<^ yris lat. 103. rinnicedo dafür gl. San-blas. 57", gl.'^J'revir. 7, 4, 
sumerl. 61 , 66 emicedo. draff fiiiicedo {sprachsch. 2, l'i2)ßude ich 
nirgends. 105. asarfi] in der hs. asyruin mit einem punete unter 



398 ZUM UNIBOS. 

Seuibüin g'. stabwrz kviile ciiiineiit 

Bracteos. abrothanü. cd sarpillo. clnamoniü. 

negelli relliicli köle lat. w'nmte 

Gariopliolfi. raphanü. caulcs. alosantus. anioimi. 

nessela lat. oebsezvnga g\ büiiwiiida. strile 
Stent siT vrtica. boglossa. liguslria. viuca. 

Steinrute et c'^scit super muros 
Et reuponlicü. liuendulü. polilritii. 

isenbloiiie steinvaro 

Flos ferrugineiis. aiiaphod. ven'isque capilliis. 110 

zitewar rossebfb 

Sic et ciperus. sanieula. sie auagallus. 
Hiis fenogrecü socio. roreiDque maiMiiü. 

rekolt'ber gviidereba 
Vos artiotidas. aceranique piito mcmorädas. 

haseiwrz lat. iiizwrz l' cüsele 

Et te wlgago. cü eonsolida. recitabo. 

blvtwrz 

Noie ci"i reliquis hie sanguiiiaria stabis. 115 

dem y tiud Ubergescliriebenem a 106. Bractios] in der hs. Bi-acteas 
mit einem punrte unter df?n a und übergesc/iricbenem o 101. Ga- 

rioiibolü] i'fil. gariofel in den JFiesb. glossen zeilsc/ir. 6, 323, 191 tnid 
dazu jnih. Grimm s. 3"20 , 191, ivo ' zeifsc/ir. 4' druekfehler statt 
'zeitxc/ir. 5.' in den sumerl. 57, '24 gariofüli. 108. boglossa] in der 
hs. buglossa , aber mit einem pnncte unter dem u und übergeschrie- 
benem 0. 111. rossebvb] in der hs. rossebob mit einem punctf 
unter dem u und einein über das v "beschriebenen o 



ZUM UNIBOS. 

Das gedieht vom unibos hat Jacob Griiiiin in seinen la- 
teinischen gedichlcn des lOn und 1 in jalirhiiiiderts atis der 
Brüsseler handschrift 8176, worin dieses sliick jetzt die num- 
nier 10084 iiiln-t, nach einer abschrilt von Willems heratis- 
ue^eben. allein diese abschrifl war sehr fehlcrhalt , wie die 
folgende vergleichung der handschrift zeigt, ich verdanke 
sie herrn dr Konrad JJursian. was richtig ist habe ich 
besternt. H. 

12, 2 pcstrm mor litis 3 * per stviilos 17, 1 Omen 

habe/IS 3 * pur^at lacuin 24, 4 doinmn '11 ^ 3 

* noctiiuin (ein solches adjecliviini ist diesem dichter schon 
zuzutrauen; 32, 2 * Failtis 34, 1 diuides 3 *Ja- 



ZUM PFAFFEN AMIS. 399 

cite 43, 1 Si rnutaretur unibouein (zu schreiben ist also 
Si mutareiiir in bovein uxor) 3 boni 45 , 2 * per 

spiritum 48, 2 taxant 49, 3 * in er call 54, 3 

* Rcspondet (55, 2 ich vernuite sitn fatiius , inog ich ein 
Ihor sein. 56, 2 ich denke iSV dicis ioculariler? ebenso 

steht si in der frage 107, 4, wenn man mit der hs. liest 
I/ilcrrogat 'ha mortua Si sun'exil iuvencula'!) 64, 3 

* Tradunlur 77, 3 * Sonabile 79, 4 * Pestcs 80, 3 

* Ad cislain curril (wie Grimm verbefsert hat) 87, 4 
keine liicke , sondern * Qiu^ doj'ormes condecorat 89, 4 

* Pro (wird zu dulden sein wie 88, 4) (90, 1 der vers 
hat eine silbe zu wenig: man kann iain einschalten) 92, 
3. 4 * Sicfft in hac probauimus Exaninicni quam uidinius 
109, 2 * Priuatur HO, 1 altins 114, 4 ihrenas 
127, 1 * Caute, (Caiidc ist drucklehler) 131, 1 ^^o-w/'? 
134, 1 * f'^crsipellis mox unibos 139, 2 *<5//^i (4 und 
146, 3 lies donavit) 141, 1 dicit 150, 1 *///« ArroZ»* 
alti (4 lies Inclinus, während er niedergebeugt das gers- 
lene gold das die slute ausgeworfen durchstöbert. 152, 4 
für Certcun. \^ird Certans zu lesen sein und 186, 4 Certo 
für Certa) 154, 2 * tepide 156, 4 minuta (I. minu- 
tum) 157, 4 * Qnod fctebal 172, 2 ist von späterer 
band auf rasur geschrieben, der vers stand schon oben 77, 2. 
173, 2 *5«/// conslitutus 179, 1 */; cw;/* 192,4*^ 
//öZ'/.v /«/« perdomilus 194, 3 F/^ 197, 3 fursis 
205, 4 7V/ (1. Ici) 



ZUM PlAFFEiV AMIS. 

Die anordnung der einzelnen gcschichlen im pfalfen Amis 
ist bekanntlich in den haudschiillen 67»"// eine andere als in 
li. die hierauf bezüglichen bemerkuiigen ßeneckes sind jedes 
mahl verschieden ausgedrückt und werden dadurch leicht ver- 
wirrend, die erste aber, zu v. 1028, ist geradezu unrichtig, 
sie lautet ' nach dieser zeile folgt in Glxll die ges<;hichlc die 
in li mit z. 1153 anfängt.' statt dessen muls es heifsen 'die 
nach dieser zeile im text folgende geschicht(> beginnt in Ix 
erst mit z. 1153. Gll folgen derselben Unordnung.' die 



400 ZUM PFAFFEN AMIS. 

ausdrucksweise , deren sich Benecke bei der letzten ab- 
weicliung (zu v. 1289) bedient, ist die sicherste und kür- 
zeste, und man thut wolil sie in allen fällen anzuwenden: also 

1029 — 1164 = 1153 — 1292 A". 

1165 — 1240 = 1075 — 1152 A". 

1241 — 1288 = 1027 — 1074 A\ (so ist der druckfehler 

an d. stelle zu verb.) 

1289 — 1316 = 1293 — 1320 A'. 
GH haben überall dieselbe anordniing wie A', 

Benennen wir der Übersichtlichkeit wegen die geschich- 
ten, wie sie in li auf einander folgen, i— xii, so ist die an- 
ordnung in GtiH diese, i — v viii vii vi ix — xii, wobei nur 
zu beachten ist, dafs x in GKH fehlt, noch anders ist die 
aufeinanderfolge in der abschrift des V alentin HoU (der Amis 
vollendet am 8n februar 1526), die, wie sich leicht erweisen 
läfst, von einem drucke genommen ist, wodurch also Docens 
angäbe misc. 1, 76 von dem voi-iiaudensein eines solchen 
bestätigt \\ird. dieser druck war aber auf das nachläfsigsle 
veranstallel. ohne zweifei war niimliih , v.as damals häufig 
vorgekommen zu sein scheint, das maniiscript unter mehrere 
setzer verlheill, und in der eile ward der satz unrichtig zu- 
sammengeschoben , worauf dann der corrector die entstande- 
nen unebeulieilen durch aneinanderschleifen zu tilgen suchte, 
die anordnung ist diese, i — in, iv anfg., ix, xi anfg., iv ende, 
v, VIII, VII, VI anfg., xi mitte, vi ende, xi ende, xii. der dieser 
haudschrift zum gründe liegende druck hält sich im gegensatze 
zu R überall zu GKH, und, wo diese verschiedenes bieten, 
fast Siels zu G; an mehreren stellen stimmt er der panzer- 
schen hs. (grundr. s. 350 ff.) auffallend, nirgend der Strafs- 
burger (grundr. s. 353 if.) bei. mit keiner hs. jedoch kommt 
er so genau überein dafs an unmiticlbare vorläge derselben 
zu denken wäre, der lexl ist überall und durchgreifend in 
der weise umgestaltet wie die drucker damals mit den origi- 
nalen umzugehen pllegten um sie ihrer zeit mundgerecht zu 
machen, dadurch wird er in allen fällen lehrreich, aber für 
die lierstclhiug der echten Icsart bietet er schwerlich etwas. 
Li:iPZlG. Fll. ZARNCKE. 



ANGELSACHSISCHE GLOSSEN. 

1. 

DIE AGS. GLOSSEN IN DEM BRÜSSELER CODEX VON 
ALDHELMS SCHRIFT DE VIRGINITATE. 

Im jähre 1830 hat Fr. J. Mone diese ags. g-lossen, 
in seinen quellen und forschungen, zum erstenmal bekannt 
gemacht, nicht blqfs die grosse anzahl dieser glossen (es 
sind ihrer über 6500) , sondern auch die ungewöhnliche 
mannigfaltigkeit von gegenständen , welche sie theils er- 
läutern , theils bejiennen , mäste in dieser veröffentlichmg 
einen schätzbaren gewin?i für die bereicherung des ags. 
Sprachschatzes erblicken laj'sen. die Brüsseler handschrift 
des viel gelesenen aldhebnischeji buches ist übrigens nicht 
die einzige glossierte handschrift desselben; auch in dern 
hannoverschen handschriftlichen glossarium anglosaxonico- 
latinum finden sich einige, wenn auch nicht viele, wörter 
aus yildhelm und sind mit seinem namen bezeichnet, der 
grofse ßeifs , den Mone auf die abschrift der Brüsseler 
glossen verwandt hat, ist nicht zu verkennen; gleichwohl 
dient dieselbe dem sprachinteresse aus mehr als einem gründe 
ivenig. zunächst gehört es zu den eigenlhümlichkeiten der 
Brüsseler handschrift, dafs der text von mehreren bänden 
(fünf oder sechs könnte man unterscheiden) mehrfach la- 
teinisch glossiert ist und zwischen diesen lateinischen glos- 
sen , wohl auch unmittelbar über dem textesworte selbst, 
sich die ags. glossen vorfinden, es wird dadurch schwierig 
zu unterscheiden, tvclchem lateinischen ausdrucke, dem des 
textes oder dem der glossen, die ags. dolmetschung ange- 
hört. Mone hat zu unterscheiden gesucht^ so genau er 
konnte; altein diese an sich schwierige Unterscheidung ist 
von ihm, wie sehr begreiflich, nur unsicher vollzogen 
Z. V. i). A. IX. 2G 



402 AGS. GLOSSEN. 

worden, deshalb schien es mir angempfse?i das lateinische 
texteswort jedesmal abzuschreiben und dann die lateinischen 
und angelsächsischen g-lossen folgen zu lafsen, und zwar 
so da/s ich von dem textesworte aufwärts gieng, nicht von 
der obersten glosse anficng und zu dem bezüglichen textes- 
worte hinabstieg, die entscheidung, ob die ags. glossse dem 
textesworte zur erläuterung diene oder einer lateinischen 
glosse, ist dadurch dem leser a7iheim gegeben, aufser der 
blatl- und linienzahl der handschrifl habe ich auch, zu leich- 
terer zurechtfindung für benutzende , die Seitenzahl der 
ausgäbe von Giles hinzugefügt : ivem diese ausgäbe von 
Aldhelms schrift nicht zur hand ist, der loird den abdruck 
derselben von Mig?ie (in den Octavi seculi ecclesiastici 
scriptores, Pa)is 1850) auch leicht benutzen köufien. 

Sehr häufig ferner tritt der fall ein, dafs eine ags. 
glosse nur nach einem theile des wortes angegeben ist: 
es steht z. b. fol. 1 ^. /. 5 unter dem textesworte regu- 
laris die adjectivische feminalendung cre , um de?i leser 
oder die leserin darauf aufmerksam zu machen dafs regu- 
lai'is zu dem subst. fem. discipliuue gebort, welches dem- 
nächst folgt; ähnlich steht über conglutiuatae in zeile 7 
nur die feminalendung partic. perf dre ; /. 8 über rumore 
nur of; /. 9, über ornaiitiJjus und. seiner glosse, gefra^, die 
erste hälfle des wertes,- l. 11 über prosperitalis ?iur ge- 
sunf, den schluss des wortes als bekannt voraussetzend; 
L lA über mediocrilati nur niettruni, wobei der ausgang des 
Wortes ebenfalls fehlt, um also l. 5 richtig- zu lesen [re- 
gollijcre , /. 7 [gelimejdrc, /. 8 of [iicrelofe] , /. 9 gefrw[le- 
vienduni], /. 11 gesun[djr[ulnysse], /. 14 meltrum[nysse], ?nufs 
man mit der ags. spräche genauer bekannt sein; die di- 
plomatische genauigkeit im abschreiben der vorhandenen 
rcste reicht iur forderung des sprachlichen Zweckes 7iicht 
aus. auch vo?i dieser seile konnte Mones abdruck nicht 
ge?iügen. die nothwendig gewordenen ergänzungcn habe 
ich in klammern eingeschaltet. 

Die pergamenlhandschrijt ist von einer festen schönen 
hand geschrieben, nach Mones Vermutung in der ersten 
hallte des zeltnten Jahrhunderts, auf fol. 1 A steht oben 
rechts Collegii Soc. h'su Antucrp. ü. P. d. i. Daniel Papen- 



AGS. GLOSSEN. 



403 



brock, in dieser jesuitenhihliothck fährte sie das zeichen 
+ ^IS. 62 5 später, in die bibliothcque de Bourgogne ge- 
bracht, war sie mit nro. 471. a bezeichnet ; seil ihrem Über- 
gänge in die bibliotheque roijnle führt sie die nummer 1650. 
die 56 pergamentblätter in kleinfoUo, aus welchen sie be- 
steht, enthalten auf jeder seile, mit ein paar ausnahmen, 
genau 22 zeilen. in dem appendix B zu Mr Coopers re- 
port finden sich fol. 1 . A, fol. 55 A und B unserer hand- 
schrift in facsimile. 

Schliesslich fühle ich mich gedrungefi, dem preufsi- 
schen gesandten in Brüssel, herrn grafen von Seckendorf 
für die grofse bereilwilligkeit öffentlich zu danken , mit 
der er die ungehinderte benutzung der handschrift ?nir 
möglich machte. 

ELBERFELD 22 nov. 1852. BOUTERWEK. 



Giles p. l.J MS. fol. A. 1. 1 

omni, mid ealre. 
devotse [1. 2.j germanitalis (gl. 

fraternitatis) marg. estfulre 

broderhrmdene [1. -rwdene]. 
veneranflis (gl. lionorandis) ar- 

vurdfuUum. 
1. 3. celebraiuiis (gl. .i. freqiieii- 

tandis) bremendlicum. 
1. 4. caslimonia3 (gl. pudicilifc) 

gehealdsumnesse . 
glorificandis, vuldelfullum [1. 

vuldor-] . 
1. 5. rcgiilaris, [regolli]cre. 
disciplinae (gl.eruditionis) marg. 

eavfieslnijsse. 
1. 7. contribuJibus (gl. parenli- 

bus) nucglicum, marg. t ge- 

sibligum [1. -lingum]. 
ncccssiludinum , neadl)ea[r]f- 

nysse. [1. -a.\ 
congluliiiaf;v, [geUme]dre. 
1. 8. rumore (gl. opinionc 1 l'a- 



ma) marg. of[herelöfe]. 
I. 9. concorditer (gl. unanimi- 

ter) geh V WS. 
ornaulibus (gl. comanlibus)g<?- 

fra'[lei'iendum] . 
1. 10. crucicola (gl. crucis ado- 

rator) marg. 1 -e rod vur- 

piend [1.? ftwre rode vur- 

diend] . 
optabilem (gl. .i. desiderabilem) 

lußice. \ vi/nsume. \ halan- 

tunge. 
1. 11. prosporitatis, ,i,''M/////'. [1. 

gesun dfulliii/ssr] . 
I. 12. con[l. 13.]ciliabuliim(gl. 

sinodiim .i. concilium;. ge- 

pinrslore l gemol. 
1. 14. mcdiocritali , gehined- 

?ft/sse 1 metlrum[ni/ssr] über 

dem Worte gehiurdni/sse 

steht die gl. Iiiimililali. 
salis, sride. valdc. 
libciitcr (gl. h IHM i liier) lufiicv, 
26* 



404 



AGS. GLOSSEN. 



ereclis (gl. expansis) iipaha- qiiela) burhspcece. gleav- 

/i'[mün]. n)/sse. 

sospitale (gl. salute) gesund disserlitudinem (gl. enarratio 



[fulrti/sse] 

gralula-[l. 16.]bundus(gl. exul- 
tabimdus. Isetus). raarg.^«'/?- 
cimde [1. panciende]. 

I. 17. votorum, vilsumnessa. 

foedera (gl. pacta) treovda. 

fida , geAreovum [tiänd. poUi- 
citatione, gl. spousione ; das 
würde sein behäle.] 



nem. prudentiam). getinc- 
fiesse. [für ' getingnesse.' 
geling, eloquens : 'gelinge 
läreovas' hom. I, 578. ge- 
tingni/ss, eloqueiitia: 'ofvo- 
ruldlicere gelingnysse' hom. 
1. c/rihllice spra'ce 7geting- 
nysse' hom. 11,588.]. marg. 
gleavnesse. 



quecspopondistis (gl. vovistis) 1.2. tripudio (gl. gaudio) ge 



pa ge behetan. 
1. 18. clarueruot (gl. splendiie- 

runt) gesvtt[teledon]. 
Giles p. 2.] melliflua, huniflo- 

vende. 
1.19. sludia(gl. dogmata) marg. 

gecnorndnessa [1. gccnoi'd-] 
sagacissima .. serie (gl. argu- 

tissima. ordine) 7nid pare 



feane. 
1. 3. taliter, sva. 

calholicas, geleaffulle. 

vernaculas (gl. pinenne). 

ancillas. 
1. 4. adoptivas, geviscendlice. 

f god fteder a^lmihtig hsefd ä;n- 

ne &v\n\i gecy?idelice~lmtm^^ 

gemscendlice^ hom. I, 258.] 



gleavestan endeber[dnysse, regenerantis [edccnnen]dre. 
für cndebijrnisse oder -bijrd- fve beod on hire (|)iere ge- 



nijsse\ . 
1. 20. singulos ... textus, lenlipa 

.. gesetnessa. 
pupillarum (gl. oculorum)*eo««. 
nalurali quädam . . curiositale 



ladunge) geedcynnede' hom. 
II, 566.] 
ex fecundo (gl. ferlili) of 

ecnum. 
1. 5. conceptionis, ij'efffc/ze/w^e. 
marg. mid sinniere geeyn- 1. 6. per maternam (gl. per 
delicu geornfulnesse. matris), pur[h] medderne. 

insilum (gl. ingenitum. impo- soUiciludinem (gl. iodiistriam) 
situms. esse) marg. 6»//^je.sf/ geor[?i]fulnesse. 1 hohjül- 
I. 12. contemplarer, beseavede. [nesse.] 
uberrimamque, pn ge[/iihtsit- \. 7 . velut sagaces (gl. pni- 
inestan]. deiiles) gyiiiiiosopliislas, ud- 

fol. 1 B. 1. 1. virginalem,yj?;w«- vitum, marg. svilce vHtige 
hadlice. l gleave leurneres [1. leor- 

urbanitatis (gl. eloquenliae. lo- nerai^] \ pleginen. 



AGS. GLOSSEN. 405 

peritissimo (gl. doclissiino) störe, marg. \ vinstove. \ 

getyddestum. plegsfove. 

agoni-[I. 8]theta (gl. certator) h'agranle,midsttngendre.ste- 



cainpvisan. 



mendre. [1. mid slinccndre]. 



palaestricis (gl. adleclicis). marg. delibulus , gesme[rod.]. per- 

pleglicum \ vrcexliendum. unctus. 

gyninicis (gl. .i. magisterialis) lubrici, slideres. \ sliferes. 

arlibus, lareovlicum crcvf- liquoris, vcctan. 

tum. vAdiT^.pleglicum larum. 
in gyranasio, on leor?iincg[hüsc] 

\ larhuse. 
1.9. laboriosi cerlaminis. marg. 



gesvi/Hifulles gerinncs. 



nardo, elesealfe. odore. 

1. 14. s^olierler (gl. curiose) 
frtefUce. marg. mccnifenld- 
lice. \ georn[e. oder -lice]. 

iaculorum, scotsper[/i.] gara. 



elo[Ym]>\dici,'Jplegltcis[l.p/eg- calapultas, gafliicas. sagitlas. 

lices]. sagit-[l. 15]tarum, vifera. 

agonis (gl. cerlaminis) gecain- spicula, garas. 



pes \ vinnendlices. 
1. 10. exercilalionis (gl. labo- 

ris) gearc[u?ige]. I gesvin- 

ces. marg. [r]i[)ervnr?ies. 
naviler (gl. alacriler. agililer. 

velociler). marg. sprindlice 

\ cqflice. 
1. 11. [qui] nanciscuntur (gl. 

.i. inveniiint, adquirunt) pa 

pe [begitad]. 
ila durataxat, sva butan tveon. 

.i. sine dubio, 
slrenua, pa foremih\ligan\. 



depromens (gl. tralicns) npa- 
teoiide. 

obstrusis (gl. declaiisis. abs- 
consis) latibulis (gl. secre- 
lis). marg. o/" digli/m dim- 
hofum \ heohtrum. 

pas-[l. 16]sivos (gl. dubius. 1 
sparsus) oculorum obliiUis 
(gl. conspeclus). marg. rid- 
gille emvlatunge. \ goro- 
tunge. 

relaxal, tol(ete[d.]. 

pu-[l. 17]pillariim, ehringn. 



marg. />« slra[ii]g(in \ J'ore- pando, geapuin. 1 gehigcduni. 



mihti[gan]. 
1. 12. cum jemulo, 77iid rider 
vurdnessa 
stealle. 



marg. l exli- 



curvo. ap[er]lo. 
slrepciile (gl. sonanle) hli/- 

de/tdum \ sve[g('nduni.] 
I. 18. nervo, strengce. 



sinuosis . . üexibus, vn'd bos- slridcnlc , bcarlitiiiic/idi/m 1 



tnigum b/[g]i/m. 



rlscondum. 



in medi-[l. 13.]tiillio, on med- ad dcslinalum .. lotiiiu (gl. sla- 

Jone. .1. in uumIIo. tulum). niarg. loj'orcgctilit- 

scammalis (gl. luclaniinis) ovl- gcdrc. über locuni : Jorge- 



406 



AGS. GLOSSEN. 



tihlldre stove [\ . Jbrßgetih- 

tedre.] 
indeclinabiliter, forärihte. in- 

evitabiliter. marg. unforvan- 

dedlice. 
an-[l. 19]helantium (gl. curren- 

tiiim) in stadio cursorum, 

sienccendra renula. \ pe- 

ßcndra. 
1. 22. viclorise palmä, sige- 

leane. 
fortuiiatus (gl. donalus). un- 
ter der zeilei g\_G\vyr- 

d[eltc.] geswHg. 
fol. 2. A. 1. 1. contribulium 

(gl. consanguineorum. amico- 

runi). syblinga. 
phalerato (gl. ornato). gercc- 

dedum. 
vectus, ahafen. 
coniipcde (gl. equoj. mcgce. 

\ ineare. 
1. 2. csesum (gl. percussum). 

gesvunlgeiie.^ 
coraunt (gl. ornant). glencaä. 
1. 3. lupatis (gl. repagulis). 

marg. midlimi. 
facetus, getincge. 
quadripedante, ßjderfetum, 
putrcni, dusiig?ie. turpem, fe- 

torem. 
quatit (gl. perciilit;. beaicd. 
I, 4. implioans. gefijldende. 

ligans. 
orbes, orbibiis, hoj'ringas ho- 

Jum. 
I. 5. metilur, nrnct. 
dassicis cohortibus (gl. excr- 

cilii)ii.s). scipticum heriuin 



[1. hergum\. marg. sciphe- 

relicum . 
nautarum, hredra Xßotmanna. 
stipatus (gl. circumdatus. val- 

lalus). marg. emhledned. 1 

emhle[d.] 
Giles p. 3. 1. 6.] circumseplus, 

emhlcnned. \ emhrinced. 
vitreos, torhtce [1. -e] claros. 
gurgiles, vcü[lti]. 
1. 7. liburnam (gl. navim). 
scehd. 

Untrem, ced. 
hortante, meniendum. monente. 

1 tiht[iendurji]. 
proretä , j)liciitere. \ nncre- 

?}ie/i. 
1. 8. crepante (gl. sonante). 

marg. cracietidum. \ cear- 

ciendum. 
naucleri, steormamies. noven'- 

des [1. rovendes]. 
portisculo. helnie. \ hamele. 

[vgl. 'hamere. portisculus, 

sc. virga , qua proreta re- 

miges moderatur; Cot. 158, 

202. R. 104.' Lt/e s. v.] 
spumosis, famigtim. 
algosis, varihtum. 
remorum, rodra. \ arena. 
1. 9. tractibus, tium. 
trudif, scifd. 
per gymnosophistas, purh ple- 

goincn. XgUgmcn. \ gleave. 
1. 10. cxerccri , gewordene \ 

bcgan[gc?ie]. 
scolarcs, larlice. 
disriiiliiias, cra'J'tns. 
1. 11. discipulatils. marg. lare. 



AGS. GLOSSEN. 



407 



industriam (gl. .i. slreuuila- ihealrules ('^[.üljcr dem ivo7'ie. 



teni). gleai-nesse. 
aguiilur, bid gedonne, 
1. 12. geslibus, dcedum. 
1. 13. gemiiiä, getvüinum. 
subslaiiliaCgl.essenliaj.e^/i'/A'/y. 



spectabiles) ; unter dem Wor- 
te : vü'ferlicc. 
fol. 2. B. l 1 . |)oiii|)as,^''/e«r^''w. 
pnx'conia (gl. laudesj. he- 
runga. 



1. 14. sollerliara, meniteav- circensium (gl. circumslan- 

nysse. liuin. speculautiiini). hrinc- 

quin potius. (gl. .i. magis) gif. sitlendra. 

I. 15. in propalulo, on lem/nge congruaiit (gl. eveoiant). ge- 

[l. eävunge , ijvimge]. in hvierloican. \ ?'i'ht[lwcan.] 



manifeslo. 
1. 16. qualitatem, hrilc[nesse]. 
afflalus, ge[o]ndblavcn. 
l. 17. geneseos, gecijndboca. 



1. 2. comparalioneni, [geroed]- 

nessc. 
eorum, heora. 

aiupla, vidigle. [l. vidgille]. 

relatum, racu. narralionem. l. 3. sagacissiinam (gl. peri- 

relationem. mstv^. gerece////sse üss'nnam) . pa Jbrer/'tti[g]au . 

membratim (gl. per singula 1 geti/icge. 

membra). I sticmwlum. industriam (gl. curiosilalem). 

et particulalim, "Jdwüna'lum. glear[/iesse]. 

I. 18. subtiliter, orpa/ic[um? vivacis (gl. vivi. velocis). /«/*/2- 

ordaucäce.]. sagaciter. ces. 

invesligatam (gl. cnuclcatani). ingenii (gl. stiidii). o;'/5rt'[//ce^]. 

marg. asmcad. l. 4. assiduä (perpelua) Icctio- 

celeberrimus (gl. veuerabiiissi- nis instantia (yigilantiä). 

mus. nobilissinius). sc bre- niarg. viid singalre anrivd- 

mesta. \ vurdjullcstc. nesse. \ onvunuiige. 

1. 19. gerulus, bodicnd. baiu- noscunlur (gl. intcliigunlur). 

lator. portilor. marg. pa bijd cnaveiie. 

protulit, relite. sollcrlissinuc , pwre viaini- 

gymnicorum (gl. ludcntium). tearütea \[. -estan.] 

leornera. 
1. 20. corruptibilcm , [bros- 

7iiend]lice. 1 J'ormsnende. 
l. 21. incorniplain (gl. immar- 

cescibilemj. marg. /////w/77//'- I. G. uberrima (gl. abimdau- 

denlicne. \ \ini\molsniend- lissima) experimenla. marg. 

licne. pn genihtsumesl<iu (ij'iindr- 

l. 22. ^^m\^\c^n^\n\, jilegm<uiii<i . nessa. 



1. 5. indusiriam, vyttinysse. 
lornmlis, lürum. 
coaptari (gl. 1 i»»gi)- gelimp- 
Uvcan. \ gepeodnn. 



408 AGS. GLOSSEN. 

liquido (gl. manifeste, clare. nur: of piccum. 

\nc\AQ). angytfuIlice.Xopen- careni (gl. vini). marg. coit- 

lice. temwres. 1 asodenes vines. 

roscido, dceai^einlicre. [1. dea- \sonst keifst caretium (d. i. 

vigendlicre]. caroenuni , xccqoivov) ce- 

facessenle (gl. deficieute). [va-' re/ie, eiern, cyrn^mich coe- 

men]dre. tnn. s. Li/e s. vv. vielleicht 

1. 7. crepusculo , deorcunge_. ist die obige glosse zu le- 

\ afminge. ' sen coclemeres?] 

et exorlo, ']upasp7Uing[n]um. defrulo (gl. vino. medona). 
limpidissimi (gl. clarissimi). \ fehle. \ piffe. 

pare freabeorhtestan. 1. 12. receptaciila, anfencgas. 
iubare, leoman. splendore. gutlas. innoäas. 

extemplo (gl. statim. ex im- cerlalim (gl. slrenue). ßitma;- 

proviso. repente.) rcedlice. lum. \ togeßites. 

1. 8. exercitus, heriges. 1. 13. modo, hviltidum. 

patentes, [vidgit]le. saliunciilas, selas. 

1. 9. difFundunt. (gl. dividunl). crocata (gl. flava), pa geole- 

marg. l gendgeotoä. \ to- vedan. 

dielaä. genistarum (gl. miricarum). 
modo, hvile. aliquando, I. 14. hroma. 

melligeris, huniherum [1. -boe- circura- [Giles p. 4] vallantes 

ruvi\. (gl. stipantes). emhlein- 

caltarum, clafre [1. -a]- inende. 

frondibus (gl. comis). helmum. ferlilem (gl. frugalem, irucli- 
purpureis (gl. rubris). binin- feram. uberem). marg. gc- 

basmn. nihtsume. 

malvarum , geormanleafa \ numerosis (gl. multis). iinari- 

hocleafa. inedum. 1. mwnifenldum. 

1. 10. \\\cnh'A\\[es,onsit[tende]. l. 15. advehunt (gl. adportant). 

pendenles. iusidenles. /// bringad. 

niulsa (gl. dulcia). verede. cerca castra, hyfa. alvearia. 

giitlalim, marg./!//^'.y67/w*y^'r///<'. ]. 16. lereles (gl. rotundos). 
1. 11. rosiro (gl. ore). niid sintredende. marg. 1 .v/w- 

nebbe \ müde. hvurfende. 

decerpunt (gl. coUigunl. ro- hederanira, hißa. 

dunl). ceovad. \ pluc[ciad]. corymbos (gl. racemos). crop- 
lento, marg. (f [riccutn Jiefele ; [pas]. 

Über dem iexteswurte steht 1. 17. surculos (gl. ramuscu- 



AGS. GLOSSEN. 



409 



los), marg. stofnes. inarg. 

o[ä(tp\v(rstinas. 
conslipantes, emhlennende. 
mulliformeni, picne viw?iifeal- 

dau \ [m(V7if\hii'a?i. 
machinani (gl. ingenium), 

crwj'l. 



populatur, heranfad. exspolia- 

tiir. vaslat. 
eodeni modo, on pa ylcc visc. 
1. 3. llorulenta, blostbivrc. \. 

floribus referla. 
1. 4. late, vide. 
vagans, erncnde. circumiens. 



1. 18. angulosis on hcclhihtum bibula curiositale, mid pursli- 



1 hyrnfullum. 
et operlis, ofervriginiim. [1. 

qfervrigenuni]. 
cuius, pvcre. 
artis, \crief\tes. 
molimen (gl. ingenium). ge- 



gere georrifiilnysse. 
1. 5. oracula (gl. eloquia. ser- 

mones). vitedomas. 
adslipulalionibus (gl. asser- 

tionibus. .i. explanationi- 

biis). sedincgum. \ svute- 

[lungum] . 



peoht. \ orpcüic. 

1. 19. nietrica faciindiä (gl. elo- 1. 6. nunc, hit\? nü]. 

quenlia) mctcundliceve ge- 1. 7. ab illo, pam gode. 

tincnesse. digesta (gl. ordinata). gedihte 

fretus, gebeld. \ gegoded. qui, sc pe is. 

cdildleclicoypssü, f/ndgete/fcrse 1. 8. sa'vissimis, vesium. cru- 

1 sixfclum. .i. pleno, yj//- delissima. 



luvi . 
1. 20. gemmalis (gl. pictis). 



geglcncdum. 



1. 21. infra, vid innan pan. 



affliclionibus, gcdrecenyssum. 

Iribulalionibus. 
1. 9. gurgites. (gl. fluclus). 

vealu. 



brachycalalectico. niarg. mid ac leciproca (gl. redeuntia. ite- 



ßfß'ledum. \ scortrum. 
colaplio, 7nid lima. 1 lodala. 

sine membro. 
fol. 3. A. 1. 1, fenestrarum, 

Icolperla. 
alvearii, hyfe. 
vestibula , foredo.ra. \ r/ifw- 

relda. introitus. 



ranlia) lluclus (gl. lluslra), 

7 ageanhvurjende yda. 
1. 10. spumantis pelagi , f<v- 

vuindrc ridsie. 
sacrosancti, purhhdUgerc. 
viminis, gcrdo. virguhc. virgis. 
colubro (gl. serpenle). S7incc 1 

na'd[drar/] . 



1.2. per turmas, gend mcniu. 1. 11. Iransfigurati (gl. con- 



amoena, pa mergon. 
arvorum ( gl. agrorum) piala 



versi. transfornuili). avon- 

dre. 

(gl. viriditales). iitw.da. \ inacerljc (gl. muri), sfanreal- 
sprinclingc. \ gre/inessa. [Ics]. 



410 



AGS. GLOSSEN. 



altriusecus (gl. hinc et inde). parabolam. spiritaletn iulel- 

marg. onsunilran. lectuni. 

1. 12. caelestecolIoquiuQi, [Äeo- 1. 17. Iropologiani (gl. raisli- 

fonlic\re sprece. cum. moralem). mixr^^. peav- 

cornulis, mid egislicum. licre spa'ce. niarg. Iropolo- 

I. 13. describitur, avriten. giam .i. eniendationem vila; 

soUicita (gl. curiosa. sedula.) vel moris. 

intentione (gl. curiüsitate). aiiagogen (gl. .i. supenio seu- 

raarg. viid emkedilicere ge- su). marg. uplican~lgite. \ 

ornfulmjsse. heojetilicum ~]gile. 

scrulando (gl. invesligando). digesla (gl. .i. ordinala). ende- 

scrutniende. herda. 

quadrifaria (gl. quattuor) dicta iiidagaiido(gi. inquirendo). ä/^z- 

(gl. verba. evangelica) , /va riende. 

fijderdccledan cvydas. 1. 18. historiographorum. ry/Y/- 

1. 14. evangelicse, [godspel]- vritera. 

Heere. l'abulas, speUiinga 1 saga. 

relalionis (gl. narrationis). chronograpborum (gl. tempo- 



l ge- 



racu. 
catholicorum , anlicra 

1. 15. coinmentariis (gl. ex- 
planationibus). marg. mid 
gasilicum trah t/i luiguin . 



rum scriptorum). marg. ti/d- 

vritera. 
1. 19. fortuitas (gl. .i. celeres 

pa gevyrdelican. \ fierli- 

can. 
permulaliones , avendennessa. 



exposila (gl. traclata. iuqui- leiiaci meraoriae textu, mid 

sita). nsmeada. smonpancelre trahtnuuge. 

ad medallara (gl. ad intima). 1. 20. rimaiido (gl. scrulando). 

od inviwde svetnesse 1 sme- foresmengende. marg. seea- 

dcifui/i. vende. 

(Miudeata , gecneatede. maui- grammalicorum , sta'fcrivf- 

ieslala. aperta. tigra. 

1. IG. quadriformis normulis orlliographorum (gl. rectorum 

(gl. regiilis. exemplis). mid scriptorum). marg. rihl- 

fijderhirum iijsnmn. v{r\itera. 

cccicsiasticu! tradilionis (gl. ex- 1.-21. disciplinas, lara. doctri- 

posilionis). cirrlicre anvri- nas. 

genisse. lonis (gl. .i. sonis) tempori- 

hisloriam, gerecent/sse. bus , on hleüdrieudum. ti- 

allcgoriam, gasilicum angile. dum. 



AGS. GLOSSEN. 



411 



trutinalas (gl. pensatas. Hbra- 

tas). asmeadc. 
pedibus poeticis, mid meterli- 

cuvi fotiim \ scop[Iicuiti]. 
conipactas (gl. coniiinctas. cou- 

vinctas). gefegede. 
1. 22. per cola, [mi'h Ihn. per 

menibrura. 
coramala (gl. incisiones. divi- 

siones). 7 todal. 
perpentliemimerim. marg. p?ij'h 

[pces] fiftnn fotes todal. 
hephlheniimerim, seofeäan [fo- 
tes todal], 
Giles p. 5.] fol. 3. ß. 1. 1. di- 

renilas (gl. divisas). ~j todie- 

ledc. 
sequestratim ( gl. divise. alie- 

nalim). .su?iderlipes. 
discretas (gl. segrcgalas). ge- 

scadcnc. to[scadene\ \ losen- 

drede. 
sagaciler, s?iodoj^ltce. pwt is 

gevijrdelice . pr udcnler . 
I. 2. inquirendo (gl. scrutando). 

phisiende. 
caslinioniii-, geheal[d]sum [nes- 

sc] castitalis. 
privilegimn (gl. siiigiilareni Iio- 

norein). niarg. J'ov sijndcrli- 

cum vurdmente. 
1. 3. virginilalis, m(e[g]äha- 

des. ptirilalis. 
typuni, gl. figuram. getacnun- 

ge. 
portendere, getacnien. niani- 

festare. l significare. 
iiidiibilala, tnilvcolicorv. 
i. 4. aiilorilalc, ealdurllvni/.ssc. 



adslipulatur. gl. credilur. tesli- 

ficalur. \ adfirmalur. iiiarg. 

is geseäed. \ gereht. 
quw, seo. 
1. 5. iueffabili (gl. iodissolu- 

bili) pra'dä , ["i u?is(eg]cli- 

C7im huda. 
dulcia, lec. 
1. 6. coniugii, gegaderscipes. 

connubii. 
illecebrosa consorlia, forspen- 

nendlice gofarredene. vo- 

luptuosa. illicita. 
felosä (gl. copiosa. lerlili) quä- 

dani (gl, aliqua) concretione. 

marg. inid sumere vivstein- 

hcei^e cijnnincgc. 
suavissimi (gl. dulcissimi) suc- 

ci, pws svetcsian sa'pes. 
concretione (gl. crcatione. coa- 

gulatione). marg. cen/ninge ~J 

[cf//i]?'e/i. 
1. 7. producit (gl. osteudit). 

fovgi'lihd. 
acuto, scearpmn. 
1. 8. transvcrberans (gl. Irans- 

figens). Jiurhpiendc. 
hereditariani ßvderlicc. pater- 

nam .i. hcrcdllalis, 
legiliniie, (clicerc. 
ajternitalis , ecnesse. perpe- 

tiiilali.s. 
1. 9. de concordi solidilale (gl. 

fraternitale). be gehva're 

stadvlfeste hroderro'dene. 

marg. he gchiuvrc sta[dol- 

fu'strc] hrodoriwdejie. 
1. 10. Ihealrali . idfiendve. 

visibili. 



412 



AGS. GLOSSEN. 



spectaculo, viefersene. corlicibus (gl. caudicibns). 

ultroiieum (gl. spontaneum) af- iiiarg. telgutn gescafe?ium. 

feclum (gl. amorem. dile- l. 16. ille. marg. chosdrus. seo 

ctionem). iw^iV^.gevynsnmlice beomoder. 

liife. qui, seo pe. chosdrus. 

1. 11. voluntarise servilutis, niagistratils (gl. principatus). 

sel[f]villes peovdomes. domes. 

qiiae, pa. decreverit ( gl. cogitaverit). 

principuin (gl. procerura). bt'o- 

moddra. 
exercere (gl. studere). "-e- 

cneordkecen. 
1. 12. noscuntiir (gl. intelle- 



raarg. teohgaä. 



ex immensä (gl. ex tanta. 

niulla). marg. miclere. 
1. 17. fiigitivis discursibus, mid 
fugolum fü'reldum. 
guntiir). ~] hy sinden ancna- et passivis (gl. sparvis). svif- 
vene. tum. 

huiusceniodi conteniplationis 1. 18. vagatiir (gl. involat). 
(gl. speculalionis. 1 cousi- marg. vandrad. 
derationis). ptis geraddre causis, neodum. 
bescavunge. marg. piis ge- cogenle, nedendre. impellenle. 
raddre emvlatunge, peregrinandi, to vripcsidienne. 

intuitu (gl. cura). gemene. vagandi. 

1.13. coenobiorum, ///w//;/c///J7. necessitate, tieadperfnysse. 

monaslerioriim. 1. 19. cui, l)am pe is. 

et regularia (gl. rectas) in- consulatüs (gl. principatus). 
slituta (gl. decreta. consti- marg. rivdgiftes. \ hlaford- 



tiones). marg. 7 regol[l]ice. 

gcsyttcssa [1. geseifiyssa]. 
siniilliuia, of tum gcUscostan. 

lequali. 
collalione(gl. comparalione. co- 



domes. hlajordgiftes. 
vice, fra7n gevrisce [?ge- 

regimcn (gl. dominium), marg. 
?('cedof/i. l v/ssi//tg. 



adunalione). marg.^'TAC'r/^/^. commissum (gl. concessum;. 
1. 14. quam diu, sra hmge. forgifen. I befoest. 



sedes, vuin//iga. 



1. 20. extorrem (gl. miserum. 



1. 15. (cl) fovcre, 7 hleoran. alienum). vtlage/i[e]. 1 ele- 

tuguria, heja. cellulas. casas. /eridisc[nc]. 

cavatis. '^\. AohiWs. gcho/edum. pulsuin, ndrirßietne [\. -cdnc]. 

apertis. 1 nj'lr[m('de]. 

consuta , gotreogede. marg. 1.21. lam, svu. 

gcl/'eagode. tamque spissis cohortibus, 



AGS. GLOSSEN. 



413 



7 sva picfealdum preatum. 

legionum, eoroda. 

1. 22. libentius (gl. diligentius) ; 
unter dem teoctesworte -. ge- 
omfullicer. 

ob reverentiam (gl. propter ho- 
norem) ; unter dem tejles- 
worte : for arvuränyssc. 

ad incolalum peregre (gl. pere- 



l. 7. mulsaj, cercdre. 
cerarum, vexe [l. i^exa] 
flavescente (gl. micanli. splen- 

denle.) gurgiislio (gl. ccllula. 

1 tugurio. \ casa). on sci- 

nendre liefe. 
l. 8. condat, gelogige. 
l. 9. preecellat (gl. superemi- 

iiea t) . ofer\li\ Iijßiä. 



grinalioneni).marg. ff/^cor/- fragraiitis., sii/inendes odoran- 
lice; unter ad incolalum: lis. 



to vrasidienne. 
fol. 4. A. l. 1. quam . . com- 

morentur(gl. habitent. mane- 

anl). ponne hi vumian. 
domesticis, hi/'cundum. 
adsuefa?, gemme. 
content«?, gepqf'e. 
quiete , gehersumendre stil- 

nesse. \ picoviende. 
\. 2. in cellulis (gl. in domi- 

bus). o?i husum. 
1. 3. quid, ponne [jcet. 
tarn ingenti studio (gl. .i. tanto 



ambrosiae, svcecces. unguenli. 
omne ihymiama. marg. cvlce 

i'urtgemagnysse [l. -mang- 

ni/ss]. 
nardi (gl. .i. spicati) spiran- 

tis. marg. siincendre scalfe. 
l. 10. ollaclum. gl. Ä.odorem. 

hrrvd. 
ut, ealsva. 
omissä specialitate (gl. deserta 

singularitate. dimissa pecu- 

liarilale). Jorla'le[u]re st/n- 

derlicnysse. 

amore. l ingenio). marg. ?///^/ l. 1 1 . oratio, getincnes. \ ge- 
sva vdcelre gecneorduysse scead. 



\ georjifulnysse. 
pareat, gehersumie. obediat. 
1.4. intaclaj, [ungetHcmme]des. 
virginltatis, ma'd/tades. 
typum, hire. spcciem. 
et (gl. s. propter) spontancum. 

7 J'or ftan selfi^iUan. 
1. 5. famulatum (gl. servitutem). 

peordome. 
Gilcs p. G] fol. G. nectareum (gl. 

odoriferum) edulium (gl. 

esus). verede digene. 



mundanaj suavitatis. [voruldli]- 

cere vensum?iesse. secularis 

dulcedinis. 
opulenti (gl. copiosi). [ge]- 

nihlsumere. 
luxus (gl. cibi). rynne. 
1. 12. exquisita (gl. marg. in- 

vestigala). Jxi asineadan. \ 

ma'nifealdu. \-(Ui?\ collccta. 
oblcflamenla , luslfulli/nga. 1 

[lustful]nysse. hlandimenla. 

delectanienta. 



conliciat(gl.opcratur).y>^r^2;?/;'ce. del'ruti (gl. mcdoni). nivcs \ 



414 



AGS. GLOSSEN. 



gesudenes. vealles. 
1. 13. virginitatis, Jki's iiucit- 

hades. 
creditiir, he is [gelyfed], 
1. 14. supcrnorum (gl. ange- 

lorura) civium. niarg. heo- 

fenlicra ceast[r]gevara. 
atloUenda, to a?'(pre[/i]ne. 
debitis (gl. necessariis) priB- 

coniis (gl. laudibus). marg. 

i/nd neadpcfüif/icum herun- 

1. 15. infiilas. gepin[c]äimi. 

honores. dignitates. 
sceptra, andvealdu. poteslates. 
monarchiam (gl. principatum. 

.i. regnuin)./?r?'ce/er. [l. ri- 

ceter.] 
1. 16. gubernare (gl. defeu- 

dere). marg. r/'rcifen [\.ric~ 

cetan] . 
1. 17. palato (gl. ore). j?ntd- 

hrofe. 
delectabile (gl. desiderabile). 

marg. lufiendlic. 
inlalum, ongchroht. institiim. 
1. 18. mellitfe, {h]unigsvettre. 
incomparabiliter (gl. inenarra- 

bili Icr) . iinvidmetenlice. 
1. 19. iugalilalis (gl. conuubii). 

oivnnge. 
1. 20. foedcralorum (gl. c-opu- 

latonim). marg. gepeod- 

dra. 
cliarismalum, gifa. sanclornm 

donoriim. marg. gast Hera 

sellena. \ gifn- 
1. 21. pra'posnit, foronscile. 

gerechte, [l. heforan sette 



oder foresette; und ge- 
rehte.] 

1. 22. indicium, beacn. 

fasligio. gl. culmine. hro\fe\. 

fol. 4. B. l. 1. erraneam, dre- 

lf'[ende] . e rrantem . 
drachmam, seil[h'ng. oder sei//?] 

l. 2. virgiuali piierperio (gl. 
Puerperium primum. par- 
tum), m a rg . mfeded/icum 
haman [1. mieden/-]. 

1. 3. dispendio, (vfvurd/an. 
ma rg . a'fvyrd/an . 

f:,^'?X\\.<iX\?,.,ge/ie\(C\l\d\summjsse. 
virginitatis. 

1. 4. domiuici, driJiten/ices. 

pectoris, [breost]es. 

accubitor , h/biiend. inc/ina- 
tor. 

paradisi, \neorxna vanjges. 

l. 5. inexhaustis (gl. incon- 
summalis. invesligabilibus.) 
imbribus (gl. prseceplis). una- 
cumend/icum }ias:e/uni \ scu- 
rum. 

1. 6. ac privatam (gl. singula- 
rem ). "] pa asciridan [1. 
-edan] . 

amoris, gevi/nunge. 

munificenliam , cyste. /ac. 
amoreui. 

l. 7. cupidus (gl. avidus.) ca- 
sli-[l. 8.]talis (gl. inlegrila- 
tis) amalor. marg. geornfid 
h/vßend [l. /i/ßend] and- 
liiur/Jinysse. 

zelotypus, onhyriend. Xcarfu/. 
1 einhidi. eMcnvod. (.i. me- 
mor. 1 suspicosus). marg. 



AGS. GLOSSEN. 



415 



onhiriend.X emhidig.X cor- 1. 14. vcrticcm (<^l. .i. cacu- 

ful. men). niarg-. heh[(tc]. 

infonnalor, gestadeliend. plas- gabuli, gelgan. .i. cnicis. 

nialor. 1. 15. materua', [mad/-]//cc?'e. 

grata (gl. accepta) [l. 9.] liba- perfidonim (gl. iinpioruiii. in- 

mina (gl. oblationes. ho- lideliuin). videj^vurdra. 

sliafs]). niarg. paticvunle 1. 16. [perlidorum] niilitum (gl. 



sponlanea (gl. propria voluii- 
tale) devotionc (gl. Imiuili- 
tale). mid selfvilre estful- 
nesse. marg. -fulnijsse. 

lilärat, ojfrede. sacrilicabat. 

1. 10. facliioniin, viandwda. 
peccalorum. 

Giles p. 7.] 1. 11. consideraus 
(gl. contemplaiis). besca- 
viende. 

scgrotornm (gl. peccatorum). 
meltriunra. 

strage (gl. occisione. perse- 
culionc). iHvle. 

1. 12. saluberrinium (gl. saiia- 



satellituin. latroiiuni). marg. 

ortreovra cempena. 
evenlus (gl. .i.fineni). bethtip. 
1. 17. nou inconvenieiiler (gl. 

.i. congruc. non sine nien- 

siira). marg. svkte gedaf- 

lico. 
carmine rythmico (gl. iiume- 

rali). on Uvlsumvin Icode. 
palibiilo, on gelgan. criicis. 
1. 18. lalibulo, treore. secre- 

lario. marg. on d/'gcJni/sse. 
virginem (gl. s. Mariam), 

Ja'mnan. 
tulamiiii (gl. defensioni. pro- 

tccUoiiij. gesceldnysse. 



bilissimum)m;ilagma(gl. me- 1. 19. labentibus (gl. curren- 
diciiKim). marg. /•«/r<'[//]^//'/^?. llbiis. transeunlibus). eriien- 



lu'ccdüm. 
spirilalis, feondlices. 
ncquitiac, nearal)ancv,s. \ hin- 

dcj'.sa'ite.'i. 
1. 13. lelaliter (gl. morlaliler). 

marg. d<vdlico [l. dead-]. 
fibris(|iic infeclis (gl. irrigatis. 

hiuiicolis). bcgiededum tvd- 

druiii 1 aprlcdum. 
coelcslis mcdiciiia'. marg. hen- 
fcndlicerc. Inc. [\./ico/bn/-]. 
anlidoluin (gl. poculum. coii- 

feclio herbarum). marg. do/d- 

drcnc [1. dolgdrenc] 



dum . 
luslris (gl. circulis. curricu- 

lis). emhrenum. 
per ideni tempus, gend prim yl- 

can timan. 
I. 20. freliis (gl. IVuclus. siibli- 

maliis). marg. gcujhrcd. 
lorm c II loru m , //// leg renn. 
orlhodoxa- (gl. recke lidei). 

anlices. 
1. 21. extorris (gl. alienus). 

ullenda. miser. 
1. 22. diilcisonis (gl. iociindis) 

mclodiie (gl. pr;ccoiiioj. ////// 



416 



AGS. GLOSSEN. 



sviä svium sa/igiDiiilrenmes. 1. 10. pra'sertiui (gl. niaxime. 

l herunge. saltini). marg. to vissan. 

concentibiis (gl. caiitibus. me- pro certo, to soäa/i. \ cntta/i. 

lodiis). san[gurii\. veraciter. 

fol. 5. A. 1. 1. in oramate (gl. divi- [1. Il]na3 sanclionis (gl. 

spiritali visione), on iqilicre iudicii). godcumlre geset- 

gesthite. nijsse. 

exlaseos (gl. traiisgressionisj. foedera, treofäa [l. treovda]. 

geleorednysse. \ of erstige- superuw (gl. divina^). heofen- 

nysse. iice. 

\. 2. ohVnhhm, gesihdum. con- gratos (gl. acceplos. carosj. 

spectibiis. visionibus. pancmirde [1. -de']. 

sunt, hi \sinct\. maieslati, m(eg[n]priünni/sse. 

l. 3. 4. per augustam (gl. re- 1. 12. incarnalionis , Jlivscge- 

galem). getid pcet kijnelice. byrde. 

1. 5. 6. rigid8e(gl. dursB).5/;'ee- 1. 13. propheliois , dtiendli- 

cere. aspe[ra!]. cum. 

ardui, stides. slricli. gende/es. \>Tadsag'\OTum, Jbrevitegunge. 

(so?) vaticinasse (gl. prophetasse). 
formam, /live. exempluni. bv\? gevitigea/i]. 

propositi (gl.initii). inhihedes. non auferelur, ne bid ateored. 

[1. ingehygdes], 1. 14. dux (gl. .i. rector) de 
1. 7. instigantes. maniende. in- femoribus, ofsprincge. 

citantes. cohortanles. 1. 15. niillena, pusendfealdre. 

m^iAx'wwmvix., senscipes ^. sm-\. con-[l. 1(5] gerie (gl. cumulo). 

iugalitatis. gegaderunge. 

1. 8. conlubernia, sanunsta. l liquide (gl. pure, manifesto). 

gepoßr[(i'dene]. marg. svutelice. 

legilimum, milic [1. ivvlic] vete- [1. 17] ris (gl. anliquai) 



iugalitatis, gegadcrsct'jjes. \ 

legalis thori. 
connubiinn, luvined. \a'v?ninge. 
sclii.sinalicüruiii, gedoobnanna. 

hereticorum. 



instrumenti (gl. legis, a^dili- 
cii). p(vre ealdre gesete- 
nysse. 
Giles |). 8.] unibraculo, scea- 
dcmüi<xe. 



delira-[l. 9.] mcnla (gl. erro- clarä, bcorhtrc. 

res;. gcdoJ'ii[nga.] \ ge- 1. 18. iugalitatis (gl. coniu- 
f'leard. gü). n'vnunge. 

ducinius , lalicd. \ gcsettad. distare (gl. discernere. inter- 
sanciiuus. esse), tosenden. 



AGS. GLOSSEiN. 



417 



I. 19. floridam (gl. splendi- citlis (gl. tenuis pellis). _^///<e'- 

daiii). blost[m]b(tre. nenum. 

1. 20. explanaas, //■ffÄ[/«2e«</e]. rubenlibus, mid readuin. 

narrans. nianifeslans. referla (gl. impleta). gehla- 
iugalilatis, se/iscipes. [de/ie]. 

oriundam, npasprung\eii\an. siniplo, anfealdum. siuiplici. 

ortam. nalam. librorum, rinda. 

1.21. \Vsi, pivslice. Icgniiiie, tW{/J-'//6'^'e.operimento. 

1. 22. de concha, musclnn. \ contecla, ofervrog/ie. \ aviin- 

scille. dem. 

fol. 5. B. 1. 1. lurpiler (gl. de- 1. 7. conteniptibilem (gl. de- 

specte). ful[ice.] speclabilem), forsavenlicne. 

defornialur (gl. sorditatur. de- calumniain (gl. opprobriuni). 

turpalur). avla't[ed.] fjiyl- hosjj[e]. 

lice gyllas niagon üre sävla palraeti dac-[l. 8.]tylos,^/i^er- 

ävhetan 7 öo^^^ lädellan' appla clijstra. 

hom. II, 590.] niulsum (gl. dulce). verede. 

obryzum (gl. nitidum). «/»/«^f/^/. Nicolaum (gl. .i. dactylicum). 

[sie] .i. tn7i. gedropa, 

melallum (gl. massa). vec{g\d. longe (gl. valde). pcarle. 

1. 2. detriinentum, ccjmirdlan. incomparabiliter, unvidme[lon- 

conlcniptum. //cv]. 

cum Ibrmosior, vende [?] gl. pneslare, ofcrj)eon. anlecel- 

speciosior. marg. hi'vjtfslre. lere. 

1. 3. rubenlis (gl. micanlis). 1. 9. incudis , a/iJUles. homi- 

reades. ges. 

lanea, i^yllene. 
slamiiia, vearp. 
glomere, clcone. globo, 
1. 4. panniculis, veflmn. 



lundentis (gl. pcrculienlis, qua- 
lientis) m^\\^\^beateiidesha- 
mores. 
diuilies, stidncs\s\. 
revolula (gl. operla. involula). 1. 10. rubiginosa? (gl. aerugino- 



s;e). liomire. [1. omigvc. rg/. 
öin oder 6mm, rubigo, bom. 
II, 104.] 



gerunde/ie. 
bombiciiium , seolcel [1. -//]. 

sericum, sideti. 

\)yiv[)uri.v, godbeOes [\. godveb- rorci[iis, 1(uiga?i. tango. 

bcs], l'orlicis, sccarcn. (1. -ofi]. 

1. 5. serica, siiccn{i'e\. bulli-[l. 1 1 J ler (gl. gemmifer). 
mala [1. G.] puiiica, reade (ppp- marg. giinb'vrv. [/•^'/. biilbe- 

la. poma. rciide, biillil'ei- gl. Ilaiinov.j 

Z. F. i). A. IX. 27 



418 



AGS. GLOSSEN. 



baltheum (gl. cingulum). belt. reciproca (gl. iterum fliientia. 

l. 12. inslrumentis, iolum. abundantia). marg. ongenl- 

fabricata, smeoäed. ßovende yda. 

lunaris, [mone]lices. [vergl. 1. 17. fontis, velsprinces. 
'se monelica nioiiailha'f(la,'fre redundantia (gl. .i. flumina). 
on änum monde xxx. nihta eflßovu[nga]. marg. eft- 
AS.aslron.ed.Thom.Wright ßovende vwtere. 
p. 9.]. globi, cUvenes. lumi- pr^cellere, qfersti[gnn}. an- 
nis. [vergl. 'hvilon wt bis tecellere. 
(Marliues) nisessan, men ge- aqu» ductuum, tiga. cana- 
savon sciuan fierlice xi bis lium. vcetertige. 
bnoUe svilce fyren clyvea decursus, singalrenes. \ svift- 
bom. II, 514. engl. clew. {venes\. 
s. Iiinn etijin. angl. s. v.]. 1. 18. celsis, healicum. subli- 
marg, monodlices clt/[r]nes. mis. altis. 

1. 13. c'ircv\\ns, si/ieveald tren- arcuum, boga 



del. 
luciilentus, hhjttor. splendidus. 

s. clarus. hlutter. 
I. 14. triquadram (gl. in qual- 

luor partibus divisam) raundi 

rolam (gl. circulum), marg. 

pcene ßderdceledan trendcl 



fornicibus, bigielsum. [1. bi- 
gelsum.] 

sublimatus (gl. subvectus. exal- 
talus). geufcred. marg. das- 
selbe lüort. 

tiibo, peotefi. ofpryh. l(marg.) 
peotan. 



1. 15. lalicem (gl. aquam). cataractis, vceterceddrum. 
vfEieripan verbefsert aus -pe 1. 19. vorantibiis (gl. absor- 



[1. va'peryde\. 

cislernaj, ripe. 1 vceterseades. 

limpbam. .i. aquam vwg. 

quam, p(vt ve. 

antlia, mid hlcedele. 

1. 16. rolä bauritoriä , liled- 
trendle. marg. 1 kreovlan. 

exanllamus, uphlade?i. bauria- 
mus. 

parvi pcndenda , to Jor naht 
lallende, ncglegcnda. ad ni- 
bilum iudicaiida. 

pulamus (gl. wslimamus). tei- 
le ve. 



bentibus). marg. forsvel- 
"•endam a^ddrum. 

pnestare, ofei'peon. melior 
esse. 

voracis, gra'digre. 

mergula?, scelj're. {vgl. 'fä ge- 
seah be [s. Martiiuis] svim- 
man sccalfran on flode, 7 ge- 
löine doppetan adiinc l6 grün- 
de, eil Lende |)carle |)a.'ra ea 
lixa. J)a bei 3Iarlinus {)ä 
mwdleasan fugelas |)a>s fix- 
nodes gesvican, 7 lö veslene 
sidian ; 7 |)ä scealiran ge- 



AGS. GLOSSEN. 



419 



viton aveg tö holte' honi. 
II, 516.] 
1. 20. confunditur (gl. sperni- 
tur). scend. l Jorhog-od. 



1. 6. comprobasse (gl. invenis- 
se). gesvutelien. uarrasse. 

arboruna silvestrium, vudelicra 
treova. 



versicolor, bleojah. diversos 1. 6. succulentus cauliculus(gl. 



raulans colores. 
1. 21. tereli, sinevealtre. 
circulorura, trendla. 
rotunditate, tyriiincge. 
1. 22. croceä qiialllate, mid 

geolevere fahiiysse. 
purpurea, hrün\re\. 



ramusculus). sceyig slela. 
1. 7. ramusculis, bogiiiclum. 
exorli (gl. nali). acy miede. 
1. 8. vernantis (gl. floreolisj. 

grencs. 
prati, gehceges. 
progeniti, fordatogene. 



Giles p. 9.] veuustate (gl. io- 1. 9. fragraiilia, stemende. 
cundilate). fieger[7iysse]. \ redoleant, bladesiad. fulgeant. 



fagen. 
fol. 6. A. 1. 1.] glauco(.i. albo. 

t rubro). bhchmveni^e. 
coloris, hives. \ bleos. 
virore (gl. viriditate). gren- 

?iysse. 
fulgescit, glite[nad]. 



Spirant, [sie !] 
cum conslet, ponne gevis is. 

manifeslum est. 
secutura [1. 10.] emoluraenta, 

wflerßliende gestreon. 
exuberante (gl. abuudante). 

s:;emhtsurniendum . 



flava auri spccie splendescit, rcdilu, ageanhv[yrfe]. ge- 

qf sciljrum. \ ghvterien- an\Ji\vurf\\ 

dum. \ dexum. beorh[l]?ied. qua^stu (gl. lucroj. tilunge. 

decoris, [veordniyn]les. 1. II. maturesccre, ripian. 

1. 2. virgiriali, md'dcndlicum snrculornm. stqfna. \ te/ge/ia. 

[micdenl-]. femnhadlicum. virgultorum, 

formula; (gl. specie). hive. spissos (gl. densos). nuciii- 
crepundia (gl. ornanienla. ino- ß;[(ilde]. 

nilia). marg. menas. \ glcnc- pampinos, hisaes. niarg. hosses. 

ga. 1. 12. cessaiite (gl. delicienle). 
1.3. fhalemlA, pa geglencdau. abiimiendum. 

ornanienla, friKle\vc.\ libroruni, rinda. 

1. 4. imputribilis (gl. incor- succo, sa\i)e\. 

ruplihilis. immarcescibilis) niarccsccre, scrincan. 

\VAl\xr,.v:, unj'uliendlicere ge- advenlanlc, locii[inendre]. ad- 

cynde. venicnle. 

experimenlis, qfcrvundennys- l. 13. fcrvore , i<y/mc[ge]. 

sum. marg. bernvndum. 

27* 



420 



AGS. GLOSSEN. 



in modum, oji geiuete 

1. 14. laudandse (gl. honoran- 

dse). {heriendli\ces. 
virginitalis, femnhades. 
edilo (gl. allo), niarg. healicum. 



torpenteni ( gl. languenlem). 
marg. asvindcnde. 

prseoccupet (gl. prsevenial. 
Iranscendat) ; unter prieoc- 
cupel : pd't heo forc\nime\. 



1. 15. promontorio, munte. sliniulo, sticelse. monitione. 

7nonte.mdiT^.sa'nesse.[-n(vs- conipunctionis , pcere stideste 

gß^ abrerdni/sse. [1. -stidestan.] 

arcta(gl.aspera).weflro.stricla. fol. 6. ß.] 1. 1. instigatus (gl. 

1.16. \n.^tv\ns,.7uderej\ be neo- compimclus. pröemonitus). 

ge7u ' gemanad. 1. getiht. 

vilescat (gl. displiceal. inanes- anlicipet, fo7-ne forfed. 

cal). unvurdie. 1. 4. dimiltilur, to forlceten. 

Iegilimseiugalitalis,fl'?'//ce5^e- l bef(cst[od.] 



gndei'scipes. 
1. 17. libcrorum (gl. filiorum). 

ocftergeii\gen(i\. 
posterilate, cneoresse. 



mundi [1. 5] blandiraenla (gl. 
oblectanienta. adulaliones 1 
suavilates). [voruldli]ce ge- 
svys7rysse. 



squalescat (gl. sordescat). afu- quisquilianini (gl. siirculi ini- 

lie. \ n7isco[ ]. 
1. 18. in comparatione (gl. as- 

similatione). marg. ow vid- peripseraa, feo7mu7iga. pur- 



nuli). (csvcepe. marg. bea/i- 
scnlii. 



ii\etemjsse. 
huiuscemodi bonum (gl. .i. 



gamenta tufa (sie) marg. 
fyrmda. 



Vd\e). mav'^. pus ge7'ad god. carnalis luxus , Uc\li\a7nUcere 
dehoneslari, beo7i gehjrved. gadse. 

delurpari. 1. G. lenocinia, fo7^spe7i7ie7ie. 
1. 19. propensius (gl. diligen- illccebra. seductiones. 

lius. lalius. mulliplicius). refutans (gl. vincens. despi- 

niarg. geo7'/ilice7\ 1 /7/;«e/'- ciens). marg. vidsace7ide. 



lico7\ [1. rümelico7\] 
1. 20. versa vice (gl. niiitato 

ordine). ahve7\fcdurn sidc. 
1. 21. iiilcrioris viUx% pats 7n- 

doviii lifes. 



proposilo, i77gehede. initio l 



gradu. 



1. 7. casla; (gl. simplicis). 

c/a'7/re. 
tirocinio, cat7iphade. 



proliciens (gl. crescens). marg. Gilcs p. 10.] 1. 8. gratuila, 

peonde. pnncvu7'd7^e. 

l. 22. tepide (gl. enerviler). 1. 9. industria (gl. sollertia). 

vlu'clice . g leaimysse . 



AGS. GLOSSEN. 



421 



anlecessor, foi^gencga. \ fo- 1. 17. salva, gelwaldedum. 

r\c\sUvp\pa\. 1. 18. discriniiiie , frecen- 
I. 10. lacriniosis, tcarigum. mjsse. 

siiigullibus (gl. suspiriis). sicc- scopulorum , sti/lfa. 1 vluda. 



saxoriini. 
1. 19. lanlo niinu.s, srn tnicclc 

leas [l. Iws.] 
I a m e n 1 r u m , heu [^fu/ign . ] 
iiicumbere, cli/bbi(in. insistere. 

l consistere. marg. onvu- 

nian. 



tu/i[guw]. 
1. 11. suspirio , sicci[lunge\. 

gemitu. raarg. hloccetunge, 
querulosis, ceorigum. 
(jueslibus (gl. (lelibus). murc- 

7)u?igu)n . 
I. 12. indali, toblavene. 
I. 13. periculoso naulragio, uf imbribus, inid dropum. niarg. 

frccenfulre forliäennysse. sto{rmum.\ 

marg. hcare ancpcvlgiujsse. \. 20. rigare (gl. Imnicclare). 

[1 frecenba're atidphgnys- va'tan. 

sc], na^voriini (gl. iiotaruin). rlotta. 

dira', redcs, et grassanle (gl. smyttena. 

popiilaiite. grassanle. super- maculis, avyrdingum. 

eminente). ~] onhnigendre. de-[l. 21] foriuatos, avketle. 
1. 14. tenipeslalis , stormes. \ scoria', speccan. \ syndran. 



hreod[tiyssp.] 
turhine, yste. fluctu. procella\ 
inter Scyllani , betmuv aand- 



alraniento, bloßccan. 
focdatos (gl. raaculatos). gc- 
J'ylede. 



hriccan; eine andere hand 1, 22. eo niagis (gl. tanto lua- 
verbefscrt -^can. [^'^7. hom. gis). sva viicle ma. 



II, 178: ' uppon änre corn- 
hryccan.' etyni. angl. r. 



roscidis, mid diwigum. humi- 
dis .i. rorc niadidis. 



'rick'; wcMe/i^V. 'ridge : hay- foiilibus, vylsprince. 

m;/.-, riggsofbarley ^/.Z?t'.] moeslam (gl. Irisleni). dreo- 



ba ra l b r u ni , gesvelge . 

voragiiiis , svyliendes. niarg. 
eadvindan; das e ist von ei- 
ner andern hand. [1. svel- 
gendes.] 

1. 15. licet, pc/i pe. 

aliiiuanliilum (gl. ex aliqiia parle. 
l)aiiUiliin ). a'lliearv[healj'e.] 

1. 10. qiiassatis (gl. confractis). 
lübrelltnn. 



ri[ge.] 
fol. 7. A.] 1. 1. bumectare, 

leccan. rigare. Jihten. 
non desinunl (gl. non defi- 

ciiinl). ne gesviead. 
(jiio se, sra hi. 
1. 2. auslorilate, slidnyssc. 

crudelitale. 
inlerdicla (gl. proliibila). to- 

cvedene. 



422 



AGS. GLOSSEN. 



\.S.mem\neT\in[,g'emund[fa]ä. 1. 11. vallalus (gl. circum- 



quod, foj'pi. 

celibes, geheald[sume\. vir- 

gines. 
sentiiia(gl. aqua foelida navis). 

ndelan. \ fyläe. 



septus. circumdalus). ein- 
hlenned. 
apostatarum (.i. profuganim). 
ßij[menu]. marg. vidersa- 
cena. 



1. 4. arroganter (gl. süperbe), glomeralus (gl. vinctus s. cir- 

topunde[n]lice. upahefed- cumseptus. slipatus). em[b]- 

lice. set. 

1. 5. balenam, ran. diabolum. barathruni (gl. infernum). ge- 

coelum. [sie] hennan. sead. \ hellegrut. 

1. 6. devoralricem , [svelge]- 1. 12. tartarum, t/uitegre. tor- 

stran. nientiim. 

circilo, mid emfare,. navicula. cassabundus, hreosendlic. cor- 
declinant, forbugad. ruendus. 

l. 7. principalium viliorum(pec- proto- [1. 13]plasfus (gl. pri- 

catorum). [he(ifod]licra loh- niogenitus. primus plasma- 

tra. [veigi. heujbdleahtrasy las), marg. fruinscapene. 

bom.II, 590. 592. /w^e^gT/i- recenlis (gl. novi). nives. 

salze zu leohtUce sjjtuia.] paradisi, ?ieorx[na va/iges.] 

atrox (gl. crudelis). I henlic, colonus, tilin. 1 habitator. 

1.8. tyrannicai (gl. diabolicw). totius tercstris (gl. .i. terre- 

1 cynelicere. na;) creatiirre, 7 ealre eord- 

dominandi, to vealdenne. cundre gcsceafte. 

monarcbiani (gl. principatum. quam, ^cpf. 

1 unius principatum). 7 ri- 1. 14. verligo, ti/rnincg. 

citer. rotanlis (gl. volventis). tur- 
1. 9. usurpare, togeteoji. pos- niendre. 

sidere. Gilesp. 11.] fundibuli, //^erff/?. 

ancipiti (gl, dubio, incerlo.) circumgirat (gl. circuit. cora- 

ambiguitatis (gl. dubietatis). plectitur). befeh[d]. \ em- 

tveogendlicere. tr[e]om//ige. hn'fd. 

1. 10. scrupulo (gl. niolcstia. 1. 15. buccis, smcvvum. 

solliciludiiie). marg. /»/■//- ambronibus (gl. avidis. cupi- 

dunge. \ cmhedi[gnysse]. dis). gifrum. 

parasitorum, sril[g]ra. gli- labris, lippum. labiis. 

'>\(']ra. marg. spillendra. lurconibus (gl. cupidis. devo- 
sodalibus (gl. sociis). inidgesi- ranlibus). ~J 

dum. frt/m. 



mid gra'di- 



AGS. GLOSSEN. 



423 



1. 16. in voraginem, 1 on ge- virulentoriim(gl.vcneiiosorum). 

marg. cetirigeia [l. -ra.\ 
1.2. r a b i (1 i s , m id s Uten dum . 

1 terendum. voracibus. 
beliias, dinj'la. 



svelge. edvindati. \ grutte. 
in foveani. 
iingelica (gl. superna. angelo- 
rum). iipcundra engla. 



1. 17. civium , c('{d\slregcva- 1. 3. gingivis, todreornum. 
renn. .i. colonum. [sie] inermes (gl. sine arrais) quos- 



1. 18. conlubernio (gl. congre- 
gatione. 1 mansione). raarg. 
ge7nan[an.] 

(leilicie, godciindlicre. 

coulemplatiouis , bcscnvunge. 
visionis. 



que (gl. universos). ~l ge- 

hvilce vwpenlease. 
lorica, halsberga. galea. 
1. 4. parma (gl. sculo). tar- 

ga{n\ 
exutos, unscridde. nudatos. 



parlicipio (gl. parte, cominu- afrociler, ^;v'///[///e]. cnideliler. 



nicatione). du'lin[ge.] 

quanlo [1. 19.] niagis. inarg. 
ha micle svider. \ ma. 

gracillinia (gl. humillima 1 mi- 
nima), marg. gehvcedesle. 

de, be. 

emolu-[1.20.]menlis (gl. lu- 
cris). gestreonum> 

inflala, toblaven. 

inlumuerit (gl. superbicrit). 
toltiiit. 

caslimoniä(gl. caslilate). cken- 
\fiysse.\ 



discerpere, toslile?i. dilaniare. 
lacertosis (gl. brachiorum. for- 

tis.) viribus, wid strangum 

ma'gnum. : [. , 

1. 6. testiulinem , 7'frndbeag. 

scildrunie. aciem. [l. scild- 

trwnan,] 
slropliosw (gl. callid«). svic- 

Julies. 
balista, sUrfüdere. 
1. 7. spirilalis armaluree, \g(LSt- 

li]cere veapnunge. 
ferralis, hisenum. [1. isenum.] 



1. 21. speciali (gl. propria). venabulis, barsperum. raarg. 

marg. oj' senderliccre. [naxum. 

rumusculos (gl. famas. rumo- \. 8. naviler (gl. velociler. 

res), hlisan. marg. here- virililer. 1 forliter). fvovi- 

vurd, lice. \ sprinlicc. 

coeperit, nnderfeh[d.] inchoa- limidorum (gl. limentium) niore 

verit. mililnm , ea/'gra ctrnpana 

1. 22. Iriclinio (gl. sede). marg. [1. -cna] on J)cave. \ gcvu- 

bure. 7uin. 

lirunculis, ccvqmm. 1. 9. classic«, bijinan. 

fol. 7. ß.] 1. 1. borrendam, salpislaj , trudhornes. lubici- 



cgislic{e.] 



naloris. 



424 



AGS. GLOSSEN. 



mu\\ehv\ler,ea?'/ilice.l7i?'ä/ice. spiritalium nequitiarum (gl. 
saevissimis (gl. forlissimis) ho- fraudiuni). feondlicer nen- 



stibus, liäm hreäestum feon- 

dum. 
1. 10. sculoruni, iudenarda. 
umbonibiis, randbea.{g\um, 

proteclioue scutoriim. 



rapanca. \ bisvicce. [1. -li- 
cra nearopanca. \ besvica.] 
1. 15. [contra] niille nocendi 
artes, ongenn pusendfealde 
derigeiide pr alias. 



[ne] praibeamus (gl. adhibea- pertinaciter , giferlice. inre- 
mus). 7 ''^ '^^ gearcien. \ vocabiiiter. insuperabiliter. 

gepeoden. remuneratore, leaniendum. 

1. 11. mililise, campdomes. 1. 16. debituni (gl. necessa- 
pugnie. rium). marg. neadpearßic. 

[gl. nos] pugiles (gl. gladium l neadvis^e^^ 

portanles.marg. gladiatores). triumphum (gl. glaudiuni). si- 
ve vcppenboren [1. -an] gelean. palmam. 



7 cempan. 
armatain, geinseigled[e]. sig- 

natam. 
audacter, deorsterlice \\..deoj's- 



1. 18. leviathan , scrdracan. 

.i. serpens aquaticus. 
polentatus, andvealdu. [Giles : 
potestales.] 

telice , dyrslelice , dirsti- reclores, [recce^jf/r^*. iudices. 

lice-, vielleicht deorstcclice.\ 1. 19. pertinaciter, anrcedlice. 

1.22. »pmulorum, r?V/(';v'//?«e//«. perseveranter. constanler. l 

contrariorura. inimicorum. dure. 

offerentes (gl. contra portan- pertinacibus (gl. violantibus). 
les). bildende. \ ongean be- marg. anrUlinn. 
Inende. in fronte, on forvordan. [1. 

instrumenta (gl. a-dificia) bei- foreveardan.\ in facie. 



lica, viglice iol. 
quae, pa[p]a. 



1. 20. priucipalium , heqfod- 
[lic7'a.] 



1. 13. macheram (gl. gladiuni). bis qualernos, hehtefealde. 

mece. \ hiJline. [1. e-]. 

et loricam [1. 14.] inextricabi- 1. 21. Cerelhi , ranlehere. \ 

lern (gl. inexpugnabileni). hleoperes [1. -as]. 

7 unofervinnendlicc hals- Pclelbi , eorodnicn. jjrneres. 

bearga. [I. hcalsberga.] fedeheres. 

cum lutä (gl. firma. secura) Giles p. 12.] borrendo, \e\gis- 

pclta (gl. clypeo. parma). liciere. 

cum iruman pleigscetde. 1. 22. apparatu. i,'7'/'/Tce. exer- 

[67//// zu tilgen.] cilu. gearcunge. 



AGS. GLOSSEN. 



/i'25 



mancipanliir (gl. donianliir). zu dem folgenden worleivo- 

untcrdcm le.vtesworte steht: it;i'uni, dre[(un] ? 

mid pdm hi send gehiefte. 1.8. qui putabantur, gevenede. 

divino, [god]lici(w. celesli. a'stimabantur. 

freli (gl. Irucli. sublimati). ge- inlcrnecionem, fonnjrd. uior- 

hild. lern, niortificationem. 

fol. 8. A.] 1. 1. bellicosas, ü/^- 1. 9. obtruncati , fojpra'ste- 

lice. heardlice. [de.] occisi. 



optalis, geviscedum. desidera- 

tis. 
ad iniportimum (gl.inhonestum). 

to seviasum. 



Iruculenlis (gl. duris. feroci- 

bus). egisliciün. 
I. 2. slropbaruiu (gl. fraudium. 

piaculorum). bisvico. 
phalarica (gl. lanceis raagnis). 1. 10. provocant (gl. exaspe- 

ansciita titegnrum. 
1. 3. deceptionum , bigsvica. 

niarg. svicdoina. 
iiilaligabiliter , unnteorienlice. 

insiiperabiliter. 
1. 4. patrocinium, munde. 
pra^destiiialai (gl. anlcdicuc). 

pivrc [dele!] Joreslihtes. \ 

Jbrescedes. 
1. 5. coliorlante, heortendtmi. 

animonente. 
vertanl, ävendan. 
1. 6. tula, fast, lirma. 
indepUc (gl. adqiiisittc. adepla?. 

1 assccuta^) pacis, [begeten]- 

re sibbe. 
adquisiloriim , gestronendra. 

invenlorum. 
secura, sorhlms. sine cnra. 
lriunij)lu)rum, sigera. 
1. 7. ii)flexibile, ungebigend- 

lic. iiinodabilc. 
diiiliinuiin, langsum. loiigiim. 
ralk'iilis, bepw[cendve]. dcci- 

pienlis. 
rorlune, dre [?J oder gehört es 



rant). fordteod. 1 tihteä 

[1. -ad]. 
1. 11. voll conipolibiis (gl. lav 

ti). blidiim. 
in-[l. 12]slruunt, geiremmad. 

a'dificant. 
iniporlunus, {ge]mage. \ vider- 

vurde. cupidiis. iiiiprobus. 

imniitis. 
1. 13. florulenli«, blost[m]boere. 
1. 14. frugalilalis (gl. Icnipe- 

ranlia'. nioderatiouis). spivr- 

ni/sse. marg. spwrnesse. \ 

iincijste. 
explodalur (gl. delealur. ex- 

slingtialur. excludatiir. cii- 

c'ialur). üdvcesced. \ adrw- 

fed. • 

1. 15. ad exlrciniim (gl. iii 

liiie). (vt ne.rlmn. 
qui {näml. iialrix), seo. 
boalam, [e('idig]ne. 
I'aiiiiliani , hired. congrcgalio- 

II ein. 
I. IC), civilalis, eeastrnn. 
lalebrosi-s, diglum. heolstrum. 



426 



AGS. GLOSSEN. 



tenebrosis. cavernosis. occul- refra-[l. 3.]gabalur , vUlstod. \ 

tis. viäerode. resislebat. 

I. 17. clandestinis, of dhnli- sorte, be hlete. 

cum. seeretis. occiiltis. lerritorii, landgemeares. 

lalibulis, dhnhofum. cubilibiis. incoliiit, beeude. 1 bvgede. ha- 
eliminatus, utadrcejed. fiiga- bilavit. 

lus. separatus. 1. 4. generationis, cneoresse. 

I. 18. triidatur (gl. pellatiir). ir\\.^\ os, foj^dfa'derns. 

beo utascofen, futurfe posteritalis , toimrdre 
1. 19. quinquagenis milibus, (vftergencmjssum [sie]. 



fißi im dp usen dum . 
expedilionum , fyrda. [fyr- 

d]i}iga. 
pedituni, fedena. 
turinis, heopum. agminibiis. 
1. 20. riibri {näinl. niaris), 



1. 5. pronepotibus,//^/^/^« bear- 
fium. filiis nepotum. 

Iegitima3, a'vfa'sth'cere. 

1. 6. si, ßiif]. 

sagacitatis , gl(ev[/ii/sse]. Pro- 
videntia", indiistria?. 



/)(V7'e reade [\. pcere i^eädan pervigil (gl. astuta) solliciludo, 

sa'.] purhvacol emhidigiujs. 

siibmersü(gl. absorpto). nspn{c\- Giles p. 13.] 1. 7, soUerter, ge- 

tuui (!'. dseiiceduin.] onifuUice. euriose. y/YC [?] 

l. 20. profundis, 07i [deüpum], 1. 8. spiritalium nequiliarum, 

flusiris, r(c/u/n. fliiminibus. feoudlicra nearaftanca. \ 

suHocalo, J adre/ictum. merso. bisvice [\. ~a.] 

quem, piene. 1. lyrannici, ref/e. I caiiiplice. 

fol. 8. 15] 1. 1. erebrä, mid commanipulares, grßice. socii 

mivnißaldum. \ consoeios. 

iuleriieeionis, ^/f^e^. l/o/T///'- 1.10. sceleratorum , man{ful- 

dcs. occisionis. mortis. ra.\ impiorum. 

ambronis, grwdigum. avidis. satelliles, ?'rt'^-^'T.v/^«//. [/. re^»-] 



1. 11. aeiem, truman. 
coiispirali (gl. coiisimilati. 
irati). marg. geanli/codc. \ 



geanlicdte. 



[be]he- propugnacula, vigstealla. clio- 



devoranlibus. 
orei, niiid"s. mortis, 
faueibus, ccaj'luin. 
tradidit, bcj'wste. 
1. 2. repromissionis 

[tungc]. 
deealogi (gl. .i. decem pra> subruciida (gl. cadenda). yo/-- 

ceplorum). te7i bcbodu. scre[?i]cene. 

sanctionibus, ^/owww?. \ gescl- 1. 12. eiusdem nefanda; mili- 

/lijs.suui. pra'ceptis. slalulis. 



rus. 



AGS. GLOSSEN. 



427 



licT, pa'j^e ilcnn rnnnfullum 1. 20. ingruere (gl. .i. inve- 

canipdoT/ies. [sie] nirc. iiigravare). niarg. on- 

1. 13. caloncs (gl. servi cellse vinnan. 

niililuni.)niarg. calonessunt, moliunlur (gl. iiiluntur). sco- 

qui ligna niilitibus porlanl, rcviail. 

y^\ gahar.'^. gebar an. \<:a\o 1.21. dirä (gl. severa) frameä 

mililum .i. servus. rudubior. (gladio), heardinn me.ce. 

et clienles (gl. .i. socii. doiiie- emeritosrgl. elcclos. perfectos). 

sticos. familiäres), marg. pepiingenan [1. pä gepun- 



7 incnihtes [1. -as\ \ hivcu- 

äan. 
lixarum coetibus (gl. merce- 

nariorum. qui aqiiam por- 

tanl). vwlerbarendra. marg. 

pran\gurn\. 
pertiiicnles, belimpedum. 
1. 14. quam salrapa*, widcv 

gcsidinoti. \ poinnes [1. pcg- 

nas, pe/ias.] iudices. 
flagiliosum,/y/*e/?/}//A'. ignciim. 

[Sic] 
tribmialum, oaldordorn. prin- 

cipatum. 
1. 15. cerlis vocabulorum (gl. 

nominum) proprielalibiis, ^e- 

vissum cb'punga agfiun- 

gvm . 
nominatim , imvirnivlum. per 

sin-'ula nomiiia. 



gena/i\ : 
1. 22. milites, cempan. 
inlerdum , vel oft. sa'pc. ali- 

qnaiulo. 
viilucre (gl. plaga). si i:\vijs sc'] 
Iclali loxa (gl. morlali veueno). 

mid ccttrigerc clufpungc. 
fol. 9. A.] 1. 1. inlclleclualis 

gl. inlelligibilis)./>rr.¥ angijt- 
Jullnn . 
1. 2. siragc (gl. occisione). 

of ra'ic. 
Carmen [1. 3] ruiiebre (gl. la- 

crimabile). marg. liclcod. 

bijrgh'od. 
[canlicmn] lamentabilc (gl. lle- 

bilc). 7 heofendlice. 
cpicedioii (gl. Carmen super 

cadaver). licsang. 



1. IG. allopliylonim,[Ä]«'f/e//rrt. cpitapliion (gl. carnicn super 



cenluriis, hundredum. 

1, 17. in vcriice (gl. iti sum- 

mitatc). an cnoUc. 
1. 18. borlantur (gl. moneiit). 

Uvvnd. 
invisorum (gl. odiosorum). kv- 

dera. [1. Iddrn.] 
1. 19. parocliiam, sc/rc. 
sibi, hwi seif um. 



tumulum. 1 morluorum). />//- 
riensaiig. marg. h'clc.od. 
[lic]s(i/ig. 7 bi'igelsleod. \ 
[bi/rgels]sang. 
1. 4. compalieiilis (gl. miseran- 
lis). marg. bcsdigiffidcs. 

componalfjfpt keo gesctti'. cou- 

sliluat. 
curio-[l. 5]sa'S()ilicilu(liiiis, ////•- 



428 



AGS. GLOSSEN. 



vittre carful/ii/sse. \ bi- 1. 13. coegit, acneadoä. coin- 

/ii/d[es]. pulil. 

soWevlia, geot^ifu/ni/s. l7n(e//i' edito (gl. sublimalo. educto. 

teavni/s. creato). fastigio (gl. allilu- 

aiiimadveiii (gl. inieiligere). dine. culmine), on liirlicere 

undergilan. hehnesse. \ gepinpe, 

1.6. coUaliones, rnce. narra- siibli-[l. 14]nMli (gl. exaltali. 

tiones. evecli). geoferode. 

archi-[l. 7.]mandrita (gl. prin- pudicae (gl. casla-). sidefulre. 

c\[)e).hea/ihf/rde. odde heah- conversalionis, droht[unge.] 

leornere. excelsus niagisler. 1. 15. ac si, sva sva. 

prsedito, gegodedum. ditalo. contemptibilem, Jorsavenlice. 
1. 8. propalabunt (gl. niani- despeclibilem. 

feslabunt). gesuteliod.] sibique, heom sylfum. 

prsesul , veadelnd. [1. veal- Giles p. 14.] disparem, antge- 

de//d.] lictic. dissimileni . niarg. svidc 

rudiraeiita (gl. documenta) 

?nvunge. 
1. 9. sacramenta, geryna. 
1. 10. clarius, siitelicur. 



t/ngelec/ie. 

1. IG. celerorum, indima. 

pra'conia (gl. laudes). he- 
rum': a. 



eliniavit (gl. .i. enudavit. nia- confiduul (gl. consperaul). ho- 



nifestavit. 1 elicuit). gc- 

r(vhte. 
de flagiliosis (gl. viliosis). be 

fijrnfuüum. \ inanfullum. 
radicibus , marg. rijrtntmum. 

über ij stellt r, d. i. u. 



piad. 
1. 17. qiiodammodo, Jiiid siiman 

gescade. qiiadani ralione. 
posl lerguni ponenles (gl. abii- 

cienles). vidsacende. 
1. 18. si eiiini, peh pe. 



1. 11. rcliquoruni facinoruni, \. \Si. mcAvivAimn, gejl(jes{c]ha- 

odra vuiiidivda. inad. 

perniciosa (gl. peslifera. niorli- 1. 20. crelesti pnerperio , iiiid 

lera). marg. cvijlinba're. 1 hcofciilicere hoscbardincge. 

gecvelmfultc] cnienso (gl. lapso. numeralo). 
1. 12. vi Uli na (gl. virguKT). aurncnum. \ aincteiium. 

tan. \ Iri^a. cui'-[l. 21 Jriculo, cmvcne. 

lentis (gl. suavis) Irondibus, of 1. 22. pra'sagio (gl. vaticina- 

lideracKui bei in um. lione). forcvitegunge. 

ea causa, .sv intinga. l'ol. 9. IJ.] 1. 1. clarescit, *c?«^. 

disceplarc (gl. scrulari. 1 lili- 1.2. cenlenu", Jtunlentifealdps. 

gare), marg. cnvotian. locupletalus, gec'/igod.] 



AGS. GLOSSEN. 



429 



1. 3. sexageiiis, mid sixtifeal- 

(Jiiin . 
fasciciilis, berd[e?ium]. 
iaclanicr, gilplice. conluma- 

ciler. 
1. 4.pr3esuniat(gl.au(leat). /a'fif. 
1. 5. rcmediiini, hüce. 
1. G. qua, micl [tarn. 
1. 7. iucreiuenta, spri/l[7'ngas.] 

1 tucstmes. [1. -mas.] 
virtuluni, iinhla. 
sanct£E, ha Ig um. 
relinaculuin (gl. rele). grin. 
1. 8. leiuliculum (gl. decipulani. 

rele. 1 laqucuni, qiiod [sie] 

fenditur leporibus 1 avibiis). 

inarg. pelman. snearan. \ 

vocie. 
conneclat (gl. ligal). In/id[ed.] 
theriaea, clani[mas.] \ clidcm. 
1. 9. de-[l. 10.]lrinienta, wf- 

viirdlmt. 
1. II. aiinulalorcs (gl. iiuitato- 

res. ffiquiparatores). gepüipe. 

\ ingehede. 
ab ipso, seif an. 
nascentis (gl. incipientis) in- 

faiilia;, iungUccs cildhadcs. 
rudinicnlo (gl. novitale). ge- 

[iiirnnge.] 
1. 12. infatigabiliter (gl. inde- 

ficionlcr). nhlindnendlicc. [1. 

dhli/innndlicc] 
ali{|iio, (vlccre. 
1. 13. oHeiulieulo, IcHi/icge. \ 

reinmincgc. neglcgeiilia. 
repagula (gl. (Vena), salas. 1 

hcndas. 
1. 15. compungunlur. acceii- 



dunlur. .i. compuncli. hi 

heod abrerde. 
scinlillante, spincendre. 
ardorls, feorlvitnijssc. 
I'acula, hhvsan. 
inflaramanlur. [beod] ontendc. 

acceudunliir. 
1. IG. Iraiislali, geJirtirfede. 
ergastulo. (gl. earcere). nea- 

renysse. 
1. 17. gestianl (gl. cupianl. de- 

siderenl). [georni.a]d. marg. 

vel svi \? viscad.] 
friigalilatis (gl. leniperanliiB. 

mediocritatis). spwj^iysse. ' 
1. 18, psalniodite, dreames. 
1. 19. dissimulare (gl. occul- 

tarc). bemidan. 1 bcdijrnan. 
crebra [suspjria], [ge]lomlicum 

siccilungum. 
1. 20. suspiria. gl. anxietales. 

anxumnijssum . 
inimis, inlicum. on inlicum. 

inelmuiii. 
ilibus, ineJfum. visceribus. 
prolata, furdatogene. 
1. 21. sicquc, hi. 
oblectanicnlo. (gl. delcctamen- 

to). inid geliisljullunge. 
1. 22. coiiloiuplaliva' , bescea- 

ve?tl leere. 
cdulio (gl. .i. osii). bi[g]leo- 

/'•'i[('.] 1 aii[d]lt'<)fene. 
saginanlur (gl. pascunlur. l 

niilriuiilur). [bcod] gerror- 

dt'de. 
impraelica; (gl. aclualis). ge- 

.srl/tr/'/f/rr. 1 a/triirdre. l 

da-dllcere. 



430 AGS. GLOSSEN. 

lol. 10. A.] 1. 1. studio, (gl. psalmigraplii, s<'al[)i>]scopes. 

(liscipliiia). cneorJni/sse. I. 13. in veslilu, on ofer- 
actualem, andvurd[e]. I ge- [sceorpe?] 

svincful[le.] circiim aiuicta , befangen. \ 
Giles p. 15.] 1. 2. normam, gcscred. circumdata. marg. 

hysne. regulam. emsvapen. [1, ymbsvapen.] 

1.3. huiusceniodi virlutum, /)//.? radians (gl. splendeus). gli[t- 
g er ädere mihte. lu'ende.] 

supplemento (gl. augmento. for- adsistere, vu[7iiafi]. stare. 

litiidiiie). eacnunge. 1. 15. iuseparabili (gl. indivi- 

1.4. uosciintur, pe beoä im- sibili). untodwllicrero [1. 
dergitcne. inlelleguntur. -licere.'\ 

conl\nenl'nim,Jorha'bbendra. l collegio, gesamnungc. 

mcedena. virginum. 1. 17. opulenla, ni(enifealdre. 
1. 5. eminens (gl. prwcellens) opima. 

magniludo, oferhltfend 7ni- 1. 18. infructuosä (gl. infe- 

celnys. cunda). unvestembtvre. 

cedit, geeadmet. infecunda, uneacniendliendri- 
coniiigatorum (gl. nuptorum). ce. [l. unedcm'endiicre.] sle- 

gewfncdra. rilis. 

subliniis, rncerc. magnus. 1. 19. sterilitate (gl. ariditate). 
1. 6. hane solain, pysne wnne. tedrunge. 

puritatis, vuräscipe[s.] marcescens (gl. aresceiis). vur- 
1.7. adiuinento,y///^«//ie. auxi- niende. [=^ veorniende.] 

Ho. adiutorio. 1. 20. multabitur, he bid {ge- 
perfeclionein, fuljremednysse. vitned.] 

1. 9. feriatus, gefreolsod. cortinaruni, vahrefla. 

generös« (gl. dignitosse) vir- sivA^xAAvwm, strcela. odde hvi- 

>^miU\\h^iedeIesin(t[g\dlindes da. \ va'sttinga. 

1. 10. minus, hvonlicer. 1. 21. pennicuhie, veflan. 

vilescal, heo[?ied?] purpureis, briin[um. ? brünba- 
pra'ceptoruni (gl. mandatorum) sunk.\ 

legalium, wlicerc [1. -a] be- varietalibus , fac[gnyssum. 

boda. fahnyssum.] 

1. 11. fiilciatur (gl. sustenta- 1. 22. staniina, vearpum. Sta- 
tur), undcrrrvded. men dicitur quod rectum 
varietate, falinysse. stat. 

1. 12. decorclur (gl. ornetur). ultrocilroquc, //?Wp/'7/'^'^*^^''<^*"- 

[bid] gevlilegod. [1. pider]. .i. hinc et inde. 



AGS. GLOSSEN. 



431 



plumaria , arimdcnum. multi- 

niodo. 
textrinum [Fol. 10. ß. 1. 1 .] opus 

veblic g-iu'i/rc. 
(liversis, mivnifealdum. 
toracidis, hivum. formis. iraa- 

ginihus. 
peroriient, hi [g-eglencaä.] 
uniforini, ank/vcs.[\.dnhivedre.] 
fuco, dcage. 
1. 2. coloris, bleos. 
sigillalim, [än\lipes. semoli. l 

singillatira. 
t'uerit, hio bid. 
profeclo (gl. oranino). to vis- 

suin . 
1. 3. pulcherrinite, fwgreste. 
venuslali Tgl. amoenilati). cer- 

tcnjjsse. [1. cyrtpvysse.\ 
forniosa (gl. amoena). liwfiest. 
1. 4. [nee] videbitur, hit tie 

bid [g-epu/it.] 
l. 4. et sin-[i. 5]gulari, 7 *y^- 

derlicere. special!, 
gencre, cijurenc. \ cijnne. 
hyacintho, of vade. \ hcevenre 

deage. 
1. 6. purpurä, godvebbe. 
bis linclo cocco, tvigedeaga- 

dre deage. vurman. trij- 

hivedum vurman. \ veolcere 

\ vealcbaseverc (vddre. 



7 wid unüiccre, [1. unge- 
licere.] 
1. 7. niurice (gl. fuco). r«r- 
man ; darüber cor[vurmafi\. 
describuntur (gl. .i. ascribun- 

tur). hi sint tovri[te?ie.] 
sed quid, ac to /tri. 
nniricibus , be vurtnan; dar- 
über co7'[rurfnwn.] 
sublilifer, smea[)nncelice. [1. 
smeapancollice .\ eleganter. 
1. 8. coramiuiscimur (gl. rima- 

niur). peiicen re. 
auri obryzre: laniina, read- 
go[l]dl(efer. [vgl. 'se cy- 
ning Xerxes bevorble |)ä 
bigelsas niid gyldenuvi la-f- 
riim honi. 11, 498, wozu 
Thorpe f. 613 die bemer- 
kung macht: 'in the Irans- 
lalion [with golden platcs] 
I bave followcd Abdias, 
whose words are ' camera 
ipsa laminis aureis suf- 
ßxa ; Ibough hvfer signi- 
fies 'a rusli', and gyldvn he- 
fer, tbe plant 'golden rod.'] 
1. 9. elcclri , eolvsanges. [1. 

eolhsandes.] 
stanni, tinnes. 

I. 10. geinmarum, gemstana. 
Giles p. IC).] succini, g leer es. 
verniic.ulo (gl. tinclura). o/' draconlia, gimroder. 

stanvurme; verbessert 'ine quodam [1. 11.] modo, mid sa- 
in ' ma7i\ man gemcto. 

cum byssi) retorto (gl. non re- varielates, mist/icaessc. divcr- 
cta) , mid geedpravenum sitatcs. 

trine. ' ed' radiert. 1. 12. pro aiigendis. _/}?/• eac- 

dispari (gl. non sequali). niendlicum. 



432 



AGS. GLOSSEN. 



niultiplicandis (gl. amplifican- 

dis. \jnenifeald\licum. 
1. 13. regulaui, 7'ihttmc[ge.] 
rimauiini , smeaged. [1. -ad.] 

scrutaniini. medilamini. 
niyslicis [1. 14.] explanationi- 

bus (gl. .i. secretis iiarra- 

tionibus. exposilionibus. nia- 

nifestationibus). vnd gastli- 

cinn gereceuyssian. 
tropologke (gl. .i. simililudinis. 
. .} figiirati sermonis). Iiivlice. 

\ peavlice spivce. 
typicum (gl. niyslicuni) scruti- 

nium (gl. indagationem). ge- 

renelicice smeocungu. [1. 

geryjielice smeagiinge.] \ 

cneatunge. 
scrutaniini , geci^eordhvcad. 
1. 15. et non frivola (gl. falsa). 

7 unleas. 
delicatce, estfulles. 
virginitatis, mw\g\d\}iades .] 
non [I. 16.] falsa, unsvicel. 
cautela, v(Bi\licnys.'\ 
tutetur (gl. confirmetur). trc- 

vied. [1. bid getrymtned.] 
quasi lenerrima , sva sva se 

goongesle. 
nobilis, (vdeles. 
I. 17. infantiai, iugudhades. 
lascivia, vr(Pf///es. ferventia. 
duro, /nid stidre. 
disciplinse, steore. \ peavficst- 

7n'sse. 
pa^dagogio (gl. docunienio). 

lare. ducatu. raagisterio. 
rcfrciictur, lu; si gor cid. 
1. 18. pudiciliä, heallsuinnessu. 



[1. heahhiimnesse.] virgini- 

tate. 
quöe, se[o.] 
1. 19. iaculo (gl. sagittä). Jla- 

[ne.] 1 gafeluca. [1. -e.] 1 

vi[d]be7^e? 
integritatis (gl. virginitatis). 

andvcalcni/sse. 
1. 20. tumentis (gl. inflata?). 

toi) linden. 
arrogantiai (gl. superbise). prut- 

scipes. viane. 1 piaculo. 
spiculo (gl. pectalo). gare. \ 

vi feie. 
1. 21. elationis, orgebrysse. \ 

creasfiysse. [zu dem sonst 

unbekannten weihte 'creas- 

nvss' vgl. in dem gl. Han- 

//o/'.'creaslioran/Y-o-. cff/^12.'] 
ceuodoxia , mid idelum vu?i- 

rfre. vana gloria. 
1. 22. unde se opinatur, pa- 

non pe he tald. pe hit. 
nierito, be geearnunge. 
prwstantiorem (gl. meliorem). 

arvurdran. excellentiorem. 

honorificentioreni). 
fol. 11. A.] 1. 1. debito eniolu- 

luento (gl. lucro). neadvi- 

sum. I neadpearflicum. ge- 

streonum. 
rccoMipcnsationis , edleanes. 
1. 2. laboriosi certaniinis (gl. 

luclaminis ). gesvincfuUes 

get'innes. 
l)alina, fram sigelean. 
|)rival)itur (gl. scgregabitur). 

asendren. 1 aseired. [1. 

bid dsyndred od. dsyndvod.] 



AGS. GLOSSEN. 433 

1. 3. tripudio (gl. gaudio. cxul- dvccscedum. evulsis. cxliii- 

tatioiiej, inarg. fivgnunge. ctis. 

1. 4. gloriä, ft'ovunge? [dies fomilibus, bisvicuin. deceplio- 

wort stitht wenigstens über nibus. 

gloria. '/*eoM«^' keifst sonst erulis, tovendum. subversis. 

'odium.' ps. 108, 4; Mii me passioiuim , manda'da. villo- 

yfel settan ä vid göode , ~] rum. crimimun. 

feouiige for minre lufan, po- l.ll.surculos, ?f'/^'VY///.>'irgulta. 

suerunt advei-isuiii nie mala paslinare, tidrian. plantare. \ 

pro bonis, et odinni pro di- nulrire. 

lectione mea.] 1. VI. integrilatis, andvealh- 
sermo, ra\cu.'\ sagu. nijs. religio, sanctitas. 

[sed] gl. s. spopondit, heo \ge- coniprobalnr (gl.eligitur). \biä^^ 

hdted.] aj'a/ided. \ gecoren. 

1. 5. casli- [1. C] nioniae, ge- 1. 14. en apostolicis, is mid 

hcallsunini/sse. [)(nn[aiJu.stnllicumS\ 

sponsalia, gifltice. \ beved- 1. 15. pudicitia-, sidefulnt/sse. 

dendlice. immunitas, seö orceasnys. 

decreta (gl. iudicia). rcedas. .i. daiistra, fa-stenu. 

edicta. 1. 16. solitaria, lenlipe. 

superno (gl. excclsoj. /i«/< //f'o- neqnaquam, naleshvon. nullo 

fcnlican. modo. 

vc:\)^Ai\\\{\,ongi'unkvorJendum. rcriudere, beclisen. [\. bec/t/- 

revertenti. san.] 

I. 7. opera' pretium, //cad- 1. 17. quem (gl. s. paradisum). 
pearfiic. \ gcdafniendlic. [)(rne. 

convcniens. necessarium. rompliii'a (gl. gladio) versa- 
1.8. ut [evelianlur], Ä////^/ [/?/- tili (gl. 1 volubili. mobili. 

äbrodcnc] ancipili. ulra((uc parle acn- 

gramina (gl. germina). cvicas. tus). marg. edrilluni. \ mid 
elationis, ofcrmcdes, arcndcnlicum mece. 

1. 9. uberrima , [)n nihtsume- et flammifera, ~] ligbwruin. 

stan. recapilulatio, tilelung. fruin- 
planlaria, spritlincga. planla- spcllung. 

liones. 1. 18. gencseos (gl. gcneratio- 
florcnti (gl. crescenli) fronde, nisj. geccndboca. 

mid vexendurn keime. originaliter, frumlice. princi- 
1. 10. quatenus, sva [Küt. lalilcr. 

exslirpalis, ulnlenedum. \ a- (iilcs p. 17.] 1. 11). maccro (gl. 
Z. F. i). A. IX. 28 



434 



AGS. GLOSSEN. 



castigo. l abstineo). ic hlwu- 

sige. 
1. 20. tyrannicä, mid veal- 

hreovre. \ deoßic[r]e. 
I. 21. potestate (gl. imperio). 

mihte. 
insolescatCgl. superbiet), avla/i- 

cige. 
protervo (gl. rancido l super- 

bo Uiniido. conlrario) faslu 



nupta, geha'Jtied. 

1. 7. grande, svidlic. magnum. 

l. 8. intervallum (gl. spatium). 

hvit. \ fd'c. 
larga, micel. lata. 1 spatiosa. 
spatiosa? (gl. ampli). rumes. 
[spaliosee] intercapedinis, vid- 

gilles fwcos. 
differenlia , todal. divisio. di- 

stanfia. 



(gl. elatione. superbia), 7>ud 1. ^.mv\m'i\ce\\i\'A\w. gtfe.Xci/sl- 
hvai'um.Xviäervurde.lhvw- nysse. ditamentum. 1 libera- 



lilateni. niarg. dugtidgife. 
intinii (gl. terreni. \ rainiini. 

inferioris). incundre 
diligentiani (gl. curiositalem). 

abrcdni/sse. l gevilnungc. 
1. 10. comiteni (gl. sociam). 

gcsidan. 
niaritalis (gl. virilis) lascivia^ 
(gl. luxurioe. 1 petulanti«), 
marg. verl/cere vra'rinyssc. 
1. 11. liinulis, halsmcfnan. \ 
rkndlicc slreciujsse. sveorbcagum. monilibus. 

effreuata; iugalitatis, ungevyl- dexlralibus, cynelicum. ai- 

dre, a'cfimige. niillis. 

1. 3. iiuniunitalis, orceasnysse. ornari, beon [geglencged.] 
\umvcmnysse.[\.ungeva'm- 1. 12. genimireris, gi/nbari/m. 
nysse]. annulis, i'i/igum. 

captiva pauperlas, ^7>Äf//|/^/'A-^e 1. 13. fulgentis, beorhtere. 

ajhiys. [1. haft/iys] niltu, gegirlan. 

1. 4. haue biparlilam, pos tri- monilibus, ineiium. \ prcomnn 



Heere innitunge. 
1. 22. conlemnat. (gl. despiciat). 

\nfcr'\hicg(V. [X.oferhycge.] 
i'ol. 11. B.] 1. 1. perseverantia 

(gl. assiduitas). ajiriednys. 

\ singalnys. 
maucipatur. (gl. .i. relineatur. 

dometur). si geprcest. \ ge- 

Juvß. 
I. 2. indefessä instantia (gl. 

perseverantia). viid unale- 



dü'lcdiin 
partes 



divisam in duas 



[M S . pnoniun, und über dem 
i ein r*.] 



hoc modo (gl. taliter). on Jxts 1. 14. rutilare (gl coruscare;. 

[feiHid.] bliscan. \ glit[?i]ian. marg. 

1, 5. innupta, ungehcrmed blyscan. 

f(vmne. decorari, beon gevlitecod. [1. 

1.0. quie, l>a. -god.] 



AGS. GLOSSEN. 



435 



1. 15. tortis, gepravenum. pro- [1. 20.]stibuli ('gl. Ibrnica- 



ctx-X 



tioiiis. 1 tiirpiludinis. merc- 
cincinnoruni (gl. redimiculo- tricis). forligerU, [1. -cs.'\ 
runi. capillorura). J'ejca. \ apocalypsis, onvrigemjs. 



hcera. 
calamislro (gl. acu ferreo). 
pravincspinle. \ hwrnocdla. 

crispantibus,^r<^«e^^</«/rt. 1 cyr- 
■pisiendum. niarg. cyrpsum 
loccuin. 

delicate (gl. pompöse), glen- 
ce?idlice. 



l. 21. desci'ibit (gl. ostendit). 

marg. av[rited oder -vjHt.] 
peniiciosum, ct'yldfulle. mor- 

tilerani. 
spectaculum, vwfersene. \ ein- 

rlalunge. 
1. 22. prostat, gearcaä. 
fol. 12. A.] 1. 1. fulura, seo 

[tocearde.] 



com]^onere, glendcen.{\.glenc- i. 2. inkesa^, u?nve?nmedes. [1. 

gan.] ungevKmmedes.] 

1. iG.rubroslibio, readredea- secVdlric\büi>,ßltesfn//n. [l.Jy- 



ge. marg. sape. 
mandibulas, ceacan. \ geal- 

gnn. dcntes molares, 
sualim (gl. suo more). o/^ hire 

vis an. 
fucare, deagian. 
salagit (gl. incipit. nitiliir). 

hogad. 
1. 17. inculta , unglenied. [1. 

-cged.] noii ornala. unbegan. 
criniculonim, locca. 
casarie, fexc. crinibus. 
squalenle, J'ulicndum. 
capillalura, fexe. 1 hwrc. 



ligo,struin.\ 
l. 3. fictili, twine/uwi. 
quodammodo , inid sunian gc- 

mete. \ vi sau. 
violenter (gl. rigide), stidlice. 
1. 4. anlicipalur, beo forehra- 

dod. 
iillioneis , uiid selfvillum. \ 

rilsi/mum. volunlariis. In- 
fam. 
spoiite, vi//u/[/]ice. 
pra'occupetur (gl. .i. procedat). 

sy Jörne for{i^ fangen, fo- 

rc biscod. heo [?]. 



1. 18. proferel, fnrd[byrd.] Giles p. 18.] 1. 5. vim, npa- 



porlat. 



dan<>-e. \ mihte. 



slolidis(gl.slullis) [1. 19.] pom- violeiili, /)« strecen. [1. -an.] 
pis (gl. ornamenfisj. marg. Ibrlcs. 

niid dislicum gl<;ncgain. I. G. arctissima (gl. anguslis- 

sima) vi'olenlia, sco neare- 
resta slidnys. 
dit'Ucillim;!, seo [aneadeticoste], 
aspcrrima. 



infriilicans, tolcetende. XJlear- 
diende. \ brottetende. liegen- 
de, luxurians. hroddiende. 

calice, orce. 



436 



AGS. GLOSSEN. 



conditio, i^a'deji. 

1. 7. genuinä, acennendlicum. 

maternä. 
nalivitalis, acennoihujsse. 
nialrice, cildhaman. puerperio. 

utero, haman. 
supremfi, nf pan [yfeinestaii], 
1. 9. iniperiuni, bebod. potestas. 
in tetra (gl. nigra) tartara, 

on deorce cvishusle. [1. cvic- 



non nubent, hi ne vißad. 
neque nubentur, ne hi beod 

hnmbrohte. \ gecevnode. 
1. 14. o prseclara (gl. splen- 

dida). hu beorht. 1 mare. 

\ (enlic. 
senli-[l. 15.]cosis (gl. spinosis). 

bremle. of piccum pi/nie- 

tum . 
purpureo, m/'d basevium. 
defectu, mid atonruiigc. 



sf/s/e.] \ hellevite 
1. lO.corruptibile hoc,/iz.y /»ro^- 1. 16. dir«, stidre 

Uendlice. [1. pis brosniend- mortalitaüs, inpii\nisc7ujsse. 

lice.] 
incori uptionem , [un]ß)i'mol- 

siinge. 
niirum in nioduni, on vurder- 

licuni [1. vundorlicum] ge- 

viete. \ vise. 
lerreni [1. 11.] ca-libes (gl. 

abslinenles). eordlice (ce 

verbessert in an) forha'b 



marcescit (gl. arescit). foj'- 

vurnad. 
moribund« carnis, svlentendes 

lichaman. [1. sveltendes oder 

sveltendlices.] 
fessa (gl. fdligata). geewht. 

tidder. 
1. 17. cernua, eadmoddre. 

hnipen[d]re. bumilis. 



bendes {des verbefsert in curvaque, 7 abogenre. \ ge- 
rn.) [bogenre.] marg. gebige- 

superni coelites (gl. virginita- dre. 

lis). heqfenlice bigendce. veluslale, ylde. 

[1. bigencge.] \ cl(vne. 1. 18. baec sola, pes ana. 

compellanlur, Z'PO«^e//efl'^/e^e. 1. 19. adulescit, pijlid. viget. 

facliosam, facenfulne. falsam. pollet. 

dolosam. de virj^inibus, be mwgdemtin. 

pbari-[l. 12.]saic8e lemptatio- 1. 20. potioris (gl. maioris). 
nis, p(rre fariseiscere fv/st- maran. 



nunge. 
calumniam, hosp. opprobrium. 
argnmcnlo, mid orpanee. 
conliilans (gl. convinccns. ex- 

tinguons). oferstirlende. 
ex-[l. l3.]plodit (gl. cxlinxit. 

deluil [sie!]), adilegede. 



nienti, geearnunge. 

quod, seo [nämlich ' gij'u' .] 

sponfaiie;e (gl. ullronete. vo- 

lunlaricT). selflices. 
1. 21. volunlalis, villa?i. 
arbilrio(gl. iudicio). midfriuin 

cyre. \ freolicum. 



AGS. GLOSSEN. 



437 



quam i[no(\ [iiihchiv], po///ie heo facultalein, spede. 



sij [hdfe//.] 
rigido (gl. duro). [h]ea7'(lum. 
rigido [1. 22.] imperio, sti^ec 

Heere hiese. 
triquada, ftjderscyte. 
laliludo, hraihujs. 
lol. 12. B.] 1. I. nondiim, pa pa propria*, [oge//]re 

git //es [/läml. gefelleiL] virlutis, mihte. 
prosapiii (gl. gemis. progeiiies). 

macyiuiere. [1. mago. cyn- 



experiri, ufynden. invenire. 
1. 8. iudagantes, c?iea[ttende.] 
loiigaiiimem, pol('mod[ne]. 
1. 9. sludeaiit, /// ho[giad]. 
posses-[l. 10.] sio (gl. .i. agri 
lale patenies), uhnung. 



rene\. \ mw^g^de. 
replerelur, gefelled. 
divina, [god]//ce. 
taliler, pf/s. 
saiLxeriinl (gl. mandaveninl. 



iiiduslria (gl. sagacilate. sol- 

lertia). gleavitijsse. 
1. 11. irapelratur (gl. postula- 

lur. |)ra^siirnitiir). inarg. l>yt. 

[? byd oder bid purhtogen.] 
atlestanle (gl. asserenle). ge- 

srde/iduiii. 



iudicaveruut). gesettan. \ 1. 12. daluni, forgi\J'en.\ 

hehodan. 

2. edicta, gebnn. prsecepta. 



decrela. 



Giles p. 19.] dili-[l. 13.]gentia, 
georiij'ulfiijs. \ emhedinys. 
cura. 



nuilLiplicamiiii, beod\gemiem- fideli. niarg. [ge]leaf[f]ulre. 

1 eadniodre. 
congruis (gl. aplis. opporlu- 

nis). picslieum. \ daj'[e]nli- 

cmn. 
1. 14. cITecübus , Jrenimenc- 

guin. 
coucurramus (gl. concertemus. 

1 adiuvanius). niarg. nlon 

samod efestan. 
agonollicla, eeinpan. niilite. 
1. 15. lidenler (gl. fideliler). 

g e leaf [ /"] ii llic e . 
1. 16. iinito (gl. cxplelo). cu- 

dedre. coiisummalo. 
tempore, (ide. 
merebitur, [ear]ii(id. 
1. 17. pro \ iiginilale servanda 

(gl. cuslodiendaj. J'or ge- 



fe.ald.] 
1.3. legem, rikt. 
pro-[l. 4.]mnlgare, gevidnicer- 

sia/i. Igesettan. maniteslare. 
capere (gl. intelligercj. under- 

stondan. 
capiat, undergile. 
liiiman.T, \mcruiis\cere. 
1. 5. Tragililalis (gl. inlirmitatis). 

tiddernysse. 
clenicnti, mid lidum. 
suggeslionis, lincti/icge. moni- 

tionis. doctrinjc. insinua- 

lionis. 
1. ('). lihcro, J'ronlieinn. 
ex- [I. 7.] amini, dorne, iudicio. 
eleclionis, goeo\reny. s.se.] 
arbilrio, mid cyre. lgesclnes.se. 



438 AGS. GLOSSEN. 

healdendre mceä\häde; al- separalim (gl. singulariter). 

lein ma'gdhäd ist mascuL] sunderlipas. 

videbitur, bid [gepu/iL] 1. 4. quse, pa beod. 

1. 18. ut, svasva. disparis (gl. non jequalis. dis- 

a'mulorum, vide7'[vinnena.] ini- similis) vitae. marg. u/dlices. 

micoriim. [1. ungelices] lifes. 

inelodiam, vensumne [1. vijfi- sequeslrantur (gl. separantur. 

sumne] svinsunge 1 dream. dividantur. segreganliir). pa 

modulaturus (gl. canilurus). to beod aseerede. \ asendrede. 

dremen[n]e. l. 5. diriniuntur(gl.dividunlur). 

l. 19. iubilalionis, blisse. lau- ascelede. [l. aseerede.] 

dis. 1 exultalionis. marg. 1- 6. allernalim (gl. singula- 

heofunge. \ fwgnwi[ge.] tim. marg. separatim). tvie- 

Iripudio, blisse. mendlice. \ stundmadum. 

Carmen triumphale (gl. impe- distinguente , lodcehndum. \ 

riale), sigorlic leoä. to[jiHvmendum. dividente. 

I. 20. decantet (gl. personal). ordinante. 

I . r T -t 1.7. iu"alitas, wvnung. 

he sin[g\a. » ' * 

„ .„ • . i , ajramentum, ar. 

certavi, ic acom. i campede. ' 

mediocrilas, \medeme]hcni/s. 

1. 21. de cetero (gl. ex hoc). , „ . ,.' ^ , "^ . 

f „ ^ ^ 1. 8. uigalitas, gegadersctpe. 

har to eacan 1 farni. . r n- n 

^ . , . ^ pauperlas, bcertUcnys. [i. 

reposita (gl. promissa). marg. / n ^ 

n , . . , 1 bearf-.] 

forn is benaten. .•. ? i i 

•' ^ - castitas, midevan liaa. 

Corona, vulderbean. • i-, 

' iiigaiitas, sarnvist. 

quam reddel, bcene torgnd. , .„ . , 

^ ' ^ ^ o^ l. 13. purpura, godveb. 

1.22. iriparlitam [distaullam], ,,e,Jiviva (gl. Iinum)./e^. 

preodaded todal. j j^ ^jUigj.^ g//g^, 

lol. 13. A.]l. 1. dislantiam, to- j j^ carrucä, vwne. 

"'^'' priufeclura?, gerefscire. 

orlhodoxa"! (gl. recUe. glorio- mulionis, horspencs. 

Sit'), hrihtes. [I. rihtes.] [et] vilitas, 7 rav///*. 

cullricem (gl. minislram). bi- 1. ](}. conlinet (gl. obsidet). 

gengeslran. \ penestran. lupfd. 

calholica (gl. universalis), seo mulas, acelman. [.v. Lijc s. r. 

anlice. \ gcleaj'ulle. cetmetinait]. 

1. 3. iugalilas, gwderscipe. noscunlur, hi sender [1. seti- 

malrinionium. den, si/idon] 7tude7\sta>i- 

triparlilis, oti priotoda'ledum. dene. 



AGS. GLOSSEiN. 



439 



1. 17. dilTercnlia', todales. di- 

slantiie. 
argumeiito, inid orpnnce. 
coniici, qferricdan. \ hicgca/i. 

perlcgi. iulelligi. undcrsian- 

dan. 
1. 18. qua", [)e. 
spiircilia (gl. immundilia). uji- 

clo'fi/ii/sse. 
spontaneo ('gl.volunlario).marg. 

mid selfvilve. 
ccßlibalus (gl. caslitatis). hwg- 

stenldhades. \ gehcaldsum- 

nysse. 
I. 19. pudica (gl. casla). marg. 

üidoful. 
qua;, />e. 
pactis sponsalibus, hcveddedmn 

varum. niarg. bevcddedum 

bredgiftiun. \ rivruin. 
Gilcs p. 20.] coiilenipsil (gl. 

despexit). Jorsid. 
iiigalitas, (vr[jiin)g.] 
ad propagaiidani (gl. ad exlen- 

dcndani. ad inanilestandam. 

ad geiieraiidani). marg. to 

accnnene. 

1.21. posterilalis, (vflei\gcng- 

mjsse.\ 
liberonun (gl. Illioruin). er/'cr- 

dn ['. crjciearda oder i'dj'o- 

rcna.\ 
procrcaiHJoruni. (gl. gciioran- 

doruin). gestrijiiendlivra. 
1. 22. nodalur (gl. ligaturj. 

logwdt're gcsamnod. 
grad imni , gi'liiiu'da. 
lul. 13. B.J 1. 1. disccMiiliir(gl. 



diiudicatiir). hid toscadun 

[1. toxcaden.] 
para-[1.2.] dignia (gl. exem- 

plum. dognia). lar. 
scxagesi m u m , sixtifealdne. 
1. 3. mcrcinioniani, gelildum. 
1. 4. novalibus, dijncgum. no- 

vis culluris. [? gcdijngcdum.] 
granigera, cornOicrum. 
spicaruni, cai^a. 
1. 5. glumula , scale. \ hule. 

1 egle. 
1. 6. rivi, 7'ide. 
roranlibus (gl. liugeiilibus. 

elfundenlibus). marg. bedep- 

pendum. \ vivtefidiim. 
dispu-[l. 7.]talionis (gl. disscii- 

sionis). tale. 
verbosa gariulitas, vurdig ge- 

lilijd. verbosilas. 
garrula verbosilas, hlj/dig ge- 

vyrd. inalelung. 
1. 8. [lirmo] lulcimcnto (gl. 

suslentalione) . staledfwsle 

iremminvge. [1. stadolfiestre 

Iryvuiiungc.] 
1. 9. pralo, of gehaige. 
pulcherriinam, '.^pa di'\ ? ]. 
1. 10. coulcxere, vr/'a/t. \ sal- 

tan. cnucleare. 
1. 12. nimboriiin (gl. tcmpc- 

slaliiiig. slorma. 
obslacula (gl. impcdimciila). 

rv.mvtincgn. 
coeleslis loci (gl. ignis). marg. 

heoj'enlices /'u.slren [? ,////"- 

slancs.] 
1. 13. fulmiiic, ligc.lle. 
su|)cruis, hcoJcn[licuni.] 



440 



AGS. GLOSSEN. 



ar-[I. 14.]suros, to smorcenne. 

crematuros. 
incendiis, adum. \ brenmim 

\}bernnm, bijrnnm.] oniynd- 

nissum. 
flamnia, J'[yre\ . 
conibustos (gl. flagrantes), niarg. 

forsvielefide. 
exlorruit (gl. exarsit). for- 

bwrnde. 
quique, 7 ^^• 
1. 15. heroico hexametro, svid- 

svegiwi metriini. virili. 
aurea, to Knlicum. 
flammigeris, 07i \Ugbcerendum.\ 
eveclus, avegen. sublevalus. 
1. 16. quadrigis, ye;We. 
infra, vid innmi pan. 
1. 17. secreti (gl. occulti) cli- 

malis (gl. parlis), bcdigle- 

des dwles. 
diiiturna (gl. longa-va). mid 

langsumere. 
vegelalione, gestra[n\gunge. 
1. 18. degens (gl. conversans). 

droht/iiende. 
generali (gl. communi. spe- 
cial!), gom (Vfi eh' cum . 
debilo, gqfele 1 nedde. neces- 

silate. 
dinoscitiir (gl. agnoscitur). he 

7s anc?iare/i. 
1. 19. quam, fxrne. 
violcntis , st/des {für -um.\ 

diiris. validis. 1 turbidis. 
addiuli (gl. noniinati). .i. praj- 

iudicali. gepresde. \ gesrri- 

fc/ic. \ gopreode. 
1. 20. inevilabilc (gl. indecli- 



nabile). marg. unforbugend- 

lic. 
fiscale tributum, ga\fellic\ \ 

cijnelic toll. 
1.21. coguntur, [swdon] neade. 

expelliinlur. 
duplo [spiritu] (gl. geminato). 

marg. tvifealdum gaste. 
1. 22. geminä (gl. dupla). 

to (?) geivinre. 
pra*dilus (gl. augmentatus). 

ornalus. menifeld. 
aurea, ivrilic. 
quadrupes (gl. vacca). heh- 

fore [= heähfore, heäfreJ\ 
fol. 14. A.] 1. 1. bombosoe vocis, 

dundve stefne. argutse. 
mugitum, gelilqf. 
reboasse (gl. vociferasse). hlo- 

van. 
1. 2. lapsura (gl. ruinam).ybr- 

i^yrd \ slide. 
simulacrorum (gl. idolorum). 

herga. 
1. 3. pudicitiae (gl. castitalis) 

virginalis, mivghadlicere si- 

dej'ulinjsse. 
Giles p. 21.] frelus (gl. exal- 

talus. fructus). marg. ge- 

hi/d. \ gevfered. 
melofe (gl. manlile. "veste). 

purh larerlicum basi/icge. 

\ hcdene. \ sicilse. [rergl. 

'J)a'ra drymanna basingas' 

hom. II, 488. '31arlinus lo- 

cearf bis basing on enilva 

mid sexe' hom. II, 500. fiä 

lilngon |)a cempan sume \)xs 

basinges' hom. 1. c] 



AGS. GLOSSEN. 



44t 



1. 4. ganniluraj (gl. cacliinna- 

tionc). tale. I g/ivtffige. 
1. 5. ludibrio. (gl. opprobrio). 

marg. ori grcance. vitiiperio. 
insultaiites (gl. exprobraiiles). 

marg. gehispende. \ bismien- 

(Ire. 
rabidis, mid gr(vdigum. 
ursina', hijretine. [?byi'enre.] 
ferocitalis. ginmnysse. atroci- 

tatis. 
rictibus, ccnflum. faucibus. 
tradidit, hodcvhte. 
1. 6. cadaveri, reave. funere. 
suffocalo, forprivstum. slran- 

gnlalo. forstnored. [1. for- 

smoj'odu//!.] 
1. 7. rcddidit (gl. emisit). (fgelf]. 
virgiiia-[l. 8.]lisniateria'(gl. ex 

quo aliquidlacluni esl),/k'm- 

hadliccs anma'ces. 
in propalulo, on (cvunge. 1 on 

opc/iys[se.] in aperlo. 1 ma- 
nifeste, 
maternis (gl. malris). meder- 

71 wir. 
1. 9. pari üb US, eacviiugum. 
beala pra^destinalionc. marg. 

mid eadi'i^ rejorcslichiunge. 

[1. -stillt unga.] 
ab ipsa rudi [1.10.] curiabulo- 

rum leneriludine (gl. leiic- 

rum. fragile. moUc.) marg. 



de Vulva (gl. .i. valva). of 

vicdornum hrifo.. \ gecj/nd- 

lime. 
1. 12. praesagio (gl. valiciua- 

lione). forevitu. 
1. 13. propbelica:, vitieyidlices. 
enilueril (gl. apparueril). bli- 

cede. 
floruerit, peak, bleoiu 
ur- [1. 14.^]bana, mid gelinc- 

gere. 
1. 15. pra?sago (gl. prsescio). 

Jor'cvittie/id/iccr[('.] marg. 

foregesvu[lelodre] . forevit- 

tige\}'e.'\ 
vocabulo (gl. nomine), gecied- 

?iijsse. 1 clipitnge. 
ob indaganda (gl. invesligan- 

da. scrulauda. rimanda). Jhr 

Jurcsmca[g('/ide.] 
1. 10. secrelorum , gerco[/ia.] 
arcana, diglu. 

1. 17. suprcmam, od p(vnv.\^ fe- 
rn estan.\ 
gratissimum (gl. acccplissi- 

mum. amanlissimum). marg. 

l)onci^iir[de]ste. 
sponlanca^ (gl. volunlaria) [1. 

18.J virginilalis (gl. casli- 

tal is ) . maig. syffri/lcs nurgd- 

hadc.s. 
fragranlis (gl.ardenlis. odoraii- 

lis). stcincndrc. 



fram pivrc nylßiJt^ iti\ti\gan incensi, slc.rincgc. [sonst auch 
rnareiiyssc. [1. 7ncruv('7njs- sto7\ i'o/'g/. 'sc draca ofsl<\h 
se.] })a'rrililc |)a'S IiaMicngyldan 
consecralus, gefreolsed. sunu, scde ba'r |)A stör- 
te quo, be pnm. ci/lhin (lliuribulum) In jia-rc 
1. ll.proccdcrcs,geA'«76'. exires. oll'runge' bom. Jl, 294.] 



442 



AGS. GLOSSEN. 



thyraiania , 7'ecels. odorauien- seplenis (gl. l sepluagenis) 



tum incensi. 
1. 19